Werkstatt:Disability History

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Werkstatt-Version: Disability History

von Gabriele Lingelbach, Sebastian Schlund

„Behinderung” ist ein ubiquitäres Phänomen: Allein in der Bundesrepublik Deutschland gelten laut Statistischem Bundesamt derzeit mehr als 10 Prozent der Bevölkerung als körperlich, geistig oder psychisch „behindert”.[1] Wer aber gehört zur Gruppe der so Bezeichneten? Im Folgenden werden wir auf eine genaue Festlegung verzichten, da wir in diesem Beitrag darlegen wollen, wie umstritten und historisch wandelbar diesbezügliche definitorische Festlegungen sind. Unter anderem ist diskutabel, inwieweit Menschen mit psychischen Krankheiten oder Menschen, deren Beeinträchtigung von außen nicht wahrgenommen werden kann, wie dies bei einigen Organgeschädigten der Fall ist, als „behindert” gelten können. Um die betreffende Gruppe zu umschreiben, verwenden wir im vorliegenden Beitrag die Begriffe „Menschen mit Behinderung” und „behinderte Menschen”. Dass „Behinderung” aber potenziell „jeden” Menschen betreffen kann, bringen all jene auf den Punkt, die Menschen ohne Behinderung als „temporarily able-bodied” bezeichnen.[2] Auch in früheren Gesellschaften, insbesondere während Kriegs- und Krisenzeiten, war stets ein wesentlicher Bestandteil der Bevölkerung seit der Geburt, durch Unfälle, Krieg oder Krankheiten beeinträchtigt. Da körperliche, geistige und/oder psychische Beeinträchtigungen in der Regel mit Benachteiligungen verbunden waren, stellt „Behinderung” eine Kategorie sozialer Ungleichheit dar.

Obwohl andere Kategorien sozialer Ungleichheit wie Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und „Ethnizität” bereits intensive wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren haben, ist „Disability History”, trotz der offensichtlichen Relevanz ihres Gegenstands, erst seit wenigen Jahren ein expandierendes und dynamisches Forschungsfeld:[3] Mittlerweile sind erste Überblicksdarstellungen und Sammelbände publiziert,[4] es wurden Tagungen und Workshops veranstaltet,[5] zudem nehmen sich Drittmittelprojekte des Themas an.[6] Im angelsächsischen Bereich sind Institutionalisierungsprozesse sogar schon seit längerem zu beobachten: So haben einige Universitäten Studiengänge in Disability Studies und Disability History eingerichtet,[7] es existiert eine Online-Plattform in Form von H-Disability,[8] ein Fachverband namens Disability History Association (DHA) wurde gegründet,[9] und eine dreibändige Enzyklopädie[10] gibt einen Überblick über den bisher erreichten Stand der Forschung.

Im vorliegenden Aufsatz wird ausgehend von der Genese des Forschungsansatzes Disability History und der Präsentation der in verschiedenen Zeiträumen und wissenschaftlichen Diskussionen dominanten Modelle von „Behinderung” der Fokus auf die Geschichte von Menschen mit Behinderung in beiden deutschen Staaten zwischen 1945 und 1990 gerichtet. Allerdings muss beim Überblick zur Forschungslage denjenigen Publikationen, die sich mit der westdeutschen Geschichte befassen, größerer Raum beigemessen werden, da Arbeiten, die dezidiert Menschen mit Behinderung in der DDR in den Blick nehmen, nach wie vor rar sind. Daran anschließend werden bislang in der Historiografie weniger bearbeitete Themenkomplexe und Forschungsdesiderate vorgestellt, die verdeutlichen, inwiefern die Disability History innovatives Potenzial für die historische Sozialforschung bzw. für kulturgeschichtliche Ansätze bietet. So kann der Anspruch formuliert werden, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Unnormalen” auch Aussagen über das „Normale” ermöglicht, dass also die Analyse der Situation von Menschen mit Behinderung die Chance bietet, vorherrschende gesellschaftliche Normen und Werte zu untersuchen und gegebenenfalls zu hinterfragen. Somit würde sich die Disability History in eine Forschungstradition einordnen, die – wie etwa die Subaltern Studies, die Armuts- und Fremdheitsgeschichte oder die Migrationsgeschichte – Gesellschaften eher von ihren Rändern her denkt und analysiert.

Entstehung des Forschungsgebiets

Disability History ist Bestandteil eines interdisziplinären Forschungsfelds namens Disability Studies, in welchem sich zwei Triebkräfte unterscheiden lassen: Einerseits durchzieht eine gesellschaftspolitisch interventionistische Zielsetzung, andererseits eine primär wissenschaftliche Beschäftigung mit Phänomenen der verkörperten Differenz den Ansatz. Dabei verzichten auch jene, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen, nicht per se darauf, zentrale behindertenpolitische Forderungen zu formulieren.[11] Eher mit interventionistischer Absicht entstanden seit den 1970er-Jahren Schriften im Kontext der Behindertenbewegung, in denen „Betroffene” auf Benachteiligungen aufmerksam machten und Vorurteilsstrukturen mit dem Ziel thematisierten, auf eine Besserstellung von Menschen mit Behinderung hinzuwirken.[12] Die gesellschaftlichen Strukturen und mentalen Einstellungen sollten dahingehend verändert werden, dass Menschen mit Behinderung uneingeschränkt am sozialen Leben teilhaben könnten und ihre Diversität als gesellschaftliche Bereicherung angesehen würde. Ähnlich wie bei der frühen Frauen- und Geschlechtergeschichte bzw. der „Herstory” stand mithin ein gesellschaftspolitisches Anliegen im Vordergrund, das bis heute ein prägendes Merkmal vieler Veröffentlichungen im Bereich der Disability Studies darstellt.

Paradigmatisch für diese Verwurzelung in der Behindertenbewegung ist die Forderung von Aktivisten „Nothing about us without us”,[13] mit der schlagwortartig die unabdingbare Teilhabe von Menschen mit Behinderung in allen sie betreffenden Strukturen und Prozessen und damit auch am wissenschaftlichen Diskurs über Behinderung verlangt wird. Dementsprechend sensibilisiert ist das gesamte Forschungsfeld hinsichtlich der Präsenz behinderter Wissenschaftler/innen in allen behinderungsspezifischen Projekten.[14] Zudem zeigt sich diese Sensibilität anhand der Debatte, wie die untersuchte Gruppe zu bezeichnen sei: Gegen den Begriff „Behinderte” wurde zum einen eingewandt, er reduziere die betreffende Person stigmatisierend auf ein alles dominierendes Merkmal, zum anderen, dass er signalisiere, die Eigenschaft „behindert” sei den betreffenden Personen immanent und nicht von außen zugeschrieben beziehungsweise durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen verursacht.[15] Folglich seien entweder die Begriffe „behinderte Menschen” oder „Menschen mit Behinderung” bzw. „Menschen mit Behinderungen” vorzuziehen, weil diese Termini implizierten, dass die Umwelt die Ursache für die Behinderung sei. Insbesondere letztere Bezeichnung wurde vom Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von 2006 als angemessen herausgestellt.[16] Darüber hinaus sei diese Begrifflichkeit der des „Gehandicapten” vorzuziehen, die an die Geste des Bettelns erinnere („cap-in-hand”) oder gar dem Wort „Geschädigter”, das einen „gesunden” und „ungeschädigten” Körper als Norm setze.

Neben den Schriften, die vor allem ein gesellschaftspolitisches Anliegen verfolgten, beschäftigten sich stärker wissenschaftlich motivierte Arbeiten von Soziolog/innen, Sonder- und Heilpädagog/innen, Rehabilitationswissenschaftler/innen, Mediziner/innen und Psycholog/innen schon seit längerem mit diesem Thema. In Deutschland waren es zunächst seit den 1950er-Jahren vor allem Mediziner/innen, die sich mit dem Phänomen „Behinderung” auseinandersetzten.[17] Fragen der Eingliederung in den Arbeitsprozess von behinderten Menschen standen hier im Vordergrund. Diese Ausrichtung charakterisierte auch die sich etablierenden Rehabilitationswissenschaften.[18] Nach den Mediziner/innen nahmen sich auch Psycholog/innen und Soziolog/innen des Themas „Behinderung” an und untersuchten beispielsweise Einstellungen gegenüber behinderten Menschen.[19] Kaum eine der damals erschienenen Studien ging aber auf die historische Tiefendimension der gesellschaftlichen Situation von und des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen mit Behinderung ein – diese Leerstelle zu füllen ist Anspruch der sich etablierenden Disability History.

Definitionen und Modelle von „Behinderung”

Wenn man die Literatur überblickt, welche die Geschichte und die gegenwärtige Situation von Menschen mit Behinderung behandelt, hat die Forschung drei Modelle voneinander abgegrenzt, die „Behinderung” konzeptionell unterschiedlich fassen. Dabei fallen bezüglich der zeitlichen Abfolge der Popularisierung dieser Modelle Analogien zu allgemeinen geschichtswissenschaftlichen Konjunkturen auf: Einem ereignisgeschichtlich-deskriptiven Vorgehen folgten idealtypisch gesehen sozialwissenschaftlich inspirierte Ansätze, denen später eher kulturgeschichtlich angelegte Zugänge zur Seite gestellt wurden. Parallel dazu herrschte auch in der Disability History lange Zeit das individuelle oder auch medizinische Modell vor, das die Ursachen für Behinderung im Individuum erkannte und als Defizit bzw. tragischen Defekt definierte, der zu verhüten oder durch Expertenhilfe zu beheben oder zu lindern sei.[20]

Dagegen wandten sich Vertreter des sogenannten sozialen Modells seit den 1970er-Jahren unter dem aus der Behindertenbewegung stammenden Diktum: „Behindert ist man nicht, behindert wird man.” Die Ursachen für Behinderung wurden mithin nicht im Individuum, sondern in der Gesellschaft verortet. Dementsprechend unterscheiden die Vertreter des sozialen Modells zwischen einerseits „impairment”, also der Beeinträchtigung in Form körperlicher, geistiger oder psychischer Besonderheit, und andererseits „disability” als Kategorie gesellschaftlicher Benachteiligung. Somit wollten Anhänger dieses Modells aufzeigen, wie gesellschaftliche Strukturen Menschen mit bestimmten Merkmalen „behindern”, sie einschränken, sozial benachteiligen und exkludieren. Hingewiesen wurde auf gesellschaftliche Barrieren im baulichen Bereich, im Erwerbsleben sowie auf Einschränkungen der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und nicht zuletzt der politischen Partizipation, sprich: der gesellschaftlichen Teilhabe. Diese Sichtweise stellte heraus, dass Behinderung eine Kategorie sozialer Ungleichheit sei, analog zu der des Geschlechts, der „Ethnizität” oder der Klasse, die allesamt zur Konstitution gesellschaftlicher Machtasymmetrien beitragen würden.

Die im sozialen Modell hervorgehobenen diskriminierenden Barrieren werden im dritten Modell, dem kulturellen, zurückgeführt auf Stereotype und Kategorisierungen, die vonseiten der Gesellschaft an die Betroffenen herangetragen wurden. Im Zentrum dieses seit den 1990er-Jahren populärer werdenden Ansatzes stehen Identitäten, Stereotype und Repräsentationen in Bezug auf bzw. von Menschen mit Behinderung. Zudem spielt die im sozialen Modell eher vernachlässigte Dimension des Körpers und der Körperlichkeit eine wichtigere Rolle. Im Kern der Analyse steht die diskursive Ebene, über die „Behinderung” erst als solche konstruiert wird. Befürworter des kulturellen Modells sprechen sich explizit gegen die im sozialen Modell ihrer Ansicht nach beibehaltene dichotomische Konstruktion aus, nach der eine eindeutige Zuweisung von Menschen in die Kategorien „behindert” oder „nichtbehindert” vorgenommen werde. Stattdessen betonen sie die kulturelle Wandelbarkeit von Alteritätsvorstellungen und die Tatsache, dass Menschen mit ein und derselben verkörperten Differenz in unterschiedlichen Epochen als „behindert” oder „nichtbehindert” kategorisiert worden sind. Mithin stellen sie die historisch divergente Einordnung von „Betroffenen” in gesellschaftliche Hierarchien heraus. Vehement wird im kulturellen Modell Kritik an als diskriminierend und repressiv titulierten Normalitätsanmutungen geübt, denen Forderungen nach Anerkennung von Diversität und Anderssein gegenübergestellt werden.

Aus den Grundannahmen des kulturellen Modells resultieren mehrere Ansprüche: Zum einen stellen Historiker/innen, die mit diesem Modell arbeiten, für sich heraus, dass sie nicht nur eine Segmentgeschichte schreiben, sondern durch die Analyse von Normalitätsvorstellungen die gesamtgesellschaftliche Ebene in den Blick nehmen.[21] Schließlich beinhalten Alteritätskonstruktionen sowohl Aussagen über den jeweilig Anderen als auch identitäre Selbstzuschreibungen. Damit erheben Befürworter des kulturellen Modells analog zur Geschlechtergeschichte den Anspruch, einen Paradigmenwechsel für die gesamte historische Disziplin einzuleiten: „Begreift man Behinderung als eine Leitdifferenz moderner Gesellschaften, bietet sie die Möglichkeit, nicht nur eine disability history, sondern auch die allgemeine Geschichte neu zu schreiben.”[22] Darüber hinaus wird der Geschichtswissenschaft im kulturellen Modell eine besonders prominente Rolle zugewiesen, da der Konstruktionscharakter von „Behinderung” durch die Betonung von dessen historischer Wandelbarkeit plausibel herausgearbeitet werden kann. Dies belegt die Studie von Carol Poore, die 2007 erstmals einen Überblick über die Geschichte von Menschen mit Behinderung im Deutschland des 20. Jahrhunderts aus kulturgeschichtlicher Perspektive bot.[23]

Allerdings sind einige Thesen des kulturellen Modells auch in Zweifel gezogen worden. So hat beispielsweise Andreas Kuhlmann trotz aller Anerkennung für die politisch-moralischen Anliegen, die das kulturelle Modell impliziert, zu bedenken gegeben, „ob die Rede über Behinderung nicht allen Realitätsgehalt verliert, wenn geleugnet wird, dass es in vielen Fällen der Körper ist, der die Betroffenen „behindert” – der sie herabzieht und ihre Intentionen durchkreuzt".[24] Somit kann im Anschluss an Kuhlmann gefragt werden, ob es nicht einen im Körperlichen angelegten „harten Kern” gibt, der sich allen Dekonstruktionsbemühungen entzieht – diese Diskussion findet folglich eine Parallele in der Auseinandersetzung um den Gender-Ansatz.

Kontroversen und methodologische Problematiken

Über die Kritik an einzelnen Modellen hinausreichend, wurden verschiedene Kontroversen im gesamten Feld der Disability History ausgetragen. So wurde bei mehreren historischen Publikationen beanstandet, dass ihnen ein teleologisches Narrativ zugrunde liege, welches die beschriebenen Entwicklungen stets als Erfolgsgeschichte darstelle, etwa in Hinblick auf die Lebenslagen von Menschen mit Behinderung, insbesondere seit den späten 1940er Jahren.[25] Die Behauptung eines kontinuierlichen Ausbaus sozialpolitischer Maßnahmen, einer konsequenten Fortentwicklung medizinischer und rehabilitativer Programme und damit auch der Verbesserung individueller Lebenssituationen, ignoriere, so die Kritik erstens, dass retardierende Phasen oder Momente des Rückschritts unterbeleuchtet blieben. Zweitens missachte das Erfolgsnarrativ die Tatsache, dass in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen unterschiedliche Grade von Annäherungen an das Inklusionsideal zu beobachten seien. Drittens berücksichtigten die Erfolgsgeschichten nicht ausreichend, dass die Ausweitung sozialpolitischer und rehabilitativer Maßnahmen von negativ zu beurteilenden Begleiterscheinungen wie der Medikalisierung, der Normalisierung und der institutionellen Separierung überschattet war.

Allerdings sind auch einige jener Arbeiten zur Behinderungsgeschichte, die eine Langzeitperspektive einnehmen, eher durch ein Niedergangsnarrativ charakterisiert.[26] In diesem wird postuliert, dass im Übergang zur „Moderne” mit der Einweisung von Menschen mit Behinderung in separierte Institutionen, mit der zunehmenden medizinischen und administrativen Erfassung, der Kategorisierung, Disziplinierung und Normalisierung ein Verlust an Autonomie und Diversitätsakzeptanz stattgefunden habe. Dies hat Anne Waldschmidt anhand der Pränataldiagnostik der Bundesrepublik analysiert, indem sie den Gouvernementalitätsansatz von Michel Foucault heuristisch einsetzt, um Normalisierungsanforderungen gegenüber werdenden Eltern kritisch zu beleuchten.[27] Aus historisch-materialistischer Sicht wiederum kann der Aufstieg des industriellen Kapitalismus in ein Niedergangsnarrativ eingefügt werden, da er zum Ausschluss behinderter Menschen aus dem Produktionsprozess geführt habe.[28]

Widerspruch hervorgerufen hat auch der ausgeprägte gesellschaftspolitisch interventionistische und normativ aufgeladene Gegenwartsbezug der Disability History als Teil der Disability Studies. So betont u.a. Markus Dederich die zentrale Forderung, diesen Forschungszweig „in gesellschaftlichen und politisch relevanten Zusammenhängen” zu verankern: „Wissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Engagement sollen nach den Vorstellungen der meisten Vertreterinnen und Vertreter der Disability Studies eine untrennbare Einheit bilden.”[29] Dieses Verständnis der Disability Studies und damit auch der Disability History als Emanzipationswissenschaft führte zu der zentralen Forderung, sie habe zum „empowerment”, das meist mit Selbstbemächtigung, Selbstermächtigung oder Selbstbefähigung von Menschen mit Behinderung übersetzt wird,[30] beizutragen. Ebenso habe das Forschungsfeld darauf hinzuwirken, dass Gesellschaften Differenz schätzen lernen und das Leben zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt gestalten sollten.[31] Dieser dezidierten Instrumentalisierung können aber wiederum die methodologischen geschichtswissenschaftlichen Standards der Ergebnisoffenheit jeglicher historischen Forschung, das „Vetorecht der Quelle” sowie die größtmögliche, wenn auch nicht erreichbare Neutralität wissenschaftlicher Darstellung entgegengehalten werden.

Schwerpunkte der bisherigen zeitgeschichtlichen Forschung

Auch vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Debatten sind in den vergangenen Jahren mehrere Studien zur Zeitgeschichte von Menschen mit Behinderung entstanden – wobei betont werden muss, dass bestimmte Personengruppen und Themenkomplexe nicht nur von sich explizit der Disability History zurechnenden Historiker/innen untersucht worden sind, sondern auch von „Allgemeinhistoriker/innen”.[32]

Der erste zeithistorische Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklung des eugenischen Denkens,[33] dessen Konsequenzen in Form von Zwangssterilisationen und der physischen Vernichtung von Menschen mit Behinderung während des Nationalsozialismus intensiv analysiert wurden.[34] Die ausführliche Behandlung dieses Themenkomplexes zeigt auf, in welchem Maße die Erfahrungen während des Nationalsozialismus die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte von Menschen mit Behinderung in der Nachkriegszeit prägte. Im Folgenden soll nun eine ausführlichere Darstellung der Forschungslage ausschließlich für die Zeit nach 1945 erfolgen. Für diesen Bereich fällt eine Konzentration auf gewisse Themen ins Auge: Neben der Behindertenpolitik standen behindertenspezifische Institutionen im Fokus, wobei wiederum bestimmte Gruppen – Kriegsgeschädigte sowie psychisch Kranke – bevorzugt untersucht wurden.[35]

Versehrte des Zweiten Weltkriegs, 1946, Fotograf: Richard Peter, Deutsche Fotothek, Quelle (CC): Wikimedia Commons/Deutsche Fotothek.


- Sozialpolitik

Für die westdeutsche Nachkriegsentwicklung lässt sich ein gesteigertes geschichtswissenschaftliches Interesse an der Sozial- und Behindertenpolitik feststellen. Besonders zu nennen sind hierbei die Veröffentlichungen Wilfried Rudloffs, die sich den gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen ebenso widmeten wie den Institutionalisierungsprozessen im politisch-administrativen Bereich.[36] Er unterscheidet dabei vier Phasen zwischen den späten 1940ern und der Mitte der 1970er-Jahre:[37] Zunächst sei es bis Mitte der 1950er-Jahre um die Bewältigung der Kriegsfolgen gegangen, wobei die Kriegsbeschädigten im Zentrum der sozialpolitischen Aufmerksamkeit gestanden hätten. Daran anschließend habe in Zeiten des eklatanten Arbeitskräftemangels bis Anfang der 1960er-Jahre die berufliche Rehabilitation „statt müßiger Rentenbezieher […] arbeitsfähige Steuerzahler”[38] hervorbringen sollen. Damit rückten auch Menschen mit sogenannten Zivilisationskrankheiten und Frühinvalide ins Blickfeld behindertenpolitischer Maßnahmen.

Unter anderem als Folge des Conterganskandals zogen dann bis Ende der 1970er-Jahre verstärkt behinderte Kinder öffentliche und infolgedessen auch politische Aufmerksamkeit auf sich. In dieser Phase kam es zu einer Abwendung von der bisherig ökonomisch-sozialutilitaristischen Ausrichtung der Behindertenpolitik, da Eingliederungshilfen nun nicht mehr nur auf die Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit, sondern auch auf die „Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft”[39] abzielten. Eine Zäsur kann in der Mitte der 1970er-Jahre verortet werden, als die sozialliberale Koalition einen umfangreichen Maßnahmenkatalog verabschiedete, um bisher benachteiligten Gruppen von Menschen mit Behinderung eine adäquate Absicherung zukommen zu lassen. Mithin korrespondiert die von Rudloff vorgeschlagene Periodisierung mit jener, die u.a. von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael vorgenommen wurde.[40] Denn ein Politikwechsel ist dahingehend zu beobachten, dass seit den 1970er-Jahren die Forderung nach gesellschaftlicher Teilhabe eingelöst wurde, indem staatliche Maßnahmen nun auf die Beseitigung von Alltagsbarrieren fokussierten.

Ein durch Contergan geschädigter Junge beim Spiel, Quelle: Broschüre „Sorgenkinder unter uns“ (1966), Archiv der Aktion Sorgenkind, Signatur: AB-1-2007-436, © mit freundlicher Genehmigung.

Anhand der Entwicklung von den späten 1940er- bis in die 1980er-Jahre lässt sich erstens belegen, dass in der westdeutschen Gesellschaft mithilfe der Sozialpolitik eine Binnenhierarchisierung zwischen den verschiedenen Behindertengruppen vorgenommen wurde.[41] Abhängig vom Wählergewicht, der interessenpolitischen Organisationsfähigkeit, dem moralischen Kapital der jeweiligen Gruppen sowie der Aufmerksamkeit, die Medien und Experten ihnen zukommen ließen, standen zunächst kriegsversehrte Männer, dann geburtsgeschädigte Kinder im Zentrum behindertenpolitischer Initiativen. „Zivilgeschädigte”, erwachsene „Geburtsgeschädigte”, Menschen mit geistiger Behinderung sowie nicht erwerbstätige Frauen wurden dagegen nur zögerlich in die sozialen Sicherungssysteme aufgenommen. Zweitens wird deutlich, dass sich die Sozialpolitik damit sukzessive vom sogenannten Kausalprinzip, das die sozialpolitische Förderung von der Ursache der „Schädigung” abhängig machte, verabschiedete und sich dem sogenannten Finalprinzip zuwandte, das die Gewährung und die Höhe der Leistung am jeweiligen Rehabilitationsziel ausrichtete.

Bundesrepublikanische Diskurse im wissenschaftlichen und politischen Feld sowie deren Konzeption von und Auswirkung auf die Erwerbstätigkeit von Menschen mit Behinderung stehen wiederum im Zentrum der wegweisenden Studie von Elsbeth Bösl zu den „Politiken der Normalisierung”[42]. Behindertenpolitik zielte laut Bösl in der frühen Bundesrepublik nicht auf Gleichstellung, vielmehr sei angestrebt worden, durch Rehabilitationsmaßnahmen Menschen mit Behinderung in den Arbeitsprozess zu integrieren. Mit dieser utilitaristischen Ausrichtung gingen Normalisierungs- und Anpassungserwartungen einher, die aus heutiger Sicht insofern kritisch eingeschätzt werden, als „Behinderung” als zu überwindendes Defizit angesehen wurde.

Im Gegensatz zur bundesrepublikanischen Geschichte ist die Behindertenpolitik in der DDR weniger stark beleuchtet worden; einer der Schwerpunkte liegt auf der behindertenbezogenen Arbeitsmarktpolitik. Dies ist u.a. darin begründet, dass in der DDR noch stärker als in der Bundesrepublik die Erwerbsarbeit im Mittelpunkt behindertenpolitischer bzw. rehabilitativer Maßnahmen stand.[43] Seit der Gründung der DDR ging es vor allem darum, möglichst viele Menschen mit körperlicher Behinderung in den Arbeitsprozess einzugliedern, wobei „Betroffene” allerdings vor allem in untergeordneten Positionen im Betrieb eingesetzt wurden. In Ostdeutschland wurde gesellschaftliche Integration dahingehend mit gesellschaftlicher Rehabilitation gleichgesetzt, als „der Betrieb […] zum Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens avancierte”.[44] Des Weiteren setzte man wegen des sich abzeichnenden Facharbeitermangels in wachsendem Maße auf Umschulung bzw. Weiterbildung von „Schwerbeschädigten”, deren Recht auf – gleichzeitig aber auch Pflicht zur – Arbeit 1969 gesetzlich festgeschrieben wurde. In der Honecker-Ära fand eine generelle Aufwertung der Sozialpolitik statt, die sich auf verschiedene Lebensbereiche – so den barrierefreien Zugang zu öffentlichen Gebäuden und die bevorzugte Wohnraumzuteilung –auswirkte.[45]

Diese Ergebnisse korrespondieren in mehreren Aspekten mit jener von Konrad H. Jarausch vorgebrachten These von der späten DDR als „Fürsorgediktatur”, nach der „die SED-Diktatur […] die Zustimmung der Bevölkerung in steigendem Maße durch sozialpolitische Leistung zu erreichen”[46] suchte. Allerdings reichen die bisherigen Forschungsanstrengungen nicht aus, um die sozialpolitischen Maßnahmen nach unterschiedlichen Betroffenengruppen zu differenzieren. Noch fehlen Analysen, die beispielsweise die Frage beantworten könnten, ob behinderte Frauen oder auch Menschen mit geistiger Behinderung auf der sozialpolitischen Agenda anders verortet wurden als Kriegsgeschädigte oder körperbehinderte Kinder.


- Institutionen

Neben den Studien zur Sozial- und Behindertenpolitik haben auch die Institutionen für und von Menschen mit Behinderung wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Insbesondere die Psychiatriegeschichte ist für die bundesrepublikanische Seite mehrfach Thema von Abhandlungen gewesen.[47] Beobachtet wurde, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Psychiatrie zunächst kaum öffentliche Beachtung zukam und die Versorgung der Betroffenen dementsprechend schlecht war. Erst Mitte der 1960er-Jahre änderten sich allmählich die Bedingungen auf Druck vor allem der professionellen und wissenschaftlichen Experten. Punktuell wurden therapeutische Angebote ausgeweitet, zudem kam es zu Veränderungen im Hinblick auf die Umgangsformen gegenüber den Patienten, etwa indem „paternalistisch-hierarchische Grundordnung[en]”[48] aufgeweicht wurden. In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren intensivierte sich eine Reformdebatte, die von einer neuen Expertengeneration getragen wurde. Zugleich forderte die Anti-Psychiatrie-Bewegung eine grundlegende Umgestaltung des gesamten Psychiatriewesens.[49] Sie gipfelte in der sogenannten Psychiatrie-Enquête, welche die Missstände in der Versorgung anprangerte und eine radikale Strukturreform einforderte. Umsetzungen dieser Forderungen manifestierten sich seit Mitte der 1970er-Jahre in einem Abbau der psychiatrischen Großkrankenhäuser, der Verkleinerung der Stationen und dem Ausbau der personellen und baulichen Infrastruktur.

Institutionengeschichtliche Perspektiven auf die Geschichte von Menschen mit Behinderung nimmt auch die Forschung zur lange Zeit vernachlässigten Geschichte einzelner Heime ein. Erst durch die Veröffentlichung des Buchs von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn” 2006 und dessen Offenlegung von Missständen und Gewalterfahrungen in Heimen der 1950er- und 1960er-Jahre wurden Historiker/innen verstärkt auf die Geschichte entsprechender Institutionen für Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene mit Behinderung aufmerksam.[50] Neben psychiatrischen Anstalten und Heimen sind Schulen als wesentliche Institutionen für Menschen mit Behinderung in ersten Ansätzen behandelt worden.[51] Diesbezüglich stellte die Forschung heraus, dass in Westdeutschland nach 1945 weiterhin von einer grundsätzlichen „Bildungsunfähigkeit” von Kindern mit geistiger Behinderung ausgegangen worden sei und die Verantwortung für sie auf Familien oder Anstalten verlagert wurde. Zu Beginn der 1960er-Jahre wandte man sich dieser Gruppierung aber verstärkt zu und baute das Sonderschulwesen aus, zudem kam es zu einer zunehmenden Spezialisierung und Differenzierung von Schultypen auch für andere Gruppen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung (z.B. Blinde und Gehörlose). Der damit verbundene quantitative Ausbau des Sonderschulwesens verstärkte allerdings Praktiken von Ab- und Aussonderung. Dies wurde in den 1970er-Jahren als zunehmend problematisch angesehen; es rückten in der Folge Konzepte in den Vordergrund, welche die Integration und das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung propagierten. Dies hatte aber jahrzehntelang kaum Auswirkungen auf die Schulpraxis.[52]

Für die DDR hat sich Sebastian Barsch mit der Erziehung, Bildung und Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung auseinandergesetzt.[53] Schwach geistig behinderte Kinder hatten zwar ab den 1960er-Jahren Zugang zu Bildungseinrichtungen, „bildungs- und förderunfähige” Kinder wurden allerdings unter teils unwürdigen Bedingungen in gesonderten Pflegeheimen oder psychiatrischen Einrichtungen untergebracht, ohne dass ihnen Förder- oder gar Bildungsangebote zuteil wurden.[54] Bis in die 1980er-Jahre blieb es dabei, dass „nicht förderungsfähige” Kinder kein Recht auf schulische Bildung hatten. Die als bildungsfähig titulierten Kinder und Jugendlichen wurden im Gegensatz dazu seit den 1950er-Jahren in wachsendem Umfang in separierten Institutionen pädagogischen Rehabilitationsmaßnahmen zugeführt. Jedoch liegen insbesondere zu Heimen für Menschen mit Behinderung bislang kaum Forschungen vor. Zumindest aber kann konstatiert werden, dass sich Bundesrepublik und DDR spätestens gegen Ende der 1970er-Jahre im Bereich der Sonderpädagogik auseinander entwickelten, da der Integrationsgedanke, behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten, in Ostdeutschland bis zuletzt nicht Fuß fasste.[55]

Im Hinblick auf Institutionen, die nicht für, sondern von Menschen mit Behinderung ins Leben gerufen wurden, liegen ausschließlich Arbeiten für die westdeutsche Geschichte vor. Hier kann für die frühe Nachkriegsgeschichte auf die Entstehung von Interessenverbänden wie etwa dem Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (VdK) oder dem Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen verwiesen werden.[56] Für die seit den späten 1950er-Jahren neu gegründeten Organisationen wie etwa der „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind” oder die „Aktion Sorgenkind” existieren bislang lediglich Veröffentlichungen aus eigenem Hause.[57]

Für die weitere Entwicklung sind Institutionen der Selbstadvokation und der horizontalen Vernetzung unter Menschen mit Behinderung wie etwa die Clubs Behinderter und ihrer Freunde zentral.[58] Sie wandten sich entschieden gegen paternalistische Bevormundung und diskriminierende Stereotypen und forderten inkludierende Maßnahmen ein.[59] Die in den späten 1970er-Jahren entstehende sogenannte Krüppelbewegung radikalisierte sich dahingehend, als von ihr Normalisierungsansprüche ebenso vehement abgelehnt wurden wie die Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten.[60] Stattdessen traten sie für eine Emanzipation der „Betroffenen” ein.

Forschungsdesiderate

Im Gegensatz zur deutschen Forschung hat die angloamerikanische bereits ein breites Themenspektrum bearbeitet – hier eröffnen sich gegebenenfalls Perspektiven für deutsche Disability Historians.[61] Ein Blick in die beiden Sammelwerke von Susan Burch bzw. Gary L. Albrecht genügt, um die Breite und Vielfalt der insbesondere in den USA erarbeiteten Forschungsergebnisse zu erkennen.[62] Ins Auge fallen zahlreiche Biografien, die sich den Lebenswegen einzelner Menschen mit Behinderung widmen, ebenso Darstellungen von Familiengeschichten, in denen auch die pflegenden und betreuenden Personen in die Analyse einbezogen werden. Einzelne „Betroffenengruppen” wie Blinde, Taube oder Poliokranke sind bereits mehrfach untersucht worden. Die Geschichte der Behindertenbewegung wurde ebenso intensiv erforscht. Des Weiteren ist die technikgeschichtliche Perspektive zum Tragen gekommen, so etwa in Studien zur Entwicklung prothetischer Kunstglieder. Auch die Entstehung populärer Bilder und Vorstellungen in Bezug auf Menschen mit Behinderung hat wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dazu gehört die Darstellung von behinderten Menschen im Film. In der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft traditionell stärker bearbeitete Themen wie „Rasse”, „Ethnizität” und Geschlecht wurden ebenfalls in die Erforschung der Geschichte von Menschen mit Behinderung integriert.

Die größere Bandbreite der angloamerikanischen Forschung erklärt sich vor allem über die Zahl der Wissenschaftler/innen, die sich mittlerweile auf dieses Feld spezialisiert haben. In Deutschland entschieden sich bisher nur wenige Historiker/innen dazu, sich der Geschichte von Menschen mit Behinderung zu widmen. Insgesamt lässt sich hier eine Tendenz ausmachen, eher Körperbehinderte zu untersuchen, wohingegen die Geschichte von Menschen mit geistiger Behinderung weitgehend ignoriert wurde. So fehlt weiterhin eine Monografie, die sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Down-Syndrom im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzt, obwohl dies ein wichtiger Ansatzpunkt wäre, um der Frage nachzugehen, inwieweit eugenisches und „euthanasisches” Denken auch nach der angeblichen „Stunde Null” Prägekraft behielt.[63] Ebenso wurde die Entwicklung der „Geschützten Werkstätten” für Menschen mit geistiger Behinderung nur in Ansätzen geschichtswissenschaftlich bearbeitet. Die Geschichte von Schulen für Kinder und Jugendliche beispielsweise mit Seh- oder Hörschädigungen ist weitgehend unbekanntes Terrain. Dieses Manko auszugleichen, böte die Möglichkeit, die Geschichte segregierender Einrichtungen als Sonde für die Analyse von vorherrschenden Kategorisierungen und Normalitätsvorstellungen anzulegen.

Lücken tun sich auch in Bezug auf eine technikgeschichtliche Betrachtung auf: Weder existieren umfangreichere Arbeiten zur Geschichte der Prothetik in Deutschland,[64] noch wurde die Entwicklung technischer „Hilfsmittel” wie etwa des Rollstuhls oder der Sehhilfen für stark Sehgeschädigte einer Analyse unterzogen. Hier ließen sich Überlegungen aus der Körpergeschichte anschließen, um beispielsweise die Frage zu stellen, wie sich das Denken über die Optimierung und „Zurichtung” von Körpern historisch wandelte. Zudem ist auffällig, dass die west- und ostdeutsche Alltagsgeschichte sowohl für den Arbeits- als auch den Freizeitbereich in den vergangenen Jahren intensiv von Historiker/innen erforscht worden ist, dies aber für die Geschichte von Menschen mit Behinderung noch nicht zutrifft. Da in diesem Bereich Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Behinderung häufig waren und sind, könnten Studien eruieren, welche Integrationskonzepte hier erprobt und verhandelt wurden oder durch die Alltagspraxis eine Veränderung erfuhren. Ebenso wäre der Wandel oder die Kontinuität stereotyper Zuschreibungen als Folge des alltäglichen Aufeinandertreffens analysierbar. Doch weder existieren Mikrostudien zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung in ausgesuchten Unternehmen, noch wurden Überblickswerke verfasst, die diesen Lebensbereich aus der Perspektive der Disability History abdecken.[65] Ähnlich verhält es sich mit den Freizeitaktivitäten: Während die Freizeitsoziologie und -pädagogik hier schon bedeutende Arbeiten hervorgebracht haben,[66] ist bisher aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive weder das Reise- oder Urlaubsverhalten von Menschen mit Behinderung noch der Medien- oder Kulturkonsum untersucht worden.[67]

Atlanta Paralympic Games, 1996, Fotograf: John Sherwell, Quelle Australian Paralympic Committee/Sport The Library (CC): Wikimedia Commons/Australian Paralympic Committee.

Ein gewisses Desiderat lässt sich zudem in Hinblick auf Arbeiten feststellen, die sich dem Thema Behinderung methodisch über den Intersektionalitätsansatz nähern, also mithilfe des nicht-additiven Verschränkens von Differenzkategorien wie Geschlecht, Ethnie, Klasse, sexueller Orientierung und Behinderung. Das Verhältnis von Gender und „Behinderung” ist wiederum zwar aus der Gegenwartsperspektive behandelt worden,[68] für die historische Betrachtung mangelt es aber an einer Geschlechtergeschichte von Menschen mit Behinderung in Deutschland, welche die Verschränktheit unterschiedlicher Zuschreibungen in den Blick nimmt. Zudem ist auch im Bereich der Migrationsgeschichte kaum angedacht worden, dass transnationale Wanderungsphänomene auch Menschen mit Behinderung betreffen, die gegebenenfalls spezifische Migrationserfahrungen machten. Neben Fragestellungen, die Geschlecht oder „Ethnizität” in die Analyse einbeziehen, harrt eine sozialgeschichtlich inspirierte Ergründung des Zusammenhangs zwischen Behinderung und Klassenbildung oder sozialer Schichtung der Bearbeitung. Insgesamt könnte die Einbeziehung dieser Problemstellungen ein komplexeres Bild von der Entwicklung sozialer Ungleichheit nach 1945 ergeben.

Ein größeres Ausmaß an Multiperspektivität ließe sich auch erreichen, wenn man die Forderung der Disability History umsetzen würde, Menschen mit Behinderung nicht nur als Objekte, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichte zu begreifen. Denn bisher legte die Forschung ihr Augenmerk vor allen Dingen auf das staatliche Handeln gegenüber Menschen mit Behinderung oder generell auf das Handeln von nichtbehinderten Menschen gegenüber behinderten Menschen. Diese Top-down-Perspektive ist bereits vielfach kritisiert worden, dennoch besteht weiterhin ein Nachholbedarf in Bezug auf Arbeiten, die dezidiert die Perspektive von Menschen mit Behinderung einnehmen.[69] Dieses Manko mag allerdings auch der Quellenlage geschuldet sein: Während in den Archiven umfangreiche Dokumente zu finden sind, welche die Perspektive der Regierenden und politisch Verantwortlichen, der Verwaltungen oder auch der wissenschaftlichen Experten wiedergeben, besteht ein Mangel an Materialien, die etwa in Form von Egodokumenten Bottom-up-Analysen ermöglichten. Für die Zeitgeschichte kann teilweise mithilfe von Oral-History-Interviews ein Ausgleich geschaffen werden, doch auch hier sind methodologische Grenzen gesetzt.[70] Dies betrifft insbesondere die Geschichte von Menschen mit geistiger Behinderung.

Zudem fällt auf, dass zu einigen Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft noch nicht ausreichend Verbindungen hergestellt wurden. Vertreter/innen der Körpergeschichte haben wenig Interesse für „andersartige” oder aus der Norm fallende Körper artikuliert.[71] Zwar haben sich einige Mediävisten und Frühneuzeithistoriker, die sich mit der Geschichte von Menschen mit Behinderung auseinandersetzen, körpergeschichtlichen Themen zugewandt,[72] Zeithistoriker/innen haben – jenseits der Geschichte von Kriegsversehrten[73] – dieses Themenfeld dagegen noch kaum für sich entdeckt. Hinsichtlich der Mediengeschichte gibt es Ansätze der Zusammenarbeit,[74] es bleiben aber deutliche Lücken wie etwa die Darstellung von Menschen mit Behinderung im Film, der Werbung oder auch in populären Zeitschriften der Nachkriegszeit.[75] Auch in der Historischen Komparatistik wird man kaum fündig: Gerade internationale Vergleiche sind bei der Erforschung der Geschichte von Menschen mit Behinderung Mangelware. Zu guter Letzt kann darauf hingewiesen werden, dass kaum transnational ausgerichtete Arbeiten zur Verfügung stehen: Der Austausch über nationale und gesellschaftliche Grenzen hinweg, die Frage danach, ob und inwieweit Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft durch Kulturtransfer mit anderen Gesellschaften in Gang gebracht oder beeinflusst wurden, blieb bislang weitgehend unreflektiert.

Ausblick

Eine intensivere Zusammenarbeit könnte man sich nicht nur zwischen den verschiedenen Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft erhoffen, sondern auch zwischen verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen. Eine stärkere Rezeption von Arbeiten, die aus soziologischer, sonderpädagogischer oder rehabilitationswissenschaftlicher Perspektive verfasst wurden, könnte die geschichtswissenschaftliche Betrachtung des Phänomens „Behinderung” bereichern. Eine Überwindung der gegenseitigen Wahrnehmungsschranken ist daher wünschenswert, um so den eingangs formulierten Anspruch der Disability History, gesamtgesellschaftliche Prozesse zu beschreiben und zu erklären, besser einlösen zu können. In diesem Sinne wäre auch dem Anliegen der Disability History, zu einer dezentrierenden Betrachtung der Vergangenheit beizutragen, Vorschub geleistet. Denn sie reiht sich wie die Subaltern Studies, die Migrationsgeschichte, die Kolonialgeschichte oder auch die Erforschung von Armut und Fremdheit in eine Forschungsrichtung ein, die gesellschaftliche Entwicklungen von ihren „Rändern” aus analysiert.

Empfohlene Literatur zum Thema

Zitation
Gabriele Lingelbach, Sebastian Schlund, Disability History (Werkstatt-Version), in: Docupedia-Zeitgeschichte, 16.12.2017, 23:34 Uhr, URL dieser Version: http://docupedia.de/zg/Werkstatt:Disability_History?oldid=94859
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  1. Wir danken Steffen Dörre, Bertold Scharf und Jan Stoll für wertvolle Anregungen und Kritik. – Nachweis der statistischen Angabe, online unter https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2011/05/PD11_187_227.html.
  2. Dies ist eine „subversiv-humoristische“ Bezeichnung, die vor allem in der US-amerikanischen Behindertenbewegung der 1980er-Jahre verwendet wurde, siehe Deborah Marks, Disability. Controversial Debates and Psychosocial Perspectives, London 1999, S. 18.
  3. Es existiert bereits ein ausführlicher Forschungsüberblick von Elsbeth Bösl aus dem Jahr 2009: Elsbeth Bösl, Dis/ability History: Grundlagen und Forschungsstand, in: H-Soz-u-Kult 7.7.2009, online unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2009-07-001.pdf. Dieser beleuchtet Disability History allerdings stärker als Teildisziplin der Disability Studies, während der vorliegende Beitrag vor allem die zeitgeschichtliche Forschung in den Blick nimmt. Zudem stellt Bösl ausführlich die Forschungen im angloamerikanischen Bereich dar, sodass in diesem Beitrag auf eine intensivere Auseinandersetzung mit der nichtdeutschen Disability History verzichtet wird. Da sich das Feld der Disability History in den vergangenen vier Jahren weiterentwickelt und neue Publikationen hervorgebracht wurden, bietet sich ein erneuter Überblicksaufsatz an, auch wenn in Teilen Überschneidungen mit den Themensetzungen Bösls weder zu vermeiden noch ungewollt sind.
  4. Elsbeth Bösl/Anne Klein/Anne Waldschmidt (Hrsg.), Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung, Bielefeld 2010; Urs Germann u.a., Themenheft Behinderung – Handicap, Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire 13 (2006), H. 3.
  5. Sebastian Barsch/Anne Klein/Pieter Verstraete (Hrsg.), The Imperfect Historian: Disability Histories in Europe, Frankfurt a.M. 2013; Call for Papers für die Tagung „Kontinuitäten, Zäsuren, Brüche? Die Lebenslage von Menschen mit Behinderungen in Deutschland nach 1945: Periodisierungsfragen der deutschen Zeitgeschichte aus interdisziplinärer Perspektive“ im März 2014 Köln, online unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=21947&sort=datum&order=down&search=waldschmidt; Konferenz 'Disability Studies' meets 'History of Science' im Dezember 2012 in Aachen, online unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=20368&sort=datum&order=down&search=disability+history+meets; Sektion „Dis/ability in History – Behinderung in der Geschichte: Soziale Ungleichheit revisited“ auf dem Historikertag 2008. Aus dieser Sektion ging der bereits erwähnte Sammelband Bösl/Klein/Waldschmidt (Hrsg.), Disability History hervor. Außerdem konzipierten die Aktion Mensch und das Deutsche Hygiene Museum 2001 die Ausstellung „Der [im-]perfekte Mensch. Vom Recht auf Unvollkommenheit“, siehe den Ausstellungskatalog: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum/Deutsche Behindertenhilfe – Aktion Mensch e.V. (Hrsg.), Der [im]perfekte Mensch. Vom Recht auf Unvollkommenheit. Begleitbuch zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum vom 20.12.2001-12.8.2002, Ostfildern-Ruit 2001, eine Dokumentation der Ausstellung online unter http://www.imperfekt.de.
  6. Unter anderem existiert an der Universität Bremen eine von Cordula Nolte geleitete Creative Unit „Homo debilis. Dis/ability in der Vormoderne“, die aus einem von der DFG geförderten Forschungsprojekt hervorgegangen ist. Zudem arbeitet an der Universität Kiel ein dreiköpfiges Team in einem von der DFG geförderten Projekt „Menschen mit Behinderung in Deutschland nach 1945. Selbstbestimmung und Partizipation im deutsch-deutschen Vergleich: ein Beitrag zur Disability History“.
  7. Siehe den Überblick in Disability History Association Newsletter Fall 2007, Volume 3, Issue 2, S. 7-22.
  8. http://www.h-net.org/~disabil/. Hier finden Interessierte u.a. aktuelle Rezensionen, Call for Papers und Tagungsberichte.
  9. http://www.dishist.org/.
  10. Susan Burch (Hrsg.), Encyclopedia of American Disability History, New York 2009.
  11. Eine wesentliche deutschsprachige Einführung in die Disability Studies ist Markus Dederich, Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies (= Disability Studie; Bd. 2), Bielefeld 2007; siehe zudem Cornelia Renggli, Disability Studies – Ein historischer Überblick, in: Jan Weisser/Cornelia Renggli (Hrsg.), Disability Studies. Ein Lesebuch, Luzern 2004, S. 15-26.
  12. Exemplarische Veröffentlichungen aus verschiedenen Strömungen der Behindertenbewegung sind Ernst Klee, Behinderten-Report, Frankfurt a.M. 1974; Susanne von Daniels u.a. (Hrsg.), Krüppel-Tribunal. Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat, Köln 1983; Franz Christoph, Krüppelschläge. Gegen die Gewalt der Menschlichkeit, Hamburg 1983; retrospektiv über Publikationen und Tätigkeit der Behindertenbewegung: Eckhard Rohrmann, Vom „brüllenden Löwen“ zum „kläffenden Schoßhund“, in: Peter Günther/Eckhard Rohrmann (Hrsg.), Soziale Selbsthilfe. Alternative, Ergänzung oder Methode sozialer Arbeit? Heidelberg 1999, S. 51-68.
  13. So der programmatische Titel von James I. Charlton, Nothing about Us Without Us. Disability Oppression and Empowerment, Berkeley 1998.
  14. Theresia Degener, Behinderung als rechtliche Konstruktion, in: Petra Lutz u.a. (Hrsg.), Der [im]perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung, Köln 2003, S. 449-466, hier S. 450.
  15. Zu der sich wandelnden Begrifflichkeit während der vergangenen Jahrhunderte siehe Hans-Walter Schmuhl, Exklusion und Inklusion durch Sprache. Zur Geschichte des Begriffs Behinderung (= IMEW Expertise; Bd. 11), Berlin 2010; zur Diskussion um die „korrekte“ Begrifflichkeit siehe Kai Felkendorff, Ausweitung der Behinderungszone. Neuere Behinderungsbegriffe und ihre Folgen, in: Günther Cloerkes (Hrsg.),Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen, Heidelberg 2003, S. 25-52.
  16. Anhand des Beispiels der Begrifflichkeiten wird deutlich, dass Festlegungen seitens der Vereinten Nationen, so beispielsweise die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, die nationalen Debatten über die Inklusion von Menschen mit Behinderung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen vorangetrieben haben. Zum Originaltext der Konvention: http://www.un.org/disabilities/convention/conventionfull.shtml.
  17. Typisch für diesen Ansatz: Wolfgang Albert, Lösung des Schwerbeschädigtenproblems durch Arbeit. Betrachtungen und Untersuchungen zur Resozialisierung Körperbehinderter, Berlin 1956.
  18. Kurt-Alphons Jochheim, Rehabilitation, Band 1: Gesetzliche Grundlagen, Methoden und Maßnahmen, Stuttgart 1975. Zur Entwicklung der Heil- und Sonderpädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg siehe Andreas Möckel, Geschichte der Heilpädagogik oder Macht und Ohnmacht der Erziehung, Stuttgart 2007, S. 235-244.
  19. Gerd W. Jansen, Die Einstellung der Gesellschaft zu Körperbehinderten. Eine psychologische Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen aufgrund empirischer Untersuchungen, Neuburgweier 1972; Günther Cloerkes, Einstellung und Verhalten gegenüber Körperbehinderten. Eine Bestandsaufnahme der Ergebnisse internationaler Forschung, Berlin 1979. Im Gegensatz zu Jansen bezog Cloerkes auch „psychisch abweichende Menschen“ in die Analyse ein.
  20. Siehe Anne Waldschmidt, Warum und wozu brauchen die Disability Studies die Disability History? Programmatische Überlegungen, in: Bösl/Klein/Waldschmidt (Hrsg.), Disability History, S. 13-27.
  21. Anne Waldschmidt, Soziales Problem oder kulturelle Differenz. Zur Geschichte von „Behinderung“ aus der Sicht der „Disability Studies“, in: Traverse 3 (2006), S. 31-46, Zitat S. 40, online unter http://www.sonos-info.ch/media/f61dfb96cfd6a089ffff8035ffffffd2.pdf. Ausdruck dieses Anspruchs, nicht lediglich eine Segmentgeschichte zu repräsentieren, sondern eine generalisierende Analyse geschichtlicher Entwicklung zu ermöglichen, ist die häufig verwendete Schreibweise „Dis/ability History“.
  22. Ebd., S. 40.
  23. Carol Poore, Disability in Twentieth-Century German Culture, Ann Arbor 2007.
  24. Andreas Kuhlmann, Schmerz als Grenze der Kultur. Zur Verteidigung der Normalität, in: Lutz, Der [im-]perfekte Mensch, S. 121-127.
  25. Siehe Ingeborg Thümmel, Sozial- und Ideengeschichte der Schule für Geistigbehinderte im 20. Jahrhundert, zentrale Entwicklungslinien zwischen Ausgrenzung und Partizipation, Weinheim 2003.
  26. Paradigmatisch für das Niedergangsnarrativ: Michael Oliver, The Politics of Disablement, Basingstoke 1990. Siehe außerdem Waldschmidt, Soziales Problem, S. 31-46.
  27. Anne Waldschmidt, Risiken, Zahlen, Landschaften. Pränataldiagnostik in der flexiblen Normalisierungsgesellschaft, in: Lutz, Der [im-]perfekte Mensch, S. 95-107. Zur Pränataldiagnostik siehe neuerdings: Britta-Marie Schenk, Behinderung – Genetik – Vorsorge. Sterilisationspraxis und humangenetische Beratung in der Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 10 (2013), http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Schenk-3-2013.
  28. Oliver, Politics, S. 26-29.
  29. Dederich, Körper, Kultur und Behinderung, S. 18; am prägnantesten bei Geof Mercer, Emancipatory Disability Research, in: Colin Barnes/Mike Oliver/Len Barton (Hrsg.), Disability Studies Today, Cambridge 2002, S. 228-249.
  30. Ulrich Bröckling, Empowerment: Fallstricke der Bemächtigung. Zwischen Gegenmacht und Sozialtechnologie, in: Prävention 1 (2008), S. 2-7.
  31. Rosemarie Garland-Thomson, Andere Geschichten, in: Lutz, Der [im]perfekte Mensch, S. 419-425.
  32. Neben den Untersuchungen zur Zeitgeschichte bzw. ausgesuchten Einzelaspekten existieren erste Synthesen, die anstreben, die deutsche Entwicklung zusammenfassend darzustellen. Bereits 1990 versuchte Walter Fandrey, einen Überblick seit dem Mittelalter zu geben: Walter Fandrey, Krüppel, Idioten, Irre. Zur Sozialgeschichte behinderter Menschen in Deutschland, Stuttgart 1990; neueren Datums und beschränkt auf das 20. Jahrhundert: Poore, Disability.
  33. Siehe beispielsweise Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a.M. 1992; Kontinuitäten des eugenischen Denkens über das Jahr 1945 hinaus behandelt das Themenheft 10/4 (2012) des Journal of Modern European History; den internationalen Kontext zeichnet nach: Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1997. Dass das eugenische Denken in der Bundesrepublik im Zuge der Debatte um die Pränataldiagnostik eine Renaissance erfuhr, ist unter anderem durch Anne Waldschmidt hervorgehoben worden. Siehe beispielsweise Anne Waldschmidt, Normierung oder Normalisierung? Behinderte Frauen, der Wille zum „Normkind“ und die Debatte um die Pränataldiagnostik, in: Sigrid Graumann/Ingrid Schneider (Hrsg.), Verkörperte Technik – entkörperte Frau. Biopolitik und Geschlecht, Frankfurt a.M. 2003, S. 95-109.
  34. Zur Zwangssterilisation siehe u.a. Gisela Bock, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik, Opladen 1986; zur „Euthanasie“ und ihrer Vorgeschichte siehe das Standardwerk von Hans-Walter Schmuhl, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“. 1890-1945, Göttingen 1992; siehe zudem Michael Burleigh, Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945, München 2002; Ernst Klee, “Euthanasie” im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt a.M. 1991; mehrere der genannten Themen decken ab: Margret Hamm (Hrsg.), Lebensunwert – zerstörte Leben. Zwangssterilisation und „Euthanasie“, Frankfurt a.M. 2005; Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord, Köln 2008; Jochen-Christoph Kaiser/Kurt Nowak/Michael Schwartz (Hrsg.), Eugenik, Sterilisation, ”Euthanasie". Politische Biologie in Deutschland 1895-1945, Berlin 1992; Dieter Kuntz (Hrsg.), Deadly Medicine. Creating the Master Race, Washington/D.C. 2004.
  35. Svenja Goltermann beleuchtet sowohl die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Kriegsheimkehrern nach 1945 als auch das Psychiatriewesen der frühen Bundesrepublik: Svenja Goltermann, Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg, München 2009; älteren Datums, aber als Einführung immer noch relevant: James M. Diehl, The Thanks of the Fatherland. German Veterans after the Second World War, Chapel Hill 1993; mehrere aktuelle Studien befassen sich mit den Kriegsbeschädigten des Ersten Weltkriegs: Die staatliche Politik gegenüber „psychisch Kriegsbeschädigten“ nimmt Stephanie Neuner in den Blick: Stephanie Neuner, Politik und Psychiatrie. Die staatliche Versorgung psychisch Kriegsbeschädigter in Deutschland 1920-1939, Göttingen 2011; am Beispiel des Bremer St. Jürgen-Asyls untersuchte Maria Hermes, welche „psychiatrischen Krankheitsauffassungen“ während des Ersten Weltkriegs konstruiert wurden und bezieht dabei sowohl Soldaten als auch Zivilisten ein: Maria Hermes, Krankheit: Krieg. Psychiatrische Deutungen des Ersten Weltkrieges, Essen 2012; einen eher körpergeschichtlich und kulturwissenschaftlich inspirierten Ansatz verfolgt Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923, Paderborn 2008.
  36. Wilfried Rudloff, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Günther Schulz (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland nach 1945, Bd. 3: Bundesrepublik Deutschland 1949-1957. Bewältigung der Kriegsfolgen, Rückkehr zur sozialpolitischen Normalität, Baden-Baden 2005, S. 517-557; ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Michael Ruck/Marcel Boldorf (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland nach 1945, Bd. 4: Bundesrepublik Deutschland 1957-1966. Sozialpolitik im Zeichen des erreichten Wohlstandes, Baden-Baden 2007, S. 465-500; ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 5: Bundesrepublik Deutschland 1966-1974. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs, Baden-Baden 2006, S. 559-590; ders./Ferdinand Schliehe, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Martin H. Geyer (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 6: Bundesrepublik Deutschland 1974-1982. Neue Herausforderungen, wachsende Unsicherheiten, Bonn 2008, S. 585-604; Ferdinand Schliehe, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Manfred G. Schmidt (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 7: 1982-1989. Bundesrepublik Deutschland. Finanzielle Konsolidierung und institutionelle Reform, Baden-Baden 2005, S. 459-478.
  37. Wilfried Rudloff, Überlegungen zur Geschichte der bundesdeutschen Behindertenpolitik, in: Zeitschrift für Sozialreform 6 (2003), S. 863-886.
  38. Ebd., S. 868.
  39. §39,3 des Bundessozialhilfegesetzes von 1961, online unter www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bshg/gesamt.pdf.
  40. Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom: Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
  41. Rudloff, Überlegungen, S. 863-886.
  42. Elsbeth Bösl, Politiken der Normalisierung. Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland (= Disability Studies; Bd. 4), Bielefeld 2009.
  43. Marcel Boldorf, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Dierk Hoffmann/Michael Schwartz (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland nach 1945, Bd. 8: Deutsche Demokratische Republik 1949-1961. Im Zeichen des Aufbaus des Sozialismus, Baden-Baden 2004, S. 455-74; ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Christoph Kleßmann (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland nach 1945, Bd. 9: Deutsche Demokratische Republik 1961-1971. Politische Stabilisierung und wirtschaftliche Mobilisierung, Baden-Baden 2006, S. 450-469; ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Christoph Boyer/Klaus-Dietmar Henke/Peter Skyba (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 10: Deutsche Demokratische Republik 1971-1989. Bewegung in der Sozialpolitik, Erstarrung und Niedergang, Baden-Baden 2008, S. 435-450.
  44. Boldorf, Rehabilitation, in: Schwartz (Hrsg.), Sozialpolitik, Bd. 8, S. 473.
  45. Ebd., S. 436.
  46. Konrad H. Jarausch, Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: APuZ B20 (1998), S. 33-46, hier S. 43.
  47. Dies und Folgendes nach Rudloff, Rehabilitation, in: Sozialgeschichte, Bd. 3 bis 5. Siehe außerdem Cornelia Brink, Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860-1980, Göttingen 2010; Franz-Werner Kersting (Hrsg.), Psychiatriereform als Gesellschaftsreform. Die Hypothek des Nationalsozialismus und der Aufbruch der sechziger Jahre, Paderborn 2003; ders., Abschied von der „totalen” Institution? Die westdeutsche Anstaltspsychiatrie zwischen Nationalsozialismus und den Siebzigerjahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 267-292.
  48. Rudloff, Rehabilitation, in: Ruck/Boldorf (Hrsg.), Sozialgeschichte, Bd. 4, S. 499.
  49. Cornelia Brink, Radikale Psychiatriekritik in der Bundesrepublik. Das sozialistische Patientenkollektiv in Heidelberg, in: Kersting (Hrsg.), Psychiatriereform als Gesellschaftsreform, S. 165-180.
  50. Zwei Studien von Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler befassen sich vor allem mit dem Themenkomplex Vernachlässigung und Gewalt in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung: Hans-Walter Schmuhl/Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe. Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967 (= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel; Bd. 18), Bielefeld 2010; dies., „Als wären wir zur Strafe hier“. Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren (= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel; Bd. 19), Bielefeld 2011; eine grundlegende Arbeit zur Entwicklung der „modernen Krüppelfürsorge“ bis 1933 ist: Philipp Osten, Die Modellanstalt. Über den Aufbau einer ”modernen Krüppelfürsorge" 1905-1933, Frankfurt a.M. 2004, online unter http://igm-bosch.de/content/language1/downloads/Osten_Modellanstalt.pdf.
  51. Siehe beispielsweise aus sonderpädagogischer Sicht mit starkem Praxis- und Gegenwartsbezug und Konzentration auf Bildungsinstitutionen für Heranwachsende mit geistiger Behinderung: Thümmel, Sozial- und Ideengeschichte; einen Überblick über die Entwicklung des Sonderschulwesens bietet Lisa Pfahl, Techniken der Behinderung. Der deutsche Lernbehinderungsdiskurs, die Sonderschule und ihre Auswirkungen auf Bildungsbiografien, Bielefeld 2011, S. 85-121.
  52. Irmtraud Schnell, Geschichte schulischer Integration. Gemeinsames Lernen von SchülerInnen mit und ohne Behinderung in der BRD seit 1970, Weinheim 2003.
  53. Sebastian Barsch, Geistig behinderte Menschen in der DDR. Erziehung-Bildung-Betreuung, Oberhausen 2007.
  54. Analog zu Barsch: Boldorf, Rehabilitation, in: Hoffmann/Schwartz, Sozialpolitik, Bd. 8, S. 466.
  55. Sebastian Barsch, Menschen mit Behinderungen in der DDR, in: Jan Cantow/Katrin Grüber (Hrsg.), Eine Welt ohne Behinderung –Vision oder Alptraum? Eine Veröffentlichung in der Reihe Expertise des Institutes Mensch, Ethik und Wissenschaft, Berlin 2009, S. 51-64, hier S. 56-57, online unter http://www.imew.de/fileadmin/Dokumente/Volltexte/Expertise_Eine_Welt_ohne_Behinderung/IMEW_Expertise_9_7.pdf.
  56. Über diese frühen Interessenverbände existieren meist nur von den Verbänden selbst herausgegebene historische Darstellungen, siehe aber Diehl, Thanks, S. 87-140.
  57. Berthold Budde, 50 Jahre Lebenshilfe. Aufbruch – Entwicklung – Zukunft: 1958-2008, Marburg 2008.
  58. Norbert Breeger, Selbstorganisationsversuche Behinderter am Beispiel des Club 68 – Verein für Behinderte und ihre Freunde – e.V. in Hamburg, in: Peter Runde/Rolf G. Heinze (Hrsg.), Chancengleichheit für Behinderte. Sozialwissenschaftliche Analysen für die Praxis, Neuwied 1979.
  59. Zu frühen Protesten gegen paternalistische Bevormundung bereits in den späten 1960er-Jahren siehe Gabriele Lingelbach/Jan Stoll, Die 1970er Jahre als Umbruchsphase der bundesdeutschen Disability History. Eine Mikrostudie zu Selbstadvokation und Anstaltskritik Jugendlicher Behinderung, in: Moving the Social 50 (2013). Erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2014.
  60. Poore, Disability, S. 274-288, S. 219-236; Swantje Köbsell hat sich mehrfach mit der Genese der Behindertenbewegung auseinandergesetzt, u.a. in Swantje Köbsell, Eine Frage des Bewusstseins – Zur Geschichte der Behindertenbewegung in Deutschland, in: Tobias Erzmann/Georg Feuser (Hrsg.), „Ich fühle mich wie ein Vogel, der aus seinem Nest fliegt.“ Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung, Frankfurt a.M. 2001, S. 43-84; siehe außerdem Rohrmann, Vom ”brüllenden Löwen" zum "kläffenden Schoßhund", S. 51-68; mit einer der zentralen Publikationen der Behindertenbewegung beschäftigen sich Christian Mürner/Udo Sierck, Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung, Neu-Ulm 2009.
  61. Siehe als Überblicke über die angelsächsische Forschung beispielsweise Catherine J. Kudlick, Disability History: Why We Need Another “Other”, in: The American Historical Review 108 (2003), H. 3, S. 763-793 (dies ist zugleich ein programmatischer Aufsatz für die US-amerikanische Forschung); Susan Burch, (Extraordinary) Bodies of Knowledge: Recent Scholarship in American Disability History, in: OAH Magazine of History 3 (2009), S. 29-34; außerdem: Bösl, Dis/ability History.
  62. Burch, Encyclopedia; Gary L. Albrecht (Hrsg.), Encyclopedia of Disability (Bd. 1-5), Thousand Oaks 2006. Eine genaue Beschreibung der Forschung im englischsprachigen Raum bietet Bösl, Dis/ability History.
  63. Zum Expertendiskurs siehe Susanne Pohl-Zucker, Diagnostisch-therapeutische Grenzziehungen. Die Zelltherapie bei Kindern mit Down-Syndrom im medizinischen Diskurs der Bundesrepublik Deutschland in den 1960/70er Jahren, in: Bösl/Klein/Waldschmidt (Hrsg.), Disability History, S. 85-103.
  64. Bösl widmete der Thematik ein eigenes Kapitel, siehe Bösl, Politiken, S. 290-320.
  65. Allerdings entsteht zurzeit eine Dissertation von Bertold Scharf (Universität Kiel), die sich der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung seit 1945 im Arbeitsprozess widmet. Sowohl die gesellschaftlichen Vorstellungen über die Erwerbstätigkeit von Menschen mit Behinderung als auch die konkreten Arbeitswelten und das betriebliche Umfeld spielen in der Dissertation eine prominente Rolle.
  66. Siehe hierzu aus soziologischer Sicht: Hans-Peter Tews (Hrsg.), Freizeit und Behinderung (= Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit; Bd. 47), Stuttgart u.a. 1976; der Pädagoge Udo Wilken befasste sich mehrfach mit dem Thema Reisen und Touristik, vgl. Udo Wilken, Tourismus und Behinderung. Ein sozial-didaktisches Kursbuch zum Reisen von Menschen mit Handicaps, Berlin 2002; pädagogische und soziologische Herangehensweisen vereint der Sammelband Reinhard Markowetz/Günther Cloerkes (Hrsg.), Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis, Heidelberg 2000, darin vor allem Reinhard Markowetz, Freizeit von Menschen mit Behinderungen, S. 9-38.
  67. Momentan erarbeitet Sebastian Schlund (Universität Kiel) eine Dissertation zur Geschichte der Freizeitaktivitäten von Menschen mit Behinderung am Beispiel des Behindertensports. Eine Geschichte des Deutschen Behindertensportverbandes hat bereits Bernd Wedemeyer-Kolwe vorgelegt: Bernd Wedemeyer-Kolwe, Vom "Versehrtenturnen" zum Deutschen Behindertensportverband (DBS). Eine Geschichte des deutschen Behindertensports, Hildesheim 2011.
  68. Jutta Jacob/Swantje Köbsell/Eske Wollrad (Hrsg.), Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, Bielefeld 2010.
  69. Besonders stark in der Kritik standen Arbeiten, die Menschen mit Behinderung stets als passive Opfer, nicht aber als aktive Gestalter ihrer eigenen Lebenssituation darstellten. Diese Kritik greift Jan Stoll (Universität Kiel) auf, der zurzeit eine Dissertation zur Selbstadvokation von Menschen mit Behinderung verfasst und dabei neben den Behindertenverbänden Selbsthilfeorganisationen und die Behindertenbewegung in der Bundesrepublik in den Blick nimmt.
  70. Barsch, Geistig behinderte Menschen; Walburga Freitag, Contergan. Eine genealogische Studie des Zusammenhangs wissenschaftlicher Diskurse und biographischer Erfahrungen, Münster 2005.
  71. So thematisiert u.a. Maren Lorenz in ihrer Einführung, Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte, Tübingen 2000, Menschen mit Behinderung nur am Rande. Die neue Zeitschrift „Body Politics. Zeitschrift für Körpergeschichte“ (http://bodypolitics.de) verspricht hier eine Richtungsänderung.
  72. Siehe beispielsweise Irina Metzler, Disability in Medieval Europe. Thinking About Physical Impairment During the High Middle Ages, c. 1100-1400, London 2006; für das 19. Jahrhundert siehe Birgit Stammberger, Monster und Freaks. Eine Wissensgeschichte außergewöhnlicher Körper im 19. Jahrhundert, Bielefeld 2011.
  73. Kienitz, Beschädigte Helden.
  74. Die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichen Medien thematisiert Christian Mürner, Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen. Sensationslust und Selbstbestimmung, Weinheim 2003.
  75. Zu Werbemaßnahmen für behindertenbezogene Spendenkampagnen in der Schweiz siehe Urs Germann/Agnes Nienhaus, Behinderung im Bild. Plakatkampagnen von Pro Infirmis 1941-2005, in: Traverse 39 (2006), H. 3, S. 87-99, online als pdf unter: retro.seals.ch/cntmng?pid=tra-001:2006:3::100; für die „Aktion Sorgenkind/Aktion Mensch“ siehe Gabriele Lingelbach, Konstruktionen von 'Behinderung' in der Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung der Aktion Sorgenkind seit 1964, in: Bösl/Klein/Waldschmidt (Hrsg.), Disability History, S. 127-150; unterschiedliche Epochen deckt der interdisziplinäre Sammelband Beate Ochsner/Anna Grebe (Hrsg.), Andere Bilder. Zur Produktion von Behinderung in der visuellen Kultur, Bielefeld 2013, ab.