Arbeitergeschichte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010
https://docupedia.de/zg/huebner_arbeitergeschichte_v1_de_2010
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.603.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010
https://docupedia.de/zg/huebner_arbeitergeschichte_v1_de_2010
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.603.v1
Der Begriff „Arbeitergeschichte" findet im deutschen Sprachraum nicht nur im engen Sinne einer Geschichte der Arbeiter Verwendung, er bezeichnet oft auch im weiteren Sinne die Geschichte der Arbeiterschaft, der Arbeiterklasse, der Arbeiterbewegung und nicht zuletzt die Geschichte der Arbeit selbst.[1] Diese Unschärfe spiegelt durchaus eine komplexe Realität. Die theoretisch denkbare und legitime Trennung der Begriffe „Arbeit" und „Arbeiter" findet im Grunde keine realhistorische Entsprechung. Wenn von einem die Rede ist, gilt es, das andere mitzudenken. Arbeitergeschichte, wie sie im Folgenden verstanden wird, steht deshalb, ähnlich wie im Englischen „labour/labour history", für den Zusammenhang von Arbeit und Arbeitern, Individualität und Kollektivität, Struktur und Prozess. Unter dieser Voraussetzung sind drei Aspekte zu erörtern: Zum einen geht es um die Bestimmung des Themas als historisches Langzeitphänomen. Zweitens werden einige der wichtigeren Forschungen zur Arbeitergeschichte betrachtet. Und drittens schließlich ist nach deren Perspektive zu fragen.
Wann erschienen überhaupt arbeitende Menschen und mit ihnen die Arbeit als soziales und technisches Handeln auf der Bühne der Geschichte? Ab wann fungierte Arbeit über den unmittelbaren Zweck des Lebensunterhalts hinaus als in die Zukunft projizierte Existenzsicherung? Man wird vergeblich nach einem historischen Datum suchen, auf das sich die Existenz von Arbeit in diesem Sinne und das erste Auftreten von Arbeiter/innen festlegen ließe. Gleichwohl dürften die Herstellung von Werkzeugen und ihre Anwendung sowie die kontrollierte Nutzung von Feuer als Anfangssymptome einer zielgerichteten, systematischen, kommunikativ vernetzten und sozial reflektierten Tätigkeit, menschlicher Arbeit also, verstanden werden.
Arbeitergeschichte erforscht einen epochenübergreifenden Entwicklungsstrang. Das verweist auf einen geradezu trivialen Aspekt: Wer heute mit Blick auf die Geschichte der „digitalen Revolution"[2] einen Umbruch oder eine Krise der Arbeitsgesellschaft konstatiert, sollte sich eines vergegenwärtigen: Trägt man auf einem Zeitstrahl pro Jahr einen Millimeter ab, so trennen ca. 18 Meter das Entstehen früher arbeitsteiliger Gesellschaften von der Gegenwart. Die um 1970 einsetzenden akuten Probleme der modernen Arbeitswelt beanspruchen auf diesem Zeitstrahl gerade einmal vier Zentimeter. Die gesamte Periode der im 18. Jahrhundert einsetzenden industriellen Revolution mit ihren bisher drei massiven Entwicklungsschüben würde mit nicht mehr als 25 Zentimetern zu Buche schlagen. Es empfiehlt sich daher, mit weitreichenden Prophezeiungen zurückhaltend umzugehen.
Während Homer in der „Ilias" (vermutlich 8. Jh. v. Chr.)[3] Arbeit im Sinne landwirtschaftlicher und handwerklicher Tätigkeit noch positiv konnotierte, weil sie als Voraussetzung für Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen galt, wurde sie mit dem verstärkten Aufkommen unfreier Arbeit als Existenzzwang betrachtet, dem insbesondere Tagelöhner und Sklaven ausgesetzt waren. Die Einfärbung des Arbeitsbegriffs mit der Bedeutung von Mühe und Unfreiheit signalisierte eine Akzentverschiebung im Wertegehalt. Die antike Polis-Wirtschaft unterschied scharf zwischen unfreier körperlicher Arbeit und der eher geistigen Tätigkeit frei handelnder Menschen, die über Arbeitskräfte für „niedere" körperliche Tätigkeiten disponieren konnten.[4] Diese Dualität des Arbeitsbegriffs wurde in der Reformationszeit aufgebrochen. Zumindest in der Perspektive des aufkommenden Bürgertums und der zünftigen Handwerker erfuhr Arbeit jetzt gewissermaßen eine Veredelung zur Berufung; Berufsarbeit galt nunmehr als sittliche Pflichterfüllung.[5]
Die Aufklärung negierte einen religiösen Bezug der Arbeit, wie er von den Protagonisten der Reformation formuliert worden war. Den Durchbruch zu einem modernen Arbeitsbegriff vollzog der Begründer der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith, der in seinem Werk über den „Wohlstand der Nationen" menschliche Arbeit und Arbeitsteilung als dessen Quelle beschrieb.[6] Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts heraufziehende industrielle Revolution ging einher mit der Entfaltung des Wirtschaftsliberalismus. Arbeit und Arbeiterschaft unterlagen einem zunehmenden Druck zur Arbeitsteilung, Spezialisierung und zur Positionierung auf Arbeitsmärkten. Die hier angebotene „freie" Arbeit, genauer: die Arbeitskraft oder das Arbeitsvermögen wurden zur Ware, mit allen Risiken, die ein Markt bot. Nicht zufällig lag hier der Ausgangspunkt der „sozialen Frage", die seither vor allem eine Arbeiterfrage blieb.[7]
Das Bild der modernen Arbeitswelt wurde und wird durch abhängige Erwerbsarbeit bestimmt. Diese wiederum bildete die Grundlage für das Entstehen der Arbeiterbewegungen, auf die hier jedoch nicht näher einzugehen ist. Erwerbsarbeit im Fabrikzeitalter lief im Wesentlichen auf ein Normalarbeitsverhältnis hinaus, also auf die Ausübung einer oft beruflich qualifizierten Tätigkeit im Rahmen eines vollen Arbeitstages von zwölf, zehn und später acht Stunden, und dies an sechs, dann an fünf Tagen in der Woche.[8] Jürgen Kocka hat dazu angemerkt: „Das ‚Normalarbeitsverhältnis' war selten normal."[9] Das gilt nicht nur für die oft fragilen Arbeitsformen der vorindustriellen Zeit, sondern auch für die prekären Arbeitsverhältnisse der Gegenwart.
Mit Blick auf die technische Entwicklung und die fortschreitende Rationalisierung hatte Hannah Arendt bereits Ende der 1950er-Jahre prophezeit, der Arbeitsgesellschaft werde die Arbeit ausgehen, und eine „Gesellschaft von Jobholdern" drohe zu entstehen.[10] Der Bruch trat dann auch tatsächlich ein, allerdings kamen andere Gründe hinzu. Als Ende der 1960er-Jahre der Nachkriegsaufschwung der Wirtschaft auslief und 1973/1974 der Ölpreisschock eintrat, stieg die Arbeitslosigkeit in den westeuropäischen Ländern deutlich an.[11] In der Bundesrepublik überschritt sie 1975 die Millionengrenze, während sich die Zahl der Kurzarbeiter/innen auf nahezu eine Dreiviertelmillion erhöhte. Von da an kam jene anhaltende Eskalation der Erwerbslosigkeit in Gang, in deren Folge jede Rezession in Westeuropa höhere Arbeitslosenzahlen hinterließ als die vorangegangene.[12] Das von Robert Castel am französischen Beispiel eingeführte Bild vom Bruch einer bis dato aufsteigenden Verlaufskurve kommt der Realität jener Jahre sehr nahe.[13] Wachsende Arbeitslosigkeit und die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse auf der einen Seite, steigende Arbeitsbelastung auf der anderen, sind Merkmale dieser Entwicklung.
Der springende Punkt liegt freilich außerhalb dieses Bezugssystems. Er ist in jener sozialen Schicht zu lokalisieren, die Castel die „Überzähligen" nennt.[14] Dahinter steht die Frage, was passiert, wenn wachsende Produktivität oder auch der Verlust der Konkurrenzfähigkeit in volkswirtschaftlichen Dimensionen zum dauerhaften Verlust von Arbeitsplätzen und zum Ausschluss, mitunter auch zum Rückzug größerer Bevölkerungsgruppen von regulärer Erwerbsarbeit führt. Kündigt sich damit wirklich das Ende der Arbeitsgesellschaft an? Verschwinden die Arbeiter/innen aus der Geschichte? Solche Fragen tangieren die Forschung zur Arbeitergeschichte insofern, als im Zuge der digitalen Revolution tatsächlich einige Trends in diese Richtung weisen und traditionelle Formen der Arbeit wie die Arbeiter/innen selbst an die Peripherie zu drängen scheinen.
Der in der modernen Arbeitergeschichtsforschung verwendete Arbeitsbegriff orientiert sich im Wesentlichen an Arbeitssituationen der Hochindustrialisierungsperiode. Er weist volkswirtschaftliche, betriebswirtschaftliche, soziale, technische und kulturelle Dimensionen auf:
Die volkswirtschaftliche Perspektive erfasst Arbeit als einen Produktionsfaktor, der auf die Erzeugung von Wirtschaftsgütern zielt.[15] Arbeit untergliedert sich demnach in (1.) die Gewinnung von Rohstoffen, (2.) deren Verarbeitung, (3.) Handel und Transport und (4.) Steuerung des Wirtschaftsprozesses. In der betriebswirtschaftlichen Perspektive untergliedert sich Arbeit in produzierend-ausführende sowie in leitende, verwaltende und planende Tätigkeiten. In sozialer Hinsicht ist zwischen selbstständiger Arbeit auf eigene Verantwortung und Rechnung und unselbstständiger Arbeit im Auftrag und auf Anweisung eines Unternehmers bzw. Leiters zu unterscheiden. Unter technischen Gesichtspunkten wird man von Handarbeit, Handarbeit mit Werkzeugen (Muskel-, Natur- und Maschinenkraft), Arbeit an Maschinen, Beaufsichtigung von Maschinen und Automaten und schließlich von Hilfsleistungen für und Pflege von Automaten zu sprechen haben. Diese Perspektiven sind allerdings nur bedingt geeignet, um zwischen manueller und geistiger Arbeit zu unterscheiden.
Unter den Bedingungen der Industrialisierung, von der hier als ein seit dem 18. Jahrhundert in Schüben oder Phasen verlaufender, aber zusammenhängender Gesamtprozess die Rede sein soll, haben sich Inhalte und Formen der Arbeit gewandelt und weiter ausdifferenziert. Während Arbeitswissenschaft und Arbeitsmarktforschung seit dem Ausbruch der Beschäftigungskrise in den 1970er-Jahren und unter dem Einfluss einer um sich greifenden „Computerisierung" der Arbeitswelt zunehmend sensibler auf die humanitären und sozialen Konsequenzen des Problems reagierten,[16] blieb die Arbeitergeschichtsschreibung demgegenüber stärker auf die Arbeiterbewegungsgeschichte bzw. die politische Geschichte fixiert. Der naheliegende inhaltliche und methodische Brückenschlag zur Technikgeschichte gelangte kaum über einzelne Behelfsstege hinaus. Auch konnte sich das Konzept einer Technikgeschichte als Geschichte der Arbeit nicht durchsetzen.[17]
Wenn Arbeiter/innen zum Gegenstand historischer Forschung werden, dann rückt zugleich die Arbeit als Hauptform ihres sozialen Handelns mit ins Zentrum der Betrachtung. Es ist deshalb notwendig, Arbeit nach Struktur und Funktion zu differenzieren, um zu vergleichen und zuzuordnen, damit Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbeziehungen definiert werden können. Relativ klar unterschieden sind Hand- und geistige Arbeit, die unentgeltlich erbracht oder mit Waren bzw. Geld entgolten wird. Unentgeltliche oder nichtkommerzielle Arbeit tritt in archaischen Formen ebenso wie in der Subsistenzwirtschaft und bei der Hausarbeit auf und findet sich auch bei ehrenamtlicher Tätigkeit oder staatlich veranlasster Dienstverpflichtung. Eine Sonderform stellen die verschiedenen Arten von Zwangsarbeit dar. Bei der entgeltlichen Arbeit handelt es sich um Erwerbsarbeit, jene Form also, um die es hier vor allem geht. Sie kann selbstständig oder abhängig geleistet werden. Das jeweilige Spektrum ist sehr breit und reicht im ersten Fall vom Unternehmer bis zum auf Werkvertragsbasis Beschäftigten; im zweiten Fall vom Arbeiter bis zum Beamten im öffentlichen Dienst, deren Tätigkeit jeweils durch Arbeits- bzw. Dienstverträge geregelt ist.
Die in Deutschland üblichen Begriffe „Arbeitgeber" und „Arbeitnehmer" pervertieren die realen Verhältnisse und Arbeitsbeziehungen. Sie zogen nicht nur marxistische Kritik auf sich, sondern wurden auch aus der Perspektive der katholischen Soziallehre in Frage gestellt. Der Gewerkschafter Udo Achten meint: „Die Begriffe werden vertauscht. Der, der seine Arbeit gibt, wird zum Nehmer und der, der sie sich nimmt, wird zum Geber – Geben ist seliger als Nehmen. Das ist Ausdruck eines Herrschaftsverhältnisses, auch wenn es oft bestritten wurde und wird – besonders von jenen, die die Macht ausüben."[18]
Arbeitergeschichte zielt in der Hauptsache auf eine Personengruppe, die abhängiger Erwerbsarbeit nachgeht. Das Forschungsfeld hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark aufgegliedert, wobei die Geschichte der Arbeiter/innen mit der Geschichte der Arbeit, der Arbeiterbewegungen, der Arbeitermilieus, ihrer Kulturen und sozialen Strukturen, aber auch mit der Wirtschafts- und Technikgeschichte eine enge Beziehung eingegangen ist. Die ältere mehr als die neuere Literatur setzte in diesem Themenkreis einen Akzent auf die oft idealtypisch konturierte Figur des „Arbeiters" als Akteur und Objekt der Arbeiterbewegungsgeschichte. Im unterschiedlichen Maße wurde dabei der Blickwinkel auf die Lebensumstände und Arbeitsbedingungen ausgeweitet. Die Arbeit selbst als physischer und intellektueller Prozess, als Lebensäußerung des „Arbeiters" blieb demgegenüber irgendwie im Halbschatten, es sei denn, besonders skandalöse und damit konfliktträchtige Arbeitsumstände weckten das Interesse. Unspektakuläre, Tag für Tag wiederholte Arbeitsverrichtungen jedoch wurden, wenn überhaupt, eher knapp referiert. Gleichwohl bildet genau diese Form von Arbeit die zentrale Achse der Arbeiterexistenz.
Die Anfänge der Arbeitergeschichte als Forschungsdisziplin sind eng mit der industriellen Revolution verknüpft. Einer der frühen Protagonisten der Arbeitergeschichte, Friedrich Engels, konstatierte: „Die Geschichte der arbeitenden Klasse in England beginnt mit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Maschinen zur Verarbeitung der Baumwolle." England sei „das klassische Land" dieser Entwicklung und „ihres hauptsächlichsten Resultates, des Proletariats".[19]
Diese Entwicklung hatte Parallelen auf dem europäischen Kontinent und in Nordamerika – zeitversetzt zwar, aber im Ablauf ähnlich. Während die industrielle Revolution in England etwa auf den Zeitraum 1760-1830 zu datieren ist,[20] folgte Frankreich ca. 1780-1850,[21] für Deutschland und die USA darf man von ungefähr 1800-1860 ausgehen,[22] in Russland setzte eine nennenswerte, allerdings stark verinselte Industrialisierung zwischen etwa 1840 bis 1880 ein.[23]
Im europäischen Revolutionszyklus um 1848 bildete die „soziale Frage" bereits eine zentrale Komponente. Schon im frühen 19. Jahrhundert hatte der Begriff in den politischen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Vor allem das Problem des Pauperismus als Folge der Industrialisierung spielte hierbei eine Rolle. Der Anspruch, die sozialen Probleme der Modernisierung lösen oder auch nur mildern zu können, inspirierte in England und Frankreich teils eher konservative, teils eher liberale Politikmodelle. Gewissermaßen zwischen ihnen etablierte sich die besonders in Deutschland einflussreiche, vom akademischen Bürgertum getragene Bewegung der Sozialreform.[24] Vor allem aber bot das Problem einen Ansatzpunkt für die Arbeiterbewegungen des industriellen Zeitalters, in dem die soziale Frage im Wesentlichen zu einer Arbeiterfrage gerann. Um die Mitte der 1840er-Jahre bis zum Revolutionsjahr 1848 gingen unter starkem französischen Einfluss im politischen Sprachgebrauch die Worte „sozial" und „politisch" eine auffällige Liaison ein.[25] Die soziale Lage der Arbeiter stand im Mittelpunkt dieses Diskurses. Im März 1948 forderten Berliner Arbeiter vom preußischen König ein Ministerium für Arbeiter, das sich nur aus Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeiterschaft zusammensetzen sollte.[26] Es gehörte zum Lerneffekt von „1848", das Soziale je nach Interessenlage und mit mehr oder weniger Geschick in die Strategien politischen Handelns zu integrieren. Das, was später „Sozialpolitik" genannt wurde, begann sich zu dieser Zeit in spannungsvoller Wechselbeziehung zur aufkommenden Arbeiterbewegung als eigenständiges Politikfeld zu konstituieren.[27]
Arbeitergeschichte als Gegenstand gesellschaftskritischer Reflexion und historischer Forschung war in diesem Kontext von vornherein politisch aufgeladen. Die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts publizierten Studien zur Arbeiterbewegung und zur Arbeiterklasse, zu Gewerkschaften und Arbeitskämpfen, Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht, Fürsorge- und Sozialpolitik, zur Entstehung und Entwicklung sozialistischer und kommunistischer Parteien, zur Arbeiterkulturbewegung, Frauenfrage und Gleichberechtigung wie auch zu ethnischen Aspekten der Arbeiterbewegung entstanden in einem politischen Umfeld, das von den Bestrebungen um die Emanzipation der Arbeiterschaft bestimmt war.[28]
Ohne dass es sich um geschichtswissenschaftliche Arbeiten gehandelt hätte, wird man unter den einflussreichen Titeln, die das Arbeiter-Thema aus ökonomischer und soziologischer Sicht beleuchteten, Marx' Hauptwerk „Das Kapital" nennen müssen,[29] das neben theoretisch-systematischen Erörterungen anhand einer umfangreich rezipierten Sekundärliteratur viele Beispiele zur Situation der Arbeiterschaft um die Jahrhundertmitte enthält.
Erheblichen Einfluss auf die Institutionalisierung der Arbeitergeschichte als akademisches Forschungsthema erlangten die beiden Mitbegründer der London School of Economics and Political Science und der britischen Labour Party, Sidney und Beatrice Webb, mit ihren Untersuchungen zur Armut, zu den industriellen Beziehungen, zum Bildungswesen, vor allem aber mit ihrer Geschichte des „Trade Unionism" und des Sozialismus.[30]
In Deutschland hatte der Pfarrer Paul Göhre gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Form eines Erlebnisberichts den Versuch einer Innenansicht der Arbeiterklasse gewagt.[31] In dieser Tradition entstanden seit den 1970er-Jahren Reportagen des deutschen Schriftstellers Günter Wallraff, Mitinitiator des Werkkreises „Literatur der Arbeitswelt".[32] Das Genre erfuhr bereits in der frühen Sowjetunion durch den Schriftsteller Maxim Gorki einen kräftigen, wenngleich methodisch wenig reflektierten Anstoß. In der Parteizeitung „Prawda" schrieb Gorki 1931 mit Pathos: „Jetzt ist die Zeit gekommen, da ihr, Genossen, die neue Geschichte schaffend, sie auch mit Hilfe jener Hand und jenes Verstandes schreiben müßt, die euch zum Herrn des riesigen und reichen Landes gemacht hat. […] ‚Die Geschichte der Fabriken und Werke' – das wird die Geschichte eurer Arbeit in Vergangenheit und Gegenwart sein."[33] Dieser Initiative war ein zumindest in quantitativer Hinsicht beachtlicher Erfolg beschieden.[34]
Ohne darauf näher eingehen zu können, verdient der in den 1960er-Jahren einsetzende Schwenk der sowjetischen Arbeitergeschichte zu sozialhistorischen Forschungsansätzen Beachtung. In den 1970er-Jahren erschienen beispielsweise die Strukturanalyse der russischen Arbeiterschaft des Jahres 1918[35] und sechs Bände der auf sieben Bände konzipierten Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, die der sozialen Lage und den sozialen Kämpfen der Arbeitenden jenseits der sowjetischen Politikrhetorik relativ breiten Raum einräumte.[36]
In jüngeren, hier auch nur exemplarisch zu nennenden Arbeiten dominiert das Interesse an der Arbeiterschaft in Industrialisierungsprozessen sowohl der vorrevolutionären Periode als auch der Sowjetzeit.[37] Darüber hinaus zeichnet sich, auch unter Berücksichtigung der postsowjetischen Transformation, ein Forschungstrend ab, der auf ein besseres Verständnis informeller bzw. subsidiärer Strukturen der Arbeiterexistenz zielt; dabei geht es auch um die Rolle der Familie in modernen Arbeitsgesellschaften.[38] Diese Tendenz ist bemerkenswert, weil sie auf der Höhe eines aktuellen Forschungsdiskurses steht,[39] ohne dass sie in westlichen Ländern entsprechend registriert worden wäre. Sie korrespondiert allerdings, wie noch zu zeigen ist, mit der jüngeren chinesischen Forschung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in den 1950er- und 60er-Jahren, erlangten einige britische Historiker mit marxistisch inspirierten Forschungen erheblichen Einfluss auf die Arbeitergeschichtsschreibung. Zu nennen sind in erster Linie Edward Palmer Thompson,[40] Christopher Hill,[41] Eric Hobsbawm,[42] und Raymond Williams.[43]
In Frankreich setzte das von Claude Willard herausgegebene dreibändige Werk „La France ouvrière"[44] Maßstäbe.[45] Für Kanada ist u.a. ein von MacDowell und Radforth herausgegebener Band zu nennen.[46] Die überaus vitale Forschungsszene der USA diskutierte in jüngerer Zeit die Perspektiven der Arbeitergeschichte und des Klassenkonzepts.[47] Was nun China angeht, stößt die eurozentrische Perspektive alsbald auf die Grenzen ihres Erklärungsvermögens. Soweit man das aus der Ferne und in der Regel anhand von Informationen aus zweiter Hand zu beurteilen vermag, rezipiert die chinesische Arbeitergeschichtsschreibung die westliche Diskussion, ohne sie zu adaptieren. Für die Zeit bis 1949 werden ihre Themenschwerpunkte von der europäischen Intervention in der Endphase des Kaiserreichs, von der japanischen Aggression und vom Bürgerkrieg bis hin zur Gründung der Volksrepublik bestimmt. Als Pionierarbeit hierzu gilt noch immer die aus einer konventionell-westlich-marxistischen Perspektive verfasste und 1962 erstmals veröffentlichte Studie Jean Chesneaux' zur chinesischen Arbeiterbewegung zwischen 1919 und 1927.[48] Die originäre chinesische Arbeitergeschichtsschreibung ist vorrangig als Arbeiterbewegungsgeschichte konzipiert und eng mit der Historiografie zur Geschichte der Kommunistischen Partei verwoben. Exemplarisch hierfür wäre die sechsbändige Publikation „Die Arbeiterbewegung in China" aus dem Jahr 1998 zu nennen.[49]
Da die Kenntnis des Han-Chinesischen in Europa (noch) nicht allzu verbreitet ist, lohnt die Lektüre des von Shiling McQuaide verfassten Essays über Wandel und Kontinuitäten in der chinesischen Arbeiter-Historiografie.[50] Das Interessenspektrum der postmaoistischen Geschichtsschreibung weist mit sozialen Formierungsprozessen der Arbeiterklasse, Bildung und Gewerkschaften Schwerpunkte auf, die auch denen der europäischen Arbeitergeschichte entsprechen. Anders als hier spielen aber bei den chinesischen Autoren Fragen nach den sozialen und kulturellen Traditionen, dem Stadt-Land-Konnex, nach dem Problem der Wanderarbeiter sowie nach der Funktion der Familie eine wesentliche Rolle. In einem anderen Licht erscheint auch die Kommunistische Partei. Etwas zuspitzend ließe sich sagen: Die chinesische Arbeiterklasse erscheint hier eher als Kreation der Partei, als dass die KP aus der Arbeiterschaft hervorgegangen wäre, was tatsächlich auch nicht der Fall war. Resümierend hebt McQuaide hervor, dass in China die Verbindung zwischen historischer Interpretation und Politik direkt und offensichtlich sei – mit ambivalenten Konsequenzen.[51] Unabhängig davon lässt sich feststellen: Während der Arbeitergeschichtsschreibung in Europa der Gegenstand zu zerrinnen scheint, befindet er sich, wie ein Blick auf die Arbeitsstatistik zeigt, in China im zügigen Wachstum.
Im doppelten Nachkriegsdeutschland entspann sich seit den späten 1950er-Jahren eine Ost-West-Konkurrenz um die Arbeitergeschichte, wobei die DDR mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden zunächst einmal die Nase vorn hatte.[52] Hier ging es vor allem um den historischen Legitimationsanspruch und die Deutungshoheit der SED über die Arbeiterbewegungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. Ein eigenes Gleis besetzte Jürgen Kuczynski mit seiner „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus" und der „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes".[53] Seit Ende der 1960er-Jahre entstand an der Leipziger Universität ein Forschungsschwerpunkt, aus dem eine Reihe von Publikationen zur Arbeitergeschichte der DDR hervorging.[54] Diesen Aktivitäten auf der DDR-Seite setzte in der Bundesrepublik eine um Gerhard A. Ritter versammelte Autorengruppe eine mehrbändige „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts" entgegen.[55]
Im Sog dieses Forschungstrends, aber auch in einer gewissen Konkurrenz zu ihm, kristallisierten sich in Westeuropa, teils aus den USA angestoßen, mit Konzepten der Geschichte „von unten", des gendering oder auch des linguistic und iconic turn Forschungsalternativen heraus, die neue Perspektiven zu öffnen suchten. Vielfach handelte es sich um eher kurzfristige Trends. Breiteren Einfluss erlangte das von Alf Lüdtke aus der älteren Literatur aufgenommene „Eigen-Sinn"-Paradigma, das speziell auf die Arbeitergeschichte zugeschnitten war.[56] Auch die in Deutschland vor allem von Lutz Niethammer, Alexander von Plato und Dorothee Wierling erarbeiteten „Oral-History"-Studien fanden beträchtliche Resonanz, nicht zuletzt als methodisches Vorbild für zahlreiche Qualifizierungsschriften.[57]
Im Urteil über solche Forschungszugänge wird man sich vor Pauschalierungen hüten müssen. Gleichwohl spricht manches dafür, in ihnen einen Reflex auf die um 1970 aufflackernde und wenig später manifest gewordene Verunsicherung der westlichen Arbeitsgesellschaften zu sehen. Im europäischen und vor allem im deutschen Fokus schien sich wenig später ein Niedergang oder zumindest eine größere Konjunkturdelle der Arbeitergeschichte als geschichtswissenschaftliche Zweigdisziplin abzuzeichnen. Nach dem Zusammenbruch des „Realsozialismus" in Mittel- und Osteuropa verstärkte sich diese Tendenz, weil Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte in den Transformationsstaaten als kommunistisches Relikt galt und zum Teil auch noch gilt. In begrenztem Umfang boten allerdings die am Institut für soziale Bewegungen in Bochum und am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam bearbeiteten Forschungsvorhaben die Möglichkeit, Fragen der Arbeitergeschichte in den Ländern des sowjetischen Blocks zwischen 1945 und 1989 zu diskutieren.[58]
Inzwischen liegt aber der wichtigere Punkt auf einer anderen Ebene: Die seit den 1970er-Jahren kolportierten Thesen einer „Postmoderne" bzw. eines „Postindustrialismus" erweckten den Eindruck, als ginge das Industriezeitalter zu Ende und die Arbeitergeschichte bliebe im Wesentlichen auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkt. Will man dahinter nicht eine technikfeindliche oder -pessimistische Fehlinterpretation vermuten, wäre eine andere Erklärung in einer auf westliche Industrieländer verengten Perspektive zu suchen. Tatsächlich ist aber im globalen Maßstab von einem Rückgang der Industrieproduktion oder gar von einem Niedergang der Industrien, nicht einmal der „alten", wenig zu erkennen. Das überrascht schon angesichts des Bevölkerungswachstums nicht. Manuel Castells kommentierte sarkastisch: Als „die Analysten in den 1980er Jahren die De-Industrialisierung Amerikas oder Europas verkündeten, übersahen sie einfach, was im Rest der Welt passierte".[59] Auch die sogenannte Tertiärisierung,[60] die Ausweitung des Dienstleistungssektors gegenüber Industrie und Landwirtschaft, erweist sich als gar nicht so eindeutig.[61] Im Hinblick auf die USA machten Stephen Cohen und John Zysman auf den hohen Anteil von Dienstleistungen aufmerksam, der unmittelbar mit der Industrie verbunden sei – und erklärten die Existenz einer postindustriellen Ökonomie schlichtweg zu einem Mythos.[62]
So gewiss es in den Zentren des nordatlantischen Raumes De-Industrialisierung gab, vor allem im Bereich der „alten" Industrien, so begründet kann man von einem gegenläufigen Doppelprozess der Neuindustrialisierung sprechen. Dabei geht es zum einen um den industriellen Aufstieg so wichtiger „Schwellenländer" wie Brasilien, China und Indien, zum anderen – im Zeichen einer extrem kurzsichtigen Shareholder-Value-Philosophie – um den Export von Industriearbeitsplätzen in sogenannte Niedriglohnländer. Die Konsequenzen für die Arbeitergeschichte sind inzwischen auch in der Historiografie zu besichtigen, so in den von Marcel van der Linden vorgetragenen Überlegungen zu einer „Global Labour History".[63]
Einige Schlaglichter mögen die heutige Forschungslandschaft der Arbeitergeschichte beleuchten. An erster Stelle ist wohl das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG) zu nennen.[64] Dieses zur Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften gehörende Forschungsinstitut mit Sitz in Amsterdam entstand 1935 auf Initiative von Nicolaas Posthumus und diente ursprünglich als „Rettungsboot" für die durch den deutschen Nationalsozialismus gefährdeten Archiv- und Bibliotheksbestände der Arbeiterbewegung. Es gilt als eines der wichtigsten sozialgeschichtlich orientierten Dokumentationszentren; im zweijährigen Rhythmus veranstaltet es die European Social Science History Conference. Auch die International Association of Labour History Institutions (IALHI) hat hier ihren Sitz.[65]
Um Wissenschaftskontakte über den Eisernen Vorhang hinweg zu organisieren, wurde 1964 in Wien die Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (IHT) ins Leben gerufen. Nachdem sich dieser Daseinszweck um 1989/1990 erledigt hatte, stand die IHT vor der Notwendigkeit einer Neuorientierung. Sie firmiert heute mit rund 100 korporativen Mitgliedern als Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter und anderer sozialer Bewegungen[66] und widmet sich mit ihren Jahrestagungen sowie mit ihrer Beteiligung an anderen Konferenzen unter dem Schwerpunkt „Global Labour History" vor allem einer international vergleichenden „Geschichte der abhängig Arbeitenden, ihrer Organisierung und verwandter sozialer Bewegungen weltweit".[67]
Das Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum (ISB) ist die im europäischen Umfeld wohl wichtigste universitäre Forschungseinrichtung mit dem Schwerpunkt Arbeitergeschichte.[68] Zusammen mit der Bibliothek des Ruhrgebiets und dem Archiv für soziale Bewegungen ist es im wissenschaftlichen Leben durch Lehre, Forschung, Tagungen und Publikationen (drei Schriftenreihen und ein Mitteilungsblatt) präsent.
Das Centre d'histoire du travail (CHT) in Nantes entstand 1980 im Ergebnis einer universitären und gewerkschaftlichen Initiative in Verbindung mit lokalen Gruppen des Departements Loire-Atlantique.[69] Es nannte sich ursprünglich Centre de documentation du mouvement ouvrier et du travail (CDMOT). Zu seinen Beständen zählen neben einer Bibliothek auch Archivfonds unterschiedlicher Provenienz, darunter des CDA (Centre de documentation anarchiste). Es gibt Arbeiten zur lokalen Arbeitergeschichte und jährlich ein Informationsbulletin heraus.
Relativ neuen Datums sind die 1995 gegründete Vereinigung indischer Arbeitshistoriker/innen (Association of Indian Labour Historians),[70] die besonders die informellen und öffentlichen Sektoren der Arbeitswelt, die industriellen Beziehungen und die Geschichte der Arbeiterbewegung im Blick hat,[71] und das 2000 von regionalen Gruppen (Grupo de Trabalho) innerhalb des brasilianischen Historikerverbands ANPUH gebildete Projektnetzwerk „Welten der Arbeit" (Mundos do Trabalho),[72] das sich vor allem der Arbeiterbewegungsgeschichte widmet. Tendenziell in ähnliche Richtung scheinen Forschungsbemühungen in Afrika zu gehen.[73] Hier ist an erster Stelle die Association of Southern African Labour Historians zu nennen.
In der infrastrukturellen Landschaft der Arbeitergeschichtsschreibung stellten die in der Regel bis 1989 existierenden Bibliotheken und Archive der Partei-Institute für Marxismus-Leninismus bzw. für Gesellschaftswissenschaften in den sozialistischen Ländern einen Sonderfall dar. Ihre Bestände wurden, soweit das zu überblicken ist, den jeweiligen nationalen Zentralarchiven übergeben, oder sie gehören, wie im Fall der russischen Föderation, einem eigenständigen Nachfolgeinstitut. Das östliche Mitteleuropa erweist sich derzeit für Arbeiterhistoriker/innen als ein schwieriges Terrain, teils wegen mangelnder Ressourcen, teils aus politischen Gründen.[74]
Nicht in diese Reihe von Forschungs- bzw. forschungsunterstützenden Einrichtungen gehört die Internationale Arbeitsorganisation (IAO)/International Labor Organization (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf.[75] Im Jahr 1919 als selbstständige Organisation des Völkerbundes gegründet, ist sie seit 1946 mit der UNO verbunden.[76] Sie wird hier trotzdem erwähnt, denn neben ihrer Kernaufgabe, zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und sozialen Leistungen, zur Erschließung neuer Beschäftigungsformen und zur Hebung des Lebensstandards arbeitender Menschen beizutragen, unterstützt sie auch wissenschaftliche Arbeiten, Tagungen und Publikationen, deren Themen in nicht wenigen Fällen den Bereich der Arbeitergeschichte tangieren.
Der gegenwärtige Stand der Forschungen zur Arbeitergeschichte in Deutschland und Europa wird quer durch die Literatur zumindest als konjunkturelle Delle beschrieben. Doch steckt offenbar mehr dahinter. Andreas Eckert etwa spricht mit Blick auf die historisch orientierte sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung zur „Arbeit" in den westlichen Industrieländern von einer gewissen Ratlosigkeit.[77] Der Befund dürfte zutreffen, besonders, wenn man eine Krise moderner Arbeitsgesellschaften unterstellt. Vor deren Hintergrund wandert der Fokus des Forschungsinteresses von einer Geschichte der Arbeiter/innen über die Geschichte der Arbeit, die Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbeziehungen eingeschlossen, hin zur Nicht-Arbeit und endlich zur Geschichte der „Überzähligen".[78] So gesehen und sehr zugespitzt formuliert, würde Arbeitergeschichte tendenziell zu einem historisch abgeschlossenen Forschungsgegenstand.[79] Gleichwohl spiegeln sich in einem solch pessimistischen Bild weder der Gesamtzustand der Disziplin noch ihre generelle Tendenz in adäquater Weise.
Jenseits der eurozentrischen Perspektive hat man es mit anderen Situationen zu tun, wie sie in Ost- und Südasien, auch in Lateinamerika zu beobachten sind. Dort liegen die industriellen Boomregionen der Gegenwart und der absehbaren Zukunft. Dorthin wandern nicht nur in Europa aufgegebene Industriearbeitsplätze und Technologien; es etablieren sich auch neue Industriezentren und – wie die skizzenhafte Übersicht von Forschungsaktivitäten zu zeigen versuchte – Schwerpunkte der Arbeitergeschichtsschreibung.
Der Vorgang wird in jüngerer Zeit unter dem Signum der transnationalen oder auch der globalen Arbeitergeschichte diskutiert.[80] In der Praxis liefen solche Ansätze eher auf eine „Histoire parallele" hinaus, vielleicht auch auf grenzüberschreitende Konfliktszenarien und andere Interaktionen. Die Frage ist jedoch, ob dies den Kern des Problems trifft. Skepsis ist hier angebracht. Nach wie vor spielt sich vieles in nationalen Kontexten ab, selbst wenn politische und wirtschaftliche Integrationsprozesse wie im Fall der EU formal weit gediehen sind. Andererseits sind transnational agierende Banken und Konzerne der Kontrolle und dem Einfluss des Staates wie der Gewerkschaften weitgehend entzogen. Unter Berücksichtigung dieser für die Arbeitergeschichte überaus relevanten Umstände sind fünf Punkte anzumerken:
Erstens ist nicht zu bezweifeln, dass der Gegenstand der Arbeitergeschichte im Ergebnis der formellen Dekolonisierung und der Bildung neuer Staaten, der Verbreitung internationaler Konzerne, der Vertiefung von wirtschaftlichen und politischen Integrationsprozessen von Staaten, der Intensivierung von Handelsbeziehungen und des Kulturaustauschs, des Tourismus und der Migration eine räumliche wie thematische Ausweitung erfahren hat. Nur vollziehen sich diese Entwicklungen nicht als allgemeine Ausdehnung einer vorhandenen Arbeitswelt. Das Entstehen neuer industrieller Zentren, die immer mehr auch zu neuen Machtzentren werden, und der Niedergang der „alten" Industriemächte passen nicht ins Bild einer sich wie ein Naturereignis ausbreitenden Globalisierung, von der alle gleichermaßen erfasst werden. Es gibt auch hier Gewinner und Verlierer, wie es sie schon immer in der Geschichte gab. Der Nationalstaat bietet nach wie vor den entscheidenden Handlungs- und Entwicklungsrahmen, denn allein er „zeigte sich im Ernstfall handlungsfähig".[81] Kann er das nicht, wird er unter die Räder kommen. Denn Globalisierung heißt auch, dass sich die Gravitationszentren der Weltwirtschaft und der internationalen Politik verlagern, während ihr Kampf um die Hegemonie keinen Winkel der Welt mehr auslässt. Das Paradigma von Zentren und Peripherien ist also nicht aufgehoben. Daran dürfte sich die Geschichte der Arbeit und der Arbeiter/innen auch künftig zu orientieren haben. Dass die Zeit nationaler Alleingänge vorbei sei, wie Ulrich Beck meint, wird sich noch erweisen müssen.[82] Dass die einzige übrig gebliebene Supermacht aus der Zeit des Kalten Krieges nicht mehr kann, wie sie will, ist hierfür noch kein Beweis, denn jenseits des Pazifiks steht eine neue bereit.
Zweitens wirft die derzeitige „digitale" Phase der industriellen Revolution die Frage nach den Konsequenzen für verschiedene Formen von Erwerbsarbeit und damit für die Arbeitergeschichte auf. Hier stehen Ausdifferenzierungen in der Qualifikationsstruktur, Arbeitslosigkeit in vielen Bereichen, soziale Prekarisierung und die Anomie ganzer Gesellschaften zur Debatte. Das sind Themenfelder einer modernen Arbeiter-Historiografie; denn hier handelt es sich um die an Bedeutung gewinnende Kehrseite der Arbeiterexistenz. Neu daran ist, dass es dabei nicht mehr um temporäre oder Randphänomene geht, sondern um verbreitete und dauerhafte Tendenzen. Diese Tatsache lässt allerdings nach der Funktionsfähigkeit der Arbeitsmärkte bzw. nach deren historischen Grenzen fragen. Allem Anschein nach wird sich die Arbeitergeschichte viel stärker mit den Gründen, Formen und Konsequenzen von Nicht-Arbeit zu befassen haben.
Drittens dürfte, hieran anschließend, das Themenfeld der Arbeitskonflikte im engeren Sinne und der sozialen Konflikte im weiteren Sinne eine Konjunktur erfahren. Das gilt vor allem für die Geschichte der oft subtilen Konfliktvarianten, wie sie seit den 1960er-Jahren in den westlichen Industrieländern zunehmend auftraten. Auch könnte die Gewerkschaftsgeschichte bzw. die Geschichte der Interessenvertretung von Arbeiter/innen überhaupt wieder größere Aufmerksamkeit finden. Zu erwarten ist auch eine intensivere Hinwendung zu den durch „Globalisierung" ausgelösten Konflikten, bei denen es etwa um Lohndumping oder die Verlagerung von Arbeitsplätzen geht. Generell scheint das wissenschaftliche Interesse am Konfliktthema vom jeweiligen Niveau der gesellschaftlichen „Zornmasse"[83] abzuhängen, sodass eine Belebung des Forschungsfeldes in Aussicht steht.
Viertens geht es um die soziale Unterschichtung industrieller Arbeitsgesellschaften durch die Verfestigung des „Prekariats" und durch eine zumeist, aber nicht durchweg aus fremden Kulturkreisen kommende Migration, die durch elementare Notsituationen, Kriege, Klimawandel und durch den noch immer hohen Lebensstandard der „alten" Industrieländer motiviert ist. Aus der Perspektive der Arbeitergeschichte geht es hierbei zunächst um beschäftigungs- und sozialpolitische Konsequenzen, aber auch um Milieus und deren kulturelle Praktiken. Das Thema, das nicht erst neueren Datums ist, gehört zwar nicht zum Kernbereich der Arbeitergeschichte, aber zu deren Rahmenbedingungen. Seine gesellschaftliche Brisanz legt eine angemessene Berücksichtigung nahe.
Ein fünfter Gesichtspunkt betrifft die Geschichte der Arbeit und der Arbeiter/innen als historischen, also zeitlich einzuordnenden Vorgang. Üblich und durchaus legitim ist es, die Entwicklung der Arbeit als sozialen, technischen, ökonomischen und kulturellen Prozess von den europäischen und nordamerikanischen Industriezentren her zu betrachten und mit anderen Teilen der Welt zu vergleichen. Allerdings bleibt dabei, wie Marcel van der Linden einwandte, die „Temporalität" der nordatlantischen Kernregion der Industriegeschichte unberücksichtigt.[84] Sich ausschließlich auf diese Perspektive zu fixieren, hieße, die – wenn man so will – „exotischen" Faktoren industriellen Wachstums unberücksichtigt zu lassen. Dabei finden sich zum Beispiel in Asien, aber auch in Afrika und Lateinamerika Lohnformen, deren Wurzeln nicht im industriellen Kapitalismus liegen, die aber für die Verlagerung von Industriearbeitsplätzen überaus relevant sind.[85]
Solche Perspektiven der Arbeitergeschichte auf einen Nenner zu bringen, wird kaum möglich, aber auch nicht nötig sein. Vielmehr darf man annehmen, dass sich die Forschungsaktivitäten künftig dort bündeln werden, wo die neuen Zentren der Industrie und der industriellen Arbeit zu suchen sind. Aber das wäre im Prinzip nichts Neues.
↑ Vgl. Schendel, Neue Aspekte, S. 41.
Manuel Castells, Das Informationszeitalter, Bd. 2: Die Macht der Identität, Leske + Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3224-7.
Manuel Castells, Das Informationszeitalter, Bd. 3: Jahrtausendwende, Campus, Opladen 2003, ISBN 3-8100-3225-5.
Michael Kittner, Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, Beck, München 2005, ISBN 3-406-53580-1.
Jürgen Kocka, Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APZ) 21 (2001). ISSN 0479-611x, S. 8-13.
Till Kössler, Arbeiter und Demokratiegründung in Westdeutschland nach 1945. Das Beispiel der kommunistischen Bewegung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 3, Nr. 2, 2006 (online).
Marcel van der Linden, Workers of the World: essays towards a Global Labour History, Brill, Leiden 2008, ISBN 978-90-04-166837.
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