Erinnerungskulturen
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012
https://docupedia.de/zg/cornelissen_erinnerungskulturen_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.265.v2
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012
https://docupedia.de/zg/cornelissen_erinnerungskulturen_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.265.v2
Obwohl der Begriff „Erinnerungskultur” erst seit den 1990er-Jahren Einzug in die Wissenschaftssprache gefunden hat, ist er inzwischen ein Leitbegriff der modernen Kulturgeschichtsforschung.[1] Während er in einem engen Begriffsverständnis als lockerer Sammelbegriff „für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit – mit den verschiedensten Mitteln und für die verschiedensten Zwecke” definiert wird,[2] erscheint es aufgrund der Forschungsentwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte insgesamt sinnvoller, „Erinnerungskultur” als einen formalen Oberbegriff für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse zu verstehen, seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur. Der Begriff umschließt mithin neben Formen des ahistorischen oder sogar antihistorischen kollektiven Gedächtnisses alle anderen Repräsentationsmodi von Geschichte, darunter den geschichtswissenschaftlichen Diskurs sowie die nur „privaten” Erinnerungen, jedenfalls soweit sie in der Öffentlichkeit Spuren hinterlassen haben. Als Träger dieser Kultur treten Individuen, soziale Gruppen oder sogar Nationen in Erscheinung, teilweise in Übereinstimmung miteinander, teilweise aber auch in einem konfliktreichen Gegeneinander.
Versteht man den Begriff in diesem weiten Sinn, so ist er synonym mit dem Konzept der Geschichtskultur, aber er hebt stärker als dieses auf das Moment des funktionalen Gebrauchs der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke, für die Formierung einer historisch begründeten Identität ab. Sehr deutlich wird dies in den untergeordneten Begriffen der Erinnerungs-, Vergangenheits- oder Geschichtspolitik. Weiterhin signalisiert der Terminus Erinnerungskultur, dass alle Formen der Aneignung erinnerter Vergangenheit als gleichberechtigt betrachtet werden.[3] Folglich werden Textsorten aller Art, Bilder und Fotos, Denkmäler, Bauten, Feste, sowie symbolische und mythische Ausdrucksformen, aber auch gedankliche Ordnungen insoweit als Gegenstand der Erinnerungskulturgeschichte begriffen, als sie einen Beitrag zur Formierung kulturell begründeter Selbstbilder leisten.
Das Forschungskonzept Erinnerungskultur steht in einem engen begrifflichen und auch methodischen Verhältnis zur weiteren Diskussion über die Rolle „kollektiver Gedächtnisse”. Maßgebend hierfür ist die Theorie des französischen Soziologen Maurice Halbwachs. Sie basiert auf der Hypothese, wonach das Individuum in seiner Erinnerung auf Anhaltspunkte Bezug nehmen müsse, „die außerhalb seiner selbst liegen und von der Gesellschaft festgelegt worden sind”. Deswegen könne man von der sozialen Bedingtheit des Erinnerns sprechen. Das individuelle und das soziale Gedächtnis seien letztlich kaum unterscheidbar, denn erst über die Affekte wachse unseren Erinnerungen eine Relevanz in der gegebenen kulturellen Welt zu.[4]
Neben der Definition des kollektiven Gedächtnisses durch Maurice Halbwachs, das in seiner Interpretation regelmäßig eng an ein politisches Kollektiv angebunden wird, konzentrierte sich die Diskussion der letzten Jahre vor allem auf zwei weitere Schlüsselbegriffe. Hierbei handelt es sich zum einen um das „kommunikative” sowie zum anderen um das „kulturelle” Gedächtnis. Der erstgenannte Terminus bezieht sich auf die Erinnerung an tatsächliche beziehungsweise mündlich tradierte Erfahrungen, die Einzelne oder Gruppen von Menschen gemacht haben. Im Fall des kommunikativen Gedächtnisses ist die Rede von einem gesellschaftlichen „Kurzzeitgedächtnis”, dem in der Regel maximal drei aufeinanderfolgende Generationen zuzurechnen sind, die zusammen eine „Erfahrungs-, Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft” bilden können.[5] Während diese im unaufhörlichen Rhythmus der Generationenabfolgen meist leise und unmerklich vergeht, wird das „kulturelle Gedächtnis” als ein epochenübergreifendes Konstrukt verstanden. Im Allgemeinen wird damit der in jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümliche Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten bezeichnet, „in deren ,Pflege' sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt”. Es ist „ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Eigenheit und Eigenart stützt”.[6]
Obwohl diese Definitionen im Einklang mit einer weithin akzeptierten, dichotomischen Gegenüberstellung von „Geschichte als Wissenschaft” und „sozialem Gedächtnis” oder auch der von einem „bewohnten” Funktionsgedächtnis und einem „unbewohnten” Speichergedächtnis stehen, kommt eine gemäßigt relativistische Auffassung von Geschichte als Wissenschaft nicht umhin, die fließenden Grenzen stärker zu betonen.[7] Sicher, indem sich die Geschichte seit der Aufklärung als forschende Wissenschaft konstituierte, stellte sie sich in einen Gegensatz zur Tradition, ja sie verstand sich ihr gegenüber als eine kritische Prüfungsinstanz. Gleichwohl haben zahlreiche Studien zur Geschichtskultur, aber auch Arbeiten zur Historiografiegeschichte wiederholt verdeutlicht, dass das fachwissenschaftliche Interesse von praktischen Orientierungsbedürfnissen angeleitet, streckenweise sogar dominiert blieb.[8] Folglich müssen die Historiker/innen und ihre Werke als integraler Bestandteil der Erinnerungskultur moderner Gesellschaften begriffen werden, was keineswegs ihren Anspruch auf eine unabhängige Deutungshoheit beeinträchtigt. Dieser bleibt ein notwendiger Bestandteil ihres professionellen Selbstverständnisses, ungeachtet der Tatsache, dass sie in kollektive Deutungs- und Erinnerungshorizonte sowie prägende Zeitumstände eingebunden sind.
Dass das Konzept „Erinnerungskultur” tatsächlich erst im Laufe der 1990er-Jahre breiten Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden hat, sollte nicht die lange kulturhistorische Tradition der Beschäftigung mit Erinnern und Vergessen übersehen lassen.[9] Hierzu zählt neben vielem anderen Friedrich Nietzsches weithin bekannte Kritik an einem Übermaß an historischer Bildung ohne konkreten Lebensbezug. Seine Beobachtungen gipfelten 1874 in der Feststellung, dass es möglich sei, „fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt”. Ganz und gar unmöglich aber sei es, „ohne Vergessen überhaupt zu leben”. Der gleiche Denker hielt jedoch ebenso fest, dass „das Unhistorische und das Historische […] gleichermaßen für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes und einer Kultur nötig [sind]”.[10] Aber auch schon lange vor Nietzsche bildete die Reflexion über das Erinnern in der Wirkungsgeschichte des platonischen Anamnesisbegriffs kontinuierlich einen Gegenstand der philosophisch-historischen Diskussion.[11]
Wenn man jedoch nur die engere Forschungsgeschichte meint, so richtet sich der Blick auf die drei Gründerväter (Jan Assmann) der sozialen Gedächtnisforschung, womit neben Friedrich Nietzsche Aby Warburg und Maurice Halbwachs gemeint sind.[12] Mit ihren Arbeiten setzt die Begriffsgeschichte von Erinnerungskultur im engeren Sinne ein, brachte Warburg doch erstmals in den 1920er-Jahren den Begriff der „Erinnerungsgemeinschaft” in die Diskussion ein. Er verstand darunter einen Orient und Okzident umspannenden Kulturkreis aus Bildern und Gesten, wobei der Mensch sich derartiger kultureller Objektivationen bediene, um sich mittels mythischer und rationaler Erklärungen vor irrationalen Ängsten zu schützen.[13] Während Warburg seine Überlegungen primär auf Bildbeobachtungen stützte, nahm Halbwachs die Gesellschaft ins Visier. In seiner Theorie des kollektiven Gedächtnisses hebt er darauf ab, dass das Individuum in seiner Erinnerung auf Anhaltspunkte Bezug nehmen müsse, „die außerhalb seiner selbst liegen und von der Gesellschaft festgelegt worden sind”. Das individuelle und das soziale Gedächtnis seien daher nicht unterscheidbar, denn erst über die Affekte wachse unseren Erinnerungen eine Relevanz in der gegebenen kulturellen Welt zu.[14]
Über einen langen Zeitraum wurden jedoch weder Warburgs verstreute Äußerungen noch die kohärentere Theorie Halbwachs' zum kollektiven Gedächtnis von den Historiker/innen im In- oder Ausland aufgegriffen.[15] Es bedurfte vielmehr erst der Wiederaneignung ihrer Schriften seit den 1980er-Jahren, wobei den Publikationen von Pierre Nora in Frankreich und – mit einiger Zeitverzögerung – auch in Deutschland eine Schlüsselfunktion zukam.[16]
Die außerordentlich große Wirkung der Thesen Noras verdankte sich ausgesprochen günstiger Umstände, darunter nicht zuletzt der steigenden Nachfrage nach einer historischen Vergewisserung zeithistorischer Erfahrungen. Ein Ausdruck dafür war das damals in allen Industriestaaten des Westens gestiegene gesellschaftliche Bedürfnis nach einer dinglichen Vergegenwärtigung der Vergangenheit, kurz: der Trend zur „Musealisierung”.[17] Der internationale Erfolg der Erforschung von Erinnerungskulturen verdankte sich somit in einem ganz wesentlichen Maß außerwissenschaftlichen Rahmenbedingungen.[18] Weiterhin ist bemerkenswert, dass der Begriff „Erinnerungskultur” – darin ist er dem Terminus „Geschichtskultur” vergleichbar – seinen Weg aus dem öffentlichen Sprachgebrauch in die Sprache der Wissenschaft fand, was einer der Gründe für seine bis heute anhaltende Vagheit darstellen dürfte.[19]
Im Kern sind beide Termini, Pierre Nora hat darauf mit dem Blick auf die französische Entwicklung verwiesen, mit der grundlegenden mentalitätsgeschichtlichen Wende seit Mitte der 1970er-Jahre verbunden. Die zu diesem Zeitpunkt in den entwickelten Industriestaaten ausgebrochene Wirtschafts- und Energiekrise bewirkte die allmähliche Abkehr von jahrzehntelangen, optimistischen Aufstiegserwartungen und ihre Ablösung durch zunehmend düstere Zeitdiagnosen und Zukunftsprojektionen. Dahinter trat, soweit uns diese Entwicklungen bislang in den Umrissen überhaupt bewusst geworden sind, ein grundlegender Einstellungswandel zum Vorschein, auf den zunächst die Politik und danach die Wissenschaft reagierten, indem sie ein vielschichtiges Interesse an der Historisierung der Gegenwart sowie an Fragen der nationalen Identität entwickelten.[20] Selbst Noras Projekt der „Lieux de mémoire” weist eine unverkennbar nostalgische, wenn nicht sogar kulturpessimistische Note auf. Denn nicht ohne Bedauern konstatiert er für die Mitte der 1970er-Jahre das „Ende des Bauerntums als Gedächtniskollektivs par excellence”. Zusätzlich markierte aus seiner Sicht der schleichende intellektuelle Zusammenbruch des Marxismus eine wichtige Bruchstelle in der politischen Kultur Frankreichs, signalisierte er doch eine allgemeine Abkehr von politischen Utopien und deren Ablösung durch eine Hinwendung zur Vergangenheit.[21]
Ähnliche Prozesse lassen sich in den anderen Ländern des westlichen und mittleren Europa ausmachen, vor allem aber in der Bundesrepublik, wo die Neigung zu einer vielschichtigen Historisierung der Gegenwart bis hin zu einer Welle der Nostalgie seit der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre besonders ausgeprägte Züge annahm. Daneben zeigt sich bei dem Blick über die Grenzen Frankreichs hinaus, dass in den Jahren seit 1945 vor allem die internationale Reflexion über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust ein Dreh- und Angelpunkt für die Formierung öffentlicher Erinnerungskulturen sowohl in Europa als auch Nordamerika war, teilweise sogar über diese Räume hinaus. Das gilt in einem ungleich stärkeren Maße für Deutschland, wo die lange sogenannte Vergangenheitsbewältigung zunächst hauptsächlich das Schicksal der Deutschen im Zweiten Weltkrieg und im Gefolge der Teilung thematisierte, bevor endgültig seit den 1970er-Jahren die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust zu einem wesentlichen Bestandteil der politischen Kultur der Bundesrepublik aufrückte.[22] Gleichzeitig weist der amerikanische Fall beeindruckende Parallelen auf, war doch auch hier zunächst das anhaltende Schweigen der Überlebenden des Holocaust nach 1945 in hohem Maße durch „Marktbedingungen” verursacht, wie Peter Novick detailliert aufzeigen kann. Kaum einer war in den 1950er- und 60er-Jahren an der Geschichte jüdischer Opfer des Holocaust interessiert. Drei bis vier Jahrzehnte danach stellte sich die Lage in einem ganz anderen Licht dar. Die Nachfrage nach Erinnerungsangeboten stieg rasant an und damit die entsprechenden Deutungsangebote.[23]
Die Hinwendung zu einer intensiven Beschäftigung mit Erinnerungskulturen erklärt sich jedoch zusätzlich mit einem innerwissenschaftlichen Wandel: mit der in den 1970er-Jahren in Gang gekommenen, sich danach rasch beschleunigenden kulturgeschichtlichen Erweiterung der Geschichtswissenschaft. Nachdem zunächst in den 1970er-Jahren Untersuchungen zur Geschichte der Denkmalsbewegung und der politischen Feste im 19. Jahrhundert im Vordergrund gestanden hatten, verlagerte sich der Fokus der entsprechenden historiografischen Untersuchungen auf eine immer breiter verstandene „Erinnerungskultur”.[24] Darüber hinaus schärften die „linguistische Wende” sowie der „iconic turn” in den Kulturwissenschaften grundsätzlich das Bewusstsein für die konstruktiven Seiten der Historiografie.[25] Weitere Anstöße vermittelte ein wissenschaftlicher Diskurs an der Grenze zwischen den Naturwissenschaften, der Medizin und der Sozialpsychologie über Formen, Inhalte sowie die Wirkungsmechanismen des Gedächtnisses.[26] Das wiederum fand sich im gleichen Zeitraum mit einer intensiven Debatte über kulturelle Formen der Erinnerung verkoppelt. Wegweisend hierfür waren zum einen die Forschungsarbeiten Pierre Noras, denen in der Zwischenzeit ähnliche Projekte in anderen Ländern gefolgt sind.[27] Darüber hinaus förderten die Arbeiten von Jan und Aleida Assmann den Übergang zu einer disziplinübergreifenden Erforschung kultureller Gedächtnisformen in Deutschland, von der zuletzt insbesondere die Zeitgeschichtsschreibung profitieren konnte.[28]
Bei der bisherigen Übertragung der definitorischen Vorgaben auf konkrete Untersuchungsfelder hat sich allerdings gezeigt, dass in der Praxis oft weniger klare Grenzziehungen möglich sind und dass gerade bei modernen Gesellschaftsformationen die Unterscheidung zwischen einem kommunikativen und einem kulturellen Gedächtnis nur bedingt hilfreich ist.[29] Weiterhin fällt bei dem Blick auf die bislang vorgelegten Studien zum Thema „Erinnerungskultur” ein oftmals geradezu unbekümmert wirkender Umgang mit dem Begriff ins Auge. Denn selbst in der Phase des entwickelten Nationalstaats bildeten Völker und Nationen zu keinem Zeitpunkt einheitliche Erfahrungs- und Erinnerungskohorten aus, sondern sie blieben plurale bzw. wurden überhaupt erst jetzt zu pluralen Handlungsgruppen mit vielfältigen, sich überschneidenden diskursiven, symbolischen und zeremoniellen Formen der Erinnerung.[30]
Zu den bevorzugten Forschungsfeldern der Zeitgeschichtsforschung über Erinnerungskulturen im 20. Jahrhundert gehören die beiden Weltkriege mit ihren tiefreichenden Folgen, nicht nur im Hinblick auf die Formierung von Politik und Gesellschaft, sondern ebenso auf die Prägung von sozialen Erwartungen und Mentalitäten.[31] Dass den „totalen” Kriegen und ihren Nachwirkungen ein derart großes Augenmerk geschenkt wird, hängt vor allem mit den „harten Gegensätzen” zusammen, die sowohl nach 1918 als auch nach 1945 in ihrer Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit zwischen den Angehörigen der Siegermächte und denen der Besiegten zutage traten, ohne hier die Risse innerhalb beider Lager übersehen zu wollen.[32] Gleichzeitig zeichnen sich bei einem Vergleich der ersten und zweiten Nachkriegszeit bei allen Unterschieden im Einzelnen wie auch im Grundsätzlichen bemerkenswerte Parallelen ab. Dazu gehört, um nur wenige Beispiele zu nennen, das Schweigen über die konkreten Kriegserfahrungen sowie, eng damit verbunden, die Mythisierung des konkreten Kriegserlebnisses. Gleichermaßen sticht die starke Konzentration auf die jeweils „eigenen” Opfer ins Auge. So sprach Marc Bloch schon in den 1920er-Jahren von einem „Diskurs der Schwerhörigen”.
Neben den Parallelen und Unterschieden vermag die zeithistorische Beschäftigung mit nationalen Erinnerungskulturen jedoch ebenfalls die transnationalen Perspektiven und Verflechtungen aufzudecken.[33] Obwohl Pierre Nora bereits früh das Ziel einer vergleichenden Geschichte der Erinnerungen nationaler Gemeinschaften ausgegeben hatte, stand in den 1980er-Jahren, teilweise auch noch danach, zunächst fast ausschließlich die Erforschung nationaler Erinnerungsorte im Vordergrund des Interesses.[34] Nur allmählich fanden sich diese in breiter angelegte internationale Vergleiche eingebettet, die nicht nur die Entwicklungen in Europa zu ihrem Gegenstand machten, sondern zusätzlich den Vergleich der diktatorischen Kriegsregime in einem weiteren globalen Rahmen anstrebten. Der Vergleich der Diktaturregime Deutschlands, Italiens und Japans bot hierfür einen ersten Anstoß, dem weitere Arbeiten gefolgt sind.[35] Insgesamt deutet sich inzwischen die Tendenz zu einem zeitlich, räumlich und inhaltlich weit ausgreifenden Verständnis von Erinnerungskulturen an. Das gilt auch für die methodischen Zugriffe, findet sich doch die frühe Konzentration auf die Kommemoration der Gefallenen und andere Varianten des Totenkults nach den beiden Weltkriegen inzwischen von zahlreichen anderen Ansätzen ergänzt.[36] Hierzu gehören beispielsweise Untersuchungen, welche den Überwölbungen der öffentlichen Diskurse durch die „vergifteten” Nachkriegserinnerungen nachgegangen sind, aber auch Arbeiten, die stärker den Medien und den Orten der Erinnerung eine eingehende Beachtung geschenkt haben.[37]
In einer breiteren europäischen Perspektive erweisen sich heute insbesondere die Länder und Gesellschaften Ost- und Ostmitteleuropas als fruchtbare Forschungsfelder für die Untersuchung von Erinnerungskulturen, weil hier nach dem Untergang des Kommunismus viele zeitweilig verschüttete „Gedächtnisse” gleichsam neu „erwacht” sind.[38] Dass sich neben der thematischen Breite jedoch ebenso die methodischen Ansätze weiter ausdifferenzierten, war in den letzten Jahren Anstößen aus verschiedenen Teilfächern der Geschichtswissenschaft sowie ihren Nachbarwissenschaften zu verdanken. Insbesondere von der Denkmals- und Kunstgeschichte, aber auch der Geschlechtergeschichte, der Kulturanthropologie oder auch der Landesgeschichte sind wichtige Impulse ausgegangen, welche unser Verständnis von Erinnerungskulturen weiter vertiefen konnten.[39] Bedingt durch die gestiegene Bedeutung der elektronischen Medien wird in der Zeitgeschichte mittlerweile Fragen der Visualisierung von Erinnerungen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit geschenkt.[40]
Der Schwerpunkt des zeithistorischen Interesses an Erinnerungskulturen liegt in Deutschland weiterhin auf der Geschichte des Holocaust.[41] Ein Anstoß hierfür war die seit 1989/90 begonnene Neu- bzw. Umgestaltung der Erinnerungs- und Gedenkstätten.[42] Im Grunde aber ging es um weit mehr, nämlich um die Universalisierung des Gedenkens an den Holocaust.[43] Zwar können wir die Anfänge dieses Prozesses in Westdeutschland bis in die 1970er-Jahre zurückverfolgen, aber erst seit dem Untergang der kommunistisch beherrschten Volksdemokratien wurde der Holocaust hier wie auch im weiteren europäischen Raum in den Mittelpunkt einer transnationalen Erinnerungskultur gestellt. Damit ging ein grundlegender Perspektivenwandel einher, der als ein sich beschleunigender Prozess einer Geschichtsbetrachtung aus der Opferperspektive begriffen werden kann. Ob in Gedenkfeiern, medialen oder auch historiografischen Darstellungen: Zunehmend werden mittlerweile die Opfer in das Zentrum der Erinnerungskulturen gerückt, während in der Vergangenheit die nationalen Narrative meist die Figur des Helden bevorzugt hatten.[44]
Erste Anzeichen dafür lassen sich bis zu den internationalen Feiern zum 50. Jahrestag des Kriegsendes in Europa zurückverfolgen, aber erst mit der Stockholmer Internationalen Holocaust-Konferenz vom Januar 2000 rückte das Bemühen vieler Regierungen endgültig in den Vordergrund, den Völkermord an den Juden zu einem gemeinsamen, wenn auch negativen Hauptbezugspunkt der europäischen Erinnerungskultur zu bestimmen. Seit dieser Zeit haben viele Staaten der Europäischen Union den Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz am 27. Januar in ihren offiziellen Gedenkkalender aufgenommen und zelebrieren alljährlich entsprechende Gedächtnisfeiern.[45] Freilich hat sich bislang gezeigt, dass die Intensität dieses öffentlichen Gedenkens in den einzelnen Staaten sehr schwankt. Zwar sind in den letzten Jahren weitere Initiativen zur Europäisierung der Erinnerung hinzugekommen, so etwa der Rahmenbeschluss des Europarats vom November 2008 zur strafrechtlichen Bekämpfung bestimmter Formen und Ausdrucksweisen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, aber dieser Vorschlag zog – wie auch seine Nachfolger – jeweils scharfe Proteste nach sich. Im Grunde reproduzieren diese Auseinandersetzungen die nationalstaatlichen Erinnerungskonflikte auf europäischer oder auch supranationaler Ebene, zum Teil werden sie sogar noch schärfer ausgetragen, weil Europa als Forum missbraucht wird, um „offene Rechnungen” zu begleichen.
Ob daher, wie zuletzt von vielen Seiten gefordert worden ist, die Erinnerung an den Holocaust tatsächlich zu einem herausragenden Bezugspunkt eines im Entstehen begriffenen, transnationalen europäischen Gedächtnisses werden kann, bleibt abzuwarten. Mehrere Gründe sprechen dagegen. Zunächst einmal stoßen die Bemühungen zur Europäisierung, ja Universalisierung der Holocaust-Erinnerung deswegen an ihre Grenzen, weil die konkreten Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg von Land zu Land, aber auch von Region zu Region, wie auch von sozialen Gruppen, Generationen oder auch Geschlechtern tatsächlich ausgesprochen unterschiedlich gewesen sind und langfristig die Erinnerungen prägten. Die Unterschiede wirken bis heute nach, und sie lassen sich auch nicht im Rahmen eines „verordneten” kulturellen Gedächtnisses nivellieren. Überdies zeigen kritische Blicke auf die Transnationalisierung der Erinnerung, dass sich in ihrem Windschatten inzwischen verschiedenste Gruppen lautstark zu Wort gemeldet haben, die den herausgehobenen Opferstatus der Juden in den europäischen Erinnerungskulturen vehement bestreiten. Kurz: Transnationalisierung kann eine Renationalisierung hervorrufen, wie der Sozialwissenschaftler Natan Sznaider betont.[46]
Außerdem wohnt den Bestrebungen zur Europäisierung der Erinnerungskulturen die Tendenz inne, eine ältere Fassung der europäischen Meistererzählung neu zu beleben. Europa wird hier als ein Kontinent der noblen Traditionen gezeichnet, als das Europa der Menschenrechte und der Demokratie, kurz: das Europa der westlichen Zivilisation. Damit aber werden zentrale Konfliktlinien in der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und auch der vorangegangenen Jahrhunderte ausgeblendet, zumal sich die Frage stellt, inwiefern eine solchermaßen verstandene Erinnerungskultur in Beziehung zu den gelebten Erinnerungen steht. Noch mehr als in dem Bestreben zur Europäisierung der Erinnerungskulturen ist in der Universalisierung des Erinnerns an den Holocaust unserer Tage die Tendenz angelegt, von den realen Geschehnissen zu abstrahieren. Noch ein Letztes in diesem Zusammenhang: In der Konzentration auf Typen gemeinschaftlicher Großgedächtnisse von Völkern, Nationen oder Religionsgemeinschaften werden die differierenden Gedächtniskonstruktionen auf regionaler Ebene oder die noch tiefer anzusiedelnden Erinnerungsgemeinschaften von kleinen gesellschaftlichen Gruppen oder gar Individuen oftmals ausgeblendet beziehungsweise allzu rasch für die „Nation” vereinnahmt. Nicht nur die deutsche Geschichte bietet jedoch sowohl für die Jahre vor als auch nach 1945 vielfältige Beispiele dafür, dass die Regionalität oder Lokalität spezifischer Erinnerungskulturen jederzeit scheinbar homogene Gedächtnisnationen aufbrechen konnte.[47]
In einer weiteren europäischen Perspektive ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine wichtige erinnerungskulturelle Differenz von erheblichem Gewicht zum Vorschein getreten, die für die weiteren Diskussionen von großer Bedeutung sein dürfte. Denn ungeachtet des Zusammenwachsens von Ost- und Westeuropa lassen sich seit 1989/90 in beiden politischen Makroräumen starke Divergenzen darüber ausmachen, was öffentlich erinnert werden soll – und wenn ja, wo und wie dies geschehen soll. Es handelt sich daher um alles andere als einen Zufall, wenn im früheren östlichen Herrschaftsbereich die Konfrontation um den politisch-kulturellen Stellenwert der Erinnerung an die sowjetische Ära im Vergleich zum Gedenken an die deutsche Besatzungsherrschaft weit heftiger ausgetragen wird, als dies für das frühere Westeuropa gesagt werden kann. Insbesondere aus den Ländern Ostmitteleuropas ist immer wieder der mahnende Appell zu hören, den Opfern des sowjetisch geführten Kommunismus im öffentlichen Gedenken einen ebenso würdigen Platz einzuräumen wie den Opfern der NS-Diktatur und -Besatzungsherrschaft.[48]
Obwohl die Themen nur unwesentlich voneinander abwichen, entwickelte sich der Umgang mit der „Erinnerung” in den meisten postkommunistischen Gesellschaften zu einem hochpolitisierten Streitobjekt (Peter Haslinger). Diese Diskussionen sind noch keineswegs an ein Ende gelangt, und immer wieder erreichen sie eine große Siedehitze. In der eng damit verbundenen Konkurrenz um staatliche Mittel für Gedenkstätten und Maßnahmen der politisch-historischen Bildungsarbeit – das sei als Prognose gewagt – ist vorläufig kein Ende abzusehen, zumal sich kaum ein anderes Thema so sehr für ideologische Positionsnahmen eignet wie der Kampf um die Deutungshoheit auf diesem Feld.
Ohne Zweifel ist aber schon heute deutlich zu erkennen, dass die hermetischen und meist nur auf die eigene Gemeinschaft bezogenen Metanarrative nationaler Erinnerungskulturen ihre Existenzberechtigung verloren haben. Gleichermaßen ist inzwischen für viele sichtbar geworden, dass keine Erinnerungskultur, die auf einem tiefreichenden Gegensatz von privaten Erfahrungen und historiografisch-politischer Interpretation beruht, auf Dauer überleben kann. Überall stellt sich mehr als 60 Jahre nach Kriegsende im Zuge des laufenden Generationenwandels sehr konkret die Frage danach, welche Erinnerungen an die Diktaturregime und an den Zweiten Weltkrieg langfristig in den politisch-historischen Erinnerungshaushalt der Nationen eingehen sollen. Für Kinder, die im Zeichen des Jugoslawienkriegs aufgewachsen sind, oder für die noch Jüngeren bildet der Zweite Weltkrieg letztlich nicht länger Teil des verpflichtenden kollektiven Generationengedächtnisses, sondern allenfalls noch ein Ereignis aus einer fernen Vergangenheit. Diese sich abzeichnende Kluft gilt es ernst zu nehmen, und aus einer fachlichen Sicht darf sie sicherlich nicht in einer simplen Engführung von Wissenschaft, Moral und Politik aufgehen.[49]
Für die Zeithistoriker/innen in allen Ländern stellt all dies eine große Herausforderung dar. Denn es geht darum, dem Willen zum politischen Gedenken und den Ansprüchen diverser gesellschaftlicher Gruppen auf ihr Recht zur öffentlichen Kommemoration ein kritisches Medium mit selbstreflexiver Kompetenz an die Seite zu stellen. Das könnte ein verbindendes Element einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur sein, was aber voraussetzt, dass sich die Zeitgeschichtsschreibung zunächst selbst aus ihren nationalen Deutungsnetzen löst.
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