Zeitgeschichte, Psychologie und Psychoanalyse
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 07.04.2020
https://docupedia.de/zg/doerr_zeitgeschichte_psychologie_v2_de_2020
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1743
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 07.04.2020
https://docupedia.de/zg/doerr_zeitgeschichte_psychologie_v2_de_2020
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1743
„Psychoanalysis and history are brothers under the skin, although neither discipline has been willing to acknowledge the fraternity.”[1]
Psychologie und Psychoanalyse sind in den letzten Jahren als historische Hilfswissenschaften außer Mode gekommen. Diese Tatsache überrascht, da geschichtswissenschaftliche Themengebiete, die psychologisch oder psychoanalytisch definierte Begriffe im Titel tragen, durchaus populär sind: Die „Geschichte der Emotionen“ ist aktuell einer der innovativen methodischen Ansätze der Geschichtswissenschaft. Auch die mittlerweile vielfältigen „Erinnerungsorte“ basieren mit der Fähigkeit zur Erinnerung auf einem zentralen Forschungsgebiet der Psychologie. Ebenso prägen Publikationen zum „kollektiven Gedächtnis“, zur Erinnerungskultur und zum Geschichtsbewusstsein seit Jahren den Markt historisch-wissenschaftlicher Bücher; Großmächte sind „nervös“, Massenmedien „aggressiv“, und „Angst“ wird in der zeithistorischen Forschung zu einem Motiv in der Außen- und Sicherheitspolitik.[2] Trotz allem findet die methodische und theoretische Auseinandersetzung mit Psychologie und Psychoanalyse als Nachbardisziplinen kaum statt. Aktuelle Einführungen in die Theorie und Methoden der Geschichtswissenschaft erwähnen Psychologie und Psychoanalyse im Rahmen der historischen Nachbardisziplinen nicht mehr explizit oder gehen nur kursorisch darauf ein.[3]
Für die zeithistorische Forschung sind Psychologie und Psychoanalyse von besonderer Bedeutung. Das 20. Jahrhundert brachte nicht nur die Etablierung beider Disziplinen als anerkannte Wissenschaften mit sich. Ebenso kam es zu einer Veränderung des menschlichen Bewusstseinshorizonts, da das seit der Aufklärung prägende Postulat eines freien menschlichen Willens durch die neuen Erkenntnisse von Psychologie und Psychoanalyse ad absurdum geführt wurde. Darüber hinaus entwickelte sich eine Art Alltagspsychologie, die einerseits die massenhafte Verwendung psychologischer und psychoanalytischer Begrifflichkeiten im Alltag mit sich brachte, andererseits auch zu einer Verwässerung und zu einem unwissenschaftlichen Gebrauch dieser Begriffe führte. So finden sich beispielsweise Begriffe wie Verdrängung, Depression, Phobie oder Trauma vermehrt in schriftlichen Quellen der letzten Jahrzehnte, man hört sie in Zeitzeugenbefragungen, und sie werden in der Historiografie benutzt. Eine zeithistorische Forschung, die diese Begriffe nicht ungefragt übernehmen will, sondern sie dekonstruieren und in ihrem zeitlichen Kontext betrachten möchte, benötigt zumindest Grundkenntnisse psychologischer und psychoanalytischer Methoden.
Woran liegt es, dass sich Psychologie und die von Historiker*innen zwar etwas häufiger, aber im Gegensatz zu anderen Nachbardisziplinen dennoch deutlich seltener verwendete Psychoanalyse keiner großen Beliebtheit in der (Zeit-)Geschichtsforschung erfreuen? Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Im Gegensatz zu anderen historischen Hilfswissenschaften, die aus den geschichtswissenschaftlichen Nachbardisziplinen stammen, hat sich bislang kein methodisch-theoretisches Standardwerk zum Verhältnis der Psychologie zur Geschichtswissenschaft entwickelt. Im Falle der Psychoanalyse kann man ebenfalls nicht davon sprechen, dass sich eine Standardpublikation herausgebildet hätte. Dennoch sieht es hier etwas besser aus. So erregte der vor knapp 50 Jahren von Hans-Ulrich Wehler herausgegebene Sammelband „Geschichte und Psychoanalyse“ zu Recht einiges Aufsehen.[4] Mit dem 1998 von Jörn Rüsen und Jürgen Straub herausgegebenen Sammelband „Die dunkle Spur der Vergangenheit – Psychoanalytische Zugänge zum Geschichtsbewusstsein“ ist darüber hinaus eine Publikation entstanden, die den Nutzen der Psychoanalyse für eine moderne (Zeit-)Geschichtsforschung umfassend darstellt und Anwendungsbeispiele gibt.[5]
Ein weiterer Grund für die mangelnde Beachtung liegt in der Entwicklung der Psychologie als Wissenschaft begründet: Im Zuge der Durchsetzung einer naturwissenschaftlich orientierten Psychologie zu Ungunsten einer Psychologie als Geisteswissenschaft hat sich auch ihr Einfluss als historische Hilfswissenschaft minimiert. Die „Verstehende Psychologie“ Wilhelm Diltheys um 1900 stand der Historiografie noch näher als eine moderne Psychologie, die sich als kognitive Neurowissenschaft versteht.[6] In diesem Zusammenhang mag auch das nun stärker biologisch und medizinisch orientierte fremde psychologische Fachvokabular zu Berührungsängsten bei Historiker*innen führen.[7]
Berührungsängste entstanden und entstehen auch durch Fehlassoziationen der Psychologie mit der klassischen Psychoanalyse Freuds. Während im Studium der Psychologie die Psychoanalyse aktuell nur noch als Bestandteil der Ausbildung in den einführenden Vorlesungen zur „Geschichte der Psychologie“ eine Rolle spielt und die prägenden wissenschaftlichen Schulen der Psychologie seit dem Zweiten Weltkrieg der Psychoanalyse meist kritisch gegenüberstehen,[8] assoziieren die meisten Historiker*innen die Psychologie weiterhin primär mit der Psychoanalyse und vor allem ihrem Begründer Sigmund Freud.
Mit dieser unzutreffenden Assoziation gehen Vorurteile einher, die auf mittlerweile überholte Defizite der Freud‘schen Psychoanalyse rekurrieren. Dies gilt für den Vorwurf der mangelnden Überprüfbarkeit ebenso wie für die Kritik an der Überbetonung des Sexuellen.[9] So ist in der Neopsychoanalyse die Bedeutung des Sexuellen deutlich abgemildert. Darüber hinaus wurde die problematische Darstellung des weiblichen Geschlechts bei Freud relativiert: Psychoanalytiker*innen wie Karen Horney hatten bereits zu Zeiten Freuds darauf hingewiesen, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht primär auf biologischen, sondern auf sozialen und kulturellen Faktoren basierten, und damit prägende Ansätze für die Gendergeschichte geliefert.[10]
Ein weiterer Faktor, der zur seltenen Nutzung von Psychologie und Psychoanalyse als historische Hilfswissenschaften beiträgt, liegt im Studium begründet. Psychologie ist, im Gegensatz zu Germanistik, Philosophie oder Politikwissenschaft, kein beliebtes Zweit-, Neben- oder Beifach für Geschichtsstudenten*innen.[11] Auf diese Weise wird bereits früh eine Präferenz für die Nutzung der beliebteren historischen Nachbardisziplinen herausgebildet. Während die meisten Geschichtsstudenten*innen ihr Studium bereits mit theoretischen und methodischen Kenntnissen der oben genannten Fächer, aber auch der Soziologie, der Wirtschafts- und/oder der Rechtswissenschaften abschließen, müssten sie sich in das Gebiet von Psychologie und Psychoanalyse erst mühsam einarbeiten. Für den nicht-psychologisch geschulten Historiker oder die Historikerin entsteht jedoch, wenn er oder sie solche Methoden nutzen will, rasch ein weiteres Problem durch die große Vielfalt psychologischer Schulen, die miteinander konkurrieren. Der passende Ansatz für die jeweilige historische Fragestellung muss in einer derart ausdifferenzierten Wissenschaft erst einmal gefunden werden. Dies gilt in etwas abgemilderter Form auch für die verschiedenen psychoanalytischen Ansätze. Schon Hans-Ulrich Wehler wies vor knapp fünf Jahrzehnten darauf hin, dass sich hierbei Aufwand und Ertrag möglicherweise nicht decken.[12]
Es stellt sich also die Frage: Lohnt sich die Einarbeitung in diese von der Geschichtswissenschaft vernachlässigten Nachbardisziplinen? Der Autor des vorliegenden Textes meint ja und plädiert für eine (Wieder-)Entdeckung beider Disziplinen für die zeithistorische Forschung. Warum aber sollten Historiker*innen diese interessante, aber anstrengende Einarbeitung auf sich nehmen?
Der vorliegende Beitrag widmet sich dementsprechend dem Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychologie sowie Psychoanalyse. Nach einem Überblick über den potenziellen Nutzen der beiden letztgenannten Wissenschaften für die historische Forschung folgt eine Zusammenfassung der Geschichte von Psychologie und Psychoanalyse als historische Hilfswissenschaften seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. In einem kurzen Abschnitt wird anschließend der Spezialfall der „Psychohistory“ beschrieben. Darauffolgend stellt der Beitrag vier Anwendungsbeispiele für die Nutzung psychologischer und psychoanalytischer Methoden in der historischen Forschung dar. Anschließend werden Kritik und Gefahren der Nutzung von Psychologie und Psychoanalyse als historische Hilfswissenschaften erläutert. Der Beitrag schließt mit einem bewertenden Fazit zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychologie sowie Psychoanalyse.
In ihrem Standardwerk „Die dunkle Spur der Vergangenheit“ konstatieren Jörn Rüsen und Jürgen Straub: „Es ist trivial, auf den Einfluß unbewusster Vorgänge auf die menschliche Welt- und Selbstdeutung zu verweisen. Umso erstaunlicher ist es, daß ein solcher Einfluß in den Tätigkeiten des Geschichtsbewußtseins kaum systematisch erforscht worden ist.“[13] Die Analyse unbewusster Prozesse, die erheblichen Einfluss auf die Geschichte ausüben, indem sie Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, ist in der Geschichtswissenschaft normalerweise kein Thema. Die Konzentration liegt für den/die Historiker*in fast immer auf dem Offensichtlichen. In dieser Hinsicht stellt der „emotional turn“ der 1990er-Jahre eine enorme Weiterentwicklung der (Zeit-)Geschichtsforschung dar.[14] Beinahe alle psychologischen Schulen konstatieren, dass Menschen nicht vollständig bewusst ist, welche Motive ihrem Handeln zugrunde liegen. Es gibt psychologisch gesehen keine hundertprozentige Rationalität. So kann beispielsweise aggressives Handeln der Ausdruck eines verdrängten Erlebnisses sein (Psychoanalyse), die Reaktion auf einen äußeren Reiz (Behaviorismus) oder auf einer kognitiven Fehlverarbeitung (Kognitivismus) beruhen. Ein Psychologe oder Psychoanalytiker kann diese unbewussten Auslöser aufdecken.
Thomas Nipperdey wies darauf hin, dass erst durch die Nutzung psychoanalytischer Methoden in der Geschichtswissenschaft das Modell eines rational handelnden Menschen, das die Geschichtswissenschaft bis ins 20. Jahrhundert geprägt hat, überwunden werden konnte. Die Rolle nicht-rationaler, unbewusster Einflüsse auf menschliches Denken und Handeln konnte somit durch die Nutzung von Psychologie und Psychoanalyse Einzug in die Geschichtswissenschaft halten.[15] Dennoch, so Nipperdey, hält sich die historische Forschung weiterhin mit Offensichtlichkeiten auf und vernachlässigt tieferliegende Motive des Handelns, Denkens und Fühlens, anstatt die Möglichkeiten von Psychologie und Psychoanalyse historisch nutzbar zu machen: „Während der Historiker für Sonderbereiche seiner Wissenschaft immer die Kenntnis entsprechender systematischer Wissenschaften wie der Rechts- und Staatswissenschaften, der Nationalökonomie oder der Theologie, vorausgesetzt hat, geht er gemeinhin beim Verstehen und Begreifen von Handeln und Verhalten der Menschen von einer unausdrücklichen und unreflektierten, gewissermaßen selbstverständlichen vorwissenschaftlichen Empirie aus. Das aber ist naiv.“[16]
Nipperdey ist in diesem Punkt Recht zu geben: Die Frage, welche Motive letztendlich ein Verhalten, eine Handlung auslösen oder nicht, kann vollständig nur mit Hilfe psychologischer und psychoanalytischer Methoden beantwortet werden, da die unbewussten Motive auf herkömmliche Art nicht zu ergründen sind. Der Historiker oder die Historikerin darf nicht rein deskriptiv vorgehen, wenn das Verdrängte in der Geschichte zum Vorschein gebracht werden soll. Er oder sie muss vielmehr (psycho-)analytisch agieren und die bloße Oberfläche der Ereignisgeschichte verlassen.[17]
Schon kurz nach der Institutionalisierung der Psychologie als universitärer Wissenschaft wurden ihre theoretischen und methodischen Ansätze geschichtswissenschaftlich diskutiert.[18] Gerade in ihrer Entstehungsphase bis zum Ersten Weltkrieg, so Lutz Raphael, habe die Psychologie auf neue, innovative Impulse in der Geschichtswissenschaft hoffen lassen.[19] Allerdings erfüllten sich diese Hoffnungen nicht, denn „die Wissenschaft von den unbewußten Seelenanteilen und verdrängten Erinnerungen fand kaum Gehör bei den Verehrern von Clio“.[20] Nur wenige Historiker*innen nutzten die neuen Ansätze.
Erst mit der Etablierung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main kam es zu einer Popularisierung von Psychologie und Psychoanalyse in der Sozial- und Geschichtswissenschaft. Gleichzeitig waren die 1920er- und frühen 1930er-Jahre bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung einerseits von der Dominanz der Psychoanalyse gekennzeichnet, die sich seinerzeit durch eine enge Verbindung der psychoanalytischen Theorie mit dem Marxismus auszeichnete.[21] Andererseits gab es erste Ansätze, das zweite große Paradigma der Psychologie dieser Zeit, den Behaviorismus, in zeithistorischen Analysen zu nutzen. So wandte beispielsweise Sergej Tschachotin, ein ehemaliger Assistent des behavioristischen Urvaters Iwan Pawlow, das Reiz-Reaktions-Schema auf seine Analyse des nationalsozialistischen Wahlkampfes an.[22]
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allem die Annales-Schule in Frankreich, die Elemente einer psychologisch orientierten Geschichtswissenschaft aufnahm und diese populär machte.[23] Die Betrachtung von Familienbeziehungen, Lebensstilen und Gefühlen führte zu einer Geschichtswissenschaft, die psychologische und psychoanalytische Methoden einbezog und letztlich zum Aufschwung der Mentalitätsgeschichte beitrug. Im Westdeutschland der 1950er- und frühen 60er-Jahre wurden Psychologie und Psychoanalyse hingegen in der Geschichtswissenschaft kaum rezipiert. So musste Hans Walter Gruhle 1953 konstatieren: „Nicht nur in Gesprächen, sondern auch in der Literatur begegnet man bei Historikern und Soziologen oft heftiger Abneigung gegen die Psychologie.“[24]
Erst die verstärkte Rezeption der „Frankfurter Schule“ und der Erfolg von Alexander und Margarete Mitscherlichs Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“[25] machten im Zuge von 1968 psychologische und psychoanalytische Ansätze in der deutschen Sozial-, aber auch Geschichtswissenschaft wieder populär.[26] Auch wenn sich nicht alle dieser psychologisch und psychoanalytisch orientierten Theorien in der Geschichtswissenschaft langfristig durchsetzen konnten, so beispielsweise Wilhelm Reichs sexualpsychologische Theorie zur Machteroberung der Nationalsozialisten,[27] erreichten sie nun, häufig erst Jahrzehnte nach ihrer Erstveröffentlichung, ein breites Publikum. In der Phase ab 1968 spricht Paul Nolte gar von einer neuen „Leitwissenschaft“ Psychologie in Verbindung mit der zweiten neuen Leitwissenschaft Soziologie.[28]
In den Folgejahren konnte man einen eindeutigen Aufschwung der Beschäftigung von Historiker*innen mit psychologischen und vor allem psychoanalytischen Methoden beobachten – auch außerhalb der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft.[29] Gleichzeitig diskreditierte sich insbesondere die psychoanalytisch orientierte Geschichtswissenschaft mit einer von vielen Historiker*innen als zu eng empfundenen Bindung an marxistische Theorien.[30] Darüber hinaus kritisierten nun Anhänger der mittlerweile etablierten Sozialgeschichte, dass aus ihrer Sicht die psychologisch und psychoanalytisch orientierte Geschichtswissenschaft zu sehr auf Biografien fixiert sei. Daher forderte Wehler: „Kurzum, die historische Forschung sollte auf die gesellschaftlichen, überindividuellen Motive abzielen. Deshalb besitzt die analytische Sozialpsychologie für den Historiker ungleich größere Bedeutung als die Individualanalyse.“[31]
Mit dem Beginn der 1980er-Jahre setzte dann ein Bedeutungsverlust von Psychologie und Psychoanalyse als historische Hilfswissenschaften ein, der bis heute anhält. In Frankreich hingegen konnten psychologische und psychoanalytische Ansätze, aufgrund der bereits erwähnten Stellung der Annales-Schule und der früher und intensiver in der historischen Forschung verankerten Mentalitätsgeschichte, stärker in der Geschichtswissenschaft Fuß fassen.[32]
Der Versuch, eine explizit psychologische und psychoanalytische Methoden nutzende Geschichtswissenschaft („Psychohistory“) unter Führung des renommierten Psychoanalytikers Erik H. Erikson, des Historikers Bruce Mazlish und des Psychiaters Robert J. Lifton als akademische Disziplin an US-amerikanischen Universitäten nachhaltig zu verankern, scheiterte Mitte der 1970er-Jahre.[33] Auch in Deutschland hat sich die „Psychohistorie“ nicht als eigenständiges Fach durchgesetzt.[34] Der eher kleine Kreis von Psycholog*innen, Psychoanalytiker*innen und Historiker*innen, der sich in der „Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie“ zusammengefunden hat, wird nur in geringem Maße in der geschichtswissenschaftlichen Fachöffentlichkeit rezipiert.[35] Als Randgebiet der historischen Forschung widmet sich die Psychohistorie thematisch vor allem der Geschichte von Kindheit sowie der historischen Friedens- und Konfliktforschung.[36] Dabei sehen auch die Exponenten einer psychologisch orientierten Geschichtswissenschaft, so unter anderem der Freud-Biograf Peter Gay, die Psychohistorie kritisch.[37] Dennoch sind vereinzelt auch aus dem Bereich der Psychohistorie Publikationen entstanden, die von der zeithistorischen Forschung anerkannt wurden.[38]
Ein klassisches Feld der Nutzung von Psychologie und Psychoanalyse als Hilfswissenschaften der Geschichte ist die historische Biografik.[39] Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud lieferte selbst Blaupausen für biografische Analysen mit Hilfe der psychoanalytischen Methode.[40] So analysierte er beispielsweise Leonardo da Vinci, Michelangelo Buonarroti, Moses und US-Präsident Woodrow Wilson.[41] Gleiches gilt für andere namhafte Psychoanalytiker wie Erik H. Erikson, der Martin Luther und Mahatma Gandhi auf Basis seines psychoanalytischen Entwicklungsmodells biografierte, oder Marie Bonaparte, die sich dem Schriftsteller Edgar Allan Poe widmete.[42]
Allerdings greifen heutzutage Biograf*innen aus dem Bereich der Zeitgeschichtsforschung kaum explizit auf psychologische oder psychoanalytische Theorien und Methoden zurück.[43] Werden die analytischen Werkzeuge beider Wissenschaften jedoch beherrscht, lassen sich Persönlichkeiten nicht nur beschreiben, sondern auch erklären. Einige Historiker*innen wie Peter Gay oder John C. G. Röhl wenden psychologische und psychoanalytische Methoden in ihren biografischen Arbeiten gewinnbringend an.
Wenn beispielsweise John C. G. Röhl dem deutschen Kaiser Wilhelm II. mangelnde Reife, Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Kritikunfähigkeit, Realitätsverlust, Rachsüchtigkeit sowie einen Hang zum Sadismus attestiert, dann geschieht dies auf Basis einer psychologischen Analyse historischer Quellen.[44] Röhl greift dabei auf Ego-Dokumente sowie zeitgenössische Interpretationen des Gesundheitszustands von Wilhelm II. durch namhafte Psychologen und Psychiater zurück, die dem Kaiser eine manisch-depressive Störung attestierten.[45] Diese psychische Erkrankung ist für Röhl die primäre Erklärung für die massiven Stimmungsschwankungen, denen Wilhelm II. während seiner Regentschaft unterlag. Die Ursache der psychischen Erkrankung Wilhelms II. sieht Röhl in der geburtsbedingten Behinderung des späteren Kaisers, dem dadurch evozierten Liebesentzug der Mutter sowie traumatischer Erfahrungen in der Behandlung[46] seiner Behinderung als Kind.[47] Die Folgen psychischer Traumata für das spätere Handeln des Kaisers und somit für die gesamte deutsche Politik des Kaiserreichs ab 1888 werden den Leser*innen somit deutlich vor Augen geführt.
![Eine besondere Rolle für die psychologisch und psychoanalytisch orientierte historische Biografik spielt Adolf Hitler. Entsprechende Psychogramme, die den Diktator zu entschlüsseln suchten, wurden bereits während des Zweiten Weltkriegs erstellt. Cover: Robert G. L. Waite, The Psychopathic God Adolf Hitler, Da Capo Press New York 1977, Quelle: [https://en.wikipedia.org/wiki/File:The_Psychopathic_God.jpg Wikimedia Commons]](sites/default/files/import_images/5901.jpg)
Die Gefahr zu Überinterpretationen ist jedoch gegeben, wenn man die Methoden psychologischer oder psychoanalytischer Analysen auf der Grundlage einer nicht ausreichenden Quellenbasis vornimmt und zu weitreichende Schlüsse aus diesem Material zieht. Diese Probleme offenbaren sich meistens im Falle von historischen Biografien, die methodisch auf Psychologie und Psychoanalyse zurückgreifen. Insbesondere trifft dies auf historische Psychogramme zum „Psychopathic God“[48] Adolf Hitler zu.[49] Die Ergebnisse über den Zustand der Hitler‘schen Psyche gehen weit auseinander: Bis hin zur Nekrophilie werden ihm eine Vielzahl psychischer Erkrankungen attestiert, was auf Grundlage des vorliegenden Quellenmaterials nur schwerlich nachzuvollziehen ist.[50]
Hans-Ulrich Wehler sah sich vor dem Hintergrund der diversen Charakterstudien zu Hitler genötigt, darauf hinzuweisen, dass es nicht Hitlers individuelle Psychopathologie, sondern gesellschaftliche Zustände waren, die zur Machteroberung der Nationalsozialisten geführt hätten.[51] Zu weitgehende Erklärungsansätze haben somit definitiv dazu beigetragen, dass sich die psychologische und psychoanalytische Methoden nutzende Geschichtswissenschaft in den Augen vieler Historiker*innen diskreditiert hat. Andererseits machen Ansätze wie der von Röhl das Potenzial einer psychologisch und psychoanalytisch orientierten geschichtswissenschaftlichen Biografik deutlich.
Ansätze der Sozialpsychologie sind kollektiv orientiert. Kollektive Erfahrungen lassen sich mit ihrer Hilfe herausarbeiten. Ebenso können gemeinsame psychische Merkmale mit Hilfe der Sozialpsychologie erkannt werden: eine wichtige Möglichkeit abseits reiner Deskription, wenn es um die Frage geht, ob sich bestimmte Kollektive in ihren Eigenschaften von anderen unterscheiden. Die Nutzung etablierter und mehrfach bestätigter sozialpsychologischer Theorien hätte beispielsweise im Falle der heftigen Diskussion um Daniel J. Goldhagen, der die Judenvernichtung primär auf die innere Überzeugung der Deutschen zurückführte, eine schnelle wissenschaftliche Relativierung dieser These erbracht.[52] Die Debatte zeigte jedoch, dass von Historiker*innen kaum auf die etablierten Ergebnisse sozialpsychologischer Forschung zurückgegriffen wurde.[53] Dies überrascht, wenn man bedenkt, dass Wissenschaftler wie beispielsweise Christopher Browning und später auch Harald Welzer sozialpsychologische Ansätze in ihren Arbeiten zur NS-Täterforschung seit Jahren gewinnbringend anwenden und somit nachahmenswerte Beispiele darstellen, die den Nutzen dieser Hilfswissenschaft für die Zeitgeschichtsforschung offenbaren.[54]
Psychologen*innen und Psychoanalytiker*innen nahmen und nehmen historische Phänomene zum Ausgangspunkt, um daraus – meist über experimentelle Studien – Theorien ableiten zu können, die dann von Historiker*innen und anderen Wissenschaftler*innen zur Bestätigung oder Falsifizierung der eigenen Hypothesen genutzt werden können. So haben beispielsweise sozialpsychologische Experimente zu Theoriebildungen geführt, die zur Erklärung historischer Gegenstände einen enormen Beitrag geleistet haben.
Ein prägnantes Beispiel hierfür ist der US-amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram, der in seinem als „Milgram-Experiment“ bekannt gewordenen Versuch von der Autoritätshörigkeit im Nationalsozialismus ausging.[55] Die verschiedenen Versuchsreihen Milgrams zeigten, dass nicht ein spezifisch deutscher Charakterzug zur Obrigkeitshörigkeit animierte, sondern dass die Bereitschaft zum Gehorsam auf strukturellen Bedingungen beruht. Nicht die inneren Überzeugungen eines Menschen sind laut Milgrams Ergebnissen entscheidend für sein Handeln, sondern die äußere Situation. War die äußere Situation während des Experiments durch die Übertragung der Verantwortung auf eine Autoritätsperson gekennzeichnet, fand der Befehl zur Bestrafung durch Elektroschocks Gehör, obwohl dies im Normalfall abgelehnt worden wäre.[56]
![Mit dem Milgram-Experiment wurde die Bereitschaft zum Gehorsam getestet, um so sozialpsychologische Rückschlüsse auf das Verhalten von Befehlsempfängern im Nationalsozialismus ziehen zu können. Das Bild zeigt die klassische Versuchsanordnung: Der Leiter des Experiments (E) überzeugt die Versuchsperson (T) davon, einer weiteren Person (L), die in Wahrheit ein Schauspieler ist, sich in der Intensität steigernde Elektroschocks per Tastendruck zu verabreichen. Auf Druck des Leiters gaben zahlreiche Versuchspersonen, trotz der Bitte um Abbruch aufgrund von Schmerzen, weitere Elektroschocks ab. Grafik: Fred the Oyster, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Milgram_experiment_v2.svg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en CC BY-SA 4.0]](sites/default/files/import_images/5902.jpg)
Der Umgang mit den Quellen, die Strukturierung historischer Narrative, letztlich die gesamte Arbeit des Historikers/der Historikerin unterliegen nicht nur objektiv-wissenschaftlichen Kriterien, sondern sind ebenso sehr Folge von unbewussten, subjektiven Motiven. So kann beispielsweise eine Quelleninterpretation auch „als Projektionsfläche eigener Wünsche, Phantasien und Ängste, die schließlich in wissenschaftlich sublimierter Form bearbeitet bzw. abgewehrt werden“,[57] dienen. Diese unbewussten Motive bergen in der wissenschaftlichen Praxis beispielsweise die Gefahr einer biografischen Identifizierung oder Heroisierung.
Um diesen Problemen bereits in einem frühen Forschungsstadium zu begegnen, empfiehlt Jürgen Straub eine Supervision. Darüber hinaus kann die psychologisch oder psychoanalytisch geschulte Historiker*in diese Prozesse durch Selbstreflexion frühzeitig erkennen.[58] Des Weiteren können Repräsentationen und Konstruktionen von Geschichte mit Hilfe psychologischer und psychoanalytischer Methoden untersucht, aufgedeckt und somit bewusst gemacht werden. Dies gilt nicht nur für die konkreten Objekte (Museen, Denkmäler, Gedenkstätten), sondern auch für die eigene, subjektive Konstruktion von Geschichte.[59] Menschen unterliegen einem Zwang, Sinn in der eigenen Geschichte zu sehen. Individuelle Lebensgeschichte und historische Wirklichkeit einander anzupassen ist konstitutiv für die menschliche Psyche.[60] Dieser Zwang zur Sinnbildungsleistung kann jedoch zu einer narrativen Harmonisierung führen, die eine Gefahr für die Wissenschaftlichkeit der Historiker*in darstellt.[61] Mit Hilfe psychologischer und psychoanalytischer Methoden in der historischen Forschung kann dieser Gefahr begegnet werden, indem die verfälschende Sinnbildungsleistung frühzeitig offengelegt wird.
Während die Psychoanalyse weiterhin an Einfluss verliert, hat sich infolge der „cognitive revolution“ in den letzten Jahrzehnten die Kognitionspsychologie zum dominierenden Paradigma der Psychologie entwickelt. Von der Zeitgeschichtsforschung wurde dieser Aufstieg lange Zeit ignoriert. Erst in den letzten Jahren sind im Zusammenhang mit dem Konzept der Verhaltensökonomie historische Studien entstanden, die gezielt auf kognitionspsychologische Methoden zurückgreifen.[62]
Grundlegend für die Verhaltensökonomie ist das Konzept der „bounded rationality“. Der Begriff wurde in den 1950er-Jahren von dem US-amerikanischen Sozialwissenschaftler Herbert A. Simon geprägt. Im Gegensatz zur bis dato in der Entscheidungsforschung, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften, dominanten Vorstellung eines rationalen Nutzenmaximierers argumentierte Simon, dass Personen keineswegs vollständig rational im Sinne eines Homo oeconomicus entscheiden und handeln könnten, denn Menschen seien kognitiv gar nicht in der Lage, alle Informationen in kurzer Zeit zu verarbeiten: Sie greifen daher auf Heuristiken zurück und lassen sich von ihrer Umwelt beeinflussen, auch verzerren Emotionen die rationale Beurteilung usw.[63]
![Hamsterkäufe (engl. ''panic buying'') stellen ein Beispiel irrationalen Verhaltens im Zuge von Krisen dar. Das Foto zeigt einen Supermarkt im australischen Brisbane im März 2020, dessen Toilettenpapiervorräte infolge der Corona-Pandemie aufgekauft wurden. Foto: Kgbo, Brisbane, 4. März 2020. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:No_tissue_and_toilet_paper_due_to_panic_buying_in_Brisbane_in_March_2020.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en CC BY-SA 4.0]](sites/default/files/import_images/5904.jpg)
Darauf aufbauend, entwickelten die Kognitionspsychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman in den 1970er-Jahren die Grundlage für den Durchbruch der Behavioral Economics.[64] Die Wissenschaftler konzentrierten sich in ihren experimentellen Forschungen vor allem auf die Frage, wie sich Menschen in Risikosituationen entscheiden.[65] Während die Verhaltensökonomie in den Folgejahren in hohem Maße in den Wirtschafts-, aber auch Politik-, Sozial- und Rechtswissenschaften rezipiert wurde,[66] wird erst seit einigen Jahren von Historikerinnen und Historikern auf diesen Ansatz zurückgegriffen.[67]
![Mit der verhaltensökonomischen Technik des Nudging wird das Verhalten von Menschen in eine gewünschte Richtung gelenkt. Der Nudge (engl. Schubs, Stups) wird hier am Beispiel eines Urinals dargestellt, das mit einem Fußballfeld ausgestattet ist. Auf diese Weise wird der Nutzer zum Urinieren in das Fußballtor animiert und weniger Urin landet auf dem Boden. Grafik: WissensDürster, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nudge_Urinal.jpg#/media/File:Nudge_Urinal.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en CC BY-SA 4.0]](sites/default/files/import_images/5903.jpg)
Die Verhaltensökonomie eignet sich insbesondere für historische Fragestellungen, die auf bestimmte Entscheidungen und/oder (Fehl-)Einschätzungen von Menschen abzielen, wie Rüdiger Graf ausführt: „Dabei könnte es zum einen darum gehen, sich auch in der historischen Analyse von überzogenen Rationalitätsvorstellungen zu verabschieden und stärker auf die Beschränkung von Entscheidungsprozessen durch zeitliche, kognitive und soziale Faktoren zu achten. Zum anderen kann die verhaltensökonomische Literatur aber auch für den grundsätzlichen Missstand sensibilisieren, dass Historikerinnen und Historiker zwar permanent vom Verhalten ihrer Untersuchungsobjekte sprechen, zumeist aber ohne den Begriff des Verhaltens theoretisch zu elaborieren.“[68]
Darauf aufbauend, eignet sich der kognitionspsychologische Ansatz auch für die Frage, wie Menschen zu einem bestimmten Verhalten (z.B. durch Anreizsysteme und Nudging) gebracht werden können. Studien zu Gouvernementalität und Selbstoptimierung untersuchen daher vermehrt den Einfluss der Verhaltensökonomie.[69]
Die bislang genannten Beispiele haben den Sinn einer (Zeit-)Geschichtsforschung, die auf psychologische oder psychoanalytische Methoden zurückgreift, deutlich gemacht. Wo liegen jedoch die Gefahren und Kritikpunkte einer solchen Nutzung?[70]
Von dem bereits erwähnten Sammelband Wehlers ging ein wichtiger Impuls zur Nutzung der Psychoanalyse als Hilfswissenschaft für die Geschichte aus. Wehlers Sammelband beinhaltete jedoch kein Loblied auf die psychoanalytischen Methoden in der Geschichtswissenschaft, vielmehr warnte er vor einer Überschätzung der Psychoanalyse als historische Hilfswissenschaft.[71] Auch wenn Wehlers Warnung vor einer Rückkehr zum Primat der Biografie von seiner Haltung als überzeugter Anhänger der Sozialgeschichte geprägt war, so offenbarte sie doch einen vielzitierten Kritikpunkt: Die Orientierung aufs Individuum war und ist ein Problem – nicht nur aus sozialhistorischer Perspektive.[72] Vor allem psychoanalytische Methoden werden in der Geschichtswissenschaft weiterhin fast ausschließlich für biografische Studien verwendet.[73] Versuche, psychologische oder psychoanalytische Ansätze in die Sozialgeschichte zu integrieren, fanden und finden kaum statt.[74] Wehler ordnete demnach die Psychoanalyse mit den Worten „wenn schon Biographie, dann auch mit Hilfe der Psychoanalyse“[75] klar hinter Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaften in der Hierarchie der historischen Hilfswissenschaften ein.[76]
Ein weiteres Problem in der Nutzung der Psychoanalyse für die Geschichtswissenschaft besteht darin, dass psychoanalytische Methoden ursprünglich im direkten Gespräch mit dem Klienten angewendet werden sollten.[77] Allerdings hat bereits Sigmund Freud mit seinen historischen Analysen verstorbener Personen der Weltgeschichte gezeigt, dass eine Übertragung der Methode auf Quellen aller Art möglich ist, wobei aus psychoanalytischer Sicht Zeitzeugengespräche und die sogenannten Ego-Dokumente zu bevorzugen sind. Nichtsdestotrotz muss beachtet werden, dass sich die Anwendung zwischen der klinisch-therapeutischen und einer primär textbasierten Psychoanalyse unterscheidet. Es bedarf einer speziellen Anpassung der psychoanalytischen Methodik an die Bedürfnisse der (zeit-)historischen Forschung.[78]
Nicht zuletzt müssen bei der Nutzung psychologischer und psychoanalytischer Methoden in der historischen Forschung auch deren Grenzen beachtet werden. Die Gefahr der unwissenschaftlichen Übertragung psychologischer Begriffe ist genauso gegeben wie die Möglichkeit zu Überinterpretationen.[79] Darüber hinaus bedarf es einer gründlichen Einarbeitung in die beiden Nachbardisziplinen, um, wie Peter Gay es in seinem Werk „Freud für Historiker“ formuliert hat, das Feld einer psychologisch und psychoanalytisch arbeitenden Geschichtswissenschaft nicht zu einer „Arena für Amateure“ werden zu lassen.[80] Letztendlich darf der Anspruch an diese beiden Nachbardisziplinen auch nicht zu hoch sein. Wenn beispielsweise, wie während des Höhepunkts der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit psychologischen und psychoanalytischen Methoden in den 1970er-Jahren, die Historiker*in zum Therapeuten ganzer Gesellschaften stilisiert wird, stellt dies eine Überforderung dar, die eine gegenseitige Nutzung der Disziplinen diskreditiert.[81]
Max Horkheimers Prophezeiung aus dem Jahr 1932 – „Die Psychologie wird […] zur freilich unentbehrlichen Hilfswissenschaft der Geschichte“[82] – ist bislang nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil hat der interdisziplinäre Kontakt zwischen Psychologie, Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft nach der Hochphase der gegenseitigen Wahrnehmung in den 1970er-Jahren deutlich abgenommen. Die Gründe hierfür wurden bereits in der Einleitung erörtert.
Der Historiker Christian Wipperfürth, der in vorbildlicher Weise einen psychologisch-methodischen Ansatz auf die Thematik der Außenpolitik und Sozialökonomie Großbritanniens im Zeitalter des Imperialismus angewendet hat,[83] fasst seine Auffassung über Nutzen und Grenzen der Psychologie als historischer Hilfswissenschaft folgendermaßen zusammen: „Wenn der Historiker die nicht bewussten Motive vernachlässigt, bspw. der ‚Rationalisierung‘,[84] so läuft seine Arbeit Gefahr, an der Oberfläche der Phänomene stecken zu bleiben. Wenn er diese überstrapaziert, so drohen seine Erkenntnisse eher Dichtung als Wahrheit zu sein. Der psychologische Ansatz steht nicht am Beginn, sondern ist Hilfsmittel der Interpretation. Ich greife auf ihn zurück, wenn das Fühlen, Denken und Handeln des Einzelnen oder von Gruppen auf eine andere Weise nicht plausibel erklärt werden kann.“[85]
Psychologie und Psychoanalyse können hervorragende Hilfswissenschaften der (zeit-)historischen Forschung sein, wenn sie richtig ausgewählt und angewendet werden, was jedoch eine intensive Einarbeitung voraussetzt. Gleichzeitig dürfen sie in ihrer Erklärungsfähigkeit nicht überfordert werden. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich vor allem die Zeitgeschichte in ihrem vielfältigen – originär psychologischen – Themenspektrum von Emotionen, Erinnerung und Gedächtnis, Verhalten, Motivationen, Trauma usw. wieder verstärkt mit Psychologie und Psychoanalyse beschäftigt und diese Nachbardisziplinen wieder zu solchen werden lässt.
↑ Peter Gay, Psychoanalysis in History, in: William McKinley Runyan (Hrsg.), Psychology and Historical Interpretation, New York/Oxford 1988, S. 107-120, hier S. 107.
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