Sowjetische Geschichte in der Zeitgeschichte Europas
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.09.2011
https://docupedia.de/zg/plaggenborg_sowjetische_geschichte_v1_de_2011
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.282.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.09.2011
https://docupedia.de/zg/plaggenborg_sowjetische_geschichte_v1_de_2011
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.282.v1
Aus heutiger Sicht ist Sowjetgeschichte ein Synonym für Zeitgeschichte. Die Definitionen der zeithistorischen „Klassiker” lassen keinen Zweifel daran aufkommen. So sah Hans Rothfels im Jahr 1917, dem Jahr der Revolution in Russland und des Kriegseintritts der Vereinigten Staaten von Amerika, eine „neue universalgeschichtliche Epoche” heraufziehen,[1] Karl Dietrich Bracher ließ sein epochales Werk zum 20. Jahrhundert ebenfalls 1917 einsetzen,[2] und Eric Hobsbawms Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts deckt sich im Wesentlichen mit der Sowjetperiode.[3] Diese Übereinstimmung der drei nach Forschungsinteressen, Herkunft sowie politischem Standort sehr unterschiedlichen Historikern könnte heutige Historiker fast dazu verleiten, vom zwanzigsten als dem sowjetischen Jahrhundert zu sprechen. Doch würden damit nur unnötige Etikettenkonkurrenzen geschaffen, da es schon als das „deutsche” charakterisiert worden ist.[4] Welches Land den ersten Rang beanspruchen darf, ist eine Frage, die weder analytisch weiterführt noch Erkenntniszuwachs verschafft. Unstrittig ist, dass eine Geschichte des 20. Jahrhunderts nur unter Einbeziehung der Sowjetunion geschrieben werden kann.
Die Existenz der Sowjetunion hat Ereignisabfolgen und Strukturen der Geschichte des 20. Jahrhunderts, das internationale System, kulturelle Verhältnisse und Mikromilieus auch außerhalb der UdSSR, politische und gesellschaftliche Diskurse, die Theoriebildung über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend mitgeprägt. Dies ist, wiewohl hinlänglich bekannt, deswegen noch einmal zu betonen, damit das Verständnis von Sowjetgeschichte nicht fälschlich auf die Geschichte der UdSSR in ihren Grenzen reduziert wird, d. h. auf eine Ländergeschichte unter vielen in der Abteilung Zeitgeschichte. Sowjetgeschichte weist europäische und globale Dimensionen zugleich auf. Sie strahlte in westeuropäische wie außereuropäische Gesellschaften bis in den Alltag und die Lebenswelten hinein. Für die deutsche Geschichte ist der sowjetische Anteil handgreiflich und das historische Erbe spürbar. Sowjetgeschichte war und ist also nicht nur für die Bewohner der Sowjetunion und der osteuropäischen Staaten eine Realität und als Erfahrung von Bedeutung, sondern auch für die Schattierungen des Antibolschewismus in westlichen Gesellschaften, für die studentischen Milieus in den späten 1960er bis 1980er-Jahren, die Zwischenhändler landwirtschaftlicher Produkte in Angola ebenso wie für die Finanzausstattung des CIA. Diese sowjetisch induzierten verschachtelten Verhältnisse sind Gegenstände für die zeitgeschichtliche Forschung, ohne dass zurzeit absehbar wäre, welche Folgen dies für ihre Fragen, Themen und Methoden hat.
Die Frage ist also, wie die vielfältigen Aspekte der Sowjetgeschichte in die europäischen und globalen Kontexte der Zeitgeschichte eingebettet und in zeitgeschichtlichen Forschungsaufgaben formuliert werden können. In der Tat ist dies die Hauptfrage, wie sich aus der Diskussion des Problems Sowjetgeschichte als Zeitgeschichte ergibt, die den Überlegungen vorangestellt ist. Wenn dieser Beitrag daraufhin einige Linien der Sowjetgeschichte mit Blick auf den europäischen Kontext herausarbeitet, so sei von vornherein gesagt, dass lediglich Konturen aufgezeigt und Aufgaben der zeithistorischen Forschung zur Sowjetunion formuliert werden, um auf diese Weise den Ort der Sowjetgeschichte in der Zeitgeschichte Europas zu bestimmen. Dieser Aufsatz ist folglich kein Literaturbericht über zeitgeschichtliche Forschung.[5] Darüber hinaus wird die Periode 1917-1945 relativ kurz abgehandelt, weil über sie bereits mehrfach zusammenfassend berichtet wurde.[6] Aber einige ergänzende und vielleicht zu wenig beachtete Züge mit Blick auf den europäischen Kontext wären hinzuzufügen, einschließlich eingestreuter Notizen über institutionelle Besonderheiten der Zeitgeschichte der Sowjetunion. Die Periode nach 1945 ist hingegen weitaus weniger aufgearbeitet, wenngleich sich der Rückstand für den späten Stalinismus 1945-1953 zu verringern beginnt. Eine zeithistorische Forschung, welche die Jahre nach Stalins Tod 1953 ins Visier nimmt, existiert bis auf wenige Ausnahmen weder hierzulande noch woanders. Deswegen gilt diesem Teil besondere Aufmerksamkeit. Das Forschungsfeld liegt brach, was einer komparativ angelegten Zeitgeschichte im europäischen Kontext nicht förderlich ist. Mit vergleichendem Blick auf die zahlreichen Aktivitäten etwa zur Geschichte der BRD und der DDR ist ein eklatanter Rückstand zu vermelden. Er entsteht dadurch, dass die Personalressourcen der osteuropäischen Geschichte hierzulande bedeutend geringer sind als im Bereich der deutschen Geschichte; in Deutschland keine Spezialinstitute zur Erforschung der jüngsten Vergangenheit der UdSSR existieren wie vergleichbar zur BRD- und DDR-Geschichte;[7] die zeitgeschichtliche Forschung deshalb von den nicht allein zeithistorisch ausgelegten Seminaren für osteuropäische Geschichte an den Universitäten und den nicht zeithistorisch ausgelegten außeruniversitären Instituten ausgehen muss; Professuren mit einem Schwerpunkt in der Sowjetgeschichte abgeschafft wurden;[8] der Archivzugang für diese Periode in Russland ungleich schwieriger ist als für die deutsche Geschichte; die russischen Historiker von dieser Periode noch weitgehend Abstand halten[9] und die personalstarke US-amerikanische Forschung sich entweder auf den Stalinismus der dreißiger Jahre oder den Kalten Krieg, die Außenpolitik und das internationale System konzentriert.
Diese Frage stellt sich unweigerlich nicht nur mit Blick auf die eingangs zitierten Autoren, sondern auch im Vergleich zu den Entwicklungen in Ostmitteleuropa und Deutschland, wo sich Systembrüche und historische Zäsuren größeren Ausmaßes als in der UdSSR erkennen lassen. Festzuhalten ist, dass es für die Sowjetperiode 1917-1991 weder in West noch in Ost eine zeithistorische Periodisierungsdebatte gegeben hat. „Sowjetische Zeitgeschichte” ist tautologisch. Eine auf die noch lebende Generation bezogene Definition gibt es nicht. Der Zusammenhalt der Epoche steht außer Zweifel.[10] Dem Standpunkt Robert Services können sich Sowjethistoriker problemlos anschließen: „It is indispensable to recognize that the period between 1917 and 1991 had a fundamental unity.”[11] Manfred Hildermeier sprach in seiner Geschichte der Sowjetunion von einem „Kernbestand unveränderter Merkmale, die dem Regime eine gewisse Einheitlichkeit geben, dessen ungeachtet aber in seiner Geschichte Phasen von überwiegend deutlichem Eigencharakter zu unterscheiden” seien.[12] Wenn das Handbuch der Geschichte Russlands den dritten Band 1945 enden lässt, so weniger aus Gründen der historischen Zäsur, sondern deswegen, weil zum Zeitpunkt seines Entstehens eine Darstellung der Nachkriegsgeschichte nicht sinnvoll erschien.[13] Infolge dessen war die Forschung mit der Binnenperiodisierung beschäftigt, wobei das Jahr 1953 eine noch zu erläuternde Zäsur bildet, aber mit gutem Grund hinterfragte sie die sowjetische Geschichte nicht als Problem der Zeitgeschichte. Es ergab einfach keinen Sinn.
Das änderte sich auch nach 1991 nicht. Die „Mitlebenden” der untergegangenen Sowjetunion als Definitoren der Zeitgeschichte sahen keinen Anlass, die Tautologie „sowjetische Zeitgeschichte” einzuführen, weil die Zäsur 1991 die historische Erfahrung der Sowjetepoche nicht außer Kraft setzte. Die öffentlichen Geschichtsdebatten bereits während der Perestroika, Ausweis eines breiten Verlangens nach historischer Selbstvergewisserung, zeigten ein Charakteristikum der russischen Verhältnisse auf: Kaum professionelle Historiker, sondern Laien, Intellektuelle, Künstler, darunter besonders Schriftsteller und Filmregisseure, die šestidesjatniki – die dissidentischen (Neunzehnhundert-) Sechziger – nahmen die jüngste Vergangenheit in die Hände. Die Historikerzunft dagegen bildete „aufgrund des Terrors (...) während der Stalinzeit, der Unterdrückung der Eigeninitiative aus den Reihen des Faches 1957, der Repressionen 1968-74, der damit einhergehenden wiederholten Liquidierung wissenschaftlichen Potentials, aufgrund der zentralistischen Struktur, der hohen personellen Kontinuität in der akademischen Führung” die Nachhut in den Debatten.[14] Für die Historiker kam die Wende erst 1991. Nun setzte die methodische und theoretische Neuorientierung vertieft ein, verbunden mit dem Zugang zu Archivmaterialien. Je mehr sich die Zunft professionalisierte, desto stärker verlor sie die Massen. Fragen der Periodisierung interessierten in diesem Orientierungsprozess nicht.[15] Ohnehin gab es eine gewisse Phobie gegen Periodisierungsversuche, die auf die in der Sowjetunion gültige marxistische Formationslehre zurückging sowie darauf, dass die Sowjethistoriker in einer Art historischer Tomographie jede Periode in viele Zeitscheiben zerschnitten. Wenn etwa für Deutschland vorgeschlagen wurde, „drei Zeitgeschichten” einzuführen,[16] so blieb in Russland der historische Zusammenhang „Sowjetunion” unangetastet, wenngleich die Masse der Untersuchungen den Stalinismus zum Gegenstand hatte. Eine Debatte über „Zeitgeschichte” oder „neueste Geschichte” gab es nicht. In dem Zusammenhang lässt sich nicht übersehen, dass im heutigen Russland die Zeit seit 1991, das Zeitgeschehen, von Historikern kaum untersucht wird. Sie überlassen das Feld den Politologen.
Statt Fragen der Periodisierung zu klären, stand deshalb eine intensive Debatte über die Totalitarismustheorie auf der Tagesordnung.[17] Schienen einige russische Historiker und politische Soziologen damit einen Schlüssel zur Untersuchung „ihrer” miterlebten Vergangenheit gefunden zu haben, so stellte sich rasch die Unzulänglichkeit dieser Theorie heraus, denn der Stalinismus der Jahre 1928/29-1953 ließ sich kaum mit demselben Begriff kennzeichnen wie die Brežnev-Ära oder die Perestroika.[18] So verengte sich die Debatte rasch auf den Stalinismus, bis sie auch hier abebbte. Aber in diesem Vorgehen steckte etwas, was den Charakter der Zeitgeschichte überhaupt betraf: Die postsozialistische Historiographie in Russland orientierte sich an Theorien, Forschungskonzepten und Methoden, um die erfahrungsgeschichtlich andauernde und unaufgearbeitete, aber realgeschichtlich abgeschlossene Periode zu untersuchen.
Diese in Russland weniger aus zeithistorisch-periodisierender Problemreflexion als vielmehr aus dem Bewusstsein methodischer und theoretischer Rückstände vorgenommene Neuorientierung weist jedoch auf ein allgemeines Problem der Zeitgeschichte hin, solange sie lediglich aus dem deutschen nationalgeschichtlichen Kontext heraus begriffen und verallgemeinert wird. Wenn die Scheidelinie zur Zeitgeschichte mehr und mehr auf das Jahr 1945 vorrückt, so müssen die Deutschlandhistoriker klären, wie sie die Gültigkeit der Zäsur nicht nur unter politikgeschichtlichen, sondern unter Struktur-, kultur- und erfahrungsgeschichtlichen Gesichtspunkten als europäische Regel rechtfertigen können. Ob für das im Zweiten Weltkrieg neutrale Franco-Spanien die Zäsur 1945 oder die „fundamental unity” gilt, müssen die Experten klären; für Jugoslawien in seinen unterschiedlichen Benennungen 1918-1991 trifft die historische Zusammengehörigkeit zu, weil das Hauptproblem dieser Geschichte nicht der Kommunismus, sondern das Zusammenleben der Völker war.[19] Darüber hinaus ist zu bedenken, was für die Sowjetunion wie für Staaten Südosteuropas und Ostmitteleuropas zutrifft: dass sich nach 1945 strukturgeschichtlich relevante Entwicklungsverläufe wie Industrialisierung, Urbanisierung, Bildung, Migration, soziale Mobilität, Nationsbildung, kommunikative Vernetzung und Wandel des Alltags fortsetzten. So sehr die Handschrift der Kommunisten diese Prozesse prägte und so tiefgreifend die Gesellschaften dadurch umgestaltet wurden, so handelt es sich bei dieser Geschichte doch um Entwicklungen, in denen die kommunistischen Regime innerhalb eines Ensembles historischer Faktoren anzusiedeln sind. Erfahrungsgeschichtlich liegt im Zusammenhang der Diktaturen vor und nach 1945 womöglich eine stärkere Einheit vor, als sie der Regimewechsel nach 1945 darstellt – hier die DDR eingeschlossen. All das bedeutet, dass sich die Frage, mit welchen Forschungskonzepten die Staaten und Gesellschaften untersucht werden können, viel stärker in den Vordergrund schob als das Periodisierungsproblem. Für unterschiedliche Regionen Europas stellen sich verschiedene epochenkonturierende Merkmalsgruppen heraus, wobei die deutsche „Zeitgeschichte” lediglich eine Variante darstellt. Die russische Historiographie hat sich – nicht sehr reflektiert, aber treffsicher — auf einen historischen Rahmen geeinigt: sovetskij period (Sowjetperiode) oder Rossija v XX veke (Russland im 20. Jahrhundert).[20]
Diese Entwicklungen in Russland verstärken Überlegungen, den ohnehin verschwommenen Begriff „Zeitgeschichte” zugunsten der „Geschichte des 20. Jahrhunderts” aufzugeben. Sie entsprechen daher dem Gedanken Hobsbawms vom „kurzen 20. Jahrhundert”. Das Problem der Sowjetgeschichte aber ist, ihre Entwicklungen im Kontext des europäischen 20. Jahrhunderts anzusiedeln, um auf diese Weise zu einer vergleichenden Geschichte dieses Jahrhunderts zu kommen.[21]
Mit welchen Begriffen und analytischen Kategorien Sowjetgeschichte aufgeschlüsselt werden soll, hängt selbstverständlich von den Erkenntnisinteressen ab. So sind bereits Überlegungen über die Bedeutung der epochalen Wende von 1989-91 im Zusammenhang der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert angestellt und Vorschläge für eine Konturierung gemacht worden.[22] Die zukünftigen Forscher, so hieß es, seien gut beraten, mit Hilfe systematischer Zugriffe die Geschichte zu bewältigen. Diesem Aufruf müssen die Angesprochenen nicht zwingend folgen, weil wichtige Bereiche historischer Wirklichkeiten außerhalb oder zwischen den vorgeschlagenen systematischen Begriffen liegen. Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit seiner Zeit unter dem Eindruck des Kollapses der UdSSR die sowjetische Geschichte systematisch adäquat erfasst werden konnte. Es ist verständlich, dass der Untergang des kommunistischen Regimes die Fragestellung und die Forschungsperspektiven präfigurierte und dazu verleitete, die großen Linien der Geschichte aufscheinen zu lassen. Wenn gesagt wurde, die drei Epochenumbrüche Erster und Zweiter Weltkrieg sowie 1989-91 hätten die russische/sowjetische Geschichte konturiert und „unausgetragene Erblaste”[23] sich zurückgemeldet, dann folgte daraus die Aufforderung an die Historiker, die Kausalverbindungen zwischen diesen Epochen zu erarbeiten.[24] Dagegen sind – ohne das Forschungsprogramm prinzipiell in Frage zu stellen – folgende Aspekte einzuwenden: 1) Die Forschung hat bisher aus guten Gründen andere Wege eingeschlagen, weil sie auf dieser luftigen Höhe der strukturierenden Geschichtsarbeit nicht die Antworten auf die wirklich brennenden Fragen fand;[25] 2) sie ist sich einig darin, dass nicht der Erste Weltkrieg als vielmehr der Bürgerkrieg das verändernde und auch traumatisierende Anfangsereignis der Sowjetgeschichte darstellte; der Erste Weltkrieg befindet sich als Auslöser der verschärften Krisensymptome des Zarenreiches vornehmlich in einem anderen historischen Wirkungsrahmen; 3) der Epochenumbruch des Zweiten Weltkriegs ist insofern zu relativieren, als Hitlerdeutschland eine Gesellschaft überfiel, die von 27 Jahren Krieg nach außen und innen, Gewalt und Terror zerrüttet war; 4) der Zweite Weltkrieg ließ das System in der Sowjetunion intakt, ja konsolidierte es sogar, das Neue dagegen trat in den internationalen Beziehungen und in der Rolle der UdSSR als Weltmacht hervor. Mit Hilfe der strukturierenden Großkategorien Revolution, Imperium und Nation, so der Vorschlag, lassen sich zwar einige Züge des 20. Jahrhunderts beschreiben, aber sie neigen dazu, im „großen und ganzen” zu verweilen. Stattdessen untersuchte die Forschung in jüngster Zeit jene Bereiche der Sowjetgeschichte, die das Politische im Sozialen und den Konnex von politischer Herrschaft und (Über)Leben und Alltag der „Mitlebenden” verdeutlichten. Im Grunde schließen sich diese Zugriffe nicht aus, sondern sind Bestandteile einer sich ergänzenden Forschungspraxis.
Alle Strukturierung der sowjetischen Geschichte muss mit den Verlusten anfangen. Kein anderes Land sah sich der Wucht der Katastrophen auf allen Gebieten so sehr ausgesetzt wie Russland. Beginnend schon im Ersten Weltkrieg, wälzte sich seit 1917, und zwar nicht erst seit der Oktoberrevolution, eine Welle der Auflösung über das Land, von der kein Winkel des untergehenden Russischen Reiches unberührt blieb. Nach dem Oktober gerieten die Verhältnisse völlig aus den Fugen, denn der bolschewistische Coup d'etat stoppte diesen Prozess nicht, sondern beschleunigte ihn. Die Oktoberrevolution machte den Weg frei für die große Katastrophe im Europa jener Jahre. Die Menschenverluste seien in ihren unvorstellbaren Dimensionen noch einmal ins Gedächtnis gerufen: Zwei Millionen Menschen haben im Verlauf des Ersten Weltkrieges auf russischer Seite ihr Leben gelassen. Wieviele Tote der Bürgerkrieg 1918-21 forderte, ist nicht genau zu ermitteln. Unter Einschluss der Hungersnot von 1921/22, die 4-5 Millionen Menschen das Leben kostete, stellte der Zensus von 1926 ein Minus von 28 Millionen Menschen bei der erwarteten Bevölkerung fest. Besonders betroffen waren die jungen Männer der rekrutierungsfähigen Jahrgänge. Die Zeit 1917-22 weist 31 % (6,7 Millionen Personen) der erwarteten Jahrgangsstärke als Verlust aus. Die Jugend war dezimiert wie sonst nirgends in Europa.[26] Diese Zahlen kaschieren einen Alltag, der in einer Regionalstudie des Uralgebiets unlängst als „Leben in der Katastrophe” beschrieben wurde.[27] Diese quellengesättigte Untersuchung führt noch einmal drastisch die politischen, sozialen und alltagsgeschichtlichen Dimensionen einer menschlichen Existenz vor Augen, die in dieser Erbärmlichkeit bis hin zum Kannibalismus nirgendwo in Europa dieser Zeit zu finden war.
Bis zur nächsten demographischen Katastrophe dauerte es nur 11 Jahre. Wenngleich die Kollektivierung der Landwirtschaft und die „Entkulakisierung” bereits Tausende Tote forderte, so erhielt diese Ziffer nicht die gleiche bevölkerungsstatistische Signifikanz wie die Hungersnot und Seuchenepidemien von 1933. Etwa 6 Millionen Menschenleben fielen ihnen zum Opfer. Auch der Terror trug das seine zu den Verhältnissen bei, so daß man von 1928 bis 1941 von etwa 8 Millionen Toten sprechen darf. Im Zweiten Weltkrieg ließen 26-28 Millionen Menschen auf sowjetischer Seite ihr Leben. Das Kriegsende 1945 brachte vorerst keine demographische Erholung. Während der Hungersnot von 1946 starben nicht unter 2 Millionen Menschen vorzeitig. Wie viele Menschen in den Lagern zu Tode gekommen sind, wird sich vielleicht niemals genau berechnen lassen. Aber vergessen wir nicht, dass die meisten Menschen nach 1945 im GULag saßen mit dem Ergebnis, dass rd. 3 % der gesamten Bevölkerung der UdSSR in den Zwangsanstalten des stalinistischen Regimes dahinvegetierten.
Es hat keinen Sinn, die makabre Statistik des Todes hochzurechnen. Es fehlt uns bisher völlig an Verständniskategorien für diese humanitäre Katastrophe, die in ihren jeweiligen Schüben auf unterschiedliche Ursachen, Täter, Motive und Umstände zurückgeht. Die Forschung hat in den letzten Jahren zahlreiche Dokumente in den Archiven gefunden und teilweise auch ediert, welche die Vorgänge dokumentieren. Aber wie fasst sich der Zusammenhang, falls es ihn gibt, außer dass die Opfer Angehörige derselben Gesellschaft und des kommunistischen Staates waren?[28] Es scheint, als seien den Historikern (wie auch Wissenschaftlern anderer Disziplinen) kaum Begriffe an die Hand gegeben, diese Tatsachen und Vorgänge als zusammenhängend zu begreifen. Die Frage ist aber, ob in der Rückschau auf das 20. Jahrhundert in der Sowjetunion die Vernichtungen und die Wellen des Sterbens lediglich aneinandergereihte „Fälle” waren, die ohne direkten Bezug zueinander standen.[29] Im Falle der Massendeportationen hat sich dieser Konnex bereits offenbart und ist als Teil der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken.[30]
Der Massentod ist nur ein Teil der Verlustgeschichte, die sich auf anderen Gebieten in größten Ausmaßen zeigte. Der zarische Staat brach zusammen, die Institutionen lösten sich auf. Auch die alten Ordnungsinstitutionen, darunter die Miliz und die Armee, verfielen. Besonders schwer wog die völlige Erosion des Rechtswesens, womit die zaghaften Anfänge eines Rechtsstaats in Russland auf Dauer beseitigt wurden. Eine Phase vollständiger Rechtsanarchie begann, die vom Rechtsnihilismus der Bolschewiki noch gefördert wurde. Dass die neue Regierung parallel dazu die Wirtschafts- und Eigentumsordnung zerschlug, ist hinlänglich bekannt. Kirche und Religion gerieten als Wertinstanzen unter Beschuss, die Familie wurde als Institution politisch, sozial und rechtlich untergraben, ein großer Teil der russischen Intelligencija, also auch der Verwaltungs- und Kulturelite, zur Emigration gezwungen, ein vandalistischer Bildersturm setzte zur Zerstörung politischer Symbole an, die bisher gültigen Symbole des Alltags verschwanden und wurden durch neue ersetzt. Millionen von obdachlosen und verwaisten Kindern und Jugendlichen durchstreiften in Banden die Städte und das Land. All das bedeutete, dass zu Beginn der Sowjetgeschichte Traditionsverluste und Auflösungserscheinungen auf allen Gebieten mit Menschenverlusten einhergingen, die in dieser Wucht in Europa ihresgleichen suchten. Es handelte sich um eine fundamentale Krise des Staates, der Wirtschaft, der sozialen Beziehungen, der Werte, der existenziellen Lebensbedingungen. Die Erfahrung von Verlust, Gewalt und Unsicherheit war allgegenwärtig.
Es wäre zynisch, eine Rangliste der Krisen in Europa jener Jahre aufzustellen. Dennoch kommt niemand um den empirischen Befund herum, dass Krisentiefe und -umfang in Sowjetrussland unvergleichlich waren. Weder die italienischen Vorgänge zu Beginn der zwanziger Jahre noch die sehr labilen politischen und aufgepeitschten sozialen und ethnischen Verhältnisse in den neugegründeten baltischen Staaten, in Ungarn, im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (seit 1929 Jugoslawien) und in Bulgarien sind mit den sowjetrussischen Entwicklungen vergleichbar. Auch der deutsche Fall stellt sich bei aller schneidenden Andersartigkeit als vergleichsweise harmlos heraus, was die Schärfe der empirisch messbaren Krise angeht. Die These drängt sich auf, dass in Deutschland die Rezeption der eigenen Krise und das Bewusstsein der nationalen Katastrophe offensichtlich dramatischer ausfielen, obwohl sich die eigentliche europäische Großkrise in Sowjet-Russland abspielte.
Nimmt man allein die demographische Krise in den Blick, so ist für Sowjetrussland fast gänzlich unbekannt, wie sie rezipiert wurde, welche Folgen sie für das Denken und Handeln der Mitlebenden hatte, welches Lebensgefühl und welche Lebenseinstellung z. B. die um fast ein Drittel reduzierte Bürgerkriegsgeneration aus dieser Tatsache entwickelte. Es gibt kaum Ansätze, die Kataklysmen als Grundlegung der Sowjetgeschichte zu interpretieren und die weiteren Entwicklungen damit zu vernetzen. Doch ist offenbar, dass die Darstellung der Sowjetgeschichte als eine von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im historischen Wandel stillschweigend annimmt,[31] es handele es sich um einen begründbaren Entwicklungsprozess, wobei die Opfer zwar als Ziffern auftauchen, aber nicht als stumme Mitgestalter der Geschichte, und die Überlebenden ihren historischen Auftrag umso radikaler wahrnahmen. Was aber folgt für die Sowjetgeschichte, wenn wir beginnen, Gewalt, Massentod und Zerstörungen gigantischen Ausmaßes ab ovo als Hintergrund der Ereignisabfolgen zu sehen? War etwa die regional zu beobachtende Wieder restlos alle existenziellen Gewissheiten abgeräumt hatte?[32] Die triumphale Selbstdarstellung des kommunistischen Regimes mit ihrer inszenierten, aufdringlichen und mythisch überhöhten Geschichtsteleologie, der wilde Fortschrittsoptimismus, die technokratische Zukunftsbewältigung und die im Angesicht der Wirklichkeit absurde Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft[33] stellen sich unter solchen kulturhistorischen Perspektiven nicht so sehr als Ableitungen der Ideologie heraus, sondern als Bewältigung des allgegenwärtigen Kampfes und Todes durch die Überlebenden. Diese Umstände verstärkten die ideologisch bereits vorgegebene Grobteilung in von der Geschichte Auserwählte und stigmatisierte „gewesene Menschen” (byvgie 1judi). Dem Teil der Jugend, dem kommunistische Haltung unterstellt wurde, war das biologische Recht auf Geschichtsvorfahrt gestattet, eine Einstellung, die der niedrige Altersdurchschnitt der Mitglieder der Bolschewiki – er lag 1917 bei 29 Jahren – noch stützte.[34] Der Aspekt des Auserwähltseins und der alleinigen Gestaltungspotenz der Zukunft wohnte der überdrehten Avantgarderolle nicht allein der Bolschewiki, sondern vieler Intellektueller sowie Angehöriger der jungen Generation nach 1917 inne.[35] Folgt man dem Gedanken weiter, dann waren die großen Inszenierungen des Regimes in zahlreichen Paraden, Gedenktagen und Festen ein das Leben und die Zukunft beschwörender Tanz auf Gräbern.[36] Im Leninkult hat die Sowjetführung versucht, die „metaphysischen Bedürfnisse” in der Bevölkerung auf das Regime umzulenken.[37] Es ist abschließend hinzuzufügen: Wer aus den Todesziffern den Schluss zieht, der Tod müsse in Denken und Darstellungen allgegenwärtig sein und
eine den Umständen angemessene Ästhetisierung erfahren haben, der unterliegt einem Irrtum. Todesdarstellungen sind selten und kontrastieren in ihrer geringen Zahl mit dem allgegenwärtigen Tod in der Wirklichkeit. Die gängige Darstellung ist der historisch gerechtfertigte Tod des Gegners. Tod, ja selbst der Mord des Gegners wurde zu einer Erlösung, die den Tod überwand und die Überlebenden – die Täter eingeschlossen – zu einem besseren Dasein führte.[38] Die Tatsache, dass auch dieses trotz des revolutionären Triumphes im biologischen Sinne endlich war, führte dazu, durch Eugenik und experimentelle Medizin oder durch philosophisch-technisch-naturwissenschaftliche Verjüngungs- und Alterslosigkeitsstrategien den Tod zu überwinden – streng wissenschaftlich selbstverständlich.[39]
Ähnliche Fragen wie zum Beginn der Sowjetperiode stellen sich für die Zeit nach 1941/45, als die Bevölkerung weder aus dem Terror noch aus den Verwüstungen ihrer Lebenswelten in friedliche, geordnete und berechenbare Verhältnisse entlassen wurde. Zwar erwies sich der Terror in den letzten Jahren des Stalinismus als gezielter in dem Sinne, dass er, zumindest in der Rückschau, benennbare Gruppen erfasste, doch saßen nach 1945 mehr Menschen in den Lagern als vor Kriegsbeginn. Millionen von Repatrianten durchliefen die Filtrationslager. Sowjetische Kriegsgefangene, die Hitlerdeutschland überlebt hatten, fielen in die Klauen der sowjetischen Behörden, die sie als potentielle Umstürzler einstuften. Untersuchungen, die sich der Erfahrung und den Mentalitäten der Mitlebenden in diesen Zeiten widmen, liegen erst sehr wenige vor.[40] Sie zeigen eine niedergeschlagene und apathische Gesellschaft. Dies umso mehr, als die kleinen Freiheiten und Zugeständnisse des Regimes, die liberale „Atempause” während des Kriegs rasch zu Ende ging. Was aber bedeuten die jahrzehntelange Erfahrung physischer Gewalt am eigenen Körper und in der Familie, die Demütigungen, die ständige Bedrohung der Existenz, die Angst, das Verbeugen vor der Allmacht der Apparate, die stete soziale und physische Minimalexistenz für eine Gesellschaft, für ihre condition humaine und für ihr nachrevolutionäres und angeblich weltgeschichtliches zivilisatorisches Projekt? Welchen prägenden Einfluss hatten die Anfangsakte der Zerstörung, Zerschlagung und Verluste auf den weiteren Verlauf? Bezeichnend sowohl für das Trauma, die innergesellschaftlichen Zustände wie auch für die den gewalthistorischen Aspekt ausblendende Forschung ist die Tatsache, dass die Geschichte der Überlebenden der Lager in der poststalinistischen Gesellschaft erst ganz am Anfang steht.[41]
Das Plädoyer für eine Gewalt- und Gewaltfolgengeschichte soll nicht dazu führen, von anderen Aufgaben Abstand zu nehmen. Es bedeutet auch nicht, die Entwicklungen von 1917 bis 1953 über einen Kamm zu scheren, eine undifferenzierte Verbrechensgeschichte zu entwerfen oder notwendige andere Forschungsrichtungen hintanzustellen. Gerade mit Blick auf europäische vergleichende Zeitgeschichte ist auch auf anderen, namentlich sozialgeschichtlichen – hier verstanden einschließlich der kulturgeschichtlichen Erweiterung – Gebieten noch viel zu tun. So bedarf es z. B. noch einer Geschichte der Frauen, welche über die mittlerweile gut erforschten zwanziger Jahre hinausgeht und deren Rolle im stalinistischen Sozialismusaufbau unter die Lupe nimmt.[42] Eine Pioniertat stellt die Untersuchung über die Arbeiterinnen im und nach dem Zweiten Weltkrieg und die sowjetischen „Trümmerfrauen” dar, auf deren Schultern ein Großteil der Wiederaufbauarbeit lastete.[43] Damit wäre auch ein Beitrag zur schwach betriebenen sowjetischen gender-Geschichte zu erhalten.[44] Auch zu anderen sozialen Gruppen, die sich nicht unter „Arbeiterschaft”, „Angestellte” und „Bauern/Kolchosbauern” subsumieren lassen, sind weitere Untersuchungen nötig.[45] Besonders zu beklagen ist die unzulängliche Zahl von Regionalstudien, sodass der Blick „von oben” auf die lokalen Verhältnisse vorherrscht und eine sowjetische Geschichte immer noch eine Geschichte aus Moskauer Perspektive ist. Doch zeigen bereits die vorliegenden Untersuchungen ebenso wie die im Entstehen begriffenen,[46] dass der Gewaltaspekt in allen vorhanden ist und alle ihren Beitrag zur Aufarbeitung dieses Phänomens leisten, ja leisten müssen, wenn sie einen verstehenden Beitrag zur Geschichte des Stalinismus liefern wollen. Alle Geschichte des Stalinismus unterliegt diesem zwingenden Diktum. Keine Geschichte der Geologie ohne Terror,[47] keine Arbeit über sowjetische Pädagogik ohne die physische Vernichtung der Lehrer,[48] kaum ein ediertes Ego-Dokument ohne Gewalterfahrung,[49] keine Erwähnung der Nationalitäten ohne den Hinweis auf Gewalt und Repression einschließlich des Völkermords am russischen Vo1k[50] usw. Es gibt keine Geschichte der Sowjetunion vor 1953, die Gewalt und Vernichtung ausblenden könnte, und es ist in der Tat seit Jahren nicht eine einzige erschienen, die dieser Ansicht wäre.
Das war nicht immer so, denn die Geschichtsschreibung zur sowjetischen Zwischenkriegsperiode hat sich diesbezüglich im Laufe der letzten 25 Jahre stark gewandelt.[51] Von politikgeschichtlichen und totalitarismustheoretisch geleiteten Arbeiten[52] ist sie zu sozialgeschichtlichen Themen übergegangen. In der BRD vollzog sich dieser Wandel erst nach 1968, als junge, „progressive” Historiker auf den Plan traten.[53] Sie interessierten sich mehr für die Revolution und die Neue Ökonomische Politik als für den „deformierten” Sozialismus der Stalinzeit und den Terror. Ob hier auch außerwissenschaftliche Gründe eine Rolle gespielt haben, sei dahin gestellt, aber sicher ist, dass diese Entwicklung dazu führte, dass eine Stalinismusforschung in der BRD vergleichsweise spät einsetzte,[54] die anfangs noch sozialgeschichtlich ausgerichtet war,[55] bevor wiederum eine neue Generation unter den weitaus günstigeren Bedingungen der Archivzugänge den methodischen Pluralismus entfaltete, der heute charakteristisch ist.[56] Das mittlerweile deutliche Übergewicht kulturgeschichtlicher Ansätze hat dazu geführt, dass die Forschung den Standpunkt relativierte, der Stalinismus sei eine 1928/29 vom Fünfjahrplan und der kollektivierten Landwirtschaft charakterisierte neue sozioökonomische Ära, sondern dass Gewalt und Terror die Regimekennzeichen bilden. Stalinistische Strukturen existierten über Stalins Tod hinaus, was im Zusammenhang der Zäsur 1953 noch diskutiert wird. Trotz dieses Aufschwungs der Forschung fehlen gewisse Bereiche. Eine der Studie über das Volkswagenwerk[57] vergleichbare Untersuchung gibt es nicht, wohl aber Lokaluntersuchungen einzelner Betriebe bzw. Betriebsmilieus.[58] Die Wirtschaftsgeschichte scheint für diese Periode auszusterben, was auch institutionelle Ursachen haben dürfte.[59]
Es ist an dieser Stelle nützlich, auf eine Besonderheit der Forschungstrends hinzuweisen. Nach dem sog. Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft dominiert sowohl im deutschsprachigen wie im angelsächsischen Sprachgebiet die Kulturgeschichte. In der US-amerikanischen Sowjethistorie drängten sich Spielarten des linguistic turn in den Vordergrund, ohne recht begreiflich machen zu können, wie sie erstens dem Duktus des Regimes kritisch zu entfliehen und wie sie zweitens das Zentralthema des Stalinismus, die Gewalt, „textologisch” zu erläutern vermögen. Erschossen zu werden ist kein Diskursproblem. So scheitert der linguistic turn an den Opfern. Wohl aber gibt es Ermöglichungsdiskurse[60], die Taten vordenken lassen und die Tathemmung abbauen helfen.
Die Dimensionen der Gewaltgeschichte erkennen zu können, ist insbesondere ein Verdienst der russischen Forschung, die seit 1991 sehr viel getan hat, um die „weißen Flecken” zu beseitigen. Dabei ging es nicht nur um die auch hierzulande spektakulären Fragen wie Katyn, die Repatrianten nach Kriegsende und die deutschen Kriegsgefangenen, sondern auch um den persönlichen Anteil der Sowjetführer an den Verbrechen. So sind wesentliche Erkenntnisse über das Innenleben und die Entscheidungsvorgänge im Politbüro bekannt geworden.[61] Vor allem aber haben russische Kolleginnen und Kollegen zahlreiche Archivdokumente ediert, die angemessen zu würdigen den Umfang dieses Beitrags sprengen würde. Den postkommunistischen Verhältnissen in der russischen Geschichtswissenschaft war es geschuldet, dass ein großer und wichtiger Teil der Aufarbeitung des Stalinismus von der Gruppe „Memorial” geleistet wurde, die weder staatlich unterstützt wurde noch mit der professionellen Forschung institutionell verbunden war. Dennoch sind weite Gebiete der Geschichte noch immer verschlossen. Besonders lästig ist die Tatsache, dass zentrale Archivbestände der politischen Kontrolle unterliegen, die Freigabe in hohem Maße willkürlich ist, die Archivare durch die Archivgesetzgebung verunsichert sind und die Herausgabe von Dokumenten tendenziell restriktiv handhaben, wenn es sich um Personen oder „sensible” Akten handelt, von denen nicht sicher ist, ob sie das konturenlose, aber nichtsdestoweniger unanfechtbare Gebilde beschädigen könnten, welches „nationales Image” genannt werden mag, worüber zu befinden in vielen Einzelfällen ins Belieben der Archivare gestellt ist, die infolge unklarer Vorgaben der Erhaltung des positiven pflichtschuldigst den Vorzug geben.
Vergröbernd lässt sich sagen, dass die russische zeitgeschichtliche Forschung einen Schwerpunkt auf die Beschaffung und Edition von Quellen legt. Das hängt mit der miserablen Finanzsituation der Archive und Archivare zusammen, die auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland durch Editionsprojekte oder Forschungsvorhaben angewiesen sind. Die konzeptionelle „Weiterverarbeitung” wird dabei häufig den westlichen Historikerinnen und Historikern überlassen, was weniger auf mangelnde Professionalität zurückzuführen ist als auf die Tatsache, dass mit langwieriger Denkarbeit das tägliche Brot für die Familie nicht zu erwerben ist. Auf diese Weise setzt sich mutatis mutandis leider eine Tradition aus der Sowjetzeit fort, als die paradigmatisch anders ausgerichteten westlichen Historiker ebenfalls die Sowjetforschungen als Steinbruch für ihre Interpretationen nutzten.
Wenn einleitend gesagt wurde, das Jahr 1953 sei eine Zäsur in der sowjetischen Geschichte, so soll die Problematik dieses Datums nicht verschwiegen werden. Sie hängt nicht allein mit dem sowjetischen Imperium zusammen, das sich bereits im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ausweitete, sondern auch mit den überdauernden Strukturmerkmalen der Sowjetunion. Den tiefen Einschnitt wie in Deutschland bei Kriegsende hat es in der UdSSR weder 1945 noch 1953 gegeben. Von der politischen Bühne abgetreten war der Inhaber der personalistischen Herrschaft, ohne dessen Wort keine Entscheidung von Belang, besonders in der Außenpolitik, gefällt werden konnte. Das Datum rechtfertigt sich also erst einmal durch den Tod Stalins und die Folgen, die dieses Ereignis für die weitere Entwicklung hatte. Aber zahlreiche Gründe sprechen gegen eine Zäsur: Weder brach das System zusammen noch wurde es in seinen Kernbestandteilen auseinandergenommen Die Funktionseliten blieben dieselben, die Nomenklatura kannte sich, die „kollektive Führung” nach Stalins Tod bestand durchweg aus Stalinisten, die zuvor schon im engsten Umkreis Stalins gearbeitet hatten. Die „Errungenschaften” der stalinistischen Aufbauperiode, die Planwirtschaft, die kollektivierte Landwirtschaft, die Verfassung von 1936, die Allgegenwart der Geheimpolizei, die atomisierte Gesellschaft, selbst die Lager blieben – vorerst – erhalten.[62] Auch die in Schüben (im Bürgerkrieg, im ersten Fünfjahrplan, während der Kollektivierung und „Entkulakisierung”, im Terror der dreißiger Jahre, während der Deportationen vor und im Zweiten Weltkrieg, durch Flucht, Evakuation und Migration – diese übrigens auch vor 1941 – und schließlich durch Rückwanderung in die ehemals okkupierten Gebiete, durch Wiederaufbau und generell durch die mächtige Urbanisierung im Gefolge der Industrialisierung) immer wieder verwirbelten sozialen Verhältnisse und Beziehungen stabilisierten und konsolidierten sich nicht, nur weil Stalin gestorben war; die unzähligen Migranten, die zu Millionen durch die UdSSR zogen und ein weiteres Kennzeichen der Sowjetgeschichte darstellten, kamen erst in den 1960er-Jahren zur Ruhe. Die Urbanisierung dauerte nach 1953 an und verstärkte sich sogar. Die gigantischen Raumerschließungsmaßnahmen wie die Rohstoffgewinnung in entlegenen und Permafrostgebieten, die Neulandkampagne oder die Neugründung von Städten stellten Merkmale der Periode nach 1953 dar und leisteten den gewaltigen Migrationsströmen innerhalb der Sowjetunion erneut Vorschub. Soweit ersichtlich, reiht sich dieses Massenphänomen der Wanderung in die gesamteuropäischen Deportations- und Wanderungsbewegungen des 20. Jahrhunderts ein.[63] Wenn Migration, darunter auch und zu einem großen Teil erzwungene Migration, ein Charakteristikum der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert darstellt, begonnen 1912-13 auf dem Balkan und in immer neuen Fortsetzungen über Europa hinweg, bis sie im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts wieder auf dem Balkan in Massen stattfand, so gehören die innersowjetischen Wanderungsbewegungen dazu. Zu ihnen sind die Deportationen ganzer Völkerschaften zu zählen ebenso wie die millionenfachen Wanderungen von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen und ihren Familien, die freiwillige Arbeitsmigration zu den vielfach neu erschlossenen industriellen Arbeitsplätzen und die Neuansiedlung durch die Regierung. Allein die innersowjetischen Migrationsbewegungen, über die es leider keine Langzeitstudie gibt, übertreffen – soweit ersichtlich – an Umfang die mittel- und westeuropäischen Verhältnisse. Welche sozialen Folgen entstanden, ist noch zu erarbeiten.[64]
Es gibt also genügend Gründe, die Zäsur 1953 zu relativieren, und alle diese Gründe sprechen dafür, die gesamten 74 Jahre Sowjetgeschichte in einen Interpretationszusammenhang zu stellen, ohne die Spezifika einzelner Zeitabschnitte zu leugnen. Wie der Stalinismus jedoch Vordenker und Vorläufer hatte und es den Stalinismus avant la lettre gab, so deutlich ist die Strukturkontinuität nach 1953. Andererseits ist der Beginn einer neuen Ära nach 1953 nicht zu übersehen. Was außer Stalins Tod die Zäsur rechtfertigt, ist die Abkehr von den Gewaltverhältnissen des Stalinismus. Das ist das distinkte Merkmal, welches die beiden Perioden voneinander trennt. Genau besehen ist diese Zäsur im Dezember 1953 festzumachen, nachdem Lavrentij Berija von einem bereits formal abgeschafften Sondergericht zum Tode verurteilt und zusammen mit einigen Mitarbeitern hingerichtet worden war – das letzte Opfer der stalinistischen Methoden, die der Delinquent virtuos beherrscht und angewendet hatte.[65] Hier liegt der Grund, warum die zeitgeschichtliche Forschungspraxis 1953 eine deutliche Zäsur macht. Sie wird vermutlich länger Bestand haben als die Trennung zwischen der dominierenden Forschung zum Stalinismus vor 1941 im Vergleich zu dem der Jahre 1945-53.
Die ziemlich genau zweite Hälfte der Sowjetgeschichte lässt sich unter einem Etikett zusammenfassen: asynchrone Entstalinisierung.[66] Damit soll noch einmal zum Ausdruck gebracht werden, dass der Stalinismus den Dreh- und Angelpunkt der Sowjetgeschichte darstellt und sein Erbe die nachfolgenden Jahre überschattete. Gemeint ist damit auch, dass alle nachstalinistischen Regierungen vor dem Problem standen, sich vom Stalinismus zu lösen. Das geschah unter dem strikten Willen der Führung, sich selbst an der Macht zu halten, naturgemäß auf verschiedenen Feldern in unterschiedlicher Intensität zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichem Erfolg. In begrenzten Ausmaßen begann sie bereits 1953 mit einigen von Berija ins Leben gerufenen Maßnahmen, worunter die Amnestie für ca. 1,8 Millionen Lagerinsassen die bedeutendste war. D. h. sie setzte bei den unwirtschaftlichen und ineffizienten Exzessen der stalinistischen Zwangsarbeit ein. Sie betraf weder den Kernbestand der stalinistischen Strukturen noch die Institutionen oder die Person Stalins. Diese standen erst unter Chruščev auf dem Programm. Ohne an dieser Stelle auf die einzelnen Maßnahmen eingehen zu können, so lässt sich sagen, dass die Daueraufgabe von 1954 bis 1990 darin bestand, die stalinistische Strukturkontinuität zu verändern, was bekanntlich zu keinem Zeitpunkt gelang.
Wie sehr die Gewaltgeschichte nachwirkte, zeigt sich daran, dass die Entstalinisierung mit den Verbrechen Stalins und den Lagern begann. Das „Tauwetter” hat dieser Periode ihren Namen gegeben.[67] Die asynchrone Entstalinisierung setzte auch auf anderen Gebieten ein: in der Wirtschaft und Wirtschaftsverwaltung, in der Partei und in den gewählten Gremien, auch in der Außenpolitik, besonders sichtbar in Bezug auf die Dritte Welt, die systematisch erst nach der Konferenz von Bandung 1955 ins Blickfeld Moskaus geriet. Es stellte sich heraus, dass eine Generalreform nur um den Preis des Untergangs des Systems möglich war. Der willkürliche Stil Chruščevs trug das Seine dazu bei. Der Sturz des Ersten Sekretärs und Ministerpräsidenten im Oktober 1964 besaß deshalb eine begreifliche und zwingende Notwendigkeit für den Systemerhalt. Fortan gab es die Entstalinisierung nur noch in wohl verordneten Dosen. Die Perestroika schließlich bildete das zweite Kapitel der Fundamentalentstalinisierung, die alle Ingredienzien für Geschichtsdebatten, die Rehabilitierungen der Opfer des Stalinismus, die Defizite der stalinistischen Industrie und Landwirtschaft, das mangelnde Konsumniveau der Bevölkerung als Erbe der stalinistischen Zeit, die Verfahren der Sowjetdemokratie und schließlich – in der Intensität neu – die Frage der Nationalitäten, die bis dahin weitgehend unterdrückt worden war. Wie desaströs das Ergebnis der Stalin-Ära ausfiel, zeigt die Tatsache, dass in der Perestroika die vorstalinistischen „Errungenschaften” mobilisiert werden sollten: der „gute” Lenin und die „schöne”, aber leider von Stalin abgewürgte Neue Ökonomische Politik. Die Führung saß zu diesem Zeitpunkt noch dem Irrtum auf, dass sich eine solche Teilung der Geschichte würde aufrechterhalten lassen. Aber angesichts der sich abzeichnenden historiographischen Aufarbeitung dieser Periode folgte notgedrungen die Bankrotterklärung des Regimes, das an seine Ursprünge zurückkehrte, kurz bevor es zusammensackte.
Dennoch ist die Phase nach 1953 nicht nur von den Versuchen, den Stalinismus zu mildern, geprägt. Vier Themenkomplexe sind es, die das Neue kennzeichnen. Sie werden im Folgenden kurz angerissen: der sowjetische Sozialstaat, die Veränderungen der Legitimationsgrundlagen, der gesellschaftliche Wandel und das Imperium. Darüber hinaus ließe sich über die Bereiche Wirtschaft und Nationalitäten einiges sagen, doch kann dies hier aus Platzgründen nicht geschehen.[68]
Seit etwa 1956 zeichneten sich neben der besonders unter Intellektuellen nachhaltigen Entstalinisierung weitere Komplexe ab, welche die neue Ära kennzeichneten. In erster Linie ist dies der Ausbau des Sowjetsystems zu einem Sozialstaat, wenngleich auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Diese Entwicklung setzte erst mit der Sozialgesetzgebung von 1956 ein und verstärkte sich in den ersten zehn Jahren der Brežnev-Periode 1964/65-75.[69] Die „Sozialpolitik”, für die sowjetische Ideologen früher nur Hohn übrig hatten, da sie sie für sozialdemokratische Reparaturarbeiten am Kapitalismus erachteten, entstand nicht allein aus Gründen des nun entstalinisierenden Wohlwollens der Regierung. Seit Stalins Tod war es immer wieder zu vernehmlichem Murren in der Bevölkerung gekommen, die den Lohn ihrer Entbehrungen einforderte. Der Aufstand in Novočerkassk 1962 schließlich zeigte, dass die dortige Bevölkerung nur durch den Einsatz bewaffneter Truppen mit zahlreichen Todesopfern in ihren Forderungen zurückgedrängt werden konnte.[70] So verband sich das Eingehen auf die Bedürfnisse der Bevölkerung, die Steigerung der sozialen Leistungen, das erhöhte Konsumniveau, die verbesserte medizinische Versorgung, der boomende Wohnungsbau, der sich ausweitende Ausbildungssektor, die Subvention der Grundnahrungsmittel und auch die verfassungsmäßig garantierte Vollbeschäftigung zu einer gigantisch teuren Sozialpolitik, mit deren Hilfe das Regime versuchte, Loyalität bei der Bevölkerung zu erkaufen. Dieses Konglomerat politisch-sozialer Beziehungen zwischen Bevölkerung und Regime ist als sowjetischer „welfare-state authoritarianism” bezeichnet worden.[71] Ihr Ziel hat die Regierung weitgehend erreicht. Bis auf die zahlenmäßige Randerscheinung der Dissidenten, die selbst materielle Nachteile, Haft und Zwangspsychiatrisierung in Kauf nahmen, um ihre Gegenwahrheiten zu verkünden, lässt sich eine Widerständigkeit der Bevölkerung nach 1964 kaum feststellen. Die Kosten aber, die sich das Regime durch diese Politik aufbürdete, stiegen ins Unermessliche und waren schließlich bei abnehmender Wirtschaftsleistung nicht mehr zu finanzieren. Die Sowjetunion war sozial „überdehnt”.
Die Frage der Legitimitätsgrundlagen war mit dem Sozialsystem untrennbar verknüpft. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, der Triumph im „Großen Vaterländischen Krieg” sei dem Regime zupass gekommen. Langsam veränderte sich dadurch das legitimierende Bezugssystem. Die revolutionäre Urtat von 1917 mit Lenin an der Spitze stand selbstverständlich niemals zur Disposition, aber die Entstalinisierung erforderte es, dass die Ära des Sozialismusaufbaus unter Stalin nicht mehr allein als Erfolgsstory durchging, was auch den Erfahrungen der Bevölkerung entsprach. So ersetzte, vergröbert gesprochen, der Sieg im Krieg die ambivalente Leistung der Stalinära. Die wider die Tatsachen vorgenommene Stilisierung Stalins zum sowjetischen „Gröfaz” lenkte von seinen Verbrechen ab. Zugleich konnte die patriotische Strömung auf die Mühlen des Regimes gelenkt werden. Der teuer errungene Triumph band Regime und Bevölkerung zusammen, war doch der siegreiche Antifaschismus, anders als in der DDR, eine durchlebte Erfahrung der Sowjetbürger. Doch sollte dieser Befund nicht idyllisiert werden. Die Bevölkerung in den infolge des Hitler-Stalin-Pakts annektierten Gebieten ließ sich nicht auf diese Weise für das Regime einnehmen. Die Kollaborationsbereitschaft in der ersten Phase des Krieges hatte bewiesen, dass dieses Regime nicht ohne weiteres den Dank der Bevölkerung verdiente. Bezeichnend für die Veränderung der Legitimationsgrundlagen ist die Tatsache, dass Entstalinisierung und inszenierter Siegermythos Hand in Hand gingen. So durften die Kriegsveteranen erst seit 1956 öffentlich und organisiert auftreten.[72] Der Triumph im Krieg kam als Legitimitätsgrundlage jedoch erst dann voll zum Tragen, als die Chruščevsche Entstalinisierung gescheitert war, die Brežnev-Mannen die alten Werte wieder betonten und dabei auch Stalin zu rehabilitieren gedachten. Erst gegen Ende der sechziger Jahre schossen die unzähligen Gedenkstätten und Mahnmale für die Schlachten, Opfer und Siege im Großen Vaterländischen Krieg wie Pilze aus dem Boden.[73]
Zusammen mit der Sozialpolitik ergab sich ein neues materielles und mentales Bezugssystem, in dein die Sowjetbürger mit Stolz auf die Erfolge des Regimes blicken sollten – und dies auch taten. Die Ideologie verblasste immer mehr, die Partei wurde zu einer Massenorganisation mit verwässertem ideologischen und sozialen Profil und verkam mehr und mehr zu einem Karrieresprungbrett für Opportunisten. Das Regime, das sich nicht zuletzt auf der internationalen Bühne glänzend präsentierte, legitimierte sich lediglich auf dem Papier so, wie westliche Ideologen es gewohnt waren. In der Wirklichkeit der sowjetischen Verhältnisse sah die Lage anders und uneinheitlich aus: die revolutionäre Tradition blich aus, das Regime stand mit dem einen Bein auf dem festen Grund des antifaschistischen Sieges und mit dem anderen auf dem schwankenden Boden des von der Wirtschaftsentwicklung abhängigen Sozialsystems und der sozialen Mobilitätschancen.
Der dritte Bereich, die sowjetische Gesellschaft, ist der am schwierigsten zu fassende Gegenstand für eine Untersuchung. Tatsächlich zeigt sich, dass die Sowjetgesellschaft im Laufe der Sowjetgeschichte einen fundamentalen Wandel durchmachte, der sich mit Hilfe makrosoziologischer Kategorien benennen lässt. Erst am Ende der 1960er-Jahre waren Industrialisierung und Urbanisierung weitgehend abgeschlossen. Über die Hälfte der Bevölkerung lebte in Städten und bezog Einkommen aus industrieller Lohnarbeit. Monetäre Einkommen hatten die Naturalentlohnung fast gänzlich verdrängt. Das 1917 regional, geschlechtsspezifisch und generationell unterschiedlich vorhandene Analphabetentum war einer Bildungsgesellschaft gewichen.[74] Die Sowjetgesellschaft war hinsichtlich einiger soziologischer Kennzeichen den modernen westlichen Gesellschaften nahegekommen oder hatte gleichgezogen.[75] Der Begriff Industriegesellschaft fand auch auf die UdSSR Anwendung. Aus der Vogelperspektive beschrieben, hatte die sowjetische Gesellschaft große Ähnlichkeit mit westlichen Gesellschaften, weil die Modernisierung zu im Großen und Ganzen gleichen Grundkennzeichen führte. Aber diese Sicht täuscht. Vor allem die gesellschaftliche Binnenorganisation und die Orte der Vergemeinschaftung bleiben dabei ausgeblendet. Aber gerade sie bilden die Charakteristika der sowjetischen Gesellschaft. Das Folgende gilt übrigens keineswegs für die UdSSR, sondern mutatis mutandis für alle sozialistischen Gesellschaften in Europa, auch für die Sozialismusvariante Jugoslawiens. Im Zentrum steht der Arbeitsplatz, der Betrieb gleich welcher Art, die Behörde usw. Die Einrichtungen, in denen gearbeitet wurde, bildeten sich zu Kernen der sowjetischen Gesellschaft heraus. Die „Betriebe” (in allgemeiner Form gesprochen) sicherten nicht nur das Einkommen der Werktätigen, sondern bildeten das soziale Bezugssystem. Sie organisierten und ermöglichten: den Jahresurlaub in den beliebten Ferienheimen („Ferienverschickung” im DDR-deutsch); die Weiterbildung; den sozialen Aufstieg und damit die materielle Besserstellung; die Vorschulbetreuung der Kinder der Belegschaft; den Bezug einer eigenen Wohnung. Die sozialen Beziehungen verblieben häufig innerhalb der Belegschaften. Oftmals wohnten die Angehörigen des Betriebes in einer Siedlung, die zum Betrieb gehörte. Signifikant viele Ehen wurden unter Angehörigen ein und desselben Betriebes geschlossen. Ein Großteil der Kulturarbeit, aber auch der politischen Schulung fand im betriebseigenen Klub oder „Kulturpalast” statt.
Auf diese Weise rückten der Betrieb und seine Wirtschaftslage ins Zentrum der sowjetischen gesellschaftlichen Binnenorganisation. Die Sowjetgesellschaft war offensichtlich in viele betriebliche Arbeitskollektive zersplittert, die nur ein geringes Ausmaß an sozialer Vernetzung aufwiesen. Die überwölbenden Organisationen besaßen weder Bindekraft für die Gesellschaft noch formten sie diese. Weder die Gewerkschaften, die zahlenmäßig stärkste Organisation, noch die Partei oder der kommunistische Jugendverband Komsomol noch andere „freiwillige” Gesellschaften, wie sie im sowjetischen Sprachgebrauch hießen, vermochten zwischen diesen „Minigesellschaften”[76] Brücken zu bauen. Dieser Befund hat zur Folge, dass die Vorstellung von einer durch und durch öffentlichen und vom Regime kontrollierten Gesellschaft ins Reich der Legende verwiesen werden muss. Die zunehmende Privatisierung der Sowjetmenschen war seit den späten fünfziger Jahren unübersehbar.
Eine vergleichend ausgerichtete Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts wird auf diese Verfasstheit der Gesellschaften im sozialistischen Europa achten müssen. Dabei ist nicht nur eine vergleichende Geschichte der sozialistischen Gesellschaften untereinander sinnvoll und dringend erforderlich. Um eine Vorstellung von sozialistischen Gesellschaftsformationen zu erhalten, die eben nicht als durchherrscht und „von oben” konstruiert zu betrachten sind und die trotz allen social engineerings, der staatsinterventionistischen Maßnahmen und steuernden Prozesse ein Eigenleben bewahrt haben, brauchen wir Untersuchungen, die von der gesellschaftsgeschichtlichen Makroebene abgehen, weil sonst nur Zerrbilder der sowjetischen (und osteuropäischen sozialistischen) Gesellschaften) entstehen. Überspitzt ausgedrückt: Wir benötigen eine Reihe von Betriebsstudien, um zu wissen, was sowjetische Gesellschaft ausmachte. Erst dann mag es gelingen, in die Interna von Sozialbeziehungen, Mentalitäten und in die komplexen Hintergründe für politisches und soziales Handeln der Untersuchten einzudringen. Mit „Bildungsgesellschaft” und „Industriegesellschaft” kommen wir dagegen nicht weiter, weil die Begriffe im Sinne der Modernisierungstheorie eine Konvergenz zu westlichen Gesellschaften postulieren, die de facto nicht vorhanden war.
Die Schlussfolgerung, die daraus zu ziehen ist, lautet: Gesellschaftsgeschichte sozialistischer Staaten ist fragmentierte Geschichte und steht einer Alltagsgeschichte nahe, welche die Vernetzung der politischen, ökonomischen und kulturellen Sphären in den lokalen Milieus aufspürt und ihre strukturierenden Impulse nachzeichnet. Das ist schon deswegen zwingend, weil sonst die sektoral nicht zu leugnende Erfolgsstory des Regimes in der Sprache des Westens wiederholt wird. Die Sowjetpropaganda hat die großartigen Errungenschaften der kommunistischen Ära herausposaunt, die auf diese Weise zum einzigen Qualitätsmaßstab auch der westlichen Forschung genommen werden, ohne den elementaren Andersartigkeiten sozialistischer Gesellschaften und ihren Formierungsprozessen gerecht werden zu können – wobei von Gesellschaft unter den soeben genannten Bedingungen nur in Anführungsstrichen die Rede sein kann.
Wenn die sowjetische Gesellschaft unter dem genannten Blickwinkel untersucht wird, dann ergeben sich Antworten auf die Frage, warum die UdSSR im Großen und Ganzen erstaunlich friedlich in sich zusammensacken konnte, von der Gesellschaft beinah teilnahmslos zur Kenntnis genommen, wobei die tatsächlichen Konflikte fast ausschließlich entlang ethnischer Bruchlinien entstanden und mit dem Zustand und Erhalt des Imperiums zusammenhingen. Dieser Sachverhalt wird nur verständlich, wenn der Kollaps des Sozialen während der Perestroika als Voraussetzung dieser Art des Zusammenbruchs genommen wird. Dazu ist er an die soeben skizzierten „Betriebsverhältnisse” zu koppeln. Verkürzt gesprochen: Als sich die Wirtschaftsentwicklung rapide verschlechterte, die Arbeitsproduktivität in den Keller sackte, das über den Betrieb organisierte Sozialsystem unter der Finanzierungslast zusammenbrach, das Lebensniveau rasant sank, die Betriebe als Versorgungsinstitutionen und als soziales Netz aufhörten zu existieren, da erodierte folgerichtig die Loyalität zum System. Dies geschah, obwohl das Regime Öffentlichkeit (glasnost) erlaubt hatte. Aber sie löste das eigentliche Problem nicht. An diesem Sachverhalt wird erkennbar, dass die Regierung glasnost als einen Ersatz für den kollabierenden sozialistischen Wohlfahrtsstaat ins Feld führte, um auf diese Weise Loyalität zu erzeugen, wenn sie schon materiell kaum noch etwas anzubieten hatte. Geduldete Meinungsäußerung, verbunden mit sozialem Niedergang, stellte für die Mehrheit der Bevölkerung jedoch keine Alternative dar. Weder die verarmende Industriearbeiterschaft noch die sozial abstürzenden Intellektuellen sahen einen Grund, diesem Regime die Stange zu halten; es war mittlerweile gleichgültig geworden, dass es sich aus der ruhmreichen revolutionären Tradition herleitete, und die Mehrheit der Bevölkerung interessierte sich nicht sonderlich für die gesteuerte glasnostʼ, die ohnehin gleich zu Anfang ihre Unschuld in Černobyl verloren hatte. Viele Parteifunktionäre waren die ersten, die sich neu orientierten, Komsomolsekretäre desgleichen. Dass die Sowjetgesellschaft eine Bildungs- und Industriegesellschaft war, erklärt im Zusammenhang des systemischen Kollapses nichts, denn was wie eine Provokation klingen mag, beschreibt doch die Wirklichkeit: Diese Gesellschaft hat sich, nur weil sie eine Bildungs- und Industriegesellschaft war, nicht selbst befreit und schon gar nicht Freiheit, Marktwirtschaft und Demokratie deswegen errungen. Aber die enge Verzahnung von (wegbrechender) Loyalität, Versorgungseinrichtungen, sozialen Beziehungen und sozialem Handeln in den Mikromilieus macht den Sachverhalt des lautlosen Zusammensacken begreiflich ebenso wie das Auftauchen lokaler „Helden”, die den großen Männern in der Moskauer Zentrale Paroli bieten wollten. Hier lässt sich die Verzahnung von Sozialstaat, Loyalität und Legitimationsproblemen beschreiben und in historische Analyse überführen.
Den bisherigen Ausführungen entsprechend, ist auch das Kapitel Imperium nicht nur auf der oben angedeuteten Ebene zu verhandeln.[77] Unübersehbar ist, dass sich ein Teil der Forschung den Fragen des Kalten Krieges und der sowjetischen Expansion nach Osteuropa gewidmet hat, weil die Fragen der internationalen Politik klassische Aufgabengebiete der Geschichtswissenschaft berühren. In seiner Übersicht und in den Aufgabenkatalogen für die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat Hans-Peter Schwarz diese Themen herausgestellt.[78] Probleme des Internationalen Systems nach 1945 und Einzelfragen der Außenpolitik beschäftigen einen nicht geringen Teil der Zeithistoriker. Dass die herkömmliche Geschichte der Außenpolitik – trotz übrigens hin und wieder zu vernehmender Verlautbarungen über thematische, konzeptionelle und methodische Erneuerung – zunimmt, darf nicht verwundern, wenn Archive geöffnet und naheliegende Themen zur Forschungsaufgabe werden. Unstrittig ist, dass Dokumente erschlossen und neue Erkenntnisse gewonnen werden müssen, aber wie eine Geschichte des Internationalen Systems unter Einbeziehung der UdSSR theoretisch und methodisch neu zu schreiben ist, bleibt eine bisher unbeantwortete Frage. Auch von russischer Seite sind hier kaum Impulse ausgegangen. Deswegen ist dieser Teil der – soweit erkennbar nicht nur – sowjetischen Geschichte am renovierungsbedürftigsten.
Die Aufgaben, die sich eine Imperiumsgeschichte der UdSSR stellen muss, liegen auf mehreren Ebenen. Die erste beschreibt eine Binsenweisheit, die hier nicht näher ausgeführt werden muss, die Tatsache nämlich, dass die UdSSR innerhalb ihrer Staatsgrenzen ein imperiales Gebilde darstellte. Am imperialen Status der Moskauer Zentrale gegenüber der „Reichsperipherie” ist nicht zu zweifeln. Es überrascht ebenfalls nicht, dass das Sowjetregime, besonders seine stalinistische Brutalversion, seine spezifische mission civilisatrice im imperialen Gewand in die innersowjetischen Kolonien trug und ein auf lange Sicht ausbeuterisches Verhältnis begründete.[79] Spannend wird die Frage erst dadurch, dass ein seit 1924 durch Verfassung zusammengebundener Verbund von Republiken sich strukturell unverändert um einen „zweiten Ring” des Imperiums[80] erweiterte. Die Sowjetunion nach 1945 blieb nach innen der Staat des „Sozialismus in einem Lande”, der nun zu einer Weltmacht geworden war, ein enormes osteuropäisches „Vorland” kassiert hatte und dabei keine Anstalten machte, sich als imperiale Macht anders zu gestalten oder zu verhalten, als sie dies bereits im „ersten Ring” getan hatte. Das kommunistische Osteuropa schien strukturell eine Ausdehnung des Sowjetimperiums im Stile der innersowjetischen Verhältnisse. Unter dieser Makroperspektive unterschieden sich nach Stalin die Rolle und der Status z. B. Bulgariens nicht wesentlich von Uzbekistan sowohl auf politischem als auch wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Im Grunde war es gleichgültig, ob Wein und Rosenwasser oder Baumwolle und Wassermelonen nach Moskau geliefert wurden, wer Parteichef war, sofern er die Hegemonie Moskaus nicht in Frage stellte, und in welches Gebiet und auf welche Bevölkerung die kulturelle Überformung durch das Russische eindrang.
Entscheidend aber ist der Preis, den die Sowjetunion für die Aufrechterhaltung ihres Imperiums zahlte. Es ist nun an der Zeit, eine Leistungsbilanz des Imperiums für Osteuropa zu erstellen, die die schlichte Frage stellt: Hat die Sowjetunion ökonomisch und finanziell von diesem Imperium profitiert, oder hat sie, das ist der sich abzeichnende Fall, in gigantischen Ausmaßen draufgezahlt, was ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Rohstoffvorkommen und ihrer finanziellen Möglichkeiten enorm überanstrengt hat? Das sowjetische Imperium hat sich nicht gerechnet. Auch die „Satelliten”-Staaten haben von der Hilfe der UdSSR nicht nur profitiert. Mit den sowjetischen Industrieaufbau- und Infrastrukturleistungen war mittelfristig nicht viel anzufangen. Sie haben ökologische Katastrophen verursacht und bereits industrialisierte Staaten und Gesellschaften um Jahrzehnte zurückgeworfen, indem sie deren industrielle Standards aus der unmittelbaren Vorkriegszeit zu riesigen Industriemuseen umgewandelt haben.
Diesen eher herkömmlichen Themen der Imperialgeschichte ist aber der kulturell-zivilisatorische Zugang an die Seite zu stellen und durch eine Geschichte der sowjetischen politisch-imperialen und kulturell-zivilisatorischen Expansion zu ergänzen.[81] Wie wichtig dies ist, zeigt sich beispielsweise daran, dass eines der klügsten Bücher über die Entwicklung des Kalten Krieges und die Rezeption der Totalitarismustheorie in den politischen Kreisen der USA von einem Sowjethistoriker geschrieben wurde.[82] Dies ist lediglich ein Beispiel dafür, wie sehr die UdSSR auch dort, wo sie real nicht vorhanden war, wie Puškins steinerner Gast auf die Geschichte Einfluss nahm. Einige theoretische und methodische Vorschläge sind – ohne die UdSSR besonders zu berücksichtigen – schon gemacht worden.[83] Der Komplex lässt sich so zusammenfassen: Es bedarf einer Geschichte der sowjetischen Expansion, denn das sich ausbildende Imperium schuf nicht nur diplomatische und politische Beziehungen, personale Vernetzungen zwischen Zentrum und Peripherie (wobei das Verhältnis dieser beiden selbst schon der Untersuchung bedarf),[84] brachte neue Eliten hervor und machte Michail Timofeevic Kalagnikov zum weltweit berühmtesten Russen. Es gab darüber hinaus eine Reihe sowjetischer Modernisierungskopien sowohl in Osteuropa als auch in der Dritten Welt mit den ökonomischen, sozialen und kulturellen Folgen, die bis in die Gegenwart zu besichtigen sind. Es ist die These zu wagen, dass viele Gebiete der Welt eine zweite Welle der expansiven europäischen Zivilisation in Form der sowjetischen Alternative kennen gelernt haben. Der Kenntnisstand über ihre Verlaufsformen wie Leistungen ist jedoch außerordentlich mager, weil bisher nur politische, diplomatische und militärische Bereiche in den Blick geraten sind. Doch dürfen selbst die meisten vorliegenden Untersuchungen als unzureichend gelten, da sie kaum den heutigen Anforderungen an Quellen, Methoden und Forschungskonzepten entsprechen. Im Rahmen einer Imperiumsgeschichte gilt es jedoch, diesen wechselseitigen Einflussnahmen, die bis in die kulturellen Formierungsprozesse der sich nach sowjetischem Vorbild modernisierenden, teilweise Stammesgesellschaften hineinwirkten, nachzuspüren.
Die forschungsstrategischen Konsequenzen einer solchen Imperiumsgeschichte sind auch für die Staaten des ehemaligen Sowjetimperiums von Bedeutung. Daraus folgt nämlich, den sich stark nationalhistorisch ausrichtenden Geschichtswissenschaften, insbesondere in Osteuropa, mit der Tendenz, die politische Hegemonie der UdSSR zu betonen und gleichzeitig die zivilisatorische Überformung durch die mittlerweile zusammengebrochene Sowjetunion kleinzureden oder zu negieren,[85] ein Untersuchungskonzept entgegenzustellen, das nicht aus legitimatorischen Bedürfnissen abgeleitet ist. Erst wenn diese in ihrer Entstehung und Begründung leicht verständliche „Etappe” der historiographischen Neuorientierung abgeschlossen bzw. als Sackgasse (da wie in kommunistischer Zeit mit – diesmal selbsterstelltem – politischen Auftrag) erkannt worden ist, beginnen die Dimensionen des sowjetischen Imperiums mit Hilfe einer modernen imperialgeschichtlichen Perspektive aufzuschimmern. Diese Imperialgeschichte begriffe sich dann nicht mehr als Herrschaftsgeschichte, die im Dualismus von Hegemon und Unterdrückten stecken bleibt.
Diesem Prolemkreis sind die abschließenden, notgedrungen pointierten, Bemerkungen gewidmet. Wenn den Historikern vorgeschlagen wurde, mit aggregierten systematischen Begriffen zu arbeiten,[86] dann gestatten die obigen Ausführungen ohne Zweifel, über die in dem zitierten Aufsatz genannten hinaus weitere anzuführen, welche die sowjetische Geschichte im Zusammenhang des 20. Jahrhunderts konturieren und analytisch aufschließen und den Konnex zur europäischen Geschichte herstellen können. Ihre Problematik lässt sich in einfachen Fragen zum Ausdruck bringen: Welche Funktionen und Wirkungen hatten Gewalt und Terror? Was verstehen wir unter sowjetischer „Gesellschaft”? Was heißt Staat unter sowjetischen Bedingungen? Dass niemand darauf rasche Antworten geben kann, hängt mit einem schwerwiegenden Problem zusammen, das auf die zeithistorische Forschung einwirkt. Es stehen kaum Theorien zur Verfügung, mit deren Hilfe die sowjetischen Verhältnisse angemessen analysiert werden können, oder besser: die von Historikern herangezogenen Theorien, ihre Begriffe und ihre analytischen Kategorien versagen häufig im Angesicht der Sowjetgeschichte. So erleidet die Theorie von der zunehmenden Zivilisierung in Modernisierungsprozessen[87] angesichts der Vernichtungswellen seit 1917, des millionenfachen Todes während der verheerenden Hungersnöte 1921, 1933, 1946, die in hohem Maße durch intentional modernisierende agrarpolitische Maßnahmen verursacht waren, des zynischen Sterbenlassens und der unterlassenen Hilfeleistung durch das Regime, der Massendeportationen ganzer sozialer Gruppen und Völkerschaften, des Lagersystems und der Zwangsarbeit, der Allgegenwart der Gewalt, der Massentötung im Terror und der massenhaft angewendeten Folter einen katastrophalen Schiffbruch. Dass Modernisierung und Fortschritt per se positiv belegte werthaltige Begriffe seien, hat das Sowjetexperiment gründlich widerlegt. Die Zahl der Gegenbeweise ist ohnehin bereits Legion, aber das bolschewistische Fortschrittsexperiment liefert ein dermaßen verdichtetes Beispiel der „Ambivalenzen der Moderne”[88], dass selbst heutigen Historikern in Anbetracht der Entwicklungen schwindelig vor Erfolg wird. Die Tatsache, dass das bolschewistische Experiment eine groß angelegte Modernisierung sein sollte, ist unter Fachleuten unstrittig. Aber welche Folgen hat die Tatsache des Bankrotts der genannten Theorie für die Modernisierungstheorien und die Theorien der Moderne?
Ähnliche Probleme stellen sich bei der Untersuchung des sowjetischen Staates. Welche Theorie reicht so weit, dass sie den sowjetischen Überstaat auf der Basis der mittlerweile erarbeiteten empirischen Befunde als Erscheinungsform des Staates im 20. Jahrhundert komparativ erfasst?[89] Totalitarismustheoretisch orientierte Untersuchungen dürfen mittlerweile als überholt gelten und mit ihnen das darin enthaltene Staatsverständnis, weil es von einem funktionierenden und durchsetzungsfähigen Staat ausgeht.[90] Dieser Staat jedoch war kein homogenes und effizientes Gebilde. Er kombinierte ursprünglich demokratische Basisorganisationen (Sowjets), institutionell-funktionale Auffächerungen und institutionalisierte Interessenkonflikte mit personalistischer Herrschaft und Gefolgschaftsverbänden, in Begriffen der gängigen Theorie gesprochen: „moderne” mit „vormodernen” Erscheinungen. Als Einparteienstaat besaß er ein Gewand, das zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts passte. So machtvoll der Staat sich gab, so wies er dennoch ein außerordentlich hohes Maß an Desorganisation auf, und niemals war die Gesellschaft von diesem Staat und seiner Gewalt durchherrscht, nicht einmal in den terroristischen dreißiger Jahren.[91] Der Hauptwandel im Staat vollzog sich erst nach den institutionellen Reformen Chruščevs, als nämlich sich die staatlichen Apparate verfestigten und sich immer stärker institutionalisierte Interessengruppen herausbildeten. Eine scheinbare systematische Funktionalität der politischen Entscheidungsfindung, des staatlichen Agierens und der Institutionalisierung schienen sich zu entwickeln. Doch das war Attrappe. Dieser Staat existierte nicht so, wie er in seinen äußeren Formen beschrieben werden kann, weil die Binnenfunktionen, die Kader und Kompetenzen improvisiert waren und fluktuierten.
Die Modernisierungstheorien wollen uns glauben machen, im Zuge des sogenannten Fortschritts würden Staaten, Bürokratien und Gesellschaften rational und effizient, das Individuum frei, emanzipiert und selbstbestimmt, die Systeme mehr und mehr optionshaltig.[92] Über die Freiheitschancen des Individuums in der UdSSR sind in diesem Zusammenhang nicht viele Worte zu verlieren. Was den Staat angeht, so bildete sich ein Willkürstaat mit einer aufgeblähten, kleptokratischen und korrupten Bürokratie heraus, bei der schließlich selbst die Führung sich bediente.[93] Die Antikorruptionskampagnen häuften sich in den letzten Jahren der UdSSR. Die Sowjetangestellten wälzten täglich gigantische Papierberge um, aber effizient war nicht eine einzige Behörde. Die staatliche Wirtschaft mit ihren verästelten, unübersichtlichen, hypertrophen und in Kompetenzgerangeln verbissenen Verwaltungen sprach allen Effizienz- und Rationalitätskriterien Hohn. Alle Versuche, die im Stalinismus aufgebaute Planwirtschaft, die ja als eine moderne Form des Wirtschaftens gedacht war, weil sie die ökonomisch und sozial unerquicklichen Nebenwirkungen des Marktes zu beseitigen suchte, zu reformieren, zu dynamisieren und zu rationalisieren, scheiterten oder verliefen im Sande. Die Perestroika bildete lediglich einen – wie sich herausstellen sollte, letzten – Versuch, dem nach wie vor stalinistischen Wirtschaftssystem auf die Beine zu helfen.
Was sich hinter dieser allzu knappen Skizze von Staat und Wirtschaft verbirgt, ist die bisher ungelöste Frage nach dem kompletten Scheitern der sowjetischen Modernisierung. Um es am Beispiel der Industrialisierung zu verdeutlichen. Dreimal hat Russland/Sowjetunion Industrialisierungsschübe durchlaufen. Der erste begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Errungenschaften wurden jedoch in den Kriegen 1914-1921 weitgehend zerstört. Stalins mit aller Brutalität durchgepeitschte zweite Industrialisierung unter sozialistischen Vorzeichen sollte den Agrarstaat Sowjetunion in einen mächtigen Industriestaat umformen. Zu einem guten Teil ging auch diese Industrialisierung im Zweiten Weltkrieg verloren, namentlich in den Gebieten, die der deutschen Okkupation zum Opfer gefallen waren. Zwar konnten die wichtigsten Industriezweige schon nach wenigen Jahren wieder auf Vorkriegsniveau und darüber produzieren, aber das gesamtindustrielle Niveau litt nachhaltig unter den Folgen der Zerstörungen. Ein Vergleich mit den boomenden Nachkriegswirtschaften der Verliererstaaten BRD und Japan verbietet sich. So muss man sich vor Augen führen, dass die Sowjetunion erst in den 1960er Jahren ihre rund 100 Jahre dauernde Industrialisierung abschloss, wenn die gängigen Kennzeichen wie die Zusammensetzung des Bruttosozialprodukts, Verteilung und Umfang der monetären Einkommen sowie das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Industrie bei Produktion, Kapitaltransfer, Investitionen und Beschäftigtenzahlen zugrunde gelegt werden. Parallel dazu ist die bereits genannte Tatsache von Bedeutung, dass der Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung die 50 Prozentmarke ebenfalls sehr spät übersprang. Allein diese wenigen Bemerkungen können verdeutlichen, mit welchen Rückschlägen die sowjetische Industrialisierung zu kämpfen hatte. Aber ihr Hauptproblem bestand darin, dass sie trotz dieser herben Niederlagen keine Modernität erreichte, weil sie aus sich selbst heraus keine Impulse zur Weiterentwicklung hervorbrachte und in immer wieder relativ abknickenden Leistungskurven dargestellt werden muss. In der Perestroika schließlich offenbarte sich das Modernisierungsdebakel endgültig, als die innersowjetischen Krisen, die außenpolitische Lage und der Vergleich mit den ungleich dynamischeren westlichen Marktwirtschaften die Sowjetführung dazu verleiteten, vom schlecht, aber bei einem hohen Maß an Improvisation doch auf einem niedrigen Niveau funktionierenden System abzugehen. Was das Beispiel zeigt, ist verpuffte Modernisierung ohne Modernität. Es ist eine historische Ironie, die das Problem jedoch klar aufscheinen lässt: dass in der Perestroika das Vorzeigeprojekt der bolschewistischen Modernisierung, die Industrie, rascher und vollständiger kollabierte als die seit der Kollektivierung nicht wirklich modernisierte Landwirtschaft. Dies Ergebnis bedeutete, dass die opferreichen sowjetischen Industrialisierungen ein halbes Jahrhundert brauchten, um ein hohes industrielles Niveau zu erreichen, aber nur ein halbes Jahrzehnt, um komplett abzustürzen. Von der sowjetischen Industrialisierungsvariante ist kaum etwas übrig geblieben. Wie ist ein solcher Entwicklungspfad in die Modernisierungstheorie einzufügen?
Ähnliches lässt sich auch von der Wissenschaftslandschaft der UdSSR sagen. Hier zeigt sich das Modernitätsdilemma der Sowjetunion noch deutlicher. Immun zu sein gegen Einflüsse des modernen Denkens bildete einen Grundzug der sowjetischen Wissensgesellschaft. Naturwissenschaftliche Entdeckungen und Erkenntnistheorie, die um 1900 fundamentale Neuorientierungen nötig machten, wurden – falls überhaupt – nur in einem technischen Sinne rezipiert, wobei der Sowjetstaat die Errungenschaften der „kapitalistischen” Wissenschaften lediglich instrumentalisierte und anwendungsbezogen rezipierte; sie gingen jedoch nie in den Wissensbestand der Sowjetunion ein oder führten bestenfalls ein subkulturelles Kellerdasein. Die Leistungen der UdSSR beim Bau der Atom- und Wasserstoffbomben, bei der Raketentechnik sowie im Flugzeugbau sprechen keineswegs gegen diesen Befund. So existierte keine Sozial- und Kulturanthropologie, keine Philosophie, die über Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus” von 1908 hinausging; eine kümmerliche Psychologie, keine empirische Soziologie, die erst in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre wieder entstand; keine moderne, auf Mendel gründende Genetik, an deren Stelle sich der Scharlatan Trofim Lysenko durchsetzen konnte; Einstein wurde verworfen; die Psychoanalyse galt als Bestandteil der Ideologie des Bürgertums; die Übernahme der Kybernetik und des Behaviorismus sind Beispiele dafür, wie „westliche” Wissenschaften allein dem verwaltenden und soziotechnischen Aspekt unterlagen. Was fangen wir mit solchen Befunden an, wie stellen wir sie in den Kontext der Modernisierung und welche Auswirkungen hat dies für die Modernisierungstheorie?
Die Aufgaben einer vergleichenden Zeitgeschichte sind damit angedeutet. Sie liegen weniger in der Problematik der Periodisierung, viel mehr aber in den Fragestellungen, Methoden und theoretischen Vorabklärungen historischer Forschung sowie in komparativ zu erarbeitenden Merkmalsgemeinschaften im Kontext des 20. Jahrhunderts. Das aber sind keine spezifisch zeithistorischen Probleme. Die Historisierung der jüngsten Vergangenheit ist das Geschäft der Zeitgeschichte. Forschungspragmatisch kann man sie 1989/91 enden lassen. Wie die Historiker mit dieser Zäsur im Verlauf der sich fortsetzenden Geschichte verfahren, wird man in 40-50 Jahren diskutieren müssen.
↑ K. Simis, USSR. The Corrupt Society, New York 1982; W.A. Clark, Crime and Punishment in Soviet Officialdom. Combating Corruption in the Political Elite, 1965-1990, Armonk u.a. 1993; J.R. Millar, The Little Deal: Brezhnev's Contribution to Acquisitive Socialism, in: Slavic Revue 44 (1985), S. 41-52.
Johannes Grützmacher, Meilenstein der Literatur und der Geschichtsschreibung. Solženicyns „Archipel Gulag“ aus heutiger Sicht, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 3, Nr. 3, 2006 (online).
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