Begriffsgeschichte und Historische Semantik
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.10.2012
https://docupedia.de/zg/kollmeier_begriffsgeschichte_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.257.v2
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.10.2012
https://docupedia.de/zg/kollmeier_begriffsgeschichte_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.257.v2
Der Umgang mit sprachlichen Zeugnissen gehört zu den Grundvoraussetzungen analytischer Quellenarbeit seit der Herausbildung der historisch-kritischen Methode. Forschungsansätze, die unter dem Oberbegriff der Historischen Semantik gefasst werden können und unter denen die Begriffsgeschichte eine besondere Rolle spielt, nehmen diese Selbstverständlichkeit zum Ausgangspunkt, um die Quellensprache selbst auf ihre Geschichtlichkeit hin zu befragen und ihre Rolle im und für den historischen Wandel zu bestimmen.
Historische Semantik untersucht den Bedeutungsgehalt und -wandel kultureller, insbesondere sprachlicher Äußerungen auf ihre Historizität. Als geschichtswissenschaftlicher Ansatz werden mit dieser Forschungsperspektive die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen und Voraussetzungen dessen, wie zu einer bestimmten Zeit Sinn zugewiesen und artikuliert wurde, erforscht und interpretiert. Der spezifische Zugriff der Begriffsgeschichte wählt dazu isolierte, verdichtende Stichwörter, denen eine Schlüsselstellung zugesprochen wird, um sprachförmige Konzeptualisierungen zu erfassen und zu kontextualisieren. Untersucht wird nicht der historische Sprachwandel, der Gegenstand des gleichnamigen Arbeitsfeldes der Linguistik ist.[1] Anders als die die Wortherkunft aufschlüsselnde Etymologie zielen Begriffsgeschichte und Historische Semantik auch nicht primär auf eine sprachwissenschaftliche Analyse der Entwicklungsgeschichte von Wörtern und Begriffen, sondern darauf, Geschichtlichkeit im Medium von Sprache und Begriffen zu erschließen.
Im Sinne einer Bedeutungsgeschichte eignet sich die Historische Semantik nicht nur zur Analyse von Worten, Begriffen, Sprachen und Diskursen. Das methodische Arsenal kann in einem breiteren Verständnis auch zur Untersuchung weiterer kultureller Äußerungen wie Bilder, Rituale, Habitus und Performativa (wie z.B. Mimik und Gestik) im Wandel ihrer Bedeutungen eingesetzt werden. Eine auf die Semantik konzentrierte historische Analyse misst die kommunikativen Spielräume einer Zeit aus; sie spürt dem nach, was in einer Epoche artikulierbar, „sagbar” war.[2] Hier überschneidet sie sich mit der Diskursgeschichte, deren analytisches Verfahren in besonderem Maße die Sagbarkeitsregeln einer Zeit identifiziert und historisiert, als nichthermeneutische Wissensgeschichte jedoch von einem anderen Sprachverständnis ausgeht. Mit der besonderen Aufmerksamkeit für die sprachliche Verfasstheit historischer Zeiten, die zum eigenen Analysegegenstand wird,[3] und in der Historisierung von kulturellem Wissen und Deutungen sind diese Ansätze eng miteinander verbunden. Gemeinsam trugen sie zum sprachphilosophischen und sprachgeschichtlichen Aufbruch auch in den Geschichtswissenschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bei, der mit dem Schlagwort des linguistic turn verbunden ist.[4]
Der interdisziplinäre Ansatz richtet sich also auf die Sinnerzeugung vergangener Gesellschaften mithilfe von Sprache, Texten und Bildern. In der Analyse semantischer, bereits Welt deutender Überreste werden Interpretationen zweiter Ordnung betrieben,[5] indem anhand der Konzepte und Konzeptualisierungen der jeweiligen Zeitgenossen der Denkhintergrund und die Wahrnehmungs- und Deutungshorizonte einer vergangenen Zeit rekonstruiert werden. In diesem Gegenstandsbereich liegt die nahe Verwandtschaft zur Ideen- und Mentalitätsgeschichte. Ansätze der Historischen Semantik zielen demgegenüber stärker auf die Rekonstruktion vergangener Kommunikation, lösen diese Kontextualisierung jedoch in unterschiedlichem Grad ein. Wo klassische Begriffsgeschichte die Neuartigkeit einer Prägung als entscheidendes Moment sieht, das einen Begriff historisch auffällig und als Index geschichtlichen Wandels nutzbar macht, setzen breitere Perspektiven Historischer Semantik stärker auf dessen Umstrittenheit und Konflikthaftigkeit. Jenseits der linguistischen Ebene bestimmen sie die Verhandlung von Konzepten, Begriffen oder Argumenten in politischen und gesellschaftlichen Kommunikationssituationen funktional und spezifizieren sie hinsichtlich der jeweils Sprechenden, des politischen Regimes und weiterer sozialer und historischer Bedingungen zu einem bestimmten Zeitpunkt oder Zeitraum.[6]
In der deutschsprachigen Forschung ist das Feld vor allem durch die kollektive Großforschung der lexikografischen Begriffsgeschichte geprägt worden. Als wirkungsmächtiger Klassiker, der bis heute produktive Auseinandersetzungen stimuliert, bilden dieGeschichtlichen Grundbegriffe in diesem Beitrag einen Schwerpunkt, um Möglichkeiten und Probleme des Zugriffs zu verdeutlichen. Aus der Kritik an dieser wort-isolierenden Herangehensweise der historischen Arbeit am Begriff, deren Historisierung jüngst begonnen hat,[7] entstanden konzeptionelle Weiterentwicklungen Historischer Semantik, unter denen abschließend vor allem transnationale Perspektiven auf die Zeitgeschichte betrachtet werden.
Die Geschichtlichen Grundbegriffe[8], herausgegeben von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck und zwischen 1972 und 1997 in sieben umfangreichen inhaltlichen Bänden erschienen, bilden in ihrer maßgeblich von Reinhart Koselleck (1923-2006) entwickelten Konzeption das Standardwerk historiografisch-lexikalischer Begriffsgeschichte, das mit Kosellecks Erkenntnisinteresse an einer spezifisch modernen Selbstreflexion der Sprache zum Paradigma der Begriffsgeschichte wurde.[9]
Die Begriffsgeschichte konnte sowohl an ältere philosophische als auch geschichtliche Lexika[10] anschließen wie an Begriffsforschungen der 1920/30er-Jahre in verschiedenen Disziplinen, etwa von Erich Rothacker (Philosophiegeschichte), Werner Jäger (Altphilologie), Johannes Kühn (Geistesgeschichte), Carl Schmitt (Religionsgeschichte), Walter Schlesinger und Otto Brunner (Mediävistik).[11] In der französischen Geschichtswissenschaft verknüpfte Lucien Febvre seit 1930 in einer lexikologischen Rubrik der Zeitschrift „Annales” die Bedeutungsgeschichten neugeprägter Schlüsselwörter und Sachen.[12]
Mit Blick auf die „Entstehung der modernen Welt” in der „Sattelzeit” von 1750-1850 kontextualisieren die Geschichtlichen Grundbegriffe die historischen Erfahrungen und Erwartungen anhand der Veränderung grundlegender Schlüsselbegriffe der politisch-sozialen Sprache.[13] Als Zugriff auf Vorstellungswelten und Deutungskonflikte nutzt der Ansatz die Komplexität von „Begriffen” als Begriffswort einerseits und als abstraktes, interpretationsbedürftiges Konzept andererseits, in dem sich eine Fülle von Wortbedeutungen abgelagert haben.[14] Das Konzept – die mit einer Wortbedeutung verbundene Vorstellung –beinhaltet bereits eine perspektivierte Deutungsleistung und bietet vielfältige Anschlussfähigkeit nicht nur an die Geschichte von Ideen, sondern darüber hinaus an politische, soziale und kulturelle Wandlungsprozesse.
Aufgrund dieser Doppelfigur repräsentieren Begriffe historische Problemfelder in verdichteter Form, gleichsam in Chiffren – ein für die Forschungspraxis ebenso stimulierender wie theoretisch problematischer Punkt.[15] Bedeutungswandel und Begriffsneubildungen werden gleichermaßen als Faktoren wie Indikatoren geschichtlichen Wandels verstanden.[16] Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass begriffliche Innovationen und Neuprägungen historisch innovative Momente anzeigen: „Mit dem neuen Begriff zeigt sich ein neuer Sachverhalt.”[17] Begriffsbildungen und der sich wandelnde Wortgebrauch werden als sprachförmig kondensierte Antworten auf spezifische historische Herausforderungen begriffen. Das Erkenntnisinteresse zielt damit auf die Beziehungen zwischen dem Wortgebrauch eines Begriffs, den durch diesen ausgedrückten Konzepten und Vorstellungen sowie der „Sachgeschichte” politischer und sozialer Verhältnisse, die im Selbstverständnis der klassischen Begriffsgeschichte im Koselleckschen Sinn mit anderen historischen Methoden, insbesondere der Historischen Sozialwissenschaft, rekonstruiert wird.
Methodisch verknüpft die Begriffsgeschichte die historisch-kritische Text- und Kontextanalyse – sie identifiziert epochenspezifische Bedeutungsgehalte, fragt nach Autor, Adressat, cui bono, In- und Exklusion, sozialer Reichweite – mit sach- und geistesgeschichtlichen Fragestellungen und der Linguistik entlehnten semasiologischen (vom Wort auf seine Bedeutungen schließende) und onomasiologischen (von Bedeutungen auf den Wortgebrauch schließende) Analysen. Der Gegenstandsbereich ist zeitlich auf die Jahre von „1700 bis an die Schwelle unserer Gegenwart”[18] mit dem als „Schwellen-” oder „Sattelzeit” verstandenen Kernzeitraum von 1750-1850 begrenzt. Der Blick richtet sich auf Begriffsbildungen des deutschen Sprachraums (lateinische, französische und englische Parallelbegriffe punktuell einbeziehend) und thematisch auf die politisch-soziale Welt der Neuzeit.
Die Geschichte eines Begriffs setzt sich aus diachronen, punktuellen Einzelanalysen zu einer linearen Erzählung zusammen und identifiziert seismografisch die Momente – „innovative Wende- und Knotenpunkte”[19] – der Begriffsbildung, in denen moderne Bedeutungen sich zu etablieren begannen, ältere verblassten und unverständlich wurden. Auf die Erfassung langer Dauer angelegt, präsentieren die Einzelartikel der Geschichtlichen Grundbegriffe ihre begriffsgeschichtlichen Funde zunächst in Schlaglichtern bezogen auf die antike Vorgeschichte und das Mittelalter, um sich in Analysen kleinerer Epochenschritte zu verdichten, bevor in der Mitte des 19. Jahrhunderts viele der Beiträge abbrechen, gegebenenfalls noch einen Ausblick wagen. Nur in einzelnen Beiträgen wie der monografiestarken Studie zum Begriffsset „Volk, Nation, Nationalismus, Masse” wird die Verlaufsgeschichte über die Zeit des Nationalsozialismus und als Parallelgeschichte von Bundesrepublik und DDR bis 1990 vorangetrieben.[20]
Deutlich liegt die Perspektive auf dem Anfang – orientiert auf die Genese, den Erstbeleg eines Begriffs oder die erste Exposition eines Problemzusammenhangs. In der Summe des durch alphabetische Anordnung neutralisierten Wörterbuchs setzt sich – so der Anspruch –ein Vokabular des politisch-sozialen Sprachgebrauchs der Moderne zusammen, als dessen Gründungsepoche die Periode der Sattelzeit erscheint. Im Ausmessen der Übereinstimmung und Unterscheidung älterer Begriffe und heutiger Erkenntniskategorien wird die Begriffsgeschichte für Koselleck zum „Propädeutikum für eine Wissenschaftstheorie der Geschichte”.[21] Hier wird der heuristische Wert der lexikalischen Begriffsgeschichte deutlich, die sich nicht nur als historische, sondern auch als historiografische Grundlagenforschung versteht.
Entwickelt für den sozialen und politischen Wandel in der Umbruchzeit zur Moderne, messen die lexikalischen Begriffsgeschichten vor allem diesen Epochenwechsel aus. Schon für das 19. Jahrhundert nimmt die Belegdichte der Geschichtlichen Grundbegriffe ab. Die Konzentration auf diese Übergangszeit zur Moderne schlägt sich in den theoretisch-methodischen Positionierungen nieder. Mit den vier strukturierenden Vorannahmen einer Demokratisierung – der sozialen Ausdehnung des Anwendungsbereichs vieler Begriffe –, einer Verzeitlichung der Bedeutungsgehalte durch Aufladungen mit spezifischen Erwartungen und Zielen, ihrer Ideologisierbarkeit sowie schließlich ihrer Politisierung durch die Vervielfältigung der Standortbezogenheit des Wortgebrauchs entsprechend der gesellschaftlichen Pluralisierung zielen die einzelnen begriffsgeschichtlichen Studien darauf, den Zusammenhang einer Transformationsepoche im Medium der politisch-sozialen Sprache zu erfassen.
Das Begriffsinventar verzeichnet 122 bisweilen zu Kleinmonografien angewachsene Artikel.[22] Belegt werden die breit zitierten Befunde vorrangig aus Wörterbüchern, Lexika und Enzyklopädien, Klassikern repräsentativer – theoretischer und, seltener, dichtender – Schriftsteller und Denker aus den politisch relevanten Disziplinen Philosophie, Ökonomie, Staatsrecht, Theologie und in geringerem Umfang aus Periodika und Pamphleten, Akten, Briefen und Tagebüchern. Die konzeptionell auf drei Ebenen angelegte Quellenauswahl sollte auf Grundlage einer Wörterbuchauswertung von Konversationslexika der „gelehrten” und „gebildeten Welt”, durch klassische große Texte nach oben und alltagsnähere Textsorten auch nach unten vertieft werden.[23] Die beabsichtigte Streuweite „weit in den Alltag hinein”[24]weisen jedoch die wenigsten Einträge auf.
Aus der Konzeption der Geschichtlichen Grundbegriffe, in den 1960/70er-Jahren in Auseinandersetzung mit der in Westdeutschland dominierenden Sozialgeschichte entwickelt, ergeben sich notwendig Auslassungen. Die theoretisch zwar beabsichtigte,[25] in der Praxis aber oft begrenzte sozialhistorische Unterfütterung der Begriffsgeschichte, deren Textbelege eine sozial und medial enge Auswahl von Sprechenden privilegieren und so weitgehend auf die politisch-soziale Semantik der Bildungsschichten beschränkt sind, war anfangs ein methodischer Hauptkritikpunkt.[26] Tatsächlich blieben unter der einseitigen Betonung kanonischer Autoren und sogenannter Höhenkamm-Texte die weniger prominent in gedruckten Schriftquellen aufzuspürenden Niederungen der Alltagssprache ausgeklammert – auch wenn Koselleck ein alltagssprachlich sensibles „Ohr” für sich in Anspruch nahm.[27]
Die Forderung, ideengeschichtliche Gipfelwanderungen zugunsten sozialer Repräsentativität aufzugeben,[28] setzte das parallele Handbuchprojekt für die politisch-soziale Sprache Frankreichs um, das 20 Bände vorgelegt hat. Das Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820 fokussiert den Grundwortschatz der französischen Geschichte in ihrer prägenden Umbruchphase zeitlich wie geografisch auf das gesellschaftliche Umfeld Frankreichs zwischen Ancien Régime und Restauration. Die leitende Fragestellung thematisiert den Sprach- und Bedeutungswandel, der dem Epochenereignis der Französischen Revolution vorausging, von ihr bewirkt und beschleunigt wurde. Der Anspruch, auf einem „Mittelweg” zwischen computergestützter lexikometrischer Wortfrequenzanalyse und Begriffsgeschichte eine „sozialhistorische Semantik” zu erschließen, zielt auf breiter Materialbasis darauf, den Wandel von Wortbedeutungen zu erfassen.[29] Die Materialauswahl schließt u.a. literarische Quellen, Zeitschriften und Flugschriften ein, vor allem aber – um die Semantik der nichtalphabetisierten Mehrheiten nicht zu ignorieren – auch das populäre Liedgut und die kollektive Bildwelt, insbesondere anhand von Flugblattgrafiken. Diese materielle Erweiterung wird aktuell in einem Lexikon zur Ikonografie der Französischen Revolution weitergeführt, das Bildsemantiken erschließt.[30]
Gegenüber dem begriffsgeschichtlichen Fokus auf Einzelkonzepte wird in der Intellectual History und den alsCambridge School zusammengefassten, zeitgleich für die englische Geschichte entwickelten Ansätzen von Quentin Skinner und John G. A. Pocock eine ausgeweitete Sprachbasis untersucht und vor allem ideengeschichtlich kontextualisiert. In Anknüpfung an die Sprechakt-Theorie identifizieren sie spezifische historisch-politische Sprachen der Neuzeit, indem sie diese „languages of political discourse” auch jenseits ihres Vokabulars – einschließlich ihrer Grammatik und Rhetorik – erschließen.[31]
Aus der theoretischen Vorannahme, dass Geschichte sich in bestimmten Begriffen niederschlage und die in ihnen gespeicherte historische Erfahrung analysierbar sei, und aus der Beschränkung auf historisch überlieferte, durchgesetzte Begrifflichkeiten folgt eine systematische doppelte Fehlstelle: Einerseits wird Wissen ausgeblendet, das ohne Verwendung einschlägiger Begrifflichkeiten (oder Gegenbegriffe) artikuliert wurde, andererseits Wissen, das sprachlich alternativ artikuliert wurde. Dieser Zugriff hat der Begriffsgeschichte die grundlegende theoretische Kritik eingetragen, sie unterschätze die Gestaltungskraft von Ideen einerseits und von Sprache und ihrer performativen Bedeutung andererseits, zumal sie Sprache weitgehend als Faktor und Reflex einer außersprachlichen Wirklichkeit begreife.[32]
Ganz anders waren Kritiken gelagert, die bemängelten, die Begriffsgeschichte überschätze die Wirkmacht begrifflich abgelagerter Bedeutung als Agenten historischen Wandels.[33] In der Konzentration auf semantische Verlaufsstudien und Belegsammlungen ist die Begriffsgeschichte der Geschichtlichen Grundbegriffe für Kritiker daher nach wie vor eine Form der traditionellen Ideengeschichte, die sie eigentlich überwinden wollte.[34] Diese vielfach geforderte stärkere Berücksichtigung des je spezifischen (sozialen, politischen, zeitlichen) Kommunikationsraums und seiner Kontexte hatten die Grundbegriffe aus forschungs- und vor allem darstellungspragmatischen Gründen nicht aufgenommen,[35] sodass heute eine Bilanz von vierzig Jahren begriffsgeschichtlicher Forschung vor allem die deskriptive Leistung für Prozesse semantischen Wandels würdigen kann, auch wenn zur Erklärung dieser Veränderungen das verwendete Instrumentarium letztlich zu begrenzt erscheint.[36]
Als Conceptual History agiert auch die klassische Begriffsgeschichte längst internationalisiert, mit herausragenden Zentren u.a. in Finnland, den Niederlanden und im hispanischen Raum.[37] Die Lebendigkeit dieses Feldes demonstriert Iberconceptos, ein Forschungsnetzwerk, welches sich einer transatlantisch-verflochtenen Begriffsgeschichte und Historischen Semantik der spanisch- und portugiesischsprachigen Welt widmet.[38] Auf der Basis eines nationalen spanischen sozial-politischen Begriffslexikons – das auch dem 19. und 20. Jahrhundert als Einheit je einen Einzelband widmet[39] – wurde das Netzwerkprojekt mit mehr als hundert Forscher/innen in zwölf Ländern auf die transatlantische Kultur in der begriffsgeschichtlichen Schlüsselzeit (Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts) überregional ausgeweitet und verknüpft lokale, nationale und globale Perspektiven. Um die Projektion eines westlichen Modernekonzepts auf den amerikanischen Raum zu vermeiden, stehen nicht die Produktion und Zirkulation von Ideen und Begriffen im Mittelpunkt, sondern Prozesse der (Wieder-)Aneignung und Neuerfindung. Der Historisierung von Kernkonzepten im Rahmen einer flexiblen Anwendung methodischer Instrumente der Begriffsgeschichte sowie der Cambridge School sollen in einem späteren Projektschritt Studien über semantische Felder etwa ethnischer Klassifizierungen und sozialer Identitäten folgen.
Transnationale oder globale Perspektiven stellen eine besondere Herausforderung für die Historische Semantik dar. Wo vergleichende oder transfergeschichtliche Begriffsgeschichten in unterschiedlichen Sprachen und Kulturen nicht auf bereits erschlossene Begriffsgeschichten für Länder und Sprachräume aufbauen können, begegnen sie ihren Schwierigkeiten bereits im Ansatz.[40]Anstatt die Verwandtschaft von Äquivalenzbegriffen vorauszusetzen und diese „nominalistisch” zu vergleichen, fragen funktionale Vergleiche daher zunächst nach äquivalenten historischen Erfahrungen, die in ihren jeweiligen Sprachen auf den Begriff gebracht werden.[41] Andererseits gehören kulturelle Einfluss- und Übersetzungsprozesse eng zu semantischen Untersuchungen, die anhand von Übergängen und Übernahmen aus den klassischen Schriftsprachen in die Volkssprachen stets kulturelle Transfer- und semantische Interaktionsprozesse betrachten.[42]Mit der Untersuchung von Wortimporten, Innovationen oder Übersetzungen zielen sie ohnehin auf die Überschreitung von Kommunikationsräumen und rekonstruieren, wie Akteure transnationale Kontexte über den sprachlichen und begrifflichen Austausch konstituierten.
Daher liegt die Forderung nahe, die Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte zwischen unterschiedlichen Sprachräumen nicht nur zu beschreiben, sondern zum Analysegegenstand zu machen.[43] Dem Wagnis, sich einer solchen globalhistorischen Semantik anzunähern, stellen sich komplexe, interregional angelegte Verbundprojekte, die hohe sprachliche, kulturelle und historische Sensibilität und Expertise erfordern.[44] Das Erkenntnispotenzial transkultureller Bedeutungsgeschichten ist insbesondere in den Differenzen, aber auch Konvergenzen zwischen westlichen, europäischen und außereuropäischen Konzeptionen und Begriffen zu sehen, die immer auch die Rolle von politischen Machtverhältnissen auf dieser kulturellen Ebene beschreiben. Indem diese Studien ihren Fokus auf Kommunikationsprozesse, Transfers und Übersetzungen richten, können subtile und unsichtbare Hierarchien, Vorannahmen und Vorverständnisse in den Beziehungen und Austauschprozessen thematisiert und analysiert werden.
Einen weiteren Schwerpunkt begriffsgeschichtlicher Forschung bilden derzeit Studien zur interdisziplinären Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, welche die Nähe zu diskursanalytischen Untersuchungen von Wissensordnungen spiegeln.[45] Die Analyse kultureller Prägungen und politischer Kontexte naturwissenschaftlicher Kategorien und Begriffe sowie der dieses Wissen strukturierenden Semantiken trägt nicht zuletzt zu der kritischen Historisierung ihres Objektivitätsanspruchs bei. Dieser wissensgeschichtliche Ansatz hat in denÄsthetischen Grundbegriffen auch lexikalische Gestalt gewonnen. Das jüngste der deutschsprachigen begriffsgeschichtlichen Wörterbücher nahm in seinem Konzept viele Kritikpunkte an der Begriffsgeschichte auf. Das 2000 bis 2005 publizierte, noch in der Akademie der Wissenschaften der DDR konzipierte Sammelwerk benennt die Gegenwart offensiv als Fluchtpunkt historischer Begriffsarbeit und begreift alle Begriffsgeschichte als „Vorgeschichte gegenwärtiger Begriffsverwendung”.[46] Trotz enzyklopädischer Anlage wird die Offenheit und Unabgeschlossenheit der Wissensbestände betont. Neben einem historistischen Objektivitätsideal wurde auch die prospektive begriffsgeschichtliche Erzählung Koselleckscher Redaktionsvorgaben verabschiedet, da diese dazu führe, eine chronologische Entwicklungslinie zu konstruieren, die Invarianzen ausgrenze und zeitgebundene Motivationen nicht ausreichend reflektiere. Programmatisch sollten deshalb die „Bedingungen der ästhetischen Moderne, die eher auf Differenzen als auf Identitäten setzt”, auch die historische Arbeit leiten.[47]
Als undogmatische Sammelbezeichnung für die Erforschung semantischer Veränderungsprozesse, aber durchaus mit systematischem Anspruch hat sich mittlerweile der Terminus Historische Semantik interdisziplinär etabliert.[48]Kulturwissenschaftliche und sprachgeschichtliche Impulse öffnen die begriffsgeschichtliche Methodik sowohl hinsichtlich des untersuchten Kommunikationsprozesses wie der historischen Analyse. Um die isolierte Betrachtung von Einzelbegriffen zu überwinden, weiteten sie vor allem die analytische Sonde aus, von einzelnen Termini auf Begriffscluster, semantische Netze, Felder und Argumentationen.[49] Anstatt der Setzung von Begriffen, denen der Status eines hochaggregierten Grundbegriffs unterstellt (und damit konstituiert) wird, besteht der erste Schritt in der Identifikation prominenter Themen, Begriffe, Topoi und Figuren, Chiffren oder ganzer „Sprachen” (mit je eigenem Vokabular, eigener Grammatik und Rhetorik) in einem Zeit- und Sprachraum. Diese organisieren Diskurse, gehen aber unter Umständen nicht „nominalistisch” in der historischen Verwendung des einschlägigen Vokabulars auf.[50]
Auf das soziale Wissen, das nicht oder nicht nur in einem Schlüsselbegriff kondensiert oder sich aktualisiert, zielen weiter ausgreifende, diskursgeschichtliche Analysen von semantischen Beziehungsnetzen, ganzen Argumentationsmustern oder Topoi, die auch implizite Phänomene erfassen.[51] In zeitlicher Öffnung soll die vor-begriffliche Epoche einer Bedeutung, die Begriffsgeschichte vor dem „Sprung auf die Bühne des Wissens” (Michel Foucault) erschlossen werden; schließlich gehe die fachwissenschaftliche Adelung eines Begriffs mitunter mit dessen diskursivem Bedeutungsverlust einher.[52] Ein vom Indikatorbegriff emanzipierter Zugang ermöglicht zudem, „blinde Flecken” von Begriffsdurchsetzungsgeschichten zu erschließen, die als Semantiken des Vergessenen und Verdrängten historisch ebenso relevant sind[53] – ein zumal für das 20. Jahrhundert entscheidender Aspekt, wenn man etwa an die Nachkriegsgeschichten verdrängter Schuld- oder Gewalterfahrung denkt. Und schließlich erlaubt er, die Geschichte einer Begriffsdurchsetzung stärker prozessual zu rekonstruieren. Mit der eigenen Terminologie wird so auch der analytische Ansatzpunkt der wortbezogenen Begriffsgeschichte reflektiert. Demnach müsste die Historische Semantik eine bewusste, reflektierte Beschreibung von Strukturen und Voraussetzungen gesellschaftlichen Wissens anhand von politisch-sozialen Sprachen und Grammatiken, Bedeutungen und im spezifischen Sinn dann auch von Begriffen, Mode- und Schlagwörtern vorantreiben.[54]
Neben größeren semantischen Worteinheiten wird in der Historischen Semantik zudem die Sprachpragmatik einbezogen, um in der Beobachtung sprachlicher Interaktion in kürzeren Zeit- und konkreten Handlungsräumen „Situationen des Wortgebrauchs”, mikrodiachrones sprachliches Handeln – „Umschreibungen, Metaphern, Visualisierungen und symbolisches Handeln” – zu erfassen.[55] Weniger erprobt als theoretisch vorformuliert ist noch die Analyse der performativen Bedeutungsebenen von Kommunikationssituationen.[56] Zu den fruchtbaren, noch stark ausbaufähigen methodischen Erweiterungen Historischer Semantik zählt auch die Aufmerksamkeit für Bildsprachen und bildliche Quellen, deren Präsenz und ikonografische Aufladung zumal für das 20. Jahrhundert besonders relevant scheinen.[57]
Wie, durch welche Medien und mit welcher Reflexion ein Problem zu bestimmten Zeitpunkten vergegenwärtigt wird – ob sprachlich durch abstrakte bzw. alltagssprachliche Begriffe und Sprachen oder nichtsprachlich in Bildern, Gesten, performativen Praktiken –, ist Teil der Fragen einer umfassend verstandenen Historischen Semantik.[58] Die Untersuchung verlagert sich also von der Geschichte von Begriffen auf identifizierbare Konstellationen von Kommunikation, deren Bedingungen und Kontexte, Akteure und Medien ihrerseits genau situiert werden. Im Vergleich zur überblicksartigen Begriffsgeschichte konzentrieren sich Untersuchungen Historischer Semantik stärker auf exemplarische Fallstudien kennzeichnender Umbruchsituationen. Ihr Mehrwert liegt in einem differenzierten Bild verdichteter Kommunikationssituationen, in denen politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse analysiert werden. Diese Präzisierung wird besonders augenfällig bei der Diktaturanalyse, wenn etwa die Vielschichtigkeit vermeintlich simpler Propagandastrategien oder schlicht die reale Bedeutung sprachlicher Gewalt expliziert werden können.[59] Eine ähnliche Perspektive eröffnen auch Forschungen des Anthropologen Alexei Yurchak, der die ritualisierte und standardisierte offizielle Politsprache im sowjetischen Spätsozialismus als eine „hypernormalisierte” Sprache beschrieben hat – eine sprach- und formsensible Analyse, die sich auch auf aktuelle Entwicklungen des postmodernen Liberalismus anwenden lässt.[60]
Mit Blick auf Bedeutungsartikulationen und die Zirkulation und Fixierung von Bedeutungen, auf ihre Aneignung und Re-Kreation wird die grundsätzliche Offenheit und Komplexität kommunikativer Situationen wie die Unabgeschlossenheit der Bedeutungsgeschichte betont. Dies ermöglicht, Kontingenz wie Konkurrenz historischer Bedeutungsproduktionen herauszustellen sowie unterschiedliche Lesarten, Interpretationen, Auslegungen und Perspektiven breit aufzufächern. Eine hermeneutisch reflektierte Bedeutungsgeschichte versteht der Philosoph Ralf Konersmann daher als stets „kontributiv und rhapsodisch, nicht als ultimativ”.[61] Andererseits schärft diese Herangehensweise den Blick auf kommunikative Strategien und die ihnen zugrundeliegenden Machtverhältnisse, indem der Prozess der Bedeutungsaushandlung und der Ausbildungen fester oder zumindest dominanter Bedeutungen selbst zum Thema wird. Damit trägt die Historische Semantik zu einer sprachlich reflektierten Kulturgeschichte des Politischen bei, in der stärker als in der Begriffsgeschichte auch die Bedingungen der Möglichkeiten von Aussagen in spezifischen Diskursen in den Blick geraten können. Als Sammelbegriff erlaubt Historische Semantik eine Pluralität der Zugriffe und Schwerpunktsetzungen. Dies mag die Definition erschweren. Eine solche Offenheit erscheint aber nicht zuletzt angemessen, um sich der unübersichtlichen Moderne des 20. Jahrhunderts zu nähern und die Spezifika ihrer politisch-sozialen Sprachen und Sprechweisen differenziert zu betrachten.
Aufgrund der traditionellen Konzentration semantischer Studien auf die Sattelzeit der sich herausbildenden Moderne ist der Ansatz für die Hochmoderne und das gesamte 20. Jahrhundert weit weniger entwickelt und erprobt. Erschließen die empirischen Befunde der Geschichtlichen Grundbegriffe bereits weite Teile des 19. Jahrhunderts nicht, ist das vergangene Jahrhundert bisher kaum Gegenstand ihrer Analyse geworden, auch wenn einige Hypothesen bis in das 20. Jahrhundert hinein empirisch tragen und ihre „Fortschreibung” wünschenswert machen.[62]
Die ereignis- und mentalitätsgeschichtlich umwälzende Epoche der Hochmoderne (hier verstanden als Zeitraum von 1890 bis 1970) ist nicht nur in Europa durch einen radikalen Wandel der Kommunikationsvoraussetzungen und -möglichkeiten gekennzeichnet. Prägende Faktoren sind die Ausbildung der modernen Massenmedien, das gewandelte Verständnis von Politik und die Radikalisierung des politischen Sprechens im „Zeitalter der Extreme” sowie die Diktaturerfahrungen mit der besonderen Rolle gesteuerter, kontrollierter und subversiver Kommunikation, schließlich ihre Verarbeitung und der Aufstieg neuer sprachkritischer Debatten, etwa anhand des Begriffs der „Political Correctness”.[63] Schließlich zählen auch die Emanzipation von Frauen und gesellschaftlichen Gruppen zu den neuen Bedingungen politischen Sprechens und politischer Sprachen in der Moderne. Historiografisch wurde die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts vielfach in den Begriffen beschrieben, in denen es wahrgenommen wurde.[64] Angesichts der Internationalisierung und zunehmenden Verflechtung der politischen Kommunikationsräume, der breiten sozialen Ausweitung der Sprecherkreise in den Massengesellschaften, der zeitlichen Nähe zum Gegenstand und der Fülle verfügbaren Quellenmaterials sind eine Historische Semantik wie eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts mit den für die Zeitgeschichte charakteristischen Herausforderungen konfrontiert. Die methodisch-theoretische und perspektivische Ausdifferenzierung kulturgeschichtlicher Ansätze bietet zugleich neue Impulse gerade für eine Geschichtsschreibung sprachlichen und kulturellen Bedeutungswandels. Neben transkulturellen Reflexionen markiert die geschlechterspezifische Perspektive eine besonders auffällige Leerstelle der primär ideen- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Begriffsgeschichte. Techniken digitaler Erfassung und Auswertung von Schriftquellen erweitern zudem die Möglichkeiten, durch Verlaufskurven von Begriffen ihre Konjunkturen quantitativ zu bestimmen oder zumindest zu illustrieren.[65]
In den letzten Jahren wurde vor allem in sprachhistorischer Perspektive verschiedentlich versucht, Segmente des Sprachhaushalts insbesondere der zweiten Jahrhunderthälfte zu erschließen. So wurden „kontroverse Begriffe” und „brisante Wörter”[66] des öffentlichen politischen Sprachgebrauchs in ihrer Funktion als „Schlagwörter im politisch-kulturellen Kontext”[67] verortet thematisch, medien- oder zeitspezifische „diskurshistorische Wörterbücher” zusammengestellt.[68] DieGrundbegriffe scheinen vielfach als Folie auf. So richtet sich der Fokus auf „politische Leitvokabeln” der Regierungsepoche der Adenauerära als „Sattelzeit der Bundesrepublik”[69] oder auf Grundbegriffe eines strukturprägenden historischen Phänomens.[70]
Diese Untersuchung zeitgeschichtlicher Fragen vornehmlich in den Sprach- und Literaturwissenschaften ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht häufig mit methodischen Einschränkungen verbunden: Der Quellenkorpus ist oft auf die Auswertung von zugänglicher Publizistik und Presse konzentriert, auf kurze Zeitabschnitte beschränkt, oder ein dezidiertes sprachhistorisches Interesse an Phänomenen des Sprachwandels leitet die Untersuchung. Begriffsgeschichtliche Studien liegen erst zu einzelnen politischen Kernbegriffen und -vorstellungen (Demokratie, Autorität, Restauration, Fortschritt) in der Umbruchszeit nach dem Zweiten Weltkrieg vor, als belastete und verbrauchte Begrifflichkeiten unter zeitgenössischem „Bearbeitungsdruck” zur Orientierung im Demokratieaufbau umgeformt wurden.[71] Ausgehend von der Erfahrung unterschiedlichster Akteure in konkreten Kontexten, erprobt ein Sammelband in kulturgeschichtlichen Fallstudien pragmatisch epochenspezifische Charakteristika. Als Vorgriff auf eine transnationale, synchron wie diachron vergleichend zu schreibende Geschichte politischer Sprachen im 20. Jahrhundert wird dieses Jahrhundert vor allem als Epoche wachsenden Sprachbewusstseins befragt.[72]
Für eine systematische historische Untersuchung des Begriffsarsenals mit übergeordneten, auf den epochalen Zusammenhang zielenden Thesen plädierte 2010 Christian Geulen.[73] Sein Programmartikel forderte eine „Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts” in den Fußstapfen der Geschichtlichen Grundbegriffe, also eine Historisierung des politisch-sozialen Sprachhaushalts und der Erfahrungsdeutung des 20. Jahrhunderts anhand zentraler, strukturierender Begriffe, die als Teil der allgemeinen Zeitgeschichte zu schreiben sei. Ausgehend von der Hypothese eines neuerlichen semantischen Strukturwandels in der Moderne, der durch ein neues Verhältnis von Erfahrungs- und Erwartungsgehalt und durch die vier übergreifenden Strukturen von „Verwissenschaftlichung”, „Popularisierung”, „Verräumlichung”, „Verflüssigung” (als Öffnung ihres semantischen Gehalts) charakterisiert sei, plädiert er für eine Identifikation und Historisierung zentraler Begriffe der politisch-sozialen Sprache des 20. Jahrhunderts.
Dieser Vorschlag, die Kosellecksche Hypothesenstruktur für das vergangene Jahrhundert zu adaptieren, wird derzeit methodisch und theoretisch lebhaft diskutiert.[74] Willibald Steinmetz schlägt neben der Reflexivität politischen Sprechens zumal in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch dessen Anglisierung als neue Kategorie vor, um spezifische zeitgeschichtliche Entwicklungen zu untersuchen.[75] Er unterstreicht auch die Gültigkeit der heuristischen Bewegungsbegriffe einer „Politisierung” und „Ideologisierbarkeit” der Sprache bis ins beginnende 21. Jahrhundert hinein und fordert, die gegenläufigen Prozesse der Ent-Politisierung und Ent-Ideologisierung seit den 1970er-Jahren einzubeziehen. Diese Erweiterung trägt nicht nur dem letzten Jahrhundertdrittel Rechnung, sondern öffnet die unterschwellige Modernisierungsthese des Koselleckschen Projekts und ihrer lineare Prozesse suggerierenden Verlaufskategorien für ambivalente Entwicklungen, wie sie die ungleichzeitige Spätmoderne gerade kennzeichnen. Zumal für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erlauben heuristische Gegenbegriffe eher als einfache Prozesskategorien, auch gegenläufige oder multiple, nebeneinander laufende Veränderungen politischer Kommunikation als Pole zu fassen.
Insgesamt zeigt sich nach dem Abschluss wichtiger lexikalischer Standardwerke der Begriffsgeschichte weiterhin ein vielfältiges Interesse an zeitgeschichtlichen Semantiken und Bedeutungsgeschichten in den Geschichtswissenschaften. Von der Integration semantischer Exkurse in thematischen Einzelstudien bis hin zu einer Vision „Geschichtlicher Grundbegriffe 2.0”, wie man sie sowohl hinter Christian Geulens theoretischen Überlegungen, wikibasierten begriffsgeschichtlichen Portalen[76] oder auch dem Internetkompendium Docupedia-Zeitgeschichte erahnen mag – die die Zeitgeschichte prägenden Bedeutungssysteme werden zunehmend kritisch reflektiert. Diese Analysen können auf unterschiedliche theoretische, methodische und formale Angebote aus mehr als vierzig Jahren bedeutungsgeschichtlicher Forschung zurückgreifen. Bei diesen Studien sollte auch deutlich werden, welche zentralen politischen Begriffe des vergangenen Jahrhunderts analytisch überholt sind, wie dies etwa Anson Rabinbach für den Totalitarismusbegriff expliziert hat.[77]
So erscheint es an der Zeit, die Geschichte politischer Sprachen, Begriffe und des politischen Sprechens des vergangenen Jahrhunderts als der Epoche ausgeweiteter Kommunikationsräume, ihrer Akteure und Medien und ihrer Reflexion zu schreiben. Ob das Jahrhundert im Zusammenhang – in kurzer politischer Periodisierung oder langen sozialen Zäsuren – in dieser Hinsicht als eigene Epoche begriffen werden kann, ist zunächst zu prüfen.[78] Während vieles dafür spricht, dass die vielfältigen politischen, sozialen und kulturellen Brüche und Diskontinuitäten im 20. Jahrhundert maßgeblich zum semantischen Wandel beigetragen haben, sollten andererseits die stabil bleibenden Bedeutungen „langer Dauer” nicht unterschätzt werden. Als wesentlicher Teil von Sprach- und Wissensreflexion wie eines geisteswissenschaftlichen Weltdeutungsanspruchs in Hochmoderne und Postmoderne bildet schließlich der sprachgeschichtliche Aufbruch selbst einen vorzüglichen Gegenstand der Zeitgeschichte, der auf eine Historisierung wartet.
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