Schnell gewalt gewaltforschung v1 de 2014

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Gewalt und Gewaltforschung
Weder im alltagssprachlichen Gebrauch noch in der Wissenschaft ist es kaum möglich zu sagen, was Gewalt ist. Entsprechend handelt es sich bei der Gewaltforschung um ein fast unüberschaubares Feld, das sich mit Kriegen bis hin zu sprachlichen Praktiken oder Rollenverteilungen in privaten Räumen beschäftigt. Felix Schnell stellt in seinem Artikel das Spektrum der gängigen Gewaltbegriffe dar, schildert die Entwicklung der relativ jungen Gewaltforschung im engeren Sinne und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungstendenzen.
Gewalt und Gewaltforschung

von Felix Schnell

Einleitende Bemerkungen

„Das ist ja Gewalt!“ – sollen Caesars vorletzte Worte gewesen sein.[1] Heutzutage bedarf es weit weniger als einer Messerattacke, um von Gewalt zu reden. Ein Wort, eine Geste, ein Zustand kann im öffentlichen Diskurs als Gewalt bezeichnet und entsprechend skandalisiert werden. Denn das nackte Wort Gewalt hat eine negative, wenn nicht düstere Konnotation. Ausgehend vom alltagssprachlichen Gebrauch ist es heutzutage kaum möglich zu sagen, was Gewalt ist. Auch die Wissenschaft gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage. Sie spannt vielmehr ein breites Spektrum verschiedener, mal engerer, mal weiterer und auch spezieller Gewaltbegriffe auf.

Entsprechend handelt es sich bei der Gewaltforschung um ein fast unüberschaubares Feld, das sich mit Kriegen bis hin zu sprachlichen Praktiken oder Rollenverteilungen in privaten Räumen beschäftigt. Es kommt dazu, dass Gewalt als Bestandteil vieler sozialer Phänomene nicht immer primäres Erkenntnisobjekt ist. Neben einer „genuinen“ Gewaltforschung leisten daher auch Untersuchungen, die in erster Linie an anderen Aspekten interessiert sind, wichtige Beiträge zur Gewaltforschung. Gewalt ist Gegenstand vieler wissenschaftlicher Disziplinen, der Psychologie, Soziologie, Ethnologie oder Geschichte, um nur die wichtigsten zu nennen.[2] In diesem Artikel wird in erster Linie auf die Geistes- und Sozialwissenschaften eingegangen. Zunächst wird das Spektrum der gängigen Gewaltbegriffe dargestellt, in einem zweiten Teil die Entwicklung der relativ jungen Gewaltforschung im engeren Sinne vorgestellt sowie im dritten Teil ein Überblick über aktuelle Tendenzen gegeben.


Was ist Gewalt?

In systematischer Hinsicht gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort, sondern ein Spektrum von Begriffsangeboten, deren Extreme als „weite“ und „enge“ Gewaltbegriffe gefasst werden können.[3] „Weite“ Gewaltbegriffe, für die Johan Galtungs „strukturelle Gewalt“ das einschlägigste Beispiel darstellt, beziehen demgegenüber auch nicht-physische Handlungen und strukturelle Momente mit ein. Im Falle des Galtung’schen Gewaltbegriffs geht diese Erweiterung bis hin zu Phänomenen „sozialer Ungerechtigkeit“, die Galtung auch explizit als Synonym struktureller Gewalt bezeichnete. Gewalt herrscht nach Galtung bereits dann, wenn die „aktuelle“ Entwicklung und Entfaltung von Individuen hinter der „potentiellen“ zurückstehe.[4] In öffentlichen Diskursen fand dieser Gewaltbegriff großen Anklang, da er gestattete, der Skandalisierung sozialer Missstände zusätzliche Wirkung zu verschaffen. Die große Extension des Begriffs nimmt ihm aber seine diskriminative Kraft und vermindert seine Tauglichkeit als analytische Kategorie.[5] In abgemilderter Form ist der Begriff der strukturellen Gewalt jedoch immer noch aktuell.[6]

Die Frage ist nur, ob sich entsprechende Phänomene nicht präziser mit den Begriffen „Zwang“ und „Macht“ fassen lassen. Das ist ein Argument, das Heinrich Popitz für einen „engen“ Gewaltbegriff ins Spiel gebracht hat. Popitz reserviert den Gewaltbegriff für direkte, gegen den Körper gerichtete Verletzungsaktionen. Gewalt ist ihm zufolge ausschließlich „physische Gewalt“. Gewalt ist nach Popitz eine „Jedermanns-Ressource“: Jeder Mensch könne jederzeit und überall Gewalt ausüben, weil allein schon der menschliche Körper eine – unter Umständen – tödliche Waffe sei. Gleichzeitig sei der menschliche Körper aber extrem „verletzungsoffen“. Die Asymmetrie zwischen dem, was man antun, und dem, was man erleiden könne, zwinge Menschen, sich zur Potenzialität gewalttätigen Handelns zu verhalten, da Gewalt immer eine aussichtsreiche Chance darstellen könne, Interessen durchzusetzen oder Macht auszuüben. Und da Gewalt in letzter Konsequenz nur durch mehr Gewalt zu begegnen sei und Potenzialitäten nicht aus der Welt geschafft werden könnten, bleibe Gewalt ein Faktum des Lebens oder könne als anthropologische Konstante aufgefasst werden.

Aus diesem Gedanken heraus analysiert Popitz Prozesse der Machtbildung, bei denen Androhung von Gewalt und Belohnungen eine zentrale Rolle spielen, aber auch Vervielfältigung der Zerstörungskraft von Gewalt durch Technik und schließlich die Verfügung über Gewaltmittel durch Autorität und Wissen. Popitz plädiert für eine Engführung des Gewaltbegriffs auf physische, gegen den Körper gerichtete Gewalt, weil die ultimative Bedrohung desjenigen, der sich Machtstrukturen widersetze, immer die Zufügung von Schmerz, die Verletzung oder schließlich Zerstörung des Körpers sei. Letztere müsse nicht durch einen direkten physischen Angriff erfolgen. Sie könne auch die Konsequenz des Entzugs lebenswichtiger Ressourcen sein, die zu Hunger oder Krankheit führen würden. Auf diese Art und Weise kann Popitz viele soziale Phänomene, die verschiedene Theorien als „strukturelle Gewalt“ fassen, mit anderen Begriffen beschreiben und der Forschung damit ein zugleich sparsameres und präziseres Begriffsinstrumentarium anbieten.[7] Deshalb und weil die Forschung sich in den letzten Jahrzehnten auf die Untersuchung konkreter physischer Gewalt und ihrer Akteure konzentriert hat, erfreut sich Popitz’ Gewaltbegriff gegenwärtig großer Beliebtheit.

Zwischen den Gewaltbegriffen von Popitz und Galtung rangieren andere, die nicht immer eine eigene Bezeichnung führen. Zu den weiten Gewaltbegriffen gehört etwa Bourdieus „symbolische Gewalt“, die in Anerkennung, Ausspielung und damit auch in der Reproduktion sozialer Herrschaftsverhältnisse und von Ungleichheit Gewaltakte sieht. Dieser Gewaltbegriff schließt physische Gewalt allerdings nicht ein, sondern setzt sie sogar davon ab.[8] Eher zu den engeren Gewaltbegriffen ist „sanfte Gewalt“ zu zählen, die in der deutschsprachigen Forschung eine gewisse Rolle spielt. Darunter werden physische Handlungen verstanden, die nicht oder nicht in erster Linie zu physischen, sondern zu psychischen Verletzungen und sozial relevanten Deformationen führen.[9] Für alle genannten Varianten lassen sich treffliche Argumente ins Feld führen, klare Ausschlusskriterien sind nicht in Sicht. Letztlich ist die Wahl des Gewaltbegriffs den Erkenntnisinteressen der Forscher/innen, forschungspragmatischen Überlegungen oder auch politischen Anliegen geschuldet.

Neben unterschiedlichen Gewaltkonzepten gibt es auch verschiedene thematische Gewaltbegriffe: politische, ethnische, religiöse, häusliche, sexuelle, kriminelle Gewalt und so fort. Praktisch jeder Lebensbereich, in dem Gewalt – in welcher Form auch immer – auftritt, kann attributiv mit ihrem Begriff verbunden werden. Diese Begriffskombinationen sortieren aber lediglich Gewaltphänomene und stecken Untersuchungsgebiete ab, begriffliche Konzepte sind mit ihnen in der Regel nicht verbunden.

In historischer Hinsicht hat sich der Gewaltbegriff in verschiedenen Sprachräumen sehr unterschiedlich entwickelt. Im Deutschen deckt „Gewalt“ ein semantisches Feld ab, das im Englischen, aber auch in den romanischen Sprachen durch mehrere Begriffe wiedergegeben wird – so im Englischen mit „power“, „violence“, „force“ oder „governance“. Die deutsche Begriffsgeschichte zeichnet sich überdies durch eine beträchtliche Dynamik aus, die ausgehend von der frühen Neuzeit fast zu einem Austausch der Bedeutungen von „Gewalt“ und „Macht“ führte.[10] Spiegeln sich darin einerseits historische Prozesse, so scheinen sich diese unterschiedlichen Begriffsgeschichten andererseits auch inhaltlich auf wissenschaftliche Diskussionen und Fragestellungen ausgewirkt zu haben. Jedenfalls wird die Frage, was Gewalt ist, in der deutschsprachigen Soziologie sehr viel kontroverser diskutiert als im französischen oder angelsächsischen Wissenschaftsdiskurs.


Vorläufer und Entstehung der Gewaltforschung

Die Geschichte kennt keine „gewaltfreien“ Zeiten oder Räume. Es gibt einerseits gute Gründe anzunehmen, dass Gewalt im Rahmen von Kriegen gegen „Andere“ und „Fremde“ in der Vergangenheit einerseits als „normal“ empfunden worden ist oder zumindest als notwendiges, schicksalhaftes Übel. Andererseits genoss der „Krieger“ oder „Soldat“ bis ins 20. Jahrhundert in der Regel eine hohe soziale Reputation, die sich unter anderem an der Repräsentation des Militärischen in Denkmälern, aber auch in der Literatur und öffentlichen Diskursen ablesen lässt. Erst die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen vor allem in Teilen der nördlichen Hemisphäre zu einem Umdenken geführt zu haben.[11] Der Krieg erscheint heute in der Regel als Übel. In früheren Zeiten wurde Gewalt in erster Linie dann zu einem Problem, wenn sie unter „Eigenen“, im Inneren stattfand. Das Erschrecken des Thukydides über den Peloponnesischen Krieg erklärt sich vor allem aus dem, was Griechen einander antaten und im Falle eines Kriegs gegen „Barbaren“ wahrscheinlich nicht der Rede wert gewesen wäre.[12]

Im christlichen Abendland ist denn Gewalt auch erst durch Bürgerkriege zu einem theoretischen Problem geworden. Die Idee des souveränen Staats, der im Inneren ein Gewaltmonopol beansprucht, leitet sich vor dem Hintergrund einer größeren ökonomischen Verwundbarkeit komplexerer und stärker ausdifferenzierterer Gesellschaften aus einem internen Friedensbedürfnis her und wurde auch damit gerechtfertigt.[13] Diese Problematik schlug sich zum ersten Mal prominent im „Leviathan“ von Thomas Hobbes nieder, der stark von den Ereignissen des englischen Bürgerkriegs beeinflusst war. Die Überwindung des Naturzustands der Menschheit, den Hobbes als „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) versteht, erfordere die höhere Gewalt eines Souveräns, die der Gewalt der Menschen untereinander ein Ende setze.[14] In die gleiche Richtung argumentierte Machiavelli, wenn er dem Fürsten Gewalt als Herrschaftsmittel empfahl, dabei gleichzeitig aber zu ihrer klugen Anwendung riet.[15]

Ein Schlüsseldokument für Georges Bataille: Gewalt, Schmerz und Entrückung während einer öffentlichen Hinrichtung in China. Dieses Foto zeigt die letzte offizielle Hinrichtung in China 1905 durch die „tausend Schnitte“ (Lingchi), eine Form des langsamen Zu-Tode-Folterns. Das Foto und damit die Hinrichtungsmethode des Lingchi wurde u.a. durch den illustrierten Reisebericht von Louis Carpeaux „Pékin qui s'en va“ (Peking wie es war) von 1913  in Frankreich bekannt. Bataille veröffentlichte mehrere Fotos davon in seiner illustrierten Kunstgeschichte „Les larmes d'eros“ (Die Tränen des Eros) 1961. Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Supplice_Fou-Tchou-Li.jpg?uselang=de Wikimedia Commons] ([http://en.wikipedia.org/wiki/Public_domain?uselang=de gemeinfrei]).
Ein Schlüsseldokument für Georges Bataille: Gewalt, Schmerz und Entrückung während einer öffentlichen Hinrichtung in China. Dieses Foto zeigt die letzte offizielle Hinrichtung in China 1905 durch die „tausend Schnitte“ (Lingchi), eine Form des langsamen Zu-Tode-Folterns. Das Foto und damit die Hinrichtungsmethode des Lingchi wurde u.a. durch den illustrierten Reisebericht von Louis Carpeaux „Pékin qui s'en va“ (Peking wie es war) von 1913 in Frankreich bekannt. Bataille veröffentlichte mehrere Fotos davon in seiner illustrierten Kunstgeschichte „Les larmes d'eros“ (Die Tränen des Eros) 1961. Quelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei).


Wenn sich Gelehrte seit der frühen Neuzeit mit Gewalt befassten, dann ging es dabei ausschließlich um Herrschaft und Ordnung im Staat sowie um die Legitimierung und Begrenzung obrigkeitlicher Gewaltanwendung. Private Gewalt erscheint hier als Übel, das nur durch das geringere Übel der staatlichen Gewalt aus der Welt geschafft werden könne. Die Gewalt selbst blieb dabei stets außerhalb des Reflexionshorizonts der Gelehrten, da sie ihnen fremd war und an sich keine positiven Eigenschaften zu haben schien. Wer nur mit Feder und Tintenfass bewaffnet war, hatte von Gewalt nichts Gutes zu erwarten, beobachtete bestenfalls ihre zerstörerischen Wirkungen und wurde schlimmstenfalls ihr Opfer, unter Umständen auch von obrigkeitlicher Gewalt. Gewalt unterlag daher lange Zeit gewissermaßen einer „epistemischen Aussparung“. Sie manifestiert sich bis heute, etwa in irritierten Reaktionen auf die Schriften eines Georges Bataille oder Wolfgang Sofsky, denen implizit eher Faszination und Lust an der Gewalt als wissenschaftliches Interesse unterstellt wurde.[16]

Schweigen über Gewalt in der beginnenden modernen Sozialwissenschaft

Zur epistemischen Aussparung trat mit dem Rationalitätskult der Aufklärung ein weiterer Faktor, der die Gewalt gewissermaßen hinter den wissenschaftlichen Horizont verbannte, weil Gewalt in einer vernünftigen Ordnung scheinbar keinen Platz hatte. Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wiederum hatte zwar viel über Kriege, Schlachten, Feldherren und große Politik zu erzählen, schwieg sich über konkrete Gewalt jedoch aus. Auch die mit Herbert Spencer, Auguste Comte, Georg Simmel oder Émile Durkheim aufkommende Soziologie hatte in analytischer Hinsicht fast nichts zur Gewalt zu sagen.[17]Typisch ist in dieser Hinsicht Max Weber, der den Phänomenen „Herrschaft“ und „Macht“ viel Aufmerksamkeit widmete, „Gewalt“ jedoch nicht einmal einer Definition würdigte. Dabei nimmt Gewalt als grundlegendes Element der Vergemeinschaftung und Ultima Ratio jeder Ordnung eine zentrale Position in der Weber‘schen Herrschaftssoziologie ein. Immerhin schließt sich Weber dem Diktum Trotzkis an, alle Staaten seien „auf Gewalt gegründet“ und sieht die Gewaltsamkeit als einziges unentbehrliches Mittel politischer Verbände.[18]

Sehr deutlich schlägt sich das Problem einer aufklärerischen Fortschrittserzählung in der Zivilisationstheorie von Norbert Elias nieder. Hier spielt Gewalt eine fast noch grundlegendere Rolle als bei Max Weber, denn der Zivilisationsprozess besteht im Wesentlichen in der Überwindung und Unterdrückung interpersonaler Gewalt. Aber Gewalt als solche gehört für Elias grundsätzlich ins Reich der Affekte. Deren Kontrolle und Regulierung sind der Schlüssel, nicht nur zur Verhöflichung der Krieger, sondern auch zur Zivilisierung der sozialen Interaktion im Allgemeinen.[19] Als affektuelles und gewissermaßen „vorrationales“ Phänomen fällt Gewalt aber sozusagen aus der Zuständigkeit des Sozialwissenschaftlers heraus.

Im Gegensatz zu Phänomenen wie Herrschaft oder Macht schien sich Gewalt einer Rationalisierung weitgehend zu entziehen. Rational war Gewalt nur als staatliche Gewalt, die bestimmte, angebbare Zwecke verfolgte, kontrolliert und verhältnismäßig schien. Das leistete einer rein instrumentellen Interpretation von Gewalt Vorschub, die bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts dominierte. Dazu trug auch die verstärkte Hinwendung der Sozialwissenschaften zu strukturalistischen Denkmodellen nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Hier rückten Institutionen, soziale Gruppen, ökonomische und politische Interessen in den Vordergrund. In den etablierten Geistes- und Sozialwissenschaften stand Gewalt damit ganz im Schatten der Macht. Das gilt selbst für einen intellektuellen Grenzgänger wie den frühen und mittleren Foucault[20] und für die an der totalitären Erfahrung geschulte „Kritische Theorie“, die gegenüber einem „Überschießen der Vernunft“ besonders sensibilisiert war, sich aber im Wesentlichen für den ideologischen Überbau kapitalistischer Gesellschaften interessierte.[21]

Walter Benjamins viel beachteter Beitrag „Zur Kritik der Gewalt“ stellt hier keine Ausnahme dar, denn es geht Benjamin hier „nur“ um eine Kritik der Staatsgewalt im bürgerlichen Herrschaftssystem und ihre Ersetzung durch eine revolutionäre Gewalt.[22] Es geht keineswegs um eine Aufklärung des Gewaltbegriffs – im Gegenteil: Benjamin instrumentalisiert geradezu die Dunkelheit, Unterbestimmtheit und negative Konnotation des Begriffs, um den Gegenstand seiner Kritik zu delegitimieren. Damit befindet sich Benjamin in der Gesellschaft vieler kulturkritischer, oppositioneller oder revolutionärer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, die viel von Gewalt reden, ohne etwas über sie zu sagen. Die Gewalt ist dabei in der Regel die Gewalt der „Anderen“ (im Falle Benjamins die „rechtsetzende“ und „rechterhaltende“ Gewalt), die „eigene“ Gewalt rechtfertigt und zugleich moralisch überhöht (im Falle Benjamins die „reine“ Gewalt). Dies begegnet uns auch bei Netschajew oder Nietzsche;[23] des Weiteren bei Karl Marx und Friedrich Engels, die einerseits von der negativen Gewalt der herrschenden Klassen, andererseits von der positiven Gewalt sprechen, die „Geburtshelferin der Geschichte“[24] sei, respektive das „Werkzeug“, mit dem sich „die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbene politische Formen zerbricht“.[25] Schließlich muss man auch Galtung attestieren, dass er die Ausweitung des Gewaltbegriffs benutzte, um seinen moralisch-politischen Anliegen Nachdruck zu verleihen. Während Galtung aber immerhin noch typologische Überlegungen zur Gewalt anstellte, muss man für den Großteil des Schrifttums feststellen, dass es „zur Genüge wissenschaftliche Bücher“ gibt, „die von der Gewalt handeln, ohne dass darin von Gewalt die Rede ist“.[26]

Anfänge gewaltspezifischer Beobachtungen und Reflexionen

Bezeichnenderweise kamen die wichtigsten Anstöße für ein spezifischeres Verständnis der Gewalt von Autoren, die außerhalb der etablierten akademischen Strukturen standen. Zwar sind auch die 1906 erschienenen „Reflexionen über die Gewalt“ von Georges Sorel in erster Linie eine politische Kampfschrift, die den Gewaltbegriff benutzt, um die Bourgeoisie zu erschrecken. Aber seine „Apologie der proletarischen Gewalt“ enthält auch die Erkenntnis, dass kollektive Gewalt die von revisionistischen Politikern verwischten Frontlinien im „sozialen Krieg“ wiederherstellen und den Arbeitern das „richtige“ Bewusstsein über ihre Lage und ihre „wirklichen“ Feinde zurückgeben könne. Damit waren Aspekte der Gewalt angesprochen, die zunächst vor allem von Revolutionären und Terroristen und erst viel später von der Wissenschaft rezipiert wurden.[27]

Ähnliches kann man auch über Frantz Fanon sagen, dessen 1961 veröffentlichte Schrift über den Algerienkrieg Gewalt nicht nur als Mittel äußerer Befreiung, sondern auch als Medium der Subjektkonstituierung beschrieb: In der Gewalt gegen die Kolonialherren findet der Kolonialisierte zu sich selbst.[28] Explizit und theoretisch reflektiert finden sich ähnliche Gedanken in „Masse und Macht“ von Elias Canetti, einem der wichtigsten Vordenker der Gewaltforschung. Canettis größtes Verdienst dürfte darin bestehen, dass er die symbolische Dimension von Gewalttaten als Repräsentation, Performanz und Reproduktion von Macht sowie den Zusammenhang von Geheimnis, Unsicherheit und Gewalt herausarbeitete, aber auch auf Gewaltdynamiken in Kleingruppen („Meuten“) hinwies.[29] Wolfgang Sofskys Gewaltbeschreibungen sind stark an das Werk Canettis angelehnt.[30]

Jean Antoine Valentin Foulquier 1862, Gilles de Laval Lord of Rais performs sorcery on his victims, First Gallery, Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gilles_de_Rais_murdering_children.jpg?uselang=de Wikimedia Commons] ([http://en.wikipedia.org/wiki/Public_domain?uselang=de gemeinfrei]).
Jean Antoine Valentin Foulquier 1862, Gilles de Laval Lord of Rais performs sorcery on his victims, First Gallery, Quelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei).


Der erste Autor, der Gewalt in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellte, war ebenfalls ein wissenschaftlicher Außenseiter: Georges Bataille, der bereits in den 1950er-Jahren mit seinem Porträt des Kindermörders Gilles de Rais für Aufsehen und Irritationen sorgte.[31] Bataille lenkte den Blick für seine Zeit schonungslos und offen auf den Zusammenhang von Gewalt, Lust und Begierde und zeigte damit den Sinn des scheinbar nicht Rationalisierbaren und vermeintlich Sinnlosen auf. Bataille war in vieler Hinsicht ein Pionier und Wegbereiter der Gewaltforschung. Seine Betrachtungen orientierten sich allerdings an einzelnen Gewalttätern und sagen – im Gegensatz zu Canetti – wenig über kollektive Gewalt aus. Sowohl Canetti als auch Bataille sind allerdings erst mit Verzögerung rezipiert und für die Gewaltforschung wiederentdeckt worden.

Keine akademische Außenseiterin wie die zuvor genannten Autoren war Hannah Arendt. Doch die These, Gewalt und Macht seien Gegensätze, die sie in ihrem Essay „On Violence“ 1969 entwickelte, fand seinerzeit zwar einige Aufmerksamkeit, langfristig in der Gewaltforschung aber nicht viele Anhänger. Das liegt zum einen an ihrem irritierend positiven Machtbegriff, zum anderen daran, dass sie sich in erster Linie für Macht interessiert, die durch Gewalt lediglich gestört werde.[32]

Auf dem Weg zu einer genuinen Gewaltforschung

Die nach dem Zweiten Weltkrieg in Mode gekommenen strukturalistischen und makro-sozialen Denkmodelle haben den Blick auf die Gewalt eher verstellt, indem sie sich auf Ursachen und Bedingungen konzentrierten, die in Gewalt mündeten. Allen voran die Soziologie und die seit den 1960er-Jahren soziologisch beeinflusste Kriminologie sind hier zu nennen, die sowohl kriegerische als auch innergesellschaftliche Konflikte und verschiedene Formen von Kriminalität mit statistischen und quantifizierenden sozialwissenschaftlichen Methoden untersuchten. Auch die Friedens- und Konfliktforschung gehört in diesen Bereich. Ein wichtiges Ziel dieser Forschungstätigkeit war die Prävention, respektive die Verringerung gewaltfördernder sozialer Faktoren. Methodik und Ziele dieser sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung wirkten sich daher stark auf das Erklärungsmodell aus, das im Wesentlichen im Vorfeld der Gewalt angesiedelt war. Weil sie vermeintlich keine erklärende Kraft hatte, blieb eine Phänomenologie der Gewalt in diesen Bereichen weitgehend aus.

Es war eher die Geschichtswissenschaft, die dieses Feld für sich entdeckte. Die wichtigsten Anstöße kamen hier schon in den 1970er-Jahren aus der französischen Historiografie. Im Zusammenhang mit der Erforschung der Religionskriege wurde Gewalt dort ein „normales“ Untersuchungsobjekt.[33] Ganz im Sinne Batailles ging es dabei nicht nur um die Gewalt selbst, sondern in hohem Maße auch um ihre Repräsentation in Texten.[34] Letzteres ist gewissermaßen ein Kennzeichen der französischen Gewaltforschung und spiegelt die relativ frühe Durchsetzung kulturgeschichtlicher Paradigmata in Frankreich wider. Pierre Bourdieus Theorie der „symbolischen Gewalt“ ist in dieser Hinsicht ein typisches Beispiel. Einflussreich waren hier auch die Spätschriften Michel Foucaults, der sich in den 1970er-Jahren zunehmend Themen wie Körper, Praktiken und Gefängnis zuwandte.[35]

In Deutschland war es die weniger an sozialhistorischen Kausalmodellen orientierte und bereits in Richtung kulturgeschichtlicher Fragestellungen denkende Alltagsgeschichte, die sich seit den 1980er-Jahren dem Phänomen der Gewalt annahm. Hier waren es vor allem Alf Lüdtke und Thomas Lindenberger, die eher qualitative als quantitative Ansätze in die Forschungspraxis einbrachten.[36] Eine wirkliche Debatte um Richtung und Methode der Gewaltforschung entstand aber erst, nachdem Wolfgang Sofsky im Jahre 1996 seinen „Traktat über die Gewalt“ veröffentlichte.[37] Sofsky schließt darin sowohl an Hobbes, Canetti, Bataille, vor allem aber an Heinrich Popitz und seinen „engen“ Gewaltbegriff an. Wie Popitz geht Sofsky davon aus, dass Gewalt als „Jedermanns-Ressource“ ein Element jeder Gesellschaft und Kultur ist. In seinem Traktat konstruiert er verschiedene Gewaltphänomene, an denen er aufzuzeigen versucht, dass Gewalt oftmals weder Anlässe noch Motive braucht, dass vielmehr die reine Möglichkeit, mit anderen tun zu können, was man will, Gewalt hervorbringt. Lust an der Gewalt, Freude an Leid und Schmerz anderer ist dabei ein zentrales Thema. In der Gewalt sei der Täter, Sofsky zufolge, „ganz bei sich“. Die Reflexivität des Subjekts wird gewissermaßen aufgehoben, wodurch Sofsky die These ableitete, die Gewalt selbst spreche in den Handlungen der Täter.

Diese Essenzialisierung der Gewalt ist auf starken Widerspruch gestoßen, genauso wie Sofskys idealtypisches Verfahren, das er auch schon in seiner Studie über die Konzentrationslager anwandte.[38] Abgesehen davon hat Sofsky aber dafür gesorgt, dass Popitz’ bereits 1986 erschienene Schrift „Phänomene der Macht“ nun breiter rezipiert wurde, und er betrat unter anderem mit seinen Überlegungen zur „Gewalt-Zeit“ und zum „Gewalt-Raum“ theoretisches Neuland. Darüber hinaus wurde Sofskys implizites Plädoyer für eine detaillierte, konkrete und „dichte Beschreibung“ der Gewalt von Ethnologen und Soziologen aufgegriffen, die eine „neue Soziologie der Gewalt“ proklamierten. Sie setzten sich dabei polemisch gegen eine herkömmliche, vermeintlich reine Ursachen- und Folgensoziologie der Gewalt ab, die ihrer Ansicht nach nichts zur Gewalt als solcher zu sagen hatte und soziale Ausgangsbedingungen mit hinreichenden Erklärungen für Gewaltphänomene verwechselte.[39] Stattdessen forderten sie eine Fokussierung auf Gewaltprozesse und machten sich für Popitz’ engen Gewaltbegriff stark.[40] Die daran anschließende „Gewaltdebatte“ der deutschen Soziologie führte zu keiner Entscheidung über die strittigen Fragen, regte die theoretische Auseinandersetzung über die Gewaltforschung aber nachhaltig an.[41] Seit den 1990er-Jahren hat sich Gewalt als Forschungsgegenstand zunehmend normalisiert, und man kann von der Entstehung einer soziologischen, ethnologischen und historischen Gewaltforschung sprechen.[42]


Aktuelle Forschungstendenzen

Gewaltforschung wird gegenwärtig von sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen betrieben. Jenseits der Geistes- und Sozialwissenschaften sind hier vor allem Hirnforschung, Psychiatrie und Psychologie zu nennen. Die naturwissenschaftliche Seite der Gewaltforschung kann hier nur kurz und in ihren wichtigsten Befunden angedeutet werden.

Naturwissenschaftliche Ansätze

Die Hirnforschung geht vom Phänomen der Aggression aus, die durch neuere Forschungsmethoden bestimmten Hirnregionen zugeordnet werden konnte und deren entsprechende biochemische Prozesse beschrieben wurden. Gewalt kann, muss aber nicht aus Aggression folgen. Hinsichtlich der Gewalttätigkeit konzentriert sich die Hirnforschung daher auf Personen, denen eine psychopathologische Disposition attestiert werden kann, die mit der Schwächung bestimmter Hirnzentren in Einklang steht.[43]

Für die Geistes- und Sozialwissenschaften stellt sich grundsätzlich das klassische „Leib-Seele-Problem“, also die Frage, inwiefern bestimmte Zustände des Gehirns mit konkreten Handlungen verbunden werden können oder gar determiniert sind.[44] Abgesehen von weit verbreiteter Skepsis, in welchem Maße die Hirnforschung Gewalt jenseits äußerer Faktoren und Bedingungen erklären kann, sind ihre Befunde insofern interessant, als sie die These stützen, dass es in jeder Gesellschaft besonders gewaltbereite oder gewaltaffine Menschen gibt, deren Gewalttätigkeit in bestimmten Situationen zumindest wahrscheinlich ist. Entsprechende Persönlichkeitsmuster hat auch die biologische Psychologie herausgearbeitet.[45] Biologische und klinische Psychologie interessieren sich in der Regel aber wenig für Kontexte oder die Entwicklung der von ihr untersuchten Gewaltphänomene.

In dieser Hinsicht steht die Sozialpsychologie den Fragen der Geistes- und Sozialwissenschaften sehr viel näher. Klassisch sind in diesem Bereich die Experimente von Stanley Milgram, die bis heute Grundlagen vieler Erklärungen von Gewalt sind. In den letzten Jahren sind vor allem die Untersuchungen von Harald Welzer hervorzuheben, der Milgrams Resultate für seine Täterforschung genutzt hat.[46] Jüngst ist hier das Konzept des „Referenzrahmens“ eingeführt worden, das jenseits psychischer Dispositionen erklären soll, warum „normale“ Menschen in bestimmten Kontexten gewalttätig werden. Gewalt kann in bestimmten Referenzrahmen „normal“ und zum grundlegenden Handlungsmuster von Individuen und Gruppen werden, etwa im Krieg, aber auch in bellizistischen Gesellschaften oder Gemeinschaften.[47] Ein Problem dieses Konzepts ist, dass es erstens – wie schon strukturalistische Vorgänger – die Gründe für die Gewalt externalisiert und zweitens vielleicht eher erklärt, warum Menschen in bestimmter Weise über Gewalt sprechen, aber weniger, warum sie in bestimmten Situationen Gewalttaten begehen. Auf das Problem, dass Gewalt in gewissen Kontexten „erlaubt“ und sogar „geboten“, damit aber die Gewalt selbst noch nicht erklärt ist, hat bereits Jan Philipp Reemtsma hingewiesen.[48]

Die Frage, ob es die psychischen Dispositionen von Akteuren oder die sozialen Umstände, unter denen sie handeln, sind, die Gewalt zu erklären vermögen, kann wie die meisten „Henne und Ei“-Fragen nicht eindeutig entschieden werden. Klar scheint zu sein, dass es Menschen mit psychologischen Dispositionen gibt, die unabhängig vom Kontext Gewalttätigkeit wahrscheinlich machen. Auf der anderen Seite steht der Befund, dass Menschen auch ohne gewaltaffine Disposition durch den jeweiligen Kontext gewalttätig werden können. Es liegt daher nahe, beide Befunde miteinander zu kombinieren, was in der Forschung auch zunehmend geschieht.

Geistes- und Sozialwissenschaften

In den Geistes- und Sozialwissenschaften verzweigt sich die Gewaltforschung entsprechend der analytischen Ebenen und Fragestellungen von Meta- und Makro-, bis hin zur Mikro-Historie. Das eine Ende dieses Spektrums stellen anthropologische und philosophische Fragen nach dem Verhältnis von Gewalt und Geschichte sowie dem Verhältnis von Gewalt und conditio humana dar. Auf der anderen Seite des Spektrums finden wir akteurszentrierte, mikro-soziologische, respektive mikrohistorische Untersuchungen. Dieses Spektrum kann in der Folge nur skizzenhaft angedeutet werden.[49]

Anthropologische und philosophische Fragen

Für den empirischen Befund, dass Gewalt offenbar eine epochen- und kulturübergreifende Erscheinung der Menschheitsgeschichte ist, hat schon Heinrich Popitz eine einfache Antwort gegeben: Gewalt ist jedem Menschen jederzeit grundsätzlich möglich, und allein der Körper des Menschen ist „verletzungsmächtig“, aber auch in hohem Maße „verletzungsoffen“. Deshalb muss jede menschliche Gemeinschaft eine Antwort auf diese potenzielle Bedrohung ihrer Ordnung haben. Es mag daher relativ gewaltfreie Zeiten oder Räume geben, aber die Gewalt ist grundsätzlich nicht aus der Welt zu schaffen.[50] Eine ähnliche Position vertritt Judith Butler, allerdings vor dem Hintergrund eines weiten Gewaltbegriffs und mit dem Verweis, dass die Subjektbildung immer schon gewaltgeladen gewesen sei. Gewaltlosigkeit lässt sich daher nur durch Reflexion auf die Gewalt erreichen – sie ist ein Anspruch, an dessen Verwirklichung Menschen und Gesellschaften nur arbeiten können.[51]

Innerhalb der „großen“ Fragen dominiert das Verhältnis von Moderne und Gewalt, vor allem die Frage, ob Gewalt in der Moderne abgenommen habe oder – anders gesagt – die Eindämmung der Gewalt eine zivilisatorische Leistung der Moderne darstelle.[52] Eine klassische Position, die diese Frage unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg bejahte, ist die These vom Prozess der Zivilisation von Norbert Elias. Sie ist in jüngster Zeit von Steven Pinker wieder aufgenommen und anhand umfangreicher sozialhistorischer Daten auf breiterer Basis erneut verfochten worden. Pinkers Darstellung legt nahe, dass nicht nur die interpersonale, sondern auch die interstaatliche Gewalt seit der Neuzeit abgesehen von kleineren Rückschritten kontinuierlich abgenommen habe.[53] Pinkers „optimistische“ Interpretation hat zahlreiche Kritiker gefunden.[54] Andere Forscher sind auf Grundlage derselben Daten zu anderen Ergebnissen gekommen und sehen eher eine Zunahme interpersonaler Gewalt seit dem Zweiten Weltkrieg.[55]

Langzeitstudien über Gewaltphänomene sind nicht nur wegen der Vergleichbarkeit von Erscheinungen und darüber berichtenden Quellen problematisch, sondern auch wegen der Veränderung des Gewaltbegriffs oder allgemein der Diskurse über Gewalt. Darüber hinaus hat Jan Philipp Reemtsma zu Recht darauf hingewiesen, dass zivilisatorischer Fortschritt und damit auch die Vorstellung von einer Abnahme der Gewalt Elemente der Selbstbeschreibung der Moderne im Gegensatz zur überwundenen Vormoderne sind, die sich entsprechend in Diskursen und Quellen niederschlagen.[56] Nicht nur mit Blick auf das gewalttätige 20. Jahrhundert zweifeln Reemtsma und andere Forscher daher an der These, die Gewalt habe in der Moderne abgenommen. „Pessimistische“ Positionen beziehen sich weniger auf die quantitative, als vielmehr auf die qualitative Seite und stellen eher einen Formwandel der Gewalt fest, der mit veränderten Gesellschaftskonzepten, bürokratischen und technischen Möglichkeiten einhergeht. Zygmunt Bauman hat zur Veränderung der Formen der Gewalt von der Moderne zur Postmoderne Untersuchungen vorgelegt, die eher den Schluss nahelegen, dass die Frage eines „mehr oder weniger“ der Gewalt keinen Sinn ergibt.[57]

Massengewalt

Ein anderer aktueller Schwerpunkt der Gewaltforschung kreist um die Begriffe Massengewalt, Genozid, Massaker, „ethnische Säuberungen“. Dieses Forschungsfeld ist nicht gänzlich neu, in der Vergangenheit aber eher ein Unterkapitel der vor allem auf das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion bezogenen Totalitarismus-Forschung gewesen.[58] Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat es sich nicht zuletzt unter dem Eindruck des Jugoslawien-Kriegs, aber auch des Völkermords in Ruanda verselbstständigt und erheblich vergrößert. In diesem Zusammenhang sind viele Einzelstudien entstanden.[59] Zugleich sind in zunehmendem Maße transnationale Vergleiche und Langzeituntersuchungen angestellt worden. Dass Massengewalt nicht nur von totalitären Diktaturen verübt wird, hat Michael Mann in seiner vergleichenden Studie über „ethnische Säuberungen“ herausgestellt. Gewalt ist für Mann das Resultat von Krisen und sozialer Macht, das nicht unbedingt mit staatlicher Organisation verbunden sein muss. Entscheidend ist dabei die Definition der Opfergruppe nach ethnischen Kriterien. Die Moderne ist wegen der in ihr entwickelten Idee einer Einheit von Demos und Ethnos besonders anfällig dafür.[60] Ähnliche Überlegungen hatte auch schon Zygmunt Bauman angestellt: In der Moderne wird nach Eindeutigkeit gesucht, die Ursprung für Gewalt gegen „Andere“ ist.[61]

In den letzten Jahren hat auch die Geschichtsschreibung die Einzelerscheinungen des gewalttätigen 20. Jahrhunderts zunehmend im Zusammenhang betrachtet. Dabei werden nicht mehr strukturelle Gemeinsamkeiten herausgestellt, wie bei der Totalitarismus-Theorie, sondern transnationale Lernprozesse und verschiedene Formen des Transfers von Ideen und Handlungsmustern untersucht.[62] Einen Sonderfall stellen hier Vergleiche zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion dar.[63] So haben Michael Geyer und Mark Edele den deutsch-sowjetischen Krieg als ein „System der Gewalt“ beschrieben, in dem Kommunikation durch Gewalt beide Systeme über den unmittelbaren militärischen Bereich hinaus beeinflusste, veränderte und radikalisierte.[64] Weniger prononciert, in der Sache aber ähnlich argumentiert Timothy Snyder, der in „Bloodlands“ schildert, wie viele Völker Osteuropas zu Opfern der beiden großen totalitären Diktaturen wurden.[65] Nicht in der Reichweite der Schlussfolgerungen, aber im Ansatz werden damit implizit Denkmodelle wieder aufgenommen, die Ernst Nolte bereits seit den 1960er-Jahren entwickelte, die aber infolge des Historikerstreits nicht weiter verfolgt wurden.[66] Transnationale Lernprozesse und Ideentransfers spielen auch eine zentrale Rolle in der vergleichenden Langzeituntersuchung über „ethnische Säuberungen“ von Michael Schwartz.[67]

Viele Untersuchungen über Massengewalt basierten und basieren auf dem Genozid-Begriff, der als Reaktion auf den Holocaust entwickelt und in der Fassung von Raphael Lemkin 1948 ein Straftatbestand des Völkerrechts wurde. Es handelt sich dabei in erster Linie um ein politisches und juristisches Konzept, das einerseits eine besondere Schwere von Verbrechen kennzeichnet, andererseits aber auch völkerrechtlich legitimierte Gegenmaßnahmen und die gerichtliche Bestrafung von Tätern ermöglichen soll. In der Folge ist der Genozid-Begriff auch von der Geschichtsschreibung aufgenommen und auf andere Phänomene angewandt worden, etwa den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs.[68]

Ähnliches gilt für die Verbrechen des Stalinismus – gerade hier zeigen sich aber auch Grenzen und Probleme des Konzepts für die Geschichtsschreibung. Schon in den 1980er-Jahren stellte Robert Conquest die These auf, Stalin habe Anfang der 1930er-Jahre an den Ukrainern einen Genozid begangen.[69] Diese These ist in der Folge sowohl von anderen Forschern als auch von der ukrainischen Historiografie unter dem Schlagwort „Holodomor“ aufgenommen worden.[70] Demgegenüber wurde geltend gemacht, dass eine genozidale Intention der Bolschewiki hinsichtlich der ukrainischen Bevölkerung nicht nachzuweisen sei, die Folgen der Kollektivierung auch in anderen Teilen der Sowjetunion zu vergleichbaren, teilweise höheren Opferquoten geführt und schließlich die Motive der Verantwortlichen eher in der Herrschaftsdurchsetzung und Modernisierung als in der Vernichtung bestimmter Völker des multi-ethnischen Imperiums gelegen hätten.[71] Die beiden Positionen – der Verdacht, die Geschichte als Gründungsmythos des ukrainischen Staats nach 1991 zu missbrauchen bzw. den von Stalin befohlenen vermeintlichen Völkermord an den Ukrainern nicht anerkennen zu wollen – stehen sich hier unversöhnlich gegenüber.[72]

So unleugbar die Ethnisierung von Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert auch ist,[73] besteht doch die Gefahr, historische Phänomene auf diesen Aspekt zu reduzieren, ihre Vielschichtigkeit zu übersehen oder sie sogar zu missinterpretieren. Eine solche „Ethnisierung der Geschichte“ hat Christian Gerlach unlängst dazu bewogen, vom Genozid-Begriff als analytischer Kategorie abzurücken und stattdessen neutraler von „Massengewalt“ und „extrem gewalttätigen Gesellschaften“ zu sprechen. Gerlach verdeutlicht an mehreren Beispielen, dass Massengewalt mit „genozidalen Konsequenzen“ im streng Lemkin‘schen Sinne kein Genozid sein müsse. Denn zentraler administrativer Wille zur Gewalt und andere Interessen nicht-staatlicher Gruppen würden sich oft als integraler Bestandteil der Gewalteskalation erweisen. „Profitieren“ und „Mitnehmen“, kurz: partizipatorische Gewalt seien in der Dynamik von Gewaltprozessen häufige Elemente, die zeigten, dass Massengewalt gegen ethnische Gruppen keineswegs immer ethnisch motiviert sein müsse.[74] Gerlach hat dies auch für den Nationalsozialismus geltend gemacht.[75] Michael Wildt weist dagegen in seiner Untersuchung über antijüdische Gewalt in der Provinz eher eine große Komplementarität von staatlicher Ideologie und breitem sozialen Ressentiment nach und zeigt, dass die Gewalt gegen Juden im nationalsozialistischen Deutschland bis 1939 auch ein Phänomen „von unten“ ist.[76] Zu welchen Schlüssen die Forschung anhand bestimmter Phänomene auch kommt – es scheint angesichts der neueren Ergebnisse klar zu sein, dass sowohl die Dynamiken von Gewaltprozessen als auch die Multidimensionalität der Akteure und Motive berücksichtigt werden müssen, wenn man die Gefahr reduktionistischer Erklärungen vermeiden will.

Bürgerkriegsgewalt

Forschungen über Gewalt in Bürgerkriegen haben in den letzten Jahren ebenfalls Abstand von primär politisch-ideologischen Erklärungen genommen. Insbesondere Stathis Kalyvas hat in seiner breit angelegten Studie über die Logik der Gewalt in Bürgerkriegen zeigen können, in welch hohem Maße hier andere Faktoren und Dynamiken eine Rolle spielen. Parteinahme in Bürgerkriegen ist oftmals eher durch Situationen als durch bewusste politisch-ideologische Entscheidungen gekennzeichnet. Gewalt ist weit mehr ein Mittel, um Kontrolle über Territorien herzustellen, und wird in der Regel weniger gegen den Feind als vielmehr gegen die Bevölkerung ausgeübt, um Loyalität zu erzwingen. Aufgrund ihrer kommunikativen Funktion nimmt sie deshalb stark symbolischen und expressiven Charakter an. Gewalt wird in Bürgerkriegen in hohem Maße privatisiert, weil Macht und Kontrolle fragmentiert und segmentiert sind und viele Kämpfergemeinschaften vor allem um ihr eigenes Überleben kämpfen. Diese und andere Faktoren führen dazu, dass Bürgerkriegssituationen endogene Quellen von Gewalt sind, die sich gewissermaßen selbst reproduzieren.[77]

Bereits einige Jahre zuvor entwickelte Georg Elwert seine Theorie der „Gewaltmärkte“, die vor allem auf der Beobachtung beruhte, dass sich in vielen Bürgerkriegen eine eigene ökonomische Ordnung entwickelt, die auf systematischer Ausbeutung kontrollierter Territorien durch Warlords basiert.[78] Solche Verselbstständigungstendenzen von Bürgerkriegssituationen sind auch von Herfried Münkler beschrieben worden.[79] Bernd Greiner wiederum hat in seiner Studie über den Vietnam-Krieg gezeigt, wie sehr auch reguläre Armeen in asymmetrischen Kriegen Symptome einer Verselbstständigung und Verwilderung einzelner Truppenteile zeigen, die den Praktiken von Bürgerkriegsparteien sehr ähnlich sind.[80] Eine gewisse Verwandtschaft mit bürgerkriegsähnlichen Konflikten haben Situationen in „staatsfernen Räumen“, in denen der Staat entweder schwach ist oder seine Funktionen in hohem Maße privatisiert sind. In solchen Räumen ist Gewalt in der Regel gewohnheitsrechtlich verregelt. Michael Riekenberg hat dafür den Begriff der „Gewaltsegmente“ eingeführt, der darauf verweist, dass soziale Ordnungen auch ohne staatliches Gewaltmonopol stabil sein können, wenn sich gewisse Regeln der Gewaltanwendung durch lokale Machthaber eingespielt haben und traditionell verankert sind.[81] Man kann in diesem Fall von „agglomerierten“ Gewaltkulturen sprechen, die Gesellschaften als Ganze prägen können.[82]

Die Militärgeschichte ist interessanterweise kein Führungssektor der Gewaltforschung gewesen. Zum Teil dürfte dies an dem einfachen Umstand liegen, dass Gewalt im Militär kein „Rätsel“ darstellt. Auch wurde militärisches Gewalthandeln in der Regel als durch Organisation, Hierarchie und Disziplin so stark determiniert angesehen, dass eine Betrachtung der Befehlsstrukturen zu seiner Erklärung ausreichend schien.[83] Dabei muss man aber bedenken, dass nicht nur in der Militärgeschichte, sondern in der Geschichtsschreibung insgesamt der „kleine Mann“ oder der „einfache Soldat“ erst seit den 1980er-Jahren in den Blickpunkt der historischen Forschung rückte.[84] Ansätze zu einer Untersuchung individueller soldatischer Kampfleistungen und -erfahrungen gibt es allerdings schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie basierten auf Interviews mit Soldaten der US-amerikanischen Armee unmittelbar nach Gefechten, hatten stark anwendungsbezogenen Charakter und zeigten vor allem, dass Soldaten in der Kampfsituation mehrheitlich passiv bleiben. Selbst in einem militärisch-kriegerischen Kontext fällt den meisten Menschen Gewalt alles andere als „leicht“.[85] In einer neueren Studie bestätigt Anthony King diese Befunde weitgehend und stellt Bedeutung und Funktionieren von kämpferischen Vergemeinschaftungen heraus.[86] Gruppenpsychologie und -dynamik oder im engeren Sinne „Kameradschaft“ sind als jenseits militärischer Organisation liegende Faktoren für soldatisches Verhalten im Krieg in den letzten Jahren verstärkt untersucht worden.[87]

Eine größere, weil systematischere Rolle spielen individuelle und Kleingruppengewalt im Bereich der Erforschung terroristischer Gewalt, die vor allem seit dem „11. September“ Konjunktur hat. Zuvor hatte bereits Peter Waldmann eine grundlegende Studie zur terroristischen Gewalt vorgelegt, die vor allem ihre kommunikative Funktion betont.[88] Michel Wieviorka wartete einige Jahre später mit einer Untersuchung der Psychologie terroristischer Gewalttäter auf, die unter Rückgriff auf postmoderne Konzepte eher subjektkonstituierende Faktoren der Gewalt beschreibt.[89] Damit sind zwei zentrale Aspekte genannt, in der die gegenwärtige Forschung über klassische Ansätze – die gewalttätige Umsetzung radikaler politischer Agenden – hinausgeht und auch der Gewaltforschung im Allgemeinen fruchtbare Impulse verleiht.

Generell hat die genauere Untersuchung von irregulären oder asymmetrischen Kriegen den Blick der Forschung für die Komplexität von Gewaltprozessen geschärft. Das gilt auch für Massaker oder Pogrome, die gewissermaßen ein eigenes Genre innerhalb der Gewaltforschung darstellen, weil sie in vielen Fällen von nicht-staatlichen Akteuren verübt werden oder zumindest keine „Hauptstaatsaktionen“ darstellen. Hier wie generell sind die Grenzen allerdings fließend. Wenn der Staat auch keine führende Rolle spielt, sind staatliche Organisationen oder deren Vertreter doch oft involviert. Vom Pogrom zum Massaker oder vom Massaker zum Genozid verschwimmen die Grenzen häufig.[90] Das zeigen nicht zuletzt die Arbeiten von Christian Gerlach, aber auch die von Mark Levene.[91] Wenn man hier trotzdem von einem eigenen Forschungsfeld sprechen kann, dann vor allem, weil anders als im Falle von Staatsgewalt verschiedene Akteure und Motive sowie Dynamiken stärker in den Vordergrund treten. Diese Vielschichtigkeit hat Jacques Sémelin vor einigen Jahren unter der Bezeichnung „Grammatik des Massakers“ beispielhaft dargestellt.[92]

Viele der bislang angeführten wissenschaftlichen Studien interessieren sich nicht primär für Gewalt, sondern für Phänomene, in denen Gewalt eine zentrale Rolle spielt. Demgegenüber kann auch von einer „genuinen“ oder einer Gewaltforschung im engeren Sinne gesprochen werden, die bestimmte Phänomene untersucht, weil Gewalt in ihnen prominent ist. Die Übergänge zwischen beiden Bereichen sind aber überaus fließend. Man kann mit aller Vorsicht davon sprechen, dass ersterer vor allem aus sozialhistorischen und makro-sozialen Ansätzen herrührt, während sich letzterer eher kulturgeschichtlichen und mikro-sozialen Fragestellungen verdankt.

Kulturgeschichtliche Impulse

Generell hat der „cultural turn“ einer genuinen Gewaltforschung viele neue Impulse gegeben: durch die Hinwendung zu Akteuren, deren Deutungen und Sinngebungen von Handlungen. So schärfte in der Geschichtswissenschaft das Konzept der „dichten Beschreibung“ von Clifford Geertz das Bewusstsein dafür, dass Gewalt wie andere soziale Phänomene auch eine andere als nur instrumentelle Dimension haben kann.[93] Ähnliches lässt sich auch von den „hidden transcripts“ sagen, die James C. Scott hinter verschiedenen Formen bäuerlichen Widerstands ausmachte.[94] Gewalt hat oft eine symbolische und kommunikative Dimension. Sie kann sich einerseits als „Botschaft“ an Dritte wenden.[95] Sie kann andererseits aber auch Bedeutung für den Zusammenhalt von Kollektiven sowie die Produktion und Reproduktion von Hierarchien haben und Element gruppeninterner Kommunikation sein. Gruppenpsychologische und -dynamische Faktoren sind daher in vielen Fällen endogene Quellen von Gewalttätigkeit und exzessiver bzw. expressiver Gewalttaten.[96] Gewalt kann auf diese Art auch als „Lebensform“ verstanden werden.[97] „Gewaltgemeinschaften“ haben ihre eigenen Regeln und sind ein kultur- und epochenübergreifend auftretendes Phänomen.[98]

Auch die Kategorie des Raums ist von der Gewaltforschung aufgenommen worden.[99] Mit dem Konzept des „Gewaltraums“ wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Akteure ihrer sozialen Umwelt ausgesetzt sind, dass sie diese Verhältnisse durch ihre eigenen Handlungen aber auch hervorrufen und reproduzieren. So entstandene soziale Räume zeichnen sich durch besondere Regeln und Ordnungen aus, die nicht nur die Gewalt selbst, sondern auch die Dauer von Gewaltprozessen besser verständlich machen können. Die Anwendung der Theorie sozialer Räume auf Gewaltprozesse erlaubt es auch, eine Reduktion der Erklärung von Gewalt auf Strukturen einerseits oder Handeln andererseits zugunsten einer Wechselseitigkeit oder Dialektik von Handeln und Struktur aufzulösen.[100]

Kulturgeschichtliche Fragestellungen haben im Allgemeinen Tendenzen zu einer „verstehenden“ Gewaltforschung befördert. Dazu gehört auch das Verhältnis von Emotionen und Gewalt. Hierbei geht es einerseits um den schon von Sofsky hervorgehobenen Umstand, dass Gewalt- oder Kampfsituationen Menschen in besondere Zustände versetzen, die beim Verstehen von Gewalttaten in die Untersuchung miteinbezogen werden müssen.[101] Andererseits geht es um Emotionen von Beobachtern und Opfern der Gewalt. Gewalt wird von Gefühlen der Angst und Abscheu bis hin zu Faszination und Lust begleitet, und diese Reaktionen Dritter sind in vielen Fällen nicht gleichgültig für die Täter – sie können eine zusätzliche Motivation darstellen.[102] Nicht zuletzt aber wird Gewalt erlitten. Letzteres wirft Licht auf eine methodische und moralische Kernfrage der Gewaltforschung, die sich meistens mit den Akteuren der Gewalt, den Tätern, weniger aber mit den Opfern beschäftigt.[103] Wenn man auf der einen Seite sagt, die Gründe der Gewalt könne man nur oder in erster Linie auf der Täterseite studieren, so lässt sich auf der anderen Seite sagen, dass eine Gewaltforschung, die keinen Sinn für die körperliche Dimension und das Erleiden der Gewalt, den Schmerz, hat, in höherem Sinne unvollständig bleiben muss. Besonders prominent ist diese Thematik im Phänomen der Folter, die ebenfalls einen eigenen Teilbereich der Gewaltforschung darstellt.[104]

Schon bei Elaine Scarry zeichnete sich dabei eine postmoderne Tendenz ab, nicht über Gewalt selbst zu sprechen, sondern über Repräsentationen der Gewalt. Was zuvor als Problem der Quellenkritik galt, wird immer mehr zu einem eigenen Forschungsfeld: dass der Forscher es in der Regel mit Texten über Gewalt zu tun hat und ihre Darstellung zum Gegenstand macht. Das betrifft sowohl sprachliche wie visuelle Repräsentation.[105] Damit nehmen Teile der Geschichtsschreibung Paradigmen der neueren Literaturwissenschaft auf, deren Beschäftigung mit Gewaltdarstellungen eine einschlägige Tradition hat.[106] Als Ergänzung zur Gewaltforschung ist die Untersuchung von Repräsentationen der Gewalt fruchtbar, weil damit ihre vielfältigen, oft verborgenen Sinn- und Bedeutungsdimensionen deutlich gemacht werden können. So richtig es erscheint, Gewalt als Repräsentation zu fassen, so ist das Phänomen doch nicht darauf reduzierbar. Postmoderne Tendenzen, Verzicht auf einen vermeintlich naiven Wirklichkeitsbegriff zu leisten,[107] erscheinen gerade bei physischer Gewalt fragwürdig, insofern sie mit der Verletzung und Zerstörung realer – wenn auch diskursiv konstruierter – Körper einhergeht.

Gewaltforschung – sowohl in impliziter wie genuiner Form – wird heutzutage auf breiterer methodischer Grundlage sowie weit systematischer und intensiver betrieben als noch im 20. Jahrhundert. Wenn auf der einen Seite strukturelle und makro-soziale Untersuchungen mit einem verfeinerten und verbreiterten analytischen Instrumentarium arbeiten und transnationale Wechselwirkungen stärker in den Blick genommen werden, so ist darüber hinaus die Akteursebene, die Phänomenologie und das Verstehen der Gewalt mehr in den Vordergrund gerückt. Gleichwohl hat sich die Forderung Trutz von Trothas, Gewalt „dicht zu beschreiben“[108], in der Geschichtswissenschaft und historisch arbeitenden Soziologie keineswegs als Königsweg der Gewaltforschung durchgesetzt. Das liegt einerseits daran, dass viele Forscher Ursachen und Motive nach wie vor als entscheidendere Faktoren betrachten, nicht zuletzt aber auch am Quellenproblem. Vor allem der Geschichtswissenschaft stehen oft keine Quellen für eine dichte Beschreibung der Gewalt zur Verfügung – und selbst wenn, dann muss die Forschung in der Regel zu einer Hermeneutik des Unbewussten greifen, da die meisten Schilderungen von Gewalt Gründe, Motive und Ursachen als Rechtfertigung des eigenen oder des Gewalthandels anderer enthalten. Das Verstehen der Gewalt ist auch deshalb problematisch, weil die meisten Forscher keine eigenen Gewalterfahrungen haben und lebensweltlich denkbar weit von ihren Gegenständen entfernt sind. Auch wenn das kein Ausschlusskriterium darstellt, kann sich historisches Verstehen der Gewalt doch in der Regel nur auf plausible Interpretation berufen.

Empirische Soziologie und Ethnologie sind in epistemischer Hinsicht tendenziell besser aufgestellt, zumal sie durch Erhebungen oder teilnehmende Beobachtung (wenn auch aus sicherer Distanz) die Aussagefähigkeit ihrer Quellen in gewissem Maße positiv beeinflussen können. Einer der wichtigsten Beiträge der Ethnologie zur Gewaltforschung ist die Studie über „tribale Kriege“ von Jürg Helbling, in der mit Hilfe spiel- und handlungstheoretischer Modelle gewalttätige Auseinandersetzungen in Gesellschaften ohne Zentralgewalt untersucht werden.[109].

Mikro-Soziologie der Gewalt

Die Mikro-Soziologie der Gewalt ist vor allem mit dem Namen Randall Collins verbunden, der zu diesem Thema im Jahre 2008 eine grundlegende Studie veröffentlicht hat. Collins geht unter anderem von dem Befund Marshalls aus, dass Gewalt „nicht leicht“ sei.[110] Selbst gewaltaffine Personen (die sogenannten violent few) müssen vor der Gewaltausübung eine psychologische Schwelle überschreiten, und dies gelingt Collins zufolge nur, wenn sie „emotionale Dominanz“ herstellen respektive ihre Situation in dieser Art wahrnehmen. Von emotionaler Dominanz kann man dann sprechen, wenn Einzelpersonen oder Gruppen sich ihrem jeweiligen Gegenüber überlegen und sich selbst sicher fühlen. Collins hat dies anhand von Interviews, nicht zuletzt aber auch durch Fotosequenzen und Videoaufnahmen von Situationen unmittelbar vor dem Beginn von Gewalthandlungen gezeigt.[111] Seine Resultate sind insofern von großer Bedeutung für die Gewaltforschung, weil sie nahelegen, dass strukturelle Erklärungen von Gewalt grundsätzlich unzureichend sind, da im Prinzip alle Voraussetzungen für Gewalt gegeben sein können: Motive, Gründe, Gelegenheit, Anlass, eine „angespannte“ Situation – es aber dennoch nicht zur Gewalt kommt, weil sich keine emotionale Dominanz herstellt. Ein wichtiges Argument ist dabei, dass die Beobachtung von Gewalt mit systematischer Blindheit geschlagen ist, denn wahrgenommen werden nur Fälle, in denen es tatsächlich zur Gewalt kommt, nicht aber jene, in denen sie ausbleibt. Letztere fallen daher in der Regel aus strukturellen Erklärungsversuchen heraus – sie müssten aber als Gegenprobe einbezogen werden, um vermeintliche Ursachen der Gewalt tatsächlich als solche feststellen zu können. Eine entsprechende empirische Untersuchung von vergleichbaren Ausgangssituationen, in denen es nicht immer zu Gewalt kam (in diesem Falle Demonstrationen in Deutschland und den Vereinigten Staaten), hat jüngst Anne Nassauer vorgelegt und dabei ein komplexes Bündel von Faktoren ausfindig gemacht, das die Herstellung von emotionaler Dominanz und damit den Ausbruch von Gewalt wahrscheinlicher macht als in anderen Fällen.[112]

„Revolutionäre-1. Mai-Demonstration“ am 1. Mai 2011 in Berlin Kreuzberg. Gewaltanwendung in einer Situation „emotionaler Dominanz“ (Collins/Nassauer) – in diesem Falle Polizisten während einer Demonstration. Foto:_dChris, 
Quelle: [https://www.flickr.com/photos/_dchris/5683536032/in/photolist-9EeBfy-9185xb-9186cy-914Zs6-9187aE-9186o5-914T7P-914ZAB-9EbHYP-7KAMuH-9EbBLV-9151d8-9EeB4N-9EeASY-9EeBFq-9EeBtq-9EbFca-7KEwFb-a2MvzJ-pBQ8aG-oXqTJk-8ZPb1k-8ZPqqv-efpMgA-bvELkV-5HA6mm-9EeDNd-a2MLgo-7KAywe-7KEHij-7KADbt-bvEHZV-8ZPdCa-8ZPh5r-pBK1Fr-9EeBS5-bvEMPn-9EbAb6-8ZPd7X-8ZStg1-8ZSuvE-8ZSkc3-8ZPcar-8ZStBG-8ZPjRn-8ZPfBZ-8ZSoYb-8ZSje7-8ZPgDH-8ZPjmF Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ CC BY 2.0]).
„Revolutionäre-1. Mai-Demonstration“ am 1. Mai 2011 in Berlin Kreuzberg. Gewaltanwendung in einer Situation „emotionaler Dominanz“ (Collins/Nassauer) – in diesem Falle Polizisten während einer Demonstration. Foto:_dChris, Quelle: Flickr (CC BY 2.0).


Ob Collins’ Überlegungen eine Neubewertung und Neuausrichtung der Gewaltforschung erfordern, ist umstritten und bedarf weiterer Diskussion. Seine Analyse bezieht sich in erster Linie auf Situationen, in denen eine „konfrontative Spannung“ besteht oder – anders gesagt – die ergebnisoffen sind. Gewalt ereignet sich aber gerade in vielen Fällen, in denen eine Tätergruppe ungefährdet Gewalt gegen Schutzlose ausüben kann. Hier scheint das Collin’sche Begriffsinventarium entweder nicht weiterführend, oder es muss doch wieder um situationsübergreifende Kriterien erweitert werden. Darüber hinaus dürfte die Anwendung mikro-soziologischer Verfahren in vielen Fällen an der mangelnden Quellenbasis scheitern, nicht zuletzt in der Geschichtswissenschaft. Kritik bezieht sich zudem auf den ahistorischen Zugang zum Phänomen der Gewalt, den Collins nahelegt, sowie auf die Vernachlässigung kultureller Kontexte.

Damit ist die Frage angesprochen, ob Gewalt ein kultur- und epochenübergreifendes Phänomen ist, das jeder Mensch jederzeit unabhängig von den für ihn maßgeblichen Repräsentationsmustern „versteht“.[113] Zumindest für physische Gewalt, die nicht als gebotene oder erlaubte Gewalt durch Wettkämpfe oder Rituale gerahmt ist, könnte man dies zumindest annehmen. Dann wäre Gewalt etwas, das zwar im Rahmen einer Kultur gedeutet wird, aber gewissermaßen von außen wie ein „Stachel“[114] in sie hineinragt. Dass Gewalt von den meisten Menschen nicht nur als bedrohlich, sondern auch als „rätselhaft“ empfunden wird, könnte eine Folge davon sein. Fragen wie diese können kaum endgültig beantwortet werden, aber ihre Reflexion gehört zu einer kritischen Gewaltforschung dazu, und sie sind auch für über sie hinausgehende Fragen von systematischer Bedeutung.


Empfohlene Literatur zum Thema

Imbusch, Peter, „Mainstreamer“ versus „Innovateure“ der Gewaltforschung. Eine kuriose Debatte, Wilhelm Heitmeyer/Hans-Georg Soeffner (Hg.),Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt a. M. 2004 
Lindenberger, Thomas / Lüdtke, Alf (Hrsg.), Physische Gewalt: Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt am Main 1995: Suhrkamp 
Popitz, Heinrich, Phänomene der Macht, Tübingen 1992: Mohr 
Reemtsma, Jan Philipp, Vertrauen und Gewalt: Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2013: Hamburger Ed. 
Riekenberg, Michael, Staatsferne Gewalt: eine Geschichte Lateinamerikas (1500-1930), Frankfurt, M. 2014: Campus-Verl. 
Zitation
Felix Schnell, Gewalt und Gewaltforschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 8.11.2014, URL: http://docupedia.de/zg/Schnell_gewalt_gewaltforschung_v1_de_2014?oldid=125440

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  1. „Ista quidem vis est!“, Sueton, Vita divi Julii, 82,1.
  2. Für einen Überblick vgl. Christian Gudehus/Michaela Christ (Hrsg.), Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013, S. 307ff.
  3. Peter Imbusch, Der Gewaltbegriff in: Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002, S. 26-57; Gertrud Nunner-Winkler, Überlegungen zum Gewaltbegriff, in: Wilhelm Heitmeyer/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Gewalt: Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt a.M. 2004, S. 21-61.
  4. Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Hamburg 1975, S. 9 u. 13.
  5. Michael Riekenberg, Auf dem Holzweg? Über Johan Galtungs Begriff der „strukturellen Gewalt“, in: Zeithistorische Forschungen//Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe 5 (2008), H. 1, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2008?q=node/4655.
  6. Markus Schroer, Gewalt ohne Gesicht. Zur Notwendigkeit einer umfassenden Gewaltanalyse, in: Heitmeyer/Soeffner (Hrsg.), Gewalt, S. 151-173.
  7. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1986, S. 43ff.
  8. Pierre Bourdieu, Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt, Frankfurt 1973; Zur aktuellen Diskussion des Konzepts siehe Stephan Moebius/Angelika Wetterer (Hrsg.), Symbolische Gewalt (Themenheft) in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 36 (2011).
  9. Thomas Lindenberger/Alf Lüdtke, Physische Gewalt – eine Kontinuität der Moderne, in: dies. (Hrsg.), Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt 1995, S. 7-38, bes. S. 22ff. Auch die Literatur über die „Schwarze Pädagogik“ ist in dieses Feld einzuordnen. Vgl. Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, Frankfurt 1980.
  10. Vgl. Karl-Georg Faber/Karl-Heinz Ilting/Christian Meier, „Macht, Gewalt“ in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1972-1997, S. 817-935.
  11. René Schilling, Kriegshelden: Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945, Paderborn 2002.
  12. Thukydides, Der Peloponnesische Krieg. Herausgegeben und übersetzt von Georg P. Landmann, Düsseldorf 2002, Nachwort, S. 567.
  13. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1997, Bd. 1, S. 381.
  14. Thomas Hobbes, Leviathan, Kap. XIII, „Vom Naturzustand der Menschen in bezug auf ihr Glück und ihr Elend“.
  15. Niccolo Machiavelli, Der Fürst, Kap. VIII, „Von solchen (Fürstentümern), die durch Freveltaten zum Fürstentum gekommen sind“.
  16. Zu Bataille: Michael Riekenberg, Die Gewaltsoziologie Georges Batailles und das Verhältnis von Gewalt und Ordnung, in: Gabriele Metzler/Jörg Baberowski (Hrsg.), Gewalträume: soziale Ordnungen im Ausnahmezustand, Frankfurt a.M. 2012, S. 271-303, hier S. 289f.; zu Sofsky: Peter Imbusch, „Mainstreamer“ versus „Innovateure“ der Gewaltforschung. Eine kuriose Debatte, in: Heitmeyer/Soeffner (Hrsg.), Gewalt, S. 125-148, hier S. 140; Jörg Hüttermann, Dichte Beschreibung oder Ursachenforschung der Gewalt? Anmerkungen zu einer falschen Alternative im Lichte der Problematik funktionaler Erklärungen, in: ebd., S. 107-124, hier S. 122.
  17. Trutz von Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, in: ders. (Hrsg.), Soziologie der Gewalt. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (Sonderheft) 37 (1997), S. 9-55, bes. S. 10ff.
  18. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972 [Tübingen 1922], S. 30, 822.
  19. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1976 [Basel 1939], Bd. 2, S. 362ff.
  20. Das gilt vor allem für „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961), „Die Ordnung der Dinge“ (1966) sowie „Die Archäologie des Wissens“ (1969).
  21. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, New York 1944.
  22. Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt, in: Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser (Hrsg.), Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, 7 Bde. Frankfurt a.M. 1989, Bd. II, 1, S. 179-203.
  23. Netschajew sang in seinem „revolutionären Katechismus“ das Hohelied der Zerstörung des Alten. Was die „Zerstörung der Welt des Adels“ aber konkret bedeutete und was die Taten waren, die Russland seiner Ansicht nach im Gegensatz zu Worten brauchte, führte Netschajew weder sich noch seinen Lesern vor Augen. Vgl. Franco Venturi, Roots of Revolution: A History of the Populist and Socialist Movements in 19th Century Russia, Chicago 1960, S. 354-388, bes. S. 382-384. Ähnliches gilt auch für den „mit dem Hammer“ philosophierenden Nietzsche. Hier liegt freilich eher eine Ästhetisierung der Gewalt vor, durch die sich das neue, starke und gesunde Leben gegen das alte, dekadente und schwache durchsetzt. Gewalt scheint bei all dem durch die Zeilen, ohne aber eigens thematisiert zu werden. Vgl. Johann Figl, Dialektik der Gewalt: Nietzsches hermeneutische Religionsphilosophie, Düsseldorf 1984.
  24. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1983 [Hamburg 1890], Bd. 1, S. 779.
  25. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), Stuttgart 1894, in: MEW, Bd. 20, Berlin 1962, S. 1-303, bes. S. 171.
  26. Riekenberg, Gewaltsoziologie, S. 287.
  27. Georges Sorel, Über die Gewalt, Frankfurt 1969 [Paris 1906], S. 76, 96f., 106.
  28. Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt 2008 [1966], S. 45, 66, 72f.
  29. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt 1980 [Hamburg 1960], S. 162ff, 333ff.
  30. Das gilt insbesondere für das Massaker, vgl. Wolfgang Sofsky, Traktat über Gewalt, Frankfurt a.M. 1996, S. 173-190.
  31. Georges Bataille, Gilles de Rais. Leben und Prozeß eines Kindermörders, Hamburg 2006 [1959].
  32. Hannah Arendt, On Violence, New York 1969.
  33. Georges Duby, Le Dimanche de Bouvines: 27 Juillet 1214, Paris 1973; Alain Corbin, Le Village des “Cannibales”, Paris 1990 [1973]; ders., Violences sexuelles, Paris 1989.
  34. Denis Crouzet, Die Gewalt zur Zeit der Religionskriege im Frankreich des 16. Jahrhunderts, in: Lindenberger/Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt, S. 78-105.
  35. Insbesondere „Überwachen und Strafen“ (1975) und „Mikrophysik der Macht“ (1976).
  36. Lindenberger/Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt. Vgl. auch Rolf Peter Sieferle/Helga Breuninger (Hrsg.), Kulturen der Gewalt: Ritualisierung und Symbolisierung von Gewalt in der Geschichte, Frankfurt a.M. 1998.
  37. Sofsky, Traktat über die Gewalt.
  38. Ders., Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager, Frankfurt a.M. 1997.
  39. Kritisch dazu: Jörg Hüttermann, „Dichte Beschreibung“ oder Ursachenforschung der Gewalt? Anmerkungen zu einer falschen Alternative im Lichte der Problematik funktionaler Erklärungen, in: Heitmeyer/Soeffner (Hrsg.), Gewalt, S. 107-124.
  40. Von Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, S. 14.
  41. Peter Imbusch, „Mainstreamer“ versus „Innovateure“ der Gewaltforschung. Eine kuriose Debatte, in: Heitmeyer/Soeffner (Hrsg.), Gewalt, S. 125-148.
  42. Das schlägt sich nicht zuletzt in enzyklopädischen Versuchen nieder, das Phänomen der Gewalt interdisziplinär einzukreisen: Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002.
  43. Daniel Strüber, „Hirnforschung“, in: Christian Gudehus/Michaela Christ (Hrsg.), Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013, S. 332-339, bes. S. 338.
  44. Besonders prominent in dieser Hinsicht: Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens, München 2001.
  45. Christian Gudehus/Roland Weierstall, „Psychologie”, in: Gudehus/Christ (Hrsg.), Gewalt, S. 354-362, bes. S. 356f. Vgl. auch Hans-Ludwig Kröber, Ätiologie und Prognose von Gewaltdelinquenz, Regensburg 1993.
  46. Harald Welzer (unter Mitarbeit von Michaela Christ), Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt a.M. 2006, bes. S. 107ff.
  47. Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 2011, S. 18f.
  48. Jan Philipp Reemtsma, Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie, in: Mittelweg 36 (2006), H. 6, S. 2-25.
  49. Es wird dabei nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Die Auswahl der Texte ist bis zu einem gewissen Grade subjektiv und außerdem aus der Perspektive eines Historikers heraus getroffen; sie ist meiner Ansicht nach aber repräsentativ für die wichtigsten Tendenzen der Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten. Vgl. auch Jan C. Behrends, Gewalt und Staatlichkeit im 20. Jahrhundert: Einige Tendenzen zeithistorischer Forschung, in: Neue Politische Literatur 58 (2013), H. 1, S. 39-58.
  50. Popitz, Phänomene der Macht, S. 57 u. 63.
  51. Judith Butler, Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt a.M./New York 2010, S. 154f.
  52. Allgemein dazu: Peter Imbusch, Moderne und Gewalt: zivilisationstheoretische Perspektiven auf das 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005.
  53. Steven Pinker, The Better Angels of our Nature: Why Violence Has Declined, New York 2011.
  54. Benjamin Ziemann: Rezension zu: Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature. Why Violence Has Declined, London 2011, in: H-Soz-u-Kult, 30.3.2012, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-235.
  55. Helmut Thome, Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität: Deutschland, England, Schweden im Vergleich, 1950-2000, Wiesbaden 2007.
  56. Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008, S. 499.
  57. Zygmunt Bauman, Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 2002.
  58. Klassisch dazu: Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 1986 [New York 1951].
  59. Genannt sei hier pars pro toto nur die bedrückend-beeindruckende Studie von Alison Des Forges, Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda, Hamburg 2002.
  60. Michael Mann, Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung, Hamburg 2007, S. 52ff.
  61. Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992 [1991].
  62. Donald Bloxham/Robert Gerwarth (Hrsg.), Political Violence in Twentieth-Century Europe, Cambridge 2011.
  63. Sheila Fitzpatrick/Michael Geyer (Hrsg.), Beyond Totalitarianism: Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009; Michael David-Fox/Peter Holquist/Alexander M. Martin (Hrsg.), Fascination and Enmity: Russia and Germany as Entangled Histories, Pittsburgh 2012.
  64. Mark Edele/Michael Geyer, States of Exception: The Nazi-Soviet War as a System of Violence, 1939-1945, in: Fitzpatrick/Geyer (Hrsg.), Beyond Totalitarianism, S. 345-395.
  65. Timothy Snyder, Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin, New York 2010.
  66. Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche: Die Action française – Der italienische Faschismus – Der Nationalsozialismus, München 1963; ders., Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945: Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt a.M. 1987.
  67. Michael Schwartz, Ethnische Säuberungen in der Moderne: globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert, München 2013.
  68. Letzteres bereits sehr früh: Joseph Guttmann, The Beginnings of Genocide, New York: The Armenian Council of America, 1948.
  69. Robert Conquest, The Harvest of Sorrow. Soviet Collectivization and the Terror-Famine, New York 1986.
  70. Timothy Snyder/Norman M. Naimark, Stalin's Genocides, Princeton 2010; Stanislav V. Kul’ickyj, Holod 1932-1933 rr. v Ukraїni jak henocyd, Kyїv: Nacional’na Akad. Nauk Ukraїny, Inst. Istoriї Ukraїny, 2005.
  71. Zu Kollektivierung und Hunger in Kasachstan, wodurch fast ein Drittel der Bevölkerung starb, vgl. Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan, Hamburg 2014.
  72. Rudolf A. Mark/Gerhard Simon/Manfred Sapper/Volker Weichsel/Agathe Gebert (Hrsg.), Vernichtung durch Hunger. Der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR, in: Osteuropa 54 (2004), H. 12.
  73. Ulrich Bielefeld, Ethnizität und Gewalt. Kollektive Leidenschaft und die Existentialisierung von Ethnizität und Gewalt, in: Wolfgang Höpken/Michael Riekenberg (Hrsg.), Politische und ethnische Gewalt in Südosteuropa und Lateinamerika, Köln 2001, S. 1-17.
  74. Christian Gerlach, Extrem gewalttätige Gesellschaften. Massengewalt im 20. Jahrhundert, München 2010, bes. S. 341ff.
  75. Christian Gerlach, Extremely Violent Societies: An Alternative to the Concept of Genocide, in: Journal of Genocide Research 8 (2006), H. 4, S. 455-471.
  76. Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung: Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz, 1919-1939, Hamburg 2007.
  77. Stathis N. Kalyvas, The Logic of Violence in Civil War, Cambridge, Mass. 2006.
  78. Georg Elwert, Markets of Violence, in: ders./Stephan Feuchtwang/Dieter Neubert (Hrsg.), Dynamics of Violence. Processes of Escalation and De-escalation in Violent Group Conflicts, Berlin 1999, S. 85-102.
  79. Herfried Münkler, Die neuen Kriege, Reinbek 2007.
  80. Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten: die USA in Vietnam, Hamburg 2009.
  81. Michael Riekenberg, Gewaltsegmente. Über einen Ausschnitt der Gewalt in Lateinamerika, Leipzig 2003.
  82. Michael Riekenberg, Fuzzy Systems, Max Horkheimer und Gewaltkulturen in Lateinamerika, in: Ibero-Amerikanisches Archiv 25 (1999), S. 309-324; vgl. auch Peter Waldmann, Is there a Culture of Violence in Colombia?, in: International Journal of Conflict and Violence 1 (2007), H. 1, S. 61-75, online unter http://www.ijcv.org/index.php/ijcv/article/viewFile/21/21?origin=publication_detail.
  83. Jörg Echternkamp/Wolfgang Schmidt/Thomas Vogel (Hrsg.), Perspektiven der Militärgeschichte: Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung, München 2010.
  84. Wolfram Wette (Hrsg.), Der Krieg des “kleinen Mannes”. Eine Militärgeschichte von unten, München 1992.
  85. Samuel L. A. Marshall, Men against Fire: The Problem of Battle Command, Norman, Okla. 1947.
  86. Anthony King, The Combat Soldier: Infantry Tactics and Cohesion in the Twentieth and Twenty-First Centuries, Oxford 2013.
  87. Omer Bartov, The Eastern Front, 1941-45: German Troops and the Barbarization of Warfare, Basingstoke 1985; Thomas Kühne, Kameradschaft: die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006.
  88. Peter Waldmann, Terrorismus: Provokation der Macht, München 1998. Zur Bedeutung der medialen Inszenierung terroristischer Gewalt vgl. Gabriele Metzler, Konfrontation und Kommunikation. Demokratischer Staat und linke Gewalt in der Bundesrepublik und den USA in den 1970er Jahren, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2012), H. 2, S. 249-277.
  89. Michel Wieviorka, La violence, Paris 2004.
  90. Stefan Wiese, „Pogrom“ in: Gudehus/Christ (Hrsg.), Gewalt, S. 152-157.
  91. Mark Levene, The Massacre in History, New York 1999; ders., The Crisis of Genocide, 2 Vols., Vol. 1: Devastation: The European Rimlands 1912-1938, Vol. 2: Annihilation: The European Rimlands, 1939-1945, Oxford 2013-2014.
  92. Jacques Sémelin, Elemente einer Grammatik des Massakers, in: Mittelweg 36 (2006), H. 6, S. 18-40.
  93. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur, in: ders., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M. 1987, S. 7-43.
  94. James C. Scott, Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance, New Haven 1985.
  95. Reemtsma, Vertrauen und Gewalt, S. 467ff.
  96. Felix Schnell, Räume des Schreckens. Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905-1933, Hamburg 2012.
  97. Reemtsma, Vertrauen und Gewalt, S. 499f., Jörg Baberowski, Gewalt verstehen, in: ders., Klaus Große Kracht/Jan-Holger Kirsch (Hrsg.), Gewalt: Räume und Kulturen/Violence: Spaces and Cultures, in Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History Online-Ausgabe 5 (2008), H. 1, S. 5-17, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2008.
  98. Winfried Speitkamp (Hrsg.), Gewaltgemeinschaften: von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert, Göttingen 2013.
  99. Jörg Baberowski/Gabriele Metzler (Hrsg.), Gewalträume: soziale Ordnungen im Ausnahmezustand, Frankfurt a.M. 2012; demnächst auch: Jörg Baberowski, Räume der Gewalt, Frankfurt a.M.
  100. Zu einem solchen „dualen“ Verständnis von Struktur vgl. Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, Frankfurt a.M. 1995, S. 51ff.
  101. Joanna Bourke, The Killing Frenzy. Wartime Narratives of Enemy Action, in: Alf Lüdtke/Bernd Weisbrod (Hrsg.), No Man's Land of Violence. Extreme Wars in the 20th Century, Göttingen 2006, S. 101-125; Thomas J. Scheff, Emotions and Violence: Shame and Rage in Destructive Conflicts, Lexington 1991; Maria Six-Hohenbalken, Violence Expressed: an Anthropological Approach, Farnham 2011.
  102. Kerstin Brückweh, Mordlust: Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2006; Franziska Loetz, Sexualisierte Gewalt 1500-1850: Plädoyer für eine historische Gewaltforschung, Frankfurt a.M. 2012.
  103. Darauf hat bereits von Trotha hingewiesen. Vgl. ders., Soziologie der Gewalt, S. 28-31.
  104. Elaine Scarry, The Body in Pain: The Making and Unmaking of the World, New York 1985; Karin Harrasser/Thomas Macho/Burkhardt Wolf (Hrsg.), Folter: Politik und Technik des Schmerzes, Paderborn 2007.
  105. Valentin Groebner, Ungestalten. Die visuelle Kultur der Gewalt im Mittelalter, München 2003; Susan Sontag, Regarding the Pain of Others, New York 2003.
  106. Am einschlägigsten im deutschen Sprachraum: Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Bd. 2: Männerkörper – zur Psychologie des Weißen Terrors, Hamburg 1982; Jürgen Wertheimer, Ästhetik der Gewalt: ihre Darstellung in Literatur und Kunst, Frankfurt a.M. 1986.
  107. Vgl. dazu Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte, S. 381ff.
  108. Von Trotha, Soziologie der Gewalt, S. 20ff.
  109. Jürg Helbling, Tribale Kriege: Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt, Frankfurt a.M. 2006.
  110. Vgl. oben, Anmerkung 85.
  111. Randall Collins, Violence: A Micro-Sociological Theory, Princeton 2008, S. 3ff., 29ff. u. 413ff.
  112. Anne Nassauer, Violence in Demonstrations: a Comparative Analysis of Situational Dynamics at Social Movement Protests, Berlin: Humboldt-Universität, Dissertation 2013.
  113. Baberowski, Gewalt verstehen, S. 17.
  114. Elias Canetti hat diesen Begriff auf die Wirkung des Befehls angewandt, der ihm zufolge „älter als die Sprache“ sei und auch „außerhalb menschlicher Gesellschaften“ existiere (ders., Masse und Macht, S. 357).