Blog:"Datendichte und digitale Geschichte" - Vortrag von Stefan Heidenreich zur Projektpräsentation am 11.02.2010 2010/03/05

Aus Docupedia
Wechseln zu:Navigation, Suche
"Datendichte und digitale Geschichte" - Vortrag von Stefan Heidenreich zur Projektpräsentation am 11.02.2010
Von: Christoph Kalter
Veröffentlicht am: 5.03.2010
Stefan Heidenreich

Der vorliegende Text von Stefan Heidenreich basiert auf einem Vortrag, den er auf Einladung der Redaktion am 11. Februar 2010 bei der Präsentation von Docupedia-Zeitgeschichte im Museum für Kommunikation Berlin gehalten hat. Wir danken dem Autor sehr herzlich dafür, dass er uns seinen Text als Beitrag für den Blog von Docupedia-Zeitgeschichte zur Verfügung stellt.


Stefan Heidenreich: Datendichte und digitale Geschichte. 8 Thesen


Dass unser Verhältnis zur Zeit sich mit digitalen Technologien verändert, scheint mehr als nur wahrscheinlich. Wie sich diese Entwicklung im Einzelnen äußert und weiter äußern wird, ist dagegen fraglich. Ich möchte in acht kurzen Thesen versuchen, mögliche Linien zu skizzieren und die Aufmerksamkeit auf verschiedene Fragen zu lenken.

Die Quantität der Daten schlägt in Qualität um.

Geschichte hängt immer mit Archiven zusammen. Das Archiv liefert letztlich das Material, auf das die Historikerin und der Historiker zurückgreifen. Doch Geschichte ist nicht der einzige Modus, in dem Daten in einem Archiv angeordnet oder aus einem Archiv ausgelesen werden können. Sie ist nur einer von mehreren - doch dazu später mehr.

Zeitgeschichte steht zu Archiven in einem etwas anderen Verhältnis als die übrige Geschichte. Denn sie widmet sich der nahen Vergangenheit, also jenem Zeitabschnitt, zu dem noch Auskünfte von lebenden Personen eingeholt werden können. Sie greift, anders gesagt, immer auch noch auf jenes Archiv zurück, das wir Erinnerung nennen. Aber dieses Archiv ist nicht nur löchrig und launisch, sondern es findet in jüngster Zeit noch ein Gegenüber, das es bislang kaum gab.

Mehr als je zuvor trägt sich die aktuellste Gegenwart in digitale Archive ein. Und zwar auf sehr vielen Wegen, die sich aber letztlich alle einem einfachen technischen Umstand verdanken. Seit nämlich Rechner – und in diesem Fall vor allem die Server des Netzes – schnell genug sind, um nicht nur Daten weiterzuleiten, sondern nebenher noch eine Reihe kleinerer Programme laufen zu lassen, steht den Clients – also den Rechnern auf Seiten der sogenannten Nutzer/innen – der Weg ins Netz offen. Das Buzzword für diesen Umstand haben Sie alle schon einmal gehört: Web 2.0. Die eher technischen Stichworte lauten AJAX, php, Apis und MashUps. Denn beim Web 2.0 handelt es sich nicht einfach um ein soziales Phänomen, sondern um eine Ausweitung technischer Möglichkeiten, deren gesellschaftliche Folgen fast zwingend erscheinen.

Bisher hatte die Client-Server-Architektur nur die Aufgabe, Anfragen weiterzuleiten und Daten zu übermitteln. Jetzt lädt sie zu Eingaben ein.Damit ging sozusagen eine Schranke auf, hinter der technisch nicht weiter bewanderte Nutzer/innen begannen, im Netz beliebige Daten unterzubringen, als ob sie auf diese Möglichkeit nur gewartet hätten. Seitdem sammeln sich Texte, Bilder, Sounds und Videos in einem zuvor ungekannten Ausmaß an.

Doch warum soll diese Masse an Daten für die Geschichtsschreibung in eine neue Qualität umschlagen? Weil die herkömmlichen Verfahren nicht mehr ausreichen, um diese Archive auch nur annähernd auf eine Reihe zu bringen, und – und das ist der wichtigere Grund – weil die nun neu verfügbaren Prozeduren in das Schreiben von Geschichte direkt eingreifen. Wir werden also nicht nur mit einer Geschichte zu tun haben, die wir wie gehabt schreiben – nur eben mit mehr Daten. Nein, Geschichte verwandelt sich in etwas, das sich selbst schreibt.

Wie Google Zeit vernichtet.

Wer bei Google einen Suchbegriff eingibt, erhält ein Ergebnis in Form einer Liste. Taucht in dieser Liste je ein Datum auf? Werden Zeitangaben gemacht – jedenfalls abgesehen von denen, die rein zufällig im ersten Satz eines der angezeigten Resultate stehen können? Nein, es sieht zunächst so aus, als würde die Zeit fehlen. Tatsächlich aber gibt Google sehr wohl eine ganz bestimmte Zeit an. Sie wird allerdings für gewöhnlich übersehen.

„Ergebnisse 1-10 von ungefähr 127.000 für docupedia. (0,33 Sekunden)".

0,33 Sekunden. Das genau ist die Zeit, die für Google selbst von größter Wichtigkeit ist. Es ist ungefähr die Dauer eines Wimpernschlags. Das Suchergebnis muss augenblicklich da sein, es gilt nur in dieser Gegenwart, und es benennt nichts anderes als die Gegenwart des Archivs, die Google für uns ausgelesen hat. Das Archiv kann sich im nächsten Moment ändern. Morgen wird sich das Ergebnis schon geändert haben. Aber dazu teilt Google nichts mit. Es gilt nur der Moment der Suche, und dieser Moment vernichtet alle anderen Zeiten. Er sagt: Wir benötigen keine Zeit, um etwas zu finden. Und umgekehrt benötigt das, was wir finden, keinen zeitlichen Index. Unsere Funde sind nach Relevanz sortiert.

Geschichte konkurriert mit Relevanz.

Relevanz und Datum bzw. Datumsreihungen – als das Basismaterial der Geschichte – sind konkurrierende Ordnungskriterien. Relevanz gruppiert die Daten nach der Position in einer Struktur, hauptsächlich danach, wie oft von anderen Seiten darauf verwiesen wird. Die andere Anordnung, diejenige der Geschichte, stellt Ereignisse in eine Reihe. Eines folgt auf das andere und man achtet darauf, was vorher und was nachher stattgefunden hat. Wenn Sie dagegen mit Google ins Archiv gehen, wissen sie schon, dass es Ihnen gleich ist, wann ein Eintrag gemacht wurde. So wirkt die versteckte Macht des Archive.

Die eine Ordnung bildet das Netz ab. Die andere berichtet eine Geschichte. Sie verhalten sich zueinander wie Struktur und Ereignis. Beide Zugangsweisen schließen einander aus, in einer Art von Unschärferelation, die der Heisenbergschen in der Physik gleicht. Entweder ich kenne den Impuls eines Teilchens oder seine Position. Die Analogie zur Historie lautet: Entweder ich betrachte die Ereignisse und ihre Abfolge, oder ich betrachte eine Struktur und die von ihr bereitgestellten Positionen.

Mischformen zwischen beiden Betrachtungsweisen sind schwer zu erreichen. Hegel versuchte, System und Geschichte dialektisch miteinander zu versöhnen. Im Allgemeinen aber gilt, dass die Beschreibung eines Systems in ihrer Tendenz konservativ gerät, denn sie vermag es zwar, Verhältnisse festzuhalten, tut sich aber schwer damit, deren Bewegungen zu verfolgen. Auf der anderen Seite verliert, wer eine Bewegung verfolgt, leicht das Systemgebäude, in dem sie stattfindet, aus den Augen. Wir haben es also mit einem sehr grundlegenden Gegensatz zu tun: dem zwischen Struktur und Ereignis, zwischen Google und Geschichte.

Partizipation statt Autorität.

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass wir die Wahl haben, eine von beiden Perspektiven einzunehmen. Das mag sein. Es gibt allerdings ein paar Gründe, die gegen diese Annahme sprechen.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge" sehr ausführlich beschrieben, wie sich der Modus der Geschichte auf einmal um 1800 überall durchsetzte. Plötzlich hatten wir eine Geschichte der Natur, eine Geschichte der Wirtschaft, eine Geschichte der Sprachen, eine der Künste und so weiter. Nun stellt sich die Frage, wie es kommen konnte, dass sich dieses wissenschaftliche Paradigma so flächendeckend durchsetzten konnte.

Vermutlich hatten auch damals alle Beteiligten die Wahl, ihr Wissen weiterhin in den alten, spätbarocken Klassifikationen und Taxonomien zu denken, oder, wie es nun im Trend lag, es im Gegenteil als dynamische Geschichte zu begreifen. Eine solche Art von Wahl haben wir vermutlich auch, aber am Ende wird sich dennoch ein Modus durchsetzen. Und ob es sich dabei um den der Geschichte handeln wird, ist zu bezweifeln, doch zu später mehr.

Die Modalitäten der Archive gehen mit unterschiedlichen institutionellen Gegebenheiten einher. Die Erzählung einer Geschichte benötigt die Vorstellung von Epochen, von langen Zeiten. Sie ist eine Theorie der Institution, genauer der Institution Staat. Nicht von ungefähr erfindet sich im Licht dieser historischen Methode der bürgerliche Staat. Er erfindet die Bedingung seines Bestehens in Form seiner Geschichte. Es lässt sich kaum entscheiden, ob die Geschichtlichkeit den Staat hervorgebracht hat, oder der Staat die Geschichtlichkeit. Aber es genügt festzuhalten, dass beide parallel auftauchen.

Auf der anderen Seite haben wir heute die Struktur des Netzes, die dezidiert jenseits der Staaten operiert. Staaten, die dem Netz ihr Reglement aufzwingen wollen, wie etwa China, werden verpönt. Und zwar zu Recht. Wir lieben den freien Austausch der Information. Aber: Er benötigt keine Geschichte mehr. Die institutionelle Autorität, die ihr Bestehen als Geschichte beschreibt, geht dem Netz vollkommen ab. Stattdessen ermuntert das Netz dazu, die Netzwerke, aus denen es besteht, auf alle Daten auszudehnen: auf Text, auf Bilder, auf Freunde. Wir haben also auf der einen Seite eine Institution der Macht, die eine Geschichte erfindet und fordert, um sich zu begründen und zu erhalten. Und auf der anderen Seite ein Netzwerk, das keine Geschichte kennt und sie nicht vermisst.

Dauer ohne Zeit ist denkbar.

Man könnte an dieser Stelle in hysterischen Kulturpessimismus à la Schirrmacher verfallen, aber dazu gibt es keinen Anlass. Das kulturpessimistische Argument liefe ungefähr wie folgt: Das Netz raubt uns unsere Geschichte. Wir vergessen wer wir sind. Wir fallen einer großen Verwirrung des Gleichzeitigen anheim.

Doch lassen Sie uns das Ganze einen Schritt zurückdrehen: Geschichte ist schon immer etwas, das dem Archiv künstlich beigegeben werden muss. Wir können Daten mit oder ohne Angabe einer Zeit speichern. Auf dem Marmeladenglas steht ein Verfallsdatum, auf dem Löffel aber nicht.

Der Vektor der Zeit ist nur eine von vielen möglichen Metadaten, der – wie alle anderen – immer erst noch separat festgehalten werden muss, sich aber keineswegs von selbst versteht. Deshalb ist Geschichte immer das Resultat einer Arbeit, einer Anordnungs-Arbeit.

Wenn wir keine Geschichte herstellen, überdauern die Dinge dennoch. Ihre dauerhafte Gegenwart hängt einzig und allein davon ab, ob wir sie wieder adressieren, ob uns das, was vergangen ist, noch interessiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob es uns interessiert, weil es sich in einer bestimmten Zeit abgespielt hat oder deshalb, weil wir eben darauf gestoßen sind.

Noch einmal Google: Die Suchmaschine schlägt uns das als relevant vor, was von anderen auch als relevant eingestuft wurde. Sie bindet uns in ein Netzwerk ein. Es gibt keine Autorität, die diesem Netzwerk eine Geschichte gibt.

Die Zeit wird ins Netz zurückkehren, aber nicht als Geschichte.

Nun könnte man hieraus folgern, dass das Netz die Dimension Zeit endgültig zum Teufel gejagt hat. Aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Im Falle des Web 2.0 hängt der Wiedereintritt der Zeit ebenso wie die Aktivierung des Nutzers von der verfügbaren Rechenleistung ab.

Wenn wir neuere Plattformen im Netz betrachten, so sehen wir, dass es manche gibt, die Zeit als Metadatum ausblenden, und andere, die sie in verschiedenen Formen wieder zurückholen. Die Video-Seite YouTube etwa erzeugt Zeit in zwei Dimensionen: Einmal die tatsächlich ablaufende Zeit des Videos, zum anderen das Datum, zu dem es eingestellt wurde. Eine Zeit des Sehens und eine des Archivs. Noch sind beide Zeiten nicht verknüpft.

Facebook ist ein Netzwerk und als solches nicht sonderlich zeitbezogen. Aber man versucht dennoch, es für die Nutzer/innen wie eine laufende Geschichte aussehen zu lassen und Ereignishaftigkeit zu erzeugen. Twitter schließlich lebt ganz und gar aus der Zeit. Strukturen werden dort kaum abgebildet.

Wie geht diese Geschichte weiter? Nun: Sehr einfach und recht linear, wie sie schon seit einiger Zeit läuft. Denn schließlich tickt auch hinter dem Netz Moore's Law, das eine Richtung vorgibt – kleinere Prozessoren, immer schneller.

Als nächstes werden also auch in den bewegten Bildern die Zeitebenen zusammengefügt werden. Videos werden segmentiert und verlinkt, Sprünge an eine bestimmte Stelle werden üblich sein. Das gesamte Video-Netzwerk wird in einem Ausmaß „verflüssigt", das uns heute noch nicht ganz klar ist. Wir können uns diesen Unterschied ein wenig vorstellen, wenn wir uns den Sprung vom holperigen Stummfilm um 1900 zu dem Tonfilm dreißig Jahre später vor Augen führen. Der Unterschied zwischen unserem gegenwärtigen textlastigen Netz und den flüssigen Bildern wird ähnlich deutlich ausfallen.Die Zeit kehrt so also ins Netz zurück, aber nur als Bewegung. Nicht als Geschichte.

Vergessen ist Müll sammeln.

Alle möglichen Informationen und Daten werden festgehalten und in einem zusehends dichten Netz miteinander verknüpft. Damit kommen wir zu einem Teil das Quantitäts-Problem zurück. Sind diese Daten nicht einfach viel zu viele, verlieren wir nicht doch die Übersicht?

Tatsächlich scheint das Fehlen des Vergessen uns mit Daten vollzumüllen. Nun gibt es allerdings auch im Computer eine Funktion, die vergisst. Sie heißt „Garbage collection" und findet sich auf wohl jedem Rechner. Hin und wieder durchforstet ein kleines Müllsammel-Programm die Arbeitsspeicher und überprüft die Daten. Wenn auf ein Stück gespeicherter Information von nirgendwo her mehr ein Zeiger zeigt, wenn es also kein laufendes Programm gibt, das mit diesen Daten noch irgend etwas anfangen mag – dann werden sie unwiderruflich gelöscht.

Und löschen heißt nicht etwa vernichten, sondern bedeutet: den Platz freigeben, so dass er bei nächster Gelegenheit überschrieben werden kann. Wir können deshalb also die Analogie einmal rückwärts bauen, und nicht so tun, als sei unser Bildschirm ein Schreibtisch, sondern anders herum: als würden die Prozesse in einem Computer uns im wirklichen Leben berühren. In dieser Perspektive ist das Vergessen ein Frage des Adressiert-Werdens. Die Daten werden nie weggeworfen, sondern überschrieben. Allerdings nicht wie Palimpseste, deren darunter liegende Schichten noch rekonstruiert werden können, sondern unwiederbringlich. Dauer dagegen muss aktiv hergestellt werden. Aber nicht als Geschichte, sondern einmal mehr als dauerhafte Relevanz.

Wir treten aus einem dunklen Zeitalter ins Licht.

Machen wir ein kleines Experiment, um zu sehen, was aus der Geschichte wird. Versetzen wir uns zehn Jahre in die Zukunft und blicken von dort aus auf die Gegenwart zurück. Wir schreiben das Jahr 2020. Vor zehn Jahren haben Sie diesen Text gehört oder gelesen. Sie werden sich vielleicht daran erinnern, vielleicht auch nicht. Vielleicht waren Sie auf der Straße unterwegs. Vielleicht gibt es ein Foto, das ein Fremder von Ihnen aufgenommen hat.

Da jedoch in ein paar Jahren die Gesichtserkennungs-Algorithmen nicht nur funktionieren, sondern auch auf jedermanns Computer laufen, werden Sie nicht nur wissen, wo Sie unterwegs waren, sondern auch die Namen der Menschen, denen sie auf der Straße begegnet sind. Vielleicht gleicht sich Ihre mit deren Datenbank ab. Sie werden also eine Reihe von Informationen haben, aus denen hervorgeht, was sie getan haben. In der Gegenwart – 2020 – werden das sehr viel mehr Informationen sein als noch vor zehn Jahren. Viel spricht dafür, dass Sie in dieser zukünftigen Gegenwart von einer zusehends dichten, hellen Wolke aus Daten begleitet werden, die nicht gelöscht werden, sondern von nun an in irgendwelchen Archiven ihr Unwesen treiben. Tatsächlich werden Sie auf diese Weise auf Ihr Leben im Detail zurück sehen können, jedenfalls auf fast Ihr ganzes Leben.

Denn wenn Sie nun weiter zurück in die Vergangenheit blicken – in die Jahre 2009, 2008 oder 2007 – werden Sie feststellen, dass dieses Daten-Licht versiegt. Dass jenseits des Lichts eine Zone der Dunkelheit beginnt, auf die Sie keinen Zugriff haben. An manche Ereignisse außerhalb des Lichtkegels erinnern Sie sich vage – aber die Vergangenheit im Dunkeln wird Ihnen als etwas beschwerliches erscheinen. Denn Sie wissen nichts genau und können sich in keinem Archiv vergewissern, was war. Wir verlassen also eine Zone der Dunkelheit, und zwar jetzt, in diesen Jahren.