Schweiz - Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise

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Christof Dipper, Schweiz – Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise,
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.03.2011
(Um einen Nachtrag ergänzte und im Literaturapparat leicht aktualisierte Wiederveröffentlichung von: Christof Dipper, Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise. Das Beispiel Schweiz, in: Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa, Göttingen 2004, S. 149-174.)
Hauptfoto: Rütli.jpg
Am 25. Juli 1940 versammelt General Henri Guisan die Offiziere der Schweizer Armee zum Rapport auf dem Rütli.
Schweiz – Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise

I. Die Zeitgeschichte zählt zu den Stiefkindern der historischen Methode.[1] Zwar wird viel über sie geschrieben, aber die Fülle der einschlägigen Titel steht in deutlichem Widerspruch zum theoretischen oder methodischen Ertrag des Mitgeteilten. Vielfach ist zu lesen, mit Zeitgeschichte befassten sich die Historiker ernsthaft erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Anderswo wird darauf verwiesen, dass eigentlich Thukydides der erste Zeithistoriker gewesen sei. Schließlich stößt man auf den Hinweis, dass das Wort „Zeitgeschichte” erstmals 1691 belegt sei.[2] Dass es sich in allen drei Fällen um dasselbe handelt, wird man schwerlich annehmen wollen. Doch bleibt es nicht bei dieser Ungereimtheit. Neuerdings zählen die Zeithistoriker für manche zu einem so festen Bestandteil bundesrepublikanischer Geschichtskultur, dass sie – und das gilt als verhängnisvoll – eher zu viel als zu wenig Einfluss besitzen.[3] Es ist aber noch nicht lange her, da die Zeitgeschichte zur eher peinlichen Verwandtschaft der historischen Fächer gerechnet und entsprechend wenig Forschung auf diesem Gebiet betrieben wurde.[4] Viele Historiker begegnen ihr noch immer mit dem Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit. Sie sei zu sehr 'von der Parteien Hass und Neid verzerrt', weil der nötige Abstand fehle und weil auch die Archive in der Regel noch kaum zugänglich seien. Archive als Horte der Wahrheit, Historiker als Bergleute, die tief im Innern solcher Wahrheitsgruben nach dem Gold der Erkenntnis forschen – so hat man sich das Wissenschaftsbild jener vorzustellen, die der Zeitgeschichte grundsätzliche Skepsis entgegenbringen.

Verweilen wir einen Augenblick bei den verschiedenen Bedeutungen von Zeitgeschichte. Die erste gilt der 'Historie der eigenen Zeit', der man aus pragmatischen Gründen den Vorzug vor anderen möglichen Historien gab. Solange es noch keine wissenschaftlich kontrollierten Verfahren der Materialerhebung und -auslegung gab, besaß nämlich gerade die Gegenwartsgeschichte einen methodischen Vorzug, und zwar insofern, als eben sie den besten Zugang zu den Zeugen besaß. Kurz vor dem Ende solcher erfahrungsgesättigten Einsicht in die Probleme der Historiographie stellte Lessing noch einmal fest, „daß der Name des wahren Geschichtsschreibers nur demjenigen zukömmt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibet. Denn nur der kann selbst als Zeuge auftreten, und darf hoffen, auch von der Nachwelt als ein solcher geschätzt zu werden”, während die anderen sich auf das Hörensagen oder das Abschreiben beschränken müssten.[5]

Dieser pragmatischen Zeitgeschichte, wie ich sie hier nennen möchte, hielt ein halbes Jahrhundert später Campe einen methodischen Begriff von Zeitgeschichte entgegen. Es bedeutete geradezu einen Durchbruch an Erkenntniskritik, wenn er der von Lessing formulierten ehernen Regel der Geschichtsschreibung die Erfahrung entgegenhielt, „die Geschichte überhaupt” sei Zeitgeschichte.[6] Im steten Fortgang der Zeit verändere sich mit den Dingen auch die Einsicht und deshalb schreibe jede Epoche ihre eigene Historie, was immer auch der Gegenstand sei. Etwas anderes sei gar nicht möglich. Hätte sich Campes Erkenntnis durchgesetzt, hätte sich die 'pragmatische' zu jener Zeitgeschichte, wie wir sie heute betreiben, vermutlich zwanglos fortentwickelt. Die positivistische Trivialversion des Historismus – ihr Glaubensbekenntnis sind objektive Fakten, ihr Fetisch die Quellen – hat freilich alsbald den Gedanken der unhintergehbaren Perspektivik aller menschlichen Einsicht wieder verdrängt, so dass der Zeitgeschichte vielfach bis heute das eingangs angesprochene besondere Misstrauen entgegengebracht wird. Erst die Postmoderne verhalf der Erkenntnis Campes, dass alle Historie zwangsläufig Geschichte ihrer eigenen Zeit sei, wieder zur Geltung.

So lange hat es allerdings nicht gedauert, bis die Historiker sich wieder an die Erforschung der jeweils jüngsten Vergangenheit gewagt haben. Genau besehen, hat es sie eigentlich immer gegeben, aber eben, wie eingangs betont, ohne rechte Anerkennung durch die Institutionen der historischen Zunft. Man muss nur sehen, wie diese es in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermieden hat, mit dem zeitgeschichtlichen Thema schlechthin, der Schuldfrage, in der Weise umzugehen, wie es ihren eigenen Regeln entsprochen hätte.[7] Weder das politische Schockerlebnis von Niederlage und Revolution noch der Druck des Auslandes haben nach 1918 Deutschland zu einer Zeitgeschichtsschreibung verholfen, die der kritischen Selbsterforschung diente. Solange jene sich diesem Erfordernis versagt, mag es zwar eine Historiographie der jüngsten Vergangenheit geben, doch bleibt sie wissenschaftlich anspruchslos. Zeitgeschichtsschreibung, wie sie hier verstanden wird, ist nicht so sehr epochal von anderen Geschichtsschreibungen abgegrenzt, sondern dadurch, dass sie es mit einer Vergangenheit zu tun, die noch nicht vergangen ist. Sobald ihr dann aber das Kunststück der Historisierung gelungen ist, hebt sie sich gewissermaßen selber auf bzw. transzendiert zur Historiographie einer abgeschlossenen Periode. Zeithistorie hat programmatisch zu sein, sie wird aus dem Geist der Kritik geboren. So gesehen ist sie keine Teildisziplin, sondern eine Herangehensweise.

Damit es dazu in Deutschland kam, musste erst noch das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte überstanden werden.[8] Der landläufigen Vorstellung nach war es Hans Rothfels, der mit seinem wissenschaftlichen Gewicht nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Deutschland die Zeitgeschichte begründet hat. Das gilt aber nur – und diese Einschränkung soll seine Leistung nicht mindern, denn, wie noch zu zeigen sein wird, fehlt es der Schweiz, nicht zu ihrem Vorteil, daran bis heute – für ihre institutionelle Fundierung. Zu den oben beschriebenen Erfordernissen einer zeitgeschichtlichen Historiographie hat Rothfels jedoch nichts beigetragen. Er selbst sprach nach 1945 auch nicht von der Notwenigkeit eines Neuanfangs, sondern lediglich von der „Zeitgeschichte als Aufgabe”, womit er signalisieren wollte, dass es nunmehr um die Wiederaufnahme der Königsberger Anfänge zu gehen habe.[9] Entsprechend konventionell blieben seine Aussagen dazu, wie Zeitgeschichte auszusehen habe. Chronologisch definierte er sie als „Epoche der Mitlebenden”, also ganz formal, ihre sachliche Notwendigkeit begründete er inhaltlich, nämlich mit der Zäsur, die auf das „kurze” 19. Jahrhundert in Gestalt der totalitären Regime im 20. Jahrhundert in die (europäische) Welt gekommen sei. Durch sie habe sich die geschichtliche Entwicklung so stark verändert, dass man mit ihrer Erforschung nicht länger zuwarten dürfe.[10] Dass aber nicht schon neue Zeiten ausreichen, um „Zeitgeschichte als Aufgabe” zu begründen, – dieser Gedanke fehlt in Rothfels' programmatischem Artikel. Deutlicher wurden damals andere aus dem Umfeld des neu gegründeten Münchener Instituts für Zeitgeschichte. „Die Zeitgeschichte – die wir meinen – entstand primär aus einem Bedürfnis der Selbstreinigung, aus einem moralischen Impetus, aus einem schlechten Gewissen”.[11] Also nicht schon die „Epoche der Mitlebenden”, sondern das Bewusstsein einer Krise und die Notwendigkeit, historiographisch darauf zu reagieren. Die programmatische Zeitgeschichte, wie ich sie hier in Abgrenzung zu den beiden anderen Begriffen von Zeitgeschichte nennen möchte, war geboren. Die Zeithistorie will nicht nur erzählen, wie es in der „Epoche der Mitlebenden” 'eigentlich gewesen', sondern sie sucht die Auseinandersetzung mit einer in die Gegenwart hereinreichenden Vergangenheit. Der kritische Umgang mit dieser Vergangenheit, die nicht einmal die jüngste zu sein braucht,[12] ist ihre eigentliche raison d'être.

Weil sich im Nachkriegsdeutschland gegen solche Absichten wenig einwenden ließ, erlebt hierzulande diese Form von Zeitgeschichte eine bis heute anhaltende Konjunktur.[13] Das ist auch der Grund, weshalb sich das Ausland an ihr von Anfang an in namhaftem Umfang beteiligt hat.

Umgekehrt heißt das aber auch, dass anderswo der Bedarf an dieser Art von Zeitgeschichte möglicherweise entsprechend geringer ist. Waldemar Besson wies 1961 auf Großbritannien hin, das keine Zeitgeschichte (im programmatischen Sinne, wie zu ergänzen wäre) kenne,[14] wohl aber „current history”, also die Historie der „Epoche der Mitlebenden”. Auch für die Schweiz galt das, um nun endlich zum Thema zu kommen, bis vor kurzem. An Zeitgeschichte in kritischer Absicht herrschte kein Bedarf in einem Lande, das mit sich selbst im Reinen war, und da die Schweiz von moralischen Katastrophen deutscher Dimension zu ihrem Glück verschont geblieben ist, vollzog sich die Etablierung dieser Disziplin – wenn man von Disziplin im Falle der Schweiz überhaupt sprechen kann – später und unter ungleich größeren Geburtswehen als hierzulande.

II. Wie alle anderen Länder besaß auch die Schweiz ihre pragmatische Zeitgeschichte bis ins 19. Jahrhundert. Sie nahm von den 1790er-Jahren an tagespolitische Züge an und beteiligte sich an jenen Auseinandersetzungen, die 1847 in den Sonderbundskrieg mündeten. Unmittelbar danach setzte der Siegeszug des Historismus ein, der zugleich einen Professionalisierungsschub für die Historiker bedeutete. Quellenkritik wurde nun zum Kernbestandteil des historischen Handwerks erklärt und wer als Wissenschaftler gelten wollte, wandte sich von der Gegenwart ab; „das Dunkel der ersten Jahrhunderte des Bundes” wurde zur bevorzugten Epoche historischen Forschens.[15]

Eine Abkehr von der Tagespolitik also, statt dessen 'Arbeit am Mythos'. Die patriotische Meistererzählung, in der Schweiz ein Kind schon des 18. Jahrhunderts,[16] erfuhr nunmehr beträchtliche Verfeinerung und vor allem die Weihen der gerade entstehenden Geschichtswissenschaft.[17] Nach ihrer Aussage bescheinigten die Quellen dem Land, dass es einen glücklichen Sonderfall in der europäischen Geschichte darstelle, eine 'Insel' im tosenden Meer unendlicher Konflikte. Ergebnis historiographischen Forschens war die von der 'Geschichte selbst' dargebotene Perspektive der Zweigipfligkeit helvetischer Geschichte mit den beiden Eckdaten 1291 und 1848 und dem unteren Wendepunkt 1798. Mit Blick auf die Nachbarn erfand sich die Schweiz als ein Land, das 1848 zur nunmehr 'für immer' gültigen Form politischer und gesellschaftlicher Ordnung zurückgefunden hat, deren außenpolitisches Pendant die schon 1815 'wiederhergestellte' „immerwährende Neutralität” war.[18]

Historiographisch war freilich die Schweiz alles andere als ein Sonderfall, denn Vergleichbares fand – und findet – in allen modernen Gesellschaften statt. In immer neuen Beiträgen versicherte sich die Nation ihrer Geschichte und die Geschichte versicherte der Nation, dass alles seine Richtigkeit hatte. Wilhelm Oechslis unvollendet gebliebene „Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert” erinnerte schon die Zeitgenossen an Treitschkes vaterländischen Geschichtsunterricht für die Deutschen. Dasselbe gilt für Johannes Dierauers 1887 erschienene „Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft”, der gleich im Vorwort den Ausnahmecharakter seines Landes hervorhob, „das sich seit sechshundert Jahren in merkwürdiger Kontinuität entwickelt hat und ununterbrochen, wenn auch nicht immer im Sinne moderner Rechtsideen, im Herzen Europas ein Hort der Volksfreiheit gewesen ist”.[19] Karl Dändlikers „Auszug aus der Schweizergeschichte” von 1910 ist ein weiteres Beispiel dieser geradezu seriellen Historien vom Sonderfall Schweiz.[20] Geschichte als Legitimationswissenschaft funktionierte selbst in jenem Ausnahmefall, der der Schweiz in kritischer Absicht entgegentrat. Robert Grimms in seiner Festungshaft – er war dazu wegen seiner führenden Beteiligung am Landesstreik vom November 1918 verurteilt worden – verfasste „Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen”[21] enthielt einen von ihrem Autor „möglicherweise nicht einmal bewußt erkannten patriotischen Kern”,[22] denn eben auch die Art und Weise des Klassenkampfs in jenem Lande unterstrich nur ein weiteres Mal den Sonderfall Schweiz.

Mögen aber Treitschke und die deutsche Geschichtswissenschaft insgesamt die bewusst gewählten Lehrmeister gewesen sein – wer von den Deutschschweizern es sich leisten konnte, studierte im 19. Jahrhundert wenigstens ein oder zwei Semester an einer deutschen Universität -, so glich das Geschichtsbild viel eher demjenigen Englands. Das ist natürlich kein Zufall. Was in England die Whig interpretation of history, das war in der Schweiz die „'freisinnige' staatslegitimierende Erfolgsgeschichte”[23] des Landes: Seit Überwindung der inneren Spannungen laufe die geschichtliche Entwicklung bruchlos auf eine Optimierung der Verfassungslage hinaus, die es, einmal erreicht, nunmehr zu bewahren gelte. Dass die Schweizer ihr Land als 'Insel' sehen, kam dieser Auffassung sehr entgegen und sicherte sie bis in die alltagsweltlichen Vorstellungen hinein.

Die Nichtteilnahme am Ersten Weltkrieg bestätigte dieses Geschichtsbild in zweifacher Weise. Erstens entfiel dadurch eine ereignisgeschichtliche Zäsur allerersten Ranges, in deren Folge eine Diskussion von Periodisierungsfragen vermutlich ebenso in Gang gekommen wäre wie anderswo. Zweitens blieb der Schweiz eine selbstkritische Prüfung ihrer Identität erspart, da im historisch ungebrochenen Kontinuum noch nicht einmal Anlass zu jener 'Formveränderung des Politischen' bestand, wie wir sie in den meisten anderen Ländern Europas nach 1918 beobachten können. So hat auch der Generationswechsel auf den Lehrstühlen um 1920[24] keine neuen historiographischen Perspektiven und erst recht nicht die Anfänge zeitgeschichtlicher Forschung gebracht. Während die amtlichen Akten für die Zeit nach 1848 gesperrt blieben, florierte das Editionswesen für mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellenpublikationen. Der Gipfelpunkt war wohl in Karl Meyer erreicht, der den 'Mythos Schweiz' nicht nur in seinen sehr öffentlichkeitswirksamen Beiträgen zur „geistigen Landesverteidigung” beschwor, mit der die Schweiz auf den nationalsozialistisch gewordenen übermächtigen Nachbarn reagierte, sondern ihn als Mediävist, der er eigentlich war, schon vor 1291 wissenschaftlich belegen zu können glaubte; sein Werk sei so zu lesen, als seien die Schweizer mit einem „fast angeborenen Abwehrwillen” ausgestattet, wie es in einem kritischen Kommentar heißt.[25]

Die freisinnige Meistererzählung blieb nach dem Ersten Weltkrieg zwar nicht unkritisiert, doch kam die Kritik von politischen und professionellen Außenseitern. Das reichte für die Entstehung einer Zeitgeschichte in programmatischer Hinsicht um so weniger aus, als nach 1933, und erst recht nach 1939 der wachsende, zunehmend als existenzbedrohend wahrgenommene Außendruck die Vorstellung vom „Sonderfall” Schweiz opportuner denn je machte. Die Außenseiter waren zum einen der bereits genannte Gewerkschaftsführer Robert Grimm, der die Schweizer Nation als das Ergebnis eines von der Bourgeoisie gewonnenen Klassenkampfes bezeichnete und 'wahre' Demokratie und Freiheit von der Umformung der Eigentumsverhältnisse im Weltmaßstab erwartete, wodurch sich die Frage einer gesonderten Revolutionierung der Schweiz gleich wieder erübrigte. Der andere prominente Kritiker des Establishments und seines Geschichtsbildes war der Freiburger Patrizier Gonzague de Reynold, Professor für französische Literatur, aber vor allem homme de lettres. Seine Hoffnungen lagen nicht in der Zukunft, sondern in der vorrevolutionären, eigentlich in der vorreformatorischen Eidgenossenschaft. Vom Protestantismus über die Aufklärung zum „démocratisme” der Gegenwart, dem Gegenstück zur alteidgenössischen Demokratie, war es ein Dreisprung in die Abgründe moderner gesellschaftlicher und Verfassungszustände, die er unter Rückgriff auf die intakten Institutionen der Familie und der Korporation überwinden wollte.[26] Mit Recht nannte der Freisinn Reynolds Buch von 1929, „La démocratie et la Suisse. Essai d'une philosophie de notre histoire nationale”, eine „klerikal-faschistische Philosophie der Schweizergeschichte”;[27] Reynold wurde zum Rückzug von seiner Berner Professur gedrängt und ging 1932 nach Fribourg. Es bestätigte sich somit eindrucksvoll, dass das herrschende Paradigma das Paradigma der Herrschenden war.

'Kritik und Krise' sind, so könnte man sagen, hier als die beiden mentalen Voraussetzungen für die Etablierung der Zeitgeschichte als spezifischer Herangehensweise benannt worden. Das genügt jedoch nicht. Ohne Unterstützung wenigstens eines Teils der öffentlichen Meinung und der Politiker vermag sie sich kaum durchzusetzen, wie mehr noch als die beiden soeben genannten Autoren das Beispiel der Weimarer Republik zeigt, in der, worauf bereits hingewiesen wurde, die Ansätze ernstzunehmender Kriegsursachenforschung letzten Endes erfolgreich bekämpft worden sind – zum Schaden für die Republik. In der Schweiz war damals keine dieser drei Bedingungen gegeben, ohne dass deshalb allerdings die Republik in Gefahr geraten wäre. Oder vielleicht doch? Zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war jedenfalls zu lesen, dass, wenn schon nicht die Republik, so immerhin die Demokratie in Gefahr sei – damals, in den 1930ern und 1940ern, und jetzt wieder -, wenn sich die Schweiz nicht endlich der geschichtlichen Wahrheit stelle. Was war geschehen?

Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Schweiz in der Zeit totalitärer Bedrohung von innen und außen nachzuerzählen. Um die nachträglich erhobenen Vorwürfe zu verstehen, die Schweiz sei weder neutral gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland noch demokratisch und liberal gegenüber den eigenen Bürgern geblieben und außerdem habe sie in ihrer Rolle als Zufluchtsort schmählich versagt, müssen vier zentrale Stichworte genügen. Erstens drohte die Schweiz in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ihren politischen Konsens einzubüßen. Vom majoritären liberalen Milieu spalteten sich namhafte Teile ab und fanden, wo sie nicht im genossenschaftlich-liberalen „Landesring der Unabhängigen” aufgefangen wurden, in mehr oder minder radikalen „Bünden” und „Fronten” zusammen, die mit dem Faschismus oder Nationalsozialismus sympathisierten und das Land destabilisierten. Zweitens entwickelten die politischen Eliten unter dem Eindruck des drohenden Konsensverlustes die Konkordanzdemokratie, in der die bürgerlichen Parteien freisinniger und christlicher Prägung die Sozialdemokraten zu integrieren begannen, nachdem jene die Zusammenarbeit mit den Kommunisten aufgegeben hatten;[28] das ganze mündete in der sog. Zauberformel, die seit 1959 die Verteilung der Posten im Bundesrat regelt. Ihr politischer Preis bestand – und besteht bis heute – im Verzicht auf offenen Konfliktaustrag mit der Folge zwar stabiler, aber eben auch dem politischen oder sozialen Wandel wenig Rechnung tragender Verhältnisse. Die Herrschaftseliten in Bund und Kantonen haben drittens dieses politische Konstrukt überwölbt und mit Sinn zu füllen versucht, indem sie die „geistige Landesverteidigung” erfanden; sie sollte die 'echten' Schweizer Normen (Konkordanzdemokratie, Streikverzicht, Neutralität), Institutionen (Schule, Armee, Kirche, Parteiwesen) und Werte (Tradition, Selbständigkeit, Einfachheit, Ehrlichkeit, zusammengefasst damals im Begriff des „ehrenfesten Schweizertums”) zusammenbinden, holte aber ihr begriffliches Instrumentarium zum Teil gerade bei denjenigen Mächten, denen sie sich entgegenstellte und denen gegenüber sie zugleich taktierte, und enthüllte damit, vor allem im Rückblick, die Krise des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Träger, wenn nicht Erfinder dieses konsensorientierten nationalen Sinnangebots war viertens die sog. „Aktivdienstgeneration”, die vor allem aus Angehörigen der Jahrgänge 1910 bis 1925 bestand und die Hauptlast nicht nur der „geistigen”, sondern auch der militärischen Landesverteidigung trug und selbstverständlich die einmal erlangte Vormachtstellung über 1945 hinaus zu sichern bemüht war.

III. Mitte der 1960er-Jahre geriet die westliche Welt in Bewegung. Auch die Schweiz blieb davon nicht verschont. Hatte sie bisher mit ihrer Strategie eines übersteigerten Antikommunismus[29] die Kritik der Alliierten an ihrer unaufrichtigen Neutralität im Krieg erfolgreich zum Verstummen gebracht, so wurde nun im Lande selbst Unbehagen an den für sakrosankt erklärten Glaubenssätzen der „geistigen Landesverteidigung” laut. Vielen sprach der Basler Staatsrechtler Max Imboden aus der Seele, dessen Büchlein „Helvetisches Malaise” von 1964 rasch zum Schlagwort wurde. Die 68er-Bewegung trat in der Schweiz zwar kaum in Erscheinung, sondern die in den Nachbarländern zu beobachtende Militanz bestätigte die Schweizer nur ein weiteres Mal in ihrem Selbstbild, auf einer Friedensinsel zu leben. Gleichwohl begann sich damals eine Gegenöffentlichkeit zu formieren. Sie griff sogleich die Deutungshoheit der „Aktivdienstgeneration” an, die längst an den Schalthebeln von Wirtschaft, Politik und Kulturproduktion saß. Es ging zunächst nicht um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern um Wertewandel. Demokratie und Gerechtigkeit erfuhren alternative Deutungen, die Planungseuphorie der Technokraten geriet unter Kritik und die Öffnung gegenüber Europa sollte die selbstgewählte Isolation des Landes, so profitabel sie in vieler Hinsicht war, beenden und die Schweiz dem wind of change aussetzen.[30] Das ist gelungen. Das Land stürzte in eine Identitätskrise, von der nicht sicher ist, ob es sie inzwischen überwunden hat.

Die Geschichtswissenschaft hat das zunächst kaum berührt. Zwar veranlasste das fünfzigjährige Gedenken an den Landesstreik von 1918 einige Arbeiten, durch die die schwere Krise des Landes dem Vergessen entrissen wurde, doch blieb die 'Zunft' als ganzes den überkommenen Themen und Werturteilen treu. Die Befassung mit der jüngsten Vergangenheit war „für die akademische Karriere wenig förderlich”,[31] so dass die wenigen vorgelegten Arbeiten im Auftrag des Bundesrates verfasst wurden: Carl Ludwigs Bericht über die Flüchtlingspolitik[32] und Edgar Bonjours im Auftrag des Bundesrates verfasste, gleichwohl nicht unkritische mehrbändige „Geschichte der Schweizer Neutralität” von 1965 – 1970.[33] Sie konnten gleichwohl nicht verhindern, dass die jüngste Vergangenheit des Landes unter Kritik kam, freilich erneut, wie in der 'Zwischenkriegszeit', durch Außenseiter; zunächst jedenfalls.

Den Anfang machte der Abiturient und Dienstverweigerer Christoph Geiser im Jahre 1970 mit dem provokanten Aufsatz „Der Anschluß fand statt”.[34] Der Enkel des umstrittenen Schweizer Gesandten in Berlin, Hans Frölicher, war der erste, der die Neutralität als Illusion bezeichnete und einen dokumentarischen Beweis anzutreten versuchte. Besser gelang das dem enfant terrible des Schweizer Journalismus, Niklaus Meienberg. Der gelernte Historiker löste mit seinem 1973 erschienenen Buch „Die Erschießung des Landesverräters Ernst S.” einen Skandal aus, der sich bei jeder neuen Publikation Meienbergs wiederholen sollte, bis der allseits angefeindete Autor sich 1993 das Leben nahm.[35] 1974 folgte Max Frischs „Dienstbüchlein”. Frisch hatte bereits 1971 mit seinem „Wilhelm Tell für die Schule” den Schweizer Urmythos ins Lächerliche gezogen, war damit aber im Fiktionalen geblieben. Das „Dienstbüchlein” jedoch war authentisch und rührte an Tabus.[36] Hier sprach ein Altersgenosse der „Aktivdienstgeneration”, der ihr aber mental nicht zugehören wollte und nun ihr Selbstbild als Illusion, wenn nicht als Lüge entlarvte. Weitere unliebsame Wahrheiten deckte 1977 der Journalist Hans-Rudolf Lehmann in einer Radiodokumentation auf: Er berichtete über Schweizer in der Waffen-SS. These aller vier Autoren war: Die Neutralität war eine Farce, die Schweizer Armee militärisch überflüssig, gerettet wurde das Land durch Kollaboration namentlich der Wirtschaft, derweil an den kleinen Leuten Exempel statuiert wurden. Während Frisch die Botschaft nur andeutungsweise und im milden Ton der Ironie vorbrachte und Geiser und Lehmann sich vor allem auf Zeugenaussagen stützten, lieferte Meienberg Aktenbelege; er hatte sie sich teilweise auf unredliche Weise beschaffen müssen, weil das Eidgenössische Militärdepartement ihm nur ganze sechs Stunden Akteneinsicht und nur handschriftliches Exzerpieren genehmigte.

Es überrascht eigentlich, dass die Ursache für die Befassung mit der Zeitgeschichte, nicht anders als in Deutschland, auch im Falle der Schweiz der Zweite Weltkrieg war, obgleich sie an ihm gar nicht teilgenommen hatte. Die militärische Nichtteilnahme war auch niemals umstritten. Die Kritik entfaltete sich vielmehr an einem der Pfeiler des Schweizer Sonderbewusstseins, der „Immerwährenden Neutralität”. Um sie war es – das hatten schon die Alliierten kritisiert und der Bundesrat hat es im sog. Rees-Bericht 1946 (NZZ, 31. 8. 01) zu entkräften versucht, der bis heute unter Verschluss gehalten wird – im Hinblick auf das „Dritte Reich” nicht gut bestellt. Neutralität gegenüber einem Phänomen wie dem Nationalsozialismus könne es, so die Kritiker, moralisch nicht geben, und statt dies zu beherzigen, sei die Schweiz auf mehr als einem Auge blind gewesen.

Wie hat die akademische Geschichtswissenschaft auf diese Herausforderung reagiert? Sie war, nach den Worten von Georg Kreis, „bis in die späten sechziger Jahre in sehr staatstragender Weise an der kollektiven Sinnstiftung beteiligt”[37] und tat sich entsprechend schwer. Sie unterschied sich damit nicht nennenswert von den Gegebenheiten in anderen Ländern Europas. Selbst in der Bundesrepublik verhielt es sich ebenso, denn die dort mittlerweile etablierte Zeitgeschichtsschreibung im Sinne Rothfels' verstand sich nicht als Anklägerin der Deutschen, sondern suchte den Konsens mit der öffentlichen Meinung, indem sie das „Dritte Reich” – ehemalige Nazis, Überlebende des Widerstandes und viele Remigranten waren sich hierin einig – als das gänzlich Andere betrachtete, ohne kausale Verbindung mit dem Davor oder Danach. Nur so erklärt sich die Brisanz der sog. „Fischer-Kontroverse”. Ihr Skandalon bestand ja letztlich genau darin, dass ihr Urheber offen von einer „Kontinuität der Machtstrukturen” und einer solchen der Eliten von 1871 bis 1945 sprach und dabei ein Tabu verletzte.[38] Die bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft hatte also die 'Abteilung Zeitgeschichte' (lange Zeit identisch mit der Erforschung des Nationalsozialismus) etabliert und ihr dadurch gesellschaftliche Akzeptanz verschafft, indem sie sie aus der geschichtlichen Kontinuität weitgehend herauslöste; die ständig wiederholte Versicherung, es habe keine „Stunde Null” gegeben, war mindestens zwanzig Jahre lang ein, wahrscheinlich sogar bona fide abgegebenes, Lippenbekenntnis, denn es hatte forschungspraktisch über Jahrzehnte hinweg keine Konsequenzen, noch nicht einmal, was die eigene Zunft betraf. Nicht viel anders verhält es sich übrigens mit dem Gros der Forschungen zur DDR: Wie die Alliierten 1945 haben die siegreichen Westdeutschen 1989/90 die Öffnung der Archive durchgesetzt – bis hierher ging die Bürgerrechtsbewegung der DDR mit ihnen konform -, aber die Forschungen erwecken, nicht zuletzt infolge ihrer Konzentration auf die Geschichte der Institutionen, den Eindruck, als handle es sich noch immer um jenes 'ferne Land', von dem bereits Gräfin Dönhoff 1964 gesprochen hatte. Über den totalitären Konsens der ostdeutschen Bevölkerung und insbesondere der technischen und künstlerischen Eliten als einer der Grundbedingungen der SED-Herrschaft kann man kaum etwas lesen.

Hält man sich dies vor Augen, wird einem schnell klar, wie schwer sich das Nachbarland Schweiz mit einer programmatisch verstandenen Subdisziplin 'Zeitgeschichte' tun musste. Angesichts einer einmütig behaupteten Kontinuität seit 1848, ihrerseits eingebunden in ein bis 1291 zurückreichendes Selbstverständnis, ist eine Einhegung unbequemer Abschnitte der Vergangenheit mit Hilfe eines Konstrukts wie dem der „Stunde Null” unmöglich. Jede Kritik der Vergangenheit führt daher unmittelbar zur Gretchenfrage, was an der Schweizergeschichte überhaupt so angelegt (gewesen) sei, dass es zu den von Meienberg, Frisch oder anderen (zu nennen wären Schriftsteller wie Muschg[39], von Matt und Altwegg) beschriebenen Fehlentwicklungen hat kommen können und wieviel davon inzwischen als 'geheilt' gelten kann. Der Vorwurf des 'Nestbeschmutzers' lag deshalb jederzeit nahe und wurde begleitet von entsprechenden Sanktionsmaßnahmen durch einflussreiche Kreise. Das hat freilich seinerseits – und nun eilen wir den Dingen ein gutes Stück voraus – dazu geführt, dass Thomas Maissen kürzlich zur Deutung der neueren und neuesten Geschichte der Schweiz die These eines Widerstreits von „Republikanismus” und „Liberalismus” entwickelte, wobei letzterer sich erst in den allerletzten Jahren aufgrund eines allgemein veränderten Klimas habe durchsetzen können. Der bis vor kurzem vorherrschende „Republikanismus” vertrete in erster Linie partikulare Bürgerpflichten und -tugenden und habe zu einer spezifischen Schweizer Variante der Dominanz einer „tendenziell intoleranten und martialischen, auf eine Männergesellschaft ausgerichteten” Tradition geführt.[40] Zu den folgenreichen staatsrechtlichen und damit natürlich auch politischen Wirkungen zählen Kritiker wie etwa Zaccaria Giacometti das Fehlen einer Verfassungsgerichtsbarkeit bis heute bzw., was den Kernbereich der Zeitgeschichte betrifft, die im Zuge der Weltwirtschaftskrise entwickelte Tendenz der Abschottung der bundesrätlichen Politik gegenüber der Öffentlichkeit, deren Kernstück das im August 1939 eingeführte sog. Vollmachtenregime war[41] und das nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur sehr zögernd wieder abgebaut worden ist. Ungleich drastischer hatte Hans Ulrich Jost im Gedenkjahr 1998 – zweihundert Jahre Helvetik – von einem spätestens 1939 etablierten „helvetischen Totalitarismus” gesprochen, der der Volks- und Bodenideologie gehuldigt und auch sonst nicht selten die politische Kultur des faschistischen Gegners aufgenommen habe.[42] Allgemeine Empörung war ihm damit sicher.

Es ist hier nicht die Frage, ob dieser Begriff einer vergleichenden Betrachtung standhält oder ob 1939 und wenn ja, bis wann der das Vollmachtenregime legitimierende Staatsnotstand tatsächlich gegeben war. Überhaupt ist es nicht Sinn dieses Beitrags, die Schweizer Zeitgeschichte zu rekapitulieren. Vielmehr ist es hier um die Zeithistorie als Kritik noch immer gegenwärtiger Vergangenheit zu tun, und zwar in komparatistischer Perspektive, denn nur so kann ermittelt werden, ob es auch bei der Forschung einen Sonderfall Schweiz gibt. Wenn ich recht sehe, bestimmen sechs Dimensionen dieses Thema.

Erstens kann man erst von den 1980er-Jahren an von einer Schweizer Zeitgeschichtsforschung sprechen. Seit diesem Jahrzehnt befassen sich Universitätshistoriker, also professionelle Vertreter ihres Faches, zielgerichtet mit der jüngsten Vergangenheit ihres Landes.[43] Teils ist das die Folge der inzwischen von außerhalb angestoßenen Diskussion, der sich das Fach nicht länger entziehen konnte, teils aber auch, wie so oft, Ergebnis eines Generationswechsels. Viele der der „Aktivdienstgeneration” angehörenden Historiker standen, jedenfalls zuletzt, der jüngsten Geschichte ihres Landes zwar nicht vorbehaltlos gegenüber. Sie machten sich aber deren Kritik nicht zur wissenschaftlichen Aufgabe.

Damit sind wir beim zweiten Merkmal der Schweizer Zeithistorie. Sie ist von Anfang an nach eigenem Eingeständnis dem Geist des Revisionismus verpflichtet.[44] Nach Lage der Dinge kann das auch gar nicht anders sein, denn im Unterschied zur deutschen oder beispielsweise auch zur italienischen Zeitgeschichtsforschung, die, jedenfalls am Anfang, die Zeit der Diktatur aus dem geschichtlichen Kontinuum hinausgedrängt hatten,[45] fehlt in der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts bekanntlich jeglicher Kontinuitätsbruch, mit dessen Hilfe man die Frage der Verantwortlichkeiten hätte 'entsorgen' können. Das drängte die Schweizer Zeithistoriker von vornherein, ob sie wollten oder nicht, in einen gewissen Radikalismus. Sie wurden deshalb anfänglich auch zu Außenseitern gestempelt, namentlich in der deutschen Schweiz, während die Romandie seit jeher dem „Republikanismus” eine stärkere Dosis „Liberalismus” im Sinne von Maissens Paradigma beigemengt hatte.[46] Letzten Endes war es ihr Hauptanliegen, die überlieferte „Konsensgeschichte” durch ein „alternatives Geschichtsbild” zu ersetzen,[47] das den Konflikt als normalen und damit legitimen Bestandteil in die Schweizergeschichte einfügt. Das begann sich bekanntlich in der Bundesrepublik auch erst ab Ende der 1960er-Jahre durchzusetzen, allerdings nicht im Zuge der Erforschung des Nationalsozialismus, sondern des Kaiserreichs, die als Folge des Versäumnisses der Weimarer Jahre hierzulande über viele Jahre die Funktion der kritisch-programmatischen Zeitgeschichte einnahm.

Der revisionistische Habitus legt drittens eine gewisse Themenauswahl nahe. Da jede historische Schule ihre Sonden erklärlicherweise vor allem dort anlegt, wo sie fündig zu werden hofft, konzentrieren sich die Zeithistoriker auf drei Themenkomplexe. Im Mittelpunkt steht logischerweise das Land im Zweiten Weltkrieg. Schritt für Schritt wurde die Vergangenheit dekonstruiert, wurden die Mythen entzaubert und dem Land seine Lebenslügen vorgehalten. Im Hinblick auf die damalige Schweizer Innenpolitik sollte „das Bild der nationalen Einigkeit [...] als ideologische Camouflage realexistierender und fortbestehender Klassengegensätze”[48] enthüllt werden. Die nicht so sehr von den Verhältnissen erzwungene, als vielmehr aus Profitinteressen und Neigung bedingte Anpassung an die Achsenmächte war bzw. ist die Leitlinie der Interpretation der Außenpolitik, während hinsichtlich des Militärs die bis dahin unbestritten behauptete entscheidende Rolle der Landesverteidigung als Verschleierung eines Gemischs von Fehlannahmen, Kollaboration und kalkulierter Preisgabe eines Großteils des Territoriums – Rückzug ins Alpenreduit nach dem Fall Frankreichs – dargestellt wird. Wichtige Publikationen gelten ferner den deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen,[49] der Rolle der Kreditgewährung Schweizer Banken an deutsche Konzerne und dem die Nationalbank berührenden Thema „Raubgold”,[50] ferner der restriktiven Asylpolitik (Fall Grüninger) und dem Umgang mit dem, was zeitgenössisch als Landesverrat gesehen wurde.[51] Zuletzt gerieten gar die internationalen Aushängeschilder IKRK[52] und Carl J. Burckhardt[53] unter Kritik, was angesichts der Rolle Burckhardts als Danziger Völkerbundskommissar und später als Helfer Ernst von Weizsäckers im Wilhelmstraßenprozess (mit gefälschten Tagebucheinträgen) Wellen der Empörung bis nach Deutschland auslöste.

Gemessen an diesen regelmäßig öffentliches Ärgernis erregenden Publikationen nehmen sich die beiden anderen Forschungsschwerpunkte der „Neuen Schule”[54] vergleichsweise harmlos aus. Der eine knüpft an die zaghaften Anfänge der Schweizer Wirtschafts- und Sozialgeschichtsschreibung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts an[55] und befasst sich mit der Schweizer Arbeiterbewegung und ihren Konflikten mit dem Staat, mit dem Schweizer Linksradikalismus nach 1918 und mit Schweizer Spanienkämpfern. Hier werden keine Denkmäler gestürzt, sondern errichtet, und das erklärt, weshalb bei aller berechtigten Revision der Rolle der Linken in der Vergangenheit die Erträge wenig anstößig wirken.

Mehr Aufmerksamkeit erlangten die Beiträge der 'Revisionisten' zu 1848. Dass dieses Thema überhaupt unter dem Stichwort 'Zeitgeschichte' abgehandelt wird, erklärt sich, worauf bereits hingewiesen wurde, mit der seitherigen institutionellen Kontinuität. '1848' ist eben in der Schweiz keineswegs so vergangen wie bei ihren Nachbarn. Ob diese Sicht auch in Zukunft bestimmend bleibt, scheint nicht sicher. Jedenfalls bewirkte der kritische Blick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts neuerdings gewisse Zweifel am „Geniestreich von 1848”.[56] Denn es ist damals nicht ohne Gewaltanwendung gegangen (gemeint ist der Sonderbundskrieg von 1847, aber auch auf den Sezessionskrieg der beiden Basel 1833 wäre hinzuweisen, auf den Züriputsch von 1839 und manches andere), so dass man gelegentlich sogar von einer „unverkennbaren liberalen Diktatur von anno 1848” gesprochen hat.[57] Das bot einigen Historikern Anlass, nun überhaupt nach der Rolle der Gewalt in der Schweizergeschichte Ausschau zu halten. Wenn man sich nicht auf das schwierige Feld der strukturellen Gewalt begeben möchte, wird man spätestens am Ende des Ersten Weltkriegs mit sozusagen handfester Gewalt fündig. Dass damals gleich dreimal eine Milizarmee auf streikende Landsleute schoss (Bern 1918, Basel 1919, Genf 1932, in Zürich kam es nicht zum Schlimmsten), ohne dass das die herrschende Ordnung hat fragwürdig werden lassen, lässt am überlieferten Bild vom friedlichen Alpenvolk ernsthaft zweifeln.

Dass die Schweizer Vergangenheit nicht länger in musealen und denkmalsgeschützten Kulträumen kritiklos verehrt wird, ist das Verdienst einer vergleichsweise kleinen Gruppe. Sie bestand anfangs ausschließlich aus Schweizern. Das vierte Merkmal der Schweizer zeitgeschichlichen Forschung ist daher, dass es sich um einen Beitrag zum nationalen Selbstreinigungsprozess handelt, dessen Anfänge nicht einem internationalem Rechtfertigungszwang geschuldet waren, wie das namentlich in Deutschland der Fall war. Dementsprechend gering war auch das Echo außerhalb der Landesgrenzen. Weder sind Ausländer in nennenswertem Maße an der Forschungsarbeit und damit, willentlich oder nicht, an der Dekonstruktion des offiziellen Geschichtsbilds beteiligt (der 1998 gestorbene Rings war naturalisierter Schweizer) noch werden die Ergebnisse international diskutiert.

Das hat sich allerdings in den letzten zehn Jahren dramatisch geändert.[58] Im Maße, wie der Holocaust internationalisiert und zur Signatur des 20. Jahrhunderts erklärt wurde, begannen sich die Blicke der Welt (auch) auf die Schweiz zu richten. Wieder waren es zunächst nicht Fachhistoriker, sondern Journalisten, Funktionäre vornehmlich jüdischer Opferverbände und nicht zuletzt Anwälte, die einen direkten, oft jedoch eher indirekten Beitrag zur Schweizer Zeitgeschichtsforschung leisteten. Die nach 1990 in osteuropäischen Archiven zugänglich gewordenen Aktenbestände spielen für die Tatsache, dass sich das Land unversehens auf der Anklagebank wiederfand, nur eine untergeordnete Rolle. Ausschlaggebend war stattdessen, dass die Opfer sich zu Wort meldeten. Rechts-, d.h. Entschädigungsfragen stehen deshalb seither in engem Zusammenhang mit historischen Fragen. Das hat der Forschung einesteils zu Rückenwind verholfen, den sich zuvor niemand so hat vorstellen können. Andernteils wird ihr aber wahrscheinlich der Wind um so kräftiger ins Gesicht blasen, sobald die internationale Kuratel, unter die die Schweiz sich seit Mitte der 1990er-Jahre gestellt sieht, wieder zurückgenommen sein und das Land sich selbst überlassen wird. Darauf deutet manches hin. Beispielsweise zeichnet sich eine förmliche Institutionalisierung der Schweizer Zeitgeschichtsforschung auch jetzt nicht ab; auch der Aktenzugang bleibt ein Problem. Darauf wird zurückzukommen sein. Kurz: Neben professionellen Historikern, die sich nicht selten auch publizistisch betätigen, sind es interessierte Journalisten und vor allem Bürgerrechtsgruppen sowie christliche und jüdische Organisationen, die die Kritik an der Schweiz im Zweiten Weltkrieg hochhalten.

Die Priorität für Entschädigungsfragen hat den Akzent zeitgeschichtlicher Forschungen auf wirtschaftliche Themen gelegt. Nicht mehr die Flüchtlingsfrage oder gar die mentalen Dispositionen der „Aktivdienstgeneration” stehen im Mittelpunkt, sondern die Schweiz als Banken- und Wirtschaftsstandort, als buchstäblicher Fluchtpunkt europäischen Kapitals wie als Helfershelfer der Nationalsozialisten. Die drei Themenblöcke, um die es letztlich geht, sind daher erstens erneut das sog. Raubgold, d.h. das von den Deutschen der Nationalbank verkaufte Gold, das einesteils den Beständen der Zentralbanken eroberter Länder entstammte, andernteils aber Zahngold jüdischer Todesopfer war. Es versteht sich, dass die moralische Brisanz dieses Themas die wirtschaftliche bei weitem übertrifft und dass beide Fragen nicht voneinander zu trennen sind, denn die Opfer haben durch diese Transaktionen auch noch die deutsche Kriegswirtschaft teilweise finanziert. Ohne die Mithilfe der Schweiz wäre dies, so die gegenwärtige Forschungsmeinung, sehr viel schwieriger gewesen. Sie habe deshalb, so die These des amerikanischen Chefunterhändlers in Entschädigungsfragen, Stuart Eizenstat, den Krieg verlängert.[59] – Der zweite Themenblock sind die sog. nachrichtenlosen Konten. Dass es bei Schweizer Privatbanken Tausende Konten gab, auf denen es spätestens seit dem 8. Mai 1945 keine Bewegungen mehr gab und bei den Lebensversicherungen Tausende nicht eingelöster Policen, war bis vor kurzem nur ganz wenigen Insidern und allenfalls einigen Erben bekannt, doch hat letzteren dieses Wissen in der Regel nichts genützt. Die Banken und Versicherungsgesellschaften verzichteten für die Auszahlung der Guthaben bzw. Ansprüche aus Policen nicht auf die üblichen Formalitäten der Legitimation, denen nur sehr wenige Überlebende bzw. Seitenverwandte Genüge leisten konnten. Die auf diesen Konten befindlichen Aktiva bzw. die nicht ausbezahlten Lebensversicherungen standen daher seit einem halben Jahrhundert den Instituten zur Verfügung und trugen natürlich entsprechend Zinsen (von den bei Anwälten, Notaren und Treuhändern deponierten Vermögen kennt man nicht mehr als die bloße Tatsache). Die Summe der so den Nachkommen vorenthaltenen Gelder stand, wie sich dann herausstellte, in keinem Verhältnis zum Skandal, dem sich das Land ausgesetzt sah, als die Sache ans Licht gekommen war. – Der dritte in diesem Ereigniszusammenhang erforschte Themenblock schließlich griff einen mindestens seit Tanners Dissertation an sich bekannten, aber nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungenen Sachverhalt auf: die intensiven deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen im Krieg. Hier reicht das Themenspektrum vom Eisenbahntransit über den Zahlungsverkehr und den Handel mit geraubter Kunst bis zu den Geschäften eidgenössischer Chemieunternehmen mit den direkt an der Judenvernichtung beteiligten I.G. Farben. Die jüngst vorgelegten Ergebnisse bestätigen, was sich auch bei den zeitgeschichtlichen Forschungen in Deutschland seit gut einem Jahrzehnt abzeichnet: dass man Firmengeschichte im Falle des Nationalsozialismus – und wahrscheinlich gilt das für alle Totalitarismen – nicht in der herkömmlichen Weise schreiben kann. Personalentscheidungen, Geschäftsbeziehungen, betriebswirtschaftliche Kennziffern usw. ergeben ein vollkommen irreführendes Bild, solange man sie nicht fallweise um Dinge wie „Arisierung” und anderweitige Enteignung, Erpressung, Zwangsarbeit und womöglich Massenmord ergänzt. – Vergessen sei schließlich nicht das Thema „Kunstraub”, das allgemein bis in die neunziger Jahre als erledigt galt, bis man die Ausnutzung der Zwangslage seinerzeitiger Kunstbesitzer durch Händler und Sammler wiederentdeckte. Anders als Firmen und Banken reagierten die Schweizer Museen rasch, während die meisten Galerien sich den Nachforschungen zu entziehen suchen.

Die Schweiz zeigte sich ebenso wenig wie seinerzeit Deutschland – oder was von ihm übrig war – bereit, diese Fragen von sich aus aufzuklären. Es war der Druck der internationalen Öffentlichkeit, konkretisiert im Druck amerikanischer Anwaltsfirmen, der den Widerstand, fassbar in Eigentümerinteressen und offiziellem Geschichtsbild, überwinden half. Die Schweizer 'Revisionisten' waren auch nach mehr als zehn Jahren zeitgeschichtlicher Aufklärungsarbeit zu schwach dafür, was eigentlich auch nicht verwundert. In keinem anderen Land Europas sind Industrie- und vor allem Bankeninteressen so eng mit dem politischen Establishment verbunden, wobei die 1833 gegründete „Schweizerische Offiziersgesellschaft” als Clearingstelle fungiert – jedenfalls bis in die jüngste Vergangenheit.[60] Das radikalste Geschichtsbild vertritt darum auch die Initiative „Für eine Schweiz ohne Armee”. Zwar hatte sich schon bei den „freudlosen”[61] 700-Jahr-Feiern 1991 abgezeichnet, dass das Wunschbild der sauberen Schweiz ins Wanken gekommen war. Aber erst die 'weltweite' Skandalisierung der nachrichtenlosen Konten führte zum Einlenken des Bundesrates. 1995 begann sich die Wende abzuzeichnen,[62] 1996 setzte die Regierung gegen den Widerstand der an ihr beteiligten Schweizer Volkspartei die „Unabhängige Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg” (UEK) ein und stattete sie mit zwanzig Millionen Franken sowie einem Sekretariat aus. Jean-François Bergier, von Salis' Nachfolger auf dem Lehrstuhl an der ETH Zürich, sprang als Vorsitzender für den eigentlich vorgesehenen Urs Altermatt ein, der sein Amt nicht hatte antreten können, weil er in seiner „Geschichte des Schweizer Katholizismus”[63] den Antisemitismus 'vergessen' hatte. Ihm zur Seite stand ein in- und ausländisches Beraterteam, das natürlich auch Aufpasserfunktionen hatte – nicht gegenüber den von der UEK beschäftigten Historikern, die die eigentliche Arbeit zu leisten hatten, sondern gegenüber den betroffenen Schweizer Institutionen. Zwar waren – ein einmaliger Vorgang – die Banken und Industrieunternehmen zur Öffnung ihrer Archive gezwungen worden, aber einige von ihnen suchten belastendes Material vorzuenthalten oder vernichteten es gar vor dem Zugriff der Forschung.[64]

Die Ergebnisse wurden fristgerecht Ende 2001, Anfang 2002 abgeliefert: 25 Bände zum Teil stattlichen Umfangs;[65] der Schlussbericht folgte im März 2002[66]. Hier ist nicht der Ort, dieses Unternehmen zu würdigen. Erste Kritik sowohl aus dem In- wie aus dem Ausland, der die Recherchen nicht weit genug gehen, hat sich bereits gemeldet, was nicht überrascht. Wie könnte auch ein solcher Kraftakt alle Wünsche erfüllen, zumal angesichts teilweise erheblicher Behinderungen? Die Frage ist eher, ob er der kritisch-programmatischen Zeitgeschichtsforschung in der Schweiz weiteren Auftrieb zu geben vermag.

Damit kommt ein fünftes Merkmal der Schweizer Zeitgeschichte zur Sprache: ihre institutionelle Schwäche. In Deutschland steht dem Zeithistoriker eine eigentlich seit langem, erst recht seit der Wiedervereinigung unüberschaubare Masse dokumentarischen Materials in staatlichen Archiven, im Institut für Zeitgeschichte und an anderen Orten zur Verfügung. Das Problem ist hier der embarras de richesse. Nicht ganz so gut ist es um den Zugang zu privaten, vornehmlich Firmenarchiven bestellt, doch haben sich hier in den 1990er-Jahren als Folge eines Generationenwechsels und ebenfalls internationalen Drucks die Dinge deutlich gebessert. Zum Teil geben Unternehmen nunmehr selbst Recherchen in Auftrag, die, da gut honoriert, jüngst eine kurze, aber folgenlose Debatte über die moralische Zulässigkeit solchen Tuns ausgelöst haben.[67] Hinzu kommt, dass in der Bundesrepublik die Zeitgeschichtsforschung und -lehre durch Professuren institutionalisiert ist.

Von alledem kann in der Schweiz keine Rede sein. So hat der Bundesrat bei der Errichtung der UEK den Firmen die Rückgabe ihrer Aktenbestände zugesichert und diese Zusage inzwischen in die Tat umgesetzt. Sie sind damit der weiteren Erforschung und der Prüfung der jetzt vorgelegten Ergebnisse erst einmal entzogen. Großzügige Zugangsmöglichkeiten, aber nur für ein einziges Mal, hat es schon früher gegeben. Edgar Bonjour, der dafür im Interesse seiner Unabhängigkeit auf jegliches Honorar verzichtete, stand für seine „Geschichte der schweizerischen Neutralität” das gesamte Aktenmaterial des Bundes zur Verfügung, doch wurde es danach wieder unter Verschluss genommen. Einen wichtigen Teil seiner Quellen fand Bonjour jedoch im Politischen Archiv des Bonner Auswärtigen Amtes und dessen rege Benutzung durch die internationale Forschung hatte im Schweizer Bundesrat 1962 überhaupt erst die Idee entstehen lassen, gleichsam eine 'Gegendarstellung' verfassen zu lassen, bevor die Kritik an der Neutralitätspolitik allzu laut würde. Entsprechendes gilt für den Ludwig-Bericht zur Flüchtlingsfrage von 1957.

Die Deutungsherrschaft Bonjours bzw. der Schweizer Bundesbehörden war der Institutionalisierung zeitgeschichtlicher Forschung wohl eher ungünstig. So bedurfte es erst der peinliche Erkenntnis einiger Schweizer Historiker auf dem Internationalen Historikerkongress in Moskau 1970, in Fragen der jüngsten Vergangenheit des eigenen Landes wenig kompetent zu sein. Es kam zu ersten Gesprächen zunächst untereinander und dann 1972 zur Petition an den Nationalrat, eine amtliche Aktenedition nach dem Muster des Auslandes zu ermöglichen. Die Petition war erfolgreich (wenn man davon absieht, dass der Vorschlag Georg Kreis', auch Akten zur Innenpolitik zu edieren, nicht einmal unter den Initianten ernsthaft diskutiert, geschweige denn realisiert wurde): Erstens setzte der Bund die Sperrfrist von 50 auf 35 Jahre herab,[68] zweitens gab er die Akten bis 1945 sofort frei, so dass sich drittens die Editoren ans Werk machen konnten.[69] Der Berichtszeitraum respektierte den 'klassischen' Schweizer Begriff von Zeitgeschichte, indem die Edition 1848 einsetzte und zunächst bis 1945 reichte.[70] Nun hatten zwar die Zeithistoriker das trivialhistoristische Vorurteil vieler Fachkollegen und eines Teils des interessierten Publikums mit einer handfesten und umfangreichen Aktenedition bedient, aber weder spielte diese Edition eine Rolle beim Einsturz des Bildes der 'sauberen Schweiz' noch trug sie zum Prestigegewinn und zur Festigung der Zeithistorie bei.

Auch wenn es nicht, wie oft behauptet, die Sperrfristen waren, die bis in die 1970er-Jahre die zeithistorische Forschung behindert haben, so war – und ist – deren schwache Ausstattung mit Ressourcen sicherlich von Nachteil. Es waren zwei Zürcher Studenten, die 1966 eine „Arbeitsgruppe für Zeitgeschichte” gründeten, um gefährdete Bestände vor dem Verlust zu bewahren oder deren Abwanderung ins Ausland entgegenzuwirken! Daraus ist in der Zwischenzeit das „Archiv für Zeitgeschichte” geworden, das am Institut für Geschichte der ETH Zürich angesiedelt ist.[71] Für die vom Archiv seit jeher gewünschte Forschungsabteilung reichen die Mittel jedoch nicht. Es gibt in der Schweiz auch keine eigene zeithistorische Zeitschrift, was nichts mit der Kleinheit des Landes zu tun hat, denn das ebenso große Österreich leistet sich davon neuerdings gleich zwei[72] und veranstaltet seit 1993 alle zwei Jahre sog. „Zeitgeschichtstage”. An Professuren für die neueste Zeit mangelt es hingegen nicht, nur befassen sich etliche ihrer Inhaber aufgrund der Zweiteilung in Allgemeine und Schweizergeschichte nicht mit einheimischen Themen.

Ein sechster und letzter Punkt betrifft die chronologische Binnengliederung des 20. Jahrhunderts. Wenn auch die „Diplomatischen Dokumente der Schweiz” mit ihrem Beginn im Jahre 1848 das 'klassische' Paradigma vom historischen Kontinuum zu respektieren scheinen, so verzichtet heute kaum noch ein Historiker auf 'der Geschichte selbst' entnommene Teilabschnitte in der Gegenwart. Soweit sie sich pragmatisch an den Großereignissen der politisch-militärischen Weltgeschichte anlehnen – also an 1918 und 1945 -, reproduzieren solche Darstellungen nur eine international üblich gewordene Periodisierung, die gerade für die Schweiz besonders fragwürdig ist. Größeres Interesse dürfen deshalb alternative Vorschläge beanspruchen.

Wenn ich recht sehe, gibt es gegenwärtig zwei Angebote, die ihre Überzeugungskraft dem Bemühen verdanken, die Binnengliederung des 20. Jahrhunderts an krisenhaften Zäsuren und Konflikten festzumachen. Das hat den Vorteil, dass die so ausgewiesenen Epochen sowohl die Sachgeschichte als auch, jedenfalls in gewissem Maße, das persönliche Erleben der Zeitgenossen zu respektieren versuchen. Georg Kreis, eine der Führungsfiguren zeitgeschichtlicher Forschung in der Schweiz, macht die Erlebnisgeneration zur Grundlage seiner Periodisierung. Demzufolge gliedert er in die Jahre von 1918 bis 1948, in denen die „Aktivdienstgeneration” das Selbstverständnis des Landes formulierte und repräsentierte, und in die Jahre von 1948 bis 1978, als dieses Selbstverständnis gegen den sozialen Wandel verteidigt wurde, wobei die Überzeugungskraft zum Schluss rapide nachließ. Politisch zerfallen die sechzig Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Beginn militanter Auseinandersetzungen mit der Arbeiterbewegung also in drei Jahrzehnte mehrschichtiger Herausforderungen und Selbstbehauptung bürgerlich-freisinniger Herrschaftsordnung einerseits und in weitere drei Jahrzehnte, in denen im Zeichen des Antikommunismus jede Kritik an den herrschenden Zuständen abzuwehren versucht wurde. Folgerichtig beginnt dann in den späten 1970er-Jahren mit einer neuen Generation die Zeit der Krise und des Endes der unangefochtenen politischen und Deutungsherrschaft freisinniger Weltanschauung im Zeichen beschleunigten sozialen Wandels.[73]

Alternativ dazu, trotz grundsätzlicher Vorbehalte gegenüber der „sog. Zeitgeschichte”[74] als Gliederungsparameter, schlagen die Sozial- und Wirtschaftshistoriker Peter Gilg und Peter Hablützel „unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Machtstrukturen”[75] eine Epoche des Neokorporatismus vor, die von der Mitte der 1930er bis in die Mitte der 1970er-Jahre gereicht habe. Diese von Selbstbehauptung des Kapitalismus und erheblichem wirtschaftlichem Wachstum nach dem Kriege gekennzeichnete Epoche endet in der Energiekrise 1973. Es beginnt ein noch unabgeschlossener Zeitabschnitt, der zunächst jedenfalls – das Buch erschien 1986 – im Zeichen von Rezession und Verlusterfahrungen steht, die zu Reformforderungen auf allen Feldern der Politik führten.[76]

Inwieweit sich diese Vorschläge durchsetzen, bleibt abzuwarten. Aus komparatistischer Sicht aber zeichnet sich jetzt schon ein großer Vorzug ab: Der Verzicht auf politische Eckdaten als alles bestimmende Zäsuren, die im Falle der Schweiz noch weniger Sinn machen als im Falle der meisten anderen Nationalgeschichten Europas, erlaubt eine Synchronisierung dieses Landes mit seiner Umgebung. Damit verliert das Selbstbild vom 'Sonderfall Schweiz' viel von seiner Geltung. Das neue Paradigma schränkt die Beweiskraft ungebrochener institutioneller Kontinuität stark ein und bezieht sein kritisches Urteil über die Schweizer Vergangenheit stattdessen aus wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und insbesondere auf Wertordnungen und Weltbilder sowie Lebensformen. Tatsächlich belegen die empirischen Befunde zu viele Einflüsse, Abhängigkeiten und Parallelen von außen, als dass es klug wäre, diese Zusammenhänge im Blick auf nationale Grenzen abzuschneiden. Ob freilich die zeitgeschichtlichen Forschungen der Nachbarländer bereits so weit sind, dass sie mit den von Kreis oder Gilg und Hablützel vorgeschlagenen Periodisierungen etwas anzufangen vermögen, erscheint mindestens im deutschen Falle als zweifelhaft. Eine Abkehr von der politikgeschichtlichen Fixierung der Mehrheit unserer Historiographen der jüngsten Vergangenheit wird zwar immer wieder gefordert, die Umsetzung bedarf jedoch noch erheblicher Anstrengungen.[77] Wieder einmal zeigt sich, dass der latecomer gegenüber den Etablierten durchaus Vorteile haben kann. Er ist am Ende der modernere.

IV. Fragt man abschließend, was insgesamt erreicht worden ist, so fällt zunächst auf, wie viel an Erkenntnis in vergleichsweise kurzer Zeit, nämlich in ca. 30 Jahren, zusammengetragen worden ist. Nach schwierigem Anfang hat sich in den letzten zehn Jahren das Tempo aus den geschilderten Gründen bedeutend erhöht. Möglicherweise ist jetzt bereits der Punkt erreicht, von dem an auch Spezialisten die zeithistorischen Forschungsleistungen insgesamt kaum noch zu überblicken vermögen.[78]

Diese gewaltigen Anstrengungen sind erklärungsbedürftig. Man wird ihnen wohl am ehesten gerecht, wenn man feststellt, dass es sich hier um einen Fall von Geschichtspolitik handelt, sofern darunter auch eine politisch ambitionierte Geschichtswissenschaft begriffen wird. Die politischen Ambitionen nahmen die Lebenslügen der Schweiz ins Visier und zielten zugleich auf eine Pluralität der Geschichtsbilder im Dienste einer Stärkung jenes „Liberalismus”, wie ihn Maissen als Paradigma entwickelt hat. Mit diesem Anliegen waren die 'Revisionisten' überraschend erfolgreich und dafür gibt es zwei Gründe. Der erste liegt in der Geschichtswissenschaft selbst. Die sonstigen Randbedingungen für Geschichtsbilder einmal beiseite lassend, kann man sagen, dass sich das „republikanische” Paradigma nur so lange hielt, wie die Archive verschlossen waren. Jedenfalls gilt das von dem Zeitpunkt an, als die Deutungshoheit der „Aktivdienstgeneration” in die Defensive geraten war. Die Kritik der sich formierenden 'Revisionisten' richtete sich darum nicht nur gegen den Wahrheitsanspruch des offiziellen Schweizer Geschichtsbildes, sondern auch gegen die wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen. Aber selbst unter den schwierigen Umständen des Anfangs gelangten die 'Revisionisten' zu Erkenntnissen, deren Plausibilität nur mittels Weltbildern, nicht aber durch methodische Kritik bestritten werden konnte. Die Wahrheit setzt sich jedoch nicht von alleine durch und die 'Revisionisten' hätten nicht so rasche Erfolge errungen, wenn ihnen nicht die veränderte Weltlage nach 1990 zu Hilfe gekommen wäre. Der internationale Druck auf die Schweiz hat die außerwissenschaftlichen Stützen des hergebrachten Geschichtsbildes so sehr erschüttert, dass sie sich gegen eine nun endlich quellengestützte Erforschung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht länger wehren konnten.

Inzwischen dreht sich der Streit, jedenfalls bei den Einsichtigen, nicht mehr um die Frage, ob die Schweiz eine historische Schuld anerkennen müsse, sondern welcher Art diese sei. Die 'Revisionisten' sehen eine doppelte Schuld: schwere Fehler schon in den 1930er-Jahren und dann aber vor allem im Krieg, also auf der Ebene der sog. Ereignisse, und falscher Umgang mit dieser Vergangenheit danach. Die Gemäßigten dagegen berufen sich auf Adolf Muschgs bilanzierenden Satz: „Es war nicht falsch, dass sich die Schweiz im Krieg durchgeschlängelt hatte, wie sie konnte und musste – grundfalsch war erst, den begründeten Opportunismus in eine Heldengeschichte umzufälschen und jeden einen Lumpen zu schelten, der sie nicht nachbetete”.[79] Demzufolge beschränkt sich die Schuld auf den Umgang mit der Vergangenheit. Dagegen sprechen schon die erheblichen Entschädigungsleistungen, zu denen sich das Land durchrang, ganz abgesehen davon, dass der Auftrag an die UEK die Schweizer Vergangenheit insgesamt und nicht lediglich den Umgang mit ihr betraf, den Diskurs also. Im übrigen ist Adolf Muschg kein geeigneter Kronzeuge. „Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt”, heißt eine Rede von 1997.[80] In ihr provozierte er sein Land mit der Aussage, es sei mitschuldig am Holocaust. Das hat zwar Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz Anfang 1998 zu der trotzigen Entgegnung veranlasst, Auschwitz liege doch nicht in der Schweiz und Schuldeingeständnisse solcher Art ermunterten nur zu „Lösegeld-Erpressung”. Aber die Abweisung wohl 30.000 jüdischer Flüchtlinge, denen, was den Schweizer Behörden und selbst Teilen der Bevölkerung nicht entging, von einem bestimmten Moment an die Ermordung drohte, war alles andere als Diskurs. Den 'Revisionisten' mit ihrem doppelten Schuldspruch ist daher recht zu geben. Darin dürfte ihre historiographische wie geschichtspolitische Leistung liegen.

Vielfach kann man beobachten, dass revisionistische Geschichtsproduktionen nicht nur alte Mythen überwinden, sondern selbst neue an deren Stelle setzen. Für Deutschland ist die These eines „Sonderweges” ein gutes Beispiel dafür, wie produktive Neuansätze ihrerseits von zweifelhaften Grundannahmen ausgehen. Was die Schweiz betrifft, so formiert sich neuerdings zwar eine den 'Revisionisten' skeptisch gegenüberstehende Richtung,[81] aber es hat jedenfalls bis jetzt trotzdem nicht den Anschein, als sei der selbstkritische Blick auf die Vergangenheit mit neuen historischen Irrtümern grundsätzlicher Art erkauft worden. Eine Ursache mag dafür sein, dass das historiographische Programm der 'neuen Schule' gar keine prinzipielle Abkehr von der herkömmlichen Selbstdeutung der Schweiz sein möchte. Aus Anlass der Zentenarfeier zur 1848er-Revolution berichtete Georg Kreis von einem Grundlagenpapier, das nichts weiter versucht habe, als dem klassischen Geschichtsbild das Bewusstsein hinzuzufügen, dass die Kontinuität auch eine solche der erfolgreichen Krisenbewältigung sei.[82]

Ob dies eine erfolgversprechende Strategie ist, muss derzeit wohl bezweifelt werden. Es gibt manche Anzeichen dafür, dass der Bedarf an Dekonstruktion einen Sättigungsgrad erreicht hat. Bereits vor zwei Jahre registrierte der Züricher Soziologe Kurt Imhof einen „neuen Patriotismus”, der „sich aus der rechtskonservativen Ecke herausgelöst hat und bis weit in linksliberale Kreise hineingewachsen” ist.[83] Seine Diagnose hat sich bei den jüngsten Wahlen geradezu dramatisch bestätigt. Im Herbst 2003 errang mit 27 Prozent der Stimmen erstmals eine chauvinistische Law-and-Order-Partei, die SVP, die Mehrheit im Nationalrat. Es ist alles andere als zufällig, dass ihr Chef, Christoph Blocher, just in den Jahren von außen aufgezwungener zeitgeschichtlicher Selbsterforschung zum mächtigsten Politiker des Landes aufgestiegen ist. Den Wunsch nach finanzieller Entschädigung nannte er regelmäßig „Erpressung”, und dass gegen das Buch von Stuart Eizenstat[84] fünfhundert Schweizer Klage erhoben, dürfte nicht zuletzt der Regie dieser Partei zuzuschreiben sein. Georg Kreis zieht aus alledem den Schluss, dass der Bergier-Bericht wirkungslos geblieben sei und sich am Geschichtsbild der Mehrheit nichts geändert habe.[85] Für die (Zeit-) Geschichtsschreibung ist das kein gutes Omen.


Nachträge

Der vorstehende Aufsatz verdankt seine Entstehung bzw. Konzeption dem Schweizer Gedenkjahr 1998, das nicht viel freudvoller verlief als schon das sprichwörtlich „freudlose” Gedenkjahr 1991.[86] Die Gründe für die emphatischen Defizite müssen hier nicht noch einmal benannt werden. Aus ausländischer und speziell aus deutscher Sicht mag ohnedies eher die Erwartung eines von allen gemeinsam und ‚freudig' begangenen Gedenkens erstaunen, und eben dies war der eigentliche Grund für den neugierigen Blick auf den südlichen Nachbarn. Eines der Ergebnisse war die Einsicht, dass die Schweiz eben erst vor kurzem ihre bis dahin ziemlich singuläre Einmütigkeit in Sachen Geschichtsbild eingebüßt hat, und zwar – so das Kernargument des Artikels – in dem Maße, wie bei ihr eine ihrer Natur nach kritische Zeitgeschichte entstand, die etwas anderes ist als Gegenwartsgeschichte (current history). Ob der parallel dazu entwickelte politisch-finanzielle Druck des Auslandes, der ebenfalls eine Neubewertung der jüngsten Vergangenheit, genauer: des Zweiten Weltkriegs erzwungen hat, der Geschichtswissenschaft zugute gekommen ist, wird weiter unten diskutiert.

Die ursprüngliche Darstellung reicht also im Wesentlichen bis zur Jahrtausendwende, einige Gedankengänge und Literaturbelege wurden bis 2003 nachgeführt. Hier soll es nun darum gehen, die seither zu beobachtende Entwicklung nachzuzeichnen und, falls nötig, die Aussagen von damals zu korrigieren. Das soll in fünf Punkten geschehen.

Erstens: Der Streit um Geschichtsbilder ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings wird in dem von Schriftstellern, Intellektuellen und schließlich von der Geschichtswissenschaft ausgelösten Streit in der Schweiz auch das Selbstverständnis dieses Landes und seine Rolle in Europa, ja in der Welt insgesamt verhandelt. Dass es dazu kommen konnte, liegt letzten Endes an einem Ereignis, das auf den ersten Blick mit der Schweiz nicht das Mindeste zu tun hatte: der Fall der Berliner Mauer bzw. der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks, der die Teilung Europas beendete. Mit den damit verbundenen Ereigniskatarakten kam außer Russland kein anderes europäisches Land so schlecht zurecht wie die Schweiz. Sie wurde nämlich für die internationale Politik so gut wie überflüssig und stürzte dadurch in eine Identitätskrise, aus der sie bis heute nicht herausgefunden hat. Als dann auch noch eine Umwertung der Weltkriegszeit aufgrund des Aufstiegs des Holocaust zur Signatur des 20. Jahrhunderts stattfand und die Schweiz sich wegen ihrer Haltung und Rolle im Zweiten Weltkrieg plötzlich auf der Anklagebank wiederfand, war die Malaise perfekt. Die führenden Parteien hatten und haben auf beide Probleme keine Antwort, und so erklärt sich die aufsehenerregende Verschiebung im Parteienspektrum zugunsten der Schweizer Volkspartei (SVP). Ihren kometenhaften Aufstieg verdankt sie ihrem Festhalten an den klassischen Bestandteilen des Schweizer Selbstverständnisses: der Sonderrolle des Landes im internationalen Zusammenspiel, der Neutralität und vollen Souveränität und, als Folge, dem klassischen Geschichtsbild eines wehrhaften, auf sich selbst gestellten und dabei seit mindestens zweihundert Jahren erfolgreichen kleinen Landes. Nur in der SVP gelang es der abtretenden „Aktivdienstgeneration”, ihren Wertehorizont unverkürzt weiterzugeben, in dem von einer in mancher Hinsicht moralisch fragwürdigen Vergangenheit, von Schuld ganz zu schweigen, nicht die Rede ist. Ohne die zugleich entwickelte Strategie des eigentlichen Parteichefs Christoph Blocher, der entgegen der parteioffiziellen (und schweizertypischen) Rhetorik ein neues Politikmodell – Konflikt anstelle von Konsens und ein deutlich herausgehobener Führer – kreierte, wäre dies allerdings unmöglich gewesen. Bei Nationalratswahlen stieg der SVP-Anteil von 11,1 Prozent im Jahr 1991 auf nicht weniger als 28,9 Prozent im Jahr 2007. Noch deutlich erfolgreicher ist die Partei allerdings bei der Mobilisierung von Stimmen bei Referenden: 2008 siegte sie bei der ersten Ausschaffungsinitiative,[87] 2009 beim Minarettverbot, 2010 bei der zweiten Ausschaffungsinitiative, und zwar jeweils gegen das Votum des Bundesrates und trotz der offensichtlichen Verletzung von Menschen- und Völkerrecht, würden diese Initiativen unverkürzt in Bundesrecht umgesetzt. Geschichtspolitisch sieht sich dieser Teil der Schweizer als Opfer einer mit Teilen der einheimischen Historiker und Intellektuellen im Bunde stehenden internationalen öffentlichen Meinung, angeführt von den Vereinigten Staaten und dem Jüdischen Weltkongress,[88] außenpolitisch als Opfer der Europäischen Union und – demnächst vermutlich[89] – des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Das ist im westlich orientierten Europa inzwischen einmalig, denn Iren und Polen, die sich traditionell – und mit mehr historischem Recht – als Opfer feindlicher Mächte zu sehen pflegten und darin von Parteien wie der Partei für Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS)[90] bzw. Sinn Féin bestärkt zu werden pflegen, nehmen neuerdings von ihrer geschichtspolitischen Selbstviktimisierung Abschied. Um es auf den Punkt zu bringen: Während die 1989 einsetzende Entspannung überall sonst in Europa die auf Abgrenzung, Sonderfall und Opferrolle festgelegten Geschichtsbilder verblassen lässt, verhält es sich bei der Schweiz genau umgekehrt.

Zweitens: Für die Geschichtswissenschaft gilt das natürlich nicht bzw. nur in sehr eingeschränktem Maße. Sie befindet sich seither in klarer Opposition zum öffentlichen Meinungsstreit. Wie neuartig, ja verstörend dieser Konflikt für die Schweizer Historiker war, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass einige als „Bergier-traumatisiert” bezeichnet wurden.[91] Jedenfalls gibt es kaum noch einen Fachhistoriker, der derzeit noch das herkömmliche Bild einer seit den Anfängen geradlinig auf Neutralität, Konkordanzdemokratie und Sozialpartnerschaft zulaufenden Geschichte der Schweiz vertritt, die sich wegen ihrer Rolle und erst recht wegen ihres Verhaltens im Zweiten Weltkrieg keinen Vorwurf machen müsste.[92] Anders gesagt: Unter den Fachhistorikern ist das neue, selbstkritische Geschichtsbild deutlich mehrheitsfähig, und zwar nicht nur in der jüngeren Generation.

Drittens: Die Gegner verlegten sich deshalb auf die Kontrolle der Schulbücher und wurden im Kanton Zürich fündig. Das auf Erkenntnissen der Bergier-Kommission fußende, im Auftrag des kantonalen Bildungsrates verfasste und von einem eigens gebildeten, fünfköpfigen wissenschaftlichen Beirat begleitete[93] Buch für die Sekundarstufe I und II, ein freiwilliges Lehrmittel über die Schweiz zur Zeit des Nationalsozialismus,[94] stellt nach Meinung der Züricher SVP „Indoktrination” dar und sollte verboten werden. Dazu kam es nicht. Einer der Wortführer des Protests verfasste ein umfangreiches Gegenmanifest, das aber nach verlorener Schlacht eher dazu diente, die eigenen Anhänger zu sammeln und mit Argumenten zu versehen.[95] Für die Qualität des Lehrbuchs, das in anderen Kantonen, soweit ersichtlich, keine Nachahmung fand, spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass es 2010 in japanischer Übersetzung erschienen ist. Das ist wohl kein Zufall, denn Japans Umgang mit der Vergangenheit weist in seiner Verweigerungshaltung – eine kleine kritische Öffentlichkeit ausgenommen, die sich hier offenbar Anregung suchte – manche Ähnlichkeit mit der Schweiz auf.[96]

Viertens: Um zum Thema Zeitgeschichte zurückzukehren, so sind inzwischen, d.h. aus größerer zeitlicher Distanz, die jüngsten Epochen schweizerischer Geschichtsschreibung und der Wendepunkt in Fragen an die Vergangenheit deutlich erkennbar geworden. Dieser liegt, dem derzeit wohl besten Kenner der jüngeren Historiografiegeschichte Georg Kreis zufolge, in den 1980er-Jahren. Bis dahin habe „die Neutralitätsfrage noch immer im Vordergrund” gestanden,[97] die die Schweiz gerade nicht in die Weltgeschichte einordnete, sondern als Sonderfall ansah. Mit Jakob Tanners finanzsoziologischer Dissertation[98] trat dann aber dem traditionellen Paradigma des nationalen Überlebenskampfes – maßgeblich dafür die sehr einflussreiche Biografie des Generals Henri Guisan[99] und der Klassiker zur Bedrohungslage zwischen 1940 und 1945[100] – eine Darstellung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit entgegen, deren radikaler Perspektivenwechsel mit entsprechender Umwertung des Schweizer Handelns auf lebhaften Widerspruch stieß, aber, wie weitere Titel erkennen lassen, in der Tat einen Markstein setzte. An anderer Stelle bezeichnet Kreis die 1980er-Jahre insgesamt als „Implementierungsphase” einer kritischen Schweizer Zeitgeschichte, die der Alleinherrschaft der current history einen alsbald auch international wahrgenommenen Kontrapunkt entgegensetzte. Das darauf folgende Jahrzehnt wertet er als „die Phase der etablierten Auseinandersetzungen”, in der die „radikale Verschiebung der Fragestellung” zu erbitterten Auseinandersetzungen im Fach und mehr noch in der Öffentlichkeit geführt hat.[101] Gleichwohl wäre es eine falsche Vorstellung zu glauben, allein die Schweizer Zeithistoriker hätten das neue, von Heldengeschichten befreite Bild der Schweiz im Zweiten Weltkrieg bewirken können. Das geschah vielmehr durch den politischen Druck der amerikanischen Regierung und des Jüdischen Weltkongresses, den die Schweizer Regierung zunächst mit Einsetzung der Bergier-Kommission parieren zu können hoffte – Zeitgewinn war das Kalkül –, dann aber einsehen musste, dass sie damit auf dem Holzweg war. Das erklärt auch, weshalb der Bundesrat im Jahr 2001, als das Mandat der Kommission auslief und diese ihren Schlussbericht vorlegte, von den Forschungsergebnissen so gut wie keine Notiz mehr nahm. Namentlich Bergier war seither tief verbittert und glaubte am Ende seines Lebens, dass die Arbeit der Kommission vergeblich gewesen sei.[102]

Fünftens: Das ist zum Glück jedoch ein Irrtum, jedenfalls was die Zeitgeschichtsforschung selbst betrifft. Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass sie als Folge der „Abklärungsanstrengungen” enorm aufgewertet worden ist; Kreis bezeichnet sie unumwunden als „die eigentliche Hauptgewinnerin der ganzen Affäre”.[103] Zwar mangelt es ihr nach wie vor an einer förmlichen Etablierung an den Universitäten in Gestalt eigener Lehrstühle, aber das hat auch mit der traditionellen Einteilung der Professuren in Allgemeine und Schweizer Geschichte an den Historischen Seminaren zu tun, die derzeit allerdings im Schwinden begriffen ist.[104] Dafür wurde das nach wie vor an der ETH Zürich angesiedelte Archiv für Zeitgeschichte im Vergleich zu 2004 stark ausgebaut, das auch einen vorzüglichen Internetauftritt hat.[105] Den Beweis für Kreis' These liefert letztlich notwendigerweise der wissenschaftliche Output, und dieser hat seine thematische und chronologische Zusammensetzung deutlich zugunsten der jüngsten Vergangenheit geändert.[106] 1997, dem Jahr, in dem die Bergier-Kommission ihre Arbeit aufnahm, brachte die „Schweizerische Zeitschrift für Geschichte” ein Themenheft „Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg” heraus und brach damit gewissermaßen das Eis.[107] Schon damals gab ein Blick auf die Autoren und Autorinnen zu erkennen, dass kritische Zeitgeschichtsforschung insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs interessieren würde. Das hat sich seither fortgesetzt. Ein Blick auf das Programm der 2007 stattgefundenen „1. Schweizerischen Geschichtstage” zeigt erstens, dass die Mehrheit der Referierenden dem Nachwuchs angehörte, dass ferner zwei Drittel bis drei Viertel der Panels Themen aus dem 20. Jahrhundert und hier wiederum mehrheitlich aus der Nachkriegszeit behandelten.[108] Es zeigt sich außerdem drittens, dass von diesen wiederum allenfalls die Hälfte der Schweizer Zeitgeschichte galt, was natürlich auch heißt, dass die Internationalisierung der Geschichtswissenschaft weiter vorangekommen ist als beispielsweise in der Bundesrepublik. Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg kamen kaum noch vor – auf den „2. Schweizerischen Geschichtstagen” 2010 überhaupt nicht mehr[109] –, dafür leitete Thomas Maissen eines von nicht weniger als drei Panels über die an der Grenze zwischen Geschichtsphilosophie und -theorie angesiedelte Frage: „Die ewige Eidgenossenschaft. (Wie) Ist im 21. Jahrhundert Nationalgeschichte noch schreibbar?”[110] Zum Problem war diese Frage aus politischen Gründen schon in den 1970er-Jahren geworden, aber inzwischen hat der Dekonstruktivismus auch die Historiker/innen erfasst, und aus dieser Perspektive erscheinen nationale Meistererzählungen grundsätzlich als fragwürdig. Maissen jedoch und etliche seiner Mitautor/innen ebenfalls sehen die grundsätzliche Kritik an der (Schweizer) Nationalgeschichte mit Sorge: Erstens, weil die Schweiz als archetypische „Willensnation” auf dieses Genre keinesfalls verzichten kann, und zweitens, weil sich ihrer – wenn die professionellen Historiker/innen sich dieser Aufgabe versagen und sich stattdessen etwa auf die florierenden, wissenschaftlich vorzüglichen neuen Kantonsgeschichten verlegen – fragwürdige Autoren namentlich aus dem Umkreis der SVP zum Schaden des Landes bemächtigten. Maissen selbst ging inzwischen mit gutem Beispiel voran und legte im vergangenen Jahr eine Geschichte der Schweiz vor, die sich – natürlich, möchte man sagen – darin auszeichnet, dass Binneneinschätzung und Fremdwahrnehmung so weit als möglich übereinstimmen. Das ist für ihn deshalb nicht trivial, da im Falle des Themas Schweiz und Zweiter Weltkrieg diese goldene Regel zum Nachteil des Landes missachtet worden ist, und zwar mit der Folge, dass, wie oben gezeigt, die materiellen und symbolischen Kosten derart hoch waren, dass sie bis heute nicht vollständig bezahlt worden sind.[111] Das Land musste lernen, was der einsichtsvolle Teil seiner Bewohner schon immer wusste, dass erstens Geschichtsbilder keinen Ewigkeitswert besitzen und dass zweitens das nationale Selbstverständnis nicht ungestraft im Gegensatz zur Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit stehen kann, jedenfalls in Demokratien. Der 2009 verstorbene Bergier hatte schon Recht, als er im Vorwort zu einer anderen, diese Regel ebenfalls respektierenden Geschichte der Schweiz gewissermaßen seufzend schrieb: „La Suisse, ce pays petit, mais si compliquée.”[112]

Anmerkungen

  1. Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine im Literaturapparat leicht aktualisierte und um einen Nachtrag ergänzte Wiederveröffentlichung eines Artikels von 2004: Christof Dipper, Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise. Das Beispiel Schweiz, in: Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa, Göttingen 2004, S. 149-174.
  2. „Zeitgeschichte“ als Verdeutschung von „chronologica“ ist gegenüber der Wortbedeutung „Geschichte der neuesten Zeit“ der ältere Begriff. Schüddekopf liefert hierfür einen Beleg aus Caspar von Stielers Teutschem Sprachschatz in der Auflage von 1691. Otto-Ernst Schüddekopf, Zeitgeschichte, in: Grundbegriffe der Geschichte, Gütersloh 1964, S. 424. Die Begriffsgeschichte für „Zeitgeschichte“ im zweiten Sinne ist nicht gut erforscht. Sicher ist lediglich, dass sie im Umkreis der Französischen Revolution zum festen Begriff wurde.
  3. Vgl. Karl Heinz Bohrer, Erinnerungslosigkeit. Ein Defizit der gesellschaftskritischen Intelligenz, in: Frankfurter Rundschau, 16. 6. 2001.
  4. Der locus classicus findet sich bei Jacob Burckhardt und wird entsprechend gerne zitiert: sein Brief an Bernhard Kugler, 2. 7. 1871 („Wir leben in ganz andern Zeiten als Thucydides“), sowie an Friedrich von Preen, 31. 12. 1872 („Seit Gervinus habe ich einen Abgeschmack an solchen Büchern“); Max Burckhardt (Bearb.); Briefe, Bd. 5, Basel, Stuttgart 1963, S. 131f., S. 184.
  5. Briefe, die neueste Literatur betreffend, II. Teil, 52. Brief (23. 8. 1759); zit. Gerhard Schulz, Einführung in die Zeitgeschichte, Darmstadt 1992, S. 35.
  6. Joachim Heinrich Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache, Bd. 5, Braunschweig 1811, S. 833. Geoffrey Barraclough brachte denselben Gedanken auf die Kurzformel: „All history which means anything is contemporary history“; zit. Mario Bendiscioli/Emile Lousse, Neueste Zeit, in: Grundbegriffe der Geschichte zit., S. 267.
  7. Einzelheiten bei Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1983.
  8. Ausnahmen gab es selbstverständlich auch früher, sie wurden vielfach aber gerade deshalb verfemt. Was die Zwischenkriegszeit betrifft, so denke man nur an Hermann Kantorowicz mit seinem totgeschwiegenen Gutachten zur Kriegsschuldfrage oder an Eckart Kehrs vergebliche Versuche, ein alternatives Bild Preußens zu zeichnen.
  9. In diesem Sinne auch Mathias Beer, Der „Neuanfang“ der Zeitgeschichte nach 1945. Zum Verhältnis von nationalsozialistischer Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik und der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, in: Winfried Schulze/Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt 1999, S. 274-301, hier bes. S. 292f.
  10. Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 1, 1953, S. 1-8, hier S. 3. Das folgende Zitat ebd., S. 6.
  11. Albert Wucher im Bayerischen Rundfunk, 23. 9. 1959. Zit. Hans-Dietrich Loock, War’s so? Erinnerungen an die Entstehung der Zeitgeschichte, in: 25 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Statt einer Festschrift, Stuttgart 1975, S. 40. Dass das Institut dieser Aufgabe damals nicht gerecht geworden sei, ist der Tenor von Loocks Artikel.
  12. Erinnert sei nur an die sog. Fischer-Kontroverse. Sie entbrannte 1961 um einen damals knapp fünfzig Jahre zurückliegenden Sachverhalt, über den inzwischen das Ende des Kaiserreichs und die Revolution von 1918, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und fünfzehn Jahre Nachkriegszeit hinweggegangen waren. Trotzdem war die Kriegsschuldfrage offensichtlich noch immer gegenwärtige Vergangenheit.
  13. Alle bibliographischen Übersichten belegen, dass im Bereich der Zeitgeschichte relativ die meisten Publikationen erscheinen. Norbert Frei errechnete anhand seiner Besprechung von Michael Rucks Bibliographie zum Nationalsozialismus, dass allein zu diesem Themengebiet im Durchschnitt täglich allein zwei Bücher erscheinen; Süddeutsche Zeitung, 9. 3. 2001. Aber schon Rothfels stellte 1953 die enorme Zunahme der Wissensproduktion als ein Kennzeichen der Zeitgeschichte fest; a.a.O., S. 3.
  14. „Hier fehlen die Brüche, an denen sich die Periodisierung orientieren könnte“; Waldemar Besson, Periodisierung, Zeitgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt 11961, S. 268. Es handelt sich hier aber bei genauerem Hinsehen um ein rein formales Argument. Das Urteil Rothfels’ a.a.O., S. 2.
  15. Edgar Bonjour, Geschichte der schweizerischen Neutralität, Bd. 2, Basel, Stuttgart 1978, S. 675.
  16. Von größtem Einfluss war Johannes v. Müller, Geschichten der Schweizer, Boston [Bern] 1780 bzw. ders., Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft, 5 Bde., Bern 1786-1808.
  17. Die Universität Zürich verfügte seit ihrer Gründung 1833 über einen Lehrstuhl für „vaterländische Geschichte“, Bern seit 1858.
  18. Die patriotische Geschichtsteleologie bestand aus 4 Mythen: dem Rütlischwur und dem Alpenmythos als den beiden ältesten Bestandteilen, dann dem Neutralitätsmythos und zuletzt kam der Pfahlbauernmythos hinzu, demzufolge diese gemeinsame Abstammung das Zusammenfinden und -leben überhaupt erst möglich gemacht habe. Näheres dazu bei Ulrich Im Hof, Mythos Schweiz. Identität, Nation, Geschichte 1291-1991, Zürich 1991, sowie bei Guy P. Marchal/Aram Mattioli (Hrsg.), Erfundene Schweiz. Konstruktionen nationaler Identität, Zürich 1992. Ferner den Katalog zur Sonderausstellung des Musée Suisse/Schweizerisches Landesmuseum Zürich: Die Erfindung der Schweiz 1848-1998: Bildentwürfe einer Nation, Zürich 1998.
  19. Bd. 1, Gotha 1887, S. XI; zit. Peter Stadler, Zwischen Klassenkampf, Ständestaat und Genossenschaft. Politische Ideologien im schweizerischen Geschichtsbild der Zwischenkriegszeit, in: Historische Zeitschrift, Bd. 219, 1974, S. 292.
  20. Einzelheiten bei Sascha Buchbinder, Der Wille zur Geschichte. Schweizer Nationalgeschichte um 1900: die Werke von Wilhelm Oechsli, Johannes Dierauer und Karl Dändliker, Zürich 2001.
  21. Bern 1920, ND Zürich 1975.
  22. Stadler, Zwischen Klassenkampf, S. 294.
  23. Die Schweiz 1798-1998. Staat, Gesellschaft, Politik;Hrsg.im Auftrag der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz, Bd. 1, Zürich 1998, S. 13.
  24. In Zürich kamen Ernst Gagliardi 1919, Karl Meyer 1920 und Hans Nabholz 1924 auf Lehrstühle, in Basel Hermann Bächtold 1920 und Emil Dürr 1925, in Bern endlich Richard Feller 1921 und Werner Näf 1925.
  25. Marcel Beck, Der Mythos Schweiz im Schatten zweier Kriege. Gedanken zum Wandel des schweizerischen Geschichtsbildes in den letzten Jahrzehnten, in: Gymnasium helveticum, Bd. 5, 1951, S. 173.
  26. Aram Mattioli, Intellektuelle von rechts, Zürich 1995.
  27. Zit. Stadler, Zwischen Klassenkampf, S. 303.
  28. Die Sozialdemokratische Partei wurde 1935 stärkste, 1939 zweitstärkste Fraktion im Nationalrat, 1943 wiederum die stärkste. Unter Vorbehalt nahm man sie 1943, definitiv aber erst 1959 in den Bundesrat auf.
  29. 1961 wurde David Oistrach an einem Konzertauftritt in Zürich gehindert! Die Fortsetzung der „geistigen Landesverteidigung“ in Gestalt eines bornierten Antikommunismus, der schließlich sogar die Demokratie gefährdet, kritisierte 1961 Jean Rudolf von Salis in einem Vortrag, der damals nicht gedruckt werden konnte; Die Schweiz im kalten Krieg, in: ders., Schwierige Schweiz. Beiträge zu einigen Gegenwartsfragen, Zürich 1968, S. 187-205. Von Salis war nicht irgendwer, sondern der seit dem Krieg internationales Ansehen genießende offiziöse Rundfunkkommentator und Lehrstuhlinhaber an der ETH Zürich. Insofern zeigt es schlaglichtartig die damals herrschende Kräfteverteilung, wenn dieser prominente Historiker der Zensur verfiel.
  30. Zum „bewegten Jahrzehnt zwischen 1964 und 1974“ und seinen Ursachen siehe: Die Schweiz 1798-1998, Bd. 3: Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren, Zürich 1998, Einleitung.
  31. Thomas Maissen, Die Schweiz und die nationalsozialistische Hinterlassenschaft. Anlass, Phasen und Analyse einer neu entflammten Debatte, in: Kenneth Angst (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg und die Schweiz, Zürich 21998, S. 126.
  32. Die Flüchtlingspolitik der Schweiz in den Jahren 1933-1945. Bericht an den Bundesrat zuhanden der eidgenössischen Räte, o.O. 1957.
  33. Edgar Bonjour, Geschichte der schweizerischen Neutralität. Vier Jahrhunderte eidgenössischer Außenpolitik, 2. Auflage, 4 Bde., Basel 1965-70. Bde. 5-9 (Dokumente), Basel 1974-76.
  34. Das Folgende nach Georg Kreis, Die Schweiz der Jahre 1918-1948, in: Geschichtsforschung in der Schweiz. Bilanz und Perspektiven – 1991. Redaktion Boris Schneider u. Francis Python, Basel 1992, S. 378-396.
  35. Weitere Titel, die in der Schweiz für Unruhe sorgten, waren: Vorspiegelung wahrer Tatsachen, Zürich 1983; Die Welt als Wille und Wahn. Elemente zur Naturgeschichte eines Clans, Zürich 1987; Reportagen aus der Schweiz, Darmstadt 1974, Zürich 21977; auf den auch lange nach 1945 skandalösen Umgang der deutschen Justiz mit dem Schweizer Hitlerattentäter Maurice Bavaud (der 1942 hingerichtete Attentäter wurde 1955 vom Berliner Kammergericht noch einmal zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt) zielte: Es ist kalt in Brandenburg. Ein Hitler-Attentat, Zürich 1980.
  36. Die authentische Grundlage waren die 1940 veröffentlichten „Blätter aus dem Brotsack“.
  37. Zit. Bernadette Calonego, Das Ärgernis Wahrheit. Die Schweiz muß ihr Geschichtsbild revidieren, in: Süddeutsche Zeitung, 27. 9. 1996.
  38. Fritz Fischer, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, Düsseldorf 1979.
  39. Zuletzt Adolf Muschg, O mein Heimatland. 150 Versuche mit dem berühmten Schweizer Echo, Frankfurt 1998. Peter von Matt, Die tintenblauen Eidgenossen. Über die literarische und politische Schweiz, München, Wien 2001. Jürg Altwegg, Ach, du liebe Schweiz. Essay zur Lage der Nation, Zürich 2002.
  40. Thomas Maissen, Vom Republikanismus zum Liberalismus. Gegensätzliche Traditionen in der Schweizer Geschichte, in: Neue Zürcher Zeitung, 10. 3. 2001.
  41. Beispielsweise wurde die verfassungsmäßig verbotene Todesstrafe 1942 per Verordnung eingeführt. Es wurden 33 Personen zum Tode durch Erschießen verurteilt, 17 Urteile wurden vollstreckt, eines in lebenslängliche Haft umgewandelt, 15 Verurteilte waren außer Landes geflohen; Bonjour, Geschichte, Bd. 4, Basel, Stuttgart 21970, S. 472.
  42. Ulrich Jost, Politik und Wirtschaft im Krieg. Die Schweiz 1938-1948, Zürich 1998, S. 44.
  43. Eine der frühesten Auseinandersetzungen mit dem Problem einer Zeitgeschichte der Schweiz ist Erich Gruners Einleitung, in: ders (Hrsg.), Die Schweiz seit 1945. Beiträge zur Zeitgeschichte. La Suisse depuis 1945. Etudes d’histoire contemporaine, Bern 1971, S. 5-18. Die einzelnen Beiträge wurden bewusst an „Männer“ vergeben, „die entscheidend an der Gestaltung der schweizerischen Politik der vergangenen 25 Jahre beteiligt gewesen sind“ (S. 5f.). Außer dem Herausgeber kann nur noch ein weiterer Autor als gelernter Historiker bezeichnet werden, nur Gruner selbst war damals Professor für Geschichte.
  44. Kreis, Die Schweiz zit., S. 380.
  45. Zu Deutschland jetzt Helmut Böhme, „Primat“ und „Paradigmata“. Zur Entwicklung einer bundesdeutschen Zeitgeschichtsschreibung am Beispiel des Ersten Weltkriegs, in: Hartmut Lehmann (Hrsg.), Historikerkontroversen, Göttingen 22001, S. 87-139. Zu Italiens Kunststück, statt Faschismus- Resistenzahistorie zu betreiben, Jens Petersen, Der Ort der Resistenza in Geschichte und Gegenwart Italiens, in: Quellen und Forschungen, Bd. 72, 1992, S. 550-571, sowie Carlo Moos, Die „guten“ Italiener und die Zeitgeschichte. Zum Problem der Vergangenheitsbewältigung in Italien, in: Historische Zeitschrift, Bd. 259, 1994, S. 671-694.
  46. Die professorale Protestwelle anlässlich der Ernennung Jean Zieglers zum Ordinarius für Soziologie an der Universität Genf kam vor allem aus der Deutschschweiz. Ziegler, Mitglied der SP und für sie zeitweise im Nationalrat, war bis dahin (und sollte das auch weiterhin bleiben) in der Öffentlichkeit durch seine Pamphlete bekannt; sein spektakulärstes war die chronique scandaleuse des Bankensystems: Die Schweiz – über jeden Verdacht erhaben, Darmstadt 11976. Zum Skandal, der auch zur Streichung von Forschungsmitteln auf Betreiben einflussreicher Industriekreise führte: Roman Brodmann, Der Un-Schweizer. Was machen Eidgenossen mit einem Dissidenten?, Darmstadt 1977. Weitere Bücher Zieglers in deutscher Sprache: Die Schweiz wäscht weißer, München 1990; Die Schweiz, das Gold und die Toten, München 1997. Die Autobiographie hat den Titel: Wie herrlich, Schweizer zu sein. Erfahrungen mit einem schwierigen Land, München 1993.
  47. Kreis, in: Geschichtsforschung, S. 383.
  48. Ebd.
  49. Jakob Tanner, Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft. Eine finanzsoziologische Analyse der Schweiz zwischen 1938 und 1953, Zürich 1986.
  50. Werner Rings, Raubgold aus Deutschland. Die „Golddrehscheibe“ Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Zürich 11985. Gian Trepp, Bankgeschäfte mit dem Feind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich im Zweiten Weltkrieg, Zürich 1993.
  51. Nikolaus Meienberg, Die Erschießung des Landesverräters Ernst S., Zürich 1973.
  52. Jean Claude Favez, Das Internationale Rote Kreuz und das Dritte Reich. War der Holocaust aufzuhalten? München 1989. Ders., Warum schwieg das Rote Kreuz? Eine internationale Organisation und das Dritte Reich, München 1994.
  53. Paul Stauffer, Zwischen Hoffmannsthal und Hitler. Carl J. Burckhardt: Facetten einer außergewöhnlichen Existenz, Zürich 1991; ders. „Sechs furchtbare Jahre...“. Auf den Spuren Carl J. Burckhardts durch den Zweiten Weltkrieg, Zürich 1998. Stauffer ist als Bonjour-Schüler und ehemaliger Botschafter nicht den ‘jungen Wilden’ zuzurechnen, was nur einmal mehr beweist, dass ein kritischer Blick auf die Quellen die Revision des Schweizer Geschichtsbild schlechterdings zwingend macht.
  54. So die Selbstbezeichnung bei Kreis, in: Geschichtsforschung, S. 385.
  55. Näheres dazu in den einleitenden Bemerkungen von Peter Hablützel/Albert Huber, Neue schweizerische Beiträge (1945-1975) zur deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Die moderne deutsche Geschichte in der internationalen Forschung: 1945-1975, Göttingen 1978, S. 129-132.
  56. Ebd., S. 130.
  57. Beck, Mythos Schweiz, S. 176.
  58. Für das Folgende Maissen, in: Angst (Hrsg.).
  59. Kritisch zu Eizenstats Bericht von 1997 Heinz Albers-Schönberg, Hat die Schweiz den Krieg verlängert? Handels-, Gold- und Geldpolitik gegenüber Deutschland im Zweiten Weltkrieg, Zürich 1999.
  60. Jakob Tanner, Militär und Gesellschaft in der Schweiz nach 1945, in: Ute Frevert (Hrsg.), Militär und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1997, bes. S. 319.
  61. So Georg Kreis, im Vorwort zu: Die Schweiz, Bd. 1, S. 11.
  62. Ansprache von Bundespräsident Kaspar Villiger zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 7. 5. 1995 vor der Vereinigten Bundesversammlung, in der NZZ erschienen unter dem Titel: Auch die Schweiz hat Schuld auf sich geladen. Abdruck: Angst (Hrsg.), S. 15-22.
  63. Urs Altermatt, Schweizer Katholizismus zwischen den Weltkriegen 1920-1945, Freiburg 1994. Siehe aber jetzt auch ders., Katholizismus und Antisemitismus: Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz, Frauenfeld 1999.
  64. Die UBS hat Anfang 1997, unmittelbar nach Einsetzung der UEK, Akten der ehemaligen Schweizer Bankgesellschaft in großer Zahl vernichtet bzw. zu vernichten versucht. Der das publik machende und umgehend entlassene Schweizer Wachmann Christian Meili sah sich veranlasst, in die USA zu fliehen, wo er politisches Asyl beantragte und erhielt! Tanner protestierte in einem internen Bericht dagegen, dass die Kommission nur an ‘gereinigte’ Aktenbestände gelassen wurde.
  65. Näheres dazu online unter: http://www.uek.ch/de/index.htm.
  66. Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, Zürich 2002. Das Buch gibt es auch in englischer, französischer und italienischer Sprache.
  67. Michael Pinto-Duschinsky, Selling the Past, in: Times Literary Supplement, 23.10.1998; Ulrich Raulff, Vor dem Archiv, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 2. 1999; Otto Köhler, Wes’ Brot ich eß..., in: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung,, 26. 4. 2001.
  68. Damit im Zusammenhang begann 1977 die Zeitschrift des Schweizerischen Bundesarchivs zu erscheinen.
  69. Näheres bei Antoine Fleury, Les Documents Diplomatiques Suisses. Histoire d’une publication majeure des historiens suisses, in: Geschichtsforschung, S. 397-409.
  70. Diplomatische Dokumente der Schweiz. 1. Reihe, Bde. 1-15 [1848-1945], Bern 1979-92; 2. Reihe, Bd. 16 (-19) [1945 (-1954)], Zürich 1997 (-2003).
  71. Klaus Urner, Das Archiv für Zeitgeschichte im Überblick, in: ders. u.a., Das Archiv für Zeitgeschichte und seine Bestände, Zürich 1999, S. 11-21.
  72. Zeitgeschichte, 1973ff.; eForum zeitGeschichte, 2001ff., online unter http://www.eforum-zeitgeschichte.at/. Es sieht allerdings so aus, als habe dieses Organ seit 2005 keine Fortsetzung mehr gefunden.
  73. Die Schweiz 1798-1998, Bd. 2: Krisen und Stabilisierung. Die Schweiz in der Zwischenkriegszeit, Zürich 1998; Bd. 3: Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren, Zürich 1998.
  74. Peter Gilg/Peter Hablützel, Beschleunigter Wandel und neue Krisen (seit 1945), in: Geschichte der der Schweiz und der Schweizer, Basel, Frankfurt 21986, S. 821.
  75. Ebd., S. 957.
  76. Ebd. S. 823f.
  77. Dazu Paul Erker, Zeitgeschichte als Sozialgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft, Bd. 19, 1993, S. 203-238. Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, ebd., Bd. 22, 1996, S. 165-193.
  78. Siehe das Literaturverzeichnis „Die Schweiz 1933 bis 1945“, inzwischen bis 2006 weitergeführt und online unter http://www.nb.admin.ch/dokumentation/publikationen/00753/01128/index.html?lang=de.
  79. Zit. Maissen, S. 140. Maissen selbst neigt dieser Richtung zu.
  80. Adolf Muschg, Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt, in: ders., Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt. Fünf Reden eines Schweizers an seine und keine Nation, Frankfurt 1997, S. 7-24.
  81. Nach Maissen, S. 129, sind dies vor allem Klaus Urner, Philippe Marguerat, André Lasserre und Georges-André Chevallaz. Letzterer, geboren 1915, ist mit Abstand der Älteste von ihnen.
  82. Kreis, Vorwort zu: Die Schweiz 1798-1998, Bd. 1, S. 10.
  83. Th. Kirchner, Die Schweiz in unseren Köpfen, in: SZ, 10.11.2001.
  84. Stuart Eizenstat, Imperfect Justice. Looted Assets, Slave Labor, and the Unfinished Business of World War II. Preface by Elie Wiesel, New York 2003. Die Klage richtet sich faute de mieux gegen das Umschlagbild der amerikanischen Ausgabe – auf dem Schweizerkreuz liegt ein aus Goldbarren geformtes Hakenkreuz, eine, wie die NZZ bedauernd kommentierte, „auch nicht mehr beispiellose Geschmacklosigkeit“ –, gemeint ist natürlich der Inhalt.
  85. J. Altwegg, Bloß keine Selbstkritik, in: FAZ, 24.11.2003.
  86. Siehe Anm. 60.
  87. Es ging bei beiden Initiativen um die Einführung eines Automatismus der Ausweisung bei rechtskräftiger Verurteilung für Straftaten, die in den Augen der SVP besonders schwerwiegend waren, also nicht nur Mord, sondern auch Drogenhandel und missbräuchliche Leistungen der Sozialversicherungen.
  88. Zum subkutanen Antisemitismus in der Schweiz die klugen Beobachtungen bei Thomas Maissen, Verweigerte Erinnerung. Nachrichtenlose Vermögen und Schweizer Weltkriegsdebatte 1989-2004, Zürich 2005, S. 106-109.
  89. Ein in der Schweiz lebender, zwar vorbestrafter, aber vom Gesetz trotzdem nicht betroffener Kurde hat inzwischen tatsächliche Klage eingereicht. Das Schweizer Bundesgericht lehnte sie ab, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat noch nicht entschieden.
  90. Dazu Krzysztof Ruchniewicz, Der Zickzackkurs der polnischen ‚Geschichtspolitik’ nach 1989, in: Neue Politische Literatur 53 (2008), bes. S. 216-221.
  91. Zit. Sacha Zala, Der Ethik-Kodex der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Eine Binnensicht, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 55 (2005), S. 467. Zala fügt hinzu: „Tatsächlich war eine Generation von Historikerinnen und Historikern – und er zählt selbst dazu – ans Werk gegangen [gemeint ist der 2004 verabschiedete Ethik-Kodex], die während der virulenten Kontroverse um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihre akademischen Lehrer und sich selbst in der Öffentlichkeit kollektiv als subversiv und unpatriotisch verschmäht sah und zunehmend einem forschungsfeindlichen Klima ausgesetzt war.“
  92. Prominente Ausnahme: der emeritierte Züricher Professor Peter Stadler, der mit finanzieller Unterstützung Blochers das populärwissenschaftliche Buch „Epochen der Schweizer Geschichte“ (Zürich 2003) verfasst hat. Seine Auseinandersetzung mit dem Bergier-Bericht von 2003 ist wiederabgedruckt in: ders., Rückblicke auf die Neuzeit. Streiflichter auf Menschen und Ereignisse, Zürich 2007, S. 121-143.
  93. In ihm saßen u.a. die Züricher Professoren Carlo Moos und Jakob Tanner, aber auch ein Kritiker des Projekts. Die NZZ widmete dem Vorgang mehrere Berichte, am 4./5. 3. 2006 widmete sie die gesamte Seite 37 dem Thema: Sie rezensierte das Buch, ließ je einen Befürworter und Gegner zu Wort kommen und rückte zwei Kommentare ein.
  94. Barbara Bonhage u.a., Hinschauen und nachfragen. Die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen, Zürich 2006. Bonhage war Mitarbeiterin der Bergier-Kommission.
  95. Luzi Stamm, Bergier-Bericht: Politische Ideologie in unseren Schulstuben? Kommentar zum Zürcher Schulbuch „Hinschauen und Nachfragen“, Zürich 2007. Als Herausgeberin fungiert eine im Jahre 2000 gegründete „Interessengemeinschaft Schweiz – Zweiter Weltkrieg“, deren Präsident Luzi Stamm ist, ein zur SVP übergetretener Nationalrat. Die Website der „Interessengemeinschaft“ ist offensichtlich gelöscht (Anfrage am 14.1.2011). Weil sie ihr Ziel erreicht hat, hat sich schon 2009 eine ihr nahestehende Aktionsgemeinschaft, der 1998 gegründete „Arbeitskreis Gelebte Geschichte“, mit dem Manifest „Mission erfüllt“, aufgelöst: vgl. dazu online http://www.gelebte-geschichte.ch/Mitteilungen/frame_Mitteilungen_d.htm. Nach wie vor existiert dagegen die ebenso militär- wie geschichtspolitisch engagierte „Aktion Aktivdienst“.
  96. Einen direkten japanisch-schweizerischen Vergleich gibt es meines Wissens bisher nicht. Vieles wird aber deutlich im Aufsatz des ausgezeichneten Deutschlandkenners Mishima Ken’ichi, Generationswechsel und Erinnerungskulturen in Japan, in: Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt a. M. 2003, S. 344-357.
  97. Georg Kreis, Zurück in den Zweiten Weltkrieg [Teil I]. Zur schweizerischen Zeitgeschichte der 80er Jahre, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 52 (2002), S. 62.
  98. Siehe oben, Anm. 48.
  99. Willi Gautschi, General Henri Guisan: Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg, Zürich 1989. Das inzwischen auch ins Französische und Englische übersetzte Buch steht in einer langen Reihe von Titeln zu Guisan, beginnend mit Edouard Chapuisat, General Guisan, Bern 1950 (frz. Original Lausanne 1949). Erste vorsichtige Kritik wurde in dem schmalen Büchlein des Historikers und alt Bundesrats Georges-André Chevallaz: General Guisan …wie er in uns weiterlebt, Vulliens 1985 (frz. Original ebd. 1983), sichtbar.
  100. Klaus Urner, "Die Schweiz muss noch geschluckt werden!" Hitlers Aktionspläne gegen die Schweiz. Zwei Studien zur Bedrohungslage der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Zürich 1990. Die von 1981-83 und 1985-88 in der Schweiz amtierende US-Botschafterin Faith Whittlesey sorgte mit der von ihr präsidierten Organisation American Swiss Foundation, dass „an 1500 Bibliotheken Bücher aus der vor 1996er-Ära [1996 beschloss der Bundesrat die Einsetzung der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg] gratis“ verteilt wurden, darunter auch Urners Werk, dessen These damals längst widerlegt war (vgl. zuletzt Markus Heiniger, Dreizehn Gründe. Warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde, Zürich 1989). Vgl. Georg Kreis, Das verpasste Rendez-vous mit der Weltgeschichte. Zurück in den Zweiten Weltkrieg (Teil III), in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 54 (2004), S. 323.
  101. Kreis, Zurück in den Zweiten Weltkrieg [Teil I], S. 68. Systematisiert hat Kreis das in: Zurück in den Zweiten Weltkrieg (Teil II). Zur Bedeutung der 1990er Jahre für den Ausbau der Schweizer Zeitgeschichte, in: ebd., S. 494-517. Alle diese und zahlreiche andere Aufsätze sind wiederabgedruckt in: ders., Vorgeschichten zur Gegenwart. Ausgewählte Aufsätze, 4 Bde., Basel 2003-2008.
  102. Jean-François Bergier im Gespräch mit Bertrand Müller und Pietro Boschetti. Gelebte Geschichte, Zürich 2007.
  103. Kreis, Das verpasste Rendez-vous, S. 322.
  104. Zürich machte 2005 den Anfang und provozierte damit eine lebhafte Debatte in den Medien. Die SVP bezeichnete dies als „unschweizerisch“ und sah sich in ihrem Verdacht gegen Intellektuelle wieder einmal bestätigt.
  105. Das Archiv für Zeitgeschichte online unter http://www.afz.ethz.ch/.
  106. Dazu auch Georg Kreis, Die neuere Schweizergeschichte neu schreiben? Zur Mutation und Transformation des nationalen Geschichtsbildes, in: Neue Politische Literatur 47 (2002), S. 79-92.
  107. Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg/La Suisse et la Seconde Guerre mondiale. Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 47 (1997), H. 4.
  108. Der Internetauftritt der 1. Schweizerischen Geschichtstage online unter http://www.2007.geschichtstage.ch/.
  109. Vgl. die 2. Schweizerischen Geschichtstage online unter http://www.geschichtstage.ch/.
  110. Die meisten Beiträge sind abgedruckt in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 59 (2009), H. 1.
  111. Thomas Maissen, Geschichte der Schweiz, Baden 2010, S. 323f.
  112. Jean-François Bergier, Préface, in: Joëlle Kuntz, L’histoire suisse en un clin d’œil, Carouge-Genève 2006, S. 7.

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Artikel: Schweiz – Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise
Christof Dipper, Schweiz – Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise,
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.03.2011
(Um einen Nachtrag ergänzte und im Literaturapparat leicht aktualisierte Wiederveröffentlichung von: Christof Dipper, Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise. Das Beispiel Schweiz, in: Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa, Göttingen 2004, S. 149-174.)

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Schweiz - Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise








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