Zeit und Zeitkonzeptionen in der Zeitgeschichte
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012
https://docupedia.de/zg/graf_zeit_und_zeitkonzeptionen_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.266.v2
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012
https://docupedia.de/zg/graf_zeit_und_zeitkonzeptionen_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.266.v2
Zeit ist die grundlegendste Kategorie der Geschichtswissenschaft. Historikerinnen und Historiker untersuchen, so könnte man in erster Annäherung formulieren, Wandel in der Zeit. Ohne Zeit bzw. eine bestimmte Konzeption von Zeit gäbe es keine Vorstellung von Geschichte und damit auch keine wissenschaftlichen Versuche, sie zu erfassen. Auch wer behauptet, nicht Wandel, sondern Zustände zu untersuchen, interessiert sich für diese doch als Bedingungen für Wandlungsprozesse. Dementsprechend ist der Begriff der Zeit in der Geschichtswissenschaft omnipräsent: Wir sprechen von der Zeit der Renaissance oder der NS-Zeit, von bleiernen oder modernen Zeiten, Zeiten des Aufbruchs oder des Niedergangs, einer guten oder schlechten Zeit usw. All diese Formulierungen schreiben Zeitabschnitten, Epochen oder Zeitaltern, bestimmte Charakteristika zu. Auch in der Zeitgeschichte selbst geht es nach Hans Rothfels' klassischer Definition um „die Geschichte der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung”, d.h. um die Geschichte unserer Zeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Kriegs zunächst als eine Zeit krisenhafter Erschütterungen begriffen wurde.[1] Als Geschichte der Mitlebenden entwirft die Zeitgeschichte eine eigene Zeitordnung, da sich ihr zeitlicher Gegenstandsbereich verschiebt bzw. einen offenen Zukunftshorizont hat und sich ein Schwerpunkt der empirischen Forschung immer entlang der archivalischen Sperrfristen in einem Abstand von dreißig Jahren zur Gegenwart bewegt.
Gerade die fundamentalsten und am häufigsten verwendeten Begriffe sind am schwierigsten zu explizieren, sodass diese Anstrengung nur selten unternommen wird. Auch in der Zeitgeschichte wird zwar häufig von Zeit geredet und noch öfter werden Zeitbegriffe gebraucht, aber nur selten geht es um die Zeit selbst, also nach der Umschreibung des Brockhaus um „das im menschlichen Bewusstsein unterschiedlich erlebte Vergehen von Gegenwart; die nicht umkehrbare, nicht wiederholbare Abfolge des Geschehens, die als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft am Entstehen und Vergehen der Dinge erlebt wird”.[2] Ausgehend von dieser Erläuterung des Zeitbegriffs wird schon die Beschreibung des Gegenstands der Geschichtswissenschaft als „Wandel in der Zeit” problematisch: Denn wenn die Zeit überhaupt nur am „Entstehen und Vergehen der Dinge” wahrgenommen werden kann, dann ist es zu einfach, sie als Raum zu denken, in dem sich Veränderungen vollziehen, oder als Zeitstrahl, auf dem sie ablaufen. Auch wenn dies für viele historische Argumentationszusammenhänge ausreichend sein mag, wird historische Zeit letztlich erst durch die untersuchten Wandlungsprozesse selbst konstituiert. Aufgabe der Geschichtswissenschaften ist es, Zeit nicht einfach vorauszusetzen, sondern sie vielmehr aus dem Entstehen und Vergehen bzw. den Veränderungen der Dinge heraus zu erschließen.[3]
Diese Zeit, die fundamental ist für unser Verständnis von Geschichte und unsere Versuche, diese zu erfassen, ist immer soziale Zeit: Sie selbst und ihr Erleben sind historisch variabel – ihre Messung hängt von gesellschaftlichen Übereinkünften ab, genauso wie ihre Erfahrung von der sozialen Position, von Geschlecht, Bildung, Beruf, Alter und vielen anderen Faktoren.[4] Zeit und Zeitvorstellungen sind wandelbar und daher jenseits der oftmals metaphorischen Verwendung des Zeitbegriffs ein wichtiger Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Im 20. Jahrhundert bzw. dem Gegenstandsbereich der Zeitgeschichte veränderten sich sowohl die Messung der Zeit als auch ihr Verständnis nicht zuletzt durch die Entstehung neuer wissenschaftlicher Theorien: Am Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierte die Relativitätstheorie naturwissenschaftliche Vorstellungen von Raum und Zeit, und sowohl Philosophen als auch Theologen dachten wieder intensiver über den Begriff der Zeit nach. In der jüngeren und jüngsten Zeitgeschichte beschäftigten sich dann zunehmend Soziologen und Anthropologen mit Zeit und Zeitregimen. All diese Theorien und Forschungen anderer Disziplinen, die im ersten Abschnitt kurz vorgestellt werden, dürfen weder reduktionistisch als Produkte sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Entwicklungen betrachtet werden, noch sollten einzelne von ihnen als Theoriemodelle absolut gesetzt werden, an denen sich die historische Analyse zu orientieren hat. Die zentrale Aufgabe besteht vielmehr darin, sie sowohl zu historisieren und ihre Bedeutung für eine Geschichte der Zeit im 20. Jahrhundert zu untersuchen als auch ihre Wirkung auf unser Denken und ihre Funktion für eine Zeitgeschichte der Zeit zu beleuchten.[5]
Nach Auffassung vieler sprachanalytischer Philosophen verwirrt das Substantiv „Zeit” unser Denken, und Ausführungen zur Zeit als solcher bekommen leicht etwas geheimnisvoll Raunendes. Demgegenüber sind unsere Überlegungen wesentlich klarer, wenn wir über die verschiedenen zeitlichen Bestimmungen wie früher/später oder vergangen/gegenwärtig/zukünftig nachdenken (s.u.). Um Mystifizierungen der Zeit zu vermeiden, werden nach den Zeittheorien zunächst historische Arbeiten vorgestellt, die sich möglichst konkret mit Zeit und Zeitvorstellungen in der Zeitgeschichte beschäftigen. Danach wird es um Studien gehen, die sich im Sinne des sprachphilosophischen Postulats der Erforschung der Zeitdimensionen widmen, sich also mit vergangenen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften beschäftigen.
Die von Isaac Newton als Grundlage der Mechanik postulierte „absolute, wahre und mathematische Zeit”, die „an sich ... gleichförmig ist” und in der sich alle Körper bewegen, war schon früh kritisiert worden, da Zeit immer nur relational zu bestimmen und eine absolute Zeit unerkennbar sei.[6] Erst 1905 wurde die Vorstellung einer absoluten Zeit jedoch mit Albert Einsteins Aufsatz „Zur Elektrodynamik bewegter Körper” grundsätzlich beseitigt.[7] So abstrakt und kompliziert die Relativitätstheorie auch ist, geht sie doch nicht zuletzt von dem sehr konkreten Problem der Uhrensynchronisation aus. Die Synchronisation von zwei Uhren an verschiedenen Orten ist insofern schwierig, als sie von der Kenntnis der Übertragungsdauer eines Signals zwischen den Uhren abhängt, diese aber nicht bestimmt werden kann, solange es keine synchronen Uhren an den beiden Orten gibt. Erfolgen müsse die Synchronisation, so Einstein, durch Lichtsignale, da sich das Licht überall mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreite, die nicht überschritten werden könne. Wenn sich nun aber zwei Inertialsysteme[8] relativ zueinander bewegen, erscheinen zwei Uhren, die sich an verschiedenen Punkten in einem System befinden, Beobachtern innerhalb dieses Systems synchron, Beobachtern aus dem anderen System aber als diachron. Daher gibt es keine Möglichkeit, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen über diese Bezugssysteme hinaus festzustellen; die Idee einer absoluten Zeit erweist sich als Illusion, und an ihre Stelle tritt eine relative, auf bestimmte Inertialsysteme bezogene Zeit.[9]
Obwohl die Relativitätstheorie postmodernen Theoretikern oft als vager Beleg der These gilt, dass angeblich alles relativ und damit auch alles möglich sei, ist letztlich unklar, was aus diesen Überlegungen für die Geistes- und Sozialwissenschaften folgt.[10] Zweifelsohne trugen sie jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Destabilisierung eines universalen und homogenen Zeitverständnisses bei. Darüber hinaus veränderten sich im 20. Jahrhundert auch die Techniken der Zeitmessung, die traditionell auf astronomischen Beobachtungen, der Erdrotation bzw. des Umlaufs der Erde um die Sonne basierten, nachdem erkannt worden war, dass diese Bewegungen nicht völlig gleichförmig verliefen. 1967 wurde die Sekunde neu definiert durch die „Dauer von 9.192.631.770 Schwingungen eines Hyperfeinstrukturübergangs im Grundzustand von Cäsium 133”, und vier Jahre später legte die 14. Generalkonferenz für Maß und Gewicht auf dieser Basis die internationale Atomzeit fest, die seit dem 1. Januar 1972 gilt.[11]
Um die Jahrhundertwende und dann verstärkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts richteten sich viele Philosophen gegen die Vorstellung einer absoluten und homogenen Zeit sowie gegen die transzendentalphilosophische Wendung, die ihr Immanuel Kant gegeben hatte, wonach Zeit und Raum apriorische Kategorien menschlicher Erkenntnis sind.[12] Sie lehnten ein vergegenständlichtes bzw. verräumlichtes Verständnis von Zeit ab und betonten demgegenüber, dass Zeit und Zeitlichkeit viel grundlegendere Phänomene menschlicher Existenz seien. Schon Ende des 19. Jahrhunderts unterschied Henri Bergson einen quantitativen von einem qualitativen Zeitbegriff, den er für ursprünglicher hielt und über den Begriff der Dauer zu fassen suchte. Edmund Husserl entwickelte eine Phänomenologie des Zeiterlebens in Erinnerung (Retention) und Erwartung (Protention), und Merlau-Ponty kritisierte die Vorstellungen einer metaphysischen, naturwissenschaftlichen sowie objektiven Zeit, indem er grundsätzlicher versuchte, über den Begriff der Zeit das Verhältnis des Subjekts zur Welt zu bestimmen.
Am einflussreichsten wurde Martin Heideggers Entwurf einer Existenzialontologie, die die „Seinsvergessenheit” der bisherigen Philosophie überwinden sollte. Bisher hätten Philosophen, so Heidegger, Sein immer vergegenständlicht als Seiendes begriffen und damit den ihm wesentlichen Charakter der Zeitlichkeit übersehen bzw. verstellt. Demgegenüber bestimmte Heidegger die fundamentale Zeitlichkeit des Daseins durch den Begriff der Sorge, d.h. des Vorgriffs auf die Zukunft, und sah hierin die Grundlage für alle weiteren Überlegungen zu Zeit und Geschichte.[13] Aus anderer Richtung, aber philosophisch kaum weniger einflussreich, kritisierte Walter Benjamin das Geschichtsbild des Historismus. Der Annahme eines Fortschritts bzw. auch nur eines „eine homogene und leere Zeit durchlaufenden Fortgangs” der Menschheit stellte er die messianische Vorstellung einer erfüllten „Jetztzeit” entgegen.[14] Auch in der zeitgenössischen Theologie und Religionsphilosophie erfuhr dieser Gedanke des „Kairos” eine Aufwertung, wie zum Beispiel bei Paul Tillich.[15]
Während im Zentrum all dieser philosophischen Überlegungen der Begriff der Zeit stand, hegten sprachanalytische Philosophen dem Substantiv gegenüber ein grundsätzliches Unbehagen. Nach Ludwig Wittgenstein beginnt der Fehler bereits, „wenn wir uns über die Beschaffenheit der Zeit den Kopf zerbrechen, wenn sie uns wie ein sonderbares Ding erscheint. [… Denn] es ist der Gebrauch des Substantives Zeit, der uns hinters Licht führt.”[16] Statt über die Zeit wie über einen Gegenstand nachzudenken, was zumeist in räumlichen Metaphern geschieht (sie „fließt”, „steht still”, „läuft” etc.), und dabei über ihre besonderen Qualitäten tiefsinnig zu werden, solle man sich vielmehr mit den konkreten zeitlichen Bestimmungen beschäftigen. Denn im Gegensatz zum unklaren und dunklen Substantiv seien Ausdrücke wie früher/später oder vergangen/gegenwärtig/zukünftig viel einfacher zu verstehen und zur sprachlichen Analyse geeignet.[17] Auch Historiker haben meist keine grundsätzlichen Probleme damit, frühere Ereignisse von späteren zu unterscheiden oder zu entscheiden, ob ein Ereignis im Verhältnis zu einem anderen zukünftig, gegenwärtig oder vergangen ist, und täten daher gut daran, diese sprachlichen Zusammenhänge in ihren Überlegungen zu Zeit und Zeitlichkeit in der Geschichte zu reflektieren, anstatt metaphernreich die besondere Qualität der historischen Zeit ergründen zu wollen.
Nach einer ersten Theoretisierungswelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Religionssoziologie, die sich mit Riten und Festkalendern beschäftigte, intensivierte sich die sozialwissenschaftliche Reflexion auf Zeit vor allem seit Anfang der 1970er- und noch einmal seit dem Ende der 1980er-Jahre, seitdem es mit „Time & Society” und „KronoScope” auch zwei Zeitschriften gibt, die dem Verhältnis von Zeit und Gesellschaft gewidmet sind.[18] Übereinstimmend lehnen Zeitsoziologen die Vorstellung einer natürlichen und homogenen Zeit ab und behandeln diese stattdessen als gesellschaftlich konstituiert: „As ordering principle, social tool for co-ordination, and regulation, as a symbol for the conceptual organisation of natural and social events, social scientists view time as constituted by social activity.”[19] Unterscheiden kann man jedoch eine stärker empirische Sozialforschung, die ganz konkrete Tages- und Zeitabläufe und ihre soziale Differenzierung untersucht, von eher sozialtheoretisch/-philosophisch angelegten Arbeiten, die sich allgemeiner mit dem Wandel der Zeit beschäftigen und dabei oft auch historische Thesen formulieren.[20]
Im zweiten Feld entwickelt Otthein Rammstedt ein weithin geteiltes Schema, demzufolge Zeitmessung und -wahrnehmung kulturabhängig sind: In einfachen, undifferenzierten Gesellschaften gebe es nur okkasionelle Zeitvorstellungen, die zwischen Jetzt und Nicht-Jetzt unterscheiden. In frühen ständisch differenzierten Gesellschaften bilde sich dann ein zyklisches Zeitbewusstsein aus, das in den funktional differenzierten Gesellschaften der Hochmoderne von einem linearen Zeitbewusstsein abgelöst werde.[21] Diese Beobachtungen erklärend, argumentiert Niklas Luhmanns Systemtheorie, dass die „Differenzierung von System und Umwelt Zeitlichkeit” produziere und komplexere Gesellschaftssysteme daher auch über differenzierte Zeitstrukturen verfügten. Dies fördere die Entstehung einer „Weltzeit”, die die Systemzeiten in abstrakter Form vermitteln könne.[22] Wenn Zeit aber nur in bestimmten Systemen denkbar ist, argumentiert Luhmann weiter, dann ist eine Geschichtsbetrachtung verfehlt, die die Vergangenheit als vergangene Gegenwarten betrachtet. Vielmehr müsse man „bei der historischen Erforschung vergangener Gegenwarten die damals gegenwärtige Zukunft und die damals gegenwärtige Vergangenheit mit berücksichtigen, also Dreifachmodalisierungen verwenden”.[23] Denn nur so werde der Charakter vergangener Zeiten sichtbar. Angesichts der Komplexitätssteigerung von Gesellschaften in der Moderne und der Tatsache, dass die offene Zukunft grundsätzlich geeigneter ist, Komplexität aufzunehmen, als die Vergangenheit, formuliert Luhmann die Hypothese, dass in der Moderne der Zukunftshorizont von Gesellschaften gegenüber ihren Vergangenheiten an Bedeutung gewinnt und die Zukunft zunehmend zum Medium gesellschaftlicher Selbstbeschreibung wird.[24]
Der Boom zeitsoziologischer Texte seit dem Ende der 1980er-Jahre resultierte vor allem aus der Wahrnehmung einer kommunikativen Verdichtung der Welt in der „Netzwerkgesellschaft” (Manuel Castells), die einerseits ein höheres Maß an globaler Gleichzeitigkeit zu schaffen schien, andererseits aber das Bewusstsein für zeitliche Differenzen und Ungleichzeitigkeiten zwischen verschiedenen Systemen schärfte.[25] Grundsätzlich vertreten soziologische Zeitdiagnosen seit den 1980er-Jahren vor allem zwei Thesen: Sie konstatieren eine „Beschleunigung” der Zeit und einen Verlust der Zukunft. So diagnostiziert Hermann Lübbe eine „modernitätsspezifische Zeitverknappung”, eine immer raschere Veränderung der Lebensverhältnisse bzw. eine Verpflichtung aufs Neue, die zu einer Musealisierung der Gegenwart und einer Hypertrophie der Vergangenheitsvergegenwärtigung führe.[26] Hartmut Rosa unterscheidet zwischen einer technischen Beschleunigung, einer Beschleunigung des Lebenstempos und einer Beschleunigung der sozialen und kulturellen Veränderungsraten, die eine zunehmende Desynchronisation von Alltagszeit, Lebenszeit und historischer Zeit bewirkten.[27] Schon Hans Blumenberg hatte im Auseinanderklaffen von „Lebenszeit und Weltzeit” eine elementare Modernitätserfahrung gesehen und in der Idee, sie wieder zusammenzuführen, ein Movens politischer Bewegungen im 20. Jahrhundert ausgemacht.[28]
Für Helga Nowotny haben die technologischen Entwicklungen der jüngsten Zeit vor allem im Bereich der Telekommunikation weniger zu einer Beschleunigung als vielmehr zu einer neuen Form weltweiter Gleichzeitigkeit geführt und damit zu einem „Erstrecken der Gegenwart”, die nun den Platz der vorher offenen Zukunft einnehme. Die Kehrseite dieser Entwicklung sei eine neue „Sehnsucht nach dem Augenblick und der Entdeckung der eigenen Zeitlichkeit”, der „Eigenzeit”.[29] Insofern Modernität und Modernisierung als Beschleunigung – oder mit einer einflussreichen Formulierung David Harveys als „time-space compression” – begriffen werden, registrieren auch alle Diagnosen eines Bruchs (in) der Moderne bzw. der Herausbildung einer „zweiten”, „flüssigen” „Post-” oder „Spätmoderne” eine noch weitergehende Beschleunigung und eine damit verbundene Desynchronisation der verschiedenen Zeiten innerhalb einer Gesellschaft.[30] In der seit den 1990er-Jahren inflationären Beschleunigungsliteratur ist die Grenze zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse und feuilletonistischem Befindlichkeitsschrifttum oft fließend.[31] Letzteres gibt unzählige Belege für eine angebliche Beschleunigung der Zeit und fordert „Entschleunigungen”, ohne dass jedoch genau geklärt würde, was Be- und Entschleunigung überhaupt bedeuten soll.[32] Statt diese Begriffe in die eigene Beschreibungssprache zu übernehmen, bestünde eine Aufgabe der Zeitgeschichte gerade darin, sie als Zeitdeutungen selbst zum Gegenstand der Untersuchung zu machen, ihre Konjunkturen zu erklären und ihre Bedeutung für das gegenwärtige Zeitbewusstsein auch in der Zeitgeschichtsschreibung zu bestimmen.
Auch wenn Historikerinnen und Historiker permanent über Veränderungen in der Zeit oder Veränderungen der Zeiten reden, steht die Zeit selbst doch eher selten im Fokus ihrer Überlegungen. Während in den letzten Jahren der Begriff des Raums im Zuge des spatial turn Gegenstand intensiver Debatten und auch theoretischer Reflexionen war, liegt das Nachdenken über die Zeit in der Geschichtswissenschaft etwas länger zurück und erfolgte auch nicht primär in der Zeitgeschichtsschreibung.[33] Zum einen wurde im Anschluss an Fernand Braudels Mittelmeer-Buch eine Theorie der historischen Zeiten diskutiert, die zwischen den fast unveränderlichen Phänomenen langer Dauer, der longue durée, zyklischen Bewegungen wie wirtschaftlichen Konjunkturen und kurzfristigen Ereignisabfolgen unterscheidet.[34] Vor allem der Begriff der „longue durée” – also eines langen Zeitraums mit sich nicht oder kaum wahrnehmbar wandelnden Strukturen, die die Bedingungen von Ereignisfolgen bilden – hat der Geschichtsforschung auch zu anderen Epochen neue Impulse gegeben.
Zum anderen war die Veränderung der Zeit und Zeitwahrnehmung ein zentraler Gegenstand von Reinhart Kosellecks Projekt einer historischen Semantik. Die von 1972 bis 1997 entstandenen Geschichtlichen Grundbegriffe sollen den Wandel der „Leitbegriffe der politischen Bewegung” erfassen und beschreiben damit zugleich ein „sich änderndes Verhältnis zu Natur und Geschichte, zur Welt und zur Zeit, kurz: den Beginn der ‚Neuzeit'”.[35] Einer ihrer wichtigsten Befunde ist die „Verzeitlichung” des politischen und sozialen Vokabulars, das heißt die Veränderung von Beschreibungskategorien zu „Ziel- und Erwartungsbegriffen” und die Entstehung von Begriffen, „die geschichtliche Zeit selber artikulieren” (z.B. Fortschritt, Entwicklung, Geschichte).[36] Der Untersuchungszeitraum der Geschichtlichen Grundbegriffe ist aber auf die sogenannte Sattelzeit um 1800 konzentriert, und das 20. Jahrhundert bzw. der Gegenstandsbereich der Zeitgeschichte kommen in den Artikeln allenfalls skizzenhaft in den kurzen „Ausblicken” am Ende vor. Auch für „Erfahrungsraum” und „Erwartungshorizont”, die immer wieder zitierten Zentralkategorien von Kosellecks Analyse geschichtlicher Zeit, ist unklar, wie sie sich auf die Zeitgeschichte übertragen lassen. Koselleck vertritt die Position, dass sich „in der Neuzeit die Differenz zwischen Erfahrung und Erwartung zunehmend vergrößert, genauer, daß sich die Neuzeit erst als eine neue Zeit begreifen läßt, seitdem sich die Erwartungen immer mehr von allen bis dahin gemachten Erfahrungen entfernt haben”.[37] Aber was geschieht mit Erfahrungsraum und Erwartungshorizont im 20. Jahrhundert? Entfernen sie sich immer weiter voneinander, bleiben sie einfach getrennt, nachdem sie einmal auseinandergetreten sind, oder nähern sie sich einander durch den Aufstieg wissenschaftlicher Prognose und Planung nicht im Gegenteil wieder an?[38]
Diese Fragen sind völlig offen, und angesichts der Vagheit der Begriffe sowie der Überlieferungsdichte im 20. Jahrhundert ist ungewiss, ob sie je eindeutig beantwortet werden können. Von den Studien, die sich explizit einer Geschichte der Zeit widmen, werden diese Probleme allerdings zumeist noch nicht einmal adressiert, auch wenn Kosellecks Begriffe omnipräsent sind. Statt einer systematischen Analyse der Zeit offerieren viele Arbeiten, die „Zeit” im Titel tragen und oft eine längere diachrone Perspektive haben, ein Sammelsurium von Beobachtungen über Zeittheorien, Zeitmessungen, Veränderungen von Tages- und Arbeitsabläufen sowie künstlerischen oder literarischen Werken zur Zeit.[39] Darüber hinaus gibt es unzählige impressionistische Befunde, die eine fundamentale Veränderung des Zeitbewusstseins oder einfach gleich „der Zeit” im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg oder – im Anschluss an die oben zitierten Soziologen – im Übergang von der Moderne zur Postmoderne bzw. in der angeblichen Beschleunigung des Internetzeitalters und der „Netzwerkgesellschaft” lokalisieren. Obwohl auch Stephen Kerns Kulturgeschichte von Raum und Zeit im frühen 20. Jahrhundert einige dieser Probleme teilt, geht sie doch einen Schritt darüber hinaus, indem sie die Großkategorie „Zeit” auflöst und sich mit ihren Dimensionen, d.h. mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigt.[40] Der Zeit als solcher widmen sich in instruktiver Weise vor allem Arbeiten aus der Intellectual History, der Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie der Alltags- und Sozialgeschichte. Ihnen geht es allerdings jeweils in sehr verschiedenen Hinsichten um Zeit und Zeitvorstellungen.
Zeit steht im Zentrum von Untersuchungen, die sich mit den oben zitierten Zeittheoretikern aus Philosophie und Soziologie sowie der Entwicklung des Geschichtsdenkens im 20. Jahrhundert beschäftigen, auch wenn es hier im traditionellen Stil der |Intellectual History oftmals eher um „Leben und Werk” großer Denker geht als um eine systematische Analyse der Verbreitung ihrer Zeitvorstellungen.[41] Darüber hinaus werden auch Zeitkonzeptionen in Literatur und bildender Kunst untersucht, wobei hier der Bezug auf Zeit – oder oft Zukunft – die Analyse meist nicht strukturiert, sondern ihr nur als metaphorischer Aufhänger dient.[42] Aus der Wissenschaftsgeschichte naturwissenschaftlicher Zeitauffassungen ist Peter Galisons Arbeit hervorzuheben, die die Entstehung der Relativitätstheorie zwischen abstrakten physikalischen Fragen und konkreten Methoden zur Uhrensynchronisation, deren Vorschläge auf Einsteins Tisch im Berner Patentamt landeten, nachzeichnet.[43] Auch darüber hinaus bilden die Vereinheitlichung der Zeit, die Innovation der Zeitmessung und die Ausbreitung der Uhr bzw. uhrzeitbestimmter Lebensweisen und technischer Innovationen, die das Zeitverständnis beeinflussten, wichtige historische Forschungsgegenstände, die aber bisher eher für frühere Epochen untersucht wurden.[44] Für die Zeitgeschichte ginge es darum, genauer als die soziologischen Diagnosen zu zeigen, welche Konsequenzen technologische Innovationen in den Bereichen Transport und Kommunikation für die Struktur und Wahrnehmung von Raum und Zeit im 20. Jahrhundert hatten.[45] Die auffälligen Häufungen zeitsoziologischer und zeitphilosophischer Schriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie an seinem Ende könnten hier Ausgangspunkte für die genauere Untersuchung des Verhältnisses von Transportmitteln, Kommunikationsmedien und Zeitvorstellungen bilden.
In „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” definiert schon Max Weber in der Auseinandersetzung mit Benjamin Franklins Diktum, dass Zeit Geld sei, die rationelle Einteilung der Arbeitszeit und ihrer Abläufe als wesentlichen Grund für den Aufstieg des Kapitalismus.[46] Im frühen 20. Jahrhundert erreichte die Organisation der Arbeitsabläufe in der fordistischen Fließbandarbeit und ihrer tayloristischen Organisation eine neue Stufe, die sowohl wirtschafts- und kulturgeschichtlich als auch wissenschafts- und technikgeschichtlich untersucht werden kann.[47] Für die jüngere Zeitgeschichte stehen demgegenüber eher die Entwicklung des Verhältnisses von Arbeitszeit und Freizeit im wirtschaftlichen Boom der Nachkriegszeit sowie die Veränderung der Lebenszeit durch die Auflösung der „Normalerwerbsbiografie” im Vordergrund.[48] Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die geschlechterspezifische Differenzierung der Zeiterfahrung in Hausarbeit und Erwerbstätigkeit sowie deren Veränderung bzw. Persistenz durch die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen.[49] All diese sozial- und alltagsgeschichtlichen Arbeiten können auf seit den 1920er-Jahren mehr oder weniger systematisch erstellte Umfragen und Erhebungen zurückgreifen, die einerseits reichhaltige Daten bereitstellen, andererseits aber für die Zeitgeschichte die Schwierigkeit mit sich bringen, eine eigenständige Position jenseits der sozialwissenschaftlichen Denkmuster zu formulieren.[50]
Zahl- und auch ertragreicher als die historischen Arbeiten zur Zeit als solcher sind, wie die oben zitierten sprachphilosophischen Erwägungen erwarten lassen, Studien zu ihren Dimensionen, zu vergangenen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften. Unabhängig davon, ob man sich dem linguistic turn verpflichtet fühlt oder nicht, erfordert die Untersuchung vergangener Zeitdimensionen zunächst einmal eine Beschäftigung mit ihren sprachlichen Ausdrucksformen: „Nicht Vergangenheit und Zukunft als solche sind wir nämlich bereit, als seiend anzusehen, sondern Zeitqualitäten, die in der Gegenwart existieren können, ohne daß die Dinge, von denen wir sprechen, wenn wir sie erzählen oder vorhersagen, noch oder schon existieren.”[51] Mit diesem Bezug auf Augustinus argumentiert Paul Ricœur, es gebe „keine zukünftige, keine vergangene und keine gegenwärtige Zeit, sondern eine dreifache Gegenwart, eine solche des Zukünftigen, des Vergangenen und des Gegenwärtigen”.[52] Da sich die temporale Auffächerung und Ausdifferenzierung der menschlichen Erfahrung wesentlich sprachlich vollzieht, müssen die Artikulationsformen der Zeitdimensionen im Mittelpunkt der Analyse stehen.[53] Vor allem die Historiografie zu vergangenen Vergangenheitsbezügen ist sehr breit. Um vergangene Gegenwarten geht es der Geschichtswissenschaft in gewissem Sinne immer, aber erst in jüngerer Zeit versuchen Studien, deren je spezifische Zeitlichkeit herauszuarbeiten. Genauso haben auch Untersuchungen der vergangenen Zukunft in den letzten Jahren zugenommen.
Da sich die Geschichtswissenschaft mit der Vergangenheit unserer Gegenwart beschäftigt, tendieren Historikerinnen und Historiker auch bei der Untersuchung vergangener Zeitvorstellungen bzw. der mentalen Verfassung bestimmter Epochen dazu, deren Vergangenheitsbezug zu akzentuieren. Nicht zuletzt weil sie selbst professionelle Vergangenheitsdeuter sind, versuchen sie zu zeigen, dass und inwiefern der Bezug auf eine gemeinsame Vergangenheit „kollektive Identitäten” konstituiert habe. Sie untersuchen „erfundene Traditionen”[54] und deren Wirkung auf die Ausbildung und Entwicklung kollektiver Identitäten in der Neuzeit[55] oder erforschen Memorialkulturen bzw. das kollektive oder kulturelle Gedächtnis[56] und seine „Erinnerungsorte”.[57] Der Vergangenheitsorientierung des Faches Rechnung tragend, enthält auch die Docupedia-Zeitgeschichte gleich mehrere Artikel zu vergangenen und gegenwärtigen Vergangenheitsbezügen, die diese Fragen ausführlich mit weiteren Literaturverweisen behandeln.[58]
Während es gerade in der Zeitgeschichte im Unterschied zu den früheren Epochen schon immer viele Arbeiten gab, die sich auf kleine und kleinste Zeiträume konzentrieren,[59] ist diese zeitliche Fokussierung erst jüngst als Möglichkeit begriffen worden, klassische historische Erzählformen und die damit verbundenen Zeitvorstellungen zu überwinden. Hans Ulrich Gumbrecht entwirft in seinem Buch über 1926 ein „Jahr am Rande der Zeit”, das nicht mehr in klassischen Narrativen, sondern nur noch in der Vielfalt kleiner Episoden und Aspekte zu erfassen sei.[60] Ähnliches gilt, wenn auch nicht ganz so konsequent, für Andreas Killens Studie über 1973.[61] Auch wenn sie sich mit einem etwas längeren Zeitraum beschäftigt, versucht doch auch Martin Geyers Arbeit über München von 1914 bis 1924, diese Phase des Umbruchs nicht zuletzt darüber zu erfassen, wie sich das Verhältnis der Menschen zur Zeit, wie sich ihre Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft änderten.[62] Wo die Forschung zu den sogenannten Schlüsseljahren der Zeitgeschichte – den Zäsuren[63] und Umbrüchen von 1917, 1918, 1933, 1945, 1968, 1989 etc. – über das Nacherzählen beschleunigter Ereignisfolgen hinausgeht, indem sie die Veränderung der Vergangenheits- und Zukunftsbezüge herausarbeitet, hat sie das Potenzial, den Zeitcharakter der jeweiligen historischen Gegenwarten sichtbar zu machen. Gerade der abrupte politische Systemumbruch zerstört Erfahrungsräume und Zukunftshorizonte gleichermaßen und suspendiert damit quasi die Zeit. Bis eine neue Ordnung an die Stelle der alten tritt, werden Zeitvorstellungen in stärkerem Maße reflexiv und damit auch der historischen Analyse zugänglich.[64]
Trotz des stärkeren Vergangenheitsbezugs hat die deutsche Geschichtswissenschaft die „vergangene Zukunft” keineswegs vergessen. Bereits 1962 widmete sich ein Historikertag dem Thema Zukunft, und mit Karl Dietrich Erdmann und Reinhard Wittram argumentierten zwei Historiker, die nicht eben im Verdacht stehen, jeder Mode hinterhergelaufen zu sein, die Zukunft sei eine Zentralkategorie der Geschichte und „das Element Zukunft, die Zukunft selbst [sei] aus keiner historischen Betrachtung auszuschließen”.[65] Historische Zukunftsforschung dient einerseits dazu, der klassischen historistischen Forderung nachzukommen, jede Epoche aus sich selbst heraus und das heißt vor dem Hintergrund ihres jeweiligen Zukunftshorizonts zu verstehen, um so Handlungen und Entscheidungen richtig einzuschätzen.[66] Andererseits kann sie im Sinne Kosellecks zum Verständnis und zur Analyse historischer Zeitvorstellungen beitragen.[67] In beiden Feldern gibt es einerseits Arbeiten, die sich stärker auf den Inhalt der Zukunftsvorstellungen konzentrieren, und andererseits solche, denen es eher darum geht, die Haltungen und Einstellungen zur Zukunft bzw. den Modus der Zukunftsaneignung herauszuarbeiten.[68]
Der Inhalt der Zukunftsvorstellungen steht bei Arbeiten im Zentrum, die im Stil der Utopiegeschichtsschreibung die Entwicklung eines bestimmten literarischen Genres, sei es der positiven oder der negativen Zukunftsliteratur, nachvollziehen und dabei oftmals eher impressionistischen Charakter haben. Neben Utopien[69] geht es Arbeiten zur vergangenen Zukunft beispielsweise um Prophetien[70], Science Fiction[71], Architekturvisionen und Verkehrsplanungen[72], Technik[73] und Raumfahrt[74], Apokalypsen[75], Chiliasmen[76] und Umweltängste[77], aber auch die Zukunftsvorstellungen von Parteien und Verbänden werden genauer untersucht und auf ihre Überzeugungskraft hin befragt.[78] Arbeiten zu den Formen der Zukunftsaneignung konzentrieren sich demgegenüber auf den Modus des Redens und Nachdenkens über die Zukunft (Utopie, Prognose, Planung etc.) und dessen Veränderung sowie auf das Verhältnis von Optimismus/Pessimismus, Kontinuität und Bruch, die zeitlichen Dimensionen der Erwartung und den Grad des Gestaltbarkeitsbewusstseins.[79] Intensiv diskutiert wurde in diesem Zusammenhang vor allem der Aufstieg der Planung im 20. Jahrhundert, der als systemübergreifendes Signum einer Verwissenschaftlichung des Sozialen und der Politik gilt, wobei die Frage offen ist, ob die Zeit der Planung in den 1970er-Jahren endete oder ob sie, in welcher Form auch immer, bis in die Gegenwart fortdauert.[80] Gemeinhin gelten zudem vor allem die 1950er- und 1960er-Jahre in den westlichen Gesellschaften als eine Phase der Zukunfts- und Gestaltungseuphorie, die sich nicht zuletzt im Boom der Zukunftsforschung geäußert habe, dann aber in der Krise der 1970er-Jahre zerbrochen sei und seit den 1980er-Jahren kurzfristigeren und pragmatischeren Zukunftsaneignungen Platz gemacht habe.[81] Eine systematische und empirische Überprüfung dieser schon von den Zeitgenossen formulierten These, die zudem zur zeitgleichen Entkirchlichung und zum Verlust religiöser Deutungsmuster und Zeitvorstellungen zu relationieren wäre, steht noch aus. Das Gleiche gilt für die Auffassung, dass nach 1989 mit dem Zusammenbruch des Ostblocks auch die grundsätzliche Alternative zum Modell westlicher Demokratien zerbrochen sei und sich damit ihr Zukunftshorizont geschlossen habe, wenn nicht gar argumentiert wird, die Geschichte als Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit im Sinne Hegels sei an ihr Ende gekommen.[82]
Die Strukturen langer Dauer, Wirtschaftszyklen, politische Brüche und soziale oder kulturelle Entwicklungen, mit denen sich Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker beschäftigen, vollzogen sich nicht in einer gleichförmigen und homogenen Zeit, sondern sie konstituierten erst die Zeit, die damit auch Gegenstand der Zeitgeschichte in einem starken Sinn ist. Einen Wandel eben dieser Zeit diagnostizierten im 20. Jahrhundert bereits Sozialwissenschaftler und Philosophen, sei es als eine weitere Steigerung der modernitätsspezifischen Beschleunigung, als time-space compression, als Desynchronisation von Alltagszeit, Lebenszeit und Weltzeit oder als Verlust der Zukunft und Ausdehnung der Gegenwart. Die zentrale Aufgabe einer Zeitgeschichte als einer Geschichte unserer Zeit besteht darin, diese Deutungen nicht einfach zu reproduzieren, sondern sie vielmehr zu historisieren und zugleich als Faktoren in den Wandel der Zeit miteinzubeziehen. Hierzu können wissenschafts- und technikhistorische Arbeiten zur Zeittheorie und -messung, die noch nicht im gleichen Umfang wie zu früheren Epochen vorliegen, genauso beitragen wie sozial- und alltagsgeschichtliche zu den sozial differenzierten Veränderungen des Umgangs mit der Zeit bzw. des Verhältnisses von Arbeitszeit und Freizeit. In diskurs- und ideengeschichtlichen Arbeiten könnten und sollten sozialwissenschaftliche wie feuilletonistische Zeitdeutungen untersucht und ihre Wirkungen auf das Zeitverständnis abgeschätzt werden.
Aller Voraussicht nach wird am Ende dieser Untersuchungen keine einheitliche Geschichte der „Zeit” im 20. Jahrhundert oder in der Zeitgeschichte stehen, und auch Kosellecks Kategorien „Erfahrungsraum” und „Erwartungshorizont” oder die vielfältigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen Moderne/Postmoderne Deutungen werden sich als zu allgemein erweisen, um die Ausdifferenzierung verschiedener Zeiten, Zeitverhältnisse und Zeiterfahrungen in der Zeitgeschichte zu erfassen. Schon allgemeine Periodisierungen einer Geschichte der Zeit sind schwer vorstellbar, weil sie deren sozialen Charakter unterbelichten und ein bestimmtes Verständnis der Zeit voraussetzen, deren Variabilität doch gerade Gegenstand der Untersuchung sein sollte. Vielversprechender als die Untersuchung der Zeit als solcher erscheint demgegenüber die Beschäftigung mit ihren Dimensionen, der je verschiedenen Gestalt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ihrem Wechselverhältnis zueinander. Damit eröffnen sich beim gleichzeitigen Verzicht auf eingängige Großkategorien und -periodisierungen weite Frage- und Forschungshorizonte, die sich durch die Offenheit und Unabgeschlossenheit der Zeitgeschichte noch einmal vergrößern und nur empirisch gefüllt werden können. Zeit und Zeitkonzeptionen sind in der Zeitgeschichte nicht zuletzt deshalb offener und vielgestaltiger, weil ihre Zukunft unbekannter ist als die Zukunft weiter zurückliegender Epochen. Dass das Verständnis unserer Zeit und unser Zeitverständnis morgen revidiert werden könnten, macht ihre Erforschung aber nicht überflüssig, sondern im Gegenteil umso dringender.
Jan Assmann, Zeit, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 12, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, S. 1186–262.
Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1989, ISBN 9783518064108.
Niklas Luhmann, Weltzeit und Systemgeschichte. Über Beziehungen zwischen Zeithorizonten und Strukturen gesellschaftlicher Systeme, in: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. VS Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 9783531612812, S. 128-66.
Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005, ISBN 9783518293607.
Walther Ch. Zimmerli, Mike Sandbothe (Hrsg.), Klassiker der modernen Zeitphilosophie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 9783534191994.
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