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Über Ereignisse, Folgen und Deutungen einer für Deutschland, Europa und die Welt bedeutsamen Zäsur reflektiert Christoph Kleßmann in seinem Beitrag über „1945“. Der Autor rekonstruiert zeitgenössische Interpretationen dieses Jahres als Niederlage, Befreiung oder Stunde Null und setzt sie ins Verhältnis zu historiografischen Deutungsmustern. Sein Beitrag für die Docupedia-Kategorie „Periodisierung“ vergleicht zudem „1945“ und „1989“ mit Blick auf das Spannungsverhältnis von gesellschaftsgeschichtlichen Brüchen und Kontinuitäten, das beide Chiffren aufrufen. Kleßmann diskutiert dabei auch, wie sich der Blick auf das Kriegsende durch den Fall der Mauer verändert hat.  +
Timothy S. Brown highlights in his article that the year „1968” must be conceived as a cipher for the political and social change in the second half of the 20th century. He inquires the generational connection and the transnational entanglement of the “Global Sixties”. Despite the numerous research in the course of the 50th anniversary of “1968” remains the subject fruitful: Brown points out the potential of interdisciplinary studies, which give more weight to the cultural aspects of “1968” and the new kinds of the political, focus on the analysis of reactions of the states and their elites as well as on the changes in gender relations and in general on the long-term effects of this “epoch-making” year.  +
Das Jahr 1989 ist eine der wenigen Zäsuren der Zeitgeschichte, die in den meisten europäischen Ländern eindeutig positiv besetzt ist. Dies ist unabhängig davon, ob es sich wie zum Beispiel in der DDR um einen raschen Bruch handelte oder um den Endpunkt einer graduellen, durch Reformen geprägten Entwicklung, wie in Polen. Philipp Ther legt in seinem Artikel dar, wie der Begriff ‚Revolution‘ im Kontext von 1989 genutzt wurde und wird, und beschreibt Ursachen sowie verpasste Chancen dieser historischen Zäsur.  +
A
Ohne afroamerikanische Geschichte kann die amerikanische Geschichte und Gegenwart nicht verstanden werden. Ihre Ausrichtung und Forschungsschwerpunkte sind daher stark geprägt von den gesellschaftlichen und politischen Konjunkturen der Zeit. Christine Knauer zeichnet in ihrem Beitrag die Genese der afroamerikanischen Geschichtsschreibung nach und verweist auf die enge Verknüpfung von Geschichtsschreibung, Freiheitskampf und Bürgerrechtsbewegung im 19. und besonders im 20. Jahrhundert. Sie beschreibt die derzeitigen Forschungsansätze und -trends in der afroamerikanischen Historiografie, die auch in der europäischen sowie deutschen Amerikaforschung zunehmend bearbeitet werden.  +
Am Schnittpunkt zwischen Wirtschafts- und „allgemeiner“ Geschichte situiert Ralf Ahrens die Unternehmen als zentrale Akteure der modernen Geschichte: Sie dominieren Wertschöpfung und ökonomisch-technischen Strukturwandel, sie prägen geografische wie gesellschaftliche Räume, sie beeinflussen kulturelle Wahrnehmungsmuster - und nicht zuletzt auch die Politik. In seinem Beitrag präsentiert Ahrens theoretische Rahmungen der Unternehmensgeschichte genauso wie ihre Institutionalisierung, ihre aktuellen Schwerpunkte und ihre Anschlussmöglichkeiten für andere Bereiche der zeithistorischen Forschung.  +
Am Schnittpunkt zwischen Wirtschafts- und „allgemeiner“ Geschichte situiert Ralf Ahrens die Unternehmen als zentrale Akteure der modernen Geschichte: Sie dominieren Wertschöpfung und ökonomisch-technischen Strukturwandel, sie prägen geografische wie gesellschaftliche Räume, sie beeinflussen kulturelle Wahrnehmungsmuster – und nicht zuletzt auch die Politik. In seinem Beitrag präsentiert Ahrens theoretische Rahmungen der Unternehmensgeschichte genauso wie ihre Institutionalisierung, ihre aktuellen Schwerpunkte und ihre Anschlussmöglichkeiten für andere Bereiche der zeithistorischen Forschung.  +
In seinem Beitrag über „Amerikanisierung und Westernisierung“ widmet sich Anselm Doering-Manteuffel zwei bedeutenden Formen des Kulturtransfers in der Mitte des 20. Jahrhunderts. „Amerikanisierung“ bezeichnet im Wesentlichen den wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss Amerikas und die Adaption von Gebräuchen, Verhaltensweisen, Bildern und Symbolen in Politik, Kunst und Alltagswelt. „Westernisierung“ beschreibt hingegen die politisch-ideelle Homogenisierung Westeuropas, die Sozialliberalisierung sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien sowie ganz konkret die Beeinflussung der westdeutschen publizistischen und akademischen Öffentlichkeit mit dem Ziel, deren antiwestliche und antiliberale Traditionen zu durchbrechen.  +
Die Arbeitergeschichte erforscht einen epochenübergreifenden Entwicklungsstrang, und bezeichnet nicht nur die Geschichte der Arbeiter im engeren Sinne, sondern auch die der Arbeiterschaft, der Arbeiterklasse, der Arbeiterbewegung und die der Arbeit selbst. In seinem Artikel erläutert Peter Hübner die verschiedenen Aspekte der Arbeitergeschichte aus historischer und interdisziplinärer Perspektive und stellt wichtige Forschungseinrichtungen, Archive und Bibliotheken des Forschungsfeldes vor. Abschließend wirft er einen Blick in die Zukunft der Arbeitergeschichte und erörtert mögliche Optionen der weiteren Forschung.  +
Der Beitrag von Dan Diner ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Diner erörtert darin das Hauptwerk von Hannah Arendt „The Origins of Totalitarianism“, das 1951 erschienen ist. Als ungewöhnliches Buch, dessen Genre bereits schwer auszumachen ist und in dem Geschichte weniger erzählt denn argumentiert wird, nimmt Diner vor allem die sich wandelnde Rezeptionsgeschichte des Klassikers der Zeitgeschichte in den Blick.  +
Environmental history is the history of the changing mutual relationship between humankind and nature. The various, more or less concrete attempts to define this area of historical study can be reduced to this basic common denominator. Though the notion of man and nature's mutual dependence may sound pithy at first, it's a rather fuzzy one upon closer inspection. Melanie Arndt describes this field of research in all its facets – because the valuable contribution of environmental history as a „subdiscipline” deserves much greater recognition from the outside world and from scholars working in other disciplines.  +
Jetzt in einer vollständig überarbeiteten und erweiterten Neuauflage Version 3.0: Melanie Arndt stellt die noch relativ junge historische Subdisziplin in all ihren Facetten vor, thematisiert die umwelthistorischen Grundbegriffe, macht Periodisierungsvorschläge und gibt eine umfassende Themenübersicht. Neu hinzugekommen ist ein Exkurs zur Umweltgeschichte Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas: Nach dem „Go West” der nordamerikanischen Umweltgeschichte entwickelt sich derzeit die „East Side Story” der globalen Umweltgeschichte besonders dynamisch. Und so ist der Beitrag auch ein Plädoyer dafür, die wertvollen Impulse, die von der Umweltgeschichte ausgehen, produktiv in die Zeitgeschichte einzubringen.  +
B
Zur Beleuchtung des Begriffs 'Cultural Turn' und seiner Rolle in den Kultur- und Sozialwissenschaften zieht die Autorin Doris Bachmann-Medick die Pluralisierung der neueren Kulturwissenschaft heran und stellt Fragen bezüglich der Dynamik dieser Wissenschaft. Dazu erläutert sie den Begriff des 'turns' selbst, fragt wann dieser eigentlich zu einem 'turn' wird, wie fruchtbar die 'turns' für das konkrete Arbeiten der Disziplinen sind und stellt abschließend eine Neukonzeptualisierung der Kulturwissenschaft in Aussicht.  +
Wie und nach welchen Kriterien entstehen ''turns''? Doris Bachmann-Medick entfaltet das Spektrum der unterschiedlichen ''cultural turns'' und zeigt ihr Potential für eine Veränderung des Kulturbegriffs selbst. Wieweit die ''cultural turns'' eine Abkehr von einem übertriebenen Konstruktivismus hin zur Rückgewinnung von Referentialität befördern, wird schließlich an unterschiedlichen Formen von ''re-turns'' gezeigt. Von hier aus eröffnet sich ein breiterer Horizont, in dem sich die zukünftige Forschungslandschaft der Kulturwissenschaften ausgehend von ''cultural turns'' (und über sie hinaus?) weiterprofilieren könnte.  +
Geschichtswissenschaftliche Studien zum „Neuen Menschen“ beziehen sich auf übergreifende Fragestellungen und breitere Forschungsfelder. Dabei sind die neuen totalitären Ideologien und modernen Diktaturen des 20. Jahrhunderts besonders beachtet worden. Allerdings wurden Utopien eines Neuen Menschen auch in Demokratien entwickelt, die deshalb in diesem Beitrag ebenfalls berücksichtigt werden. Abschließend wird auf Defizite der Geschichtsschreibung hingewiesen.  +
Die Kritik an der Bürokratie bestimmt bereits seit dem 19. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit dem modernen Staat, seinem Potenzial, seinen Leistungen und seinen Schwächen mit. Peter Becker skizziert aus dieser Perspektive die Karriere des Begriffs zwischen dem frühen 19. und dem späten 20. Jahrhundert, setzt sich mit Max Weber und seiner Rezeption, der Bürokratie im NS-Staat und der Neubestimmung der Bürokratie in der Nachkriegszeit auseinander und stellt abschließend neue Ansätze der historisch-kulturwissenschaftlichen Bürokratieforschung vor.  +
Die klassische Begriffsgeschichte hat als Historische Semantik eine Renaissance erfahren. Kathrin Kollmeier widmet sich zunächst der lexikografischen Begriffsgeschichte, insbesondere den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ und ihren theoretischen und methodischen Voraussetzungen. Ansätze hingegen, die unter dem Oberbegriff Historische Semantik firmieren, beschränken sich nicht mehr allein auf die Analyse der Historizität von Begriffen, sondern untersuchen den Bedeutungsgehalt und -wandel von Worten, Begriffen, Sprachen und Diskursen sowie kultureller Codes wie Bilder, Rituale, Habitus und Performativa. Zudem verweist der Artikel darauf, dass eine Historische Semantik des 20. Jahrhunderts sich sowohl dem semantischen Wandel im Zuge von politischen, sozialen und kulturellen Brüchen und Diskontinuitäten als auch den relativ stabil bleibenden Bedeutungen „langer Dauer” im gesamten 20. Jahrhundert widmen sollte.  +
Now in English: The term dictatorship originates from the roman constitutional law, in which it described the temporary rule of a dictator who was above the law to defend the republic. This initial meaning was reshaped multiple times during the 20th century; the modern meaning was developed as a self-description and exonym for the communist, fascist and Nazi regime. The article written by Jan C. Behrends reconstructs the history of the term during the 20th century, focussing on the Russian and German case, concluding with a view on the contemporary historical research of today.  +
Der Begriff Diktatur stammt aus dem römischen Staatsrecht, wo er die temporäre Herrschaft eines Diktators bezeichnete, der zur Verteidigung der Republik über dem Gesetz stand. Diese klassische Bedeutung wurde im 20. Jahrhundert vielfach überformt; der moderne Diktaturbegriff entstand als Eigen- und Fremdbezeichnung für die kommunistische, faschistische und nationalsozialistische Herrschaft. Der Artikel unseres Autoren Jan C. Behrends rekonstruiert die Geschichte des Begriffs im 20. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt auf den russischen und deutschen Fall und blickt abschließend auf die zeithistorische Forschung der Gegenwart.  +
Der Begriff „Antisemitismus“ meint im modernen Sprachgebrauch die Gesamtheit judenfeindlichen Äußerungen und Handlungen, unabhängig von ihren unterschiedlichen Motiven. Beginnend mit einer Unterscheidung zwischen diesem Begriff und dem des Antijudaismus, beschreibt Wolfgang Benz die Geschichte des Antisemitismus vom frühen Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Auch liefert er einen Einblick in die vielfältigen Methoden und Erklärungsmodelle der interdisziplinären Antisemitismusforschung.  +
The term 'anti-Semitism' in modern language covers the sum total of anti-Jewish statements and actions, irrespective of the various motivations behind them. Starting with a distinction between that word and the term 'anti-Judaism', Wolfgang Benz describes the history of anti-Semitism beginning in the early middle ages until the 21st century. Likewise, he provides insight into the diverse methods and explanatory models of the interdisciplinary anti-Semitism research.  +
Die Besatzung großer Teile Europas in den Jahren des Zweiten Weltkriegs stellte einen tiefgreifenden, häufig krisenhaften Einschnitt in die Normalitätsverhältnisse von 200 Millionen betroffenen Menschen dar. Dennoch hat Besatzung als Erfahrungsgeschichte bisher einen eher geringen Widerhall in der Forschung gefunden, zumal in europäisch-vergleichender Perspektive. Tatjana Tönsmeyer beleuchtet mit „Widerstand und Kollaboration“ sowie der jüngeren Holocaustforschung zwei einschlägige Interpretationszusammenhänge, bevor sie mit dem Begriff der Besatzungsgesellschaften ein eigenes konzeptionelles Angebot formuliert. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Akteur/innen sowie ihren Handlungsoptionen in Interaktion mit den Besatzern.  +
Historische Ereignisse gelten als zentrale Elemente bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Nachdem ihre Bedeutung mit dem Aufstieg der Sozialgeschichte in den Hintergrund rückte, hat in jüngster Zeit – auch durch kultur-, medien- und sozialwissenschaftliche Impulse – die Auseinandersetzung mit Ereignissen wieder zugenommen. In dem Artikel wird diskutiert, wie sich das historische Ereignis konzeptionell fassen lässt, wie sich sein Status in der Geschichtswissenschaft wandelte und welche (zeit-)historischen Ansätze sich zur Erforschung anbieten.  +
C
In seinem Artikel beleuchtet Bernd Greiner die im vergangenen Jahrzehnt entstandenen Cold War Studies, welche sich aus dem normativen Korsett ihres Gegenstandes emanzipierten. Sie zielen hierbei auf ein renoviertes Verständnis von historischen Räumen, politischen Handeln und gesellschaftlicher Nachhaltigkeit und bilden laut Greiner eine Werkstatt, die die neuesten Instrumente der Zeitgeschichte auf den Prüfstand stellen. Er beleuchtet wie sich das Forschungsfeld von den auf die beiden Supermächte fixierten Perspektive löst und nach der Rolle der kleinen Akteure, der sogenannten Peripherie, fragt und sich deren Politik und Gesellschaftsgeschichte zuwendet.  +
Jonas Brendebach, Sonja Dolinsek, Anina Falasca und Leonie Kathmann kommentieren den Beitrag „Kalter Krieg und „Cold War Studies”“ von Bernd Greiner. Dabei wollen sie die Geschichte des Kalten Krieges vor allem um transnationale Ansätze erweitern und die Arbeit internationaler Organisationen in den Cold War Studies stärker berücksichtigen. Insbesondere letztere sollen in ihren beiden Ausprägungsformen als „Intergouvernementale Organisationen” und als „Internationale Nichtregierungsorganisationen” betrachtet werden. Damit untersuchen sie ein junges Forschungsfeld, das rasch wächst, aber auch noch erhebliche Desiderate aufweist.  +
D
Geschichtsdidaktik geht es um die Sichtbarkeit der Vergangenheit in der Gegenwart. In welcher Weise man ihr dabei begegnen kann, lässt sich an einer alltäglichen Beobachtung veranschaulichen. Das Bild zeigt einen Schnappschuss vor dem Colosseum in Rom: Inmitten von Touristenscharen sieht man einen als römischen Legionär verkleideten Mann und einen aufgeweckten Jungen miteinander scherzen.  +
Ist Facebook eine zeithistorische Quelle, und wer archiviert die Tweets der Politiker? Wie nutzt man digitale Quellen, und wie verändert sich die Quellenkritik, wenn die Kopie sich vom Original nicht mehr unterscheiden lässt? Seit Beginn der 2010er-Jahre wird unter dem Stichwort „Digital Humanities” insbesondere im angelsächsischen Raum eine intensive Debatte über neue Potenziale für die Geisteswissenschaften geführt: Peter Haber zeichnet in seinem Beitrag die Entwicklung der Digital Humanities nach und fragt, ob sich mit der Digitalisierung nicht nur die Qualität und Quantität der Quellen, sondern auch der gesamte Arbeitsprozess von Zeithistoriker/innen verändert hat.  +
Komparative Verfahren gehören inzwischen auch in der Geschichtswissenschaft zum selbstverständlichen methodischen Handwerkszeug. Detlef Schmiechen-Ackermann zeichnet in seinem Beitrag frühe Etappen der Diktaturforschung und des Vergleichs im internationalen Maßstab nach und fragt, warum vergleichende Betrachtungen von Diktaturen in öffentlichen Debatten in der Vergangenheit so umstritten waren. Daran schließen sich Überlegungen zur Methodik und zu den unterschiedlichen Varianten des „Diktaturenvergleichs“ an sowie ein knapper Ausblick auf die sich wandelnden Perspektiven vergleichender Diktaturforschung im 21. Jahrhundert.  +
Wenige Begriffe dürften für die konzeptionelle Rahmung und Periodisierung zeithistorischer Forschungen, aber auch für die Erfahrungshorizonte, Selbst- und Weltdeutungen vieler Menschen im 20. Jahrhundert von ähnlich zentraler Bedeutung sein wie der Begriff der „Moderne“, den Christof Dipper in seinem Beitrag einer komplexen Historisierung unterzieht. In seiner Skizze der Moderne als einer historischen Epoche, die der Autor um 1880 beginnen und etwa 100 Jahre später enden lässt, betont Dipper die Verschränkung sozialstruktureller Basisprozesse und zeitgenössischer Erfahrungs- und Wahrnehmungsmuster einer grundstürzend neuen Epoche.  +
Wenige Begriffe dürften für die konzeptionelle Rahmung und Periodisierung zeithistorischer Forschungen, aber auch für die Erfahrungshorizonte, Selbst- und Weltdeutungen vieler Menschen im 20. Jahrhundert von ähnlich zentraler Bedeutung sein wie der Begriff der „Moderne“, den Christof Dipper in seinem Beitrag einer komplexen Historisierung unterzieht. In seiner Skizze der Moderne als einer historischen Epoche, die der Autor um 1880 beginnen und etwa 100 Jahre später enden lässt, betont Dipper die Verschränkung sozialstruktureller Basisprozesse und zeitgenössischer Erfahrungs- und Wahrnehmungsmuster einer grundstürzend neuen Epoche.  +
The word Moderne (modernity) has been a staple of many disciplines ever since the 1980s, though previously restricted almost exclusively to the fields of aesthetics and literary criticism (and referred to here in English as “modernism”). The term can have a variety of meanings, however, depending on its context.  +
The word Moderne (modernity) has been a staple of many disciplines ever since the 1980s, though previously restricted almost exclusively to the fields of aesthetics and literary criticism (and referred to here in English as “modernism”). The term can have a variety of meanings, however, depending on its context.  +
Obwohl andere Kategorien sozialer Ungleichheit wie Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und „Ethnizität” bereits intensive wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren haben, ist „Disability History” trotz der offensichtlichen Relevanz ihres Gegenstands erst seit wenigen Jahren ein expandierendes und dynamisches Forschungsfeld. Gabriele Lingelbach und Sebastian Schlund legen in ihrem Beitrag, ausgehend von der Genese des Forschungsansatzes Disability History und der Präsentation der in verschiedenen Zeiträumen und wissenschaftlichen Diskussionen dominanten Modelle von „Behinderung”, den Fokus auf die Geschichte von Menschen mit Behinderung in beiden deutschen Staaten zwischen 1945 und 1990.  +
Die Diskussionen um das Verhältnis von Geschichte und Öffentlichkeit in Deutschland werden zunehmend mit Bezug auf die englischsprachige Begriffsprägung Public History geführt.  +
Dieser Text ist Teil der Buchpublikation: Wolfgang Hardtwig, Verlust der Geschichte – oder wie unterhaltsam ist die Vergangenheit? Berlin 2010, erschienen im Vergangenheitsverlag. Wir danken dem Verlag für die kostenfreie Teilpublikation.  +
Marcus Ventzke kommentiert den Beitrag „Diskussion Angewandte Geschichte: Ein neuer Ansatz?“ von Anna Littke, Felix Ackermann, Jacqueline Nießer, Jakob Ackermann und Juliane Tomann. Das Konzept des Begriffs Angewandte Geschichte ist bislang noch nicht eindeutig bestimmt, dafür betrachtet Ventzke nun die Formierungsphasen der Angewandten Geschichte und darin u.a. die Public History, die Öffentlichkeit als Bezugspunkt und die Traditionen der Angewandten Geschichte.  +
In seinem Beitrag über „Amerikanisierung und Westernisierung“ widmet sich Anselm Doering-Manteuffel zwei bedeutenden Formen des Kulturtransfers in der Mitte des 20. Jahrhunderts. „Amerikanisierung“ bezeichnet im Wesentlichen den wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss Amerikas und die Adaption von Gebräuchen, Verhaltensweisen, Bildern und Symbolen in Politik, Kunst und Alltagswelt. „Westernisierung“ beschreibt hingegen die politisch-ideelle Homogenisierung Westeuropas, die Sozialliberalisierung sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien sowie ganz konkret die Beeinflussung der westdeutschen publizistischen und akademischen Öffentlichkeit mit dem Ziel, deren antiwestliche und antiliberale Traditionen zu durchbrechen.  +
Obwohl Psychologie und Psychoanalyse Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft sind, findet eine methodische und theoretische Auseinandersetzung mit diesen kaum statt. Dennoch können sie, wie Nikolas R. Dörr im vorliegenden Beitrag erörtert, hervorragende Hilfswissenschaften der (zeit-)historischen Forschung sein, wenn sie richtig ausgewählt und angewendet werden. Er plädiert für eine (Wieder-)Entdeckung beider Disziplinen für die zeithistorische Forschung und erörtert den Nutzen mithilfe eines kurzen geschichtlichen Abrisses sowie praxisbezogenen Anwendungsbeispielen. Abschließend wendet er sich möglichen Kritiken und Gefahren der Psychologie und Psychoanalyse zu und zieht ein Resümee.  +
Obwohl Psychologie und Psychoanalyse Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft sind, findet eine methodische und theoretische Auseinandersetzung mit diesen kaum statt. Dennoch können sie, wie Nikolas R. Dörr im vorliegenden Beitrag erörtert, hervorragende Hilfswissenschaften der (zeit-)historischen Forschung sein, wenn sie richtig ausgewählt und angewendet werden. Er plädiert für eine (Wieder-)Entdeckung beider Disziplinen und erörtert den Nutzen mithilfe eines kurzen geschichtlichen Abrisses sowie von praxisbezogenen Anwendungsbeispielen.  +
Die „Dritte Welt“ hat es nur als abstraktes wirkmächtiges zeitgenössisches Ordnungsmuster der Welt gegeben. Der Begriff wurde von imaginären und tatsächlichen Entwicklungen in den Ländern Asiens und Afrikas sowie zum Teil auch Lateinamerikas geprägt. Jürgen Dinkel zeigt die entsprechende Aufladung des schillernden Begriffs ebenso wie das jeweils politische und wirtschaftliche Agieren dieser an sich sehr unterschiedlichen Länder auf, um mit der Historisierung von Geschichte und Semantiken der Dritten Welt zu beginnen.  +
E
Dem Begriff der ‚Elite‘ wohnt eine begriffliche Unschärfe inne, welcher Morten Reitmayer in seinem Artikel auf den Grund geht. Beginnend bei frühen Elite-Theorien, die die Unterscheidung von Elite und Nicht-Elite als wichtigste gesellschaftliche Trennlinie betrachteten, wendet er sich zentralen Termini zu und grenzt Funktions- und Machteliten voneinander ab. Zentral für Reitmayer sind auch die fruchtbaren kritischen Ansätze von Bourdieu, die für ihn eine potentielle Bereicherung der Erträge der Eliten-Forschung bereithalten.  +
Gedächtnis und Erinnerung gehören heute zu den wichtigsten Kategorien der Geistes- und Sozialwissenschaften und sind geläufige Begriffe, die in der Regel nur dahingehend differenziert werden, als dass das Gedächtnis die Erinnerung erst möglich macht. Das Forschungsfeld in diesem Bereich scheint auf den ersten Blick unübersichtlich, nutz man jedoch die Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs als einen zentralen theoretischen Bezugspunkt, lässt sich so ein roter Faden durch Theorie und Empirie ziehen. Sabine Mollers Artikel gliedert sich daher in drei Teile, die ihre Entsprechung in den Zugangsweisen zur Zeitgeschichte finden: a) Primärerfahrung, b) öffentliche Erinnerungskultur, c) Geschichtswissenschaft.  +
Obwohl der Begriff „Erinnerungskultur” erst seit den 1990er-Jahren Einzug in die Wissenschaftssprache gefunden hat, ist er inzwischen ein Leitbegriff der modernen Kulturgeschichtsforschung. In seinem umfassenden Beitrag nimmt Christoph Cornelißen diesen Begriff in den Blick, definiert ihn und setzt ihn in Zusammenhang mit anderen Begriffen und Konzepten.  +
This article will first examine the emergence of Italian Fascism and provide insight into Italian Fascists’ self-perception. Second, taking the contemporary conceptualizations of fascism developed by its Marxist, liberal, and conservative opponents as a starting point, this article reviews research on fascism during the Cold War. Third, the approaches taken by more recent research on fascism will be discussed and a survey of current fields of empirical work will be presented. A concluding section summarizes the usefulness of the concept of fascism.  +
This article will first examine the emergence of Italian Fascism and provide insight into Italian Fascists’ self-perception. Second, taking the contemporary conceptualizations of fascism developed by its Marxist, liberal, and conservative opponents as a starting point, this article reviews research on fascism during the Cold War. Third, the approaches taken by more recent research on fascism will be discussed and a survey of current fields of empirical work will be presented. A concluding section summarizes the usefulness of the concept of fascism.  +
Beim Social engineering handelt es sich um einen transnationalen Versuch, gegen die vermeintlich zersetzenden Kräfte der Moderne mit künstlichen Mitteln eine verlorene natürliche Ordnung der Gesellschaft wieder zu erschaffen, indem eine, alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende, vernünftige soziale Ordnung entworfen wurde. Thomas Etzemüller zeigt in einer nun aktualisierten zweiten Version seines Beitrags, wie ein analytischer Zugriff auf den Begriff des social engineering hilft, spezifische Mechanismen, Wertungen und Taktiken im Umgang mit der Moderne zu verstehen und zu beschreiben.  +
Beim Social engineering handelt es sich um einen transnationalen Versuch, gegen die vermeintlich zersetzenden Kräfte der Moderne mit künstlichen Mitteln eine natürliche Ordnung der Gesellschaft wieder zu erschaffen, indem eine, alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende, vernünftige soziale Ordnung entworfen wurde. Thomas Etzemüller zeigt in einer nun aktualisierten zweiten Version seines Beitrags, wie ein analytischer Zugriff auf den Begriff des social engineering hilft, spezifische Mechanismen, Wertungen und Taktiken im Umgang mit der Moderne zu verstehen und zu beschreiben.  +
Vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Erosionen in Ost- und Mitteleuropa seit 1989 und insbesondere der deutschen Wiedervereinigung versäumte es die deutsche Kommunismusforschung lange, den Blick auch gen Westen zu richten. In den letzten Jahren ist allerdings ein Wandel des Forschungsinteresses zu verzeichnen, wie es Nikolas Dörr anhand der Phase des „Eurokommunismus“ in Westeuropa schildert. Den definitorischen Problemen, eine exakte wissenschaftliche Begriffsbestimmung zu leisten, geht der Autor ebenso nach wie Periodisierungs- und Fragen der historischen Semantik.  +
In Ihrem Beitrag werfen Ulrike v. Hirschhausen und Kiran Klaus Patel einen kritischen Blick auf "Europäisierung" als empirischen Prozess und analytischen Begriff. Entsprechende sozialwissenschaftliche Diskussionen haben Historiker bislang weitgehend ignoriert - zu Unrecht, so von Hirschhausen und Patel. Beide sehen hier ein lohnendes Feld der Zeitgeschichte, dem sie sich mit einem konstruktivistischen Ansatz nähern: Nur dort, wo historische Akteure konkrete Phänomene als "europäisch" wahrgenommen und benannt haben, kann Europäisierung als Herstellung einer "vorgestellten Gemeinschaft" erforscht werden, ohne mit normativen Voranahmen über einen europäischen "Wesenskern" operieren zu müssen.  +
Exilforschung untersucht die Vertreibung aus dem nationalsozialistischen Deutschland und die damit verbundenen kulturellen und sozialen Transfers. Claus-Dieter Krohn widmet sich in seinem Beitrag der Geschichte der Exilforschung und verweist darauf, dass diese mit ihrem schon in den 1930er-Jahren vorbereiteten Konzept der Akkulturation als ein Wegbereiter der Postcolonial Studies zu gelten hat. Die dezidiert transnationale Perspektive der Exilforschung ist dabei offen für komparative Analysen heutiger Migrationsprozesse und Exile.  +
F
Seit über neunzig Jahren wird über Inhalt und Reichweite des Faschismus-Begriffs gerungen. Fernando Esposito beleuchtet die Entstehung des italienischen Faschismus kursorisch und gibt einen Einblick in das Selbstverständnis der Akteure. Er stellt die Faschismusforschung im Zeichen des Kalten Kriegs vor, erörtert die Ansätze der neueren Faschismusforschung und ihre Themenfelder, um dann in einem abschließenden Fazit den Mehrwert des Faschismusbegriffs vor Augen zu führen.  +
Mit der Ausbreitung des Kommunismus, mit der Diffusion von Ideologien und Bewegungen waren Abstoßungseffekte, d.h. die Entstehung von Gegenideologien und Gegenbewegungen verbunden. Der Beitrag von Bernd Faulenbach behandelt „Antikommunismus” als historische Kategorie. Er thematisiert zunächst seine Entstehung seit 1917, dann werden die Epochen des Antikommunismus dargestellt bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Kommunismus seit der Epochenwende 1989-91. Abschließend erörtert er den Forschungsstand und offene Fragen.  +
Der Beitrag von Klaus Große Kracht ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Fritz Fischers Werk „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18“, das 1961 erschienen ist und die Kriegszielprogramme der zivilen und militärischen Reichsleitung sowie einflussreicher gesellschaftlicher Gruppen des deutschen Kaiserreichs während des Ersten Weltkriegs untersucht, wird näher betrachtet. Dabei geht es weniger um die historischen Inhalte des Buches, sondern vor allem Fischers Thesen, die die sogenannte „Fischer-Kontroverse“ und damit eine der bedeutendsten Debatten der Bundesrepublik auslösten.  +
Der „Fordismus” prägte das 20. Jahrhundert maßgeblich und nachhaltig. Doch blieben die Konturen des Begriffs und die hinter ihm stehenden Konnotationen zumeist unscharf. Rüdiger Hachtmann beschreibt die Konzepte und ideologischen Grundhaltungen des Namensgebers Henry Ford sowie die Rezeption des Begriffs und arbeitet dessen wichtigste Bedeutungsebenen heraus. Der besondere sozial- und mentalitätsgeschichtliche Stellenwert des Fordismus und seine Formwandlungen erlauben es, langfristige wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Trends und Dynamiken präziser in den Blick zu nehmen – in einem Jahrhundert, das nach Hachtmann als „fordistisch“ bezeichnet werden kann.  +
Daniel Speich Chassé plädiert in seinem Beitrag für eine globalgeschichtliche und selbstreflexive Analyse der Konzepte Fortschritt und Entwicklung. Die Annahme, Fortschrittlichkeit zu besitzen und diese anderen Kollektiven zu bringen, war eine der zentralen Legitimationsstrategien des europäischen Kolonialismus. Nach 1945 trat der Entwicklungsbegriff stärker in den Vordergrund, der vermeintlich unterentwickelte Kollektive mit Inhabern höherer Entwicklungsstufen auf eine gemeinsame Zeitachse des Fortschritts stellte und den Ausgleich dieser Differenz zum gemeinsamen Zukunftshorizont erhob. Nach Speich Chassé kann die Geschichtswissenschaft auf beide Konzepte kaum verzichten, da historischer Wandel ohne diese Prozessbegriffe schwer zu beschreiben ist.  +
Der Beitrag von Michael Wildt ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Wildt untersucht darin die Analyse des NS-Regimes von Ernst Fraenkel, der 1941 sein Werk „The Dual State. A Contribution to the Theory of Dictatorship“ veröffentlichte. Fraenkels analytisches Konzept erlaubt es dabei, die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht als bloße Usurpation der Staatsgewalt durch die Partei zu sehen, sondern die Transformation der politischen Ordnung durch die Nationalsozialisten differenzierter in den Blick zu nehmen.  +
Die französische Zeitgeschichtsforschung steht im Kontext von nationalem Selbstverständnis und spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen, welche Einfluss auf ihre Schwerpunktsetzung und methodische Entwicklung haben. Rainer Hudemann greift in seinem Artikel, als außenstehender Beobachter, bestimmte, für die Entwicklung der Histoire du temps présent wichtige Problemfelder heraus und stellt ihre Innovationskraft sowie mannigfaltige thematische Produktion dar.  +
Der Beitrag von Stefan Jordan ist eine Wiederveröffentlichung des 2009 in der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“ erschienenen Artikels. In diesem wird Francis Fukuyamas Werk „Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?“, erschienen 1992, und das vorangegangene Essay „The End of History?“ von 1989 behandelt. Fukuyamas Positionen werden ebenso erörtert wie die Debatten um das genannte Buch, sodass es gezielt in eine Zeit, in der das „Ende der Geschichte“ Konjunktur hatte, eingeordnet werden kann.  +
In seinem Artikel erörtert Konrad H. Jarausch den Neologismus „Fürsorgediktatur“, ein Spannungsbegriff, der den widersprüchlichen Charakter der DDR vor allem unter Honecker auf einen präzisen Nenner bringen sollte. Mit dem Gedanken entworfen, die festgefahrene Auseinandersetzung um die Geschichtspolitik anzustoßen und eine analytische Debatte zu beginnen, beschreibt Jarausch Kritiken und Interpretationsmöglichkeiten des Begriffs.  +
G
Die vergleichende Genozidforschung hat seit den späten 1990er-Jahren einen erheblichen Aufschwung genommen, doch ist bisher kein einheitliches interdisziplinäres Forschungsfeld entstanden. Wenn man sich mit Genozid beschäftigt, ist es daher nicht möglich, eine Debatte um Definitionen zu vermeiden. Um das Thema zu umreißen, stellt Boris Barth zunächst die Problematik des Völkerrechts vor und geht in einem zweiten Schritt auf die UNO- bzw. UN-Genozid-Konvention ein. Schließlich zeigt er Perspektiven für die zeitgeschichtliche Forschung auf und plädiert dafür, die historische fachwissenschaftliche Diskussion stärker als zuvor aus den Begrifflichkeiten des Völkerrechtes und den dortigen politischen Kontexten zu lösen, um eigenständige, primär an der historischen Methodik orientierte Fragestellungen zu entwickeln.  +
Erst angestoßen durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, entwickelte sich in der Zeitgeschichte ein reges Interesse für einen vormals „blinden Fleck“: Die Geschichte der Banken und Finanzmärkte. Ausgehend von einer Erläuterung über den Handelsgegenstand von Banken und einem kurzen Abriss über ihre Geschichte, beschreibt Friederike Sattler die Entfaltung des Forschungsfeldes anhand von Institutionen, Themen und Debatten und wagt einen Blick in die zukünftig möglichen Forschungsperspektiven.  +
Mit dem Begriff Entwicklungspolitik wird das wirtschaftliche, soziale, politische und auch kulturelle Engagement von Staaten und ihren Institutionen, von internationalen oder nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) in Regionen bezeichnet, die als „unterentwickelt" eingestuft werden. Verbunden mit diesem Begriff sind auch synonym genutzte – wie Entwicklungshilfe oder Entwicklungszusammenarbeit – die bei näherer Betrachtung allerdings Unterschiede aufweisen, welche Hubertus Büschel in seinem Artikel betrachtet und auch die Ziele und Motivation hinter den verschiedenen Politiken beschreibt.  +
Was sind Gefühle? Wie können sie aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive heraus untersucht werden? Diesen Fragen geht Nina Verheyen in ihrem Artikel nach, indem sie zunächst Gefühle als Forschungsgegenstand genauer erfasst und darauf aufbauend verschiedene Forschungsstrategien vorstellt, welche es ermöglichen Emotionen auf die Spur zu kommen. Abschließend fragt sie nach konkreten Forschungsperspektiven für die Zeitgeschichte im Bereich der Gefühle.  +
Der Terminus „Geschichtspolitik” – eine (west-)deutsche „Erfindung” mit konfliktbehafteter Entstehungsgeschichte – bezeichnet heute zum einen ein Politikfeld ähnlich wie etwa Sozialpolitik oder Gesundheitspolitik. Es ist durch den Umgang politischer Instanzen und Akteure mit primär nationalen Jahres- und Gedenktagen, „historischen” Orten und Persönlichkeiten, Höhen bzw. Tiefen der eigenen Nationalgeschichte, Geschichtsmuseen und -ausstellungen, Denkmalen, Gedenkstätten, Memorialkomplexen u.a. gekennzeichnet.  +
Geschlecht, so die These des Beitrags von Kirsten Heinsohn und Claudia Kemper im Anschluss an die Forschung, ist keine geschlossene oder gar ausdiskutierte Kategorie. Vielmehr ist das, was unter Geschlecht verstanden wird, ein fortlaufender Aushandlungsprozess, der insbesondere im Hinblick auf seine strukturgebenden und situativen Bedeutungen zu historisieren ist. Die Autorinnen skizzieren das Forschungsfeld „Geschlechtergeschichte“, stellen zentrale theoretische Überlegungen vor und entwickeln schließlich Perspektiven für eine geschlechterhistorisch erweiterte Zeitgeschichte.  +
The term "Global Hostory" is used in a wide range of research communities and has appeared first in the English-speaking world in the beginning of the 1960s. Focussing on Anglophone scholarship, Dominic Sachsenmaier explains that the term is characterized by a rising interest in alternative conceptions of space beyond methodological nationalism and Eurocentrism. He shines a light into the different branches of histography that use the concept of Global History and draws a conclusion on what future challenges lie ahead.  +
Globalisierung ist in Wissenschaft und Feuilleton ein allgegenwärtiger Begriff. Angelika Epple diskutiert in ihrem Beitrag die wichtigsten Merkmale des Globalisierungsphänomens und bietet einen einführenden Überblick in die neuere Forschung. Das weit verbreitete Unbehagen am Globalisierungsbegriff macht sich bei den meisten seiner Kritiker daran fest, dass er eine lineare historische Entwicklung in der Tradition der Modernisierungstheorie impliziert. Epple plädiert deshalb dafür, den Begriff im Plural zu verwenden, da es sich um einen asymmetrischen und vielschichtigen Verflechtungsprozess unterschiedlicher Geschwindigkeiten handelt, der von Individuen und Kollektiven vorangetrieben, gebremst, transformiert und verändert werden kann.  +
While Crises are omnipresent in history and historiography, the meaning of the concept of „Crisis“ is becoming more elusive than ever. The new article by Rüdiger Graf and Konrad H. Jarausch scrutinizes how historians use the concept with respect to contemporary history, the twentieth century, and modernity in general. After briefly sketching the conceptual history of "crisis," the article addresses the questions of how the concept structures historiographical narratives, what types of crises historians distinguish, and, considering its vagueness, suggestive power, and political instrumentalization, if we should retain the concept or refrain from using it.  +
In seiner Länderstudie gibt Detlev Mares eine Übersicht über Selbstverständnis und zentrale Periodisierungsfragen der zeithistorischen Forschung in Großbritannien. Dabei weist er darauf hin, dass lange Zeit bestimmende Interpretationsmuster zur britischen Geschichte - Konsens und Niedergang - an Strahlkraft verloren haben und durch eine breit ausdifferenzierte, interdisziplinäre Forschungslandschaft ersetzt wurden.  +
Religion gibt es immer nur im Plural ihrer konkreten empirischen Ausprägungen. Das gilt auch für die Religionsgeschichte als wissenschaftliche Praxis. Betrieben wird sie zumeist als Erforschung konkreter Glaubensgemeinschaften. Die Grenzen dessen, was noch sinnvoll als „Religion“ bezeichnet werden kann, sind dabei fließend. Klaus Große Kracht zeigt auf, was für Ansatzpunkte sich für eine zeithistorische Religionsforschung anbieten, die sich selbst als Teil einer „Problemgeschichte der Gegenwart“ versteht.  +
Religion gibt es immer nur im Plural ihrer konkreten empirischen Ausprägungen. Das gilt auch für die Religionsgeschichte als wissenschaftliche Praxis. Betrieben wird sie zumeist als Erforschung konkreter Glaubensgemeinschaften. Die Grenzen dessen, was noch sinnvoll als „Religion“ bezeichnet werden kann, sind dabei fließend. Klaus Große Kracht zeigt auf, welche Ansatzpunkte sich für eine zeithistorische Religionsforschung anbieten, die sich selbst als Teil einer „Problemgeschichte der Gegenwart“ versteht.  +
In seinem Beitrag befasst sich Christoph Gusy mit der Diszplin "Verfassungsgeschichte", die als Teildiziplin der Rechtsgeschichte sowohl von der Geschichts- als auch der Rechtswissenschaft betrieben wird. Die Geschichte der Verfassungen behandelt dabei zentrale Normen der Legitimation, Organisation und Ausübung hoheitlicher Gewalt, die so erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert existieren. Für die Verfassungsgeschichte gilt dementsprechend: Sie versteht sich zunehmend als „Verfassungsgeschichte der Neuzeit".  +
In seinem Beitrag befasst sich Christoph Gusy mit der Disziplin „Verfassungsgeschichte“, die als Teildisziplin der Rechtsgeschichte von der Geschichts- und Rechtswissenschaft betrieben wird. Die Geschichte der Verfassungen behandelt zentrale Normen der Legitimation, Organisation und Ausübung hoheitlicher Gewalt, die so erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert gelten. Für die Verfassungsgeschichte gilt dementsprechend: Sie versteht sich ganz überwiegend als „Verfassungsgeschichte der Neuzeit“. Dies ermöglicht und erschwert zugleich die Herausbildung einer Zeitgeschichte der Verfassungen.  +
H
Wenn Historiker/innen das NS-Regime als „charismatische Herrschaft“ bezeichnen, dann legen sie ihren Ausführungen explizit oder implizit ein Modell zugrunde, das der deutsche Soziologe Max Weber entwickelt hat. Rüdiger Hachtmann stellt das Modell vor und zeigt die Grenzen und Defizite des Idealtypus „charismatische Herrschaft“ sowie seiner Anwendung auf die NS-Herrschaft auf, würdigt zugleich aber auch Webers Verdienste. Ausgelotet wird schließlich, inwieweit die Forschung daran in der Zukunft anschließen kann.  +
Wenn Historiker/innen das NS-Regime als „charismatische Herrschaft“ bezeichnen, dann legen sie ihren Ausführungen explizit oder implizit ein Modell zugrunde, das der deutsche Soziologe Max Weber entwickelt hat. Rüdiger Hachtmann stellt das Modell vor und zeigt die Grenzen und Defizite des Idealtypus „charismatische Herrschaft“ sowie seiner Anwendung auf die NS-Herrschaft auf, würdigt zugleich aber auch Webers Verdienste. Ausgelotet wird schließlich, inwieweit die Forschung daran in der Zukunft anschließen kann.  +
Der Artikel von Rüdiger Hachtmann beleuchtet die Genesis der Polykratie-Theorie – zentral sind dabei die Thesen Franz Leopold Neumanns im Rahmen seiner bahnbrechenden Untersuchung „Behemoth“ –, nimmt die einzelnen Elemente der mit dem Begriff „Polykratie“ verbundenen Überlegungen zur Struktur des NS-Herrschaftssystems kritisch in den Blick und diskutiert deren Defizite.  +
Der Artikel von Rüdiger Hachtmann beleuchtet die Genesis der Polykratie-Theorie – zentral sind dabei die Thesen Franz Leopold Neumanns im Rahmen seiner bahnbrechenden Untersuchung „Behemoth“ –, nimmt die einzelnen Elemente der mit dem Begriff „Polykratie“ verbundenen Überlegungen zur Struktur des NS-Herrschaftssystems kritisch in den Blick und diskutiert deren Defizite.  +
Menschenrechte sind zur globalen Leitkategorie aufgestiegen. Die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Internationalisierung von Rechtsansprüchen haben Historiker/innen erst vor einigen Jahren für sich entdeckt. Lasse Heerten skizziert in seinem Beitrag, dass Menschenrechte als ein semantisch äußerst offenes Vehikel unterschiedliche Ideen transportieren können und kritisch historisiert werden müssen. Zentral sind dabei Fragen nach Emergenz, ambivalenten Effekten und der Vielgestaltigkeit von Menschenrechten im Verlauf der Geschichte.  +
In den vergangenen Jahren hat sich die deutschsprachige Technikgeschichte inhaltlich und konzeptionell selbstbewusst präsentiert und ihre Position als eine eigenständige Disziplin des historischen Fächerkanons bekräftigt. Eike-Christian Heine und Christian Zumbrägel stellen zentrale Perspektiven, Begriffe und Theorien vor, die die Technikgeschichte im Laufe des 20. Jahrhunderts prägten, und benennen technikhistorische Themen, die aus zeitgeschichtlicher Perspektive besonders zukunftsträchtig erscheinen.  +
In den vergangenen Jahren hat sich die deutschsprachige Technikgeschichte inhaltlich und konzeptionell selbstbewusst präsentiert und ihre Position als eine eigenständige Disziplin des historischen Fächerkanons bekräftigt. Eike-Christian Heine und Christian Zumbrägel stellen zentrale Perspektiven, Begriffe und Theorien vor, die die Technikgeschichte im Laufe des 20. Jahrhunderts prägten, und benennen technikhistorische Themen, die aus zeitgeschichtlicher Perspektive besonders zukunftsträchtig erscheinen.  +
In ihrem Artikel geben Christoph Lau und Andrea Maurer einen Überblick über den Begriff „Herrschaft“, wobei sie zunächst wichtige Charakteristika, vor allem in Bezug auf Macht und andere kontingente Formen der Über- und Unterordnung, erläutern. Daran anschließend werden klassische, sowie reflexiv-postmoderne Perspektiven auf Herrschaft erörtert und potentielle Forschungsperspektiven der Herrschaftsdiskussion beleuchtet.  +
„Bürger” ist ein geschichtlicher Grundbegriff, der auf die politische Verfasstheit und Teilhabe zielte und sich seit dem 18. Jahrhundert um soziale und kulturelle Dimensionen erweitert hat. Manfred Hettling untersucht in seinem Beitrag die Begrifflichkeit des „Bürgers”, die soziale Formation des „Bürgertums” sowie das eigene Kulturmodell von „Bürgerlichkeit” und stellt Ansätze, Zugriffe und Verfahren der historischen Bürgertumsforschung bis heute vor.  +
The term "Bürger" thus refers to a basic historical concept, both territorially and historically, which developed in "old Europe" and referred to political configurations and political participation. Before an analysis of the phenomenon itself can be undertaken, first Manfred Hettling examine the term "Bürger" and its semantic tradition. In a second step, the term "Bürgertum" will be considered as a social formation. The integration of these diverse middle classes to yield a specific social formation was based, thirdly, on a unique cultural model of "Bürgerlichkeit", the way of life of the "Bürger".  +
Der Beitrag von Nicolas Berg ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Darin betrachtet Berg Raul Hilbergs Pionierstudie zur Vernichtung der europäischen Juden „The Destruction of the European Jews“, die erstmalig 1961 erschienen ist. Hilberg wollte mit diesem Werk vor allem das „Wie“ des Vernichtungsprozesses der Juden durch die Deutschen ergründen, weshalb er sich vordergründig auf Täterdokumente der 1930er- und 1940er-Jahre stützte.  +
In seinem Beitrag beleuchtet Klaus Große Kracht den sogenannten „Historikerstreit“ als wichtigen Kristallisationspunkt innerhalb der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland in den 1980er-Jahren. Zuerst werden dafür die Vorgeschichte und Hintergründe, daraufhin der Verlauf, Lagerbildungen und Schauplätze und abschließend das Nachspiel dieser sowohl öffentlich als auch fachwissenschaftlich geführten Debatte aufgeschlüsselt, die Große Kracht als letzte öffentlich-intellektuelle Großkontroverse der alten Bundesrepublik bezeichnet.  +
Die Historische Anthropologie untersucht aus einer interdisziplinären Perspektive die Historizität des Menschen, indem sie nicht nach einem unveränderlichen „Wesen”, sondern nach historisch variablen Wissensformen fragt. Der Beitrag von Jakob Tanner zeigt, wie die Annäherung von Geschichte und Anthropologie seit den 1960er-Jahren die Voraussetzungen schuf, um die Geschichtlichkeit der Menschen auf neue Weise zu denken. Anschließend werden die wichtigsten theoretischen Annahmen der Historischen Anthropologie vorgestellt, wobei die vielfältigen Repräsentationen von Menschen, der Wandel sozialer Praktiken sowie Kulturtechniken und die sich wandelnden Vorstellungen von der „Natur” des Menschen zentrale Bezugspunkte der Analyse darstellen.  +
Hartmut Kaelble zeigt in seinem Beitrag für Docupedia, dass sich Methodik, Praxis und damit auch Vergleichsräume und Vergleichszeiträume des Historischen Vergleichs in den letzten Jahren stark verändert haben. Nachdem die theoretischen Diskussionen der 1990er-Jahre über den Historischen Vergleich als weitgehend abgeschlossen angesehen werden können, ist er heute ein fest etablierter, eigenständiger Teil der transnationalen Geschichte. Wissenschaftshistorisch hat er damit zur Herauslösung der Geschichtswissenschaft aus rein nationalgeschichtlichen Traditionen beigetragen.  +
In seiner überarbeiteten Version skizziert Pavel Kolář zwei Dimensionen der „Historisierung”, die zwei Gegenpole innerhalb der modernen Geschichtsschreibung darstellen: zum einen Geschichtsschreibung als Identitätsstiftung, die eine Brücke schlägt zwischen Gegenwart und Vergangenheit; zum anderen Geschichtsschreibung als Verfremdung und Distanzierung, was bedeutet, einen vermeintlich selbstverständlichen Teil der Wirklichkeit als fremd zu betrachten. Wie diese Spannung zwischen den beiden Polen gestaltet oder überwunden werden kann und welchen Einfluss die neuere Alltags- und Kulturgeschichte sowie die Zeitgeschichte hierbei haben, erörtert der Autor im Verlauf des Artikels.  +
Hitlerjugend, Komsomol, Boy Scouts – keine Großerzählung zum 20. Jahrhundert kommt ohne diese millionenstarken Jugendverbände aus. Für die einen bedeuten Jugendorganisationen Spiel, Spaß und Abenteuer, für die anderen straffe Hierarchien und politische Indoktrination. Ungeachtet dieser Stereotypen ist es der historischen Forschung gelungen, ein differenziertes Bild dieser pädagogischen Innovation zu zeichnen. Der Beitrag stellt die wichtigsten Etappen der Forschungsdiskussion vor und zeigt, welchen Erkenntnisgewinn die Beschäftigung mit Jugendorganisationen für zentrale Arbeitsfelder der Zeitgeschichte haben kann.  +
Hitlerjugend, Komsomol, Boy Scouts – keine Großerzählung zum 20. Jahrhundert kommt ohne diese millionenstarken Jugendverbände aus. Für die einen bedeuten Jugendorganisationen Spiel, Spaß und Abenteuer, für die anderen straffe Hierarchien und politische Indoktrination. Ungeachtet dieser Stereotypen ist es der historischen Forschung gelungen, ein differenziertes Bild dieser pädagogischen Innovation zu zeichnen. Der Beitrag stellt die wichtigsten Etappen der Forschungsdiskussion vor und zeigt, welchen Erkenntnisgewinn die Beschäftigung mit Jugendorganisationen für zentrale Arbeitsfelder der Zeitgeschichte haben kann.  +
Hitler Youth, Komsomol, Boy Scouts – no grand narrative of the twentieth century can ignore these youth leagues and their millions of members. For some these organizations meant fun and games or adventure, for others rigid hierarchies and political indoctrination. These stereotypes notwithstanding, historians have nevertheless succeeded in painting a nuanced picture of this pedagogical innovation. This contribution outlines the key developments in scholarly debate and shows how addressing youth organizations can benefit core working areas of contemporary history.  +
Welche Impulse kann das Werk Max Webers der Zeitgeschichte liefern? Wie haben sich Zeithistoriker/innen im 20. Jahrhundert und bis in die Gegenwart bei der gedanklichen Ordnung ihrer Probleme von Weber inspirieren lassen? Ausgehend von der „Vielfalt der Perspektiven“, aus denen Webers Themen und Begrifflichkeiten fruchtbar gemacht werden, zeichnet Gangolf Hübinger die Bedeutung Max Webers für wechselnde zeitgeschichtliche Problemstellungen nach und zeigt, was seinen Denkstil letztlich ausmacht: die Verknüpfung von Universalgeschichte und Gegenwartsdiagnose.  +
Mieke Roscher widmet sich in ihrem Artikel dem noch recht jungen, interdisziplinären Forschungsfeld der Human-Animal Studies. Gegenüber älteren Beschäftigungen mit Mensch-Tier-Verhältnissen nehmen die Human-Animal Studies einen Perspektivwechsel vor, indem sie auf die Anerkennung tierischer „Wirkmächtigkeit” und ihrer „Agency“ abheben und in kritischer Perspektive gesellschaftliche Konzepte des „Animalischen” dekonstruieren. Vor allem historisieren die Human-Animal Studies jedoch das changierende Verhältnis von Mensch und Tier. Der Artikel betrachtet die institutionelle Entwicklung der Disziplin, bietet einen Überblick über insbesondere zeithistorische Forschungsthemen und stellt schließlich die theoretisch-methodischen Ansätze der Tiergeschichtsschreibung vor.  +
I
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff des Imperiums immer stärker durch den Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion denunziatorisch aufgeladen und prägten auch die vorherrschenden Imperialismustheorien. Von dieser Problematik ausgehend grenzt Herfried Münkler in seinem Artikel Imperialismustheorien von den Imperiumstheorien ab. Beginnend mit einer Begriffsdefinition beschreibt er Typen von Imperien, ihr Scheitern und gibt abschließend einen Ausblick auf die Analysemöglichkeiten des Imperiumbegriffs.  +
This article explores methodological approaches, institutional networks, and the multiple parallel universes that go by the name of intellectual history. This is a field of nebulous boundaries, and Riccardo Bavaj suggests ways of blurring these boundaries even further – by making connections to spatial history and the history of emotions.  +
Wer oder was ein Intellektueller sei und worin seine politische und gesellschaftliche Aufgabe bestehe, war während des 20. Jahrhunderts stets ein umkämpfter Gegenstand intellektueller Debatten. Daniel Morat plädiert in der Auseinandersetzung mit der bisherigen Intellektuellengeschichtsschreibung für eine formale und wertneutrale Definition des Intellektuellenbegriffs, die auch unabhängig von den Selbstbeschreibungen als wissenschaftliche Analysekategorie tragfähig ist. Daran anschließend widmet er sich der Entstehung des Intellektuellen als moderner Sozialfigur im internationalen Kontext und stellt wichtige Forschungstendenzen und Themenfelder vor. Die Frage nach dem Tod des Intellektuellen in der Postmoderne verneint er klar, denn schon die anhaltende Debatte darüber sei ein Zeichen für sein Weiterleben – unabhängig davon, ob das Medium der Intellektuellen nun der klassische Leitartikel, die Fernsehshow oder aber heute der Internet-Blog ist.  +
J
Das Konzept „Heimat“ lässt sich als scheinbar genauere Bestimmung vor viele Phänomene setzen. In der Unbestimmtheit des Begriffs zeigt sich seine prominente emotionale Seite, die ihn für Marketingzwecke jeder Art – und damit sind auch politische Absichten eingeschlossen – attraktiv macht. Heimat markiert eine lokale Identifizierung, die andere Identifikationen nicht ausschließt, ob es sich nun um regionale, nationale oder transnationale Institutionen, Ideologien oder Glaubensgemeinschaften handelt. Der Artikel behandelt den Begriff „Heimat“ sowie das grundsätzliche Verhältnis zwischen Individuen zu sozialen und geografischen Räumen.  +
Das Konzept „Heimat“ lässt sich als scheinbar genauere Bestimmung vor viele Phänomene setzen. In der Unbestimmtheit des Begriffs zeigt sich seine prominente emotionale Seite, die ihn für Marketingzwecke jeder Art – und damit sind auch politische Absichten eingeschlossen – attraktiv macht. Heimat markiert eine lokale Identifizierung, die andere Identifikationen nicht ausschließt, ob es sich nun um regionale, nationale oder transnationale Institutionen, Ideologien oder Glaubensgemeinschaften handelt. Der Artikel behandelt den Begriff „Heimat“ sowie das grundsätzliche Verhältnis zwischen Individuen zu sozialen und geografischen Räumen.  +
The concept of Heimat can be used in conjunction with many phenomena and sometimes seems to have a precise definition. The very vagueness of the concept bespeaks its emotional aspect, one that makes it rather appealing for a wide range of marketing and propaganda purposes. Heimat denotes a local identification that is not exclusive of other identifications, whether regional, national or transnational institutions, ideologies or religious communities. The Article will address the concept and its varied meanings and it will also examine the fundamental relationship between individuals with respect to their social and geographic spaces.  +
The concept of Heimat can be used in conjunction with many phenomena and sometimes seems to have a precise definition. The very vagueness of the concept bespeaks its emotional aspect, one that makes it rather appealing for a wide range of marketing and propaganda purposes. Heimat denotes a local identification that is not exclusive of other identifications, whether regional, national or transnational institutions, ideologies or religious communities. The Article will address the concept and its varied meanings and it will also examine the fundamental relationship between individuals with respect to their social and geographic spaces.  +
Der Beliebtheit generationeller Vergemeinschaftungen stehen forschungspraktische Unebenheiten gegenüber, wenn „Generation” nicht mehr nur als Selbstthematisierungsformel, sondern auch als analytische Kategorie dient. Gerade die begriffliche Unschärfe verweist darauf, wie wichtig es ist, danach zu fragen, was die Rede von den „Generationen” in den Blick bekommt, was sie vernachlässigt oder sogar überdeckt. In einer aktuell überarbeiteten und ergänzten Version 2.0 zeigt Ulrike Jureit, welche theoretischen Unwägbarkeiten damit verbunden sind, wenn der kollektive Selbstentwurf nicht allein als Ausdruck eines gesellschaftlichen Erfahrungswandels gedeutet wird, sondern gruppenspezifische Selbstinszenierungen zum zentralen Erklärungsfaktor für bestimmte politische, soziale oder ökonomische Umbrüche werden.  +
Der Beliebtheit generationeller Vergemeinschaftungen stehen forschungspraktische Unebenheiten gegenüber, wenn „Generation” nicht mehr nur als Selbstthematisierungsformel, sondern auch als analytische Kategorie dient. Gerade die begriffliche Unschärfe verweist darauf, wie wichtig es ist, danach zu fragen, was die Rede von den „Generationen” in den Blick bekommt, was sie vernachlässigt oder sogar überdeckt. In einer aktuell überarbeiteten und ergänzten Version 2.0 zeigt Ulrike Jureit, welche theoretischen Unwägbarkeiten damit verbunden sind, wenn der kollektive Selbstentwurf nicht allein als Ausdruck eines gesellschaftlichen Erfahrungswandels gedeutet wird, sondern gruppenspezifische Selbstinszenierungen zum zentralen Erklärungsfaktor für bestimmte politische, soziale oder ökonomische Umbrüche werden.  +
"Generation" is a basic concept of history. It purports to explain a specific manifestation of thinking, feeling and acting by positing that certain factors of socialization and their long-term, homogeneous effects on a group of people can be grasped as a collective experience.  +
Die "Juristische Zeitgeschichte" bezeichnet den jüngsten Zeitabschnitt im Bereich der Rechtsgeschichte, also die der gegenwärtigen Rechtsepoche. Welchen Zeitraum diese Epoche einnimmt, erörtert Thomas Vormbaum in seinem Artikel und geht auf die Kritik an der herkömmlichen Rechtsgeschichte, die sich überwiegend auf Dogmen- und Theoriegeschichte stützt, ein. Unter Berücksichtigung der Geschichts- sowie Rechtswissenschaft beschreibt er aufkommende Methodenfragen des Forschungsfeldes.  +
K
Der Begriff „Klasse” ist eng mit der Entstehung der modernen Soziologie als Disziplin verknüpft und verdeutlicht gleichzeitig die besondere Standortgebundenheit jeder Beschäftigung mit sozialer Ungleichheit. Jenny Pleinen führt in die Verwendung des Klassenbegriffs ein und skizziert seine Bedeutung für die geschichtswissenschaftliche Forschung: von der Begriffsgeschichte, über die Marx‘sche und Weber’sche Definition bis hin zum Gebrauch durch die Bielefelder Sozialgeschichte. Abschließend fragt sie nach dem analytischen Mehrwert einer Operationalisierung des Klassenkonzepts heute.  +
Der Beitrag von Edgar Wolfrum und Günther R. Mittler ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Darin wird der 1982 erschienene Klassiker „Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955“ von Christoph Kleßmann untersucht, der sich in die deutsche Zeitgeschichtsschreibung nach 1945 in „Verflechtung und Abgrenzung” zwischen der Bundesrepublik und der DDR einreiht.  +
An einem historischen Ort staatlicher, terroristischer oder katastrophenbedingter Gewalt erfüllen Gedenkstätten mit ihren materiellen Hinterlassenschaften eine Vielfalt an Aufgaben, womit sie zu mehrschichtigen, multifunktionalen und polyvalenten Einrichtungen des Trauerns, Gedenkens, Erhaltens, Sammelns, Forschens und Vermittelns werden. In diesem Sinne begreift Habbo Knoch Gedenkstätten als kulturelle Artefakte, die sowohl Überreste historischer Geschehnisse beinhalten als auch mehrdeutige Manifestationen politischer und gesellschaftlicher Diskurse verkörpern – und analysiert sie als „Palimpseste“ geschichtspolitischer und erinnerungskultureller Prozesse.  +
An einem historischen Ort staatlicher, terroristischer oder katastrophenbedingter Gewalt erfüllen Gedenkstätten mit ihren materiellen Hinterlassenschaften eine Vielfalt an Aufgaben, womit sie zu mehrschichtigen, multifunktionalen und polyvalenten Einrichtungen des Trauerns, Gedenkens, Erhaltens, Sammelns, Forschens und Vermittelns werden. In diesem Sinne begreift Habbo Knoch Gedenkstätten als kulturelle Artefakte, die sowohl Überreste historischer Geschehnisse beinhalten als auch mehrdeutige Manifestationen politischer und gesellschaftlicher Diskurse verkörpern – und analysiert sie als „Palimpseste“ geschichtspolitischer und erinnerungskultureller Prozesse.  +
Die Konsumgeschichte ist ein relativ junges, seit den 1990er-Jahren stark expandierendes Forschungsfeld innerhalb der Zeitgeschichte. Wie Manuel Schramm in seinem Überblick deutlich macht, handelt es sich dabei um einen Paradigmenwechsel innerhalb der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte, der in der Abwendung von einem produktionszentrierten Paradigma der älteren Sozial- und Gesellschaftsgeschichte zu sehen ist. Vielmehr geraten mit der Konsumgeschichte Prozesse der Kommerzialisierung, die Bedeutung von Märkten und auch individuelle Konsumbedürfnisse stärker in den Blick der zeithistorischen Forschung. Vor diesem Hintergrund plädiert der Autor dafür, dass mit der Konsumgeschichte auch wesentliche Kategorien der Gesellschaftsgeschichte wie soziale Ungleichheit und wirtschaftliches Wachstum neu überdacht werden müssen.  +
Der Prozess der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit im Nationalsozialismus stellt wohl den radikalsten und in dieser Radikalität „erfolgreichsten“ Umsteuerungsvorgang in der Wirtschaft dar. Christoph Kreutzmüller gibt einen Forschungs-Überblick zum Thema und diskutiert die Reichweite der genutzten Begrifflichkeiten. Am Beispiel Berlins stellt er die Entwicklung der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit und die Reaktionen der jüdischen Gewerbetreibenden darauf dar und ordnet sie in den breiteren Kontext der Holocaust-Forschung ein.  +
Der Prozess der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit im Nationalsozialismus stellt wohl den radikalsten und in dieser Radikalität „erfolgreichsten“ Umsteuerungsvorgang in der Wirtschaft dar. Christoph Kreutzmüller gibt einen Forschungs-Überblick zum Thema und diskutiert die Reichweite der genutzten Begrifflichkeiten. Am Beispiel Berlins stellt er die Entwicklung der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit und die Reaktionen der jüdischen Gewerbetreibenden darauf dar und ordnet sie in den breiteren Kontext der Holocaust-Forschung ein.  +
Auf die neuen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen seit den 1990er-Jahren reagiert die Kulturgeschichte nicht nur mit einer umfassenden Ausweitung ihrer Themen, sondern auch mit einer Perspektivierung, die auf Sinngebungsformen und Bedeutungsnetze zielt, mit denen Gesellschaften der Vergangenheit ihre Wirklichkeiten ausgestattet haben. Achim Landwehr gibt in seinem Beitrag einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kulturgeschichte, geht auf die zeitgenössischen Herausforderungen ein und benennt exemplarisch Themenbereiche, für die eine kulturhistorische Befragung zukünftig lohnend erscheint.  +
Die Politik als integrales Themenfeld zu betrachten und zu untersuchen, ist der Anspruch der Kulturgeschichte der Politik. Basierend auf der Annahme, dass alles Handeln symbolisch ist und in diese Kategorie auch politisches Handeln gehört, wird es dahingehend untersucht, ob und wie es als symbolisches Handeln Ordnungen produziert, sie verändert, erhält oder umstürzt. In der Version 2.0 seines Artikels beschreibt Thomas Mergel zentrale Annahmen und interne Differenzierungen des Forschungsfeldes und geht auf kritische Stimmen ein.  +
„Kulturtransfer wird verstanden als ein aktiv durch verschiedene Mittlergruppen betriebener Aneignungsprozess, der von den Bedürfnissen der Aufnahmekultur gesteuert wird.“ Als die beiden französischen Germanisten und Kulturhistoriker Michel Espagne und Michael Werner Mitte der 1980er-Jahre ihr Forschungsprogramm darlegten, war keineswegs abzusehen, dass dieser Vorschlag einen methodologischen Umbruch auslösen sollte. Matthias Middell zeichnet in seinem Beitrag die Rezeption und Weiterentwicklung der Kulturtransferforschung nach, beschreibt das Verhältnis zum Historischen Vergleich und fragt nach Verflechtungen in der Gegenwart sowie ihrer erst noch globalgeschichtlich zu konstruierenden Vergangenheit.  +
L
Was genau bezeichnet der Diskursbegriff? Mit welchen Inhalten verbindet sich die Diskursgeschichte? Welche Forschungsthemen sind in diesem Bereich relevant, welche Kontroversen haben sich entwickelt und welche zukünftigen Aufgaben stellen sich? – Achim Landwehr nimmt in seinem Beitrag eine Bestimmung des Diskursbegriffs vor, stellt wichtige Forschungsfelder der Diskursgeschichte vor und zeigt, welchen Nutzen die analytische Kategorie des Diskurses für die Geschichtswissenschaften hat.  +
Was genau bezeichnet der Diskursbegriff? Mit welchen Inhalten verbindet sich die Diskursgeschichte? Welche Forschungsthemen sind in diesem Bereich relevant, welche Kontroversen haben sich entwickelt und welche zukünftigen Aufgaben stellen sich? – Achim Landwehr nimmt in seinem Beitrag eine Bestimmung des Diskursbegriffs vor, stellt wichtige Forschungsfelder der Diskursgeschichte vor und zeigt, welchen Nutzen die analytische Kategorie des Diskurses für die Geschichtswissenschaften hat.  +
Wo immer es um individuelle Verhaltensweisen und Handlungen in ihrer Bedeutung für Macht und Herrschaft, für Unterwerfung und Aufbegehren, für Mitmachen, Widerstehen oder Aussteigen gehen soll, bietet sich „Eigen-Sinn” als historiographisches Konzept an. „Eigen-Sinn” kann in Widerstand gegen Vereinnahmungen und Aktivierungsversuche „von oben” in den alltäglichen Beziehungen wie auch in der großen Politik münden. „Eigen-Sinn” ist jedoch auch, wie Thomas Lindenberger in seinem Beitrag aufzeigt, in der gezielten Nutzung und damit Reproduktion herrschaftskonformer Handlungsweisen zu beobachten.  +
This word – commonly rendered in English as "stubbornness" – has since become a key concept in German and even international scholarship for a specific approach referred to collectively as Alltagsgeschichte, the history of everyday life. Eigen-Sinn nowadays is a useful historiographic concept for understanding individual behaviors and actions that impact on the sphere of power and domination: submission and revolt, resistance and dropping-out. How this came about will be explained in this article by Thomas Lindenberger.  +
Die Anknüpfungspunkte für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von literaturwissenschaftlicher und zeitgeschichtlicher Forschung liegen für Katja Stopka klar auf der Hand. Sie plädiert in ihrem Artikel für eine Zusammenarbeit beider Disziplinen vor dem Hintergrund, dass sich beide als Textwissenschaften verstehen und der Erforschung von Geschichtsnarrativen in verschiedenen Kontexten widmen.  +
The field of Migration History looks at both ends of human mobility and the complex and diverse processes of migration. In her article Barbara Lüthi defines human migration, which can be either international or internal, and gives a short overview of the history of migration in the 20th century. After a discussion of the approaches and perspectives on the research field Lüthi closes with an examination of the current topics in Migration History: refugees and so-called illegal migrants.  +
The field of Migration History looks at both ends of human mobility and the complex and diverse processes of migration. In her article Barbara Lüthi defines human migration, which can be either international or internal, and gives a short overview of the history of migration in the 20th century. After a discussion of the approaches and perspectives on the research field Lüthi closes with an examination of the current topics in Migration History: refugees and so-called illegal migrants.  +
The field of Migration History looks at both ends of human mobility and the complex and diverse processes of migration. In her article Barbara Lüthi defines human migration, which can be either international or internal, and gives a short overview of the history of migration in the 20th century. After a discussion of the approaches and perspectives on the research field Lüthi closes with an examination of the current topics in Migration History: refugees and so-called illegal migrants.  +
M
Die Masse ist ein Gespenst der europäischen Geschichte – und dennoch, so zeigt es Stefanie Middendorf in ihrem Beitrag auf, als zeithistorischer Forschungsgegenstand relativ unentdeckt geblieben. In ihrem Beitrag gibt Middendorf einen Aufriss zur Geschichte der Masse, erläutert deren verschiedene Interpretationsansätze und plädiert dafür, sich der Geschichte des Massenbegriffs, seinen erfahrungs- und wahrnehmungsbedingten Aufladungen sowie seinem analytischen Wert vermehrt aus historiografischer Sicht zu widmen.  +
Menschen in post-industriellen Gesellschaften der Gegenwart verfügen in ihrem persönlichen Umfeld über durchschnittlich 10.000 Dinge, in einer westafrikanischen Stammesgesellschaft sind es dagegen 150. Der Mensch lebt also, gesellschafts- und zeitgebunden, mit physisch präsenten Objekten innerhalb einer ihn umgebenden materiellen Kultur, die Handeln und Wahrnehmungen, Möglichkeiten und Zwänge, Erinnerung und Zukunftsoptionen beinhaltet.  +
Frank Bösch kommentiert den Beitrag „Mediengeschichte“ von Annette Vowinckel und ergänzt ihn um eine Vergegenwärtigung der unterschiedlichen disziplinären Forschungsansätze, Forschungstraditionen und Mediendefinitionen. Dabei greift er u.a. die frühe Zeitungswissenschaft, die Mediengeschichtsschreibung der Medienwissenschaften und die medienhistorischen Forschungen der Geschichtswissenschaft auf, erörtert Besonderheiten und Überschneidungen und arbeitet Unterschiede heraus. Abschließend werden so Zugänge, Ergebnisse und Desiderata rund um die Erforschung des Medienbegriffs aufgezeigt.  +
Die medienhistorischen Forschungen befassen sich mit der Geschichte von Einzelmedien und der medialen Öffentlichkeit, wobei sie sich zwischen den Disziplinen der Kommunikationswissenschaft, der Medienwissenschaft und der Soziologie bewegen und nach den sozialen und politischen Funktionen der Medien fragen. In welcher Weise Medien in der Zeitgeschichtsforschung eine Rolle spielen untersucht Annette Vowinckel in der mit Frank Bösch überarbeiteten Version 2.0 ihres Artikels und abschließend geben sie einen Ausblick auf die Fragen und Felder der Mediengeschichte im 21. Jahrhundert.  +
Im Jahr 2010 entzündete sich am Abschlussbericht einer vom Auswärtigen Amt eingesetzten Historikerkommission zur Geschichte des Ministeriums vor und nach 1945 eine außergewöhnlich heftige fachliche und öffentliche Debatte. Indem die Vorgeschichte der Einsetzung der Kommission, die grundlegende Struktur sowie Ablauf und Themen der Debatte skizziert werden, wird zunächst ein Überblick der Auseinandersetzung ermöglicht. Es entsteht das Bild einer von unterschiedlichen Faktoren bestimmten vielschichtigen Debatte, in der sich wissenschaftliche und (geschichts)politische Argumente in unterschiedlichen Anteilen mischten.  +
Im Jahr 2010 entzündete sich am Abschlussbericht einer vom Auswärtigen Amt eingesetzten Historikerkommission zur Geschichte des Ministeriums vor und nach 1945 eine außergewöhnlich heftige fachliche und öffentliche Debatte. Indem die Vorgeschichte der Einsetzung der Kommission, die grundlegende Struktur sowie Ablauf und Themen der Debatte skizziert werden, wird zunächst ein Überblick der Auseinandersetzung ermöglicht. Es entsteht das Bild einer von unterschiedlichen Faktoren bestimmten vielschichtigen Debatte, in der sich wissenschaftliche und (geschichts)politische Argumente in unterschiedlichen Anteilen mischten.  +
Krieg und Militär sind die beiden Hauptkomponenten der Militärgeschichte. Das Feld umfasst Forschungen zu militärischen Konflikten, zur sozialen Gruppe und Großorganisation Militär ebenso wie zu den Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen Krieg und Militär auf der einen und der jeweiligen gesellschaftlichen Verfasstheit auf der anderen Seite. Jörg Echternkamp zeichnet in seinem Beitrag den thematischen und methodischen Wandel nach, der seit den 1990er-Jahren immer häufiger dazu führt, dass die Militärgeschichte ihren Blick vom Schlachtfeld auf die Kriegsgesellschaften richtet. Er beschreibt die wichtigsten Debatten und plädiert dafür, Militärgeschichte als zeithistorische Aufklärung zu verstehen.  +
Der Beitrag von Tobias Freimüller ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Er behandelt das psychoanalytische Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich, das 1967 erschienen ist und besonders den moralischen Skandal der „unbewältigten“ NS-Vergangenheit thematisiert.  +
In jüngster Zeit gewannen modernisierungstheoretische Ansätze wieder zunehmend an Aufmerksamkeit, nachdem sie lange Zeit in den Hintergrund der zeithistorischen Forschung gerückt waren. Ausgehend von einer in den 1960er- und 70er-Jahren wissenschaftshistorischen Skizze, erörtert Axel Schildt den Weg des Modernisierungsbegriffes in der Geschichtswissenschaft und dessen kritische Reflexion; abschließend beschreibt er die deutsche Geschichte aus dem Blickwinkel der modernisierungstheoretischen Ansätze.  +
Der Versuch den Terminus "Mythos" theoretisch zu verorten wird mit einer verwirrenden Vielfalt von Ansätzen und Definitionen konfrontiert: Man begegnet einer Mischung aus Alltagssprache und kulturwissenschaftlicher Konzepte. Vor diesem Hintergrund versucht Matthias Waechter in seinem Artikel nicht zu bestimmen, was „Mythos an sich" ist, sondern eine für Zeithistoriker/innen verwendbare Definition zu generieren. Dazu behandelt der Autor die verschiedenen gesellschaftlich-politischen Funktionen von Mythen, fragt im nächsten Schritt nach den Spezifika zeitgeschichtlicher Mythen und untersucht, in welchen Bezügen diese zu Phänomenen wie Nation, Ideologie, Personenkult und Demokratie stehen.  +
N
In einem sehr weiten Sinne lässt sich Erzählen als eine grundlegende Form des Weltzugangs begreifen – und ist daher auch für die Geschichtswissenschaft von eminenter Bedeutung. Der narrative Modus spielt nicht nur bei der Repräsentation, sondern bereits bei der Konstitution von Wissen eine wichtige Rolle. Achim Saupe und Felix Wiedemann führen in ihrem Beitrag in zentrale narratologische Theorien und Grundbegriffe ein und stellen Ansätze sowie Anwendungsfelder in der Geschichtswissenschaft vor.  +
Durch die theoretischen Einflüsse der Postcolonial Studies hat sich die Neuere Kolonialgeschichte insgesamt tiefgreifend gewandelt: Zunehmend wird von einer verflochtenen, reziproken Geschichte des Westens und des „globalen Südens” ausgegangen, ältere Perspektiven wie ein einseitiger Einfluss Europas oder eine verspätete Moderne des Südens treten in den Hintergrund. Nach einem Überblick über die wesentlichen theoretischen Ansätze geht Ulrike Lindner insbesondere auf neuere Forschungen zur deutschen Kolonialgeschichte ein, die verstärkt kulturgeschichtliche Aspekte einbeziehen, Verflechtungen zwischen Kolonien und Mutterland herausarbeiten und die Einflüsse von kolonialen Strukturen, Diskursen und Vorstellungen in der deutschen Gesellschaft aufzuzeigen versuchen.  +
Im Zuge der Holocaust-Forschung ab den 1990er-Jahren wandte sich die Geschichtswissenschaft auf breiter Basis den Tätern zu. Frank Bajohr zeigt in seinem Beitrag, dass die sogenannte Neuere Täterforschung aber kein einfacher Königsweg zur Erklärung der NS-Verbrechen ist. Er versteht sie vor allem als Perspektive, die in den letzten Jahrzehnten eine empirische Rekonstruktion des Holocaust aus der Nahperspektive ermöglicht hat. Die Frage, warum jemand zum Täter wurde, lässt sich nicht monokausal beantworten, sondern verlangt eine multiperspektivische Sichtweise. Frank Bajohr plädiert daher dafür, „Täter“ und „Gesellschaft stärker zusammenzudenken“ und mit strukturellen und institutionellen Ansätzen zu kombinieren.  +
Franz Leopold Neumanns „Behemoth” bildete einen Höhepunkt der NS-Interpretation exilierter deutscher Wissenschaftler, die von der NS-Forschung bis heute kaum rezipiert worden ist. Allerdings ist für Armin Nolzen das Werk auch heute noch wertvoll für die NS-Forschung - fast 60 Jahre nach seiner Niederschrift, weshalb er es in seinem Beitrag als einen vergessenen Klassiker interpretiert.  +
In seinem Artikel gibt Christoph Strupp einen Überblick über die Entwicklung der zeitgeschichtlichen Forschung in den Niederlanden, welche sich auf Grund spezifischer Bedingungen in der niederländischen Geschichte nur zögerlich entwickelte. Erst die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg stellte für das Land den historischen Einschnitt her, der die Kontinuität zur frühen Neuzeit unterbrach und die Entwicklung der zeitgeschichtlichen Forschung in Gang setzte, allerdings im Spannungsfeld von Kollaboration und Widerstand.  +
In der niederländischen Geschichtskultur spielt die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg nach wie vor die zentrale Rolle. Das Werk „Grijs Verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog” des umstrittenen Publizisten Chris van der Heijden löste 2001 eine vehemente öffentliche Debatte aus, da der Autor die vermeintlich „schwarz-weiße” offizielle Erinnerungskultur der Niederlande angriff und durch das Bild einer „grauen” oder auch „blassen” Vergangenheit zu ersetzen suchte. Van der Heijdens „graue Revision“ betraf dabei nicht nur die manichäischen Erzählmuster der Nachkriegsgesellschaft über Kollaboration und Widerstand, sondern auch die Nivellierung der Unterschiede zwischen Tätern und Opfern. Der Historiker Krijn Thijs ordnet diese Debatte in die veränderte politische Kultur der Niederlande ein, in der auch die Rolle von Zeithistorikern in einer sinnsuchenden Gesellschaft verstärkt diskutiert wird.  +
O
Westliche Repräsentationen des „Orients“ gehören zu den zentralen Gegenständen geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung der letzten Jahrzehnte, was insbesondere auf Edward Saids 1978 erschienene, äußerst umstrittene Studie „Orientalism“ zurückzuführen ist. Felix Wiedemann widmet sich in seinem Docupedia-Beitrag ausgehend vom Werk Saids der Rezeption, Kritik und den vielfältigen Weiterführungen dieser „Gründungsurkunde des Postkolonialismus“, um dann in einem zweiten Teil insbesondere auf den deutschen und den jüdischen Orientalismus einzugehen.  +
P
Digitale Spiele sind integraler Teil der „Digitalen Revolution“. Sie dienen nicht nur als Trägermedium von Geschichtsbildern, sondern können als wirtschaftliche und kulturelle Artefakte konkreter menschlicher Gesellschaften begriffen werden. Im Zuge ihrer Verbreitung zum Massenphänomen beeinflussten sie Ästhetik und Narrative anderer Medien – und sind zu einem internationalen Milliardengeschäft geworden. Der Artikel von Eugen Pfister und Tobias Winnerling gibt einen Überblick der unterschiedlichen Begrifflichkeiten und eine Chronologie der Spieleentwicklung, um dann Digitale Spiele aus Sicht der Geschichtswissenschaften zu beleuchten.  +
Als zeitgeschichtlich schillernden Begriff zeichnet Dirk van Laak die „Planung“ in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft und des Alltags nach. Detailliert werden die Phasen der sog. Planungseuphorie im 20. Jahrhundert beschrieben, um daraus die Strukturmerkmale der „klassischen“ Planung herauszuarbeiten. Abschließend wird so ein Ausblick auf gegenwärtige Entwicklungen der Planung, Planbarkeit und Planungseuphorie gegeben.  +
Agnieszka Zagańczyk-Neufeld kommentiert den Beitrag „Polen – Zeitgeschichte seit 1989/90“ von Rafał Stobiecki und nimmt dabei die Spezifika der polnischen Geschichtsschreibung in den 1970er- und 1980er-Jahren in den Blick. Darauf aufbauend wirft sie die These auf, dass polnische Zeithistoriker/innen trotz ihres hohen Ansehens zahlreiche Themen unbehandelt lassen, weil es sich hierbei vor allem um eine sog. „Oppositionelle Geschichtsschreibung“ handelt. Diesen Begriff definiert Zagańczyk-Neufeld zuerst, bevor die Themenbereiche genauer beleuchtet und ein Vorschlag für den wissenschaftlichen Umgang mit der polnischen Historiografie unterbreitet werden.  +
Anhand von vier Gesichtspunkten beleuchtet Rafał Stobiecki im folgenden Beitrag die Entwicklung der polnischen Zeitgeschichtsschreibung seit 1989. Zunächst erläutert er die Verwendung des Begriffs „Zeitgeschichte" und dessen Bedeutung für die Periodisierung der jüngeren polnischen Geschichte, um daran anschließend die institutionellen Rahmenbedingungen zeitgeschichtlicher Forschung vorzustellen. In einem nächsten Schritt erörtert der Autor die methodologischen Veränderungen der vergangenen Jahre. Abschließend werden die wichtigsten Forschungsprobleme skizziert, die den polnischen zeitgeschichtlichen Diskurs dominieren.  +
Innerhalb der Geschichtswissenschaft ist das Thema Pop bislang eher schwach konturiert worden. In seinem Beitrag unternimmt Bodo Mrozek den Versuch eine Systematisierung des Themas Pop innerhalb der Historiografie leisten. Nach einer kurzen begriffsgeschichtlichen Einführung beschreibt der Autor eine Auswahl einflussreicher Theorien. Im Anschluss arbeitet er einige empirische Felder heraus, die an eine Geschichte des Pop anschlussfähig erscheinen und gibt abschließend einen kurzen Ausblick auf das künftige Forschungsfeld.  +
Der Beitrag von Petra Stykow befasst sich mit „Postsozialismus“- bzw. „Postkommunismus“-Konzepten, die sich in sozialwissenschaftlichen (Anthropologie, Wirtschaftssoziologie/Politische Ökonomie, Politikwissenschaft, Geografie) sowie in kulturwissenschaftlich-philosophischen Diskursen nach dem Ende des Kalten Kriegs entwickelt haben. Sie bezeichnen historische Gemeinsamkeiten der Länder im östlichen Europa und (re-)konstruieren damit eine Geschichtsregion, die traditionell als „Osteuropa“ und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „Ostblock“ firmierte.  +
Propaganda gilt als politisches Kommunikationsmittel, um die Meinungen und Verhaltensweisen von Zielgruppen auf ein bestimmtes Ziel hin gerichtet zu beeinflussen. Wird in Deutschland der Propagandabegriff vor allem in den Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gestellt, fand er in der Vergangenheit genauso Einsatz im religiösen Umfeld, in der französischen Revolution wie auch in der Werbebranche. Thymian Bussemer verweist auf die verschiedenen Arten der Propaganda seit dem 17. Jahrhundert und liefert einen Überblick über die Stationen der Propagandaforschung von historischen Überblicksarbeiten zu einer gesellschaftsgeschichtlichen Betrachtung.  +
In ihrem Kommentar plädiert Stefanie Samida nach einer Zusammenfassung der bisherigen Definitionen von Public History in Forschung und Lehre für eine Öffnung des Forschungsfeldes hin zu den methodischen Konzepten der Kulturwissenschaften. Genauer widmet sie sich dem Begriff der „Inszenierung“ und somit sozialen, gesellschaftlichen und medialen Praktiken sowie dem kulturwissenschaftlichen Konzept des „Kulturerbes“, dem eine besondere Vermittlerrolle zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft inhärent ist. Damit verortet sie die Public History nicht nur in der Geschichtswissenschaft und -didaktik, sondern auch den Historischen und Empirischen Kulturwissenschaften.  +
Derzeit erleben wir die Genese eines Fachs. Es gibt klare Anzeichen, dass sich Public History in Deutschland als eine neue Subdisziplin der Geschichtswissenschaften institutionalisiert. Hierfür lassen sich einige klassische Indikatoren identifizieren:  +
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Die Kollaboration mit dem NS-Regime fand in allen besetzten, verbündeten und neutralen Ländern statt. Sie war ein transnationales Phänomen, das zur Ermordung der europäischen Juden maßgeblich beitrug bzw. sie überhaupt in diesem Ausmaß ermöglichte. Die Erforschung der Kollaboration stellt daher eine zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaft dar, die bis heute nur ansatzweise realisiert wurde. In diesem Beitrag werden Methoden und Fragestellungen der Kollaborationsforschung präsentiert, die keine Unterdisziplin oder ein Sonderforschungsbereich der Besatzungsgeschichte ist, sondern ein eigenständiges Forschungsfeld. Die Kollaborationsforschung legt die agency der nichtdeutschen Akteure offen und zeigt, wie sie die Geschichte der Besatzung, des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs aktiv mitgestalteten.  +
S
Die Säkularisierungstheorie, die sich mit dem Bedeutungsrückgang der Religion in modernen Gesellschaften beschäftigt und lange Zeit die Beschreibungen und Erklärungen für den religiösen Wandel in der Moderne dominierte, scheint in der heutigen Zeit an Gewicht zu verlieren. Detlef Pollack diskutiert in seinem Beitrag dieses Phänomen, wobei er zuerst auf den Inhalt der Säkularisierungstheorie eingeht, bevor er sich mit den verschiedenen Bedeutungen des Säkularisierungsbegriffes befasst. Zum Abschluss skizziert Pollack die kritischen Positionen in Bezug auf die Theorie und nimmt gleichzeitig Stellung dazu.  +
Jetzt in einer vollständig überarbeiteten und erweiterten Neuauflage Version 3.0: Achim Saupe zeigt in seinem Artikel den Aufstieg des neuzeitlichen Authentizitätsbegriffs, der eng mit der Geschichte des modernen Subjekts verknüpft ist, betrachtet ihn vor dem Hintergrund der Entwicklung der modernen Medien- und Konsumgesellschaft und stellt die Frage, wie sich das Politische zum Authentischen verhält. Schließlich wird in methodischer und thematischer Hinsicht die Authentizitätsproblematik in der historischen Forschung dargestellt.  +
The multi-faceted concept of authenticity became a ubiquitous catchphrase and a widely-recognised phenomenon in cultural studies in the second half of the twentieth century. Nowadays, it is becoming increasingly important in contemporary historical studies in methodological terms and as a research subject. But what does "authentic", or the attribution of authenticity, mean? The following article by Achim Saupe aims to investigate these aspects in greater detail.  +
Weder im alltagssprachlichen Gebrauch noch in der Wissenschaft ist es kaum möglich zu sagen, was Gewalt ist. Entsprechend handelt es sich bei der Gewaltforschung um ein fast unüberschaubares Feld, das sich mit Kriegen bis hin zu sprachlichen Praktiken oder Rollenverteilungen in privaten Räumen beschäftigt. Felix Schnell stellt in seinem Artikel das Spektrum der gängigen Gewaltbegriffe dar, schildert die Entwicklung der relativ jungen Gewaltforschung im engeren Sinne und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungstendenzen.  +
Welche oder wessen Geschichte jüngeren Generationen vermittelt werden soll, ist eine kontroverse Frage. Insbesondere Geschichtsschulbücher sind dabei als ein zentrales Medium der Herausbildung verschiedener regionaler, nationaler und transversaler Identifikationsmöglichkeiten zu begreifen. In ihrem Beitrag skizzieren Felicitas Macgilchrist und Marcus Otto die Potenziale von Geschichtsschulbüchern als zeitgeschichtliche Quellen und diskutieren aktuelle Forschungsfragen und -desiderate hinsichtlich der Untersuchung von Prozessen der Produktion, Verbreitung und Rezeption von Geschichtsschulbüchern.  +
Der Beitrag von Christof Dipper ist eine überarbeitete Version des 2004 erschienen Artikels aus dem Sammelband „Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa“. Am Beispiel der Schweiz gibt er einen Ein- und Ausblick in und auf die Entstehung und Entwicklung der Zeitgeschichte und arbeitet die Besonderheiten und Problematiken der zeithistorischen Forschung des Landes heraus.  +
Der Begriff der „Erinnerungsorte” (lieux de mémoire) wurde in den 1980er-Jahren von dem französischen Historiker Pierre Nora geprägt. Er bezeichnet ein spezifisches Forschungsparadigma, das symbolische Repräsentationen meint, die – so nehmen Forscherinnen und Forscher an – in bestimmten Gedächtnis- und Identitätsdiskursen eine signifikante Rolle spielen. Cornelia Siebeck stellt diese Forschungsperspektive vor und beschreibt ihre Genese. Sie skizziert den Erfolg des neuen Ansatzes wie auch die kritischen Einwände und zeichnet die Rezeption und Diskussion nach. Da der inflationäre Gebrauch jedoch auch zu einer theoretisch-methodologischen Unschärfe geführt hat, befasst sie sich abschließend mit aktuellen Versuchen, das Nora'sche Konzept zu präzisieren und seine analytischen Potenziale auszubauen.  +
Der Beitrag von Stefan Plaggenborg ist eine Wiederveröffentlichung des 2004 in der Publikation „Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa“ erschienenen Artikels. Mit der Betrachtung der drei Perioden 1917 bis 1945, 1945 bis 1953 und ab 1953 arbeitet er die europäische und globale Dimension der Sowjetgeschichte als Synonym für Zeitgeschichte heraus. Dabei wird versucht die Frage zu beantworten, wie die vielfältigen Aspekte der Sowjetgeschichte in die europäischen und globalen Kontexte der Zeitgeschichte eingebettet und in zeitgeschichtlichen Forschungsaufgaben formuliert werden können.  +
Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft gehören sicherlich zu den prägendsten Methoden und Forschungsfeldern der Zeitgeschichte, auch wenn sie Ende der 1980er-Jahre in die Kritik der aufsteigenden Kulturgeschichte gerieten. Klaus Nathaus verweist auf vier Gebiete, in denen sich die Sozialgeschichte derzeit neu erfindet: die Wiederentdeckung „großer” Themen wie Ungleichheiten, Globalisierung, Arbeit, Märkte und Kapitalismus; theoriegeleitete Arbeiten zu historischem Wandel, Prozessen und Kontinuitäten im Anschluss an die „historical sociology“; die Analyse sozialer Beziehungen sowie die Untersuchung einer zunehmend medialisierten Selbstbeobachtung von Gesellschaft.  +
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Begriffsgeschichte des Antifaschismus und das dazugehörige Forschungsfeld. Ziel der Ausführungen ist es, einige Entwicklungen der internationalen Literatur und Potenziale des „transnational turn“ in Bezug auf das Thema herauszuarbeiten. Räumlich konzentriert sich der Beitrag auf die historischen Ursprungsländer Italien und Deutschland. Zugleich öffnen europäische und globale Seitenblicke vergleichende und beziehungsgeschichtliche Perspektiven.  +
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Begriffsgeschichte des Antifaschismus und das dazugehörige Forschungsfeld. Ziel der Ausführungen ist es, einige Entwicklungen der internationalen Literatur und Potenziale des „transnational turn“ in Bezug auf das Thema herauszuarbeiten. Räumlich konzentriert sich der Beitrag auf die historischen Ursprungsländer Italien und Deutschland. Zugleich öffnen europäische und globale Seitenblicke vergleichende und beziehungsgeschichtliche Perspektiven.  +
Der Beitrag von Walther L. Bernecker und Sören Brinkmann ist eine Wiederveröffentlichung des 2004 in der Publikation „Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa“ erschienenen Artikels und betrachtet den Umgang mit der Zeitgeschichte in Spanien. Den Beginn der historia contemporánea, der „zeitgenössischen Geschichte” markiert in Spanien das Jahr 1808. Unter dessen Dach ist eine historiographische Behandlung der jüngsten Vergangenheit angesiedelt und wird als eigenständiges Forschungsfeld diskutiert. Die Herausbildung und Entwicklung einer Zeitgeschichte und ihrer Begrifflichkeiten verbinden die Autoren mit den Eigentümlichkeiten der spanischen Geschichtsschreibung und der historischen Aufarbeitung der beiden Ereignisse Bürgerkrieg und Transition zur Demokratie.  +
Jetzt in einer aktualisierten und überarbeiteten Version 2.0: Lange Zeit galt die Sportgeschichte innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft als (schönste) „Nebensache” der Disziplin. Olaf Stieglitz und Jürgen Martschukat zeichnen in ihrem Beitrag nach, wie durch den Einfluss der Cultural Studies Fragen des Sports, der Bewegungskulturen sowie des Körpers und seiner Historizität an Bedeutung gewinnen. „Sportgeschichte”, so der programmatische Ausblick der Autoren, entwickle sich momentan zu einer Körper- und Kulturgeschichte, in deren Kern das Ineinandergreifen von Sport, Körperlichkeiten und Identitätsbildungen sowie deren soziokulturell ordnungsstiftende Mechanismen und Funktionen stehen. Eine solche Geschichte von Körpern in (sportlicher) Bewegung vermag daher auch zu zeigen, dass „Wahrheiten” über Körper letztlich Ergebnisse historischer Aushandlungsprozesse sind.  +
T
Die Zeitgeschichte steht ebenso wie andere Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft vor dem Problem, dass die oftmals erhobene Forderung nach „mehr Theorie” sich einem heterogenen und disparaten Angebot an Definitionen des Theoriebegriffs gegenübersieht. Generell zielt Theorie auf die Klärung des Zuschnitts und der Funktionslogik einer Forschungsarbeit und legt deren Entstehungs- und Gültigkeitsbedingungen in einem kritischen, selbstreflexiven Prozess offen. Damit ist sie ein genuines Element des Forschungssettings wissenschaftlicher Erkenntnisarbeit. Die unterschiedlichen Theoriemodelle und die Formen der Theoriebildung legt Stefan Haas in diesem Beitrag dar.  +
Der Beitrag behandelt die ideengeschichtlichen Ursprünge, die politische Praxis und die sozialen Folgen des Neoliberalismus. Diese wirtschaftspolitische Ideologie wird von einem Idealbild freier, autonomer, und sich ins Gleichgewicht bringender Märkte, rational agierender Marktakteure und einem individualistisch-materialistischen Menschenbild getragen. Philipp Ther unterteilt in seinem Artikel die Geschichte des Neoliberalismus in vier größere Perioden, die von den 1930er-Jahren bis zur globalen Finanz-, Budget und Wirtschaftskrise von 2008/09 reichen, und geht anschließend auf mögliche Themengebiete und Zugänge einer zeithistorischen Neoliberalismusforschung ein, die auf einer analytischen und wertneutralen Benutzung dieses Begriffs beruht.  +
Das politische und ökonomische System in Jugoslawien unter Josip Broz Tito hat für unterschiedliche Perioden verschiedene Bedeutungen gehabt und sich in Brüchen und Zäsuren alles andere als linear entwickelt. Hannes Grandits zeigt aber auch, dass es trotz aller Wandlungen Züge des jugoslawischen Sozialismus gab, die ab einer gewissen Zeit stabil blieben und den „Titoismus” ausmachten: „Arbeiterselbstverwaltung“ in der Wirtschaft, „Brüderlichkeit und Einheit“ in der Nationalitätenpolitik und „Blockfreiheit" in der Außenpolitik“.  +
Der Artikel zeichnet den Sammelbegriff Living History in seinen verschiedenen Definitionen, Formen und Ausprägungen nach, um einen Überblick zum breiten Phänomenbestand zu geben. Dabei werden sowohl Entwicklungen in den USA als auch in Europa berücksichtigt sowie historische Vorläufer gegenwärtiger Phänomene thematisiert. Während im angloamerikanischen Raum Living History als Bildungsangebot und Programmbestandteil vollständig in die Museumslandschaft integriert ist, gibt es in Deutschland noch immer Vorbehalte gegen diese Art der Darstellung. Abschließend wird der Frage nachgegangen, wie sich die Geschichts- und Kulturwissenschaften zur Living History verhalten können: Welche theoretischen Zugänge und Ansätze gibt es zur Untersuchung und Analyse von Living History?  +
Von der zeithistorischen Forschung wurde die Tourismusgeschichte bislang eher stiefmütterlich behandelt, obwohl der Tourismus insbesondere ein wirtschaftlich höchst relevantes Phänomen ist. Unser Autor Rüdiger Hachtmann geht in seinem Beitrag dem vielschichtigen Phänomen „Tourismus” als Begriff und Forschungsgegenstand nach und behandelt die verschiedenen Formen und Phasen des modernen Tourismus. Außerdem diskutiert er die wichtigsten Vorschläge zu einer Theorie des Tourismus und benennt die methodischen Probleme, die seiner historischen Aufarbeitung im Wege stehen.  +
Der Begriff Transitional Justice etablierte sich am Ende der 1990er-Jahre in Politik und Politikberatung sowie in der sozial- und rechtswissenschaftlichen Forschung. Er steht für den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Verbrechen, die während eines Bürgerkriegs oder vor einem politischen Umbruch begangen wurden. Anne K. Krüger widmet sich in ihrem Beitrag dem Verhältnis der Transitional Justice-Forschung zu deutschen Debatten über die „Vergangenheitsaufarbeitung”, zeichnet die unterschiedlichen Forschungsrichtungen in diesem oftmals praxisbezogenen Feld nach und skizziert schließlich Anschlusspunkte für die Zeitgeschichtsschreibung.  +
Das Forschungsfeld der „transnationalen Geschichte“ bewegt sich an der Grenzstelle zwischen Nationen oder nationalstaatlich verfassten Einheiten und ihren Beziehungen zu anderen entsprechend organisierten Räumen, wobei diese Räume selten klar begrenzt scheinen. Aufgrund dieser Unschärfen plädiert Philipp Gassert in der zweiten Version seines Artikels dafür, den Begriff möglichst weit zu fassen und erörtert davon ausgehend die wichtigsten konkurrierenden Konzepte der „transnationalen Geschichte“. Daran schließt er eine Skizze der Begriffsgeschichte an und benennt Gründe für den Aufstieg des Forschungsbereichs, um abschließend Methoden und Gegenstände dessen zu beleuchten.  +
Der Beitrag von Martin Schulze Wessel ist eine Wiederveröffentlichung des 2004 in der Publikation „Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa“ erschienenen Artikels und behandelt die Zeitgeschichte in Tschechien. Diese ist reich an Zäsuren, die von den Zeitgenossen als Erschütterungen wahrgenommen wurden. Drei Zäsuren allerdings – die Gründung des tschechoslowakischen Nationalstaats 1918, die sozialistische Revolution 1948 und der Umbruch von 1989 – wurden nicht nur als Epochenwenden, sondern auch als Beginn einer „Neuen Zeit” verstanden. Gegenwartsnahe Geschichte hatte in diesen Fällen eine besondere Funktion: sie beleuchtete eine Epochenschwelle, die mit verschiedenen weltanschaulichen Vorzeichen als (Neu-) Beginn von Geschichte überhaupt gedeutet werden konnte.  +
U
Der Beitrag von Árpád v. Klimó ist eine überarbeitete Version des 2004 erschienenen Artikels „Zeitgeschichte als moderne Revolutionsgeschichte. Von der Geschichte der eigenen Zeit zur Zeitgeschichte in der ungarischen Historiographie des 20. Jahrhunderts” und gibt einen nützlichen Einblick in das Verständnis der ungarischen Zeitgeschichte, vor allem in der Zeit zwischen 1945 und 1989. Warum die Geschichte der eigenen Zeit in Ungarn seit 1848 immer eine Revolutionsgeschichte war, weshalb eine moderne Zeitgeschichte erst nach 1989 entstehen konnte und welche Chancen sich aus dem EU-Beitritt 2004 ergeben haben, wird umfassend beleuchtet.  +
V
Als „Vetorecht der Quellen" bezeichnet man eine geschichtstheoretische Denkfigur, nach der der quellenkritischen Deutung historischer Überreste die Funktion zukommt, historisch unwahre Aussagen als solche kenntlich werden zu lassen. Stefan Jordan beschreibt diesen, von dem Geschichtstheoretiker Reinhart Koselleck geprägten Begriff in seiner Entstehung zwischen Objektivität und Parteilichkeit, ordnet ihn von der Aufklärung bis zur Postmoderne ein und beschreibt ihn in seiner zeithistorischen Anwendung.  +
As one of the founders of Visual History in the field of modern and contemporary history, Gerhard Paul presents well-informed the research area: Pictures are in the wider sense sources as well as distinct objects in historiographic studies. Visual History also concerns itself with the imagery of history and vice versa – the historicity of the visual. The article provides an overview of the fields origin and the relating debates of its role within history.  +
Gerhard Paul hat seinen Docupedia-Artikel zur Visual History überarbeitet und mit Bildern ergänzt aktuell in einer Version 3.0 vorgelegt. Als einer der Begründer der Visual History im Bereich der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte stellt er kenntnisreich das Forschungsfeld vor, das Bilder in einem weiten Sinne sowohl als Quellen als auch als eigenständige Gegenstände der historiografischen Forschung betrachtet und sich gleichermaßen mit der Visualität von Geschichte wie mit der Historizität des Visuellen befasst.  +
„Volksgemeinschaft”, wie sie vom NS-Regime propagiert worden ist, hat es als soziale Wirklichkeit nicht gegeben. Nicht in der Feststellung eines sozialen Ist-Zustandes, sondern vielmehr in der Verheißung, in der Mobilisierung lag die politische Kraft. Michael Wildt plädiert in seinem Beitrag dafür, den Begriff der „Volksgemeinschaft“ praxeologisch zu verstehen und nach den Praktiken ihrer Herstellung zu fragen. In dieser analytischen Perspektive bildet „Volksgemeinschaft” keine festgefügte soziale Formation, sondern wäre vielmehr als soziale Praxis zu untersuchen.  +
W
Wie haben sich Normen und Werte in modernen Industriegesellschaften verändert? Isabel Heinemann beschäftigt sich in ihrem Beitrag über den Begriff des „Wertewandels“ mit der Frage, welche Möglichkeiten für eine kritische Historisierung des ursprünglich sozialwissenschaftlichen Konzepts bestehen. Sie plädiert dafür, den Begriff aus seiner vorherrschenden Fixierung auf die 1960er- und 1970er-Jahre als vermeintlicher Kernphase des Wertewandels zu lösen, um durch den Vergleich von Phasen intensiven Wandels mit Perioden von größerer sozialer und normativer Kontinuität die Bedeutung und Reichweite von Wertewandelprozessen besser erschließen zu können.  +
Die zeithistorische Analyse und die Beschreibung von Widerstand und Opposition gehören zu den zentralen Gegenständen der Erforschung moderner Diktaturen. Dabei stehen Untersuchungen zum Widerstand in der DDR immer in engem Bezug zur NS-Forschung bzw. zu deren Definition des Widerstandsbegriffs. Rainer Eckert regt deshalb an, den Forschungsbereich Widerstand und Opposition in der DDR und damit auch für alle anderen kommunistischen Staaten stärker zu positionieren. Eine künftige Schwerpunktlegung auf die internationale als auch auf die regionale Ebene würde zudem die Perspektive schärfen. Ebenso könnten laut Eckert der Vergleich widerständiger Generationen und die Analyse der Verhältnisse und Differenzen innerhalb der verschiedenen Oppositionellengruppen sowie von Einzelpersonen neue Erkenntnisse bringen.  +
Wie werden Menschen zu Subjekten gemacht, und wie machen sie sich selbst zu Subjekten? – fragt Wiebke Wiede und stellt in dem Artikel die wichtigsten Theorieansätze zur Funktionsweise von „Subjektivierung” im 20. Jahrhundert vor. Subjekte konstituieren sich im historischen Raum, und sie unterliegen institutionellen Strukturen und Subjektdefinitionen, die historisch kontingent sind. Demnach spiegeln sich auch in den Subjekttheorien die kulturellen Orientierungsbedürfnisse unserer Gegenwart. Wiede beschreibt das relativ junge Forschungsfeld der Subjektivierung oder „Selbst-Bildungen” und plädiert dafür, die Zeitgeschichte verstärkt einzubinden.  +
Wie werden Menschen zu Subjekten gemacht, und wie machen sie sich selbst zu Subjekten? – fragt Wiebke Wiede und stellt in dem Artikel die wichtigsten Theorieansätze zur Funktionsweise von „Subjektivierung” im 20. Jahrhundert vor. Subjekte konstituieren sich im historischen Raum, und sie unterliegen institutionellen Strukturen und Subjektdefinitionen, die historisch kontingent sind. Demnach spiegeln sich auch in den Subjekttheorien die kulturellen Orientierungsbedürfnisse unserer Gegenwart.  +
Die Wiedergutmachung für historisches Unrecht stellt für die Geschichtswissenschaft ein vergleichsweise junges Forschungsfeld dar. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Schlüsselproblem erkannt, wurde die Wiedergutmachung in diesem Kontext auch zu einem Schlüsselbegriff der politischen und rechtlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Benno Nietzel arbeitet in seinem Beitrag spezifisch geschichtswissenschaftliche Themenfelder und Fragestellungen heraus und zeigt darüber hinaus die Interdisziplinarität und die Internationalität der Forschungen zur Wiedergutmachung auf. Nietzel plädiert dafür, zukünftig die oftmals verstreuten und unzusammenhängenden internationalen Untersuchungen zur Wiedergutmachung in Beziehung zu setzen und sie als Teil eines übergreifenden Diskussionszusammenhanges zu begreifen.  +
Martina Winkler führt in die Fragen und Debatten der Kindheitsgeschichte ein. Die historische Auseinandersetzung mit Kindheit lässt sich analytisch in drei einander überlappende Bereiche bzw. Ansätze unterteilen: die Erforschung der Umstände, unter denen Kinder in der Vergangenheit lebten; die Analyse der Vorstellungen von „Kindheit” im historischen Wandel; sowie die Nutzung des Konzepts als historische Kategorie von fundamentaler Bedeutung für die Strukturierung von Gesellschaften. Im Vordergrund stehen konzeptionelle und theoretische Fragen nach der kategorischen Bedeutung von Kindheit und nach den Möglichkeiten und Chancen einer Kindheitsgeschichte: Wie werden „Kinder” und „Kindheit” definiert, und mit welchen Konzepten, Werten und Vorstellungen werden die Begriffe gefüllt?  +
Die Wirtschaftsgeschichte nimmt eine Brückenfunktion zwischen den Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften wahr und befasst sich mit der historischen Entwicklung sowohl des wirtschaftlichen Handelns als auch der materiellen Grundlagen der Gesellschaft. André Steiner erläutert in seinem Beitrag die Genese des Fachs und zeigt Perspektiven auf, zu denen unter anderem auch eine Kulturgeschichte des Wirtschaftens zählt. Darüber hinaus diskutiert Steiner die komplexe Beziehung von Wirtschafts- und Zeitgeschichte.  +
Den ursprünglich aus den Sozialwissenschaften entstammenden Konzepten der Wissens- und Informationsgesellschaft kommt aus Sicht der Zeitgeschichte eine doppelte Funktion zu: Die Verständigung über den umfassenden technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel und die Verwendung als analytische Mittel, um die Erzeugung und Verbreitung von Wissen historisch zu beleuchten. Aufgrund dieses Doppelcharakters und um die Debatten besser kontextualisieren zu können, befasst sich Christiane Reinecke in ihrem Artikel zunächst mit dem Aufkommen der Konzepte in den 1960er- und 70er-Jahren. In einem zweiten und abschließenden Abschnitt erörtert sie dann deren Gebrauch als analytische Instrumentarien in der Geschichtswissenschaft.  +
Z
Historische Zäsuren besetzen eine prominente Rolle im geschichtlichen Denken. Doch stecken sie, wie Martin Sabrow in seinem Beitrag zeigt, nicht im Geschehen selbst, sondern in seiner zeitgenössischen oder nachträglichen Deutung. Sie dienen der subjektiven Ordnung der Geschichte und der Abgrenzung von Zeiteinheiten. Der Zäsurenbegriff ist nur schwer fassbar, sektoral und perspektivengebunden. Sabrow schlägt daher eine Unterscheidung zwischen nachträglicher Deutungszäsur und zeitgenössischer Erfahrungs- oder Ordnungszäsur vor.  +
Zeit ist eine der grundlegendsten Kategorien der Geschichtswissenschaft. Rüdiger Graf widmet sich dem Begriff und Phänomen der Zeit zunächst anhand von neueren Theorien über die Zeit in unterschiedlichen Wissensfeldern. Ausgehend von sprachanalytischen Überlegungen hält er fest, dass die Geschichtswissenschaft sich stärker als bisher mit dem Zusammenhang von vergangenen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukunftsvorstellungen beschäftigen sollte. Die zentrale Aufgabe einer Zeitgeschichte als einer Geschichte unserer Zeit besteht für ihn darin, zentrale Deutungen der Zeit nicht einfach zu reproduzieren, sondern sie vielmehr zu historisieren und zugleich als Faktoren in und für den Wandel der Zeit miteinzubeziehen.  +
Die Zeitgeschichte ist ein Kind des „Zeitalters der Extreme“. Über die aktuellen Probleme einer zeitlichen und definitorischen Einordnung des Begriffs der Zeitgeschichte schreibt Gabriele Metzler und weist dabei gleichzeitig auf die andauernde Hochkonjunktur zeithistorischer Themen in den Medien und der Öffentlichkeit hin. Die Autorin plädiert für eine unbedingt nötige Neupositionierung der Disziplin. Denn die Zeitgeschichte sieht sich angesichts technischer Neuerungen, der Verfügbarkeit neuer Ressourcen für die Forschung sowie von gewandelten trans- und interdisziplinären Verflechtungen mit neuen Herausforderungen konfrontiert.  +
In ihrem Beitrag über „Zeitgeschichte in Museen - Museen in der Zeitgeschichte“ widmet sich Kristiane Janeke der Entwicklung von Museen und Ausstellungen zu zeithistorischen Themen und der interdisziplinären Forschung zu Theorie und Praxis des Ausstellens. Nach Janeke sind zeithistorische Museen in der letzten Zeit in einer zunehmend heterogenen und multikulturellen Gesellschaft zu Bildungsorten geworden, in denen relevante zeithistorische Diskurse reflektiert und durch das Medium der Ausstellung mitgeprägt werden. Anlass genug, dass sich auch Zeithistoriker/innen noch stärker mit der Thematisierung von Geschichte in Museen auseinandersetzen.  +
Das 20. Jahrhundert lässt sich als „urban century” begreifen. Doch besteht bei aller Forschungsdynamik nicht wirklich ein Konsens darüber, was das Feld jenseits seines Gegenstandsbezugs eigentlich zusammenhält. Warum sind Städte gerade in jüngster Zeit zu immer prominenteren Gegenständen der Forschung geworden? Malte Zierenberg stellt Definitionsansätze vor, die zu klären versuchen, was die Stadtgeschichte eigentlich ausmacht, beschreibt interdisziplinäre Einflüsse, die für die moderne Stadtgeschichtsschreibung von Beginn an wichtig waren, und gibt einen Überblick zu aktuellen Forschungsthemen und Begriffen.  +
Zivilgesellschaft gilt als schillernder Projektionsbegriff. Das Konzept wird seit den 1980er-Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften verwendet und ist fest in der politischen Theorie verankert. Zivilgesellschaft ist im Englischen mit dem Begriff „Civil Society“ verwandt; in Deutschland gibt es enge Verknüpfungen zur „Bürgerlichen Gesellschaft“. Die Global Civil Society untersucht zivilgesellschaftliche Fragestellungen auf globaler Ebene. Die Verwendung der Konzepte ist umstritten, gerade weil die Bürgergesellschaft auf eine gesellschaftliche Mitte abzielt und Distinktionen beinhaltet. Trotzdem lohnt es sich, die normative Seite der Zivilgesellschaft aufzugreifen und diese mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen der Dritten-Sektor-Forschung zu kombinieren.  +
In einer aktuell überarbeiteten und ergänzten Version 2.0 beschreibt Irmgard Zündorf die Etablierung der Public History als fachwissenschaftliche Antwort auf die mit dem Geschichtsboom verbundenen Herausforderungen. Public History setzt sich mit jeder Form der Geschichtsdarstellung auseinander, die sich an eine breite, nicht vorgebildete Öffentlichkeit richtet, und erforscht diese. In ihrem Docupedia-Beitrag gibt sie einen Überblick über die verschiedenen Definitionen von Public History, zeichnet die institutionelle Entwicklung nach und fragt abschließend, wie akademische und öffentliche Geschichte künftig stärker miteinander verschränkt werden können.  +
In a current revised and extended version 2.0, Irmgard Zündorf describes the formation of Public History as a technical answer to the challenges of the history boom in recent years. Public History discusses all representative forms of history, which are directed at the non-trained public at large and researches them. In her Docupedia article, she gives an overview of the diverse definitions of Public History, traces the institutional progress and finally asks how academical and public history could become more entangled.  +
Ö
Die österreichische Zeitgeschichte ist in ihren Anfängen durch eine starke staatliche Dominanz gekennzeichnet, wie Ernst Harnisch in seinem Artikel detailliert schildert. Erst durch die 68er-Bewegung öffnete sich die Forschung zu den systematischen Sozialwissenschaften und begann sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu befassen. Der Autor erörtert die Entwicklungsphasen der österreichischen Forschungsarbeit und gibt einen Ausblick auf ihre zukünftigen Möglichkeiten.  +