Modernisierung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010
https://docupedia.de/zg/schildt_modernisierung_v1_de_2010
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.787.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
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Im Einzelnen sehr unterschiedliche modernisierungstheoretische Ansätze – von einer Modernisierungstheorie im Singular sollte nicht gesprochen werden – beanspruchen zu erklären, wie aus traditionalen bzw. vormodernen moderne Gesellschaften entstehen. Dazu wird in der Regel ein Set von mobilisierenden Faktoren präsentiert, die als Kriterium für den Transformationsprozess untersucht werden können. Auf einer weiteren Stufe der Theorieentwicklung wird auch die Modernisierung bereits moderner Gesellschaften als „reflexive Modernisierung" thematisiert.
Allerdings ist es um modernisierungstheoretische Ansätze in der Geschichtswissenschaft aus zwei Gründen ruhig geworden. Zum einen werden Theorieangebote anderer Disziplinen von Historikerinnen und Historikern generell meist dann intensiv diskutiert, wenn sie erstmals breitere Aufmerksamkeit als potenzielles neues Paradigma der Geschichtsschreibung erlangen; das ist in diesem Fall einige Jahrzehnte her. Zum anderen handelt es sich bei modernisierungstheoretischen Ansätzen um eine Übernahme aus den Sozial- und Politikwissenschaften, die seit einigen „Turns" von den Kulturwissenschaften im weiten Sinne als primäre Referenzgröße der Geschichtswissenschaft abgelöst worden sind – wie dauerhaft, wird sich noch erweisen. Insofern empfiehlt sich eine wissenschaftshistorische Skizze, deren Anfänge auf den Begegnungsraum insbesondere von Soziologie und Geschichtswissenschaft seit den 1960er- und frühen 70er-Jahren zurückgehen.
In der seinerzeit als „Krise des Fachs" empfundenen Orientierungsphase propagierten vornehmlich jüngere Historiker/innen eine – wiederum nicht ohne Traditionslinien[1] – konzipierte „Historische Sozialwissenschaft"[2] als Ausweg aus der Borniertheit politikgeschichtlich konventioneller Nationalgeschichtsschreibung. Zugleich sollte ein heuristisch überlegener Ansatz gefunden werden, der die Abgrenzung gegen einen geschichtsphilosophisch – vor allem marxistisch – aufgeladenen Begriff des „Fortschritts"[3] sowie gegen einen diffusen oder abstrakt systemtheoretischen Begriff des „sozialen Wandels" erlauben würde.[4] Dies alles schien das Modernisierungsparadigma zu leisten, das vor allem von strukturfunktionalistischen Soziologen/innen in den USA entwickelt worden war und in der Bundesrepublik von einer jüngeren sozialwissenschaftlichen Generation übernommen wurde. Als kleinster gemeinsamer Nenner der zahlreichen Ansätze kann eine Definition von M. Rainer Lepsius gelten: „Modernisierung als neutraler Sammelbegriff für nicht näher bezeichnete Prozesse hebt ab von Traditionalität."[5]
Damit zeichnete sich als Forschungsobjekt ein breites Transformationsfeld von „vormodernen" bzw. „traditionalen" zu „modernen" Gesellschaften ab. Relativ gleichgewichtig sollte ein ganzes Bündel von Faktoren nicht nur materieller, sondern auch psychischer Mobilisierung betrachtet werden: technische, wirtschaftliche, sozialstrukturelle, politische, kulturelle, psychische, religiöse usw., wobei ursprünglich die Industrialisierung und Urbanisierung als Kern des Phänomens hervorgehoben wurden. Einem Vorschlag des Soziologen Johannes Berger zufolge war die Transformation „vormoderner" zu „modernen" Gesellschaften gekennzeichnet durch „ein gegen Herkunftswelten in der Sozialstruktur (und der ‚Semantik'!) gerichtetes Abschaffen, die funktionale Differenzierung ‚freigesetzter' Handlungssphären, die Rationalisierung der differenzierten Bereiche und de[n] daraus entspringende[n] Imperativ zur immanenten Leistungssteigerung der Teilsysteme".[6]
Schon durch die Vieldimensionalität der sich gegenseitig befördernden und retardierenden Faktoren gab es immer nur „partielle Modernisierung",[7] „unmoderne Menschen" in der „Moderne", Tempounterschiede und Ungleichzeitigkeiten („cultural lags"[8]), sodass sich die Annahme eines linearen Fortschrittsprozesses auch innerhalb reflektierter Modernisierungstheorien verbietet. Gegen die in den USA anfänglich dominante normative Betonung des Zusammenhangs von Industrialisierung, Modernisierung und Demokratisierung – dort war sie in der Entwicklungssoziologie vor allem auf die als „nachholend" gedachte Entwicklung „unterentwickelter" Gesellschaften vor der normativen Folie der eigenen „westlichen" Standards bezogen worden – wurde auch darauf hingewiesen, dass eine moderne Gesellschaft mitnichten eine demokratische Gesellschaft sein müsse: Autoritär regulierte Partizipation könne auch in Diktaturen von oben organisiert werden. Außerdem gebe es nicht einen einzigen Typ „moderner Gesellschaft", sondern eine Vielfalt verschiedener historischer Ausprägungen.[9] Kaum thematisiert wurde hingegen, dass es ebenso wenig nur einen Typus einer als statisch angenommenen „traditionalen" Gesellschaft gegeben hat.[10]
Etwa auf diesem Diskussionsstand fanden modernisierungstheoretische Ansätze breiteste Aufmerksamkeit in der deutschen Geschichtswissenschaft der 1970er-Jahre. Die „soziologische Theorie der Modernisierung", die der Soziologe Wolfgang Zapf auf dem Historikertag 1974 anbot[11] und die besonders Hans-Ulrich Wehler zeitgleich im Fach propagierte,[12] wurde– bei „methodisch-kritischem Gebrauch"[13] – weithin als große heuristische Möglichkeit begrüßt. Und was unter Soziologen und Soziologinnen als Manko erschien, erhöhte für die Geschichtswissenschaft eher den Gebrauchswert, dass sich nämlich „Modernisierung als gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess"[14] nicht als „geschlossenes theoretisches System"[15] abbilden lässt. Für die historische Untersuchung bedarf es generell nicht der Übernahme allgemeiner Theorien mit definitorisch trennscharfen Kategorien; eher kommt es auf die Sensibilisierung für die Komplexität von Entwicklungen auf einer „Ebene der mittleren Allgemeinheit" (Georg Wilhelm Friedrich Hegel) an, also zwischen evolutionstheoretischem Modell und ereignisgeschichtlichem Prozess.[16]
Von vielen Protagonisten modernisierungstheoretischer Ansätze unter den Historiker/innen wurden offenkundige Mängel durchaus reflektiert, vor allem die weitgehende Nichtbeachtung von Verfall, Abbruch und Umweg in der anfänglichen sozial- und politikwissenschaftlichen Diskussion um die Modernisierung in den USA.[17] Insofern traf die gleichzeitig laut werdende und bis heute anhaltende Kritik an der „Historischen Sozialwissenschaft", sie betreibe Modernisierungsapologie, nicht den Kern der Sache.[18] Treffender war der Vorwurf, dass in modernisierungstheoretischen Ansätzen mit ihrem apersonalen Struktur- und Prozessdenken generell die Menschen zu kurz kämen. Die Forderung eines Perspektivwechsels von den Makro-Strukturen und großen Prozessen zu den Erfahrungen und Wahrnehmungen der Subjekte, der mit entwickelten modernisierungstheoretischen Ansätzen durchaus zu vereinbaren wäre, sorgte seither für viele Diskussionen, führte aber nicht zu einer auf der gleichen Ebene der Betrachtung angesiedelten Alternative. Der Kulturwissenschaftler Dieter Hoffmann-Axthelm formulierte aus der Sicht der Neuen Sozialen Bewegungen: Gerade wer sich gegen die „apparative" konservative, aber auch sozialdemokratische „Modernisierung der Lebensverhältnisse" wehren wolle, habe „keine Möglichkeit, auf das Modernisierungsparadigma zu verzichten".[19]
In der zeitgeschichtlichen Forschung der 1980er-Jahre empfanden Zeithistoriker/innen die klassischen modernisierungstheoretischen Ansätze aber noch aus einem anderen Grund als ungenügend: diese beanspruchten ja, die Transformation von traditionellen bzw. vormodernen zu modernen bzw. industrialisierten Gesellschaften zu erklären. Nun war aber Deutschland ebenso wie die meisten europäischen Gesellschaften nach allen diesbezüglichen Kriterien an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zweifellos eine moderne Gesellschaft, ja sogar eine Gesellschaft der „Klassischen Moderne" – der Begriff der Modernisierung spielte insofern nicht zufällig in diesem Zusammenhang keine wichtige Rolle mehr.
Es bedurfte also für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und einer in die Gegenwart fortschreitenden Zeitgeschichte als Theorieangebot einer die „Modernisierung moderner Gesellschaften" – so das Motto des Deutschen Soziologentages 1990 – selbst reflektierenden Modernisierungstheorie.[20] Dies wurde in der Soziologie erst Ende der 1980er-Jahre breit diskutiert. Die nur im zeitgebundenen Kontext erschließbaren, variantenreichen und sich überkreuzenden Bedeutungsmöglichkeiten von „modern" im Gegenwärtigen gegenüber dem Vorausgegangenen, im Neuen gegenüber dem Alten, im Vorübergehenden gegenüber dem „Klassischen" verwiesen auf die „Modernität als Bewegungskategorie".[21] Sie wurde als Mechanismus einer Selbstreflexion der Moderne verstanden, bei der die Fortentwicklung nicht mehr anhand der Aussonderung „vormoderner" Traditionen, sondern durch die Selektion von Beständen erfolgt, die selbst bereits „modern" sind. Eine Flut von Reflexionsbegriffen als Kennzeichen der „Moderne"[22] – von der „Klassischen Moderne" bis zuletzt zur „High Modernity"[23] – illustriert, dass sie eine Weiterentwicklung nur durch Unterscheidungen in sich selbst zu gewinnen vermag; die Historizität von „Moderne" verweist also immer wieder auf den Begriff der „Modernisierung moderner Gesellschaften".
Die Soziologen Ulrich Beck und Wolfgang Bonß sprachen in diesem Zusammenhang vom Übergang von der „naiven" zur „reflexiven" Moderne; die Modernisierung werde „sozusagen selber modernisiert".[24] Die Richtung dieser Modernisierung deutete Ulrich Beck in seiner Studie der „Risikogesellschaft" an, in der er einen „Bruch innerhalb der Moderne" ausmachte, der die bisherige „halbmoderne" Industriegesellschaft zu einer universell „modernen" individualisierten Gesellschaft habe werden lassen.[25] Abgesehen von der empirischen und theoretischen Detailkritik an der Begründung für den gesamtgesellschaftlich gemeinten „Strukturbruch" war dadurch mit einem für moderne Gesellschaften elaborierten Modernisierungsbegriff ein sehr elastischer theoretischer Rahmen für zeitgeschichtliche Studien entstanden, der auf einer „verfeinerten Moderne-Skala von Neuzeit, neuzeitlicher Moderne und Moderne des 20. Jahrhunderts"[26] beruhte. Dieser füllte nun die Lücke zwischen dem zuvor nur für die Transformation zur „modernen" Gesellschaft erprobten Modernisierungsparadigma und einem ahistorischen Moderne- und Postmoderne-Diskurs.[27]
Im Blick auf die deutsche Geschichtsschreibung verwies die Reflexion von Problemfällen der Modernisierung der Moderne zunächst vor allem auf das traditionsreiche Narrativ des deutschen „Sonderwegs",[28] der Erzählung des erst spät – im 19. Jahrhundert – zur Nation vereinten Deutschlands, das technisch und wirtschaftlich an die Weltspitze gestürmt, zugleich aber als latecomer bei der Verteilung der Kolonien zu kurz gekommen sei und sich um seinen „Platz an der Sonne" betrogen fühlte, sowie der Erzählung vom extremen Widerspruch zwischen ökonomischer Avantgarde-Position und politischer Rückständigkeit.
Letztlich war damit eine normative Umwertung jener vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zum „Dritten Reich" in Deutschland wirkungsmächtigen Ideologie vorgenommen worden, die eher als „Sonderbewusstsein" denn als „Sonderweg" anzusprechen wäre.[29] Was in den „Ideen von 1914" und ihren jahrzehntelangen ideologischen Nachklängen als deutsche Höherwertigkeit gepriesen worden war – das tiefe „faustische" Denken gegenüber westlicher Flachheit, verdichtet in der Polarität „Kultur" gegen „Zivilisation" sowie „deutschen Heldentums" gegen „angelsächsischen Händlergeist"[30] –, galt den Konstrukteuren eines „deutschen Sonderwegs" später als spezifische Rückständigkeit. So wurde auch deutscher Außenpolitik, deren besondere Aggressivität als Ergebnis der Fischer-Kontroverse über die Ursachen des Ersten Weltkriegs weithin als erwiesen galt, ein Erklärungsrahmen verliehen.
In seiner Ambivalenz von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und ökonomischer Stärke auf der einen, politisch-kultureller Absonderung vom moderneren Westen auf der anderen Seite wurde das Deutsche Kaiserreich intensiv untersucht. Als komparatistische Folie dienten dabei vorzugsweise die britische Gesellschaft und der dort weiter gediehene Parlamentarismus als vage Assoziationsfläche und Pars pro Toto des vom „deutschen Sonderweg" zu unterscheidenden „normalen" Modernisierungsweges. Heftige Diskussionen über das Kaiserreich – forciert von den britischen Historikern David Blackbourn und Geoff Eley[31] – ließen allerdings bald wenig von einem „deutschen Sonderweg" übrig – auch abgesehen von der methodologisch trivialen Einsicht, dass es so viele nationale Sonderwege wie Nationen gibt, weil auch unter den westlichen – wie unter den östlichen – Ländern mannigfaltige Unterschiede bestanden und bestehen. Eine nüchternere Betrachtung der viktorianischen Gesellschaft, die (Wieder-)Entdeckung sozialstaatlich moderner Elemente im Kaiserreich, aber auch die Untersuchung der Potenziale einer urbanen Öffentlichkeit rückten die europäischen Gesellschaften jedenfalls eher näher aneinander. Und selbst für die deutschen Ausprägungen radikaler konservativer und nationalistischer Ideologien findet sich anderswo manche Entsprechung, wie in beziehungsgeschichtlichen Studien zur Wissenschafts- und Kulturentwicklung mittlerweile deutlich wurde. Die nicht zuletzt durch die Entwicklung der Massenmedien bedingte kommunikative Vernetzung ließ zudem diesbezügliche Transferprozesse immer deutlicher erkennen; als Beispiel sei die Überformung der deutschen Turntraditionen durch den englischen Sport genannt, die sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg vollzog.[32]
Damit deutete sich – seit den 1980er-Jahren – eine Perspektivänderung an. Der Modernisierungsprozess wurde immer weniger als Normalweg verstanden, neben dem Sonderwege verliefen. Die ehemals als „Sonderweg" beschriebene „Janusköpfigkeit" ergab sich vielmehr aus der Modernisierung selbst. So forderte Detlef Peukert pointiert, die „Gesellschaftsgeschichte der Moderne" nicht als „success-story" zu schreiben, sondern die „Ambivalenzen von fortgeschrittenen Leistungen und pathologischen Nebenwirkungen" hervorzuheben.[33] Im prominenten „Funkkolleg Jahrhundertwende" imaginierte er mit anderen Historikern eine mit lebensweltlichen Phänomenen – Automobil, moderne Presse, Film u.a. – grundierte „klassische Moderne", die, den Titel „Jahrhundertwende" dementierend, in das gesamte Halbjahrhundert von 1880 bis 1930 platziert wurde.[34] Der sich mit der „klassischen Moderne" vollziehende Modernisierungsprozess, so erklärte Peukert in seiner gedankenreichen Skizze über die Geschichte der Weimarer Republik, habe die Menschen schließlich überfordert, am Ende standen die „Krisenjahre" der Klassischen Moderne, „Problematik, Zurücknahme und Zusammenbruch".[35]
So anregend die Konstruktion einer Klassischen Moderne gewesen war, die Annahme von ihrer Rücknahme um 1930 musste – abgesehen von der unterschiedlich beantworteten Frage, wie weit die Modernisierung in den 1920er-Jahren eigentlich fortgeschritten war[36] – zu Zweifeln Anlass geben. Die Modernisierung war ja mit ihrer Krise um 1930 nicht an ihr Ende gelangt. Jenseits der deutschen Grenzen, wohin im Übrigen zahlreiche Protagonisten der kulturellen Moderne vertrieben worden waren, ist dies offensichtlich, wobei das Beispiel der Bauhaus-Vertreter, die nun von Chicago und New York aus dem New Bauhaus als International Style zum weltweiten Durchbruch verhalfen, besonders prominent ist; doch auch im NS-Deutschland war die Modernisierung nicht an ihr Ende gekommen, was zu besonderen Irritationen führte. Im Gegenteil ließe sich formulieren, dass krisenhafte Prozesse der Modernisierung zu jedem Zeitpunkt inhärent sind und die „Krisensemantik" deshalb eine Dauerbegleiterin der Modernisierung ist, sodass sich lediglich besonders zugespitzte Konjunkturen ihrer Artikulation, wie eben die Zeit um 1930, hervorheben lassen.[37]
Die Anwendung des modernisierungstheoretischen Paradigmas auf das „Dritte Reich" hatte bereits in den 1960er-Jahren Bekanntheit erlangt, vor allem durch die einflussreiche Deutung Ralf Dahrendorfs, der den „brutalen Bruch mit der Tradition und den Stoß in die Modernität" als das „inhaltliche Merkmal der sozialen Revolution des Nationalsozialismus" ausmachte.[38] Die Notwendigkeiten der expansionistischen Machtpolitik hätten so gegen die eigene archaische Ideologie, also wider Willen, modernisierend gewirkt. Um ihre eigenen fortschrittsfeindlichen Ziele zu realisieren, so sahen es auch die amerikanischen Historiker David Schoenbaum und Henry A. Turner, hätten die Nationalsozialisten zwangsläufig eine Praxis der Modernisierung entfalten müssen.[39] Während sich dies noch auf eine Modernisierung „von oben", auf die infrastrukturellen Anstrengungen zur Kriegsrüstung und auf die (angeblich) gezielte Ausschaltung von Traditionsfaktoren (Adelseliten, Kirchen u.a.) beziehen ließ, wurde in den 1970er-Jahren gefordert, den Modernitätsgrad der nationalsozialistischen Gesellschaft umfassend anhand eines nüchternen modernisierungstheoretischen Kriterienkatalogs zu bestimmen.
Horst Matzerath und Heinrich Volkmann schlugen vor, „Modernisierung als gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess" zu fassen, bestimmt durch „strukturveränderndes Wachstum", „Erweiterung der Zugangschancen" zu materiellen und nichtmateriellen Gütern und „verstärkte Differenzierungsprozesse" sowie „erhöhte Selbststeuerungskapazitäten der Gesellschaft". Das Ergebnis ihrer damit erfolgten Musterung der NS-Gesellschaft ergab ein „widersprüchliches Bild". Der ökonomische Bereich sei „im wesentlichen den früheren Tendenzen" gefolgt. Auf der politischen Ebene stünden der Stärkung des Zentralstaats, dem Wachstum der Staatsausgaben, der Zunahme der Bürokratie und der politischen Mobilisierung als Modernisierungstrends gegenläufige Entwicklungen wie die Immobilisierung des Bodens, der Außenhandels-Rückgang, Kapazitätsschrumpfungen im Bildungs- und Gesundheitswesen und die Beseitigung demokratischer Strukturen in Staat und Gesellschaft gegenüber, eingebettet in „Erscheinungen parasitärer Zersetzung". Der zusammenfassende Befund lautete: „Pseudomodernisierung".[40]
Gegenüber dieser „klassischen" Sicht auf eine von den Nationalsozialisten nur partiell vorangetriebene und zugelassene Modernisierung zur Erreichung entgegengesetzter Ziele wurde in einem vieldiskutierten Sammelwerk 1990 die Modernität der nationalsozialistischen Gesellschaft besonders akzentuiert, vor allem hinsichtlich moderner Elemente in der städtischen Lebenswelt, in Konsum, Freizeit, Architektur usw.[41] Einer der beiden Herausgeber hatte Adolf Hitler bereits zuvor mit Hilfe langer Zitate-Reihen zum glühenden Modernisierungsanhänger und zum Freund der Ingenieurskunst wie der Großstadt, der technischen Rationalisierung wie des Massenkonsums stilisiert.[42] Die sich daran anschließende heftige Diskussion flammte seither sporadisch immer wieder auf. Sie kreiste im Prinzip zum einen um Umfang und Tiefe der Modernisierung im Nationalsozialismus, wobei der Eindruck entstehen konnte, der Nachweis von besonderer Modernität sei in dem erwähnten Sammelband keine ergebnisoffene Fragestellung, sondern eine sich selbst einlösende Hypothese gewesen. Zum anderen aber wurde dem Versuch einer „Historisierung des Nationalsozialismus" entgegengehalten, es ginge dabei in Wirklichkeit nicht um dessen Einordnung in das 20. Jahrhundert, sondern um eine geschichtspolitisch gewollte „Normalisierung" als Einebnung der monströsen Massenverbrechen. Tatsächlich spielten diese in der Deutung der Modernität des NS-Regimes kaum eine Rolle, stattdessen wurde die deutsche Gesellschaft jener Zeit als Konsum- und Freizeitgesellschaft geradezu amerikanischen Zuschnitts entworfen.[43] Zugleich zeugte die Diskussion aber auch von Unsicherheiten hinsichtlich der Bedeutung von „Modernisierung" als sozialwissenschaftlichem Entwicklungsmodell und der qualitativ charakterisierenden Bewertung.
Dieses Problem zeigte sich auch beim zweiten großen zeitgeschichtlichen Anwendungsfall für das Modernisierungsparadigma in Deutschland, der Zeitgeschichte nach 1945. Auch hier stellte sich die Frage, wie man den gesellschaftlichen Prozess, der in vielfältiger Weise an Traditionen der Zwischenkriegszeit anknüpfte, begrifflich einhegen sollte, wenn die Klassische Moderne zu Ende gegangen war. Anlass dafür, einen modernisierungstheoretischen Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik zu werfen, bot die Kritik des mittlerweile politisch dogmatisierten Begriffs der „Restauration", der ursprünglich im Umkreis des intellektuellen Linkskatholizismus der „Frankfurter Hefte" von Walter Dirks und Eugen Kogon um 1950 als Chiffre für die Enttäuschung über ausgebliebene radikale Neuerungen des politischen Systems und der politischen Kultur benutzt wurde, die zunächst in starkem Maße wieder an Weimarer Muster anknüpfte. Die diffuse Verwendung von „Restauration" in den 1970er-Jahren für die Wiedererrichtung kapitalistischer Wirtschaftsverhältnisse im Zusammenspiel alter Eliten und westalliierter Behörden und für die Entstehung einer bestimmten Mentalität hatte die Zeitgeschichte der Bundesrepublik quasi in „bleiernen Zeiten" still gestellt. In dieser Perspektive interessierte die Nachkriegsgeschichte im Kern nicht mehr – jedenfalls bis „1968", das eine neuerliche Dynamisierung der Gesellschaft anzeigte. Demgegenüber forderte der Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz in mehreren Artikeln Anfang der 1980er-Jahre nachdrücklich, „die in jeder Hinsicht aufregenden und interessanten gesellschaftlichen Wandlungsvorgänge in den fünfziger Jahren" unter dem Blickwinkel der „Modernisierung" zu betrachten.[44] Die 1950er-Jahre als „ruhige Zeiten" im „Lebensgefühl und Lebensstil" seien „zugleich eine Periode aufregender Modernisierung"[45] gewesen und als „Epochenzäsur"[46] zu entdecken.
Dieser optimistisch grundierten und der gesellschaftlichen Entwicklung im „goldenen" Abschnitt des „Jahrhunderts der Extreme" (Eric Hobsbawm) positiv zugewandten Sicht war in ihrer kritischen Korrektur des Restaurationsparadigmas nicht zu widersprechen. Allerdings handelte es sich – die Sphäre des Politischen einbeziehend – nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in zahlreichen anderen westeuropäischen Ländern um eine „Modernisierung unter ‚konservativen Auspizien'", wie Christoph Kleßmann gegenüber der Interpretation von Hans-Peter Schwarz betonte.[47] Und insgesamt war das Verhältnis von Kontinuitätssträngen, die aus verschiedenen Zeitschichten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vor allem der Zwischenkriegszeit, in die Nachkriegszeit hineinragten, zu den sich zeigenden neuen Phänomenen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur zu bestimmen.[48]
Ein Hamburger Projekt brachte dieses Spannungsverhältnis zum einen für die 1950er-Jahre auf die Formel von der „Modernisierung im Wiederaufbau"[49] und machte gleichzeitig eine Zäsur aus, mit der im letzten Drittel jenes Jahrzehnts eine Dynamisierung der Modernisierung einsetzte, die bis zum ersten Drittel der 1970er-Jahre reichte.[50] Zum anderen wurde dabei systematisch nach dem Verhältnis – so der damalige Sprachgebrauch – endogener und exogener Faktoren der Modernisierung gefragt. Letzteres zielte vor allem auf die in den 1980er-Jahren in der Zeitgeschichte intensivierte Diskussion um die „Amerikanisierung". Eine Tübinger Forschergruppe wiederum konzentrierte sich auf die ideengeschichtlichen Entwicklungen der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte als „Westernisierung", also der Durchsetzung „konsensliberaler" Ideen insbesondere aus den USA in Parteien, Gewerkschaften und Medien der Bundesrepublik.[51] Dass sich eine Verbindung von gesellschaftlicher Modernisierung und politischer Liberalisierung nicht „logisch" ergibt, sondern nur in spezifischen historischen Phasen ausprägt, wird mittlerweile nicht mehr bestritten; analysiert werden vielmehr ähnliche Formen der Modernisierung in verschiedenen Ländern und politischen Regimen, etwa hinsichtlich des „Social Engineering".[52]
Während im Laufe der Jahre modernisierungstheoretische Ansätze in historiografisch feinere Begrifflichkeiten übersetzt wurden und zunehmend in den Hintergrund rückten, gewannen sie in jüngster Zeit erneut immerhin implizite Aufmerksamkeit. Dies geschah angesichts der Diskussionen um die Konzeptionalisierung der jüngsten Zeitgeschichte „nach dem Boom", also der Zeit seit den 1970er-Jahren[53] und vor allem seit den 1990er-Jahren, denn für die ehemalige DDR und verschiedene osteuropäische Länder ist in der sozialwissenschaftlichen „Transformationsforschung" die Kategorie der „nachholenden Modernisierung" nicht ohne Plausibilität.[54] Die Historisierung dieser allerjüngsten Zeit wird allerdings auch die kritische Diskussion modernisierungstheoretischer Ansätze unter Einschluss der Reflexion von Möglichkeiten einer Moderne ohne Wachstum zu beachten haben.
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