Diskussion:1989
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Kommentare und Hinweise zum Artikel 1989
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Die Revolution von 1989 im Osten Europas
von Alexander Klaehr
Nach dem 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls und der Ereignisse in den staatssozialistischen Ländern stellt sich erneut die Frage: Lässt sich von Revolutionen sprechen oder fand in den von Moskau dominierten Staaten des Warschauer Pakts eine Wende bzw. nur ein Wechsel der Eliten statt? Philipp Ther diskutiert länderübergreifend Ursachen und Wirkungen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen, die die Heterogenität der Umbruchsituation verdeutlichen und vereinfachenden Generalisierungen einen Riegel vorschieben.
Die begriffliche Einordnung des Phänomens 1989 als zeithistorische Herausforderung
Obwohl in der Fachwissenschaft heute weitgehend Konsens herrscht, den Revolutionsbegriff zur Einordnung von 1989 zu wählen, sollte er jeweils im Einzelfall begründet werden, da seine Verwendung eben auch von den Erinnerungen der Menschen und der dadurch beeinflussten rückschauenden Bewertung der Ereignisse geprägt wird. Die gegenwärtige Lebenssituation ebenso wie die damalige in den staatssozialistischen Gesellschaften beeinflussen die individuelle Bewertung der Vergangenheit, sodass die einen eher dazu neigen, 1989 als Revolution zu bezeichnen, während die anderen von Wende oder Wechsel sprechen. Dieser Kommentar stützt den Zugang von Ther, Revolution als angemessenen Begriff zur Beschreibung von 1989 zu verwenden. Philipp Ther argumentiert vor allem mit den dramatischen Folgen dieser Zäsur, zu denen besonders der ökonomische Transformationsprozess (Arbeitslosigkeit, Inflation, Produktionsrückgang) und der Herrschaftswandel in den ehemals staatssozialistischen Ländern zählen. Allerdings – und hier grenzt sich mein Kommentar von Thers Deutung ab – stellt er bei der Einordnung dieser Ereignisse der Revolution noch das einschränkende Attribut „,verhandelte‘“ an die Seite, was letztlich den revolutionären Charakter der Ereignisse infrage stellt. Eine Revolution wird meines Erachtens in erster Linie zunächst einmal von zutiefst unzufriedenen, auf bestimmte Weise unterdrückten Menschen getragen, die sich gegen ein staatliches System wenden, um Veränderungen herbeizuführen. Wenn sie diese umfassenden Veränderungen von vornherein durch einen Dialog mit der Regierung herbeiführen könnten, also verhandeln, wäre eine Revolution ja vollkommen unnötig. Kurzum: In den Diktaturen des Warschauer Pakts mussten die Machthaber gezwungen werden, etwas zu verändern, und das war nur durch massiven Protest von der Straße her möglich, der dann – in einer nächsten Phase der Revolution – den Weg zu Verhandlungen zwischen dem Regime und seinen Gegnern frei machte.
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft das von Ther vorgetragene Argument, es sei die eingeübte Praxis der sozialistischen Massenmobilisierung gewesen, die zu einem dermaßen rasanten Anstieg der Protestteilnehmenden geführt habe. Das greift meiner Meinung nach zu kurz, da so die Gefahr besteht, die fundamentalen Ursachen für den Sturz der staatssozialistischen Regime leicht zu übersehen, die vor allem im aufgestauten Unmut der Menschen zu suchen sind – Unmut zum Beispiel aufgrund materieller Not, staatlicher Repression und der Unmöglichkeit, sich im real existierenden Sozialismus individuell so verwirklichen zu können, wie viele es sich wünschten. Diese Unzufriedenheit und Missstimmung sowie die Enttäuschung über die nicht eingehaltenen Versprechungen einer besseren sozialistischen Welt samt der Reformunwilligkeit der Regime in einer erstarrten Gesellschaftsordnung führten eben dazu, dass sich die Menschen couragiert gegen ihre Obrigkeit wandten.
Verschiedene Erfahrungen – verschiedene Begriffe
Länderspezifisch verschiedene Erfahrungen haben unterschiedliche Begrifflichkeiten hervorgebracht. Für Polen und Ungarn stellt das Jahr 1989 keine tiefgreifende Zäsur und daher eher einen Wechsel dar. Im Gegensatz dazu scheinen die Massenmobilisierung, die Geschwindigkeit der Erosion der Staatsparteien samt der Apathie ihrer Machtapparate in der DDR und ČSSR zum Begriff Revolution zu passen. Dennoch wird auch in Deutschland gerne die Wende zur terminologischen Einordnung der Ereignisse herangezogen.
Für viele osteuropäische Länder wird 1989 als Ende einer Kette von Befreiungsversuchen gedeutet, die – wie Polen, aber auch die Tschechoslowakei und Ungarn – erst unter den Nationalsozialisten, dann unter den Stalinisten gelitten hatten. Außerdem überlagerten (außer in der DDR) in allen postkommunistischen Gesellschaften Kontinuitäten und Diskontinuitäten den inneren Umbruch/Wechsel, sodass dieses zeitgeschichtliche Kapitel heute enormen geschichtspolitischen Kämpfen unterworfen ist, was sich u.a. in der starken Präsenz der postkommunistischen Parteien widerspiegelt, deren Bekämpfung teils zu einer unversöhnlichen Lagerbildung und politischen Vereinnahmung der Vergangenheit geführt hat. Dies sowie die nach 1989 ökonomisch enttäuschenden und auf das politische System rückschließenden Folgen können als Gründe dafür angesehen werden, warum damals Beteiligte wie Unbeteiligte diesen quasi hinter verschlossenen Türen am Runden Tisch herbeigeredeten Herrschaftswandel, den Transfer der Macht von der einen Elite zur nächsten, nicht als Revolution verstehen wollen, da das anfangs noch vorhandene revolutionäre Pathos (Massendemonstrationen, Auseinandersetzungen mit der Polizei, Verhaftungen usw.) später am Verhandlungstisch quasi zerredet wurde und im politischen Kompromiss endete.
Indikatoren einer Revolution
Mögliche Faktoren, die den Ausschlag für den Kollaps eines Systems bzw. für seine Überwindung geben, können bei der Betrachtung der Frage, ob es sich um Revolution, Wende oder Wechsel handelte, helfen. Solche Indikatoren sind zum Beispiel der ökonomische Verfall, die Etablierung neuer sozialer Gruppen und deren Mobilisierung sowie die Abkehr der Intellektuellen vom System. Systemimmanente Ineffizienz und Korruption, die mangelnde Glaubwürdigkeit der Regierung, der Verlust des Selbstbewusstseins der herrschenden Eliten samt ihrer inneren Spaltung sowie der unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt können ebenso zum Sturz eines politischen Systems durch eine Revolution führen. Eine Revolution bedarf eines vorrevolutionären Entwicklungsprozesses, der sich über Jahre hinweg als Widerstand im Untergrund entwickelt und alternative politische Entwürfe hervorbringt. Der schließlich eintretende revolutionäre Prozess strukturiert dann die Verhältnisse gemäß den realen oder unterstellten Bedürfnissen der Gesellschaft neu. Gewalt ist dabei nicht notwendig ein Bestandteil, auch wenn sich Systemgegner und Bewahrer der alten Herrschaftsordnung zunächst unversöhnlich gegenüberstehen.
Revolution am Beispiel DDR
Die Frage, ob man mit Blick auf die DDR nun von Revolution oder Wende sprechen kann, hat nicht zuletzt mit der Entwicklung Ostdeutschlands nach dem 3. Oktober 1990 zu tun. Viele Menschen hatten, trotz anfänglicher Euphorie, negative Erfahrungen mit dem neuen politischen und wirtschaftlichen System gemacht – eine Enttäuschung, die teilweise zu Verschiebungen in der Wahrnehmung der Vergangenheit im sozialistischen Staat führte. So hat im Osten Deutschlands vielfach der Wende-Begriff in den alltäglichen Sprachgebrauch Einzug gehalten. Sieht man von einer im Alltag gängigen Konnotation des Revolutionsbegriffs mit dem Gebrauch physischer Gewalt ab, lässt sich feststellen, dass sich 1989 eine Revolution ereignet hat. Die entsprechende terminologische Charakterisierung der Veränderungen wird dadurch gestützt, dass am Ende des revolutionären Prozesses die Wahlen vom 18. März 1990 standen, die die Revolution als politischen Umwälzungsprozess auch formal endgültig zu einem Abschluss brachten und die Ziele der Demonstranten/innen umsetzten.
Mit Blick auf die gesellschaftspolitische Bedeutung dieser Veränderungen scheint der Begriff der Wende ungeeignet. Denn die ideologisch gefärbte Rede von einer Wende suggeriert eine imaginäre Reformierung der DDR durch die alt-neue Staatsführung unter Egon Krenz – die aber nicht stattfand – und relativiert zugleich die Rolle der Demonstranten/innen. Letztlich bedeutet Wende eine moderate Änderung des politischen Kurses, wie beispielsweise Glasnost und Perestroika in der UdSSR, also eine Reform, die von der Politik veranlasst wird. Revolution meint dagegen eine radikale Umwälzung, die von Teilen der Bevölkerung ausgeht. Insofern beziehen sich die Unterschiede auf das Wesen der Veränderungen und die Frage, wer sie trägt bzw. veranlasst.
Aber auch die zur Beschreibung dieses epochalen Ereignisses häufig bemühten Begriffe friedliche sowie demokratische Revolution suggerieren letztlich ein Trugbild. Zum einen gab es teilweise heftige Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, zum anderen hängt diesen Begriffen aber auch der Wunsch an, eine Tradition des friedlichen, zivilgesellschaftlichen Engagements für die Demokratie zu begründen, die in der an gescheiterten Revolutionen sowie autoritären und diktatorischen Gesellschaften reichen Geschichte Deutschlands wenig Vorbilder hat.
Sozialistische Massenmobilisierung als Indikator der Revolution?
Wie konnte innerhalb so kurzer Zeit eine so große Zahl von Menschen revolutionär mobilisiert werden? Die sozialistische Praxis der Mobilisierung von Massen als Erklärungsmuster für den sprunghaften Anstieg der Demonstranten/innen heranzuziehen, wie es Phillipp Ther in seinem Beitrag macht, ist keineswegs zwingend. Allein die Gewohnheit, permanent an staatlich verordneten Massenkundgebungen teilzunehmen, kann kein hinreichender Grund für den Mobilisierungsgrad im Herbst 1989 gewesen sein. Im Gegenteil: Gerade die ständige Teilnahme an Massenaufmärschen hätte bei den Menschen eher zu Überdruss führen können. Der Prozess einer kurzfristigen Entstehung und Etablierung zivilgesellschaftlicher Strukturen und ihre Sogwirkung auf all diejenigen, die sich in die Protestzüge einreihten, muss deshalb mit der tiefen Unzufriedenheit, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit der Menschen in Osteuropa zu tun gehabt haben. Die Krise des Systems war in allen Ländern nicht mehr zu übersehen: Zum ökonomischen Verfall kam eine fern der gesellschaftlichen Realität lebende und regierende Nomenklatura, die repressiv gegen Andersdenkende vorging. Diese stellten Forderungen, denen das Regime aufgrund seiner systembedingten Unfähigkeit nicht nachkommen konnte (wirtschaftlicher Wohlstand) oder wollte (Menschenrechte, demokratische Mitbestimmung). Die Mobilisierung erschließt sich daher vor allem mit Blick auf den lange aufgestauten und sich schrittweise vermehrenden Unmut der Menschen über die Unfähigkeit ihrer Regierungen, die sie zudem bewusst unmündig hielten.
Eine wesentliche Voraussetzung, dass sich dieser Unmut überhaupt wirkungsvoll Bahn brechen und einen hohen Mobilisierungsgrad erreichen konnte, war die Aufgabe der Breschnew-Doktrin und die Erklärung Gorbatschows, sich generell nicht mehr in die innere Entwicklung der sozialistischen Länder einmischen zu wollen. Von dieser tiefgreifenden Veränderung der sowjetischen Außenpolitik gingen Signale an die Dissidenten/innen und die späteren Demonstranten/innen aus, keine Angst mehr vor einem Eingreifen wie 1953, 1956 oder 1968 haben zu müssen, was wiederum zur Mobilisierung beitrug. Ein weiterer Effekt dieser sowjetischen Verzichtserklärung war, dass die Satelliten-Regime ohne Moskaus militärische Unterstützung in inneren Angelegenheiten geschwächt waren. Hinzu kommt, dass sich die Regime nicht mehr der Blocksolidarität wie etwa beim Prager Frühling gewiss sein konnten und das Eingreifen befreundeter Bruderländer somit ausgeschlossen war.
Diese außenpolitische Komponente trug dazu bei, dass die Demonstrationsteilnehmer/innen ihre Angst überwinden konnten, mit deren Hilfe die Machthaber regiert und das System stabilisiert hatten.
Revolution – auch ohne Gewalt
Die häufig gestellte Frage, ob es sich bei den Ereignissen von 1989/90 angesichts der relativen Gewaltlosigkeit tatsächlich um eine Revolution handelte, ist nicht wirklich zielführend, da diese Art der normativen Kategorisierung Ursachen und Folgen aus dem Blick verliert und mehr politische als historische Intentionen verfolgt. Das Problem liegt eher in der attributiven Apostrophierung, mit der das Phänomen Revolution belegt wird. Friedlich, demokratisch oder verhandelt, dahinter stecken bestimmte Gewichtungen, Einschränkungen bzw. Überhöhungen der Ereignisse, die nicht unproblematisch sind.
Der Begriff verhandelte Revolution ist hierbei zwar in Bezug auf die Bedeutung des Runden Tisches in allen Ländern des Ostblocks durchaus passend gewählt, aber eben nur für jene Phase des Umbruchs, die eigentlich schon als Teilergebnis der Revolution gewertet werden kann: Anerkennung der Opposition als Verhandlungspartnerin durch die herrschende Elite, damit einhergehend deren Legalisierung und das Ende der Repression samt Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit, das Brechen des Herrschaftsmonopols der jeweils herrschenden Partei sowie die Perspektive der Teilung bzw. Kontrolle von Macht. Das aktive Element der Demonstrationen, des zivilen Ungehorsams und Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse, die einen Runden Tisch erst ermöglichten, vernachlässigt das Attribut verhandelte dabei, da es den Revolutionsprozess auf einen Aspekt pauschal reduziert.
Gleichwohl ist es eben diesem bis dato wohl beispiellosen Verlauf einer Revolution geschuldet, sie durch dieses oder jenes Attribut besser einzuordnen und greifbarer machen zu können. Um dieses durchaus nachvollziehbare Anliegen zu erreichen, scheint höchstens eine zeitliche Einordnung ohne sprachlich-semantische Einschränkung sinnvoll zu sein, da sie unverfänglicher wäre und zugleich einen periodisierenden Marker setzen würde. So wären 1989er-Revolution oder Herbstrevolution von 1989 denkbare Varianten, da dieses Jahr die größte Schnittmenge der Veränderungen in allen Ländern aufweist.
Die Unumkehrbarkeit der Ereignisse und der von ihren Akteuren geschaffenen Fakten samt ihrer Folgen machen 1989 zu einem Revolutionsjahr, unabhängig von der damaligen oder heutigen Sicht der mitunter politisch enttäuschten Beteiligten. Denn dieser Revolution ging ein Prozess von Veränderungen im Denken und Handeln der Menschen voraus, die sich in entsprechenden Gruppen zusammenfanden, da sie die herrschende Krise ihres Systems, durch eben dieses verursacht, nicht mehr ertragen wollten. Der spürbare und sichtbare ökonomische Verfall ab dem Ende der 1970er-Jahre war auch eine Metapher für den Zustand der Gesellschaften. Die Regime waren nicht mehr in der Lage, ihre ideologisch begründeten Versprechungen von Wohlstand und einer besseren sozialistischen Welt einzuhalten. Die offenbar werdende Ineffizienz des Systems, der Verlust des Vertrauens der Bevölkerung in die Machthaber und deren weiterhin repressive, unverhältnismäßig gewalttätige Antworten auf die Wünsche der Bevölkerung nach Veränderungen brachten die Menschen gegen die Diktaturen auf – und diese schließlich zum Einsturz. Die Unentschlossenheit und innerparteiliche Zerklüftung der herrschenden gerontokratischen Eliten sowie der fehlende Rückhalt aus Moskau taten ihr Übriges, den Zusammenbruch der Herrschaft zu beschleunigen und unumkehrbar zu machen. Damit liegen signifikante Indikatoren für eine Revolution vor, die diese Bezeichnung ohne attributive Einschränkung verdient.
19. Juli 2010
Alexander Klaehr, Universität Potsdam
-- E. Meier 22:14, 12. Feb. 2010 (UTC)
Hallo, wo lassen sich denn Quelle und Lizenz zu dem Polizeifoto finden?
Re: -- Bartlitz@online.de 13:49, 23. Feb. 2010 (UTC)
- Siehe die Angaben auf der Dateiseite http://docupedia.de/zg/Datei:1989_polizisten.jpg
