Militärgeschichte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.07.2013
https://docupedia.de/zg/echternkamp_militaergeschichte_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.241.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.07.2013
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DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.241.v1
Auf die Militärgeschichte trifft in ungewöhnlich hohem Maße zu, was grundsätzlich für alle Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft gilt: Sie ist bis heute hochgradig abhängig von den gesellschaftlichen und politischen Konjunkturen der Gegenwart, über deren Vergangenheit sie aufklären will. Das gilt nicht nur für ihre Arbeitsgrundlage (Welche Quellen sind zugänglich?), sondern auch für ihre Selbstorganisation als Disziplin (Wer betreibt Militärgeschichte?) und nicht zuletzt für ihr Selbstverständnis (Was ist Militärgeschichte?). Insbesondere war die Militärgeschichtsschreibung stets durch den zeitgenössischen Stellenwert von Krieg und Frieden geprägt. Das Ende des Kalten Kriegs, die Rückkehr des Kriegs nach Europa und der sicherheitspolitische Paradigmenwechsel in der Bundesrepublik haben auch hierzulande die Themen „Militär” und „Krieg” wieder auf die tagespolitische Agenda gesetzt und damit das Interesse an ihrer historischen Tiefendimension deutlich gesteigert.
Für die Zeitgeschichte erhält die Militärgeschichte schließlich zusätzliche Brisanz. Die historische Auseinandersetzung mit einer kriegerischen Vergangenheit, die zumindest ein Teil der Zeitgenossen selbst miterlebt hat, birgt aus zwei unterschiedlich gelagerten Gründen deutlich mehr gesellschaftspolitischen Sprengstoff als etwa die Konsum-, Technik- oder Wirtschaftsgeschichte: Zum einen hat das Erlebnis des Kriegs und seiner Folgen wegen der exzessiven Gewalt und der massenhaften aktiven und passiven Beteiligung die Generationen existenziell geprägt. Zum anderen setzt die Legitimation einer Staats- und Gesellschaftsordnung nicht selten auf Gründungsmythen, die mit dem Krieg, der Besatzungsherrschaft, dem militärischen Widerstand zu tun haben,[1] vor allem im Falle eines Regimewechsels wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie sehr Militärhistoriker den Nerv einer Gesellschaft freilegen können, hat in den 1990er-Jahren der Aufschrei gezeigt, den die „Wehrmachtsausstellung” des Hamburger Instituts für Sozialforschung rund 50 Jahre nach Kriegsende in Deutschland landesweit hervorgerufen hat.[2] Wegen dieser mehrfachen Verkettung der Militärgeschichte mit den zeitgenössischen Konstellationen sind die Grenzen zwischen dem Feld, das die seriöse Wissenschaft bearbeitet, und dem Platz, auf dem sich Hobbyhistoriker jedweder politischer Couleur tummeln, oft weit weniger trennscharf als etwa in anderen historischen Teildisziplinen.
Umso mehr kommt es darauf an zu klären, was denn die Militärgeschichte als geschichtswissenschaftliche Teildisziplin ausmacht. Die Frage wiederum weist auf einen weiteren Aspekt hin, der den Zugang erschwert: Der Kreis der am Forschungsprozess beteiligten Personen und Institutionen allein in Deutschland ist zu heterogen, als dass es militärgeschichtliche „Schulen” und kanonische Werke gäbe. Die Lage würde rasch noch unübersichtlicher, betrachtete man zudem die Forschungslandschaft in anderen Ländern. Wen kann es da wundern, dass es erst recht keine Definition gibt? All das erklärt – neben den Kontinuitätsbrüchen der Militärgeschichtsschreibung – die Ambivalenzen und Widersprüche des Fachs. Was in den Augen Außenstehender die Unklarheit, ja Unsicherheit verstärkt, hat jedoch einen produktiven Prozess der Selbstverständigung unter Militärhistorikern befördert, zu dem nicht zuletzt die Einführungen in das Fach zählen.[3]
Für ihre Mehrheit besitzt der Gegenstandsbereich der Militärgeschichte zwei Hauptkomponenten: Krieg und Militär. Die meisten Militärhistoriker beschäftigen sich nach den grundlegenden Standards ihrer Zunft (a) mit militärischen Konflikten einschließlich ihrer Voraussetzungen und Folgen, (b) mit dem Militär als einer sozialen Gruppe und Großorganisation sowie (c) mit den Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen Krieg und Militär auf der einen Seite und der jeweiligen im weitesten Sinn gesellschaftlichen Verfasstheit auf der anderen. Wenn gleichwohl regelmäßig nicht von einer „Kriegs- und Militärgeschichte” oder nur von „Kriegsgeschichte” gesprochen wird, hat das seinen semantischen Grund darin, dass der Terminus „Kriegsgeschichte” bis 1945 eine andere Bedeutung besaß als jene, die man später damit verbunden wissen wollte.
Die Verwerfungen der Militär- und Kriegsgeschichtsschreibung in Deutschland sind oft geschildert worden.[4] Gleichwohl sollen sie hier mit wenigen Strichen zumindest skizziert werden, weil ohne diese disziplingeschichtliche Perspektive die Bedeutsamkeit manch neuerer Entwicklungen und die Schärfe der Kontroverse unverständlich blieben. Das Ziel der „Kriegswissenschaft” war es seit dem späten Mittelalter, die Lehren aus der Kriegsgeschichte zu ziehen und zu vermitteln. Carl von Clausewitz hat in seinem Meisterwerk „Vom Kriege” 1832 das militärische Geschehen erstmals als eine Variable gesellschaftlicher Entwicklungen erklärt und betont, dass sich der Krieg nicht aus sich selbst heraus, sondern nur als ein politisches Phänomen verstehen lässt.[5] Bevor rund 150 Jahre später die methodische Konsequenz daraus gezogen wurde, blieben Kriegs- und Militärwissenschaft jedoch ein – wie man heute sagen würde – Alleinstellungsmerkmal von Generalstäben und Kriegsakademien. Mit einem „applikatorischen” Ansatz wurden die per se vorbildlichen Feldzugsplanungen großer Feldherren – insbesondere Friedrichs II. und Moltkes – zum Zweck des unkritischen Nachahmens herausgestellt. Erst Hans Delbrück, Treitschkes Nachfolger an der Berliner Universität, konzipierte eine mittelfristig wegweisende „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte”.[6] Nach dem Ersten Weltkrieg war die Militärgeschichte vor allem eine Sache des Reichsarchivs. Im Gebäude der Reichskriegsschule in Potsdam wurde jahrelang an einer amtlichen Weltkriegsgeschichte gearbeitet, die das negative Image des Militärs aufpolieren sollte.[7]
An dieser Zuordnung der Kriegs- und Militärgeschichtsschreibung zu militärischen (politischen) Institutionen änderte sich in der DDR wie in der Bundesrepublik lange nichts. In Ostdeutschland wurde die Militärgeschichte 1958 institutionalisiert und auf die ideologische Indoktrination der Nationalen Volksarmee (NVA) umgepolt.[8] In Österreich führten einzelne Militärhistoriker relativ lange ein Nischendasein im Dunstkreis der alt-österreichischen Kriegsgeschichtsschreibung, ohne freilich die internationalen militärgeschichtlichen Diskurse mitzugestalten. In Westdeutschland verfügte bereits der Vorläufer des Bundesverteidigungsministeriums, das „Amt Blank”, über eine Abteilung „Militärwissenschaft”, die 1956 als militärgeschichtliche Forschungsstelle den Grundstein für das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Freiburg i.Br. (seit 1997 in Potsdam) als einer nachgeordneten Dienststelle des Bundesministeriums für Verteidigung unter militärischer Führung legte.[9] Der Hauptauftrag des MGFA galt der Erforschung des Zweiten Weltkriegs, dessen Deutung man nicht den DDR-Historikern überlassen wollte. Die Auseinandersetzung mit der tradierten utilitaristischen Herangehensweise, die an dem Nutzen der Militärgeschichte für die Offiziersausbildung als Relevanzkriterium festhielt, prägte die ersten zehn bis fünfzehn Jahre der institutionalisierten Militärgeschichtsschreibung, die mit der universitären Geschichtswissenschaft wenig am Hut hatte – und umgekehrt.[10] Diese institutionelle und konzeptionelle Rückkopplung der Militärgeschichte an das Militär selbst stellt im Vergleich mit Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Frankreich eine Besonderheit dar, die keine derartigen Institutionen aufwiesen.[11]
In der Bundesrepublik zeichnete sich eine Entwicklungslinie ab, die sich als „Wandel durch Annäherung” beschreiben und in drei Phasen unterteilen lässt.[12] Nach der ersten, bis in die späten 1960er-Jahre reichenden Phase der Institutionalisierung der Militärgeschichte folgte eine zweite des allmählichen Perspektivenwechsels in den 1970er- und 1980er-Jahren. Mit der „Fischer-Kontroverse” – der hitzigen Debatte über die Großmachtpolitik des Kaiserreichs als Ursache des Ersten Weltkriegs – wurde der Zusammenhang von Militär, Politik und Gesellschaft nun erstmals auch in der historischen Zunft ein Thema, die es vor allem unter dem Rubrum des (preußisch-deutschen) „Militarismus” diskutierte.[13] Dies hatte Rückwirkungen auf die institutionalisierte Militärgeschichte, wie das 1979 vom MGFA begonnene Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg” zeigt.[14] Diese zehnbändige Reihe behandelt die Geschichte des Kriegs von Beginn an auch als eine Geschichte der deutschen Gesellschaft während des Kriegs. Neben den operationsgeschichtlich orientierten Beiträgen wurden die sozialen, wirtschaftlichen und ideologischen Aspekte berücksichtigt.
Impulse für eine „zivilisierte” Geschichte des Kriegs und der Soldaten lieferte auch die „Alltagsgeschichte”. Der Blick „von unten”, den seit den 1980er-Jahren kleinräumige Studien auf die Gesellschaft freigaben, zeigte nicht zuletzt Kommunen und Regionen im Krieg. Die Militärgeschichte des „kleinen Mannes” zielte auf die einfachen Menschen als Akteure und Leidtragende militärischer Großkonflikte.[15] Schließlich nahm sich die „Friedensforschung” des Problems militärischer Konflikte gleichsam unter umgekehrtem Vorzeichen an.[16] In den Debatten des 1984 gegründeten „Arbeitskreises Historische Friedensforschung” spielten zeitgeschichtliche Themen wie etwa der Übergang von der Kriegs- zur Friedensgesellschaft eine wichtige Rolle.[17]
Gleichwohl galt den meisten Hochschullehrer/innen das Militärische weiterhin als etwas, das wenig mit dem Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft, dafür viel mit der identitätsstiftenden Selbstdarstellung des Militärs zu tun hatte. Die neue Sozialgeschichte scheute die Soldaten und setzte zunächst andere Schwerpunkte. Aber auch die allumspannenden Theorien der Makrosoziologie über die Funktionsweise der Gesellschaft waren bei der Analyse des Phänomens „Krieg” wenig hilfreich. Noch 1989 konnten Geschichtsstudent/innen in Opgenoorths Einführung lesen, dass „die Kriegs- und Militärgeschichte” im Vergleich mit anderen Teildisziplinen „in besonders hohem Grade zu einem Dasein in der Abgeschiedenheit (neigt), das zu ihrer sachlichen Bedeutung in auffallendem Gegensatz steht”.[18]
Ein bis heute fortwirkender Umbruch – die dritte Phase – setzte in der Bundesrepublik erst in den 1990er-Jahren ein. Dafür sorgte indes weniger eine thematische als eine theoretisch-methodische Neuorientierung, die Anregungen aus der Sozial- und Kulturgeschichte aufgriff. Ihre Vertreter sprachen daher früh von einer „Militärgeschichte in der Erweiterung”.[19] Mit den Impulsen der verschiedenen sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätze fanden Krieg und Militär im gesellschaftlichen Zusammenhang endgültig das Interesse eines größeren Kreises von Historikern und – auch das war neu – Historikerinnen. Aus der Distanz von über zwanzig Jahren lässt sich die noch vorsichtig formulierte Einschätzung von Gerd Krumeich bekräftigen, man könne hier „wahrscheinlich von einem wirklichen Paradigmenwechsel sprechen”.[20] Die „Rückkehr des Kriegs” in Jugoslawien, aber auch der breit diskutierte Krieg mit dem Irak verstärkten das allgemeine Interesse.
Das spiegelt sich in der Wissenschaftslandschaft wider. Nach dem Historikertag 1994 wurde der „Arbeitskreis Militärgeschichte” mit dem Ziel gegründet, „zur Entwicklung dieses aktuellen und wichtigen Feldes der Geschichtswissenschaft bei[zu]tragen, das an deutschsprachigen Universitäten institutionell nach wie vor kaum vertreten ist”.[21] Seit 1996 gibt es schließlich einen Lehrstuhl für Militärgeschichte, eine Stiftungsprofessur des Bundesministeriums der Verteidigung an der Universität Potsdam. Darüber hinaus setzte von 1999 bis 2008 der Sonderforschungsbereich 437 „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit” an der Universität Tübingen sozial- und kulturhistorische Akzente. Unter den außeruniversitären Forschungseinrichtungen hatte, neben dem MGFA, auch das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin unter dem Titel „Wehrmacht in der NS-Diktatur” ein militärgeschichtliches Großprojekt aufgelegt, das vor allem die Schnittstellen von Militär und Bevölkerung in Osteuropa beleuchtet.[22]
An den Universitäten sind Krieg und Streitkräfte seitdem ein Thema wie andere auch. Student/innen beschäftigen sich mit Militär, Staat und Gesellschaft sowie mit der Wissenschaftsdisziplin der Militärgeschichte, ihrer Geschichtsschreibung und ihren Institutionen. Militärgeschichte und Militärsoziologie stehen im Zentrum des 2007 gestarteten Master-Studiengangs „Military Studies”, den die Universität Potsdam in Kooperation mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr und dem MGFA unterhält und der „den Fokus auf die Wechselwirkungen von Militär, Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur oder auf die Ursachen und Dynamiken gewaltsamer interner wie internationaler Konflikte richtet”.[23] Diese institutionellen Verzahnungen – von persönlichen Netzwerken ganz zu schweigen – belegen, wie sehr der Wandel der Militärgeschichte zu einer Annäherung an die Geschichtswissenschaft geführt und umgekehrt diese Annäherung den Wandel vorangetrieben hat.
Diese konzeptionelle und methodische Neuorientierung machte militärgeschichtliche Themen für andere Subdisziplinen bzw. Fachrichtungen interessant und beförderte – oft signalisiert durch die Formel „Militärgeschichte als …” – interdisziplinäre Herangehensweisen. Die neuen Konvergenzen, die einerseits über die älteren politik- und institutionengeschichtlichen Ansätze hinausgehen und sich andererseits im Forschungsdreieck einer Geschichte von Militär, Krieg/Frieden und Gesellschaft bewegen, lassen sich an drei Beispielen stichpunktartig veranschaulichen.
Erstens wird aus sozialgeschichtlicher Perspektive das Militär als eine soziale Gruppe unter die Lupe genommen.[24] Rekrutierungsmuster, soziale Öffnung des Offizierskorps sowie die Sozialisation in der Kaserne sind Aspekte, die von der Forschung aufgegriffen werden. Zum anderen wird Krieg als Faktor der Vergesellschaftung untersucht, etwa anhand der „Kriegsgesellschaft” im Unterschied zu der als Normalzustand unterstellten Zivilgesellschaft im Frieden.[25] Schließlich schlägt die Gretchenfrage der Wehrverfassung, „Wehrpflicht oder Freiwilligenarmee?”, die in den letzten Jahren wieder an Aktualität gewonnen hat, auch in historischer Perspektive eine Brücke zwischen Militär und Gesellschaft.[26]
Die Wirtschafts- und Technikgeschichte, zweitens, befasst sich etwa mit den ökonomischen Bedingungen und Folgen der Stationierung von Militär, der Umstellung einer Friedens- auf die Kriegswirtschaft sowie mit der Rüstungsproduktion und -beschaffung.[27] Weil militärische Souveränität und nationale Identität stets eng verflochten waren, kann man drittens auf neue Studien zur Verbindung der Militärgeschichte mit der Historischen Nationalismusforschung hinweisen. Für das 20. und 21. Jahrhundert muss etwa nach nationalen Deutungs- und Legitimationsmustern von Kriegen wie umgekehrt nach den militärischen, in einem Krieg gründenden Deutungs- und Legitimationsmustern des nation building gefragt werden. Die Frage nach der Bedeutung der Nation als Motivation der Soldaten bleibt nicht nur für den nationalsozialistischen Krieg aktuell,[28] sondern auch für die nationalgeschichtlich verankerte Traditionsbildung der Streitkräfte (auch im internationalistischen Warschauer Pakt) und die Kriege der 1990er-Jahre.
Anhand der drei Beispiele lässt sich nicht nur die Konvergenz verschiedener Fachrichtungen, sondern in methodischer Hinsicht auch die kulturgeschichtliche Herangehensweise zeigen, die mit diesen Verbindungen einhergehen kann. Das kulturgeschichtliche Interesse an Wahrnehmungen und Deutungen, an Symbolen, Ritualen und Repräsentationen leuchtet im Fall der Frage nach Militärgeschichte und Nationalismusforschung unmittelbar ein, ist aber auch dort forschungsleitend, wo es um die Ungleichzeitigkeit von rüstungstechnischem Fortschritt und den Beharrungskräften traditioneller Kriegsbilder oder Selbstbilder, etwa als Militärpilot, geht.[29] Ein kulturgeschichtlicher Ansatz liegt schließlich, um zum ersten Beispiel zurückzukehren, auch dort nahe, wo es um militärische Milieus, den Frontalltag oder die „Militarisierung” der Gesellschaft geht. Zudem wurde neuerdings vielfach die mediale Dimension des Kriegs untersucht, die nicht einfach als zeitgenössische Deutung, sondern als inhärenter Teil des Kriegs und der Kriegführung gefasst wird – insbesondere im Zuge der Propagandakriege des 20. Jahrhunderts.[30]
Die Ausweitung lässt sich noch von einer anderen Seite, nämlich von ihrem Gegenstand her beleuchten. Ein weitreichender Forschungsimpuls für die neue Militärgeschichte ging von dem Idealtypus des „totalen Kriegs” aus.[31] Mit diesem heuristischen Instrument wurden die Kriege des 20. Jahrhunderts auf Parameter ihrer „Totalität” untersucht und die historische Dynamik mit der Radikalisierung dieser Parameter erklärt. Eine methodische Konsequenz aus der Totalität des modernen Kriegs ist die Totalität seiner Darstellung in der Geschichtsschreibung. Wo der militärische Konflikt alle Lebensbereiche erfasst, muss theoretisch eine holistische Militärgeschichte die zahlreichen Facetten von Kriegsgesellschaften ausleuchten.[32]
Diese Erweiterung der Militärgeschichte lief mit der rasanten Ausdehnung ihrer Quellenbasis parallel. Hatte sich die ältere Militärgeschichte wegen ihres historistischen Interesses an der Funktionselite und den Entscheidungsprozessen auf höchster Ebene vor allem auf umfangreiche Aktenkonvolute gestützt (weshalb Kritiker ihr – ebenso übrigens wie den Kollegen in Westeuropa[33] – Aktengläubigkeit und Positivismus vorgehalten haben), wurden nun auch „Egodokumente” aus dem Krieg herangezogen wie die Privatkorrespondenz[34] oder Tagebücher[35]. Der Schwerpunkt verlagerte sich von der politischen und militärischen Elite auf die sozialen Verhaltensweisen der „ganz normalen Deutschen” während des Kriegs. Das Erkenntnisinteresse zielte regelmäßig darauf, den (deutenden) Wahrnehmungen des Kriegs nachzuspüren, aktive und passive Gewalterfahrungen zu erklären und die konkreten Handlungsspielräume von Frauen und Männern auszuloten. Selbstzeugnisse sollten nicht selten den „Eigensinn” der Akteure belegen, ihre Nähe und Distanz zum Regime vermessen, ihre (wachsende) Kenntnis von Kriegsverbrechen nachweisen oder ihren Weg in den Widerstand. Als neue, wenngleich mit besonderer quellenkritischer Vorsicht zu genießende Quelle wurden die millionenfach überlieferten Feldpostbriefe „entdeckt”[36]. Deutsche Historiker folgten ihren angelsächsischen Vorgängern, die seit den 1970er-Jahren das Leben an der Front in einem interdisziplinären Ansatz untersuchten. Dieser Ansatz setzte auch auf literaturgeschichtliche und kulturanthropologische Methoden.[37] Das Argument lässt sich freilich auch umdrehen: Spezifisch militärgeschichtliche Quellen haben die Palette zeitgeschichtlicher Quellen vergrößert.
Am Beispiel der Feldpost lässt sich ein quellenkritisches Problem anreißen, das man die Authentizitätsfalle der Militärgeschichte nennen könnte. Weil das Kriegserlebnis, der Umgang mit und die Verarbeitung von militärischer Gewalt im Zentrum vieler Arbeiten zur Militärgeschichte stehen, ist es verlockend, möglichst nah an die „Kriegswirklichkeit” heranzukommen – als ob es einen Punkt außerhalb der Zeit gäbe. Zwei Modelle der Authentizitätsfalle lassen sich unterscheiden. Zum einen sollen bestimmte Quellenarten den Eindruck des Unverfälschten wecken. Das kann die erwähnte Privatkorrespondenz sein, das können aber auch Abhörprotokolle der Gespräche von Wehrmachtssoldaten in Kriegsgefangenschaft sein.[38] Doch was wir lesen oder hören ist das, was die Landser kommuniziert haben – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was sie für nicht erwähnenswert hielten, was ihnen unsagbar schien, was sie verschweigen wollten: Davon erfährt man nichts, wenngleich auch die Ermittlung des Tabuisierten bereits ein Forschungsergebnis sein kann.
Zum anderen werden die Überlebenden des Kriegs in den „Zeugenstand” gerufen. Um zu erfahren, wie es im Bombenkrieg, an der Front oder im Besatzungsgebiet „wirklich” gewesen ist, scheinen die Zeitgenossen – das heißt auch die „Kriegskinder”[39] – zum „Zeitzeugen” prädestiniert.[40] Er lieferte den Stoff für den Opfer-Diskurs der letzten Jahre, der im Hinblick auf den nationalsozialistischen Krieg nicht mehr allein die Opfer der Deutschen, sondern auch die Deutschen als Opfer des Kriegs umfasst.[41] Dagegen ist an die Einsicht der reflektierten Oral History zu erinnern, dass der Historiker nicht die Widerspiegelung des berichteten Ereignisses erfasst, sondern das Ergebnis eines mehrschichtigen, durch öffentliche und private Kommunikation über den Krieg immer wieder neu geprägten Prozesses der Erinnerung daran im Moment des Interviews. Das weist auf ein hochaktuelles Forschungsfeld hin, das eine Komponente der Militärgeschichte bleiben wird: die Erinnerungsgeschichte.
Von den gegenwärtigen Entwicklungslinien, die sich teils wegen ihrer Aktualität, teils wegen ihrer ungelösten Problematik mit einiger Gewissheit in die Zukunft verlängern lassen, sollen hier drei herausgehoben werden: die erinnerungsgeschichtliche, die europäisch-internationale und die operationsgeschichtliche.
Erstens gewinnt die Militärgeschichtsschreibung mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine weitere Untersuchungsebene. So zeichnet sich (frei nach Pierre Nora) eine Militärgeschichte „zweiten Grades” ab, deren erinnerungsgeschichtliche Ansätze weniger auf die erinnerte als die sich erinnernde Vergangenheit zielen: auf die in pluralistischen Gesellschaften zumeist konfliktträchtigen Auseinandersetzungen um den Stellenwert des Kriegs und der Streitkräfte, die ihn führten, die als Prozess der Selbstverständigung interpretiert werden können.[42] Erinnerungskonflikte, wie sie zum Beispiel bei der Errichtung eines „Ehrenmals”[43] für das Gedenken an die ums Leben gekommenen Bundeswehrangehörigen aufbrachen, sind nicht zuletzt Indizien für das Ringen um die jeweils gültigen Normen. Die „zweite Geschichte” des Zweiten Weltkriegs ist auch deshalb reizvoll, weil sie eine methodische Brücke über die vermeintliche Zäsur von 1945 hinweg in die Bundesrepublik und die DDR schlägt – nicht zuletzt wiederum zu deren Militärgeschichten.[44]
![Oktober 1974, Berlin, Fotograf: Friedrich Gahlbeck. Die Abbildung zeigt die Ehrenparade der NVA auf der Karl-Marx-Allee in Berlin am 7.10.1974. Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-N1007-0019,_Berlin,_25._Jahrestag_DDR-Gr%C3%BCndung,_Parade.jpg Wikimedia Commons/Bundesarchiv, Bild 183-N1007-0019] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC BY-SA 3.0 DE]).](sites/default/files/import_images/1526.jpg)
Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt: Die Berücksichtigung der individuellen Erfahrungen und Erinnerungen der Mitlebenden gibt militärhistorischem Fachwissen erst eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Die Diskrepanz zwischen dem Forschungsstand der Militärgeschichte und den verbreiteten Kenntnissen hat die erwähnte „Wehrmachtsausstellung” verdeutlicht. Umgekehrt erklärt sich das breite, auch mediale Interesse an der Geschichte des Bombenkriegs nicht zuletzt durch die recht große Schnittmenge der Interessen von Zeitzeugen und Fachleuten.
Zweitens drängt die Militärgeschichte geradezu auf ihre weitere Internationalisierung. Schließlich sind Staatenkriege und Militärbündnisse per definitionem grenzüberschreitend.[47] Dennoch wird die Geschichte militärischer Konflikte noch häufig von einer nationalgeschichtlichen Warte aus geschrieben. Die Ausweitung des Blickfelds allein könnte beispielsweise für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs bedeuten, die spezifischen Chronologien des Kriegs aufzuzeigen und das Konstrukt des einen Weltkriegs genauer unter die Lupe zu nehmen. Sodann erscheint es lohnend, auf bislang nationalgeschichtlich untersuchte Fragen durch den historischen Vergleich noch aussagekräftigere Antworten zu finden, zum Beispiel durch den vergleichenden Blick auf die Kriegserinnerungen in den Gesellschaften Ost- und Westeuropas,[48] auf das Gefallenengedenken[49] oder auf die binnenmilitärische Traditionsstiftung in ost- und westeuropäischen Streitkräften[50]. Auf einer Metaebene ließen sich die internationalen Militärallianzen NATO und Warschauer Pakt vergleichen, auf der Meso-Ebene die Geschichte einzelner Regimenter.[51] Ferner könnten transnationale Ansätze für die neueste Militärgeschichte den Integrationsprozess im Zeichen einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) studieren, welche die EU Anfang der 1990er-Jahre als Antwort auf ihre begrenzten Handlungsmöglichkeiten während des Zerfalls Jugoslawiens konzipiert hat. Durch die kulturgeschichtliche Brille erscheinen schließlich Kontakte zwischen Soldaten verschiedener Armeen oder zwischen ihnen und der Bevölkerung als eine Begegnung mit dem „Anderen” im 20. Jahrhundert. Militärgeschichtliche Phänomene wie Kriegsgefangenschaft,[52] Besatzungsherrschaft[53] oder Entkolonialisierung werden u.a. unter ereignis-, institutionen- oder verwaltungsgeschichtlichen Aspekten analysiert.
Grundsätzlich bietet die verflechtungsgeschichtliche Herangehensweise einen Zugang zu militärgeschichtlichen Entwicklungen jenseits nationalgeschichtlicher Strukturen, sei es die Kooperation im Rüstungswesen, die Bedrohungsperzeption im Ost-West-Konflikt oder die Entwicklung einer europäischen Sicherheitsstrategie.[54] Wechselseitigkeit zwischen den Staaten in Europa und der Großmacht USA ist bis heute eine historische Prägekraft, während die außereuropäischen Einflüsse auf Krieg und Militär im Europa des 20. Jahrhunderts nicht zu hoch veranschlagt werden sollten.
Drittens: Zu den Überhängen aus der Vergangenheit der Kriegsgeschichte gehört zuweilen die Auffassung, dass allein die bewaffnete Auseinandersetzung, die Kriegführung auf dem Schlachtfeld und in Feldzügen, der eigentliche Gegenstand der Militärgeschichte sei, von dem die geschilderte Erweiterung der Militärgeschichte allzu weit weggeführt habe.[55] Man mag diese „traditionelle Leitvorstellung” als „die wohl schwerwiegendste Hypothek dieser Fachrichtung” (Jutta Nowosadtko) einstufen.[56] Man kann sie aber auch als einen erkenntnistheoretisch verblüffenden Kurzschluss zwischen dem Metier des Militärs und dem Metier des Militärhistorikers verstehen. Der Wissenschaftsbegriff der Geschichtswissenschaft ist nicht in Einklang zu bringen mit einem heuristischen Verständnis, das den Gegenstandsbereich der Militärgeschichte von der Profession des Soldaten ableiten möchte – ebenso wie der Untersuchungsbereich der Kirchengeschichte nicht im Betätigungsfeld der Geistlichen aufgeht.
Das heißt im Umkehrschluss freilich nicht, dass nicht auch Kriegführung, Strategie- und Operationsgeschichte wichtige Themen der Militärgeschichte sind. Der amerikanische Militärhistoriker Dennis Showalter hat vor über zehn Jahren zu Recht unterstrichen, dass die Analyse des Kriegs ohne eine moderne Operationsgeschichte einer Aufführung des „Hamlet” ohne den Prinzen von Dänemark gleichkomme.[57] Doch auch mehr als zehn Jahre später ist die dazu erforderliche Konzeption einer theoretisch reflektierten und methodisch kontrollierten „Operationsgeschichte” nicht von Ferne zu erkennen. Noch immer ist man für die Operationsgeschichtsschreibung zumeist auf Kategorien und Begriffe zurückgeworfen, die der militärischen Profession statt dem wissenschaftlichen Diskurs entstammen und die unter militärischen Gesichtspunkten sinnvoll sein mögen, nicht aber unter den fachwissenschaftlichen, um die es geht. Hinzu kommt der per definitionem apologetische Charakter einer Geschichtsschreibung, die „den Historiker nötigt, ein kollektives Gewaltgeschehen ausschließlich aus der Optik der operativ verantwortlichen Führungsinstanzen, also gleichsam immanent zu beurteilen”.[58]
Nichts unterstreicht die seit den 1980er-Jahren erreichte Anschlussfähigkeit der Militärgeschichte besser als die Vielfalt der Teildisziplinen, mit denen sie sich überlagert. Was spricht eigentlich dagegen – so ist im Hinblick auf die Methode zu fragen –, je nach Erkenntnisinteresse, Fragestellung und Vorliebe in dem einen Fall etwa weitergreifende politik-, sozial- , kultur- oder wirtschaftsgeschichtliche Studien durch eine auf Krieg und Militär in Krieg und Frieden spezialisierte Forschung zu bereichern, in einem anderen Fall politik-, sozial-, kultur- oder wirtschaftsgeschichtliche Ansätze für militärgeschichtliche Arbeiten fruchtbar zu machen? Die militärgeschichtliche Herangehensweise eröffnet wie andere Teildisziplinen einen originären Blick auf die Geschichte des sozialen Wandels. Umgekehrt liefert diese jener immer wieder neue Impulse. Ein solches wechselseitiges Vorgehen ist allemal reizvoller als die weitgehende Selbstbeschränkung auf die Verlaufsgeschichte von Schlachten und Feldzügen – die ihrerseits, unverzichtbar wie sie zweifellos ist, davon profitieren könnte. So eröffnet erst der Methodenpluralismus die Möglichkeit, immer wieder neu zu entscheiden, welche Kombination von Ansätzen je nach Fragestellung, Zeithorizont und Komplexität des Themas den größten Erkenntnisgewinn verspricht.[59]
Carl von Clausewitz, Vom Kriege (1832 - 1834), Hamburg 2012 (online).
Thomas Vogel, Wolfgang Schmidt, Jörg Echternkamp (Hrsg.), Perspektiven der Militärgeschichte. Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung, München 2010.
Hew Strachan, Sibylle Scheipers (Hrsg.), The Changing Character of War, Oxford 2011.
Thomas Kühne, Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000.
Karl-Volker Neugebauer (Hrsg.), Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. Auflage. Bd. 2, München 2009.
Jutta Nowosadtko, Krieg, Gewalt und Ordnung. Einführung in die Militärgeschichte, Tübingen 2002.
Edgar Wolfrum, Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003.
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