Mitscherlich, Unfähigkeit zu trauern

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Tobias Freimüller, Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“,
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.05.2011
(Wiederveröffentlichung von: Tobias Freimüller, Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“, in: Jürgen Danyel/Jan-Holger Kirsch/Martin Sabrow (Hrsg.), 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 66-70.)
Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München: R. Piper & Co. 1967.
Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München: R. Piper & Co. 1967.
Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“

Mit dem Essayband „Die Unfähigkeit zu trauern” legten Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 einen Schlüsseltext für die „Bewältigung” der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik vor.[1] Der von dem Ehepaar gemeinsam verfasste Titelessay, der ein knappes Viertel des Buches füllte, brachte den seit den späten 1950er-Jahren zunehmend diskutierten moralischen Skandal der „unbewältigten” NS-Vergangenheit auf den – psychoanalytischen – Begriff. Dass das Buch über weite Strecken schwer lesbar war und ist, stand der raschen Verbreitung zumindest seines eingängigen Titels nicht entgegen.

Alexander Mitscherlich (1908–1982)[2] hatte bereits seit 1945 „massenpsychologische” Fragestellungen verfolgt. Seine Überlegungen, die methodisch äußerst unkonventionell Anthropologie, Soziologie und Psychoanalyse verbanden, publizierte er zusammenhängend erstmals 1963 unter dem Titel „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft”. Im Mittelpunkt dieser Gegenwartsdiagnose stand der Verlust traditioneller Wert- und Normvorgaben, den der Mensch in der säkularisierten, aufgeklärten und damit in mehrfacher Hinsicht „vaterlosen” Moderne erfahre. In diesem Orientierungsverlust sah Mitscherlich Chance und Gefahr zugleich: Die Chance bestand in der Stärkung der kritischen „Ich-Leistung” des Individuums und damit in einer massenhaften Selbstaufklärung der Gesellschaft. Nur so war für Mitscherlich die Gefahr der „Vermassung” zu bannen. Diese nämlich drohe dort, wo das Individuum infolge seines kompensatorischen Strebens nach neuem Halt anfällig für Ideologien und „Massenwahn” werde.

Es lag nahe, diese sozialpsychologische Grundannahme auf das historische Exempel des Nationalsozialismus anzuwenden, in dem die Mitscherlichs modernen „Massenwahn” und die Übertragung des kollektiven Ich-Ideals an einen „Führer” in extremer Form realisiert sahen. Nach 1945, so diagnostizierten die Autoren der „Unfähigkeit zu trauern”, habe das Scheitern des geliebten Führers zum „,Erwachen' aus einem Rausch” und zu einer „traumatische[n] Entwertung des eigenen Ich-Ideals” geführt, zu deren Abwehr die „Derealisierung” des Geschehenen nötig geworden sei (S. 74, S. 30, die Zitate im Text folgen der 2004 erschienenen 18. Auflage der Neuausgabe von 1977). An die Stelle von Trauerarbeit gemäß Freuds Formel „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten” sei die Verleug-nung der Vergangenheit getreten. Die „manische Abwehr durch Ungeschehenmachen im Wirtschaftswunder” habe jene „blitzartige Wandlung” ermöglicht, infolge derer die Deutschen den Nationalsozialismus fortan wie die „Dazwischenkunft einer Infektionskrankheit in Kinderjahren” hätten betrachten können (S. 25). Die Folge dieser „autistischen Haltung” der Erinnerungsverweigerung war aus Sicht der Autoren eine „auffallende Gefühlsstarre” der Deutschen, „die sich in unserem gesamten politischen und sozialen Organismus bemerkbar macht” (S. 38, S. 17). Belege für diesen psycho-sozialen Immobilismus fanden die Mitscherlichs in dem „Tabu”, das um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze entstanden sei, aber auch im „emotionelle[n] Antikommunismus” der Nachkriegszeit, in dem sich offizielle staatsbürgerliche Gesinnung und fortbestehende ideologische Elemente des Nationalsozialismus amalgamiert hätten (S. 15, S. 42).

Die Diagnose einer „apolitisch konservative [n] Nation” (S. 18f.), die sich vorerst nicht auf die demokratische Gesinnung ihrer Bürger stützen könne, fand in den Rezensionen des Buches breite Zustimmung.[3] Es herrschte Konsens, dass es den Autoren „zum ersten Mal überzeugend” gelungen sei, den inneren Nachweis für „das verblüffende Phänomen des sozialen und politischen Immobilismus des Bonner Staats zu führen”.[4] Hinter diesem Aspekt drohte in der zeitgenössischen Rezeption die brisante Kernaussage des Buches fast zu verschwinden: Die Mitscherlichs stellten nicht nur einen Zusammenhang her zwischen der „Verdrängung” der NS-Vergangenheit und der psychischen Verfassung der westdeutschen Gesellschaft zur Zeit der Großen Koalition, sondern sie führten die kollektive „Unfähigkeit” der Deutschen zur „Aufarbeitung” der Vergangenheit explizit auf ihre massenhafte Integration in die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft” zurück.

Eingehend rangen die Rezensenten des Buches einerseits mit dem fremden psychoanalytischen Vokabular und andererseits mit der methodischen Unbekümmertheit der Mitscherlichs, vom Individuum auf das Kollektiv zu schließen. Im „Merkur” bekannte Horst Krüger, dem faszinierenden Gedankengang nicht ganz trauen zu können: „Das Verfahren ist in sich schlüssig, fast zu brillant schlüssig, um nicht beim kritischen Leser einen Rest von Skepsis wachzurufen.”[5] Heute ist leichter erkennbar, dass die Anschlussfähigkeit der These von der „Unfähigkeit zu trauern” nicht in ihrer empirischen Beweiskraft lag, sondern in der treffenden Benennung eines in der Luft liegenden Problems. Gerade der theoretische Rückfall in eine „schon überwunden geglaubte Völkerpsychologie” machte die Kollektivdiagnose der Mitscherlichs „unmittelbar anschlußfähig für jeden (Nicht)experten”.[6]

Kaum problematisiert wurde auch die auffällig ahistorische Herangehensweise der Autoren. Schon sprachlich zeigte der Begriff der „Unfähigkeit” an, dass dem Text die Annahme einer gewissen psychologischen Zwangsläufigkeit zugrunde lag, mit der die Deutschen nach 1933 dem Führer verfallen seien und sich nach 1945 reflexhaft von ihm abgewandt hätten. Die Mitscherlichs argumentierten nicht in Kategorien von Verantwortung, Schuld und historischer Konkretion, sondern beschrieben die psychische Geschichte eines Kollektivs, ohne dem NS-Staat als historischem Gegenstand dabei allzu nahe zu kommen. Demzufolge ließ sich der Text auch kaum als Mahnung lesen, aktiv an die Erforschung und „Aufarbeitung” der Vergangenheit zu gehen, sondern allenfalls als Plädoyer, die Gesellschaft durch Stärkung der individuellen kritischen „Ich-Leistung” gegen zukünftige Bedrohungen zu immunisieren.

Ähnlich wie die Faschismusanalysen der Frankfurter Schule suggerierte der Text der Mitscherlichs damit, die von der Elterngeneration verantwortete moralische Katastrophe des Nationalsozialismus nicht nur erklären zu können, sondern auch eine Perspektive zu bieten, wie sich das Versagen der Eltern durch „richtiges” Verhalten gleichsam kompensieren lasse. Ohne die Ebene historischer Fakten wirklich zu berühren, konnte es „Die Unfähigkeit zu trauern” der Generation der „Achtundsechziger” deshalb zweifellos erleichtern, „einen intransingenten ‚Anklägerstandpunkt' gegenüber der Elterngeneration einzunehmen”.[7] Bezeichnenderweise ging mit der Hegemonie, die das Wort von der „Unfähigkeit zu trauern” während der 1970er-Jahre im Selbstverständigungsdiskurs der Bundesrepublik erlangte, eben keine breite Rethematisierung und Erforschung der NS-Vergangenheit einher. Erst die Fernsehserie „Holocaust” und die nachfolgenden Gedenktage stießen ab 1979 jene Debatte an, die „Die Unfähigkeit zu trauern” noch umschifft hatte.

Missverstanden – wie oftmals behauptet wird[8]wurde die Hauptthese des Buches von den Zeitgenossen allerdings nicht. Dass nach Ansicht der Mitscherlichs nicht primär die Trauer um die Opfer, sondern die Trauer um den geliebten „Führer” versäumt worden war, war zumindest den Rezensenten um 1968 sehr klar. Als aber der Buchtitel in späterer Zeit zum Schlagwort erstarrte, löste sich der Begriff der „Unfähigkeit zu trauern” vom dahinterstehenden psychoanalytischen Argument. Es ist nicht ohne Ironie, dass schließlich auch Margarete Mitscherlich-Nielsen dieser Umdeutung aufsaß, als sie 1987 die Kernaussage der „Unfähigkeit zu trauern” selbst in der entschärften Form rekapitulierte.[9]

Dezidierten Widerspruch fanden die Mitscherlich-These und ihre vereinfachte Rezeption erstmals, als Hermann Lübbe 1983 postulierte, „dass die bekannte Verdrängungsthese falsch” sei.[10] Lübbe, der das „kommunikative Beschweigen” der NS-Vergangenheit in den 1950er-Jahren als notwendig zur gesellschaftlichen Integration der jungen Bundesrepublik erachtete, beschrieb in seinem umstrittenen Text die andere Seite des von den Mitscherlichs angesprochenen Zusammenhangs – und hob statt der moralischen und politischen Kosten, die die „Unfähigkeit” zum selbstkritischen Umgang mit der Vergangenheit verursacht hatte, deren langfristig stabilisierende Wirkung hervor.

1992 warf der Psychoanalytiker Tilmann Moser den Mitscherlichs vor, den Deutschen mit ihrem Text nicht nur jede Einfühlung verweigert zu haben, sondern zudem die junge Generation für die Verweigerung einer intergenerationellen Verständigung mit der Elterngeneration geradezu munitioniert zu haben.[11] Moser machte in der „Unfähigkeit zu trauern” eine „verfolgerische Anklage gegen die Deutschen” aus, welche die „archaische Strafe” ausblende, die Bombenkrieg und Vertreibung bedeutet hätten. Indem er Täter- und Opferpositionen umkehre, zelebriere Moser – so vermutete damals Christian Schneider – „ein Ritual, das Chancen hat, in Mode zu kommen”.[12] Tatsächlich deutete sich wenige Jahre später ein Wandel im Umgang mit der NS-Vergangenheit an. 1969 hatte Alexander Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. An gleicher Stelle reklamierte 1998 Martin Walser für sich das Recht, vom „Erinnerungsdienst” an die NS-Vergangenheit – den nicht zuletzt das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern” einst angemahnt hatte – entbunden zu werden.

Der vermeintlich bislang tabuisierte Opferstatus der Deutschen hat seither immer häufiger die Debatte über die NS-Vergangenheit bestimmt. Anders als zur Entstehungszeit der „Unfähigkeit zu trauern” geschieht dies jedoch nicht auf Kosten der Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer, sondern im Kontext einer weithin etablierten kritischen Erinnerungskultur, die auch die Erinnerung an Deutsche als Opfer zulässt. Dies wäre zumindest die optimistische Lesart der gegenwärtigen Konstellation.

Anmerkungen

  1. Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München: R. Piper & Co. 1967; Neuausg. 1977; 18. Aufl. d. Neuausg. 2004. Bei dem vorliegenden Aufsatz handelt es sich um eine vom Vandenhoeck & Ruprecht Verlag Göttingen genehmigte Wiederveröffentlichung: Tobias Freimüller, Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“, in: Jürgen Danyel/Jan-Holger Kirsch/Martin Sabrow (Hrsg.), 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 66-70.
  2. Zu Person und Werk siehe u.a. Hans-Martin Lohmann, Alexander Mitscherlich, Reinbek bei Hamburg 1987; Angelika Ebrecht, Alexander und Margarete Mitscherlich – Erinnerungsarbeit als politische Kritik, in: Claudia Fröhlich/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Engagierte Demokraten. Vergangenheitspolitik in kritischer Absicht, Münster 1999, S. 277-288; Martin Dehli, Leben als Konflikt. Zur Biographie Alexander Mitscherlichs, Göttingen 2007.
  3. Vgl. Tobias Freimüller, Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland und die „Unfähigkeit zu trauern“, in: Françoise Lartillot (Hrsg.), Die Unfähigkeit zu trauern/Le deuil impossible de Alexander und Margarete Mitscherlich, Nantes 2004, S. 11-26.
  4. So etwa Horst Krüger, Psychoanalyse und Politik, in: Merkur 22 (1968), S. 457-460, hier S. 460.
  5. Ebd.
  6. Detlev Claussen, Über Psychoanalyse und Antisemitismus, in: Alfred Krovoza (Hrsg.), Politische Psychologie. Ein Arbeitsfeld der Psychoanalyse, Stuttgart 1996, S. 94-116, hier S. 97.
  7. Christian Schneider, Jenseits der Schuld? Die Unfähigkeit zu trauern in der zweiten Generation, in: Psyche 47 (1993), S. 754-774, hier S. 765.
  8. Vgl. Eckhard Henscheid, Die Unfähigkeit zu trauern oder so ähnlich. Ein Spezialkapitel zur Kulturgeschichte der Mißverständnisse, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.6.1993.
  9. Margarete Mitscherlich-Nielsen, Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt a.M. 1987, S. 26f.
  10. Hermann Lübbe, Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Gegenwart, in: Historische Zeitschrift 236 (1983), S. 579-599.
  11. Tilmann Moser, Die Unfähigkeit zu trauern: Hält die Diagnose einer Überprüfung stand? Zur psychischen Verarbeitung des Holocaust in der Bundesrepublik, in: Psyche 46 (1992), S. 389-405.
  12. Schneider, Jenseits der Schuld? (Anm. 6), S. 770.

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Tobias Freimüller, Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“,
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