Geschichte der Banken und Finanzmärkte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.07.2010
https://docupedia.de/zg/sattler_geschichte_der_banken_und_finanzmaerkte_v1_de_2010
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.319.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.07.2010
https://docupedia.de/zg/sattler_geschichte_der_banken_und_finanzmaerkte_v1_de_2010
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.319.v1
Die Geschichtsschreibung über Banken und Finanzmärkte im Industriezeitalter als spezieller Zweig der Wirtschaftsgeschichte wurde von der Zeitgeschichte, sowohl in ihrer klassischen politik- und sozialhistorischen als auch in ihrer aktuellen, stärker kulturalistischen Ausprägung, bisher kaum zur Kenntnis genommen: Banken und Finanzmärkte scheinen Opfer „blinder Flecken“ in der Wahrnehmung der Zeithistoriker/innen zu sein. Jüngere Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommen in aller Regel ohne nähere Ausführungen zur Tätigkeit von Banken, Sparkassen und anderen Finanzdienstleistern aus, einmal abgesehen von Verweisen auf die Bedeutung der Währungsreform von 1948 für den wirtschaftlichen Wiederaufbau, auf die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank für die Wirtschaftsordnung und vielleicht noch einigen Sätzen zu der von ihr zu verantwortenden Geld- und Währungspolitik.[1] Selbst namhafte Bankiers wie Robert Pferdmenges und Hermann Josef Abs erscheinen in diesen Gesamtdarstellungen, wenn überhaupt, nicht etwa als Handelnde in ihrem eigenen Metier, sondern als Politikberater Konrad Adenauers, oder aber, wie Jürgen Ponto und Alfred Herrhausen, die Vorstandssprecher der Dresdner Bank bzw. der Deutschen Bank, als Opfer der Roten Armee Fraktion.
Erst die gegenwärtige globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat ein regeres Interesse der Zeitgeschichte an der Geschichte von Banken und Finanzmärkten wachgerufen, wobei das Hauptaugenmerk nun auf der von markanten Umbrüchen geprägten Entwicklung seit den mittleren 1960er-Jahren liegt, also auf der unmittelbaren „Vorgeschichte der Gegenwart“. Doch auf diese steigende Nachfrage ist die Banken- und Finanzgeschichte, um es knapp und ungeschönt vorwegzunehmen, eher schlecht als recht vorbereitet. Und dies liegt nicht nur daran, dass sie, von ersten Ansätzen abgesehen, infolge des oft schwierigen, weil an die Wahrung des Bankgeheimnisses gebundenen Quellenzugangs in die Erforschung dieser Jahrzehnte noch gar nicht richtig vorgedrungen ist, also selbst zahlreiche „weiße Flecken“ aufweist. Es liegt auch daran, dass sie selbst stark selbstreferentiell ist und nur wenige Anknüpfungspunkte für sozial- oder kulturgeschichtlich interessierte Zeithistoriker/innen zu bieten scheint. Der folgende Beitrag versucht zu zeigen, dass dies nicht so bleiben muss.[2]
Hauptgegenstand der Banken- und Finanzmarktgeschichte des Industriezeitalters ist das „moderne Bankgeschäft“, dessen Grundlagen freilich bereits in der Frühen Neuzeit mit dem Aufschwung des Fernhandels gelegt wurden.[3] Nach gängiger Definition umfasst das moderne Bankgeschäft, wenn man es nach seinen Arten systematisiert, erstens Finanzierungsleistungen, zweitens Geld- und Kapitalanlageleistungen, drittens Zahlungsverkehrsleistungen sowie viertens weitere spezielle Finanzdienstleistungen, darunter der Devisen- und Edelmetallhandel, Vermittlungsgeschäfte für Immobilien, Versicherungen, Unternehmensbeteiligungen etc. sowie außerdem Beratungstätigkeiten.[4] Doch die Frage, womit Banken eigentlich handeln, lässt sich von höherer Abstraktionswarte aus auch anders, nämlich mit der Nennung der „Risiken von Zahlungsversprechen“ beantworten.[5] Mit dieser Formulierung verweist der Soziologe Dirk Baecker auf einen für die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaft, die von der Ausweitung „rational“ kalkulierter, dennoch risikobehafteter geldwirtschaftlicher Transaktionen auf immer neuen Märkten vorangetrieben wurde, ganz zentralen Zusammenhang: den zwischen „Rationalität“ und „Risiko“.
Wirtschaftliche „Rationalität“, verstanden als grundlegendes, auf die möglichst „vernünftige“ Konditionierung des menschlichen Eigennutzes gerichtetes Handlungsmodell der Moderne, diente im Übergang von der alteuropäischen zur modernen Wirtschaft dazu, bei nicht mehr religiös oder ständisch gebundenen, sondern sich durch Marktbildung und Wissenschaft ständig erweiternden Handlungsoptionen vermeintliche Entscheidungssicherheit für eine unbekannte Zukunft zu entwerfen, also Ungewissheiten zu bewältigen.[6] Denn abhängig davon, ob die ungewisse Zukunft dem eigenen Entscheiden oder aber unbeeinflussbaren Ereignissen zugerechnet wird, erscheint sie dem Menschen, dies hat die interdisziplinäre Risikoforschung herausgearbeitet, entweder als kalkulierbares „Risiko“ oder aber als drohende „Gefahr“.[7] Anders gesagt: Gestützt auf das Handlungsmodell der „Rationalität“ können Ungewissheiten in kalkulierte „Risiken“ transformiert werden und stellen sich auf diese Weise – zumindest für den Entscheidungsträger selbst – nicht länger als „Gefahren“ dar.[8] Die so überhaupt erst ermöglichte massenhafte Ausweitung von wirtschaftlichen Risikoentscheidungen in der modernen Gesellschaft, an der die Banken und sonstigen Finanzdienstleister mit dem Handel der „Risiken von Zahlungsversprechen“ einen erheblichen Anteil hatten und noch immer haben, bringt allerdings unweigerlich neue Ungewissheiten hervor. Die Geldwirtschaft beispielsweise erzeugt ganz allgemein gesagt das Konjunktur- und Krisenphänomen. Der Versuch, die mit erweiterten individuellen Handlungsoptionen verbundenen neuen Unsicherheiten zu bewältigen, etwa durch individuelle und kollektive Sicherungssysteme, führt dazu, dass die auf wirtschaftlicher „Rationalität“ aufgebauten Sicherheitsillusionen immer weiter verbreitet werden. Die zentrale Rolle der mit den „Risiken von Zahlungsversprechen“ handelnden Banken und Finanzdienstleister für die moderne Wirtschaft und Gesellschaft liegt damit auf der Hand. Ihre Erforschung sollte nicht allein den spezialisierten Banken- und Finanzmarkthistoriker/innen überlassen bleiben.
Die Erforschung der Banken- und Finanzmarktgeschichte des Industriezeitalters ist ein relativ junger Zweig der Wirtschaftsgeschichte, dessen neuere Erträge bislang nur selten in Überblicksdarstellungen zusammengefasst wurden.[9] Besonders verdient gemacht um Anfänge einer Banken- und Finanzmarktgeschichte jenseits der oft unwissenschaftlichen Jubiläumsschriften hat sich das in den frühen 1960er-Jahren ins Leben gerufene „Institut für bankhistorische Forschung“, eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit Sitz in Frankfurt am Main, die sämtliche Bereiche der Kreditwirtschaft, von den privaten Aktienbanken und Realkreditinstituten, über die öffentlich-rechtlichen Sparkassen bis hin zu den Genossenschaftsbanken im Blick hat.[10] Erst viel später, nach dem Ende des Kalten Krieges, hat sich daneben die „European Association for Banking and Financial History“ etabliert, ebenfalls mit Sitz in Frankfurt am Main; ihr gehören inzwischen rund 80 Banken aus 25 west- und osteuropäischen Ländern an.[11] Beide Einrichtungen treten für einen Dialog zwischen bankbetrieblicher Praxis und akademischer Forschung ein. Als deren Pionier ist Karl Erich Born zu nennen, der neben einer Analyse der Bankenkrise von 1931 auch ein erstes Grundlagenwerk zu Geld und Banken im 19. und 20. Jahrhundert vorgelegt hat.[12] An den deutschsprachigen Lehrstühlen für Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist die Banken- und Finanzgeschichte allerdings bis heute nicht sehr stark verankert.
Nationale Bankensysteme und Universalbanken. Im Mittelpunkt der Studien, wie sie insbesondere vom Institut für Bankhistorische Forschung vorangetrieben wurden, stand zunächst die Frage nach der Herausbildung nationaler Bankensysteme, die in Europa seit dem späten 19. Jahrhundert maßgeblich von den jungen, auf eine liberalisierte Gesetzgebung gestützten Aktienbanken geprägt wurden.[13] Warum gelang es gerade diesen Aktienbanken, sich gegen die Konkurrenz der etablierten und international oft bestens vernetzten Privatbankiers durchzusetzen? Hat es damit zu tun, dass sie im wirtschaftlich relativ „rückständigen“ Kontinentaleuropa – im Gegensatz zum industriellen Vorreiter Großbritannien – rasch dazu übergingen, sämtliche Arten des Bankgeschäfts, also die kurz-, mittel- und langfristige Kreditvergabe, das Emissionsgeschäft für Unternehmen, den Wertpapierhandel, aber auch das auf Filialen gestützte Einlagengeschäft zu betreiben, um die enorm wachsenden Finanzierungsbedürfnisse der Industrie besser befriedigen zu können? Die von Alexander Gerschenkrons Thesen zur Vorteilhaftigkeit „relativer Rückständigkeit“ angeregte Forschung hat dies so gesehen und die große Bedeutung der entstehenden „Universalbanken“ für das beschleunigte Wachstum der kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften im späten 19. Jahrhundert hervorgehoben.[14]
Jüngere Forschungen dagegen führten die Herausbildung von Universalbanken nicht unmittelbar auf die „relative Rückständigkeit“ kontinentaleuropäischer Volkswirtschaften zurück, sondern betonten soziale und politische Faktoren; vor allem aber stellten sie grundsätzlich in Frage, dass die Universalbanken tatsächlich einen besonderen Beitrag zum schnellen, nachholenden volkswirtschaftlichen Wachstum leisteten.[15] Diese Kritik kann mit Blick auf zwei quellengesättigte Untersuchungen inzwischen als weitgehend überholt betrachtet werden.[16] Offen geblieben ist allerdings, ob Universalbanken, auch wenn ihnen meist eine eher risikoscheue Geschäftspolitik attestiert wird, infolge der durch sie verursachten Konzentration von Geschäftsfeldern und -volumina generell mit einer größeren Gefahr für die Stabilität des jeweiligen Bankensystems verbunden sind als die angelsächsischen „Trennbanken“. In den aktuellen politischen Debatten über die aus der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise zu ziehenden Konsequenzen wird erneut mit Verve über diesen Punkt gestritten.
Konzentrationsprozesse und „Macht der Banken“. Neben den Ursachen für die Herausbildung der Universalbanken hat sich die bankhistorische Forschung früh für den Verlauf, die Phasen und die Wirkungen des damit verbundenen Konzentrationsprozesses in der deutschen Kreditwirtschaft interessiert.[17] Mit dem in Öffentlichkeit und Politik bereits seit dem späten 19. Jahrhundert diskutierten Schlagwort von der „Macht der Banken“, denen eine massive Machtballung unterstellt wurde, die leicht zu Ungunsten von Konkurrenten, Kunden und der Volkswirtschaft insgesamt ausgenutzt zu werden drohe, hat sie sich aber erst in den späten 1980er-Jahren näher auseinandergesetzt.[18] Die Kritiker/innen der Universalbanken hatten (und haben teils noch immer) gewichtige Argumente: Hierzu zählte insbesondere der umfangreiche Beteiligungsbesitz der Aktienbanken an Nichtbankunternehmen (der historisch nicht selten aus deren Kreditfinanzierung erwuchs), die damit verbundene starke Präsenz der Banken in den Aufsichtsräten dieser Nichtbankunternehmen und das zusätzlich zum eigenen Aktienbesitz für die Wertpapierkundschaft wahrgenommene Depotstimmrecht. Ein anderer Kritikpunkt zielte auf die aus der Bündelung der Geschäftsfelder resultierende Gefahr der unlauteren Nutzung von Insiderinformationen: Universalbanken, die sich gleichzeitig im Kredit- und Wertpapiergeschäft betätigen, sind potenziell in der Lage, sich selbst oder bevorzugten Kunden aus dieser Konstellation Informationsvorteile zu verschaffen.
Für die Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik hat die Forschung einen Teil der Vorwürfe ausgeräumt, vor allem was die vermeintliche Herrschaft der Banken über die Industrie angeht, aber doch viele Fragen offen gelassen. Dies gilt für die Hintergründe der immer wieder aufflammenden Diskussion um „Bankenmacht“, die mit politischen Ereignissen und der Entwicklung der Medienlandschaft zusammenhängen, vor allem aber für den langfristigen Wandel der Unternehmensfinanzierung nach 1945. Obwohl die Kreditfinanzierung der Unternehmen durch die Geschäftsbanken bis in die 1990er-Jahre hinein zentral für den „rheinischen Kapitalismus“ blieb, bevor sie einer wachsenden Kapitalmarktorientierung zu weichen begann, wurde dieses Forschungsfeld bisher stark vernachlässigt. Das mag daran liegen, dass Banken auch bei Öffnung ihrer Archive an das Bankgeheimnis gebunden bleiben, Unterlagen über Kreditbeziehungen (und Beteiligungen) also nicht ohne Weiteres genutzt werden können, aber es hat sicher auch damit zu tun, dass sich bisher weder die Wirtschafts- noch die Unternehmensgeschichte übermäßig für dieses Thema interessiert haben.[19] Lediglich für Kreditinstitute mit besonderen, öffentlichen Aufgaben im Bereich der Unternehmensfinanzierung liegen bereits detaillierte Untersuchungen vor.[20]
Bank- und Finanzplätze. Ein Thema, dem die bankhistorische Forschung dagegen bereits mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist die Geschichte der Bank- und Finanzplätze, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert meist in traditionellen Messestädten herausgebildet haben.[21] Mit Blick auf die Börsen liegt neben Einzeldarstellungen auch eine „Deutsche Börsengeschichte“ vor, die zwar schon älter ist, aber noch immer einen guten Überblick bietet.[22] Caroline Fohlin hat sich jüngst mit dem Berliner Kapitalmarkt des Kaiserreichs befasst und misst ihm – anders als die ältere Forschung – einen sehr hohen Stellenwert für das Funktionieren des grundsätzlich bankorientierten Finanzsystems zu; ob mit diesem an sich interessanten Befund allerdings tatsächlich, wie Fohlin meint, die systemprägende Rolle der Universalbanken als solche ins Wanken gerät, scheint fraglich.[23] Jüngere Studien zu Finanz- und Bankplätzen, die einen zeitlich engeren Zuschnitt wählten, haben das Bild mit quellenbasierten Untersuchungen, die auch auf die Geschäftsentwicklung der an diesen Plätzen vertretenen Kreditinstitute selbst eingehen, inzwischen vertieft.[24] Erkenntnisfortschritte wurden überdies durch den Vergleich der Entwicklungen europäischer Finanzzentren erzielt.[25] Dabei konnte u.a. herausgearbeitet werden, dass der hohe politische Stellenwert der Geldwertstabilität in der Bundesrepublik ausschlaggebend dafür war, dass der Finanzplatz Frankfurt – im Vergleich etwa mit der City of London – wesentlich weniger von den mit der ersten Ölpreiskrise 1973/74 enorm expandierenden Eurodollarmärkten (das sind Geldmärkte, auf denen Banken außerhalb der USA mit auf US-Dollar lautenden Guthaben handelten) profitieren konnte.[26]
Für die Börsen und die internationalen Geld- und Kapitalmärkte mangelt es aber noch immer an Untersuchungen, die auch die dramatischen Veränderungen seit den 1990er-Jahren mit in den Blick nehmen.[27] Die Darstellung von Youssef Cassis zu den „Metropolen des Kapitals“ reicht hier sicher am weitesten, doch auch sie verliert für die jüngeren Zeitabschnitte an Tiefenschärfe.[28] Ein besonderes Defizit stellt die fast vollständige Ausblendung der privaten Versicherungsunternehmen als Akteure an den Finanzmärkten dar, was im krassen Gegensatz zu ihrer wachsenden Bedeutung für die Risikovorsorge und Lebensgestaltung der Menschen in den modernen Industrie- und Massenkonsumgesellschaften steht. An den Versuch, eine globale Geschichte der Wertpapiermärkte vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein zu schreiben, hat sich als ausgewiesener Kenner der City of London inzwischen Ranald C. Michie herangewagt.[29]
Banken im Nationalsozialismus. Ein Thema, das Banken wie Bankengeschichte lange nur äußerst zurückhaltend behandelt haben, stellte sich in den 1990er-Jahren mit Vehemenz: die Frage nach der Rolle der Banken im Nationalsozialismus. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden nicht nur die zuvor weitgehend verschlossenen Archive in der DDR und den ehemaligen staatssozialistischen Ländern zugänglich, die u.a. Unterlagen des Reichswirtschafts- und -Reichsfinanzministeriums, der Reichsbank und der Deutschen Bank umfassten, auch die Frage nach der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus in Osteuropa durch deutsche Unternehmen stellte sich neu. Nach einer Pionierstudie von Christopher Kopper über die staatliche Bankenpolitik im Nationalsozialismus, die den Handlungsspielraum der privaten Kreditwirtschaft genauer auszuloten half,[30] sorgte wachsender öffentlicher Druck dafür, dass sich schließlich auch die großen Geschäftsbanken der Aufarbeitung widmen mussten.
Den ersten Schritt machte die Deutsche Bank, als sie in der Festschrift zu ihrem 125-jährigen Bestehen auch ein umfangreiches, quellenfundiertes Kapitel zur NS-Zeit brachte.[31] Harold James, der Autor, konnte seine Arbeit anschließend in der 1998 eingesetzten Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte der Deutschen Bank in der NS-Zeit fortsetzen. Er legte zwei weitere Bände vor, in denen er darlegte, dass es nicht zuletzt der Wettbewerb zwischen den Banken war, der auch die Manager der Deutschen Bank dazu bewog, sich trotz geschäftlicher Skepsis und moralischer Bedenken an der „Arisierung“ jüdischen Eigentums zu beteiligen und Bankhäuser in fast allen besetzten Ländern Ost- wie Westeuropas zu übernehmen.[32]
Die Dresdner Bank, die in ihrer Festschrift zum 120-jährigen Bestehen noch meinte, die NS-Zeit in aller Kürze abhandeln zu können,[33] beauftragte 1998 ebenfalls ein unabhängiges Historikerteam, das die Ergebnisse seiner achtjährigen Forschungsarbeit 2006 in einer vierbändigen Gesamtdarstellung präsentierte.[34] Ihre Kernaussage besteht darin, dass die Bank in das NS-Regime nicht etwa nur passiv „verstrickt“ gewesen sei, sondern in vielen Bereichen ihre Handlungsautonomie bewahren konnte, weshalb von einer aktiven Komplizen- und Mittäterschaft zu sprechen ist. Dem politischen Regime, das an möglichst effizienten Strukturen interessiert war, gelang es demnach, die ökonomischen Eigeninteressen der Bank – wie die der privaten Unternehmen ganz generell – für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Dies war nicht zuletzt daher möglich, weil die Bank und ihre Mitarbeiter in fast allen Geschäftsbereichen neben den politisch induzierten Geschäften, wie etwa der Kredite für die SS, auch ihr „ganz normales“ Bankgeschäft weiterführen konnten. Anders gesagt: Politische und ökonomisch-rationale Motive bewirkten Regimenähe und Mittäterschaft der Bank.
Die Commerzbank, die zu ihrem 125-jährigen Bestehen einen Band herausgab, in dem der Nationalsozialismus fast gar nicht vorkam,[35] hat ihre NS-Geschichte inzwischen ebenfalls durch unabhängige Historiker aufarbeiten lassen.[36] Diese standen vor der Schwierigkeit einer nur rudimentären Überlieferung von Primärquellen; die Forscher haben dieses Manko produktiv zu wenden versucht, indem sie den Blick stärker auf den Vergleich der drei Großbanken richteten. Dabei zeigte sich, wie herausfordernd dieses Unterfangen angesichts der heterogenen Überlieferungen und der zahlreichen politischen wie wirtschaftlichen, sozialen und sonstigen Einflussfaktoren ist.
Die Aufgabe des systematischen, auf eine allgemeine Synthese angelegten Vergleichs steht im Wesentlichen noch bevor.[37] In ihn sollten freilich auch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken einbezogen werden, die eine kritische Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte noch immer nicht geleistet haben. Eine Leitfrage für ein solches Synthese-Vorhaben könnte die nach der je spezifischen Mischung politischer und ökonomisch-rationaler Motive sein, aus der sich ein bestimmter Grad an Regimenähe ergab. Überdies wird es darum gehen, die langlebige, von einem kaum nachlassenden Interesse der Öffentlichkeit und der Medien mitgetragene Forschungskonjunktur zur Geschichte von Unternehmen im Nationalsozialismus ihrerseits zu historisieren.[38]
Banken nach 1945. Im Gegensatz zu der inzwischen – alles in allem – doch relativ gut erforschten NS-Geschichte der Banken sieht es für die Nachkriegszeit deutlich schlechter aus. Allgemeine Orientierung bietet ein von Hans Pohl herausgegebenes Handbuch zur „Geschichte der deutschen Kreditwirtschaft seit 1945“, das den Forschungsstand von Mitte der 1990er-Jahre widerspiegelt.[39] Die Geschichte der Kreditwirtschaft erscheint in diesem Handbuch allerdings ganz überwiegend als Branchengeschichte, denn die Beiträge gehen, dem damaligen Forschungsstand entsprechend, nicht auf die Geschäftspolitik einzelner Kreditinstitute oder gar auf deren interne Entscheidungsprozesse ein. Zumindest punktuell ist der Forschungsstand in dieser Hinsicht inzwischen aber erweitert worden.
An erster Stelle zu nennen wäre hier die Deutsche Bundesbank selbst: Zu ihrem 50-jährigen Bestehen präsentierte sie eine wissenschaftliche Festschrift, in der die Notenbank im Staats- und Finanzgefüge verankert und die Analyse ihrer Geldpolitik in den Mittelpunkt gerückt, aber auch ihr Beitrag zur Währungsintegration in Europa kritisch gewürdigt wurde.[40] Die Frage nach den historischen Wurzeln und der Qualität der politischen Unabhängigkeit der Bundesbank hat auch ausländische Beobachter beschäftigt und zu intensiven Diskussionen geführt.[41] Die internen Entscheidungsprozesse und versuchten politischen Einflussnahmen wurden inzwischen zumindest für die späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre vertiefend analysiert.[42] Mit nüchterner britischer Außenperspektive ist überdies die maßgeblich von deutscher Seite mitbestimmte Entstehungsgeschichte des Euro kritisch beleuchtet worden.[43] Der europäische und internationale Kontext, in dem sich die deutsche Währungs- und Geldpolitik nach 1945 zu bewegen hatte, ist recht gut erforscht.[44]
Bei den privaten Geschäftsbanken dagegen ist – trotz erster Ansätze – das Forschungsfeld der Nachkriegszeit noch weitgehend unbestellt. Für die Deutsche Bank ist nochmals auf die Festschrift zum 125-jährigen Bestehen zu verweisen; sie umfasst zwei Beiträge für die Zeit nach 1945, die den Weg von der schwierigen Rekonstruktion zum Aufstieg der Bank zu einem weltweit agierenden Finanzkonzern nachzeichnen.[45] Das Quellenfundament wird dabei allerdings für die jüngeren Jahrzehnte immer dünner, und bestimmte Aspekte, wie etwa die Personalpolitik und Personalentwicklung, bleiben ganz ausgeblendet. Für die Dresdner Bank gilt Ähnliches: Hier liegt eine von Ralf Ahrens auf breiter Quellenbasis erarbeitete Unternehmensgeschichte für die ersten Nachkriegsjahre vor, die fragt, inwiefern es der Bank gelang, der alliierten Bankenpolitik ein bewusstes „Identitätsmanagement“ entgegenzusetzen, welches die eigene unternehmenskulturelle Kontinuität bewahren sollte.[46] Für spätere Jahrzehnte muss man aber, wie auch bei der Commerzbank, weiterhin auf ältere Festschriften zurückgreifen, die lediglich allgemeine Entwicklungslinien skizzieren.[47]
Für die Sparkassen, die sich angesichts des wachsenden Wohlstands und der komplexer werdenden Bedürfnisse ihrer Firmen- und Privatkunden immer mehr zu Universalbanken entwickelten, liegen zahlreiche Einzeldarstellungen vor; an regional übergreifenden Studien, die Aufschluss über das Wechselverhältnis der Sparkassen mit ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld geben könnten, mangelt es allerdings.[48] Dies gilt auch für die Giroverbände und die Landesbanken, die sich dem Wettbewerb im globalen Maßstab spätestens in den 1990er-Jahren nicht mehr entziehen zu können glaubten. Am Beispiel der BayernLB wurde jüngst gezeigt, welches Potenzial eine methodisch reflektierte Unternehmensgeschichte auch für die öffentlich-rechtliche Kreditwirtschaft bietet.[49] Zum Sparkassenwesen insgesamt liegt bereits ein Überblick für das 20. Jahrhundert vor, der die Forschung systematisch zusammenfasst und aufbereitet.[50]
Innerhalb des sich entfaltenden Forschungsfeldes zu den Banken und Finanzmärkten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert steht eine Gruppe von Kreditinstituten bisher, trotz ihrer unbestreitbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung, weitgehend im Abseits: die Genossenschaftsbanken.[51] Dies ist wohl in erster Linie dem außerordentlich schwierigen Zugriff auf die Primärquellen geschuldet, der u.a. aus der dezentralen Struktur dieses Sektors der Kreditwirtschaft resultiert. Die Stiftung GIZ – Genossenschaftliches Dokumentationszentrum versucht seit einigen Jahren, hier bewusst gegenzusteuern[52] – und hat erste Erfolge vorzuweisen.[53]
Über die dargelegten Ansätze zur Erforschung der einzelnen Zweige und Institute der Kreditwirtschaft hinaus hat die Bankgeschichte in den letzten Jahren begonnen, sich verstärkt den Bankiers und Bankmanagern des 20. Jahrhunderts zuzuwenden.[54] Dabei standen zunächst die in der NS-Zeit besonders exponierten oder wegen ihrer jüdischen Wurzeln aus der Wirtschaftselite verdrängten Bankiers im Mittelpunkt.[55] Inzwischen hat sich der Blick aber auch auf die Nachkriegskarrieren geweitet.[56] Von einer empirisch fundierten, sozialhistorischen Kollektivbiografie der westdeutschen Bankiers und Bankmanager, die Auskunft über den Wandel von Anforderungsprofilen und Rekrutierungsmustern, sozialen Differenzierungen und Integrationsmechanismen, Werthaltungen, Selbst- und Fremdbildern sowie gesellschaftlichen Legitimationsstrategien gibt, ist man allerdings noch weit entfernt.[57] Infolge der bis in die 1990er-Jahre hinein gegebenen dichten Personalverflechtungen zwischen den Geschäftsbanken und der Industrie ließe sich gerade mit Hilfe historisch-kritischer Einzel- und Kollektivporträts von Bankmanagern der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt erschließen; neben ihrer Tätigkeit in den Kreditinstituten und ihrem Wirken in den Aufsichtsgremien und Beiräten der Industrie wären dabei auch ihre Verbindungen zur Politik, ihr Auftreten in den Medien und ihre Vernetzung mit Wissenschaft und Kultur zu thematisieren.[58]
Die Entwicklung der Banken und der Finanzmärkte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist von zwei „Megatrends“ bestimmt, die auch als wichtigste thematische Perspektiven für die künftige Forschung zu betrachten sind: Zum einen geht es um den stark wachsenden Stellenwert des Privatkundengeschäfts für die Banken im Kontext der Herausbildung und Entfaltung der westeuropäischen Massenkonsumgesellschaften, zum anderen ist auf die Ausweitung der internationalen Geschäftstätigkeit der Banken im Zusammenhang mit den allgemeinen wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen zu verweisen. Auf beiden Feldern, die zahlreiche Berührungspunkte mit der allgemeinen Zeitgeschichte aufweisen, steht die bankhistorische Forschung noch ganz am Anfang.
Mit dem „Wirtschaftswunder“ stieg der gesellschaftliche Wohlstand – und damit die Bedeutung der Privatkundschaft für die Kreditinstitute.[59] Für die Sparkassen hatten sie schon immer eine große Rolle gespielt. Um die Einlagenseite ihrer Bilanzen zu stärken und so den Geschäftsradius insgesamt erweitern zu können, versuchten nun aber auch die Aktienbanken, die sich traditionell für die großen Firmenkunden und die vermögende Privatkundschaft „zuständig“ gefühlt hatten, ihre Kundenkreise in die Schicht der abhängig Beschäftigten hinein auszuweiten. Sie taten dies mit immer neuen Produktangeboten etwa im Bereich des „Investmentsparens“ (bald verbunden mit der Vermittlung von Lebensversicherungen und der Immobilienfinanzierung) und der „Konsumkredite“ und verschärften so den Wettbewerb in dem seit Ende der 1950er-Jahre rasch expandierenden „Massen-“ oder „Mengengeschäft“ erheblich. In der Folge kam es zu einer immer stärkeren Überschneidung der vormals zwischen den Institutsgruppen relativ klar abgegrenzten Geschäftsfelder, denn die Sparkassen und Kreditgenossenschaften, die sich traditionell auf die „kleinen“ Sparer und die Finanzierung des gewerblichen wie bäuerlichen Mittelstandes konzentriert hatten, reagierten auf die geschäftliche Herausforderung mit der Hinwendung zum Wertpapiergeschäft, das zuvor eine Domäne der Aktienbanken gewesen war.
Für fast alle Unternehmen der Kreditwirtschaft gewannen der Auf- und Ausbau eines gesellschaftsorientierten sowie an wissenschaftlichen Standards ausgerichteten Marketing durch die Professionalisierung von Marktforschung, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit nun erheblich an Bedeutung. Organisations- und Vertriebsstrukturen wurden umgebaut, neue Berufsbilder entstanden, interne Aufstiegskanäle veränderten sich – gerade auch für weibliche Angestellte.[60] Insbesondere bei den Sparkassen ist ein bisher erst in Ansätzen erforschter grundlegender Wandel hin zum „vertriebsorientierten Finanzdienstleister“ zu beobachten.[61] Aber es trifft wohl auf fast alle Unternehmen der Finanzbranche zu, dass sie sich nicht nur, aber besonders im Privatkundengeschäft immer stärker zu Spiegeln gesamtgesellschaftlicher Trends – Stichworte hierfür wären Individualisierung, Pluralisierung und Wertewandel – entwickelten, während sie gleichzeitig selbst stärker als jemals zuvor in die Gesellschaft hineinzuwirken begannen. Eine für die Banken- wie die Zeitgeschichte gleichermaßen interessante Hypothese bestünde vor diesem Hintergrund etwa darin, den Banken eine zentrale Rolle bei der Ökonomisierung des Sozialen zuzumessen.
Im westeuropäischen Vergleich blieben die bundesdeutschen Geschäftsbanken bei der Ausweitung ihrer internationalen Aktivitäten bis in die 1960er-Jahre hinein zurückhaltend; letztlich war das eine Konsequenz des zweimaligen Verlustes ihres Auslandsvermögens nach den Weltkriegen.[62] Nach 1945 knüpften sie zwar rasch wieder Kontakt zu ausländischen Korrespondenzbanken überall auf der Welt, eröffneten bald auch neue eigene Repräsentanzen in Spanien, Südamerika, Kleinasien, im Nahen Osten, in Nord- und Südafrika sowie in Japan und erwarben überdies erste Minderheitsbeteiligungen an Finanzierungsgesellschaften und Banken in Entwicklungs- und Schwellenländern. Doch mit der Gründung eigener Tochtergesellschaften und Niederlassungen oder mit dem Erwerb von ausländischen Mehrheitsbeteiligungen zögerten sie. Erst in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre gaben die deutschen Geschäftsbanken diese Zurückhaltung allmählich auf. Vor allem an den Eurodollarmärkten, etwa in London, und in den USA mit ihren diversifizierten Geld- und Wertpapiermärkten, kam es nun zur Gründung von Auslandstöchtern und -filialen und zu stärkeren Beteiligungen. Neben den drei großen Geschäftsbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank, die über Erfahrung im Auslandsgeschäft verfügten, waren an dieser Expansion nun auch Regional- und Landesbanken beteiligt, etwa die Bayerische Vereinbank, die Bank für Gemeinwirtschaft, die BHF-Bank, die DG Bank Deutsche Genossenschaftsbank und die Westdeutsche Landesbank.
Anders als vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit traten die deutschen Banken bei vielen Aktivitäten nun gemeinsam mit Partnerbanken aus dem kontinentalen Westeuropa auf, wobei die Kooperationsformen häufig über die klassischen Emissions- oder Kreditkonsortien hinausgingen. Als wichtigste Determinanten dieses Wandels in den Geschäftsstrategien der westdeutschen Banken nennt die Forschung, die bislang noch überwiegend auf gedruckten Quellen und Zeitzeugeninterviews beruht, neben den anspruchsvoller werdenden Finanzierungsbedürfnissen der Firmenkunden das Kalkül, reale oder erwartete Wettbewerbsnachteile auf den heimischen Märkten durch eine ausgeweitete Auslandstätigkeit kompensieren zu können. Denn auf den heimischen Märkten sahen sich die deutschen Kreditinstitute einem zunehmend harten Wettbewerb ausgesetzt – untereinander, aber auch mit amerikanischen Banken.
Für die einzelnen Banken besteht in diesem Feld noch erheblicher Forschungsbedarf, mit Blick auf die jeweiligen Geschäftsmodelle, vor allem aber in Bezug auf ihre praktische Umsetzung in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Umfeldern.[63] Bislang ist über die europäischen Gemeinschaftsunternehmen und die Auslandsniederlassungen der deutschen Banken kaum mehr bekannt als ihr Gründungsdatum, ihre allgemeine Ausrichtung und eventuell die Namen ihres Führungspersonals. Doch wie sah die alltägliche Geschäftspraxis im Zusammentreffen mit anderen politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, bankgeschäftlichen und auch mentalen Kulturen aus? Hier kann die methodisch transnationale, kulturwissenschaftlich informierte Zeitgeschichte der klassischen Bankengeschichte sicher wichtige Anregungen bieten.
Bei der wünschenswerten Öffnung der Bankengeschichte hin zur allgemeinen, seit den 1990er-Jahren stark kulturalistischen Zeitgeschichte könnte vor allem die jüngere Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte zur Konstruktion eines tragfähigen Brückenfundaments beitragen. Denn diese hat bereits vor einiger Zeit begonnen, sich ebenso kritisch wie konstruktiv mit der „kulturalistischen Herausforderung“ auseinanderzusetzen; zugleich interessiert sie sich stärker für den Strukturwandel der Industriegesellschaften, die sich möglicherweise hin zu postmodernen Dienstleistungsgesellschaften entwickeln.[64] Banken, Sparkassen, Versicherungen und andere Finanzdienstleister werden deshalb, so viel Prognose sei erlaubt, stärker in den Blick der Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte geraten und mit deren Methoden bearbeitet werden.
Gerade die Unternehmensgeschichte arbeitet bereits mit innovativen, nicht zuletzt durch die akteursbezogenen Grundannahmen der Neuen Institutionenökonomie (NIÖ) inspirierten Ansätzen,[65] die sich für eine interdisziplinäre Forschung von Ökonom/innen, Historiker/innen und Kulturwissenschaftler/innen gut eignen.[66] Unter gesellschaftlichen Institutionen versteht die NIÖ alle informellen und formellen Regeln, die den „rational“ handelnden Individuen zur „realistischen“ wechselseitigen Erwartungsbildung dienen, damit die stets gegebene Ungewissheit über zukünftige Entwicklungen (verursacht durch das noch nicht bekannte Handeln anderer Individuen) in kalkulierte „Risiken“ transformiert werden kann. Für Banken zum Beispiel ist es wesentlich, beim Handel mit Kreditrisiken davon ausgehen zu können, dass die Kreditnehmer ihre Rückzahlungsversprechen einhalten – sei es, weil sie sich moralisch dazu verpflichtet fühlen, sei es, weil ihnen andernfalls harte Sanktionen drohen. Zu den gesellschaftlichen Institutionen im Sinne der NIÖ zählen Moralvorstellungen, kulturelle Gebräuche, Normen und Werte ebenso wie simple Konventionen oder private und gesetzliche Vereinbarungen, sofern sie nur mit inneren oder äußeren Bindungen versehen sind, die ihnen Gültigkeit verschaffen (genau genommen wird eine Regel erst durch eine funktionierende Sanktion zu einer Institution).
Einer Unternehmensgeschichte, die mit diesem Institutionenbegriff arbeitet, sind erfolgreiche Brückenschläge zwischen Banken- und Zeitgeschichte durchaus zuzutrauen. Besonders vielversprechend sind dabei die Versuche, das der NIÖ zugrunde liegende, neoklassisch-rationale Handlungsmodell des homo oeconomicus um kulturell bedingte, letztlich individual- und sozialpsychologisch zu erklärende Faktoren, wie beispielsweise Emotionen, zu „erweitern“.[67] Ob und wie dies gelingen könnte, wird derzeit – ausgelöst durch die an den Börsen und Finanzmärkten immer wieder zu beobachtenden, oft nur wenig „rationalen“ Entscheidungen der Akteure – auch in den Wirtschaftswissenschaften neu diskutiert.[68] Fundierte historische Argumente sollten hier künftig eine zentrale Rolle spielen, denn sie könnten in den Wirtschafts- und den Kulturwissenschaften das Verständnis dafür schärfen, dass es nicht darum gehen kann, endlos über eine Verbesserung des „Realitätsgehalts“ des vermeintlich universellen Handlungsmodells vom homo oeconomicus zu streiten, sondern dieses Modell selbst als ein historisches, sich wandelndes Phänomen zu begreifen.[69]
Richtet man, wie Werner Plumpe empfiehlt, den Blick darauf, dass sich dieses Modell, das den menschlichen Eigennutz nicht zum Naturgesetz erhebt, sondern gerade nach seiner „vernünftigen“ Einhegung fragt, im Übergang von der alteuropäischen zur modernen Wirtschaft erst herausbildete, dann wird auch der historische Prozess seiner Entstehung nachvollziehbar. Er lässt sich fassen als eine Koevolution von Semantiken (also der kulturell bedingten Bedeutungszuschreibungen, vor allem mit Blick auf den Eigennutz, der nicht länger als ausschließlich verwerflich, sondern zunehmend auch als nützlich für die Gemeinschaft angesehen wurde), von gesellschaftlichen Institutionen (also der Regeln zur wechselseitigen Erwartungsbildung von Individuen) sowie von alltäglichen Praktiken (also der mitunter von diesen Regeln deutlich abweichenden praktischen Verfahrensweisen). Zugleich tritt die Multifunktionalität des Modells vom „rational“ handelnden Menschen selbst hervor: Es kann – oft sehr überzeugend – beanspruchen, empirische Aussage zu sein; es dient zweitens zugleich als Handlungsnorm; und drittens fungiert es als Axiom der Theoriebildung zum Zwecke der Selbstbeobachtung einer sich als eigenständige gesellschaftliche Sphäre herausbildenden modernen Ökonomie. In all diesen Funktionen ist es nicht statisch, sondern historisch wandelbar, denn nicht die anthropologische Konstante „menschlicher Eigennutz“, sondern dessen jeweils zeitgenössisch als „vernünftig“ geltende Einhegung macht das Modell des homo oeconomicus aus. Rationalitätskriterien aber sind, im Gegensatz zu anthropologischen Konstanten, sowohl im Sinne empirischer Beschreibungen als auch im Sinne von Handlungsnormen und theoretischen Axiomen um kulturell bedingte Faktoren differenzier- und erweiterbar – wenn auch nicht unbedingt mathematisch berechenbar.
Gerade die Banken- und Finanzmarktgeschichte, die es mit Unternehmen zu tun hat, die durch ihren Handel mit den Risiken von Zahlungsversprechen stark zur Ausweitung der auf wirtschaftlicher „Rationalität“ aufgebauten Sicherheitsillusionen in der Gesellschaft beitragen, ist prädestiniert, durch quellenbasierte Studien einen Beitrag zum Verständnis sich wandelnder Rationalitätskriterien in Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten. Falls ihr das gelingt, hätte sie weit mehr erreicht, als nur ihre verbal-kommunikative „Anschlussfähigkeit“ an eine Zeitgeschichte unter Beweis zu stellen, die leider zu oft oberflächlich-kulturalistisch daherkommt und die ökonomischen Fundamente der Gesellschaft sträflich vernachlässigt.
↑ Vgl. Werner Plumpe, Die Geburt des „Homo oeconomicus“. Historische Überlegungen zur Entstehung und Bedeutung des Handlungsmodells der modernen Wirtschaft, in: Wolfgang Reinhard/Justin Stagl (Hrsg.), Menschen und Märkte. Studien zur historischen Wirtschaftsanthropologie, Köln u.a. 2007, S. 319-352; ders., Ökonomisches Denken und wirtschaftliche Entwicklung. Zum Zusammenhang von Wirtschaftsgeschichte und historischer Semantik der Ökonomie, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2009/1, S. 27-52.
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