Demokratie
Version: 1, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 02.10.2026
https://docupedia.de/zg/richter_demokratie_v1_de_2026
DOI: https://doi.org/
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
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Seit der Aufklärung war keine Staatsform so umstritten, ersehnt, erkämpft, erzwungen, so siegreich und zugleich so fragil wie die Demokratie. Ihre Bedeutung reicht über eine Staats- und Herrschaftsform hinaus: Demokratie fungiert als politisches Ordnungsprinzip, normativer Bezugspunkt und historischer Deutungsrahmen der Moderne. Nachdem sie in den 1990er-Jahren als globale Norm zu triumphieren schien, steht sie im 21. Jahrhundert erneut unter massivem Legitimationsdruck. Demokratien sind weltweit wieder in der Minderheit, etwa drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Autokratien.[1]
Dieser Artikel befasst sich mit der Geschichte der Demokratie ebenso wie mit der Geschichte ihrer historischen Deutungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Gefragt wird nach Entstehung, Tiefenwirkung und nicht zuletzt der aktuellen Bedeutung von Demokratie. Diese Fragen werden aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Nach einer begrifflichen Klärung (Kap. 1) werden Grundstrukturen und Akteure der Demokratiegeschichte (Kap. 2) ebenso behandelt wie Entwicklungslinien im 20. Jahrhundert (Kap. 3), und es wird eine Auswahl etablierter und neuerer historiografischer Zugriffe vorgestellt, die die Erzählungen der Demokratiegeschichte besonders prägen und herausfordern (Kap. 4).
Als das „most promiscuous word“ bezeichnet der Demokratieforscher Bernard Crick „Demokratie“.[2] Demokratie – aus dem Griechischen „demos“, Volk, und „kratein“ herrschen – wurde stets neu interpretiert, und um ihre Bedeutung wird immer wieder gestritten.[3] Unterschiedlichste politische Richtungen nehmen Demokratie für sich in Anspruch. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird sie außerdem als Lebensform verstanden, die den Alltag der Bürger:innen durchzieht.[4]
Dennoch lassen sich zentrale begriffliche Eckpunkte festhalten. Eine viel zitierte Definition von Demokratie formulierte Abraham Lincoln: „government of the people, by the people, and for the people“. Bereits Claude Fauchet formulierte 1791: „Tout pour le peuple, tout par le peuple, tout au peuple“.[5] Diese Formel lässt sich bis in die monarchomachische Tradition zurückführen, die im 16. Jahrhundert aus dem Alten Testament das Widerstandsrecht gegen Tyrannei ableitete.[6] Die Wendung verweist auf zwei zentrale Aspekte der Thematik: erstens auf die internationale Dimension der Demokratiegeschichte – obwohl „Demokratie“ meistens national erzählt wird – und zweitens auf das normative Prinzip der Selbstregierung in Gleichheit, die sich im „Volk“ ausdrückt.[7] Die Frage, wer zum Volk (der Gleichen) gehört, und die Herausforderung, dass Demokratie mit ihrer Inklusion auch Exklusion bedeutet, bilden einen Fixpunkt der Demokratiegeschichte.
Demokratie gilt in der Forschung als eine Herrschafts- und Staatsform, in der die Souveränität beim Volk liegt. Dabei werden Kernelemente der Demokratie ausgemacht, die sich seit der Aufklärung herausgebildet haben: freie, kompetitive und regelmäßige Wahlen mit einem allgemeinen und gleichen Wahlrecht; repräsentative Institutionen wie Parlament und Regierung, die politisch verantwortlich und abwählbar sind, sowie eine freie öffentliche Kommunikation. Hinzu kommen liberale Elemente zur Begrenzung der Macht der jeweiligen Mehrheit: Grund- und Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit (mit Minderheitenrechten) und Gewaltenteilung. Auf diesen Normen beruhend ist häufig von liberaler oder repräsentativer Demokratie die Rede. Hingegen wird von „defekten“, „illiberalen“, „formalen“ oder „unvollständigen“ Demokratien gesprochen, wenn die repräsentativen und liberalen Elemente nur teilweise oder rudimentär vorhanden sind.[8]
Mit zuweilen unklaren Grenzen zu autoritären Formen der Demokratie wird häufig die „Diktatur“ normativ abwertend als Gegensatz zur Demokratie gesetzt. Der Begriff hat seine positive Bedeutung – etwa in marxistischen Theorien als „Diktatur des Proletariats“ – weitgehend verloren. Forschung und öffentliche Debatte stützen sich mit diesen Festlegungen häufig auf Demokratie-Indizes, die Forschungsplattformen wie Freedom House oder Varieties of Democracy erstellen und die politische Ordnungen entlang dieser Kriterien vergleichen, bewerten und skalieren.[9] Die intensive Nutzung dieser vergleichenden quantitativen Forschung lässt sich als Krisenphänomen verstehen. Freedom House begann in den 1970er-Jahren mit seinen vergleichenden Demokratieberichten, also in einer Zeit, in der Autokratien einen neuen Höchststand erfuhren, andere wie Varieties of Democracy in den letzten zwanzig Jahren.[10]
Demokratie lässt sich kaum von ihrem europäischen Ursprung lösen. Die Zäsur des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist für die Demokratiegeschichte entscheidend. Seither stehen die Fragen nach Freiheit und Gleichheit, die den Kern der revolutionären französischen Menschenrechtserklärung von 1789 bilden, im Zentrum demokratischer Selbstverständigung, und mit ihnen die liberalen Institutionen und Rechte.[11] In der Demokratieforschung wird meistens der Vorrang der Gleichheit betont – und zwar als universelle Gleichheit.[12] Sie ist das entscheidend Neue seit der Aufklärung: nicht Freiheit (und damit Gleichheit) für wenige (wie in antiken Formen der Demokratie oder den europäischen Stadtstaaten), sondern für alle – universell –, auch wenn die Aushandlungen darüber weitergehen, wer zu diesen Gleichen zählt.
Mit dem Ende der hierarchischen Ständegesellschaft, in der Ungleichheit die Grundlage gebildet hatte, konnte Gleichheit als Forderung ins Zentrum rücken. Gleichheit erfordert Freiheit, denn mit anhaltender Unterdrückung der einen Gruppe durch die andere ist das Konzept universeller Gleichheit wenig sinnvoll. Jürgen Habermas spricht von der „Gleichursprünglichkeit“ von Demokratie und Menschenrechten mit dem Gleichheits- und Freiheitsanspruch[13] – ein umstrittener, aber wirkmächtiger Gedanke. Demokratiegeschichte ist fast immer normativ orientiert, nicht nur weil ihr Gegenstand, Demokratie, ein normatives Projekt ist, sondern auch, weil sie überwiegend in Demokratien stattfindet und dort als das maßgebliche Wertegerüst gilt.
Während „Demokratie“ in vormodernen Kontexten häufig skeptisch bewertet wurde, wandelte sich ihre Bedeutung seit dem 18. Jahrhundert grundlegend. Zuweilen galt die „Republik“ als die erstrebenswerte Form, „Demokratie“ dagegen als Pöbelherrschaft (Ochlokratie) – eine Trennung, die vor allem in der Politikwissenschaft aufgegriffen wurde. Doch historisch gesehen wurden beide Begriffe eher synonym und mit verschwimmenden Grenzen verwendet.[14] Volkssouveränität, repräsentative Institutionen, verfassungsmäßige Ordnung und Menschenrechte (vor allem Freiheit und Gleichheit) wurden zentrale Bezugspunkte politischer Legitimation. „Demokratie“ findet sich früh als Wertbegriff, der etwa in den USA in Absetzung zum monarchischen Europa geprägt wurde. Seit dem 20. Jahrhundert fungiert „Demokratie“ immer mehr als globaler Referenzbegriff für legitime Herrschaft. „Demokratie“ dient außerdem als Kampfbegriff. Oft versprechen Rechts- und Linkspopulisten die bessere (zumeist direktere) Demokratie.
Im Zentrum dieses Artikels steht die deutsche Demokratiegeschichte, eingebettet in europäische und nordamerikanische Entwicklungen. Zunehmend rücken globale und postkoloniale Perspektiven ins Blickfeld der Demokratieforschung – auch sie werden hier in Ansätzen behandelt. Der Artikel diskutiert die Fragen nach Entstehung, Tiefenwirkung und Bedeutungen der Demokratie. Dabei spielen stets drei Erzählmuster eine Rolle, die Paul Nolte für die Demokratiegeschichte vorschlägt. Erstens kann Demokratiegeschichte als „Erfüllungsgeschichte“ der Moderne betrachtet werden, gegründet auf Aufklärung, Liberalismus und „Fortschritt“, verstanden als Geschichte von Selbstermächtigung der Menschen und der Inklusion vormals Ausgeschlossener.
Zweitens lässt sich Demokratiegeschichte als „Suchgeschichte“ verstehen, geprägt von Kontingenzen und Aushandlungen darüber, wer dazugehört und wer nicht. Demokratische Inklusion war dabei häufig mit Exklusion verknüpft, die Geschichte so offen, dass Kategorien von „Fortschritt“ und „Rückschritt“ fraglich erscheinen. Demokratie hat sich nicht aus einer Idee entwickelt, sondern aus einem ungeordneten Konglomerat an Ideen und Praktiken, die sich oft genug widersprachen. Dieser Ansatz unterscheidet historische Demokratieforschung besonders deutlich von der Politikwissenschaft mit ihren zuweilen übereindeutigen Kategorisierungen.
Das dritte Erzählmuster rückt Demokratie als Krisengeschichte in den Fokus: Ihre tiefste Krise erlebte die Demokratie in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – mit dem NS-Staat als negativem Kulminationspunkt. Diese Erfahrung schärft aktuelle Krisendiagnosen; sie verweist auf die Fragilität der Demokratie und auf die Frage, inwiefern ihr diese Gefährdungen inhärent sind.[15]
Für das Verständnis von Demokratie ist Geschichtsschreibung weniger deswegen wichtig, weil sie die Frage beantworten kann, ob sich etwas wiederholt. Vielmehr ist historische Demokratieforschung relevant, weil sie die Genese demokratischer Ideen, Praktiken und Institutionen herausgearbeitet und so nicht zuletzt ein Verständnis der aktuellen Auseinandersetzungen um die Demokratie ermöglicht wird. Das unterscheidet sie prinzipiell von der Politikwissenschaft, die aus der heutigen Perspektive in der Vergangenheit nach Anhaltspunkten für die eigenen Logiken sucht und etwa für ihre an der Gegenwart orientierte Kategorienbildung viel eher die Antike einbezieht (die für die moderne Demokratiegeschichte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert tatsächlich weniger bedeutsam war) oder auf klare Unterscheidungen wie Demokratie/Republik oder demokratisch/liberal setzt (obwohl diese historisch weniger relevant waren). Pierre Rosanvallon betont die Prozesshaftigkeit der Demokratie, die nicht nur eine Geschichte hat, sondern auch eine Geschichte ist.[16]
Aber was kann eigentlich als Demokratiegeschichte im Sinne einer Geschichte über die Demokratie gelten? Studien von Wendy Z. Goldman, Peter Steinbach oder Margaret Anderson zeigen, dass es auch in nichtdemokratischen Ordnungen demokratische Praktiken, Institutionen oder Vorstellungen gegeben hat und gibt. Demokratiegeschichte beginnt nicht erst mit einer demokratischen Verfassung. Die Geschichtsschreibung über die Demokratie nahm erst im 20. Jahrhundert an Fahrt auf. Da jedoch Demokratie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Geschichtsschreibung in aller Regel als Normalfall galt und noch gilt, gibt es wesentlich mehr Geschichtsschreibung zu Faschismus, Nationalsozialismus, Autoritarismus oder Diktaturen als zu Demokratien, weil die (scheinbare) Abweichung erklärungswürdiger erschien.[17]
Die deutsche Demokratiegeschichte lässt sich ohne den Nationalsozialismus nicht denken: Für beide deutsche Staaten wurde er zur Negativfolie. Ein zentraler Diskussionspunkt war, ob eine deutsche demokratische Staatsform ein Import war, der erst mit Hilfe der westlichen Alliierten Fuß fassen konnte, oder ob es längere demokratische Traditionslinien gibt. Aus der im Kaiserreich weit verbreiteten nationalistischen Vorstellung eines deutschen anti-westlichen, anti-parlamentarischen – besseren – „Sonderwegs“[18] wurde spätestens seit den 1960er-Jahren in der Demokratieforschung eine düstere „Sonderwegerzählung“, in der das „Modernisierungsdefizit“ der deutschen Geschichte und die Tendenz zum Autoritarismus betont wurde.[19] Früh wiesen US-amerikanische Historiker darauf hin, wie problematisch diese Erzählung nicht nur theoretisch sei, da sie die Annahme eines „normalen“ Weges hin zur Demokratie voraussetze. Oder andersherum: Jeder nähere Blick offenbare Sonderwege.[20] Die Frage, wie es in Deutschland zu Nationalsozialismus und Holocaust hatte kommen können, blieb gleichwohl entscheidend und prägt bis heute die Demokratiegeschichte.[21]
Die Konzentration einerseits auf die deutsche Geschichte als „Sonderweg“, der nach dem NS schließlich in einer „normalen“ liberalen Demokratie ankam, und andererseits auf die Entwicklung westlicher Staaten wie Frankreich oder die USA als „Normalweg“ führte zu einer westlich-teleologischen Erfolgsgeschichte der Demokratie. Sie blendete grundsätzlich problematische Möglichkeiten demokratischer Herrschaft aus: den Hang zum Populismus, die Exklusionskraft, die Kompatibilität mit Kolonialismus und sozialer Ungleichheit sowie Formen von direkter, populistischer Demokratie als Alternative zum liberalen Rechtsstaat mit Gewaltenteilung und Minderheitenschutz. Deutsche Geschichte vor 1945 diente darin lange Zeit als Bad Bank der Moderne, in der Exklusion, Gewalt oder Genozid als Abweichungen ausgelagert werden konnten. Neuere Zugänge interpretieren häufig repressive Tendenzen innerhalb der Demokratie nicht länger als Residuen der Vergangenheit oder als deutsche Sonderlichkeiten.[22]
Wie in anderen Ländern wurde auch in der Bundesrepublik Deutschland Demokratiegeschichte vor allem als nationale Geschichte geschrieben. Auch wenn die Globalgeschichte den Transfer von Institutionen und Ideen betont hat, blieb in gewisser Weise doch die Annahme eines Sonderstatus der eigenen Nation in der Geschichtsschreibung über Demokratie ausgeprägt.[23] In Deutschland hat das Erstarken des Rechtsextremismus dazu beigetragen, die Geschichte der bundesrepublikanischen Demokratie noch stärker kritisch zu betrachten. Global haben die autoritären Attacken gegen die Demokratie von außen (etwa Russlands Angriff auf die Ukraine), aber vor allem auch von innen (etwa in den USA oder Ungarn) die Geschichte der westlichen Demokratie insgesamt in ein kritischeres Licht gestellt.[24]
Die Geschichte der Demokratie ist auch deswegen öffentlich so präsent, weil sie politisch relevante Deutungen liefert, mit denen sich demokratische Gemeinwesen legitimieren können. Wo Demokratie zum Kern des nationalen Selbstverständnisses gehört, wird ihre Geschichte deshalb besonders nachgefragt. Diese Aufmerksamkeit ist spannungsreich. So soll etwa öffentlich finanzierte Forschung zur demokratischen Selbstverständigung beitragen und zugleich politisch unabhängig bleiben. Demokratiegeschichte bewegt sich damit zwischen Nähe und Distanz zur Politik. Nicht zuletzt macht gerade dieses Angebot an Deutungen und Legitimationen sie für Medien besonders attraktiv.
Die öffentlichen Diskussionen und politischen Verlautbarungen zur Demokratiegeschichte weichen oft stark von den geschichtswissenschaftlichen Debatten und Befunden ab. So bleiben häufig in den Medien oder in Reden von Politiker:innen Interpretationen der meist älteren Forschung virulent, die etwa die Kolonialgeschichte ausblenden oder in der deutschen Geschichte durchgängig ein antidemokratisches Momentum am Werk sehen.[25] In dieser Wahrnehmung ist deutsche Geschichte eine Geschichte missglückter Revolutionen. Die bundesrepublikanische Demokratie habe keine oder kaum demokratische Traditionen, und die deutsche Bevölkerung habe eine besondere Prädisposition zu autoritärem Denken gehabt – in Ostdeutschland noch nach 1945.[26]
Im Gegensatz zur Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg galt die bundesrepublikanische Demokratiegeschichte überwiegend als „geglückte Demokratie“.[27] Allerdings wurde die Demokratiegeschichte der Bundesrepublik nie ausschließlich als reine Erfolgsgeschichte geschrieben.[28] Der Hinweis etwa auf NS-Kontinuitäten hat nie gefehlt.[29] Angesichts der aktuellen Herausforderungen wie der Zunahme von Rechtsextremismus (s. Kap. 5), der die deutsche Geschichte in ein völkisches Narrativ betten will, gibt es vermehrt auch staatlicherseits das Bestreben, die langen Traditionen einer deutschen Demokratiegeschichte zu verdeutlichen.[30] Zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie haben sich diesem Ziel ebenfalls verschrieben. Eine besondere Rolle spielen dabei die Forschungen zu Erinnerungsorten (Lieux de Mémoire), die oft – wie die „Orte der Demokratie“ – Teil einer Public History sind und deutsche Demokratiegeschichte greifbarer machen sollen.[31] Die Erinnerungsgeschichte der Demokratie ist eine eminent politische Frage und damit stets umstritten.
Im westlichen Raum war das 20. Jahrhundert geprägt von der Massenpolitisierung der Menschen, die mit dem späten 19. Jahrhundert eingesetzt hatte.[32] Die strukturellen Vorteile der freiheitlichen Demokratien schienen offensichtlich: Sie boten ihren Bürger:innen mit der marktwirtschaftlichen Ordnung mehr Wohlstand, sie garantierten rechts- und sozialstaatliche Sicherheit und neben der Wahl der Parlamente zahlreiche Möglichkeiten der Partizipation etwa in Parteien oder Vereinen. Demokratische Freiheit schien sich im Vergleich mit autoritären und diktatorischen Regimen als attraktiver und ökonomisch, wohlfahrtsstaatlich, aber auch bürokratisch effektiver zu erweisen.
Die erwähnten Demokratie-Indizes bieten auch historische Zahlen, die freilich nur Näherungswerte sein können. So stieg die Zahl der Demokratien in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939 auf 24 an. Bis 1945 sank sie auf 12 Staaten ab, um dann relativ kontinuierlich wieder anzusteigen.[33] Durch die Entkolonialisierung entstanden zahlreiche weitere Demokratien. Bereits bestehende Demokratien demokratisierten sich im 20. Jahrhundert weiter, indem sie etwa das Frauenwahlrecht einführten – Deutschland 1918 als erste (und noch sehr junge) Republik, die USA 1919, Frankreich 1944 und die Schweiz 1971 – Menschenrechte. Andererseits ging weltweit prozentual der Anteil der Demokratien in den 1970er-Jahren auf einen Tiefstand zurück, während die Zahl der Autokratien so hoch war wie noch nie. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es einen erneuten Demokratisierungsschub. Im Jahr 2016 erreichte die Zahl der Demokratien ihren bisherigen Höchststand von 95 Ländern. Seither stagniert sie oder sinkt sogar. 2025 lag die Zahl bei 87 demokratischen Staaten.[34]
Einflussreich wurde Samuel P. Huntingtons Modell der „Wellen der Demokratisierung“, das den internationalen Horizont der Demokratiegeschichte verdeutlicht: Die erste Welle reicht demnach von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Zwischenkriegszeit 1939, die zweite beginnt in der Nachkriegszeit, bis sie in den 1970ern abebbt. Die dritte Welle der Demokratisierung setzt in dieser Zeit an und umfasst die Demokratisierungen in Lateinamerika, im asiatisch-pazifischen Raum und die Demokratisierung durch das Ende der Sowjetunion.[35]
Historiker:innen und historisch arbeitende Politikwissenschaftler:innen in westlichen Staaten begannen im 20. Jahrhundert, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, die jeweilige Geschichte der westlichen Nationalstaaten als Prozess der Demokratisierung zu verstehen.[36] „Demokratisierung“ als Prozessbegriff wurde nun zu einem analytischen, stark normativ geprägten Leitbegriff.[37] Auch die offizielle Historiografie der DDR und anderer staatssozialistischer Länder erzählte ihre Geschichte als Demokratisierung, wobei hier „Antifaschismus“ den Rahmen bildete, der nach dieser Lesart Faschismus und Kapitalismus überwindet. Geschichte als nationale Demokratisierungs- und Befreiungsgeschichte etablierte sich außerdem in den jungen Nationalgeschichten der entkolonisierten Länder.[38]
Insgesamt gibt es in der Demokratiegeschichte einen Trend weg von rein nationalen Erzählungen hin zu Vergleich, Transfer- und Globalperspektiven, die trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten in Parlamentarismus, Wahlrecht und Zivilgesellschaft hervorheben.[39] Inhaltlich kreist die Forschung um Revolution und Reform, um Staat und Nation als Integrations- und Exklusionsmaschinen sowie um das spannungsvolle Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus.
Der Staat ist eine wichtige Grundlage für die moderne Demokratie, und Demokratiegeschichte muss nicht zuletzt auch als Geschichte des Staats verstanden werden.[40] Der Staat hat sich mit der modernen Historiografie entwickelt und diese wiederum mit einem neuen Verständnis von „Volk“, das zunehmend als homogenes Staatsvolk verstanden wurde. Im Gegensatz zu einem Verständnis von Machtstaat, der einer Dynastie oder einer Schicht dient, entwickelte sich im 19. Jahrhundert auch ein liberales Staatsverständnis mit Rechten und Verfassungen – das bis weit ins 20. Jahrhundert eher unkritisch analysiert wurde.[41] Die durch Verfassung und Rechtsstaat gegenüber den Bürger:innen gezähmte Staatsmacht war so effektiv in der Erfassung der Bevölkerung wie keine staatliche Ordnung zuvor. Der spätere Erfolg von konsolidierten Demokratien lässt sich ohne diese Inklusion und Effektivität nicht verstehen.[42]
Die historiografische Neuorientierung in den 1960er-Jahren rückte Staat und Staatsverherrlichung in den Hintergrund und betonte eher die Sozial- und zunehmend auch die Alltagsgeschichte. Die Weltkriege und der Nationalsozialismus hatten die destruktive Kraft der Staatsmacht deutlich gezeigt. Nicht zuletzt durch Michel Foucault kehrte der Staat zurück in die Demokratieforschung, jedoch mit einem skeptischen Blick auf den Staat als Gewaltorganisation. Denn moderne Staaten hatten nicht nur zur Integration der Bevölkerung geführt, sondern boten mit der hocheffizienten Machtkonzentration ein Zerstörungspotenzial, das Weltkriege, Kolonialismus und die Verbrechen des Nationalsozialismus überhaupt erst ermöglichte.
Die Integrationskraft von Staaten lässt sich nicht ohne das Konzept von Nation erklären, das wichtig für die Plausibilisierung von Gleichheit war: Denn die Vorstellung, dass alle Bürger (Männer) vor dem Gesetz gleich seien und stolze Mitglieder der Nation,[43] beförderte das Zugehörigkeitsgefühl – zugleich jedoch die Exklusion und damit die Aggression gegen diejenigen, die als nichtzugehörig definiert wurden. Die Attraktivität und die Inklusionskraft des Nationskonzepts führte zum Wunsch zahlreicher Bevölkerungsgruppen nach einer eigenen Nation, in der sie „frei“ leben konnten, was oft mit demokratischen Regierungsformen wie Wahlen oder Parlamentarismus verbunden wurde. Hierher gehört auch die Bewegung des Zionismus. Sie mündete erfolgreich in der Gründung des einzigen demokratischen Staats im Nahen Osten, der heute wiederum durch aggressive, nationalistische Exklusionskräfte massiv bedroht wird.
Nach Weltkriegen und Nationalsozialismus wuchs die Kritik am Nationskonzept. So mahnte Karl Popper, Nationalismus sei eine irrationale und gefährliche Utopie.[44] Ähnlich wie beim Staatskonzept erfolgte nach der Abwendung eine Wiederannäherung, und seit den 1990er-Jahren fand „Nation“ in der Demokratiegeschichte wieder Beachtung. „Democracy was born with the sense of nationality. The two are inherently linked, and neither can be fully understood apart from this connection“, erklärte etwa die Historikerin Liah Greenfeld.[45] Eric Hobsbawm verstand die Nation dagegen als Erfindung politischer Eliten zur Festigung ihrer Machtinteressen. Wie Edmund Morgan verwies er darauf, dass die Idee von nationaler Volkssouveränität der Machtsicherung diene.[46] Bis heute ist die demokratiehistorische Perspektive auf das Konzept von Nation eher skeptisch.[47]
Die Institutionen der liberalen Demokratien sind in der Regel eng mit dem Staat verbunden. Sie stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, wo sie sich in Europa und den USA mit Staat und Nation entwickelten. Die Geschichte des Parlaments beginnt allerdings vor dem 18. Jahrhundert: In England versammelten sich die Spitzen des Adels und der Geistlichkeit in Westminster. Auf dem Kontinent bildeten sich die „Stände“: Versammlungen, zu denen neben dem Adel in der Regel die Geistlichkeit und als „dritter Stand“ („tiers état“, wie er in Frankreich genannt wurde) die Städte, zum Teil auch besitzende Bauern wie etwa in Südwestdeutschland, ihre Abgeordneten entsandten. In den deutschsprachigen Ländern hieß die Versammlung meistens „Landtag“ oder „Landschaft“, im Heiligen Römischen Reich „Reichstag“, nach dem dann auch die nationalen deutschen Parlamente genannt wurden. Diese frühen Versammlungen waren weit von modernen Parlamenten entfernt. Die Ideen von individueller Vertretung und Gleichheit spielten keine Rolle.[48]
Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die elitäre Institution des Parlaments und der Repräsentation in Frankreich als „nation“ und in den USA als „the people“ mit der Idee der Volkssouveränität verbunden – sowohl die Vorstellungen von Nation als auch Volk beruhten auf der Idee der Gleichheit, auch wenn zunächst nur weiße Männer mit Besitz gemeint waren.[49] Neben dem Wahlrecht wirkten Verfassungen integrierend. Die meisten westlichen Staaten führten sie als schriftliche Dokumente im Laufe des 19. Jahrhunderts ein. Sie verfestigten die Rechte der Bürger gegenüber dem Fürsten bzw. der Regierung und trugen damit auch zur Etablierung des egalitär gedachten Bürgers bei. Sowohl bei den Verfassungen als auch bei der Einführung des Wahlrechts bzw. der Förderung der Selbstregierung spielten reformerische, aufgeklärte Eliten – häufig Gegeneliten zu konservativen adligen, ständisch orientierten Eliten – eine entscheidende Rolle.[50]
Die Verknüpfung des elitären Prinzips der Repräsentation mit dem egalitären Prinzip des Volkes machte Demokratie als Staatsform kompatibel mit großen Territorialstaaten, in denen mehrere Millionen Menschen lebten. Die Kombination war innovativ und erwies sich als so effektiv, dass sie sich weltweit durchsetzte, häufig auch unter nicht-demokratischen Regimen. Herrschaft brauchte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein (zumindest behauptetes) Element der Legitimation durch das Volk.
Der Rechtswissenschaftler Dieter Grimm hat zuletzt kritisiert, dass in Deutschland die Verfassung zu wenig Beachtung in der Demokratiegeschichte gefunden habe.[51] Tatsächlich war die Demokratiegeschichte in der Bundesrepublik vor allem durch die Parlamentsgeschichte, durch Studien zu zivilgesellschaftlichen Bewegungen und zunehmend auch durch Studien über Politikfelder wie Sozial- oder Wirtschaftspolitik geprägt, und die regelmäßig diagnostizierte „Krise der Demokratie“ wurde fast immer als eine Krise der Parteien verstanden.[52] Auch die Gesellschaftsgeschichte der Demokratie stand eher im Hintergrund. Im Jahr 1951 gründeten Historiker und Politikwissenschaftler – darunter Ludwig Bergsträsser, Theodor Eschenburg und Fritz Fischer – die bis heute aktive Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl). In Ostdeutschland erfolgte Parteienforschung im Rahmen marxistisch-sozialistischer Deutung.[53]
Die Demokratiegeschichte hat entscheidende Anregungen durch die Geschichte der Frühen Neuzeit erhalten,[54] außerdem entstanden wichtige Arbeiten zur grundlegenden Bedeutung kulturhistorischer Ansätze auch für zeithistorische Forschungsfelder.[55] In diesem Zusammenhang ist außerdem die Neue Politikgeschichte zu nennen.[56] Vor allem englische und französische Wissenschaftler:innen hinterfragten mit dem Konzept des cultural turn nicht zuletzt Wahlen als erklärungswürdige Praxis und unterstrichen ihre rituelle, inklusive Bedeutung, aber auch ihr exklusives Potenzial.[57] Auch neue Interpretationen und Funktionen demokratischer Institutionen kamen ins Spiel, etwa Fragen nach der Architektur oder dem Stimmenklang im Parlament.[58]
Die Bedeutung der Revolutionen als Ausdruck eines neuen Zeit- und Subjektverständnisses ist für die Demokratiegeschichte unbestreitbar. Auch wenn die Französische Revolution in einer Militärdiktatur endete und im 19. Jahrhundert vielfach als Schreckbild diente – und damit zur Legitimation von repressiver Politik instrumentalisiert wurde –, blieben die revolutionären Ideale von Freiheit und Gleichheit virulent und regten vielfach Reformen an.
Seit den 1960er-Jahren fokussierten einige Historiker:innen, nicht zuletzt angeregt durch marxistische Theorien, auf Revolutionen und sahen hier ein wesentliches Demokratiedefizit in der deutschen Geschichte.[59] Seit längerem verweisen Studien jedoch auf eine schwierigere Gemengelage. Insbesondere die Forschungen zur Revolution von 1848/49 betonen liberalisierende Impulse und internationale Parallelen.[60] Auch wird vermehrt die Frage gestellt, warum die Erforschung der Demokratiegeschichte sich so sehr auf Revolution, Gewalt, Faschismus (und seine Überwindung) oder das Scheitern der Demokratie konzentriert und weniger auf gelingende Demokratien, wie etwa in den skandinavischen Ländern.[61]
Die Forschungen auch zu kleineren Ländern wie Dänemark haben deutlich gemacht, dass Revolutionen selbst in den Transformationsprozessen des langen 19. Jahrhunderts eher die Ausnahme demokratischer Entwicklung waren.[62] Daher treten in der Geschichtsschreibung verstärkt Reformprozesse als demokratisierende Kraft in den Fokus.[63] Diese Studien können historisch erklären, was in der Politikwissenschaft inzwischen als weitgehend anerkannt gilt: dass friedliche Transformationen tendenziell demokratiefördernder sind als gewaltsame. Studien wie die von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan zeigen für das 20. Jahrhundert die Bedeutung einer breiten zivilgesellschaftlichen Basis mit zumeist hohem Frauenanteil.[64] Diese Interpretation kann auch den Erfolg der überwiegend gewaltfreien Revolutionen in Folge der Perestroika erklären, wie die „Friedliche Revolution“ in der DDR.
Auch Demokratie und Kapitalismus stehen in einem spannungsvollen Verhältnis. Spätestens seit dem Scheitern vieler Demokratien in der Zwischenkriegszeit wird dieses Verhältnis intensiv reflektiert, da Wirtschaftskrisen demokratische Ordnungen destabilisieren können. Im Kalten Krieg galten Marktwirtschaft und Demokratie jedoch meist als komplementär. Viele Historiker:innen folgten Helmut Schelskys Bild einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“; Ralf Dahrendorf diagnostizierte ein „sozialdemokratisches Jahrhundert“ – beide dachten Demokratie im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung.[65]
Demgegenüber verstanden marxistische und neo-marxistische Ansätze Kapitalismus als antagonistische bzw. konflikthafte Kraft gegenüber der Demokratie.[66] Diese Perspektiven wirken in jüngeren Demokratiediagnosen oft implizit fort.[67] Einflussreich sind feministische und kapitalismuskritische Studien, etwa von Nancy Fraser, in denen die Zusammenhänge von Kapitalismus, Ungleichheit und der Einschränkung von Bürger- und Menschenrechten betont werden;[68] hinzu treten ökologische Perspektiven auf Eigentum, Naturverständnis und Zerstörung.[69] Soziale Ungleichheit gilt heute weithin als ein Grund für die Krise der liberalen Demokratie.[70]
Zugleich hält sich die These eines Zusammenhangs von Demokratisierung, Industrialisierung und Wohlstandsanstieg.[71] „Ein empirischer Zusammenhang zwischen der Stabilität demokratischer Institutionen und deren wirtschaftlichem Erfolg in einem kapitalistischen Rahmen ist schwer zu bestreiten“, resümierte der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers.[72] Mit zunehmendem Wohlstand in Autokratien wie China und der Gefährdung der ökologischen Grundlagen gesellschaftlichen Lebens durch die industrielle Lebensweise wird der Zusammenhang neu in Frage gestellt. Außerdem bildet die transnationale und globale Konzentration unternehmerischer Marktmacht momentan eine wachsende Gefahr für die immer nationalstaatlich organisierten Demokratien und selbst für die über den Nationalstaat hinausgehende Europäische Union.
Ein enger Zusammenhang von Demokratiegeschichte und kapitalistischen Bedingungen zeigt sich auch in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Während der Industrialisierung entwickelten Arbeiter:innen eine gemeinsame Identität durch Arbeitsbedingungen, Urbanisierung oder neue Organisationsmöglichkeiten. Die Arbeiterbewegung integrierte die proletarische Bevölkerung, was wesentlich zur Massenpolitisierung in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg beitrug. Marx und Engels schrieben dazu: „Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“[73] Die Geschichte der Arbeiterbewegung war immer auch Teil der Demokratiegeschichte.[74] Ihre Mitglieder gehörten zu den wichtigsten Träger:innen der demokratischen Ideen von Gleichheit, Freiheit und Menschenwürde. Sozialdemokratie und Gewerkschaften standen für die „soziale Frage“, die durchgehend ein zentrales Thema der historischen Forschung blieb.[75]
Die Geschichte der Arbeiterbewegung bildete in Deutschland einen zentralen Ursprung der Geschichtsschreibung zur Demokratie. Häufig wurde sie von den Akteur:innen selbst geschrieben. Frühe Studien stammen von Friedrich Engels, August Bebel oder Franz Mehring. Sie betrieben eine Erinnerungskultur, die an Unterdrückung, Kampf und Sieg erinnerte. In der DDR diente die Arbeitergeschichte der staatlichen Legitimation und wurde staatlich massiv vorangetrieben.[76] In der Bundesrepublik gab es wie in anderen liberalen Demokratien einen Boom in der Geschichte der Arbeiterbewegung, etwa in der von Wolfgang Abendroth in den 1950er-Jahren begründeten „Marburger Schule“.[77] In Großbritannien legten international einflussreiche Historiker wie Eric Hobsbawm oder Edward P. Thompson neue Studien zum Thema vor.[78] Aktuell lässt sich von einer Flaute in der Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung sprechen. Je nach Definition könnte die Geschichte der Arbeiterbewegung als abgeschlossen bezeichnet werden.[79] Andererseits ließen sich die sozialen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dieser Tradition verorten. Dafür steht die 2017 gegründete German Labour History Association, deren Angehörige das Forschungsfeld Arbeit wieder stärken wollen.[80]
Neben der Arbeiterbewegung bildeten bürgerliche Vereine und Initiativen seit dem 19. Jahrhundert zentrale Keimzellen der Zivilgesellschaft – verstanden als freiwillige, öffentlichkeitsbezogene Selbstorganisation.[81] Bereits Alexis de Tocqueville beschrieb Vereinswesen und bürgerschaftliches Engagement als Grundpfeiler der amerikanischen Demokratie.[82]
Lange ausgeblendet blieb der zivilgesellschaftliche Beitrag von Frauen. Demokratie und Republik waren von Beginn an mit Männlichkeit verknüpft; politische Partizipation war, wie Gisela Bock betont, explizit maskulinisiert.[83] Frauen galten oft als republikfern, was sich in der späten Einführung des Frauenwahlrechts in klassischen Republiken wie Frankreich oder der Schweiz niederschlug. In jüngeren Forschungen etwa zum Frauenwahlrecht wird darauf hingewiesen, dass die Revolutionsfixierung der Demokratieforschung zur Ausblendung der Frauen beigetragen hat.[84] Seit den 2000er-Jahren werden Frauenbewegungen systematisch als Teil der Demokratiegeschichte untersucht[85] – einschließlich ihrer ambivalenten, auch autoritären Züge.[86]
Nach 1945 rückte die Zivilgesellschaft erneut ins Zentrum: in den Neuen Sozialen Bewegungen, in der demokratischen Opposition Osteuropas und in aktuellen Inklusionskonflikten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in westlichen Gesellschaften das hierarchische Geschlechtermodell der Hausfrauenfamilie, die paradoxerweise als Grundlage der (neuen) demokratischen Ordnung galt: Die Inklusion der westlichen Demokratie begann mit einer Exklusion der Frauen.[87] Eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten zur Care-Arbeit, zur Ökologie, zur Rolle der Väter oder zu sozialstaatlichen Vorstellungen zeigt, wie tief Geschlecht und Demokratie miteinander verwoben sind.[88] Geneviève Fraisse sieht die Moderne als eine Geschichte, in der „Demokratie und Republik den Ausschluss der Frauen von den öffentlichen Angelegenheiten besiegelten“.[89]
Im 20. Jahrhundert verschränkten sich Demokratisierung, Diktaturerfahrung und politische Neuordnung in besonderer Dichte. Für Deutschland ist diese Geschichte untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden – und mit der Frage, unter welchen Bedingungen sich nach 1945 eine stabile Demokratie herausbilden konnte.
Die Weimarer Republik ist zentral für das Verständnis des 20. Jahrhunderts. Sie zeigt den Antagonismus, aber auch die Verbindung zwischen Demokratie und dem neuen, originär modernen Phänomen der Diktatur. Weimar, das einen beeindruckenden Sozialstaat aufbaute, war, wie in der Forschung seit längerem betont wird, „keine Demokratie ohne Demokraten“, es gab eine große Offenheit für Demokratie.[90] Viele der Errungenschaften wurzelten im 19. Jahrhundert, wie die Frauenemanzipation oder der Sozialstaat. In neueren Forschungen zur Weimarer Republik werden auch die Kontinuitäten zu liberalen Traditionen betont.[91] Zeitgenössische Historiker wie der linksliberale Veit Valentin zeigten internationale Zusammenhänge und demokratische Traditionen in der deutschen Geschichte auf. Insgesamt aber blieb die eher konservative Geschichtsschreibung in der Zwischenkriegszeit auf Distanz zur Demokratiegeschichte.[92]
Die Geschichte der Weimarer Republik belegt, „wie konfliktreich und ambivalent die moderne Gesellschaft und wie zerbrechlich die Demokratie ist“, heben Nadine Rossol und Benjamin Ziemann in ihrem Forschungsüberblick hervor.[93] Illiberale, diktatorische Herrschaft wurde in dieser Zeit zu einer wirkmächtigen Alternative – sie integrierte die Bevölkerung und entsprach der Massenpolitisierung. Seit der Russischen Revolution von 1905 bildeten Räte ein Alternativmodell zum liberalen Parlamentarismus. Als zweites Gegenmodell etablierten sich Faschismus und Nationalsozialismus, die beide – trotz unterschiedlicher Wurzeln – von alten monarchischen und unternehmerischen Eliten profitierten, und sich über die „Massen“ und Vorstellungen von „Volk“ gerne als „demokratische“ Bewegungen inszenierten.[94] Der Soziologe und spätere Nationalsozialist Hans Freyer vertrat 1930 die damals gängige Ansicht, die parlamentarisch-repräsentative Demokratie sei ein Phänomen der Vergangenheit.[95] Dennoch gab es auch wirkmächtige Verteidiger der Demokratie wie Hans Kelsen.[96]
Die Forschung beschäftigte sich seit 1945 intensiv mit den Gründen für das Scheitern der Weimarer Republik – und ist inzwischen selbst Gegenstand der Zeitgeschichtsschreibung. Lange galt „Weimar“ als Nachweis für die „Modernisierungsdefizite“ und die exzeptionelle Demokratieunfähigkeit Deutschlands.[97] Mittlerweile verweisen Untersuchungen auf die stabilen Jahre der Republik und die vorhandenen Möglichkeiten der Akteur:innen.[98] Auch die Weimarer Verfassung wird heute viel günstiger beurteilt.[99] Den Belastungen aus Krieg und Niederlage für die junge Demokratie wird wieder mehr Gewicht gegeben, ohne dass sie als alleinige Ursachen für das Ende der Republik gelten können.[100] Seit den 1980er-Jahren richtet sich der Blick stärker auf internationale Kontexte. Detlev Peukert deutete Weimars Krisen auch als Ausdruck einer umfassenden Krise der „klassischen Moderne“.[101]
Lange Zeit wurden in der vielfältigen NS-, Faschismus-, Stalinismus-, Totalitarismus- und weiteren Diktaturforschungen diese Herrschaftsformen als Kontrast genutzt und strikt von der Demokratiegeschichte getrennt, die demgegenüber ein weniger beachtetes Feld blieb.[102] Stalinismus und Staatssozialismus galten als fremd und aufoktroyiert, sodass Zusammenhänge von deutsch-kommunistischen oder demokratischen Traditionen der Diktaturen wenig Aufmerksamkeit erhielten. Eine Ausnahme bildete in den 1960er- und 1970er-Jahren etwa der Verweis auf die Egalisierungskraft des Nationalsozialismus, durch die allen Mitgliedern der „Volksgemeinschaft“ ein gutes Leben versprochen wurde und die als eine „soziale Revolution“ interpretiert werden könne.[103] Götz Aly betont die sozialstaatlichen Leistungen und die attraktive Integrationskraft des Nationalsozialismus.[104] Neuere Forschungen zeigen, wie der Nationalsozialismus, aber auch faschistische und staatssozialistische Regime demokratische Elemente wie Wahlen oder das (entmachtete) Parlament für eine vorgegebene „demokratische“ Legitimation nutzten.[105]
Der Nationalsozialismus und faschistische Regime propagierten häufig einen „Volkswillen“, der mit einem starken „Führer“ kombiniert wurde. Das „Volk“ kam beispielsweise über direktdemokratische Elemente ins Spiel, mit denen es den „Führer“ und seine Entscheidungen bestätigte. Nicht zufällig lehnen neo-faschistische Kräfte in der Regel den politischen Wettbewerb, eine Repräsentation oder Parlamente ab (also Elemente der liberalen Demokratie) und verlangen mehr direkte Demokratie.[106]
Die demokratiehistorische Perspektive auf gewaltförmige und unfreie Regime eröffnet einen Blick auf die problematischen Seiten der Demokratie, der historisch die Unterdrückung von Minderheiten (durch einen Mehrheitswillen) oder kolonialistische Bestrebungen keineswegs per se fremd sind. Sie steht gegen eine Purifizierung der Demokratiegeschichte, die Gewalt, Exklusion, Nationalismus als Abweichungen und nicht als inhärente Möglichkeiten bzw. Gefahren der Demokratie sieht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte in der Bundesrepublik vor allem die politische und konstitutionelle Geschichtsschreibung das Bild von Demokratie. Historiker wie Karl Dietrich Bracher, Theodor Schieder oder Gerhard Ritter arbeiteten die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Demokratie heraus und warnten vor den Gefahren totalitärer Systeme. Die „lernende Demokratie“ war zielgerichtet.[107] Eine herausragende Rolle spielte dabei in Westdeutschland die „Politische Bildung“, die mit der 1952 gegründeten „Bundeszentrale für Heimatdienst“ – ab 1963 „Bundeszentrale für politische Bildung“ – einen institutionellen, öffentlich geförderten Rahmen für die demokratische Erziehung der Bevölkerung erhielt.[108]
In der jüngsten Forschung wird darauf verwiesen, dass die erste Lehre aus der Geschichte des NS ein profundes Misstrauen gegenüber der Bevölkerung war, die weithin als leicht verführbar galt.[109] Tatsächlich hielt das Grundgesetz die Bevölkerung auf Distanz zur Macht. Man kann daher auch von einer gezähmten Demokratie sprechen. Nicht nur Westdeutschland zog diese Lehre aus der Vergangenheit, sondern auch die Verfassungsväter und -mütter in anderen Ländern Westeuropas, die sich nach 1945 neue Verfassungen gaben. Nie zuvor waren die westlichen Länder Kontinentaleuropas mit ihrer „top-down democratic order“ einander so ähnlich gewesen. Die neuen Verfassungen, so beschreibt es etwa Martin Conway, sorgten weniger für die Volksherrschaft als für die Neuerrichtung legitimer Autorität. Sie installierten dafür eine starke Exekutive, dezidiert repräsentative Verfassungen und mit großem Einfluss ausgestattete technokratische Eliten.[110] Unter dem Habitus der Nüchternheit wurde vom „Verfassungspatriotismus“ (zuerst Dolf Sternberger) wie auch u. a. von der „realistischen“ Demokratie gesprochen.[111] Vieles davon hat sich bis heute erhalten.
Dass sich die westdeutsche Demokratie als stabil und „geglückt“ erwies, galt als erklärungsbedürftig. Neben der positiven Rolle der westlichen Alliierten wird heute wieder verstärkt auf die demokratischen Traditionslinien in der deutschen Geschichte hingewiesen: auf die Bedeutung der Weimarer Verfassung für das Grundgesetz, auf lange parlamentarische, elektorale, partizipative und rechtsstaatliche Traditionen.[112] Im Gegensatz zur geglückten Geschichte wurde seit längerer Zeit wieder verstärkt auf die Kontinuitäten zum Nationalsozialismus verwiesen, die sich z. B. in einem zähen Antisemitismus, Rassismus oder auch in der anhaltenden Verfolgung von Homosexuellen zeigten.[113] In zahlreichen jüngeren Studien über die Geschichte der Ministerien und anderer bundesrepublikanischer Institutionen wird ein besonders kritischer Blick auf die Ära Adenauer mit ihren Kontinuitäten zum NS geworfen.[114]
Gerade für die Nachkriegszeit zeigen neuere Forschungen zum Anthropozän, wie eng Demokratie mit der „Great Acceleration“ verbunden ist, der für den Klimawandel entscheidenden „großen Beschleunigung“ ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, als Treibhausgasemissionen ebenso rapide zunahmen wie Landflächenverbrauch, Fleischkonsum, Motorisierung, Zerstörung der Biodiversität, Tourismus oder Bevölkerungswachstum. Die Konsumgeschichte beschäftigt sich mit dem engen Konnex von stabiler Demokratie und Konsum in den Nachkriegsgesellschaften und fragt danach, welche Rolle Konsum für die Vorstellung eines guten Lebens in liberalen Demokratien spielt.[115] Weniger als in anderen Disziplinen jedoch weist die historische Demokratieforschung die Tendenz zur kapitalismuskritischen Interpretation auf.
Zur Geschichte der Demokratie und ihrer Krisen gehört auch der Blick auf die mittel- und osteuropäischen Länder nach 1945, die von der Sowjetunion einverleibt oder unter ihre Hegemonie gezwungen wurden. Viele von ihnen bezeichneten sich als „Demokratie“, „Volksdemokratie“ oder „Republik“, so wie auch die UdSSR sich als Bund von Republiken ausgab. Verstärkt wird in letzter Zeit die Frage gestellt, warum das der Fall war.[116] Die Reverenz gegenüber der Demokratie gilt dabei einerseits als Folge der Massenpolitisierung. Um die Jahrhundertwende, als nahezu alle Industriestaaten rechtsstaatliche Standards akzeptierten, ein weites Wahlrecht (oft ein allgemeines Männerwahlrecht) einführten und das Parlament eine führende Rolle erhielt, war es im nordatlantischen Raum und oft darüber hinaus kaum noch möglich, staatliche Legitimation ohne eine Volksbeteiligung herzustellen – und sei sie nur fingiert, wie es dann typisch wurde für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts.[117] Es gelang den Kommunisten jedoch in keinem Fall nach 1945, mit friedlichen demokratischen Mitteln an die Macht zu kommen und sich demokratisch längerfristig zu halten. Die Durchsetzung des Kommunismus in Europa war aber nicht nur ein Ergebnis der militärischen Übermacht der Sowjetunion, sondern auch der Schwäche liberal-demokratischer Traditionen in Teilen Ost- und Südosteuropas. In Ländern, in denen die demokratischen Wurzeln tiefer verankert waren, wie in der Tschechoslowakei, Polen oder der DDR, kam es zumindest punktuell zu massiver Gegenwehr.
Auch in der westlichen Hemisphäre Europas gab es Diktaturen: Die faschistische Ordnung Portugals blieb bis 1974 erhalten, Spanien führte erst 1975 eine liberale Demokratie ein, und Griechenland erlebte von 1967 bis 1974 eine rechtsextremistische Militärjunta. Häufig führte das Ende der Kolonialherrschaft zu autoritären oder diktatorischen Regimen.[118] Die Forschung der letzten Jahre zu diesen Herrschaftsformen hat die Erfolgsgeschichte „westlicher“ Demokratien ebenfalls relativiert, weil sich liberale Demokratien gegenüber antisozialistischen Diktaturen aufgeschlossener zeigten und diese durch vielfältige Kooperationen stützten. Zudem wird auch in der Geschichtsschreibung stärker reflektiert, dass die Grenzen zwischen demokratischen und autokratischen Systemen oft fließend sind, zumal es heute eine wachsende Zahl an Demokratien mit autoritären Elementen gibt.[119]
Seit den 1960er-Jahren setzte in liberalen und linken Milieus eine selbstkritische Befragung demokratischer Strukturen ein.[120] Angehörige der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der internationalen „New Left“ kritisierten den Parlamentarismus und forderten Demokratisierung von unten; eine radikale Minderheit mündete im Terrorismus der RAF. Die Neuen Sozialen Bewegungen – getragen von überdurchschnittlich gebildeten Eliten – weiteten demokratische Teilhabe aus (Feminismus, Umwelt-, Friedens-, Bürgerrechtsbewegung) und führten nicht zuletzt zur Gründung der Partei „Die Grünen“ (1980). Besonders die zweite Frauenbewegung bewirkte tiefgreifende Reformen:[121] eine Demokratisierung der Lebensweise, die Liberalisierung der Familienstrukturen, der Erziehung und des Zivilrechts, vor allem des Familienrechts.[122]
„1968“ bündelte widersprüchliche Demokratievorstellungen: Während Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ die freiheitliche Demokratie popularisierte, wuchs zugleich intellektuelles Misstrauen. Bildungsreformen, Sozialstaatsexpansion und Demokratisierung von Institutionen provozierten konservative Kritik (etwa Wilhelm Hennis), während linke Ansätze Demokratie deliberativ, partizipatorisch oder radikal erweiterten (Jürgen Habermas, Carole Pateman, Ernesto Laclau). Zunehmend rückt der Globale Süden als Referenzrahmen der Proteste in den Fokus.[123] Öffentlich gilt „1968“ meist als Demokratisierungsschub.[124] Die Forschung problematisiert diese Fortschrittserzählung jedoch und verweist auf autoritäre, antisemitische und antipluralistische Tendenzen einzelner Strömungen.[125]
Die Kritik am Eurozentrismus hat den Blick geweitet; zugleich bleibt die Einsicht zentral, dass moderne Ideen von universeller Gleichheit und Selbstregierung im europäischen Kontext entstanden waren. Europa gewann als Raum etablierter Demokratien internationale Bedeutung. Die Demokratieforschung verweist dabei auf die Rolle der Europäischen Union, die sich als ein einzigartiges Mischwesen darstellt: ein Zusammenschluss von Staaten, ohne eine Union mit eigener Regierung zu sein.[126] Die Europäische Union war auch eine Antwort auf die Globalisierung und die schleichende Entmachtung der Nationalstaaten. Innerhalb der EU verschoben sich immer mehr Entscheidungen von der nationalen zur europäischen Ebene. Trotz massiver Krisen wie der Finanzkrise 2008 oder der Flüchtlingskrise von 2015 würdigt die Forschung die europäische Integration als Lerngeschichte der Nachkriegszeit; nach 1989 bot sie vielen osteuropäischen Staaten Identität und Sicherheit.[127] Deutschland ist zudem in Bündnisse wie die NATO und die Europäische Menschenrechtskonvention eingebunden. So gehört in dieses Forschungsfeld auch die Frage nach der territorialen Größe von Demokratien, die historisch an den nationalen Rahmen von Demokratien anknüpft, der etwa für den Sozialstaat, aber auch für das bürgerliche Verständnis von Selbstwirksamkeit unverzichtbar scheint.[128] Demokratiehistorisch umstritten bleibt die Stärke nicht-majoritärer, nicht gewählter internationaler Institutionen, die als Einschränkung demokratischer Selbstwirksamkeit wahrgenommen werden können.[129]
Die Oppositionen und Revolutionen in Osteuropa prägten die europäischen Demokratievorstellungen nachhaltig. Zivilgesellschaftliche Aufbrüche setzten der Diktatur Möglichkeiten freier Vergemeinschaftung entgegen; in Polen wurde Solidarność zum Leitbild selbstermächtigter Bürgerschaft. Meistens führten erneut intellektuelle und kulturelle Eliten den Kampf für die Demokratie an.[130] Ohne Michail Gorbatschow wären die Transformationen nicht möglich gewesen: Perestroika und Glasnost stellten Transparenz und Partizipation gegen leninistische Führungslogik.[131] Anders als in China (Tian’anmen-Platz, 1989) verliefen die Umbrüche in Mittelosteuropa überwiegend friedlich. Viele der neuen Demokratien erwiesen sich als stabil.[132]
Die erfolgreichen Demokratisierungen nährten die These vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama). Heinrich August Winkler erzählte im Jahr 2000 in „Der lange Weg nach Westen“ die deutsche Demokratie noch einmal als Erfüllungsgeschichte. Vermutlich ist Winklers Monografie mit seiner erneuten Erzählung des deutschen Sonderwegs das bis heute öffentlichkeitswirksamste Buch zur deutschen Demokratiegeschichte.[133] Im Gegensatz zu dieser Fortschrittserzählung machte die Forschung früh auf die Defizite der Nachwendezeit aufmerksam wie den erstarkenden Rechtsradikalismus in den „Baseballschlägerjahren“, ein Begriff, der sich als Umschreibung der 1990er-Jahre etablierte.[134] Rechtsextreme Gefahren traten im 21. Jahrhundert weltweit in Demokratien offen zutage.[135] In Ungarn, Polen und der Türkei ließen sich Prozesse der Entdemokratisierung beobachten (etwa Einschränkung der Gewaltenteilung). Vor allem aber das Erstarken rechtsautoritärer Kräfte in den USA, die dort sogar mit Präsident Donald Trump an die Macht kamen, sorgte für nachhaltige Erschütterung einer optimistischen Perspektive auf die demokratische Entwicklung von Staaten weltweit.[136]
In diesem Kapitel werden einige Forschungsfelder vorgestellt, die Demokratie nicht als stabile Errungenschaft, sondern als historisch verletzliche Ordnung sichtbar machen. Sie verbinden normative Fragen mit Macht, Materialität und Exklusion – und führen damit direkt zu den gegenwärtigen Krisendiagnosen der Demokratiegeschichte. Das Kapitel bündelt jene Forschungsansätze, die die klassische, institutionenzentrierte Demokratiegeschichte erweitern. Postkoloniale, medienhistorische und körpergeschichtliche Zugriffe verschieben den Fokus auf Sprache, Kommunikation, Körper, Gewalt und Ökologie. Sie machen deutlich, dass Demokratie als Lebensform, Praxis und Konfliktzusammenhang nur verstanden werden kann, wenn ihre Voraussetzungen, Ausschlüsse und materiellen Grundlagen historisiert werden.
Die Postcolonial Studies, die seit den 1980er-Jahren zunächst in den USA an Bedeutung gewannen, haben die Vorstellung über Demokratie und ihre Selbstbeschreibungen tief erschüttert. Die vielen Demokratiegeschichten zugrunde liegende Vorstellung einer eurozentrischen Sicht bzw. von „the West and the Rest“ (Niall Ferguson 2011)[137] wird auf mindestens zwei Ebenen durchkreuzt:
Erstens fordern postkoloniale Perspektiven dazu auf, die Geschichte des „Westens“ und damit spätestens seit der Nachkriegszeit auch die Demokratiegeschichte im Kontext von Kolonialherrschaft und imperialer Macht zu reflektieren. Die US-amerikanische Republik kann kaum getrennt von der Sklaverei und der genozidalen Politik gegenüber den First Nations verstanden werden. Auch die Forschungen über Erinnerungsorte betonen die Untrennbarkeit der eigenen nationalen Geschichten von der kolonialen Vergangenheit. Diese Ansätze stellen die Frage nach Kontinuitäten neu: Inwiefern muss die Kolonialgeschichte als Teil einer kritischen Demokratiegeschichte verstanden werden, und wie prägen rassistische Muster bis heute Vorstellungen vom „Anderen“ und „Fremden“ und verhindern demokratische Inklusion? Welche Rolle spielten koloniale Räume als „Laboratorien der Moderne“,[138] inwiefern war die exzessive Gewalt in Kolonien ein Lernprozess, der die Massenverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglichte?[139]
Zweitens verlangen die Postcolonial Studies ein anderes Verständnis von Demokratie, indem sie das europäische Framing in Frage stellen.[140] Teilweise werden Demokratiekonzepte erweitert oder erneuert. „Democracy today“, so der indische Anthropologe Partha Chatterjee, „is not government of, by and for the people. Rather, it should be seen as the politics of the governed.“[141] Chatterjee hebt die kreativen partizipativen Praktiken marginalisierter Gruppen hervor, die außerhalb der engen Sphäre bürgerlicher Zivilgesellschaft Formen kollektiver Selbstverwaltung entwickelten. Die Forderung nach einem neuen Verständnis von Demokratie geht bis zur offenen Ablehnung der liberalen Demokratie als Regierungsform, die als koloniales Erbe und Teil einer kritisch betrachteten westlichen Aufklärung gesehen wird.[142] „The discourse of democracy is the continuation of a (neo)colonial world order“, so etwa Ferit Güven.[143]
Demokratiegeschichte ist immer auch mit medialer Kommunikation verbunden und durch sie geprägt.[144] Medien ermöglichen die Selbstverständigung der Bevölkerung, den kommunikativen Austausch – gerade in einem großen Territorialstaat. Die Pressefreiheit gehört zu den ältesten bürgerlichen Grundrechten, und plurale Medien mit kritischer, faktenbasierter Berichterstattung gelten als „vierte Gewalt“. Jürgen Habermas sieht in der demokratischen Öffentlichkeit ein Feld kommunikativer Rationalität, in dem politische Willensbildung durch herrschaftsfreie Diskussion erfolgen könne.[145] Seine Thesen haben wesentlich die Debatten über die Rolle von Medien in Demokratien geprägt.[146]
Im 20. Jahrhundert boten die elektronischen Medien neue Möglichkeiten der Information und des Zugriffs auf die Bevölkerung. Sie haben wie alle Massenmedien nicht nur Demokratisierungsprozesse, sondern auch autoritäre Tendenzen unterstützt. Die „Fernsehdemokratie“, die sich ab den 1950er-Jahren entwickelte, trug mit ihren begrenzten Kanälen und konzentrierten Informationsangeboten zu einer gewissen Konsensbildung gegenüber den polarisierten parteinahen Printmedien bei. Die Ausdifferenzierung der privaten Radio- und Fernsehkanäle stärkte seit den 1990er-Jahren die Fragmentierung, den Populismus und den Aufstieg von Medienunternehmern in der Politik – wie Berlusconi in Italien.[147] Seit den 1990er-Jahren begannen bereits Online-Medien wie Blogs oder Nachrichten-Websites die Öffentlichkeit neu zu strukturieren; durch sie veränderte sich die bisherige Gatekeeper-Rolle klassischer Redaktionen. Dies verstärkte seit den 2010er-Jahren die Polarisierung.[148]
Soziale Medien ermöglichen Mobilisierung und Teilhabe, wie etwa die „Twitter-Revolution“ im Iran 2009 zeigt. Andererseits fördern sie Phänomene wie Desinformationen oder Polarisierungsprozesse, die eine gemeinsame demokratische Öffentlichkeit erschweren oder sogar verhindern können. Heute nutzen autoritäre Regierungen soziale Medien und Medienmonopole, um ein Land medial zu dominieren, ohne dass sie dafür landesweit alle Medien „gleichschalten“ und kontrollieren müssen. Wie die USA zeigen, können sie eigene mediale Wirklichkeiten hervorbringen und damit jene Öffentlichkeit untergraben, die in ihrem klassischen normativen Verständnis für Demokratie grundlegend ist.[149] In der Forschung wird betont, wie sehr Medien Menschen voneinander isolieren. Robert Putnam beschrieb im Jahr 2000 in „Bowling Alone“ hellsichtig die Gefahren, die Demokratien durch die Isolierung ihrer Bürger:innen drohen und die durch Fernsehkonsum bestärkt werden.[150] Soziale Medien haben diesen Prozess der Isolierung und Entsolidarisierung beschleunigt.
Dem Zusammenhang von Medien und Demokratie galt seit der Zwischenkriegszeit eine intensive Forschung. Nach 1945 fand sie auch anhand öffentlich geführter Debatten statt, etwa über kommunikationstheoretische Modelle wie Habermas’ Konzept von Öffentlichkeit oder Elisabeth Noelle-Neumanns „Schweigespirale“, die damit selbst die Demokratie zu beeinflussen suchten. Demoskopie entwickelte sich zu einer zentralen kommunikativen Instanz, die demokratisches Handeln prägte und den Volkswillen abzubilden schien.[151]
Jedes politische Regime hat einen eigenen Umgang mit dem „biologischen Körper“ der Bevölkerung. Nicht zuletzt über Michel Foucault, der von „Biopolitik“ spricht, ist dieser Ansatz in die Geschichtswissenschaft gekommen. Die Frage nach dem Körperregime ist auch für Demokratien relevant, denn demokratische Freiheiten sind nicht ohne ein Körperregime denkbar, das die Würde des Menschen auch in seiner körperlichen Dimension schützt.[152]
Damit kommt die Vertragstheorie ins Spiel, der zufolge Bürger Herrschaft akzeptieren, weil sie im Gegenzug Schutz für Leib, Leben und Eigentum erhalten. Zum vertragschließenden Bürger gehört die Vorstellung eines modernen Subjektverständnisses: eines unabhängigen, selbstbestimmten, rational agierenden Menschen, der autonom über seinen Körper herrscht, Eigentum besitzt und Verträge abschließen kann. Diese Vorannahmen für die liberale Demokratie haben nicht zuletzt von feministischer Seite Kritik erfahren. Linda Zerilli spricht von „fantasies of sovereignty and rationality“, die eng mit Männlichkeitsvorstellungen verbunden sind.[153]
Gerade auch der somatische Zugriff auf die Demokratiegeschichte stellt Annahmen von Rationalität in Frage. Am Körper zeigen sich „vorreflexiv“ scheinbar natürliche – und damit besonders überzeugend – Herrschaftsverhältnisse.[154] Die körperliche Dimension der Demokratiegeschichte kann zu einer Erklärung beitragen, warum bestimmte Gruppen, denen körperliche Autonomie abgesprochen wurde, beispielsweise Person of Color, Frauen oder die ländliche Bevölkerung, häufig besonders lange von politischen Rechten ausgeschlossen wurden.[155]
Zur Körpergeschichte der Demokratie gehört auch die Disziplinierung: Der demokratische Sozialstaat mit einer umfassenden Gesundheitspolitik, großen Hygiene-Ambitionen, sozialen Absicherungen, einem guten Impfprogramm, öffentlichen Bädern etc. hat immer auch die Tendenz, die Bevölkerung zu normieren und zu disziplinieren.[156]
Neue Bedeutung erhält die Körpergeschichte für die Demokratiegeschichte durch die ökologischen Krisen, die mit zunehmender Geschwindigkeit die physischen Grundlagen der Demokratie inklusive der Gesundheit der Menschen gefährden. Was bedeutet die materielle Gefährdung demokratischer Lebensweise und die zunehmende Gefährdung für Leib und Leben der Bürger:innen für die liberale Demokratie?[157]
„Democracy is always in crisis, and yet is always with us“, erklärte 2013 David Runciman:[158] Krise sei der Daseinsmodus der Demokratie. Insofern ist die Diagnose, dass sich die Demokratie heute in einer außergewöhnlichen, existenzbedrohenden Krise befinde, erklärungsbedürftig. Hier sollen abschließend zwei Krisenfelder skizziert: Rechtsextremismus und die ökologischen Zerstörungen. Demokratien haben einen Hang zum Populismus, weil das Mehrheitsprinzip essentiell ist. Daher kommen auch in liberalen Demokratien immer wieder populistische Strömungen auf. Aktuell besteht allerdings die Gefahr, dass sie in rechtsextremistischer und autoritärer Form dominant werden und die liberale Ordnung außer Kraft setzen. Demokratiehistorisch interessant ist auch die populistische Exklusion und Verachtung der Eliten.[159] Für liberale Demokratien jedoch spielen Gruppen wie Journalist:innen, Expert:innen oder Berufs-Politiker:innen eine unverzichtbare Rolle.[160]
Die andere große Gefahr für die Demokratie sind die ökologischen Krisen, deren bekannteste die Klimakrise ist. Historiker:innen zeigen, wie grundlegend sich Geschichtsschreibung wandelt bzw. wandeln muss, wenn sie die ökologischen Entwicklungen ernst nimmt.[161] Das gilt in besonderem Maße für die Demokratiegeschichte.[162] Denn funktionierende Ökosysteme bilden die materielle Grundlage für Freiheit und den Schutz des Körpers, so wie die physischen Körper die Grundlage der Menschenwürde bilden. Zugleich kann eine sich als demokratisch verstehende Gesellschaft kaum eine zerstörerische Lebensweise akzeptieren.[163]
Die zahlreichen weiteren Problemfelder – wie die Sicherheitskrise durch die Zunahme von Kriegen, die in vielen Demokratien wachsende soziale Ungleichheit, oligarchische Machtkonzentration sowie Migrationsbewegungen – hängen eng mit den genannten Krisen zusammen. Dazu gehört auch die Spannung zwischen nationalstaatlich verfassten Demokratien und der Notwendigkeit trans- und internationaler Zusammenarbeit zur Bewältigung der Herausforderungen.[164]
Demokratiegeschichte ermöglicht es, beides im Blick zu behalten: die Risiken und Krisen, aber auch die Chancen. Denn die Demokratiegeschichte verdeutlicht, wie stark diese Regierungsform sein kann und dass sie vielen Menschen Freiheitsrechte und ein gutes Leben ermöglichen kann. Demokratie hat sich als die dominierende Staatsform herausgebildet, weil sie komplexe moderne Gesellschaften effizienter steuern kann als andere Staatsformen. Seit dem Jahr 2023 sind allerdings wieder weniger als die Hälfte aller Staaten demokratisch verfasst.[165] Die Zukunft wird zeigen, ob sich z.B. der Autoritarismus in China auf Dauer halten kann. Und doch: Auch wenn die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie weltweit abnimmt, ist der globale Zuspruch zum Konzept „Demokratie“ ungebrochen und lag zuletzt auf einer Rekordhöhe von 85 Prozent.[166] Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber solchen Daten und auch im Hinblick darauf, dass „Demokratie“ in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten Unterschiedliches meint, bleibt Demokratie als globales Angebot ein attraktives Versprechen mit universalem Anspruch.
Das Feld der Demokratiegeschichte ist uneindeutiger, als es lange Zeit erschien.[167] So bleibt gerade die historische, nicht purifizierte Demokratieforschung essentiell für ein Verständnis der Demokratie in der Gegenwart.
[1] Marina Nord, State of the World 2025: Unravelling the Democratic Era?, in: Democratization 33 (2026), H. 4, S. 703-728, online https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13510347.2026.2661683 [10.09.2026].
[2] Bernard Crick, Democracy. A Very Short Introduction, Oxford/New York 2002, S. 1.
[3] Stefan Scholl, Demokratie, in: Ernst Müller/Barbara Picht/Falko Schmieder (Hrsg.), Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen, Version 1.0, 20.03.2024, Einleitung, https://doi.org/10.31267/Grundbegriffe_62216520 [10.09.2026].
[4] Vgl. zu der umfassenden Literatur u.a.: Till van Rahden, Demokratie. Eine gefährdete Lebensform, Frankfurt a.M./New York 2019; vgl. auch John Dewey, The Public and its Problems, New York 1927.
[5] Claude Fauchet, Sermon sur l’accord de la religion et de la liberté prononcé le 4 février 1791, Paris 1791, S. 7, online unter https://archive.org/details/sermonsurlaccord00fauc/mode/2up?q=tout+pour [10.09.2026].
[6] Vgl. Friedrich Lohmann, Die Bedeutung des Protestantismus für die Menschenrechtserklärungen der Moderne, in: Antonius Liedhegener/Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.), Religion, Menschenrechte und Menschenrechtspolitik, Wiesbaden 2010, S. 126-152.
[7] Vgl. Wolfgang Merkel, Im Zwielicht. Zerbrechlichkeit und Resilienz der Demokratie im 21. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2023, S. 39.
[8] Solche Einstufungen beruhen auf systematischen Vergleichsinstrumenten wie Polity, Freedom House, V-Dem oder dem Democracy Index.
[9] Freedom House, https://freedomhouse.org/; Varieties of Democracy (V-Dem), https://www.v-dem.net/ [10.09.2026]; grundsätzlich dazu: Gerardo L. Munck/Jay Verkuilen, Conceptualizing and Measuring Democracy: Evaluating Alternative Indices, in: Comparative Political Studies 35 (2002), H. 1, S. 5-34.
[10] Sally Engle Merry, The Seductions of of Quantification. Measuring Human Rights, Gender Violence, and Sex Trafficking, Chicago 2016.
[11] Tim B. Müller, Nach dem Ersten Weltkrieg. Lebensversuche moderner Demokratien, Hamburg 2014, S. 29f.
[12] Auch mit Forschungsüberblick: Niko Kolodny, Rule Over None II: Social Equality and the Justification of Democracy, in: Philosophy & Public Affairs 42 (2014), H. 4, S. 287-336.
[13] Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt a.M. 1998, S. 109-165.
[14] Christian Meier u.a., „Art. Demokratie“, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 2004 (zuerst 1972), S. 821-899, hier S. 850-852.
[15] Paul Nolte, Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart, Bonn 2012, S. 16-20.
[16] Pierre Rosanvallon, Für eine Begriffs- und Problemgeschichte des Politischen, in: Beilage zum Mittelweg 36 20 (2011/12), H. 6, S. 43-66, hier S. 49.
[17] Vgl. dazu auch Thomas Etzemüller, Demokratie in der Zwischenkriegszeit – die Mär eines europäischen Scheiterns. Eine irritierte Intervention, in: Merkur 78 (2024), H 897, S. 5-16, hier S. 8-10.
[18] Vgl. kritisch zum Begriff und damaligen Diskussionsstand: Bernd Faulenbach, „Deutscher Sonderweg“. Zur Geschichte und Problematik einer zentralen Kategorie des deutschen geschichtlichen Bewußtseins, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33 (1981), https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/532012/deutscher-sonderweg-zur-geschichte-und-problematik-einer-zentralen-kategorie-des-deutschen-geschichtlichen-bewusstseins/ [10.09.2026].
[19] Einen Überblick zum Begriff „Sonderweg“ und zur Debatte bietet James J. Sheehan, Paradigm Lost? The „Sonderweg“ Revisited, in: Gunilla Budde u.a. (Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 150-160.
[20] David Blackbourn/Geoff Eley, Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankfurt a.M./New York 1980.
[21] Götz Aly, Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, Frankfurt a.M. 2025.
[22] So führte auch nach den Debatten um den Holocaust im globalen Kontext der neuere Blick auf NS- und Demokratiegeschichte nicht zur Relativierung der NS-Verbrechen oder ihrer Singularität – er macht ihre Erklärung aber wesentlich schwieriger, vgl. den Forschungsüberblick in Thomas Weber (Hrsg.), Als die Demokratie starb. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten – Geschichte und Gegenwart, Freiburg 2022.
[23] Vgl. Priyamvada Gopal, Insurgent Empire: Anticolonial Resistance and British Dissent, London/New York 2019.
[24] Stefanie Schüler-Springorum, Unerwünscht. Die westdeutsche Demokratie und die Verfolgten des NS-Regimes, Frankfurt a.M. 2025; vgl. auch die Debatten um die „Baseballschlägerjahre“ der 1990er-Jahre; Steven Levitsky/Daniel Ziblatt, How Democracies Die: What History Reveals About our Future, New York 2018.
[25] Vgl. etwa die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, 13.01.2021, https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/01/210113-150Jahre-Reichsgruendung.html [10.09.2026].
[26] Beispielhaft die „Spiegel“-Ausgabe „Revolutionen. Warum die Deutschen so oft scheitern“, Nr. 42, 12.10.2018; vgl. auch die ungebrochene Beliebtheit beim deutschen Lesepublikum von Heinrich-August Winklers Narrativ „Der lange Weg nach den Westen“, München 2000, das in der Forschung kaum noch rezipiert wird.
[27] Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006.
[28] Wilhelm Hennis, Demokratisierung. Zur Problematik eines Begriffs, in: Martin Greiffenhagen (Hrsg.), Demokratisierung in Staat und Gesellschaft, München 1973, S. 61-74.
[29] Stephan A. Glienke u.a. (Hrsg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2008.
[30] Im Sammelband des Bundespräsidenten Steinmeier „Vorkämpfer unserer Republik“ sind zahlreiche Historiker:innen der Bundesrepublik vertreten: Frank-Walter Steinmeier, „Vorkämpfer unserer Republik“. Zur Geschichte der Demokratie in Deutschland. Texte und Reden 2018/2019, Berlin 2019, online https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/190815-Vorkaempfer-unserer-Republik.html [10.09.2026].
[31] Vgl. etwa die 2021 gegründete Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie; mit ihr eng verbunden ist die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, https://gedg.org/demokratieorte/#:~:text=Auf%20der%20Deutschlandkarte%20findet%20man,über%20100%20Orten%20angebracht%20wurde [10.09.2026].
[32] Mareike König/Élise Julien, Deutsch-Französische Geschichte, Bd. 7: Verfeindung und Verflechtung. Deutschland und Frankreich 1870-1918, Darmstadt 2019, S. 79.
[33] Alle Zahlen bei „Our World in Data“, das die verschiedenen Indizes zusammenfasst, https://ourworldindata.org/democracy [10.09.2026].
[34] Marina Nord u. a., Democracy Report 2026: Unraveling The Democratic Era? Göteborg: V-Dem Institute, University of Gothenburg, 2026, S. 10, URL https://www.v-dem.net/documents/75/V-Dem_Institute_Democracy_Report_2026_lowres.pdf [10.09.2026].
[35] Samuel P. Huntington, The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century, Norman, OK 1991.
[36] Für Deutschland etwa Karl Dietrich Bracher, Deutschland zwischen Demokratie und Diktatur. Beiträge zur neueren Politik und Geschichte, Bern/München 1964; für die USA z.B. Richard Hofstadter, The Age of Reform: From Bryan to F.D.R., New York 1955; für Frankreich etwa François Furet, Penser la Révolution française, Paris 1978.
[37] Jan Teorell, Determinants of Democratization. Explaining Regime Change in the World, 1972-2006, Cambridge 2012.
[38] Beispielhaft Frantz Fanon, Les damnés de la terre, Paris 1961.
[39] Vgl. zur Weimarer Republik: Tim B. Müller/Adam Tooze (Hrsg.), Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2015; zum Kaiserreich: Margaret L. Anderson, Practicing Democracy. Elections and Political Culture in Imperial Germany, Princeton 2000; zur Nachkriegszeit: Frank Biess/Astrid M. Eckert, Introduction: Why Do We Need New Narratives for the History of the Federal Republic?, in: Central European History 52 (2019), H. 1, S. 1-18, online https://www.cambridge.org/core/journals/central-european-history/article/introduction-why-do-we-need-new-narratives-for-the-history-of-the-federal-republic/9CBCE01C7F2E8E349829EB72FD5E8084 [10.09.2026]; Sonja Levsen, Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975, Göttingen 2019; Claudia Gatzka, Die Demokratie der Wähler. Stadtgesellschaft und politische Kommunikation in Italien und der Bundesrepublik 1944-1979, Düsseldorf 2019.
[40] Mark E. Warren, Democracy and the State, in: John S. Dryzek u.a. (Hrsg.), The Oxford Handbook of Political Theory, S. 382-399, hier S. 383 u. 389. Im Folgenden beziehe ich mich auf Warren und auf Gabriele Metzler, Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, Berlin 2018.
[41] Metzler, Der Staat der Historiker, S. 80-119.
[42] Warren, Democracy and the State, S. 382-399.
[43] Alexander Thiele, Der gefräßige Leviathan: Entstehung, Ausbreitung und Zukunft des modernen Staates, Tübingen 2019, S. 214-224.
[44] Karl R. Popper, The Open Society and Its Enemies: The Spell of Plato (Vol. 1); The High Tide of Prophecy: Hegel, Marx, and the Aftermath (Vol. 2), London 1945.
[45] Liah Greenfeld, Nationalism. Five Roads to Modernity, Cambridge 1993, S. 10.
[46] Eric J. Hobsbawm, Nations and Nationalism since 1780. Programme, Myth, Reality, Cambridge 1991.
[47] Vgl. etwa die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Monografie von Jefferson Cowie, Freedom’s Dominion: A Saga of White Resistance to Federal Power, New York 2023.
[48] Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Gesellschaft, Parlament und Regierung. Zur Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland, Düsseldorf 1974; Nolte, Demokratie, S. 198f.
[49] Edmund S. Morgan, Inventing the People: The Rise of Popular Sovereignty in England and America, New York/London 1989.
[50] Thiele, Der gefräßige Leviathan; Hedwig Richter, Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2020.
[51] Dieter Grimm, Die Historiker und die Verfassung. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte des Gundgesetzes, München 2022.
[52] So schon im Jahr 1911: Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie: Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911; vgl. auch Silke Mende, „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München 2011, S. 458-475.
[53] Dieter Fricke (Hrsg.), Die bürgerlichen Parteien in Deutschland: Handbuch der Geschichte der bürgerlichen Parteien und anderer bürgerlichen Interessenorganisationen vom Vormärz bis zum Jahre 1945, Leipzig 1968.
[54] Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, München 2008.
[55] Benedikt Wintgens, Treibhaus Bonn. Die politische Kulturgeschichte eines Romans, Düsseldorf 2019; Detlef Lehnert (Hrsg.), Demokratiekultur in Europa. Politische Repräsentation im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2011; Emma Crewe/Marion G. Müller (Hrsg.), Rituals in Parliaments. Political, Anthropological and Historical Perspectives on Europe and the United States, Frankfurt a.M. 2006.
[56] Ute Frevert/Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt a.M. 2005; Thomas Mergel, Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag, Düsseldorf 2002.
[57] Frank O’Gorman, Ritual Aspects of Popular Politics in England (c. 1700-1830), in: Memoria y Civilización 3 (2000), S. 161-186, online https://revistas.unav.edu/index.php/myc/article/view/33873/29015 [10.09.2026]; Hedwig Richter/Hubertus Buchstein (Hrsg.), Kultur und Praxis der Wahlen. Eine Geschichte der modernen Demokratie, Wiesbaden 2017.
[58] Josephine Hoegaerts, Speaking like Intelligent Men: Vocal Articulations of Authority and Identity in the House of Commons in the Nineteenth Century, in: Radical History Review 2015, H. 121, S. 123-144; O’Gorman, Ritual Aspects; Jan-Werner Müller, Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume. Aus dem Englischen von Michael Bischoff, Berlin 2026.
[59] Barrington Moore Jr., Social Origins of Dictatorship and Democracy. Lord and Peasant in the Making of the Modern World, Cambridge 1966. Vgl. den Forschungsüberblick bei Andreas Fahrmeir, „Bürgerliche“ Revolutionen nach dem Bürgertumsboom: Was bleibt von den Revolutionstheorien zum 19. Jahrhundert?, in: Birgit Aschmann (Hrsg.), Durchbruch der Moderne? Neue Perspektiven auf das 19. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2019, S. 199-217.
[60] Dieter Langewiesche (Hrsg.), Die Revolutionen von 1848 in der europäischen Geschichte. Ergebnisse und Nachwirkungen, München 2000; Christopher Clark, Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt, München 2023.
[61] Etzemüller, Intervention, S. 8-10.
[62] Vgl. etwa Jeppe Nevers, A History of Democracy beyond National Narratives, in: Geschichte und Gesellschaft 44 (2018), H. 3, S. 416-429.
[63] Angelika Schaser/Sylvia Schraut/Petra Steymans-Kurz, Die (fehlende) Historiographie zu den Frauenbewegungen in Europa, in: Angelika Schaser u.a. (Hrsg.), Erinnern, vergessen, umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M./New York 2019, S. 7-21; Andreas Fahrmeir, Revolutionen und Reformen. Europa 1789-1850, München 2010; Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Hamburg 2018, S. 7-32.
[64] Erica Chenoweth/Maria J. Stephan, Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict, New York 2011.
[65] Vgl. zu Schelkys Konzept Bundeszentrale für politische Bildung: „Glossar“, 17.4.2024, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/548478/glossar/ [10.09.2026]; zu Ralf Dahrendorf, Die Chancen der Krise. Über die Zukunft des Liberalismus, Stuttgart 1983, S. 16.
[66] Etwa Chantal Mouffe, The Democratic Paradox, London 2000; Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of our Time, London 1990.
[67] Adam Tooze, Crashed. How a Decade of Financial Crises Changed the World, London 2018.
[68] Vgl. etwa Sven Beckert, Empire of Cotton: A Global History, New York 2014; oder Quinn Slobodian, Globalists: The End of Empire and the Birth of Neoliberalism, Cambridge 2018.
[69] Pierre Charbonnier, Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen, Frankfurt a.M. 2022, S. 197.
[70] Colin Crouch, Post-Democracy, Cambridge 2005.
[71] Werner Plumpe, Das Kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution, Berlin 2019.
[72] Christoph Möllers, Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik, Berlin 2020, S. 227.
[73] Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), Stuttgart 2011.
[74] Axel Kuhn, Die deutsche Arbeiterbewegung, Stuttgart 2004, S. 272.
[75] Vgl. den Forschungsüberblick in Jürgen Kocka/Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt a.M. 2000.
[76] Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.), Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1-8, Berlin (Ost) 1966.
[77] Lothar Peter, Marx an die Uni. Die „Marburger Schule“. Geschichte, Probleme, Akteure, Köln 2014.
[78] Eric Hobsbawm, The Age of Extremes: A History of the World 1914-1991, London 1994; Edward P. Thompson, The Making of the English Working Class, London 1963.
[79] Marcel van der Linden (Hrsg.), The End of Labour History, Cambridge 1993.
[80] German Labour History Association, Was ist die GLGA?, https://www.germanlabourhistory.de/about/ [10.09.2026].
[81] Reinhart Koselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848, Stuttgart 1975, S. 587; vgl. Daniel Kremers/Shunsuke Izuta, Bedeutungswandel der Zivilgesellschaft oder das Elend der Ideengeschichte: Eine kommentierte Übersetzung von Hirata Kiyoakis Aufsatz zum Begriff shimin shakai bei Antonio Gramsci (Teil 1), in: Asiatische Studien 71 (2017), H. 2, S. 713-739.
[82] Alexis de Tocqueville, De la démocratie en Amérique, Paris 1835/40.
[83] Gisela Bock, Frauen in der europäischen Geschichte: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2000, S. 183; vgl. John Tosh, Hegemonic Masculinity and the History of Gender, in: Stefan Dudink/Karen Hagemann/John Tosh (Hrsg.), Masculinities in Politics and War. Gendering Modern History, Manchester 2004, S. 41-58, hier S. 41 u. 47-48.
[84] Dawn Teele, Forging the Franchise: The Political Origins of the Women’s Vote, Princeton 2018, S. 183.
[85] Auch zur Forschungsgeschichte: Angelika Schaser, Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft, Köln 2000; Martha S. Jones, Vanguard. How Black Women Broke Barriers, Won the Vote, and Insisted on Equality for All, New York 2020.
[86] Bettina Hitzer, Im Netz der Liebe: Die protestantische Kirche und ihre Zuwanderer in der Metropole Berlin (1849-1914), Köln 2006; Michael Czolkoß, Transnationale Möglichkeitsräume: Deutsche Diakonissen in London (1846-1918), Göttingen 2022, online https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/76863/ssoar-2022-czolko-hettwer-Transnationale_Moglichkeitsraume_Deutsche_Diakonissen_in.pdf?sequence=1 [10.09.2026].
[87] Lizabeth Cohen, A Consumers’ Republic: The Politics of Mass Consumption in Postwar America, in: Journal of Consumer Research 31 (2004), H. 1, S. 236-239, online https://dash.harvard.edu/server/api/core/bitstreams/7312037c-5872-6bd4-e053-0100007fdf3b/content [10.09.2026].
[88] Von Rahden, Demokratie.
[89] Geneviève Fraisse, Geschlecht und Moderne. Archäologien der Gleichberechtigung, Frankfurt a.M. 1995, S. 28.
[90] Nadine Rossol/Benjamin Ziemann, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik, Bonn 2022, S. 9-37, hier S. 23f.
[91] Andreas Biefang, Parlamentarismus und Demokratie, in: ders./Dominik Geppert/Marie-Luise Recker/Andreas Wirsching (Hrsg.), Parlamentarismus in Deutschland von 1815 bis zur Gegenwart. Historische Perspektiven auf die repräsentative Demokratie, Bonn 2023, S. 29-54; Christoph Möllers, Das Grundgesetz. Geschichte und Inhalt, München 2019, S. 15.
[92] Vgl. Olaf Blaschke/Simon Potthast, Veit Valentins „Geschichte der deutschen Revolution 1848-1849“ (von 1930/1931). Eine Vorläuferin transnationaler Geschichtsschreibung?, in: Historische Zeitschrift 316 (2023), H. 1, S. 110-145.
[93] Rossol/Ziemann, Einleitung, S. 9.
[94] Martin Conway, Western Europe’s Democratic Age 1945-1968, Princeton/Oxford 2020; Hedwig Richter, Wahlen im Nationalsozialismus: Eine dunkle Seite der Demokratiegeschichte, in: Thomas Weber (Hrsg.), Als die Demokratie starb. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten – Geschichte und Gegenwart, Freiburg 2022, S. 63-74.
[95] Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Logische Grundlegung des Systems der Soziologie, Leipzig 1930.
[96] Jens Hacke, Existenzkrise der Demokratie. Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit, Berlin 2018.
[97] Vgl. zur Forschungsgeschichte: Alexander Gallus/Ernst Piper (Hrsg.), Die Weimarer Republik als Ort der Demokratiegeschichte, Bonn 2023, hier vor allem S. 7-13.
[98] Vgl. dazu im Überblick: Rossol/Ziemann, Einleitung, S. 25-27.
[99] Möllers, Grundgesetz, S. 15.
[100] Mark Jones, Am Anfang war Gewalt: Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017.
[101] Detlev Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt a.M. 1987.
[102] Bernd Faulenbach, Die doppelte „Vergangenheitsbewältigung“. Nationalsozialismus und Stalinismus als Herausforderungen zeithistorischer Forschung und politischer Kultur, in Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 107-124, hier S. 112, online https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/946/file/faulenbach_doppelte_vergangenheitsbew%c3%a4ltigung_1995_de.pdf [10.09.2026].
[103] David Schoenbaum, Hitler's Social Revolution: Class and Status in Nazi Germany, 1933-1939, New York 1966.
[104] Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a.M. 2005.
[105] Hedwig Richter/Ralph Jessen, Elections, Plebiscites, and Festivals, in: Robert Gellately (Hrsg.), The Oxford Illustrated History of the Third Reich, Oxford 2018, S. 85-118.
[106] Jussi Kurunmäki/Jeppe Nevers/Henk te Velde (Hrsg.), Democracy in Modern Europe: A Conceptual History, New York 2018.
[107] Max Kaase/Günther Schmid (Hrsg.), Eine lernende Demokratie. 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1999.
[108] Tim Schanetzky, Politik der politischen Bildung. Das Ringen um die Demokratisierung der Deutschen seit 1945, Göttingen 2025.
[109] Martin Conway, Western Europe’s Democratic Age: 1945-1968, Princeton 2020.
[110] Conway, Democratic Age; Jan-Werner Müller, Populismus. Symptom einer Krise der politischen Repräsentation?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40-42 (2016), S. 24-29, hier S. 25, online https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/234701/populismus/ [10.09.2026].
[111] Zitiert in Nolte, Demokratie, S. 286.
[112] Möllers, Grundgesetz, S. 15.
[113] Schüler-Springorum, Unerwünscht; Maria Alexopoulou, Rassistisches Wissen in der Transformation der Bundesrepublik Deutschland in eine Einwanderungsgesellschaft. 1940-1990, Göttingen 2024.
[114] Vgl. etwa Frank Bösch/Andreas Wirsching, Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus, Göttingen 2018; Manfred Görtemaker/Christoph Safferling, Die Akte Rosenburg: Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Vergangenheit. Eine Behördenbiografie, München ²2016; Constantin Goschler/Michael Wala, „Keine neue Gestapo“. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit, Reinbeck 2015; Jutta Braun u. a., Das Kanzleramt. Bundesdeutsche Demokratie und NS-Vergangenheit, Göttingen 2025; Eckart Conze u.a., Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010.
[115] Lizabeth Cohen, A Consumers’ Republic. The Politics of Mass Consumption in Postwar America, New York 2003, S. 152-225.
[116] Tony Judt, Postwar. A History of Europa Since 1945, London 2005, insbes. Kap. V-VII, IX, XIII; Christina Morina, Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren, München 2023; /Ralph Jessen/Hedwig Richter (Hrsg.), Voting for Hitler and Stalin. Elections under 20th Century Dictatorships, Frankfurt a. M. 2011.
[117] Jessen/Richter (Hrsg.), Voting for Hitler and Stalin.
[118] Judith Strohm/Eric van Grasdorff/Verena Ackels, 50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten. Eine (selbst-)kritische Bilanz, Berlin/Wien 2010.
[119] Frank Bösch, Deals mit Diktaturen: Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, München 2024.
[120] Theodor Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a.M. 1951; Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Neuwied/Berlin 1967.
[121] Mende, Geschichte der Gründungsgrünen.
[122] Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig: Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018.
[123] Chen Jian u.a. (Hrsg.), The Routledge Handbook of the Global Sixties: Between Protest and Nation-Building, London/New York 2018.
[124] Ingrid Gilcher-Holtey, 1968: Vom Ereignis zum Mythos, Berlin 2008.
[125] Sina Arnold, Das unsichtbare Vorurteil. Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11, Hamburg 2016; Götz Aly, Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt a.M. 2008.
[126] Möllers, Freiheitsgrade, S. 236.
[127] Kiran Klaus Patel, Projekt Europa. Eine kritische Geschichte, München 2018.
[128] Dirk Jörke, Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation, Berlin 2019.
[129] Philip Manow, (Ent-)Demokratisierung der Demokratie, Berlin 2020.
[130] Stephen Kotkin, Uncivil Society: 1989 and the Implosion of the Communist Establishment, New York 2009; Detlef Pollack, Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute, Bielefeld 2020.
[131] Michail Gorbatschow, Erinnerungen. Das Vermächtnis eines Reformers, Berlin 1995, S. 284.
[132] Pollack, Das unzufriedene Volk.
[133] Vgl. auch Wolfrum, Die geglückte Demokratie.
[134] Uffa Jensen, Ein antisemitischer Doppelmord. Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, Berlin 2022; Christian Bangel, Rechte Gewalt in den 1990er Jahren. #baseballschlägerjahre. Ein Hashtag und seine Geschichten, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/rechte-gewalt-in-den-1990er-jahren-2022/515769/baseballschlaegerjahre/ [10.09.2026].
[135] Cas Mudde, On Extremism and Democracy in Europe, London 2016.
[136] Julian E. Zelizer (Hrsg.), The Presidency of Donald J. Trump. A First Historical Assessment, Princeton 2022.
[137] Niall Ferguson, Civilization: The West and the Rest, New York 2011.
[138] Frederick Cooper/Ann Laura Stoler (Hrsg.), Tensions of Empire: Colonial Cultures in a Bourgeois World, Berkeley 1997.
[139] Enzo Traverso, Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des NS-Terrors, Köln 2003; Jürgen Zimmerer, From Windhoek to Auschwitz? Reflections on the Relationship between Colonialism and National Socialism, Berlin/Boston 2024, online https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/87809 [10.09.2026].
[140] Boaventura de Sousa Santos (Hrsg.), Democratizing Democracy: Beyond the Liberal Democratic Canon, London/New York 2007.
[141] Partha Chatterjee, The Politics of the Governed: Reflections on Popular Politics in Most of the World, New York 2004, S. 4.
[142] Vgl. den Überblick in Sebastian Conrad, Enlightenment in Global History: A Historiographical Critique, in: American Historical Review 117 (2012), H. 4, S. 999-1027.
[143] Ferit Güven, Decolonizing Democracy: Intersections of Philosophy and Postcolonial Theory, Lanham 2015, S. xi.
[144] Vgl. den Überblick in Frank Bösch/Norbert Frei (Hrsg.), Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2006.
[145] Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. 1981.
[146] Vgl. zuletzt auch Jürgen Habermas, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin 2022.
[147] Gian Enrico Rusconi, Berlusconismo. Neuer Faschismus oder demokratischer Populismus?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (2002), H. 8, S. 973-990.
[148] Yochai Benkler, The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom, New Haven, CT 2007.
[149] Yochai Benkler u.a., Network Propaganda. Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, Oxford 2018.
[150] Robert D. Putnam, Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community, New York 2000; vgl. dazu sein Interview „Robert Putnam knows why you’re lonely“, „New York Times“, 13.07.2024.
[151] Anja Kruke, Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949-1990, Düsseldorf 2007.
[152] Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt a.M. 2001, S. 12; Richter, Demokratie.
[153] Linda Zerilli, Feminist Theory and the Canon of Political Thought, in: John S. Dryzek u.a. (Hrsg.), The Oxford Handbook of Political Theory, Oxford 2008, S. 106-124, hier S. 112; vgl. Carole Pateman, The Sexual Contract, Stanford 1988.
[154] Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Berlin 2012, S. 165.
[155] Carole Pateman, „God Hath Ordained to Man a Helper“: Hobbes, Patriarchy and Conjugal Right, in: British Journal of Political Science 19 (1989), H. 4, S. 445-463, bes. S. 460, online doi:10.1017/S0007123400005585.
[156] Gundula Ludwig, Körperpolitiken und Demokratie. Eine Geschichte medizinischer Wissensregime, Frankfurt a.M. 2023.
[157] Felix Heidenreich, Nachhaltigkeit und Demokratie. Eine politische Theorie, Berlin 2023.
[158] David Runciman, The Confidence Trap: A History of Democracy in Crisis from World War I to the Present, Princeton 2013.
[159] Vgl. Constantin M. März, Politische Polarisierung in den USA, anno 1964. Barry M. Goldwater als Präsidentschaftskandidat und sein Gespenst, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 20 (2023), H. 3, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2023/6155, S. 455-479.
[160] Nadia Urbinati, Democracy Disfigured: Opinion, Truth, and the People, Cambridge 2014.
[161] Sandra Maß, Zukünftige Vergangenheiten. Geschichte schreiben im Anthropozän, Göttingen 2024; Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022.
[162] Charbonnier, Überfluss und Freiheit, insbes. S. 197.
[163] Charbonnier, Überfluss und Freiheit, S. 16.
[164] Metis Institut für Strategie und Vorausschau der Universität der Bundeswehr München, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung u. adelphi research (Hrsg.), Nationale Interdisziplinäre Klimarisiko-Einschätzung, 2025, https://metis.unibw.de/de/publications/nationale-interdisziplinaere-klimarisiko-einschaetzung [10.09.2026].
[165] Der Stand der Demokratie, Economist Democracy Index, 16.09.2025, https://de.statista.com/infografik/20599/economist-democracy-index/ [10.09.2026].
[166] Democracy Perception Index 2024, https://www.democracywithoutborders.org/de/32328/umfrage-in-53-laendern-unterstuetzung-der-demokratie-bleibt-hoch-auf-85/?utm_source [10.09.2026].
[167] Vgl. Iris Marion Young, Intersecting Voices. Dilemmas of Gender, Political Philosophy and Policy, Princeton 1997; John Keane, The Life and Death of Democracy, London u.a. 2009; Wintgens, Treibhaus Bonn.
Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022
Martin Conway, Western Europe’s Democratic Age 1945-1968, Princeton/Oxford 2020
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