Werkstatt:Geschichtspolitik

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Werkstatt-Version: Geschichtspolitik

von Stefan Troebst

Der Terminus „Geschichtspolitik” – eine (west-)deutsche „Erfindung” mit konfliktbehafteter Entstehungsgeschichte – bezeichnet heute zum einen ein Politikfeld ähnlich wie etwa Sozialpolitik oder Gesundheitspolitik. Es ist durch den Umgang politischer Instanzen und Akteure mit primär nationalen Jahres- und Gedenktagen, „historischen” Orten und Persönlichkeiten, Höhen bzw. Tiefen der eigenen Nationalgeschichte, Geschichtsmuseen und -ausstellungen, Denkmalen, Gedenkstätten, Memorialkomplexen u.a. gekennzeichnet. Dabei lässt sich ein deutlicher qualitativer Unterschied zwischen demokratisch verfassten Gesellschaften mit sowohl staatlichen wie nicht-staatlichen geschichtspolitischen Akteuren und autoritär bis diktatorisch verfassten Gesellschaften, in denen der Staat das Monopol auf Geschichtspolitik inne hat, feststellen. Zum anderen ist „Geschichtspolitik” mittlerweile ein veritables neues Forschungsfeld, das durch normativ-kritische wie durch wissenschaftlich-objektive Ansätze, hier vor allem geschichts-, politik-, sozial- und kulturwissenschaftliche, charakterisiert ist.[1]

Transfer

Die im westdeutschen Historikerstreit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre erfolgte Wortprägung „Geschichtspolitik” ist ein Exportschlager: Sie ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts als polityka historyczna (wörtlich: „historische Politik”) terminologisch wie inhaltlich in die polnische Politik- und Wissenschaftssprache übernommen worden[2] ‒ und von dort umgehend als istoričeskaja politika (wörtlich wiederum: „historische Politik”) ins Russische weitergewandert.[3] Allerdings ist ein paralleler Begriffstransfer von Deutschland nach Westen nur bedingt festzustellen: Das Französische kennt zwar die Termini politique publique de l'histoire und politique publique de la mémoire, doch bezeichnen sie ausschließlich staatliche Maßnahmen. Umfassender sind die Begriffe politique du passé sowie vor allem politique mémorielle, die seit den als lois mémorielles bekannten französischen Gesetzen zum politisch korrekten Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, dem Sklavenhandel und dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich in Gebrauch sind.[4]

Anders ist die Lage im angelsächsischen Sprachraum, wo der Terminus politics of history unverkennbar auf dem Vormarsch ist – deutlich vor historical politics, historical policy, history politics, politics of memory, memory politics und politics of the past. Auch hier ist insofern ein deutscher Einfluss erkennbar, als die englischsprachigen Promotoren der Variante politics of history enge Beziehungen zur deutsch(sprachig)en Wissenschaftslandschaft aufweisen.[5] Der Begriff an sich wurde bereits 1970 von Howard Zinn, dem Historiker der US-amerikanischen Bürgerrechts- und Friedensbewegungen, geprägt. Allerdings hatte sein Urheber weniger das öffentliche Herstellen von Vergangenheitsbezügen als vielmehr die politische Mobilisierung von Historikern im Auge.[6] Die Vermutung liegt nahe, dass in englischsprachigen Gesellschaften die diesbezügliche terminologische Deutungshoheit des Deutschen in direktem Zusammenhang mit der zumindest in der Außenperspektive so gesehenen Kompetenz „der” Deutschen in Sachen „Vergangenheitsbewältigung” mittels adäquater Geschichtspolitik steht, wie sie von Autoren wie Jeffrey Herf, Charles S. Maier, Robert G. Moeller, Timothy Garton Ash, Daniel Goldhagen und anderen popularisiert wurde.[7] Aufgrund der Funktion des Englischen als universaler Wissenschaftssprache ist der Begriff „Geschichtspolitik” in Form von politics of history überdies dabei, einen globalen Siegeszug anzutreten, wie Publikationen zu Südamerika, Afrika und Asien belegen, die diesen Terminus im Titel führen.[8]

Genese

Der Politikwissenschaftler Harald Schmid hat 2009 die altbundesdeutsche Genese des Begriffs „Geschichtspolitik” samt zeithistorischem Kontext, den raschen Bedeutungswandel dieses Neologismus sowie seinen enormen Erfolg akribisch nachgezeichnet.[9] Die Begriffsneuprägung geht auf den Althistoriker Christian Meier zurück, der sie 1986 im bundesdeutschen „Historikerstreit” in pejorativer Absicht vornahm.[10] Umgehend aufgegriffen wurde sie von dem Zeithistoriker Heinrich August Winkler, der zwischen unpolitisch-ideologiefreier „Geschichtswissenschaft” und ideologisierter „Geschichtspolitik” unterschied.[11] In der konkreten Situation der bundesdeutschen Politik der 1980er-Jahre fungierte „Geschichtspolitik” mit Schmid als „publizistischer Kampfbegriff”, der primär gegen die „geistig-moralische Wende” der damaligen CDU/CSU-FDP-Koalitionsregierung unter Helmut Kohl gerichtet war.[12] Die Wandlung „vom unreflektierten politischen Schlagwort über das feuilletonistische Aperçu zur wissenschaftlichen Konzeptionalisierung” fand Schmid zufolge dann binnen weniger Jahre statt, wobei er die Rolle von Zeithistorikern wie Peter Steinbach und Peter Reichel betont.[13] Das Epochenjahr 1989 mit seinen neuerlichen Anforderungen in Sachen (ost-)deutscher Diktaturbewältigung sowie der augenfällige Umstand, dass sich zeitgleich „um den Begriff der Erinnerung ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften aufbaut”, wie Jan Assmann 1997 konstatierte,[14] machten den Begriff „Geschichtspolitik” dann sowohl buchtiteltauglich[15] als auch zur Denomination eines neuen interdisziplinären Untersuchungsfelds, das jetzt neben Zeithistorikern, Soziologen und Politikwissenschaftlern auch Ethnologen zu bestellen begannen.[16] Zeitversetzt stieß das Thema auch im benachbarten Österreich auf Interesse, hier vor allem seitens der Zeitschrift „Zeitgeschichte”, deren Herausgeberschaft seit 2004 in den Händen des einschlägig ausgewiesenen Wiener Zeithistorikers Oliver Rathkolb liegt.[17]

Definitionen

Was genau ist nun aber mit dem Begriff „Geschichtspolitik” in seiner verwissenschaftlichten Form gemeint? In seiner mittlerweile zum Standardwerk gereiften Habilitationsschrift von 1999 bietet Edgar Wolfrum folgende Definition: „Geschichtspolitik ist ein Handlungs- und Politikfeld, auf dem verschiedene Akteure Geschichte mit ihren spezifischen Interessen befrachten und politisch zu nutzen suchen. Sie zielt auf die Öffentlichkeit und trachtet nach legitimierenden, mobilisierenden, politisierenden, skandalisierenden, diffamierenden u. a. Wirkungen in der politischen Auseinandersetzung.”[18] Sein Akteursbegriff ist dabei ein explizit elitenzentrierter: „Politische Eliten versuchen Traditionen zu schöpfen, Erinnerungen zu gestalten und Identitäten zu konstruieren. Sie bedienen sich dabei […] verschiedener Erinnerungsstrategien, umstrittener Inszenierungen, integrierender und desintegrierender Rituale und polarisierender Diskurse, kurz sie betreiben Geschichtspolitik mit der Demokratie und prägen damit gleichermaßen nachhaltig die politische wie auch die Geschichtskultur.”[19]

Neuerdings hat auch Schmid eine eingängige Definition vorgelegt: „Geschichtspolitik sollen jene Diskurse und Handlungen heißen, mit denen die Deutung von Geschichte als gegenwärtige öffentliche Repräsentation einer kollektiv relevanten Vergangenheit zu politischen Zwecken betrieben wird.”[20] Zugleich hat er angeführt, dass „Geschichtspolitik” eigentlich präziser „Geschichtsbildpolitik” bzw. „Geschichtsbewusstseinspolitik” genannt werden müsse, „denn das Bewusstsein und das Bild von Geschichte stehen im Zentrum dieses Komplexes”.[21] Und als die „drei Grundfunktionen” von Geschichtspolitik identifiziert er „die Schaffung einer Tradition, die Prägung einer kollektiven Identität und die Generierung politisch-historischer Legitimität”.[22] Auch Beatrix Bouvier und Michael Schneider, die der optimistischen Meinung sind, „inzwischen herrscht Einigkeit über das, was Geschichtspolitik eigentlich ist”, fassen Geschichtspolitik als „die bewusste Förderung der Erinnerung an bestimmte historische Ereignisse, Prozesse oder Personen in politischer Absicht und zu politischen Zwecken” auf.[23] Wie sie und Wolfrum begreift auch Klaus Schönhoven Geschichtspolitik als Teil einer demokratischen politischen Kultur und sieht sie „den Prinzipien kritischer historischer Aufklärung aus demokratischer Verantwortung […] und nicht dem blinden Dienst am Dogmatismus” verpflichtet.[24]

Deutlich erkennbar ist hier der gleichsam okzidentalisierende, ja germanozentrische Kern des neuen Konzepts, das vom bundesrepublikanischen Fall ausgehend auf das projiziert, was gemeinhin als „westliche Demokratien” bezeichnet wird. Diktatorische und andere autoritäre Regime bleiben dabei weitgehend außerhalb des Blickfelds, desgleichen postdiktatorische Gesellschaften im Osten, aber auch im Süden Europas. Folglich nimmt sich in dieser Perspektive Geschichtspolitik als gesellschaftlicher Aushandlungsprozess aus – nicht als Diktat einer Monopolpartei oder eines Autokraten. Überdies wird hier wie in der überwiegenden Mehrzahl der Publikationen zur Thematik in der Regel übersehen, dass die „moderne” Geschichtspolitik keine Erfindung des 20. Jahrhunderts bzw. der Zeit nach 1945 ist, sondern sich vielmehr in eine Jahrtausende alte Geschichte und Tradition einordnet, die sie viel tiefer prägt, als man es gemeinhin annimmt.[25]

Aversionen

Allerdings sind weder die von den genannten Autoren postulierte Entideologisierung des „Geschichtspolitik”-Begriffs noch seine Zuordnung zu einer demokratischen politischen Kultur mittlerweile Gemeingut der gesamten deutschen Historikerzunft. Der Zeithistoriker Norbert Frei etwa hält in einem Essay von 2007 Geschichtspolitik ganz im Gegenteil für historisch verbrämte Ideologie in der Funktion einer „Scheinlegitimation derjenigen, die auf die ideologisierten Festschreibungen einer realsozialistischen Geschichtsdeutung verweisen können und sich deren Überwindung zugute halten”, womit er „Regierende fast überall im vormaligen ‚Ostblock’”, aber auch solche „hierzulande” bzw. „im Westen” meint. Entsprechend fordert er: „Über geschichtspolitische Instrumentalisierungen aufzuklären, das ist und bleibt die Aufgabe einer kritischen Geschichtswissenschaft.”[26]

Geschichtspolitik in der bulgarischen Hauptstadt Sofija von 1950 bis 1999:
(rechts) Das von dem Architekten Georgi Ovčarov erbaute neoklassizistische Mausoleumsgebäude für den als „Helden von Leipzig“ und langjährigen Generalsekretär der Kommunistischen Internationale bekannten bulgarischen Kommunisten und ersten Ministerpräsidenten der Volksrepublik Bulgarien Georgi Dimitrov (1882-1949) wurde 1950 eröffnet.
(Mitte) Nach 1989 wurde das Gebäude geschlossen und mit Graffiti und antikommunistischen Parolen besprüht. Das blaue Grafitti „Vsicki zabi sa zeleni, samo nasa e cervena“ (Alle Kröten sind grün, nur unsere ist rot) hat seinerzeit landesweite Berühmtheit erlangt. Die Mumie Dimitrovs wurde 1990 eingeäschert und seine Urne auf dem Sofijoter Zentralfriedhof beigesetzt.
(links) Am 21. August 1999, dem 31. Jahrestag der Beteiligung der Bulgarischen Volksarmee am Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei 1968, wurde das Gebäude auf Weisung der liberal-konservativen Regierung unter Ivan Kostov gesprengt. Das Grundstück ist heute eine Rasenfläche – Hinweise auf das Mausoleum finden sich nicht, aber umgangssprachlich wird vom Platz „beim Mausoleum“ gesprochen.
Fotos: S. Troebst, 1995 - 2013 ©

Ähnliche, wenngleich anders begründete Bedenken hat 2001 Reinhart Koselleck geäußert und dabei den Begriff „Geschichtspolitik” als „verdächtige Vokabel” abgelehnt,[27] da er eine „Vereinnahmung in ein Erinnerungskollektiv” impliziere. Dagegen brachte er gleich zwei Einwände vor: Erstens „gibt es keine kollektive Erinnerung, wohl aber kollektive Bedingungen möglicher Erinnerungen”, und zweitens „gibt [es] also ein Vetorecht der je persönlichen Erfahrungen” bezüglich des genannten Vereinnahmungsmodus. „Eine derart verleiblichte Erinnerung läßt sich durch keine Didaktik und keine Geschichtspolitik aus der Welt schaffen.”[28] In einem weiteren Aufsatz zum Thema aus dem Jahr 2005 urteilt Koselleck noch apodiktischer: „Die Geschichte […] verbietet uns, als Wissenschaftler ‚Geschichtspolitik’ zu treiben. Dieses unsägliche Schlagwort, das zunehmend Zustimmung findet, bezeugt nur, daß Geschichte als Ideologie betrieben wird, statt, was ihre Aufgabe als Geschichtswissenschaft wäre, immer ideologiekritisch zu verfahren. ‚Die Geschichte’ läßt sich nicht politisieren: Wer dies tun zu können glaubt, erliegt schon seiner eigenen Ideologie.”[29]

Ähnlich hat bereits Jürgen Habermas in seiner Laudatio auf Daniel Goldhagen als Träger des Demokratiepreises der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik” von 1997 die Frontlinien des „Historikerstreits” der 1980er-Jahre noch einmal nachzuziehen versucht: „Sobald die Sicht des analysierenden Beobachters mit der Perspektive verschmilzt, die die Teilnehmer an Selbstverständigungsdiskursen einnehmen, degeneriert Geschichtswissenschaft zu Geschichtspolitik.”[30]

Mit anderen Worten: Die von Peter Steinbach gestellte Frage „Darf der pluralistische Staat Geschichtspolitik betreiben?”[31] wird in Deutschland nicht einheitlich, schon gar nicht durchgängig positiv beantwortet – und in Polen, Frankreich sowie andernorts auch nicht. Die Mehrheit der Autoren, die Geschichtspolitik als Forschungsdesign wählen, schließen sich verständlicherweise der Fundamentalkritik von Koselleck, Habermas und Frei nicht an. Deren Kritik stieß folglich auf Gegenkritik. So bezeichnet Wolfrum in einem aktuellen Lexikonartikel es explizit als „Fehler”, den Begriff „Geschichtspolitik” „unbesehen pejorativ aufzuladen”. Seiner Meinung nach ist Geschichtspolitik „in pluralistischen Gesellschaften per se nichts Negatives”, da ihr neben unbestritten legitimatorischen Funktionen auch aufklärerische wie emanzipatorische Bedeutung sowie eine „politisch-pädagogische Aufgabe” zukomme.[32]

Akteure

Ungeachtet seiner zitierten Aversion gegen den Terminus und die Denkfigur „Geschichtspolitik” lieferte Koselleck en passant eine sarkastisch-treffende Definition ihrer Protagonisten: „Es sind die sieben Ps, die darüber befinden, was kollektiv, was als Kollektiv zu erinnern sei: die Professoren, die Politiker, die Priester, die Pädagogen, die Poeten, die Publizisten und die PR-Spezialisten.”[33] Er subsumiert darunter also (national-)staatliche Akteure wie Präsidialverwaltungen, Regierungen, Ministerien, Behörden, Gebietskörperschaften, Kommunen, Bildungseinrichtungen u. a., desgleichen nicht-staatliche Akteure wie politische Parteien, Medien, Unternehmen, Gewerkschaften, Kirchen, Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen, Museen, Gedenkstätten, Literaten, Intellektuelle etc. Ausgeblendet bleiben bei ihm indes zivilgesellschaftliche Akteure wie Opfergruppen, Aufarbeitungsinitiativen oder Geschichtsvereine, ebenso das Familiengedächtnis. Und obwohl er so vehement auf dem genannten „Veto-Recht der persönlichen Erfahrung” als Korrektiv, ja Gegenlager zur Geschichtspolitik besteht, übersieht er die geschichtspolitische Prägekraft individueller Erinnerung, etwa in Form von breitenwirksamen Ego-Dokumenten wie den Tagebüchern von Anne Frank, Viktor Klemperer oder Nina Kostërina. „Primärerfahrungen von Zeitzeugen”, so auch Wolfrum, „können sich in öffentl. Erinnerung umwandeln”.[34]

Annäherungen

Was „Geschichtspolitik” als forschungsleitendes Konzept betrifft, so lassen sich diesbezüglich drei Arten von Herangehensweisen unterscheiden: (a) eine politikwissenschaftlich-theoretische, (b) eine kulturwissenschaftlich-praktische und (c) eine pragmatische Mischung aus beiden. Für die erstgenannte Gattung steht Schmid, der unlängst einen „Vorschlag zur Definition eines fünfdimensionalen Kernbereichs des interdisziplinären Untersuchungsfeldes Geschichtspolitik” in Form eines „analytischen Rasters” bzw. theoriebezogenen Fragenkatalogs unterbreitet hat und dabei auf „Formen und Mittel”, „Inhalte und ‚Produkte'”, „Funktionen”, „Akteure” und „Normative Kontexte” fokussiert.[35]

Als Vertreter der zweiten Gattung können der Ethnologe Wolfgang Kaschuba und der Zeithistoriker Bernd Faulenbach gelten. Kaschuba hat 2001 in einem Plädoyer für eine „ethnologische Betrachtungsweise von ‚Geschichtspolitik' in Europa” fünf „Praxisebenen” identifiziert: Erstens der öffentliche Diskurs um (eigene) Geschichte in den Medien; zweitens ein räumliches und territoriales Konzept der Repräsentation und Symbolisierung, ermittelt über Gedächtnisorte und Denkmäler; drittens der symbolische Kampf um Zeichen und Deutungen der „Gedenkästhetik”; viertens der Kanon ritueller und ästhetischer Praxen der Erinnerungsarbeit; und fünftens jenes regelrechte Set von Überlieferungsformen und -figuren wie Erzählungen, autobiografischen Erinnerungsserien, Gedenkfotos, lokalen und nationalen Geschichtsbüchern.[36]

Dieser Strukturierungsvorschlag deckt sich partiell mit vier „Phänomenen der Geschichtspolitik”, die Faulenbach 2008 ausgemacht hat: 1. Bekundungen des eigenen historisch-politischen Selbstverständnisses, die Festlegung von Feiertagen, Gedenktagen und Ritualen und ihre regelmäßige Durchführung, Denkmalssetzungen und die Errichtung von Gedenkstätten; 2. Die Schaffung von Einrichtungen zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, d. h. von Vergangenheitskommissionen, von Ausstellungen, Museen, Archiven, Instituten u. a.; 3. Die zivilgesellschaftliche Erinnerungsarbeit von Parteien, Kirchen, gesellschaftlichen Gruppen usw., die teils auf Gemeinschaftsbildung, teils auf die öffentliche Meinungsbildung zielt; 4. Mediale Beschäftigung mit Geschichte im Hinblick auf die politisch-gesellschaftliche Gegenwart.[37]

Für die dritte Gattung steht Edgar Wolfrum, der in seiner vielfach rezipierten Monografie von 1999 gleich zehn „Dimensionen von Geschichtspolitik in der Demokratie” anführt, nämlich „Handlungs- und Politikfeld”, „Funktionale Perspektive”, „Politisch-pädagogische Aufgabe”, „Öffentlichkeit und Konkurrenz”, „Öffentliche Konflikte und politische Kultur”, „Spannungsverhältnis: Wissenschaft und Politik”, „Doppeltes Bezugsverhältnis: Geschichte und Politik”, „Doppelseitigkeit: Geschichte in Politik – Geschichte als Politik”, „Demokratischer Grundkonsens als Basis” und „Geschichtspolitik und Vergangenheitspolitik”.[38]

In der sozial- und kulturwissenschaftlichen Empirie dominiert die zweitgenannte Herangehensweise. In der Regel wird dabei eine Schnittmenge der aufgelisteten „Praxisebenen” untersucht. Neben der Analyse geschichtspolitischer Diskurse erfreut sich die Untersuchung materialisierter Geschichtspolitik in Form von Memorialkomplexen, Denkmälern und Museen, von Ritualen und Gedenktagen sowie von Symbolisierungen, Visualisierungen und akustischen bzw. musikalischen Formen eines besonderen Forschungsinteresses.[39]

Rivalen

Geschichtspolitik ist allerdings nicht nur ein inhaltlich umstrittenes Konzept, sondern steht auch in Konkurrenz zu ähnlichen, partiell überlappenden bzw. nahezu identischen, jedoch anders benannten Politikfeldern und Forschungsansätzen. Als „Hauptrivalen” von „Geschichtspolitik” bezüglich Terminologie und Konzeption sind „Vergangenheitspolitik”,[40] „Erinnerungspolitik”[41] und „Gedächtnispolitik”[42] zu nennen, wohingegen „Memorialpolitik” und „Gedenkpolitik” deutlich abgeschlagen sind. Schmid hat in einer quantitativen Erhebung von 2009 zur Häufigkeit der vier Begriffe „Geschichts-”, „Vergangenheits-”, „Erinnerungs-” und „Gedächtnispolitik” ein „recht eindeutiges” Ergebnis" ermittelt: „Geschichtspolitik hat sich als zentraler Terminus durchgesetzt.”[43] Überdies habe „nur Geschichtspolitik eine konzeptionelle Fundierung erfahren”, nicht hingegen die konkurrierenden Begriffe.[44] Dennoch dürfte sich zumindest die Wortprägung „Vergangenheitspolitik” auch weiterhin zumindest sektoral behaupten, da sie ihres Fokus auf justizieller und legislativer Aufarbeitung einer autoritären oder diktatorischen Vergangenheit wegen mittlerweile als deutsches Äquivalent zum englischen Terminus transitional justice (wörtlich: „Übergangsjustiz”) fungiert und somit von der „Geschichtspolitik” abgegrenzt werden bzw. als deren Unterkategorie gelten kann.[45] Für das polnische Äquivalent von „Vergangenheitspolitik” ‒ polityka wobec przeszłości (wörtlich: „Politik gegenüber der Vergangenheit”) ‒, das gleich der „Geschichtspolitik” direkt aus dem Deutschen übernommen wurde,[46] gilt dies ebenfalls, wohingegen das französische politique du passé nicht auf die rechtliche Dimension beschränkt ist.[47]

Komplementaritäten

In einem Essay über „Geschichtspolitik als politisches Handlungsfeld” hat der österreichische Historiker Berthold Molden unlängst auf die Rahmenbedingungen von Geschichtspolitik verwiesen: „Wie jede soziale Praxis ist auch geschichtspolitische Agency nicht rein voluntaristischer Natur, sondern vollzieht sich innerhalb gesellschaftlicher Strukturrahmen, die gemeinhin als ‚Erinnerungskulturen' bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um gemeinsame historische Bezugssysteme wie Nationalstaaten, politisch-ideologische Gruppierungen oder Sprach- und Religionsgemeinschaften: etwa die österreichische Erinnerungskultur, die sozialdemokratische Erinnerungskultur, die Erinnerungskulturen der Kärntner SlowenInnen oder der Sudetendeutschen Landsmannschaften.”[48]

Der von Molden benutzte und zu Beginn der 1990er-Jahre im Zuge der deutschen Neuentdeckung von Maurice Halbwachs geprägte Neologismus „Erinnerungskultur” wird zunehmend als „lockerer Sammelbegriff für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte für die Öffentlichkeit” gebraucht.[49] Dabei lässt sich dieser neue „Leitbegriff der hiesigen Kulturgeschichtsschreibung”[50] nicht immer trennscharf vom umfassenderen Begriff „Geschichtskultur”[51] abgrenzen. Christoph Cornelißen etwa versteht „Erinnerungskultur” als einen „formalen Oberbegriff für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse […], seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur”.[52] Auch Wolfrum hat Schwierigkeiten mit der Abgrenzung von „Erinnerungskultur” und „Geschichtskultur”: „Der Neologismus ‚Erinnerungskultur' wird in der öffentlichen Debatte nicht einheitlich gebraucht. In einem engeren Sinn meint er Vergangenheitsbezüge, mit denen ‚Gemeinschaft' gestiftet bzw. Gruppenidentität gepflegt wird; in einem weiteren Sinne erfaßt er den gesamten Kulturbetrieb, in dem es um Geschichte geht, und wird dann mit dem Begriff ‚Geschichtskultur' deckungsgleich.”[53]

Beide Autoren kommen damit der Standarddefinition von „Geschichtskultur” als ein Ganzes der drei Teile Geschichtswissenschaft, Geschichtspolitik und Geschichtsroman sehr nahe, die Jörn Rüsen als „Erfinder” dieses Forschungsansatzes 1989 gegeben hat: „Mit dem Terminus ‚Geschichtskultur' soll die in der Wissenschaft kultivierte kognitive Seite der historischen Erinnerungsarbeit systematisch mit der politischen und ästhetischen Seite der gleichen Arbeit verbunden werden. Keine Seite kann ohne die andere gedacht werden, ja es ist bereits eine Frage der Vernunft in der praktischen Verwendung historischen Wissens, wie sie jeweils aufeinander bezogen werden.”[54]

Ungeachtet der unscharfen Abgrenzung der „Erinnerungskultur” von der „Geschichtskultur” ist offenkundig, dass sich in den Bezügen zur Geschichtspolitik der Begriff „Erinnerungskultur” als Reflexionsfolie durchgesetzt hat, und dies nicht nur aus inhaltlichen, sondern des doppelten Geschichtsbezugs wegen wohl auch aus terminologischen Gründen. Das Tandem „Geschichtspolitik und Erinnerungskultur” bzw. „Erinnerungskultur(en) und Geschichtspolitik” ist seiner Komplementarität wegen daher ein beliebter Ober- wie Untertitel einschlägiger Monografien, Sammelbände und Themenhefte.[55]

Baustelle des Holocaust Mahnmals in Berlin, 1999, Fotograf: Dietmar Gust © mit freundlicher Genehmigung
1999 beschloss der Deutsche Bundestag, ein „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin zu errichten. Über ein Jahrzehnt war öffentlich darüber gestritten worden, in den folgenden Jahren bis zur Eröffnung 2005 verlagerte sich die Diskussion aus dem Parlament an den Bauzaun. Argumente für und wider wurden jetzt direkt an den Zaun geklebt und geschrieben, und einige Beobachter schlugen vor, die Debatte selbst zum Mahnmal zu erklären.

Beide Termini allerdings begrifflich zu verschmelzen, wie Cornelißen und Schmid vorgeschlagen haben,[56] erscheint indes keineswegs sinnvoll: Erinnerungskultur wird unter anderem durch Geschichtspolitik geprägt, ist jedoch mitnichten mit ihr identisch. Claus Leggewie und Erik Meyer ist zuzustimmen, wenn sie feststellen, „eine Vereinheitlichung” beider Begriffe sei „weder möglich noch notwendig”.[57] Vielmehr macht ein Modell Sinn, das die „Erinnerungskultur” einer Gesellschaft als gemeinsames Produkt (a) staatlicher Geschichtspolitik, (b) der Geschichtspolitik nicht-staatlicher/zivilgesellschaftlicher Akteure, (c) des staatlichen Zugriffs wie medialer Öffentlichkeit entzogenen Bereichs des familiär tradierten Gedächtnisses und (d) der häufig gegenläufigen erfahrungsbasiert-individuellen Erinnerung von Zeitzeugen begreift. Entsprechend kann „Erinnerungskultur” als Oberbegriff gelten, „Geschichtspolitik” hingegen als einer von mehreren Unterbegriffen, der, wie gezeigt, seinerseits die Subkategorie der „Vergangenheitspolitik” aufweist.

Komparationen

So intensiv die Forschungsbemühungen zur deutschen Geschichtspolitik sowie zu einigen anderen nationalen Fällen in Europa auch sind, so unverkennbar defizitär ist die transnational vergleichende Beschäftigung mit Geschichtspolitik. Aus dem hier Vorgestellten geht deutlich hervor, dass der Fall Deutschland zwar seiner doppelten Diktaturfolgenbewältigung wegen für Europa zentral, vielleicht auch paradigmatisch, aber zugleich hochgradig nationalspezifisch, ja untypisch ist.[58] Vergleichbare monografische Untersuchungen wie die zum deutschen Beispiel genannten liegen für die ca. 40 weiteren nationalen Fälle in Europa in wesentlich geringerer Dichte vor; entsprechend dürftig ist die empirische Basis für komparative Ansätze. Zwar gibt es zahlreiche Sammelbände und Themenhefte, die auf einen europaweiten Vergleich zielen, diesen indes primär durch die Gegenüberstellung nationaler Fälle leisten.[59] Ein Beispiel dafür sind neuere Veröffentlichungen zu den Wirkungen des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 und des Zweiten Weltkriegs auf die Erinnerungskultur und Geschichtspolitik unterschiedlicher Staaten und Gesellschaften Europas sowie paneuropäischer Organisationen.[60]

Ein solches Vorgehen lässt eine Binnendifferenzierung Europas in mehrere und teilweise antagonistische Subregionen erkennen, die sich auffallend mit Oskar Haleckis Konzeption von „Grenzen und Gliederung” der Geschichte Europa aus der Mitte des 20. Jahrhunderts decken.[61] Seine Vierteilung des Kontinents in „Westeuropa”, „Westmitteleuropa”, d. h. Deutschland und Österreich, „Ostmitteleuropa” einschließlich Südosteuropa und „Osteuropa” bzw. Russland/Sowjetunion ist ein Produkt des Kalten Kriegs, was die Kompatibilität mit erinnerungskulturellen Gräben und Barrieren der Gegenwart erklärt.

Der Historiker Christof Dipper hat den Versuch einer vergleichenden Bilanz nationaler Geschichtspolitiken in Europa unternommen und dabei drei wenig überraschende „europäische geschichtspolitische Gemeinsamkeiten” festgestellt: „Erstens gehört Geschichtspolitik heutigentags zum eisernen Bestand politischer Praktiken. […] Zweitens sind die Instrumentarien in den europäischen Demokratien überall dieselben: Gesetze, Museen, Denkmäler und andere Symbole, doch kommt auch der Justiz oder justizähnlichen Untersuchungsbehörden eine wichtige geschichtspolitische Rolle zu, wenn sie zur ‚Bewältigung' überwundener Diktaturen eingesetzt werden. Drittens sind Historiker so gut wie immer mit im Spiel, und zwar auf beiden Seiten: als Fordernde und Beratende wie als Protestierende […].”[62]

Konklusionen

Als zusätzlicher Punkt zu Dippers Typologie ist anzufügen, dass die Beziehungshaftigkeit der Erinnerungskulturen des östlichen Europa samt ihren geschichtspolitischen Aktionsmustern deutlich höher als diejenige des südlichen, nördlichen, zentralen und westlichen Europa ist. Das ist auch der Grund dafür, dass wesentlich mehr Analysen zur Geschichtspolitik ostmittel-, südost- und osteuropäischer Staaten und Gesellschaften vorliegen als zu anderen Teilen Europas.[63] Denn während die nationalen Geschichtspolitiken der polnischen und deutschen Eliten seit 1989 bzw. 1945, ja 1871, regelrecht verknäult, die Erinnerungskulturen des neuen Russland mit denjenigen Estlands, Lettlands, Litauens und Polens konflikthaft verflochten und etliche Staaten und Gesellschaften Südosteuropas durch geschichtspolitische Rivalitäten und erinnerungskulturelle Antagonismen verfeindet sind, ist dies in Skandinavien, auf der Iberischen Halbinsel oder im Alpenraum nicht so. Lediglich der keltische Rand der Britischen Inseln mit dem irisch-englischen Gegensatz bildet hier eine Ausnahme.[64]

]] Stefan Troebst
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Clio-online


  1. Manuel Becker, Geschichtspolitik in der „Berliner Republik“. Konzeptionen und Kontroversen, Wiesbaden 2013 (Kapitel „Die Konzeptualisierung der Geschichtspolitik“, S. 114-190); Stefan Troebst, Geschichtspolitik. Politikfeld, Analyserahmen, Streitobjekt, in: Etienne François/Kornelia Kończal/Robert Traba/Stefan Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2013, S. 15-34; Berthold Molden, Globalgeschichte der Geschichtspolitik. Zur Beschaffenheit eines Forschungsfeldes, in: Inga Luther/Nina Elsemann/Franka Bindernagel/Stefan Rinke (Hrsg.), Erinnerung schreibt Geschichte. Lateinamerika und Europa im Kontext transnationaler Verflechtungen, Stuttgart 2011, S. 25-45.
  2. Anna Wolff-Powęska, Geschichtspolitik – Geschichte im Dienst der Politik? Zum polnischen Streit über Geschichte und Gedächtnis, in: TRANSODRA online,
  3. Auch im entsprechenden Eintrag in der russischen Wikipedia wird der Terminus auf die (west-)deutsche Debatte der 1980er-Jahre zurückgeführt;
  4. Matthias Middell, Frankreichs Erinnerungslandschaft und die koloniale Vergangenheit, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989, S. 323-355; Benjamin Stora, Die Rückkehr der Erinnerungen an den Algerienkrieg in Frankreich und Algerien, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989, S. 169-199; François Hartog, Die Gegenwart der Historiker der Gegenwart, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989, S. 49-67. Im spanischsprachigen Raum, vor allem in Südamerika, ist der Begriff políticas de la historia im Gebrauch. Vgl. Molden, Globalgeschichte der Geschichtspolitik, S. 36-37.
  5. Siehe etwa ein dergestalt betiteltes Themenheft der Zeitschrift des Moskauer Büros des Carnegie Endowment for International Peace: Pro et Contra 13/3-4 (2009): Marija Lipman/Alexey Miller (Hrsg.), The Politics of History, http://carnegieendowment.org/2009/05/01/politics-of-history/3gql (20.7.2014), das in erweiterter Form mittlerweile als Buch vorliegt: Marija Lipman/Alexei Miller (Hrsg.), The Convolutions of Historical Politics, Budapest/New York 2012; weiter das von Timothy Snyder verantwortete Forum „Politics of History in Eastern Europe“ der Münchner Zeitschrift „Journal of Modern European History“ 8 (2010), H. 2, S. 141-163; zwei einschlägig betitelte Beiträge in einem neueren Sammelband: Michal Kopeček, In Search of „National Memory“. The Politics of History, Nostalgia and the Historiography of Communism in the Czech Republic and East Central Europe, in: Michal Kopeček (Hrsg.), Past in the Making. Historical Revisionism in Central Europe after 1989, Budapest/New York 2008, S. 75-95 (online unter http://books.openedition.org/ceup/1591); Rafał Stobiecki, Historians Facing Politics of History. The Case of Poland, in: Kopeček (Hrsg.), Past in the Making, S. 179-196 (online unter http://books.openedition.org/ceup/1600); oder das Ergebnis eines virtuellen Übersetzungsforums zur Frage, wie „Geschichtspolitik“ aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen sei, http://forum.dict.cc/forum-questions/detail-625367-Geschichtspolitik.html (20.7.2014).
  6. Howard Zinn, The Politics of History, Urbana-Champaign, IL, 1970.
  7. Nicht zufällig ist der einschlägige Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia mit dem deutschen Wort „Vergangenheitsbewältigung“ (mit A-Umlaut!) betitelt. Vgl. „Vergangenheitsbewältigung“, in: Wikipedia. The Free Encyclopedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Vergangenheitsbew%C3%A4ltigung (20.7.2014). Darauf, dass neben der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung auch „die deutsche Freiheitsrevolution vom November 1989 bei unseren Nachbarn tiefe Eindrücke hinterlassen hat“, verweist Ulrich Herbert, Die Zukunft der Geschichtspolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 53 (2008), H. 1, S. 71-82, hier S. 71.
  8. Dazu aus der Fülle der Beispiele Catharine Newbury, Ethnicity and the Politics of History in Rwanda, in: Africa Today 45 (1998), H. 1, S. 7-24; Vinay Lal, The Politics of History on the Internet: Cyber-Diasporic Hinduism and the North American Hindu Diaspora, in: Diaspora 8 (1999), H. 2, S. 137-172; Michael Onyebuchi Eze, The Politics of History in Contemporary Africa, London 2010; Michael Goebel, Argentina’s Partisan Past. Nationalism and the Politics of History, Liverpool 2011.
  9. Harald Schmid, Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept. Zur Historisierung der Kategorie „Geschichtspolitik“, in: ders. (Hrsg.), Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis. Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis, Göttingen 2009, S. 53-75. „Von einem Neologismus zu sprechen“, schränkt Schmid ein, „ist nur hinsichtlich des Substantivs zutreffend. Denn das Adjektiv ‚geschichtspolitisch‘ ist bedeutend älter. Es ist in der Publizistik des rechten politischen Randes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mehrfach zu belegen. In diesen Schriften hat der Ausdruck keine weiterreichende oder konzeptionelle Bedeutung, er steht schlicht für die politisch parteiliche Deutung von Geschichte.“ (Ebd., S. 65, Fn. 44). Vgl. auch Peter Reichel, Von der „Vergangenheitsbewältigung“ zur „Geschichtspolitik“. Anmerkungen zur Begrifflichkeit eines politisch-kulturellen Handlungsfeldes, in: Polis 2 (2005), S. 9-12.
  10. Christian Meier, Eröffnungsrede zur 36. Versammlung deutscher Historiker in Trier, 8. Oktober 1986, in: Rudolf Augstein u.a., „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München/Zürich 1987, S. 204-214, hier S. 204.
  11. Heinrich August Winkler, Auf ewig in Hitlers Schatten? Zum Streit über das Geschichtsbild der Deutschen, in: Augstein u.a., „Historikerstreit“, S. 256-263, hier S. 262.
  12. Schmid, Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept, S. 61-66.
  13. Ebd., S. 67-69, Zitat S. 67. Vgl. Peter Steinbach, Zur Geschichtspolitik, in: Jürgen Kocka/Martin Sabrow (Hrsg.), Die DDR als Geschichte. Fragen – Hypothesen – Perspektiven, Berlin 1994, S. 159-169; Peter Steinbach, Postdiktatorische Geschichtspolitik. Nationalsozialismus und Widerstand im deutschen Geschichtsbild nach 1945, in: Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999, S. 17-40; Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München/Wien 1995; sowie den frühen Forschungsbericht von Edgar Wolfrum, Geschichte als Politikum – Geschichtspolitik. Internationale Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert, in: Neue Politische Literatur 41 (1996), S. 376-401.
  14. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 21997 [11992], S. 11.
  15. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999; siehe auch Heinrich August Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004; Claus Leggewie/Erik Meyer, „Ein Ort, an den man gerne geht“. Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik nach 1989, München/Wien 2005.
  16. Beate Binder/Wolfgang Kaschuba/Péter Niedermüller, „Geschichtspolitik“: Zur Aktualität nationaler Identitätsdiskurse in europäischen Gesellschaften, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hrsg.), Gesellschaften im Vergleich. Forschungen aus Sozial- und Geschichtswissenschaft, Frankfurt a.M. 1998, S. 465-508; Wolfgang Kaschuba, Geschichtspolitik und Identitätspolitik. Nationale und ethnische Diskurse im Kulturvergleich, in: Beate Binder/Wolfgang Kaschuba/Péter Niedermüller (Hrsg.), Inszenierung des Nationalen. Geschichte, Kultur und die Politik der Identitäten am Ende des 20. Jahrhunderts, Köln u.a. 2001, S. 19-42, online unter http://edoc.hu-berlin.de/oa/bookchapters/reNtJjz0bZw/PDF/20eEi9zPQvkd6.pdf.
  17. Vgl. die Themenhefte „Geschichtspolitik in Zentraleuropa“ (2006, H. 3), „Geschichtspolitik in Kroatien“ (2008, H. 5) und „Geschichte zwischen Politik, Erinnerung und Wissenschaft“ (2010, H. 4) der Zeitschrift „zeitgeschichte“ sowie den Sammelband: Oliver Rathkolb/Imbi Sooman (Hrsg.), Geschichtspolitik im erweiterten Ostseeraum und ihre aktuellen Symptome, Göttingen 2011.
  18. Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, S. 25f.
  19. Ebd., S. 2.
  20. Harald Schmid, Konstruktion, Bedeutung, Macht. Zum kulturwissenschaftlichen Profil einer Analyse von Geschichtspolitik, in: Horst-Alfred Heinrich/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Geschichtspolitik und sozialwissenschaftliche Theorie, Stuttgart 2008, S. 75-98, hier S. 78. Ähnlich auch die Definition von Berthold Molden: “Geschichtspolitik ist jedes gesellschaftliche Handeln, das sich wesentlich auf historische Referenzpunkte stützt und/oder die Deutung von Geschichte zu beeinflussen versucht.” Berthold Molden, Mnemohegemonics. Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im Ringen um Hegemonie, in: ders./David Mayer (Hrsg.), Vielstimmige Vergangenheiten. Geschichtspolitik in Lateinamerika, Wien 2009, S. 31-56, hier S. 45.
  21. Harald Schmid, Konstruktion, Bedeutung, Macht, S. 78.
  22. Ebd.
  23. Beatrix Bouvier/Michael Schneider, Geschichtspolitik und demokratische Kultur: Einleitende Überlegungen, in: dies. (Hrsg.), Geschichtspolitik und demokratische Kultur. Bilanz und Perspektiven, Bonn 2008, S. 7-10, hier S. 7.
  24. Klaus Schönhoven, Geschichtspolitik: Über den öffentlichen Umgang mit Geschichte und Erinnerung, Bonn 2003, S. 20, online unter http://library.fes.de/pdf-files/historiker/01477.pdf.
  25. Vgl. dazu Assmann, Das kulturelle Gedächtnis; Christian Meier, Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München 2010; David El Kenz/François-Xavier Nérard (Hrsg.), Commémorer les victimes en Europe (XVIe-XXe siècle), Paris 2011.
  26. Norbert Frei, Rückruf der Erinnerung. Geschichtspolitik nach dem „Ende der Geschichte“, in: ders. (Hrsg.), Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts, Göttingen 2007, S. 170-175, hier S. 174f.
  27. Reinhart Koselleck, Gebrochene Erinnerung? Deutsche und polnische Vergangenheiten, in: Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2000, S. 19-32, hier S. 19.
  28. Ebd., S. 20f.
  29. Reinhart Koselleck, Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Geschichte, in: ders., Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hrsg. v. Carsten Dutt, Berlin 2010, S. 254-265, hier S. 262. Allerdings fällt auf, dass Koselleck in seinen früheren Publikationen zur politischen Ikonologie, also zu politischen Totenmalen, Kriegerdenkmälern, Reiterstandbildern u. a., deren geschichtspolitische Dimension deutlich milder beurteilte. Siehe dazu Hubert Locher, Denken in Bildern. Reinhart Kosellecks Programm Zur politischen Ikonologie, in: Zeitschrift für Ideengeschichte III/4 (2009), S. 81-96.
  30. Jürgen Habermas, Warum ein Demokratiepreis für Daniel J. Goldhagen? Eine Laudatio, in: Die Zeit, 14.3.1997, online unter http://www.zeit.de/1997/12/historie.txt.19970314.xml/seite-2.
  31. Peter Steinbach, Darf der pluralistische Staat „Geschichtspolitik“ betreiben? Zu einer Kontroverse der jüngsten Vergangenheit, in: Eckhard Jesse/Konrad Löw (Hrsg.), Vergangenheitsbewältigung, Berlin 1997, S. 79-89.
  32. Edgar Wolfrum, Art. „Geschichtspolitik“, in: Dieter Nohlen/Florian Grotz (Hrsg.), Kleines Lexikon der Politik, München 52011 [12001], S. 207-210, hier S. 208. In ähnlichem Tenor: Dietrich Seybold, Geschichtskultur und Konflikt. Historisch-politische Kontroversen in Gesellschaften der Gegenwart, Bern 2005, S. 186-192.
  33. Koselleck, Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Geschichte, S. 258. Vgl. auch Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich (Hrg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004.
  34. Wolfrum, Art. „Geschichtspolitik“, S. 208.
  35. Schmid, Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept, S. 72-75.
  36. Kaschuba, Geschichtspolitik und Identitätspolitik, S. 24.
  37. Bernd Faulenbach, Zeitenwende 1989/90 – Paradigmenwechsel in der Geschichtspolitik?, in: Bouvier/Schneider (Hrsg.), Geschichtspolitik und demokratische Kultur, S. 85-95, hier S. 85.
  38. Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, S. 25-32. Vgl. auch ders., Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung. Göttingen 2001; ders., Der Geschichtspolitik auf der Spur. Ein Fragenkatalog dafür, wie der Umgang mit diktatorischen Vergangenheiten erforscht werden kann, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989, S. 37-48.
  39. Stefan Troebst/Johanna Wolf, Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa, Leipzig 2011; Volkhard Knigge/Ulrich Mählert, Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005.
  40. Claus Offe, Rechtswege der „Vergangenheitspolitik“: Disqualifizierung, Bestrafung, Restitution, in: ders., Der Tunnel am Ende des Lichts. Erkundungen der politischen Transformation im Neuen Osten, Frankfurt a.M./New York 1994, S. 187-229; Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996; Norbert Frei (Hrsg.), Transnationale Vergangenheitspolitik. Der Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2006; Petra Bock, Vergangenheitspolitik im Systemwechsel: die Politik der Aufklärung, Strafverfolgung, Disqualifikation und Wiedergutmachung im letzten Jahr der DDR, Berlin 2000; Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Verschweigen – Erinnern – Bewältigen. Vergangenheitspolitik in globaler Perspektive (Comparativ 14 [2004], H. 5-6), Leipzig 2004; Themenheft „Vergangenheitspolitik“ der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ 42 (2006), 16.10.2006 , online unter http://www.bpb.de/files/IUUZMN.pdf.
  41. Michael Kohlstruck, Erinnerungspolitik: Kollektive Identität, Neue Ordnung, Diskurshegemonie, in: Birgit Schwelling (Hrsg.), Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen, Wiesbaden 2004, S. 173-193; Jan-Werner Müller, Europäische Erinnerungspolitik Revisited, in: Transit. Europäische Revue 33 (2007), S. 166-175.
  42. Ingeborg Siggelkow (Hrsg.), Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik, Frankfurt a.M. 2003; Themenschwerpunkt „Europäische Gedächtnispolitik“ der Zeitschrift Transit. Europäische Revue 35 (2008), S. 6-128; Helmut König, Politik und Gedächtnis, Weilerswist 2008.
  43. Schmid, Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept, S. 69f. Vgl. dazu auch Becker, Geschichtspolitik der „Berliner Republik“, Abb. 1, S. 31.
  44. Schmid, Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept, S. 70f. An anderer Stelle hat er „Vergangenheitspolitik“ als „begriffslogisch absurd“ klassifiziert, da „Vergangenheit für Politik nicht erreichbar ist“, sowie „Erinnerungspolitik“ als konzeptionell kaum fundiert ausgeschieden. Vgl. Schmid, Konstruktion, Bedeutung, Macht, S. 77.
  45. Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, S. 31f. Vgl. auch Günther Sandner, Hegemonie und Erinnerung: Zur Konzeption von Geschichts- und Vergangenheitspolitik, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 30 (2001), H. 1, S. 5-17; Manfred G. Schmidt, Vergangenheitspolitik, in: ders., Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 22004 [11995], S. 744.
  46. Harald Wydra, Polityka wobec przeszłości w Polsce i w Niemczech – dekomunizacja i denazyfikacja [Vergangenheitspolitik in Polen und Deutschland – Entkommunisierung und Entnazifizierung], in: Paweł Kuglarz (Hrsg.), Od totalitaryzmu do demokracji, Kraków 2001, S. 65-81. Vgl. auch die polnische Übersetzung von Norbert Freis gleichnamigen Buch von 1996: Norbert Frei, Polityka wobec przeszłości. Początki Republiki Federalnej i przeszłość nazistowska [Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die Nazi-Vergangenheit], Warszawa 1999 sowie den Überblick bei Kornelia Kończal/Joanna Wawrzyniak, Traditionen, Konzepte, (Dis-)Kontinuitäten. Erinnerungsforschung in Polen, in: Osteuropa 62 (2012), H. 5, S. 19-45.
  47. Vgl. etwa Claire Andrieu/Marie-Claire Lavabre/Danielle Tartakowsky (Hrsg.), Politiques du passé. Usages politiques du passé dans la France contemporaine, Paris 2006; François Hartog/Jacques Revel (Hrsg.), Les usages politiques du passé, Paris 2001; Maryline Crivello/Patrick Garcia/Nicolas Offenstadt (Hrsg.), La concurrence des passés. Usages politiques du passé dans la France contemporaine, Aix en Provence 2006.
  48. Berthold Molden, Geschichtspolitik als politisches Handlungsfeld, in: Bildpunkt, Frühjahr 2011, online unter http://www.linksnet.de/de/artikel/26350.
  49. Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt a.M./New York 2002, S. 39-73, hier S. 41.
  50. Christoph Cornelißen, Was heißt Erinnerungskultur? Begriff ‒ Methoden – Perspektiven, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54 (2003), S. 548-563, hier S. 550. Siehe auch ders., Erinnerungskulturen, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012, http://docupedia.de/zg/Erinnerungskulturen_Version_2.0_Christoph_Corneli%C3%9Fen.
  51. Wolfgang Hardtwig, Art. „Geschichtskultur“, in: Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon der Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 112-115, hier S. 113.
  52. Cornelißen, Was heißt Erinnerungskultur, S. 555.
  53. Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte, S. 41.
  54. Jörn Rüsen, Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens, Göttingen 1989, S. 10. Siehe überdies ders., Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Heinrich Theodor Grüttner/Jörn Rüsen (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994, S. 3-26; ders., Geschichtskultur, in: Klaus Bergmann u.a. (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 51997 [11979], S. 38-40, online unter http://www.joern-ruesen.de/2.07_Handbuch_der_Geschichtsdikatik_-_Artikel_Jorn_Rusen.pdf.
  55. Vgl. pars pro toto: Jenny Alwart, Mit Taras Ševčenko Staat machen. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in der Ukraine vor und nach 1991, Köln 2012; Lars Karl/Igor J. Polianski (Hrsg.), Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland, Göttingen 2009; Jahrbuch für Kulturpolitik 9 (2009): Themenband „Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik“; Jan Eckel/Claudia Moisel (Hrsg.), Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008; Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
  56. Cornelißen, Was heißt Erinnerungskultur?, S. 555 und Schmid, Konstruktion, Bedeutung, Macht, S. 81. Auch die Kategorisierung des Begriffs „Erinnerungskultur“ als „Alternative zur Verwendung der vergleichsweise pathetisch konnotierten Formulierung ‚Vergangenheitsbewältigung‘“, wie von den Herausgebern eines einschlägig betitelten Sammelbands vorgenommen, kann nicht recht überzeugen, da diese Alternativfunktion mittlerweile unverkennbar auf den Terminus „Geschichtspolitik“ übergegangen ist. Vgl. Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker, Nationale Erinnerungskulturen seit 1945 im Vergleich, in: dies. (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt a.M. 2003, S. 9-27, hier S. 12.
  57. Leggewie/Meyer, „Ein Ort, an den man gerne geht“, S. 15.
  58. Vgl. dazu Etienne François, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Europa heute, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989, S. 541-558.
  59. Auch bilaterale Vergleiche werden – wenn überhaupt – innerregional, kaum überregional angestellt. Vgl. als Ausnahmen Claudia Kraft, Pacto de silencio und gruba kreska. Vom Umgang mit Vergangenheit in Transformationsprozessen, in: Katrin Hammerstein/Ulrich Mählert/Julie Trappe/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Aufarbeitung der Diktatur – Diktatur der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 97-107; Stefan Troebst, „Diktaturerinnerungsvergleich“, in: Krzysztof Ruchniewicz/Stefan Troebst (Hrsg.), Diktaturbewältigung und nationale Selbstvergewisserung. Geschichtskulturen in Polen und Spanien im Vergleich, Wrocław 2004, S. 27-35; ders., Postdiktatorische Geschichtskulturen im östlichen und südlichen Europa. Eine vergleichende Einführung, in: ders. (Hrsg.), Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010, S. 11-51. Vergleichende Ansätze finden sich auch in Georges Mink/Laure Neumayer (Hrsg.), L’Europe et ses passés douloureux, Paris 2007 sowie in Marie-Claude Maurel/Françoise Mayer (Hrsg.), L’Europe et ses représentations du passé. Les tourments de la mémoire, Paris 2008.
  60. Manfred Sapper/Volker Weichsel (Hrsg.), Der Hitler-Stalin-Pakt. Der Krieg und die europäische Erinnerung (Osteuropa 59 [2009], Heft 7-8), Berlin 2009; Anna Kaminsky/Dietmar Müller/Stefan Troebst (Hrsg.), Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer, Göttingen 2011; Richard Ned Lebow/Wulf Kansteiner/Claudio Fogu (Hrsg.), The Politics of Memory in Postwar Europe, Durham/London 2006; Jan-Werner Müller (Hrsg.), Memory and Power in Post-War Europe. Studies in the Presence of the Past, Cambridge 2002.
  61. Oskar Halecki, The Limits and Divisions of European History, London 1950 (dt. Übersetzung: Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte, Salzburg 1957). Vgl. dazu Stefan Troebst, Halecki Revisited: Europe’s Conflicting Cultures of Remembrance, in: Małgorzata Pakier/Bo Stråth (Hrsg.), A European Memory? Contested Histories and Politics of Remembrance, London/New York 2010, S. 56-63. Zu weiteren erinnerungskulturellen Untergliederungen Europas siehe auch Heinrich August Winkler, Erinnerungswelten im Widerstreit. Europas langer Weg von einem gemeinsamen Bild vom Jahrhundert der Extreme, in: Bernd Kauffmann/Basil Kerski (Hrsg.), Antisemitismus und Erinnerungskulturen im postkommunistischen Europa, Osnabrück 2006, S. 105-116; Carola Sachse/Edgar Wolfrum, Stürzende Denkmäler. Nationale Selbstbilder postdiktatorischer Gesellschaften in Europa – Einleitung, in: Regina Fritz/Carola Sachse/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, Göttingen 2008, S. 7-35; Claus Leggewie (zus. mit Anne Lang), Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011; Stefan Troebst, Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust. Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa, in: Berliner Journal für Soziologie 15 (2005), H. 3, S. 381-400; Charles S. Maier, Heißes und kaltes Gedächtnis. Zur politischen Halbwertzeit des faschistischen und kommunistischen Gedächtnisses, in: Transit. Europäische Revue 22 (2001), H. 2, S. 153-165.
  62. Christof Dipper, Geschichtspolitik im europäischen Vergleich. Eine Bilanz, in: Neue Politische Literatur 57 (2012), H. 1 S. 33-49, hier S. 36f. Dipper stützt sich dabei auf den Ertrag einer Aufsatzserie zum Thema in derselben Zeitschrift. Vgl. dazu Matthias Middell, „Ce n’est pas à l’Etat de dire comment on enseigne l’histoire“. Geschichte und Geschichtswissenschaft in Frankreich, in: Neue Politische Literatur 51 (2006), H. 2-3, S. 187-201; Filippo Focardi, Präsident Ciampis „Krieg um die Erinnerung“, in: Neue Politische Literatur 52 (2007), H. 1, S. 11-24; Boris Barth, Staatlicher Terror, kollektive Erinnerung und Geschichtspolitik ‒ Sandra Kalnietes „Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee“, in: ebd., S. 25-36; Benedikt Stuchtey, „Character“ und Geschichtspolitik in Großbritannien, in: Neue Politische Literatur 52 (2007), H. 3, S. 365-373; Krzysztof Ruchniewicz, Der Zickzackkurs der polnischen „Geschichtspolitik“ nach 1989, in: Neue Politische Literatur 53 (2008), H. 2, S. 205-223; Corinna Kuhr-Korolev, Erinnerungspolitik in Russland. Die vaterländische Geschichte und der Kampf um historisches Hoheitsgebiet, in: Neue Politische Literatur 54 (2009), H. 3, S. 369-383; Engin Kiliç, „Turk Means Civilization, Turk Means History“: Politics of History in Turkey, in: ebd., S. 385-395; Teresa Pinheiro, Facetten der Erinnerungskultur – Portugals Umgang mit dem Estado Novo, in: Neue Politische Literatur 55 (2010), H. 1, S. 7-22; Xosé-Manoel Núñez, Ein endloser Erinnerungskrieg? Bürgerkrieg, Diktatur und Erinnerungsdiskurs in der jüngsten spanischen Geschichtswissenschaft, in: ebd., S. 23-50.
  63. Vgl. an monografischen Untersuchungen etwa Regina Fritz, Nach Krieg und Judenmord. Ungarns Geschichtspolitik seit 1944, Göttingen 2012; Elena Temper, Belarus verbildlichen. Staatssymbolik und Nationsbildung seit 1990, Köln 2012; Alwart, Mit Taras Ševčenko Staat machen; Adamantios Skordos, Griechenlands Makedonische Frage. Bürgerkrieg und Geschichtspolitik im Südosten Europas, 1945-1992, Göttingen 2012; Ljiljana Radonić, Krieg um die Erinnerung. Kroatische Vergangenheitspolitik zwischen Revisionismus und europäischen Standards, Frankfurt a.M. 2010; Dittmar Schorkowitz, Postkommunismus und verordneter Nationalismus: Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet, Frankfurt a.M. 2008; Eva-Clarita Onken, Demokratisierung der Geschichte in Lettland. Staatsbürgerliches Bewußtsein und Geschichtspolitik im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit, Hamburg 2003; Barbara Christophe, Staat versus Identität. Zur Konstruktion von Nation und nationalem Interesse in den litauischen Transformationsdiskursen von 1987 bis 1995, Köln 1997; Elke Fein, Geschichtspolitik in Rußland. Chancen und Schwierigkeiten einer demokratisierenden Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft MEMORIAL, Hamburg/Münster 2000; Andreas Langenohl, Erinnerung und Modernisierung. Die öffentliche Rekonstruktion politischer Kollektivität am Beispiel des Neuen Rußland, Göttingen 2000 sowie an Sammelbänden und Themenheften beispielsweise: Karl/Polianski (Hrsg.), Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland; Jörg Hackmann/Marko Lehti (Hrsg.), Contested and Shared Places of Memory. History and Politics in North Eastern Europe (Journal of Baltic Studies 39 [2008], H. 4), London 2008; Helmut Altrichter (Hrsg.), GegenErinnerung. Geschichte als politisches Argument im Transformationsprozeß Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, München 2006; Manfred Sapper/Volker Weichsel (Hrsg.), Geschichtspolitik und Gegenerinnerung. Krieg, Gewalt und Trauma im Osten Europas (Osteuropa 58 [2008], H. 6), Berlin 2008. Siehe auch die Literaturberichte von Peter Haslinger, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in der historischen Forschung zum östlichen Europa, in: zeitenblicke 6 (2007), H. 2, online unter http://www.zeitenblicke.de/2007/2/haslinger/index_html; Katarzyna Stokłosa, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im osteuropäischen Raum, in: Jahrbuch für Politik und Geschichte 2 (2011), S. 167-185.
  64. Vgl. pars pro toto: Patricia Lundy/Mark McGovern, The Politics of Memory in Post-Conflict Northern Ireland, in: Peace Review 13 (2001), S. 27-33; Brian Conway, Active Remembering, Selective Forgetting, and Collective Identity: The Case of Bloody Sunday, in: Identity 3 (2003), S. 305-323.
  65. Stefan Berger, Remembering the Second World War in Western Europe, 1945-2005, in: Pakier/Stråth (Hrsg.), A European Memory?, S. 119-137.
  66. Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, den beiden Europatagen von Europarat und EU am 5. bzw. 9. Mai sowie zum neuen europäischem Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus vgl. Harald Schmid, Europäisierung des Auschwitz-Gedenkens? Zum Aufstieg des 27. Januar 1945 als „Holocaustgedenktag“ in Europa, in: Eckel/Moisel (Hrsg.),Universalisierung des Holocaust?, S. 174-202; Aleida Assmann, 27. Januar 1945: Genese und Geltung eines neuen Gedenktags, in: Etienne François/Uwe Puschner (Hrsg.), Erinnerungstage. Wendepunkte der Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart, München 2010, S. 319-334; Emmanuel Droit, Die Shoah: Von einem westeuropäischen zu einem transeuropäischen Erinnerungsort?, in: Kirstin Buchinger/Claire Gantet/Jakob Vogel (Hrsg.), Europäische Erinnerungsräume, Frankfurt a.M. 2009, S. 257-266; Henry Rousso, Das Dilemma eines europäischen Gedächtnisses, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2004), S. 363-378, online unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Rousso-3-2004; Stefan Troebst, Der 23. August als euroatlantischer Gedenktag? Eine analytische Dokumentation, in: Kaminsky/Müller/Troebst (Hrsg.), Der Hitler-Stalin-Pakt 1939, S. 85-121, online unter http://web.apb-tutzing.de/apb/cms/uploads/media/Troebst_Hitler-Stalin-Pakt.pdf; Hannes Hansen-Magnusson/Jenny Wüstenberg, Commemorating Europe? Forging European Rituals of Remembrance through Anniversaries, in: Politique européenne, Nr. 37, 2012, S. 44-70.
  67. Stefan Troebst, Die Europäische Union als „Gedächtnis und Gewissen Europas“? Zur EU-Geschichtspolitik seit der Osterweiterung, in: François/Kończal/Traba/Troebst (Hrsg.), Geschichtspolitik in Europa, S. 94-155; Oriane Calligaro/François Foret, La mémoire européenne en action. Acteurs, enjeux et modalité de la mobilisation du passé comme ressource politique pour l’Union europénne, in: Politique européenne, Nr. 37, 2012, S. 18-43; Annabelle Littoz-Monnet, The EU Politics of Commemoration Post-Eastern Enlargement, in: Bruno Arcidiacono u. a. (Hrsg.), Europe Twenty Years after the End of the Cold War. The New Europe, New Europes?, Bruxelles 2012, S. 63-78; Elisabeth Kübler, Europäische Erinnerungspolitik. Der Europarat und die Erinnerung an den Holocaust, Bielefeld 2012; Jens Kroh, Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Fokus geschichtspolitischer Initiativen, Frankfurt a.M. 2008.
  68. Siehe zum Beispiel die Periodika-Neugründung des „Jahrbuchs für Politik und Geschichte“: Editorial online unter http://www.steiner-verlag.de/programm/jahrbuecher/jahrbuch-fuer-politik-und-geschichte/editorial.html.