Blog:Workshop Docupedia-Zeitgeschichte: Bericht über die Ergebnisse 2008/11/25

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Das Projekt Docupedia-Zeitgeschichte veranstaltete am 12.11.2008 in der Humboldt-Universität Berlin einen Workshop mit rund 25 Zeithistorikerinnen und -historikern sowie Experten aus den Bereichen Lexikografie und Medientheorie (s. Teilnehmerliste). Diskutiert wurden die inhaltliche Konzeption des geplanten Online-Nachschlagewerks sowie erste Überlegungen für ein Redaktionsmodell. Vor der Veranstaltung war den Teilnehmern eine Liste mit möglichen Artikeln und -themen sowie ein Text mit ersten Überlegungen zur redaktionellen Konzeption zur Verfügung gestellt worden.

Jürgen Danyel, Projektleiter vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam, stellte in einem kurzen Statement Überlegungen vor, die bei der Entwicklung des Projekts eine Rolle gespielt haben. Die Wiki-Technik erlaube es mit Docupedia-Zeitgeschichte ein flexibles Instrument der fachlichen Selbstverständigung im Bereich der Zeitgeschichte zu entwickeln, das schneller auf neue Trends und Debatten reagiert und disziplinäre Grenzen überschreitet. Dazu zählen auch die methodischen Herausforderungen, die sich für die zeithistorische Forschung aus dem Umgang mit audiovisuellen Quellen ergeben. Ziel des Projekts sei es, einen thematisch fokussierten Zugang zu den Konzepten und Methoden der Zeitgeschichte zu liefern und die Vernetzung der zeithistorischen Forschung zu verbessern. Mit dem Projekt könnten verschiedene Arbeitsfelder gebündelt und bestehende Informationsangebote unter dem Dach eines übergreifenden Eintrags im Nachschlagewerk zusammengeführt werden. Weiterhin diene das Vorhaben auch dazu, die erfolgreiche Zusammenarbeit von Clio-online, Zeitgeschichte-online und H-Soz-u-Kult fortzusetzen.

Im Anschluss unternahm Jan-Holger Kirsch (Zentrum für Zeithistorische Forschung) den Versuch, den Beitrag von Lexika zur Kanonisierung der Zeitgeschichtsforschung in historischer Perspektive zu umreißen. Er wies darauf hin, dass auch klassische Lexika wie „Zedlers Universal Lexicon“ im 18. Jahrhundert oder die bekannten „Konversationslexika“ des 19. Jahrhunderts bereits als kollektive Werke angelegt waren. Heute sei die wissenschaftliche Community vermutlich stärker als früher mit einer Nachfrage nach kanonisiertem Wissen konfrontiert. Ursachen würden in der stärkeren Standardisierung von Studiengängen, der wachsenden Unübersichtlichkeit zeithistorischer Forschungsprobleme im Zuge der Auflösung nationalstaatlicher Großerzählungen und den Anforderungen eines zunehmenden Austauschs zwischen Wissenschaft und Publikum liegen. Hinsichtlich dieser drei Aspekte könne Docupedia-Zeitgeschichte unter Verwendung eines „pragmatischen Wissensbegriffs“ einen Beitrag leisten. Abschließend wies Kirsch darauf hin, dass es bislang kein vergleichbar umfassend angelegtes Nachschlagewerk zu Begriffen und Konzepten der Zeitgeschichte gebe – vermutlich weil die strukturellen Gegebenheiten bislang keine so übergreifende Kooperation über verschiedene Forschungseinrichtungen der Zeitgeschichte hinweg ermöglicht hätten.

Nach diesen inhaltlichen Vorüberlegungen präsentierte der für Planung und Koordination zuständige Projektmitarbeiter Karsten Borgmann (Humboldt-Universität/ZZF) ein erstes Modell möglicher redaktioneller Abläufe. Die technische Entwicklung von Docupedia-Zeitgeschichte leitet sich aus einer Reihe redaktioneller Anforderungen ab: Autorinnen und Autoren der Artikel müssen eine schnelle Aktualisierung ihrer eigenen Texte vornehmen können, Beiträge und Bearbeitungen durch Nutzer der Plattform sollten möglichst auf Einzelbereiche konzentriert und für den Autor oder die Autorin nachvollziehbar erfolgen, in die Artikel werden thematisch passende Online-Informationsangebote integriert und die Möglichkeit zur Open-Access-Veröffentlichung von Texten und Materialien sollte im Kontext eines Artikels gegeben sein.

Als erste Antwort auf diese Anforderungen wurde ein Modell vorgestellt, das grundsätzlich zwei Bereiche einer Artikel-Seite mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und Funktionalitäten unterscheidet: Die „Publikationsversion“ als Artikelseite, die von einem zuständigen Autor betreut wird, und die „Arbeitsversion“, an der Nutzer Änderungen vornehmen sowie eigene Kommentare und Texte beitragen können. Beide Bereiche werden jeweils ergänzt durch „Apparate“, in denen Zusatzinformationen automatisiert eingeblendet werden oder die Möglichkeit zum „Beitragen“ gegeben wird.

Mit der gestalterischen Trennung zweier Funktionsbereiche soll der Versuch unternommen werden, eine der Wiki-Logik entsprechende „dynamische“ Version der Artikelpublikation von einer eher statischen Variante zu trennen, die als Publikation eines Autors „zitierfähig“ wird. Die Beziehung zwischen diesen beiden Texten stellt der Autor oder die Autorin her, indem von Zeit zu Zeit aus den im Wiki erfolgten Veränderungen eine autorisierte “stabile” Version generiert wird.

Daran schloss sich eine offene Diskussion an, die von Rüdiger Hohls von der Humboldt-Universität moderiert wurde. Nahezu alle Diskutanten zeigten sich sehr angetan und betonten, dass das Experiment „Docupedia-Zeitgeschichte“ sehr unterstützungswürdig und vielversprechend sei. Auch wurde die große Bedeutung hervorgehoben, die verlässliche Übersichtsdarstellungen der verschiedenen Gebiete und Methoden der Zeitgeschichte für die Lehre hätten. Hinsichtlich der hier erstmalig vorgestellten Entwürfe zur praktischen Umsetzung wurde jedoch auch eine Reihe von Kritikpunkten deutlich, die im Folgenden wiedergegeben werden.

Weitgehend kritisch wurde die praktische Umsetzbarkeit des vorgeschlagenen Redaktionsmodells kommentiert. Wenn, wie vorgeschlagen, Autorinnen und Autoren „genötigt“ wären, laufend auf Änderungen von Nutzern in der Arbeitsversion zu reagieren, führe dies, so u.a. Thomas Mergel, zu einem „Kommunikations-Overflow“ und zu einer Verpflichtung für die Autoren, deren Ausmaß sie nicht absehen könnten. Andere der Anwesenden stimmten zu, dass die wissenschaftlichen Autoren so in eine langfristige Redaktionsrolle gedrängt würden, die abschreckend wirke. Innerhalb des Projekts, so u.a. auch Rüdiger Hohls, fehle bislang eine Reflexion über die Zielgruppe, sowohl hinsichtlich der Autoren wie auch der Nutzer. Das Projekt sollte nicht nur eine kommende Generation von Nutzern mit möglicherweise anderen Medienkompetenzen und -erfahrungen ansprechen.

Andere Anwesende, wie Michael Wildt, betonten die große Chance, Entwicklung und Diskursivität der historischen Forschung insbesondere in den Versionen der „Arbeitsfassung“ abzubilden. Allerdings sei grundsätzlich zu fragen, ob der gewünschte Einblick in die Diskursivität des geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts, festgehalten in den vielen Einträgen der Versionsgeschichte eines Artikels, so tatsächlich möglich werde. Zudem gebe es berechtigte Zweifel an der „Schwarmintelligenz“ (Gabriele Metzler), die womöglich bei Wikipedia zu einer breiten Faktenbasis beitrage, aber nicht zwingend zu besseren Artikeln führe (Annette Vowinckel). Argumente und neue Perspektiven in den Geistes- und Sozialwissenschaften würden sich eher über „Gegentexte“ entwickeln (Christoph Classen). Insofern, und hier stimmten viele der Anwesenden zu, wäre eventuell der Kommentar das geeignetere Beitragsformat, durch das Autorinnen und Autoren der Artikel zur Aktualisierung angeregt würden.

Bezweifelt wurde außerdem, so u.a. durch Stefan Jordan, dass ein durch die Leistung eines Autors geprägter Text mittels kollektiver Bearbeitung verbessert werden könnte. Hier wären durch das additive Schreiben wohl eher negative Einflüsse zu verzeichnen. Stattdessen sollten Nutzerbeiträge als eine Art „Spielwiese“ im Kontext eines Artikels aufgenommen werden. Tendenziell sei es sinnvoller, die Fortentwicklung der Artikel, wie vorgesehen, durch gezielte Nutzerbeiträge in Form von Kommentaren, Ergänzungen des Literaturapparats oder dem Upload von Texten und Materialien zu fördern.

Peter Haber plädierte vehement dafür, Docupedia-Zeitgeschichte noch stärker als „mediales Experiment“ zu definieren, in dem die Grenzen der kollaborativen Arbeit an Texten und Argumenten in den Geisteswissenschaften ausgelotet werden. Diese Reflexion solle möglichst transparent erfolgen, und es sollten auch systematisch die Erfolge und Misserfolge vergleichbarer Projekte ausgewertet werden, die in Auseinandersetzung mit der Wikipedia entstanden sind.

Eine Reihe von ergänzenden Hinweisen bezog sich auf die vorläufige Vorschlagsliste möglicher Artikel. Friedrich Jaeger wies darauf hin, dass bei aller Offenheit gegenüber den dynamischen Entwicklungen im Fach Zeitgeschichte ein Gesamtentwurf über die Richtung des Nachschlagewerks sicherlich hilfreich sei. Über die Arbeit am Konzept würden für alle Beteiligten auch die impliziten Inklusions- und Exklusionsmechanismen klarer. Ein solches Konzept könne sich auch entwickeln, es sollte nur transparent werden. Auf die Aufnahme von Artikeln zu einzelnen Zeithistorikern sollte verzichtet werden, wie neben anderen Hanna Schissler bemerkte. Hier wäre jeder Versuch der „Kanonisierung“ leicht angreifbar.

Das weitgehende Fehlen außereuropäischer Themen und Perspektiven wurde bemerkt, allerdings in der Diskussion mit Blick auf die Unbestimmtheit dieses Desiderats auch problematisiert. Hanna Schissler schlug vor, im weiteren Verlauf gezielt weitere Historikerinnen und Historiker anzusprechen und sie um die Ergänzung der vorliegenden Liste von Fachbegriffen zu bitten. Außerdem, so Schissler, sollte man sich um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bemühen, die im Ausland arbeiten und andere Perspektiven einbringen könnten. Dies könnte vielleicht auch durch die Aufnahme englischsprachiger Stichwörter bzw. Artikel erreicht werden, wie in der Diskussion bemerkt wurde.

Auf die im Entwurf der Themenliste enthaltene Unterscheidung von wissenschaftlichen Konzepten und Quellenbegriffen sollte nach Ansicht von Stefan-Ludwig Hoffmann und anderen verzichtet werden; der mögliche Blick auf den Diskussionsverlauf in der Versionsgeschichte der Artikel würde zeigen, wie sich diese Unterscheidung selber laufend relativiere.

Insgesamt war die Diskussion durch produktive Beiträge geprägt, die den Ansatz des Vorhabens grundsätzlich würdigten und zur Präzisierung beitrugen. Auch erklärte sich ein Großteil der anwesenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bereit, das Projekt aktiv zu unterstützen und ggf. als Herausgeber und Autoren Themenbereiche zu betreuen. Empfohlen wurde, die Entwicklung des Projekts möglichst transparent zu gestalten. Der veranstaltete Workshop war ein erster Schritt in dieser Richtung. Über weitere wird an dieser Stelle berichtet werden.