Blog:Zwischenbilanz: Docupedia-Zeitgeschichte 2008-2010

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Zwischenbilanz: Docupedia-Zeitgeschichte 2008-2010
Von: Karsten Borgmann
Veröffentlicht am: 9.08.2010

Im August 2010 blickt das Projekt Docupedia-Zeitgeschichte auf eine zweijährige Aufbauphase zurück. Sicherlich kann nicht davon gesprochen werden, dass dieses neue Online-Angebot für die Zeitgeschichtsschreibung bereits abgeschlossen wäre. Aber nach den ersten Monaten des erfolgreichen Betriebs der Publikationsplattform ist es an der Zeit, etwas ausführlicher über die bislang entwickelten redaktionellen und technischen Grundlagen von Docupedia-Zeitgeschichte zu berichten.

Die wichtigsten Projektziele konnte Docupedia-Zeitgeschichte in den letzten zwei Jahren in die Praxis umsetzen. Inzwischen haben über 40 Autorinnen und Autoren die Plattform genutzt und einen ersten Grundbestand von Artikeln publiziert, die in wichtige Forschungsfelder, Begriffe, Methoden und Debatten der Zeitgeschichtsschreibung einführen.[1] Für dieses Angebot wurde mit der Software MediaWiki eine Publikationsumgebung aufgebaut, die die Erprobung neuer Modelle und Verfahren des „kollaborativen“ Arbeitens im Bereich von Fachpublikationen ermöglicht. Dieser Bericht zeichnet einige der redaktionellen und technischen Problemstellungen nach, die sich in den ersten zwei Jahren Projektlaufzeit stellten, und skizziert die bislang gefundenen Lösungen.

Am Beginn des Projekts stand zunächst die Frage nach der Festlegung des inhaltlichen Zuschnitts für ein Nachschlagewerk zur Zeitgeschichtsforschung sowie nach einer Entwicklungsperspektive für dessen weiteren Ausbau. Diese Fragen wurden innerhalb der Redaktion am Zentrum für Zeithistorische Forschung und mit den wissenschaftlichen Herausgebern[2] des Projekts ausführlich diskutiert. Als inhaltliche Vorgabe für die Artikel wurde festgelegt, dass diese vor allem der theoretischen und methodischen Selbstverständigung der Disziplin dienen sollen. Auf Beiträge zu konkreten historischen Ereignissen, Akteuren und Entwicklungen wurde bewusst verzichtet, da es hierzu im Netz bereits eine ganze Reihe von fundierten Angeboten u.a. in der Wikipedia gibt. Als Vorgabe zur Gestaltung der Artikel werden den Autorinnen und Autoren Hinweise zum Aufbau des Inhalts und zur Formatierung der Texte zur Verfügung gestellt. Sie sollen ferner Literaturempfehlungen sowie eine erweiterte Literaturliste einreichen. Um ein markantes Bildmotiv zur Gestaltung jedes Artikels kümmert sich die Redaktion.

Eine weitere wichtige Aufgabe war die Suche nach in Frage kommenden Autorinnen und Autoren. Anders als konventionelle Printveröffentlichungen kann ein Online-Angebot wie Docupedia-Zeitgeschichte immer weiter ausgebaut werden, ist also prinzipiell offen für neue Artikel und neue Autor/innen. Vorschläge der Nutzer/innen für neue Artikel sollen dabei eine wichtige Rolle spielen, aber auch die Autor/innen bereits publizierter Artikel haben als „Gutachter“ für einen Themenbereich ein Mitspracherecht darüber, welche Themen neu aufgenommen werden. Zugleich sind die Redaktion und die wissenschaftlichen Herausgeber/innen als Beiräte in den Review-Prozess für neue Artikelveröffentlichungen eingebunden. Vorschläge für neue Artikel können von potenziellen Autor/innen in Form eines Exposés eingereicht werden. Für ausführliche Kommentare zu bereits publizierten Docupedia-Beiträgen gibt es das Format des „Co-Artikels“, kürzere Hinweise und Anmerkungen werden auf der Diskussionsseite jedes Artikels publiziert. Um Redaktion, Nutzern und potenziellen Autor/innen die Orientierung zu erleichtern, wurden insgesamt zehn inhaltliche Kategorien festgelegt sowie eine Vorschlagsliste von geplanten Artikeln zusammengestellt.[3]

Die Redaktion stand nun vor der Aufgabe, bis zum Start von Docupedia für die einzelnen Themenfelder ausgewiesene Autor/innen anzufragen und für den fristgerechten Rücklauf der Texte zu sorgen. Bisher konnten so 92 Beiträge vergeben und 38 publiziert werden. Dabei wurde besonders auf eine produktive Mischung von „etablierten“ Ordinarien und „aufstrebenden“ Nachwuchs-Wissenschaftlern geachtet sowie auf die Beteiligung möglichst vieler verschiedener Forschungseinrichtungen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum. Wie die von der Redaktion, den Autor/innen sowie vom Herausgeberkreis als besonders wichtig erachtete Internationalisierung des Angebots erreicht werden kann, wurde ebenfalls intensiv diskutiert. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Einwerbung von drei englischsprachigen Beiträgen. Festgelegt wurde außerdem, dass Autoren die Möglichkeit erhalten sollen, Creative-Commons-Lizenzen für ihre Texte zu vergeben, um damit langfristig die einfache Verwendbarkeit ihrer Beiträge, auch an anderen Veröffentlichungsorten, sicherzustellen.[4]

Parallel zur Einwerbung der ersten Manuskripte wurde am Aufbau einer Publikationsplattform bzw. eines Redaktionssystems zur Online-Veröffentlichung der Texte gearbeitet. Das System sollte vor allem flexibel auf redaktionelle Anforderungen reagieren können und das Publizieren von fertigen Texten sowie das Ändern von Inhalten auch für technisch nicht versierte Benutzer leicht möglich machen. Relativ schnell stand die Entscheidung fest, die Software der Wikipedia MediaWiki einzusetzen. Für MediaWiki spricht die Zukunftssicherheit der Software als Basis der Wikipedia, ihre Erweiterbarkeit durch Zusatzprogramme, sogenannte Extensions, und ihre prinzipielle Offenheit für Nutzerpartizipation. Insbesondere aufgrund der umfangreichen Konfigurations- und Erweiterungsmöglichkeiten hat sich MediaWiki inzwischen zu einem regelrechten Programm-Framework entwickelt, das weltweit in unterschiedlichsten Verwendungskontexten eingesetzt wird. Innerhalb dieses Frameworks ist der Aufbau und Test verschiedener Redaktions- und Publikationsumgebungen mit verhältnismäßig geringem Aufwand möglich. So konnten redaktionelle Überlegungen und technische Entwicklung im Falle von Docupedia-Zeitgeschichte eng miteinander verzahnt werden.

Eine der Anforderungen an dieses Publikationssystem bestand darin, die akquirierten Artikel-Manuskripte, die nach und nach von den Autor/innen meist als Textverarbeitungs-Dokumente geschickt wurden, in ein publikationsfähiges Wiki-Format zu bringen. Aufgrund der Vielfalt der im Office-Bereich möglichen Formatierungsmerkmale, die auf eine reduzierte Wiki-Formatierung zurückgeführt werden mussten, war nicht zu erwarten, dass dies vollautomatisch möglich wäre. Die Transformation umfangreicher Word-Dokumente und zahlreicher Fußnoten in das Wiki-Format gelang dennoch zu etwa 80 Prozent automatisiert mit Hilfe des erweiterten WikEd-Editors bzw. eines Makros Word2MediaWikiplus.[5] Insbesondere die manuelle Auszeichnung zahlreicher Fußnoten konnte so weitestgehend vermieden werden. Die Texte liegen nach der Erfassung in MediaWiki in einer strukturierten Form vor, die sich aus dem System in andere Formate wie PDF oder RSS exportieren lässt.[6]

Zusätzlich wurde ein Verfahren benötigt, um zu jedem Artikel-Eintrag weitere bibliografische Metadaten zu speichern, damit so aus einem Wiki-Artikel eine „zitierfähige“ Publikation werden kann. Standardmäßig kennt ein Wiki-System keine „Autoren“, sondern nur „Bearbeiter“, keine „Erscheinungsdaten“, sondern „Bearbeitungszeitpunkte“, keine definierten Versionen, sondern nur Bearbeitungszustände in der „History“ eines Artikels. Angaben zu Autor, Titel des Artikels, Erscheinungsdatum, Version und zitationsfähiger Adresse mussten ergänzend im MediaWiki-System gespeichert und abrufbar gehalten werden, um damit beispielsweise eine Übernahme dieser bibliografischen Daten in Katalog- und andere Nachweissysteme möglich zu machen.

Glücklicherweise existiert für die Vergabe solcher zusätzlichen Attribute und die Speicherung entsprechender Werte in einem Wiki-Artikel eine MediaWiki-Erweiterung, die Extension SemanticMediaWiki (SMW) [7]. Mit SMW lassen sich Inhaltselemente eines MediaWiki-Artikels als Metadaten in eigenen Tabellen der MediaWiki-Datenbank speichern. Diese können dann an jeder anderen Stelle des Wikis abgefragt und angezeigt werden. Bibliografische Angaben und viele andere Informationen, die einen Artikel kennzeichnen, wurden so in einer eigenen Datenverwaltung gespeichert. Um Redaktionsmitgliedern bzw. Autor/innen und Nutzer/innen die korrekte und einheitliche Auszeichnung von Artikeln zu erleichtern, wurde ergänzend zu SMW eine weitere Extension eingesetzt: SemanticForms[8]. Mit dieser Software lassen sich Eingabeoberflächen entwickeln, die leicht eine Auswahl aus zulässigen Werten erlauben und die Eingabemöglichkeiten für jedes Feld erläutern.

Für jeden Artikel soll zudem die vom Autor zusammengestellte Literaturliste, nebst Literaturempfehlungen, erfasst werden. Auch hier konnten mit Hilfe von SMW und SemanticForms Literaturtitel als einzelne Wiki-Seiten mit standardisierten bibliografischen Attributen erfasst und gespeichert werden, um dann im Artikel, oder an beliebiger anderer Stelle des Wikis, dynamisch als Liste angezeigt zu werden. Neben bibliografischen Standardangaben können auch Attribute wie z.B. „ist empfohlene Literatur für:[Artikelname]“ verwendet werden, was den erfassten Literatureintrag dann im Bereich der besonders empfohlenen Auswahlliteratur des Artikels anzeigt. [9]

Die Artikel in Docupedia-Zeitgeschichte sollten aber nicht nur über eine Literaturliste verfügen, sondern auch in einer Materialumgebung auf Wissenschaftler/innen aus dem Themenfeld des Artikels hinweisen sowie auf wichtige Fachressourcen verlinken. Dafür sollten Einträge aus externen Fachinformationssammlungen wie z.B. den Clio-online Verzeichnissen und H-Soz-u-Kult eingebunden werden. Als Verfahren zur Integration dieser externen Angebote wurde auf RSS zurückgegriffen, das als einfaches Format für die Veröffentlichung von annotierten Web-Links inzwischen universelle Verbreitung gefunden hat.[10] Beim Aufruf eines Docupedia-Artikels werden in den verschiedenen Sektionen des Artikel-Apparats ausgewählte RSS-„Feeds“ angezeigt. Pro Artikel erhalten die abgerufenen Feed-Adressen individuelle Parameter, die im Artikel gespeichert sind. So können entweder einzelne Datensätze aus einem externen Verzeichnis oder auch Abfragen über Suchbegriffe oder thematische Klassifikatoren nachgewiesen werden. Für die Anzeige der Feeds wird die Extension FeedImport[11] verwendet, deren Output sich flexibel formatieren und anpassen lässt.

Die Einbindung der Clio-Verzeichnisse mit diesem Verfahren erwies sich als relativ unproblematisch. Für Wissenschaftler/innen, die sich dem Themenbereich eines Artikels zuordnen wollen, wurde eine Möglichkeit entwickelt, diese Zuordnung in ihrem Eintrag des Clio-online Forscher/innenverzeichnisses[12] vorzunehmen. Über die RSS-Schnittstelle werden dann diese Wissenschaftler abgefragt und im Apparat des entsprechenden Artikels angezeigt. Einträge aus dem Clio-Web- oder Institutionen-Verzeichnis[13] lassen sich manuell als Parameter in einem Artikel speichern und ebenfalls per RSS abrufen. Da innerhalb der Clio-Angebote nur vergleichsweise selten Neueinträge erfolgen, ist vor allem bei der Erstpublikation des Artikels eine Auswahl der wichtigsten Institutionen und Web-Ressourcen zusammenzustellen. Einzelne neu hinzukommende Einträge können dann laufend ergänzt werden.

Schwieriger gestaltete sich die dynamische Abfrage der täglich über den Fachinformationsdienst H-Soz-u-Kult veröffentlichten Termine, Tagungsberichte und Rezensionen, die als aktuelle, ergänzende Informationen passend zum Thema eines Artikels angezeigt werden sollten. Versuche mit Stichwortabfragen oder die Nutzung von thematischen Klassifikatoren zur Auswahl der Beiträge (z.B. Zeitgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Deutschland) erwiesen sich hier als nicht ausreichend trennscharf. So wurden häufig zu viele oder unpassende Einträge angezeigt, was den Eindruck inhaltlicher Ungenauigkeit hervorrief. Geplant ist hier, für Docupedia-Zeitgeschichte eine Art „social-tagging“[14]-Interface zu entwickeln, das Redaktion und Nutzern die schnelle Auswahl und Zuordnung verschiedener Web-Angebote zu Artikeln erleichtert.

Die wichtigste redaktionelle Anforderung an die Wiki-Plattform, die bislang umgesetzt wurde, war die Möglichkeit zum „informellen“ Arbeiten an Publikationen. Bearbeitungen eines Textes können in einer für die Autor/innen der Artikel stets kontrollierbaren Öffentlichkeit stattfinden. Alle Texte auf Docupedia-Zeitgeschichte existieren deswegen in zwei Versionen: einer stabilen „veröffentlichten“, die ohne Zugriffsbeschränkungen für einen bestimmten Zeitraum abgerufen und „zitiert“ werden kann, und einer „Werkstatt“-Version, die durch Autoren, Redaktion und zugelassene Nutzer bearbeitet und verändert werden kann. Wer außer der Redaktion, die die Veröffentlichung der Texte betreut, noch auf einen Werkstatt-Text zugreifen darf, kann der Autor oder die Autorin selbst steuern. Ob beispielsweise andere Wissenschaftler/innen zum „Kommentieren“ oder auch „Begutachten“ von Artikeln eingeladen werden oder ob ein/e Autor/in alle Nutzer zur Kommentierung einlädt, kann in Eigenregie festgelegt werden. Ist ein „Werkstatt“-Artikel ausreichend überarbeitet, wird er als neue Artikelversion in den öffentlich zugänglichen Bereich der Docupedia-Plattform kopiert.

Das bislang aufgebaute System erfüllt somit wichtige Anforderungen, um im Zuge des zukünftigen Ausbaus von Docupedia-Zeitgeschichte weitere Formen der kooperativen und partizipativen Veröffentlichung von Fachpublikationen zu erproben. Aufgaben und Rollen der Redaktion und der ersten Autor/innen von Docupedia-Zeitgeschichte haben sich herauskristallisiert und wurden in der Gestaltung der Publikationsplattform berücksichtigt. Neu zu entwickeln sind redaktionelle Konzepte und technische Lösungen zur Mitwirkung für externe Redakteur/innen, die Herausgeber/innen sowie für die vielen Nutzer/innen und Leser/innen von Docupedia-Zeitgeschichte. Alle diese Gruppen sollen zukünftig stärker an der Weiterentwicklung von Docupedia-Zeitgeschichte mitwirken. Dann kann der bislang erreichte Bestand von Einführungsartikeln zur Zeitgeschichte nicht nur aktuell gehalten und stetig verbessert und ergänzt werden, die Arbeit an der Publikation der Artikel und der Zusammenstellung des Apparats wird so auch auf mehr Schultern verteilt. Die bisherigen Erfahrungen festzuhalten, neue Ansätze zur Mitwirkung zu entwickeln und Technik und Redaktionsabläufe so zu dokumentieren, dass sie in einem für alle nachnutzbaren Programmpaket zusammengeführt werden können, sind die wichtigsten Aufgaben, die sich alle Mitwirkenden im Projekt für die kommende Projektlaufzeit vorgenommen haben.


  1. Die Übersichten über die bereits publizierten sowie die geplanten Artikel und die Liste der Autorinnen und Autoren sind auf der Startseite http://www.docupedia.de verlinkt.
  2. https://docupedia.de/zg/Docupedia:Herausgeber
  3. Siehe die Kategorienübersicht auf der Startseite und die Artikelübersicht: https://docupedia.de/zg/Docupedia:Artikel_Map
  4. Siehe dazu den Blog-Beitrag: „Die Nutzungsbedingungen für Docupedia-Artikel“ https://docupedia.de/zg/Blog:Die_Nutzungsbedingungen_für_Docupedia_Artikel.
  5. http://en.wikipedia.org/wiki/User:Cacycle/wikEd, http://www.mediawiki.org/wiki/Extension:Word2MediaWikiPlus
  6. RSS-Ausgaben können über Abfragen und Ergebnis-Formate der SMW-Extension realisiert werden, siehe: http://semantic-mediawiki.org/wiki/Help:RSS_format. Der PDF-Export nutzt Funktionen der "Collections"-Extension für MediaWiki, siehe http://code.pediapress.com/wiki/wiki
  7. http://semantic-mediawiki.org/wiki/Semantic_MediaWiki
  8. http://www.mediawiki.org/wiki/Extension:Semantic_Forms
  9. Die Formatierung der einzelnen Literaturangaben erfolgte mit Hilfe der Vorlage „Literatur“ der Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Vorlage:Literatur, die eine Präsentationslogik für die unterschiedliche Anzeige von Zeitschriftenaufsätzen oder monografischen Veröffentlichungen bereitstellt.
  10. http://de.wikipedia.org/wiki/RSS
  11. http://www.mediawiki.org/wiki/Extension:FeedImport
  12. http://www.clio-online.de/forscherinnen
  13. http://www.clio-online.de/web, [1]
  14. http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaftliches_Indexieren