Amerikanisierung und Westernisierung

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Marshall Plan, Poster von 1950. Bild: E. Spreckmeester<br>im Auftrag der Economic Cooperation Administration [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marshall_Plan_poster.JPG?uselang=de Wikimedia Commons] ([https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/deed.de Public Domain])
Marshall Plan, Poster von 1950. Bild: E. Spreckmeester
im Auftrag der Economic Cooperation Administration Wikimedia Commons (Public Domain)
Amerikanisierung und Westernisierung

Die Begriffe Amerikanisierung als auch Westernisierung bezeichnen Formen des Kulturtransfers, die verwandt und doch deutlich voneinander unterschieden sind. Der Zeitraum, innerhalb dessen von Amerikanisierung und Westernisierung zu sprechen ist, umfasst die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Anfänge beider Prozesse liegen jedoch deutlich früher und reichen mindestens in die Zwischenkriegszeit zurück. Niedergang und Endpunkt sind im Fall von Amerikanisierung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und im Fall von Westernisierung mit der Zeit der Entspannungspolitik um 1970 zu erkennen.

Amerikanisierung wurde als dynamischer Einfluss US-amerikanischen Kulturimports seit den späten 1940er-Jahren in Westeuropa spürbar und erreichte den Höhepunkt in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Immer mehr verschmelzend mit einer transnationalen Konsum- und Marketingkultur, die US-amerikanisch war und amerikanisierend wirkte, setzte der Bedeutungsrückgang mit dem Durchbruch der digitalen Kommunikation und Vernetzung ein. Als neues Phänomen transnationalen Kulturtransfers trat nach dem Ende der Blockspaltung die Globalisierung an die Stelle, deren US-amerikanische Eigenheiten hinter der marktwirtschaftlichen und konsumgesellschaftlichen Uniformität in nahezu allen Ländern rund um den Globus zurücktraten.

Die Einflüsse von Westernisierung gehören in die Jahrzehnte von 1945 bis 1970. Danach war dieser Transfer von spezifischen Ideen und Wertvorstellungen abgeschlossen, der in den westeuropäischen Ländern – vornehmlich in der Bundesrepublik Deutschland, abgeschwächt auch in Italien und Frankreich – seit dem Ende der 1950er-Jahre den Wandel gesellschaftlicher Orientierung tiefgreifend beeinflusst hatte. Es ging hier um die allmähliche Hinwendung zu und Anpassung an anglo-atlantische Muster soziopolitischer und sozialökonomischer Ordnungsvorstellungen, die zur Überwindung faschistisch-nationalsozialistischer Orientierung und zur Immunisierung gegen kommunistische Einflüsse aus dem östlichen Block dienen sollten. Die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft als westeuropäische Allianz mit einer der US-amerikanischen und britischen Staats- und Wirtschaftsverfassung kompatiblen Struktur im Verlauf der 1950er-Jahre, die Festigung der europäisch-atlantischen Kohärenz in den 1960er-Jahren trotz zentrifugaler Kräfte wie dem Vietnamkrieg und der internationalen Kulturrevolution in der Studentenbewegung sowie der Übergang von der Blockkonfrontation zur Entspannungspolitik erbrachten den Nachweis, dass das westliche Bündnis unter Einschluss der Deutschen die Merkmale einer nicht nur strukturellen, sondern auch ideellen Homogenisierung ausgebildet hatte. Dem Transfer von Ordnungsideen und politisch-ideellen Kulturmustern im Westernisierungs-Prozess kam darin erhebliche Bedeutung zu.

Die historische Forschung zu diesen beiden Erscheinungsweisen des Kulturtransfers begann in den 1980er-Jahren und nahm nach 1990 deutlich zu. Sie ergänzte die bis dahin überwiegend politologische Perspektive auf die internationalen Beziehungen der Westintegration im Kalten Krieg. Wie diese blieb auch die kultur- und ideengeschichtliche Forschung auf den europäisch-atlantischen Bezugsraum, auf das Verhältnis, die Einwirkungen und Umgangsformen zwischen Amerikanern und Europäern sowie auf die kommunikative Dynamik der Westeuropäer unter dem Schirm der pax americana beschränkt. Während dabei das Verhältnis der USA und Westeuropa zu Japan und damit die asiatische Dimension weitgehend ausgeblendet blieb, wurde der deutschen Entwicklung besonderes Augenmerk zuteil. Das hing mit dem erstarkten Nationalismus Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg und vor allem mit dem nationalsozialistischen Versuch zusammen, ein germanisches Imperium in Europa zu errichten. Hinzu kamen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Teilung Deutschlands, die Präsenz der Sowjetunion im Land und die große politische, ideologische und kulturelle Bedeutung West-Berlins als Dreh- und Angelpunkt des Ost-West-Konflikts.[1]

Formen des Kulturtransfers

Die Zeit der Weltkriege von 1914 bis 1945 und die Jahrzehnte des Nachkriegsbooms von 1947/48 bis 1973/75 markieren zwei eng miteinander verflochtene und zugleich signifikant verschiedene Epochen in der Geschichte des europäisch-atlantischen 20. Jahrhunderts. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs begannen die Vereinigten Staaten von Amerika zu einem Referenzort für die Gesellschaften West- und Mitteleuropas zu werden, der nun nicht mehr nur das Auswanderungsland der „unbegrenzten Möglichkeiten” repräsentierte. Vielmehr wurden die USA jetzt als Modell für die künftige Entwicklung in Europa angesehen, wobei die Wahrnehmung ebenso begeistert zustimmend wie feindlich abwehrend sein konnte. Nach 1918 setzte ein neuer Transfer von Kulturmustern aus den USA nach Europa ein, der sich einerseits an Formen musikalischer Avantgarde festmachen lässt, welche die europäische Unterscheidung in bürgerliche Hochkultur und populäre Massenkultur nicht kannte. Andererseits ging es um die Faszination fortgeschrittener Technik, deren Protagonisten ebenso Europäer wie Amerikaner waren, in den USA jedoch weit unbefangener wirken konnten. Dieser Enthusiasmus für die Ausgestaltung der technischen Moderne fand sich auf beiden Seiten des Atlantiks, aber die USA wurden schnell zum Modell. Das galt für die moderne Architektur des Hochhaus- und Städtebaus ebenso wie für die Entwicklung des Flugzeugs und den Rausch der Geschwindigkeit, den die Europäer – zumal die Deutschen – eher noch in Form des Autorennsports und der Eisenbahnzüge mit stromlinienförmigen Lokomotiven erlebten. Es ging sodann um die Anfänge des Massenkonsums und die ersten Erscheinungsformen einer Konsumgesellschaft, welche die Alltagskultur im Dienstleistungssektor der Metropolen zu beeinflussen begann. Schließlich ging es um den Transfer neuer Methoden in der Industrieproduktion, die in den USA früher als irgendwo in Europa mittels Fließband und dem Einsatz ungelernter Arbeitskräfte eine konkurrenzlos preiswerte Massenware hervorbrachte. Sie sollte für jedermann konsumierbar sein, um so die Ausbreitung zur Massenproduktion zu ermöglichen.[2]

Neben diesem Transfer der amerikanischen Moderne nach Europa gab es traditionell den europäisch-amerikanischen Ideenverkehr. Seit dem mittleren 18. Jahrhundert, seit der Aufklärungszeit und den Jahrzehnten der Unabhängigkeitserklärung und Verfassungsgebung der USA sowie der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen in Europa, waren hier die Grundlagen des ebenso unterschiedlichen wie eng verflochtenen europäisch-atlantischen Freiheits- und Fortschrittsdenkens gelegt worden, aus dem im 19. Jahrhundert der Liberalismus als politisch-soziale Ordnungskraft hervorging. Dieser Ideenverkehr vollzog sich in einem Kreislauf. Zu bestimmten Zeiten, wie im 19. Jahrhundert, dominierte der Strömungsverlauf von Europa nach Amerika, zu anderen Zeiten, mit dem Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der von den USA nach Europa. Das Entscheidende war die kommunikative Struktur, die eine simple Bipolarität nach dem Sender-Empfänger-Modell nicht kannte, sondern auf Austausch, Import und Export von Information und Wissen sowie auf Integration ausgerichtet war.[3]

Für das 20. Jahrhundert wurde, aufs Ganze gesehen, die kreislaufförmige Struktur des europäisch-atlantischen Ideenverkehrs prägend. Das galt selbst für jene Jahrzehnte faschistischer und nationalsozialistischer Dominanz, als sich die USA langsam, aber entschieden zu ihrer Aufgabe einer Neuordnung Europas bekannten. 1944/45 begann der US-amerikanische Transfer von (Neu)Ordnungsvorstellungen nach Europa, der auf den ersten Blick wie ein ausschließlich hegemoniales Projekt wirkte. Die US information centers in Westeuropa, die in den deutschen Westzonen zuerst Window to the West und dann Amerika-Häuser hießen, sind ein prominentes Beispiel dafür. In diesen engagierten sich allerdings auch zahlreiche Europäer, die nach 1917 vor dem Bolschewismus und nach 1933 vor Faschismus und Nationalsozialismus geflohen waren. Diese intellektuelle Elite mit ihren ganz spezifischen, aus europäischen Prägungen und amerikanischen Einflüssen geformten Vorstellungen von einer freiheitlichen Restrukturierung Europas wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum Träger zahlreicher Initiativen, die die transatlantischen Beziehungen verändern sollten.[4]

Auf der Ebene theoretischer Systematisierung sind folglich zwei Formen von Kulturtransfer zu unterscheiden, um präzise diagnostizieren zu können, wo sie ineinander wirken und sich zeitweise durchdringen. Allein von Amerikanisierung zu sprechen, führt in die Irre. Es verunklart die zeithistorische Analyse von Austauschprozessen, die das 20. Jahrhundert durchgängig geprägt haben. Dem Sender-Empfänger-Modell ist der Begriff Amerikanisierung zuzuordnen, der sich auf das breite Spektrum der Alltagskultur und die Verhaltensformen in der modernen Konsumgesellschaft anwenden lässt. Westernisierung bezeichnet dagegen eine zirkuläre Kommunikation, die auf der Ebene von Konzepten und Ideen verläuft, den Wandel von politischen oder gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen beeinflusst und die Adaption vorhandener Vorstellungen an ein anders formatiertes Modell steuert.

Amerikanisierung

Amerikanisierung beschreibt von Seiten des Senders das Angebot – intentional oder nicht intentional – und von Seiten des Empfängers die Anverwandlung von Gebräuchen, Verhaltensweisen, Bildern und Symbolen bis hin zu Manifestationen der Warenwelt und künstlerischer Artikulation. Ungezwungenes, „lässiges” Verhalten im öffentlichen Raum, Inszenierungen zum Zwecke von Information, Werbung für Politik, Kunst und Kultur oder Wirtschaft, Moden in Musik und performance seit dem Einströmen des Jazz in den 1920er-Jahren und dem Rock ‚n' Roll in den 1940er/1950er-Jahren, dann aber auch die Merkmale des Alltagslebens in der beginnenden Konsumgesellschaft wie Jeans, Coca-Cola, Supermarkt, Selbstbedienungstankstelle oder McDonald's-Läden repräsentieren US-amerikanischen Kultureinfluss. Der maßgebliche Sachverhalt besteht darin, dass dieser Transfer kontinuierlich in nur einer Richtung verlief – von den USA nach Europa und in alle weiteren marktwirtschaftlich orientierten Regionen der Welt.[5]

Amerikanisierung im 20. Jahrhundert bündelte die Dynamik der US-amerikanischen Gesellschaft und repräsentierte eine unverwechselbare, oft als vorbildhaft empfundene Modernität: Amerika war modern, Europa blieb zurück, und deshalb war die Übernahme von amerikanischen Kulturmustern sowohl Bedingung als auch Nachweis für die Fähigkeit und den Willen zur Modernisierung in den europäischen Gesellschaften. Das betraf insbesondere die Selbstwahrnehmung der Westeuropäer nach dem Zweiten Weltkrieg in der Zeit des Nachkriegsbooms; und vor allem galt es für die Deutschen, weil ihre Hinwendung zur amerikanisch grundierten Moderne nicht nur ein Prozess der Modernisierung war, sondern zugleich die Abkehr vom antiwestlichen, völkisch-rassistischen Nationalsozialismus vorantrieb.

Amerika galt als Vorbild einer hochentwickelten Industriegesellschaft, als Musterland der modernen Warenwelt, kulturellen Avantgarde und gesamtgesellschaftlich akzeptierten Alltagskultur. Das Einwanderungsland USA war ein Modell multiethnischer Lebensformen, an dem sich die Europäer in den Jahren wachsender Wanderungsströme im Zuge von Arbeitsmigration und Entkolonialisierung orientieren konnten. Amerikanisierung verbürgte in der Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg Modernität. Sie war immer dort und immer dann wirksam, wo Entwicklungen oder Tatbestände in den USA von gesellschaftlichen Gruppen in den europäischen Ländern als fortschrittlich empfunden wurden. Fortschritt in der Alltagskultur war das Orientierungsmuster, und die hohe Zeit dieses sozialkulturellen Phänomens fiel in die 1950er- bis frühen 1970er-Jahre.

In der Zwischenkriegszeit, insbesondere in den 1920er-Jahren – bevor die faschistischen Regime und das stalinistische System zum Wettlauf mit den USA in allen Bereichen der technischen Moderne antraten –, war von Amerikanisierung noch kaum die Rede. Der zeitgenössische Begriff im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg lautete „Amerikanismus”. Darin kam eine spezifische Wahrnehmung zum Ausdruck, die den maßgeblichen Unterschied der Zwischenkriegszeit zur Nachkriegszeit markiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Amerikas Moderne als ein überlegener Zustand von Modernität in Europa anerkannt. Das Entscheidende war die Wahrnehmung eines Zustands, der als Kontrast zu den abweichenden, zurückhängenden Modernitäts-Zuständen in Europa wahrgenommen und beurteilt wurde, nicht aber als dynamischer Prozess mit strukturverändernder Kraft auch innerhalb der europäischen Gesellschaften. In den 1920er-Jahren wurde die amerikanische Form alltags- und massenkultureller Modernität in die Gegebenheiten des europäischen Alltags, der Warenwelt und der Unterhaltungsindustrie als das Neue, Andere, Besondere eingebaut. Das galt insbesondere für die Metropolen, wo „Amerika” als eine andere Form von Moderne unter namentlichem Bezug auf das Herkunftsland rezipiert wurde.

Bis 1930/35 standen sich die US-amerikanische und die (west)europäische Moderne in der Alltags- und Massenkultur gewissermaßen auf Augenhöhe gegenüber und repräsentierten alternative Zustände der Ordnung moderner Gesellschaften. Von einer Durchdringung der europäischen Nationalkulturen durch Amerikanisierung, wie in der Zeit nach 1945, lässt sich hier noch nicht sprechen. Seit dem Beginn der 1930er-Jahre näherten sich Europa und Amerika, herausgefordert durch die Weltwirtschaftskrise, einander an und bildeten mit den je unterschiedlichen Versuchen des Social Engineering und des New Deal zur Integration der krisengeschüttelten Bevölkerung eine „entfernte Verwandtschaft” aus.[6] Der Zweite Weltkrieg verstärkte diesen Prozess, denn mit dem amerikanischen Engagement im Krieg gegen den Nationalsozialismus entstanden in den 1940er-Jahren die wesentlichen Voraussetzungen zur politökonomischen und strukturellen Durchdringung des besiegten Feindstaats wie überhaupt der europäischen Länder insgesamt mit amerikanischem Einfluss. Die Dynamik von Amerikanisierung nach 1945 baute darauf auf – und ermöglichte in dieser Konstellation auch die Anfänge von Westernisierung. Doch sowohl die Entstehungsbedingungen als auch die Wirkmechanismen und Ziele markieren einen deutlichen Unterschied.

Der Begriff Westernisierung

Westernisierung verweist auf eine andere Handlungsebene und erschließt als analytische Kategorie eine das Amerikanisierungsgeschehen ergänzende, erweiterte Form politisch-ideellen Transfers. Der Begriff Westernisierung, gebunden an den historischen Sachverhalt des europäisch-atlantischen Ideenverkehrs in der Neuzeit, ist im Kontext des Kreislaufs politischer, sozialökonomischer und kultureller Ordnungsvorstellungen zu verorten. Als zeithistorischer Terminus wird er entweder – globalgeschichtlich – auf ideelle Transformationsprozesse seit 1900 bezogen[7] oder – regionalgeschichtlich – auf konkret eingrenzbare, präzise rekonstruierbare Entwicklungen zwischen 1945 und 1970 angewendet. Im letzteren Sinne sind zentrale, unverwechselbare Erscheinungen der politisch-ideellen Homogenisierung in westeuropäischen Ländern mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland zeithistorisch analysiert worden.[8] Westernisierung beschreibt dann den nahezu simultan verlaufenen Prozess der politisch-ideellen Sozialliberalisierung sozialistischer oder sozialdemokratischer Parteien und Gewerkschaften während des Kalten Kriegs.[9] Westernisierung beschreibt überdies die konsequente Beeinflussung der westdeutschen publizistischen und akademischen Öffentlichkeit mit dem Ziel einer kritischen Reversion der deutschen Wendung gegen den westlichen Liberalismus, wie sie im Ersten Weltkrieg vollzogen worden war. Die Kriegspropaganda hatte den Anfang gebildet, der völkische Nationalismus seit 1920 die Entwicklung verschärft und die Ausbreitung des Nationalsozialismus befördert. Nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 ging es den westlichen Siegern allerdings nicht nur um die Überwindung der anti-westlichen, antiliberalen Ideologie der Deutschen, sondern ganz akut um die Bekämpfung des Bolschewismus, der hinter dem Faschismus als eine weitere Bedrohung der westlich-liberalen Ordnung auftauchte. Seit 1945 war die Sowjetunion der Gegner des US-amerikanisch dominierten Westens. Die Totalitarismus-These, wonach „braun” gleich „rot” war, steuerte die amerikanische Nachkriegsplanung für Europa und beeinflusste von früh an den Westernisierungsdiskurs. Sie war nach 1939 von deutschen Emigranten und amerikanischen Sozialwissenschaftlern im intellektuellen Milieu der amerikanischen Ostküsten-Universitäten formuliert worden und brachte einmal mehr die Intensität des europäisch-atlantischen Ideenverkehrs zum Ausdruck.[10]

Im regionalen, sowohl westeuropäischen als auch westdeutschen Bezug bezeichnet Westernisierung den Prozess gezielter Meinungsbildung bei den intellektuellen Eliten vornehmlich im politischen linken Spektrum mit dem Ziel, in der ideellen Neuordnung der Gesellschaft nach dem Faschismus nun den Kommunismus zu bekämpfen und die sozialistischen Parteien für die politisch und wirtschaftlich liberale Ordnung des euroatlantischen Westens einzunehmen. Gezielte Meinungsbildung war überdies intendiert mit Blick auf das nationalkonservative Weltbild im deutschen Staats- und Geschichtsdenken, das – verbreitet in den Universitäten, bei Juristen und Verwaltungsfachleuten und im bildungsbürgerlichen Milieu – nach 1945 weiterhin die historisch-politische Wertorientierung der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg als gültig und zukunftsfähig betrachtete.[11]

Hervorzuheben ist dabei, dass der Begriff Westernisierung als Fachterminus in die deutschsprachige Diskussion eingeführt worden ist, um den Unterschied wie auch die Verwandtschaft mit dem Begriff Amerikanisierung zu verdeutlichen. Im Englischen bringen americanization und westernization den inneren Zusammenhang unmissverständlich zum Ausdruck. Die landläufige Übersetzung im Deutschen würde dann „Amerikanisierung” und „Verwestlichung” lauten, und hier liegt ein Problem.

Das Präfix „Ver” transportiert oftmals eine pejorative Wertung, sodass die Semantik des Worts davon berührt ist. Wer von „Veramerikanisierung” spricht, äußert sich geringschätzig. Das will bedacht sein, wenn der Begriff „Verwestlichung” daneben gestellt wird. Wer zudem als Zeithistoriker/in die Sprache der Nazis kennt, die mit voller Absicht von „Verjudung” sprachen, um negative Assoziationen zu erzeugen, wird es vermeiden, von „Verwestlichung” zu sprechen, wenn das Beschriebene wertneutral dargelegt werden soll. In der deutschen Geschichte ist die feindschaftliche Ablehnung alles Westlichen seit 1914 tief verankert und im kulturell Unbewussten bis heute anzutreffen. Deshalb ist es erkenntnistheoretisch geradezu widersinnig, einen ideellen Prozess, der dahin zielte, diese ideologische Formatierung mittels kritischer Selbstreflexion allmählich zu überwinden, mit dem Kernbegriff der nationalistischen Antiwestlichkeit zu belegen.

Westernisierung dient insofern der sachlichen Beschreibung und kritischen Analyse eines historischen Geschehens, das positiv oder negativ zu werten dem Einzelnen überlassen bleiben muss. Deshalb darf ein pejorativer Subtext nicht schon mit dem Begriff selbst in die Wahrnehmung der scientific community eingeschleust werden. Die Westeuropäer sind amerikanisiert, ohne Zweifel, aber ob sie sich als „veramerikanisiert” empfinden, lässt sich nicht sagen. Ihre politische Öffentlichkeit ist in weiten Bereichen westernisiert, aber sie werden sich nicht unbedingt als „verwestlicht” wahrnehmen. Hier ist sprachliche Präzision vonnöten.

Westernisierung im historischen Prozess

Die Anfänge des politisch-ideellen und ideologischen Programms leiteten sich aus den Kriegsjahren her und speisten sich aus verschiedenen Quellen. Zum einen arbeiteten westeuropäische, überwiegend deutsche Emigranten im Office of Strategic Services in Washington D.C. gemeinsam mit amerikanischen Akademikern die Grundsätze der Europa- und Deutschlandpolitik nach dem Sieg der Alliierten aus, die sie aus Analysen der Gesellschaftsentwicklung, des Kontrasts zwischen Industrialisierung und politischer Kultur nach der Reichsgründung 1871 und den Eigenheiten des Parteiensystems und Wahlrechts im Deutschen Reich entwickelten.[12] Zum Zweiten übten die Vordenker in der Umgebung von Präsident Franklin D. Roosevelt Einfluss dahingehend aus, dass die amerikanische Konzeption für die wirtschaftliche Stabilisierung Europas nach Kriegsende den Prinzipien des im New Deal verankerten Modells von consensus liberalism resp. consensus capitalism folgte, welches mit dem Keynesianismus – der Wirtschaftstheorie des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes seit 1936 – verkoppelt war. Der hier postulierte liberale Konsens zielte auf die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten und Milieus durch eine Überwindung von sozialkulturellen, ethnischen, religiösen Gegensätzen als auch jenen zwischen Kapital und Arbeit mit dem Ziel, die liberale Ordnung in Gesellschaft und Wirtschaft zu wahren.[13] Zum Dritten bildete sich in den Kriegsjahren eine Gruppe von ursprünglich politisch links orientierten Intellektuellen zu späterhin höchst virulenten Antikommunisten aus. So waren etwa die für den Prozess der Westernisierung so bedeutenden New York Intellectuals Linkssozialisten oder Kommunisten gewesen und als solche erklärte Antifaschisten, aber die Erfahrung des Hitler-Stalin-Pakts 1939 erzwang die Abkehr von ihrem politischen Glauben und ließ sie nach 1945 zu besonders kämpferischen Feinden der stalinistischen Sowjetunion werden.[14]

Vor diesem Hintergrund exportierten die USA 1947 mit dem Marshall-Plan das an den New Deal rückgebundene amerikanische Ordnungsmodell nach Westeuropa, welches Wirtschaftshilfe für jene Länder vorsah, die sich zur parlamentarischen Demokratie und zur freien Marktwirtschaft bekannten und überdies bereit sein mussten, sich in gemeinsamen Verhandlungen über die Verteilung der Hilfsgüter zu einigen. Das bedeutete, dass hier ein Wirtschaftsraum programmiert wurde, dessen politökonomisches System kompatibel mit dem der USA sein würde und der sowohl Sieger als auch Besiegte, die Westeuropäer und die Deutschen, umfassen musste, um Deutschlands Wirtschaftspotenzial für den Wiederaufbau zu nutzen und zugleich gegen die planwirtschaftliche Parteiendiktatur in den Ländern unter sowjetischem Einfluss abzuschotten. In diesem ordnungspolitischen Rahmen formierten sich die westeuropäischen Gesellschaften zu Beginn des Kalten Kriegs, 1948 bis 1950.[15] Seither breitete sich in Westeuropa der Antikommunismus in dem Maße aus, wie einerseits die sowjetische Bedrohung politisch und publizistisch beschworen wurde und andererseits die kommunistischen Parteien in allen europäischen Ländern nach Vorgaben der KPdSU mit wirkungsvoller Propaganda begannen, um auf intellektuelle und künstlerische Führungsschichten in West und Ost Einfluss zu nehmen. Dagegen bauten einige der kämpferischsten Köpfe der New York Intellectuals im Zusammenwirken mit westeuropäischen und deutschen Antifaschisten – allesamt Anhänger der Totalitarismus-These – ein höchst wirkungsvolles Propagandanetzwerk auf, das mit einflussreichen Zeitschriften in Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich sowie mit dem Medium spektakulärer Intellektuellenkongresse und in steter Kooperation mit Rundfunk- und Zeitungsredaktionen einen ideologischen Kampf gegen den Kommunismus und zugleich für das Ordnungsmodell des liberalen, kapitalistischen Konsenses führte.

Die Organisation, die als Spinne im Netz agierte, nannte sich Congress for Cultural Freedom.[16] Sie wirkte als politisch aktive, publizistisch suggestiv wirksame Vorhut des atlantischen liberalen Ordnungsmodells in den westeuropäischen Ländern, mit einem Schwerpunkt in Deutschland, um Einfluss auf kulturelle und politische Orientierung zu gewinnen. Auch hier, sowohl beim CCF selbst als auch im weiteren Netzwerk des Westernisierungs-Einflusses, lässt sich das enge Zusammenwirken von europäischen Emigranten, Amerikanern und westlich gesinnten Europäern beobachten. Weniger prominent als die lauten Antikommunisten im CCF, aber dennoch weit wirkungsvoller war das Geschehen, das sich in Presse und Rundfunk, an einigen Universitäten oder hier und da im Literatur- und Kunstbetrieb der deutschen Westzonen, in West-Berlin und der jungen Bundesrepublik abspielte. Hier arbeiteten Medienleute, Wissenschaftler und Schriftsteller, Gewerkschaftsfunktionäre und Parteipolitiker zusammen, um dazu beizutragen, dass der nationalkonservative Traditionalismus in den Universitäten, der Publizistik und im Kulturverständnis zurückgedrängt wurde. Gleichermaßen bekämpften sie den Einfluss „des Ostens” dadurch, dass sie im Sinne des liberalen und kapitalistischen Konsenses und auf argumentativ hohem Niveau für die Überwindung des Klassengedankens und der Kategorie der Klassengesellschaft eintraten. Die sozialdemokratischen oder sozialistischen Intellektuellen kehrten aus der Emigration zurück und wollten nun das im „Westen” – sei es in Großbritannien, den USA oder Skandinavien – erfahrene Modell einer wirtschaftlich und politisch liberalen Sozialordnung zur Geltung bringen. Es waren diese Remigranten – Willy Brandt und Bruno Kreisky sind besonders prominente Namen, doch es gehörten auch Gewerkschafter und zahlreiche Wissenschaftler dazu wie die Politologen Ernst Fraenkel, Franz L. Neumann und Arnold Bergstraesser –, die, eingebunden in das Netzwerk des Kulturtransfers aus Repräsentanten des Konsensliberalismus und Protagonisten der antikommunistischen „kulturellen Freiheit”, im Verlauf der 1950er-Jahre wirkungsvolle Vorarbeit leisteten.[17]

Als 1961 in der westdeutschen Öffentlichkeit die „Fischer-Kontroverse” über Deutschlands initiierende Mitschuld am Ersten Weltkrieg ausbrach und das Kaiserreich unvermutet als Vorläufer, gar als Bedingung des Nationalsozialismus erschien, war das in der bildungsbürgerlichen Elite verankerte Weltbild des schwarz-weiß-roten nationalkonservativen Traditionalismus fortan einer wissenschaftlichen wie publizistischen Dekonstruktion preisgegeben. Das wurde zur wirkungsmächtigen Voraussetzung für die Entwicklung eines kritischen Verständnisses von Deutschlands Ort in der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, wie es sich seit 1960 herausbildete.[18] Als sich ungefähr zur gleichen Zeit, 1959 und 1963, die SPD und der DGB im Godesberger bzw. Düsseldorfer Programm vom marxistischen Konzept des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit trennten und die Partnerschaft der Tarifparteien in einer marktwirtschaftlichen Ordnung anerkannten, hatten consensus liberalism und consensus capitalism in der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik eine weitgehende Dominanz gewonnen. Damit etablierte sich zunehmend der Sozialliberalismus als ein parteienübergreifendes Konzept in der marktwirtschaftlichen demokratischen Ordnung.[19] So weit auch die Fischer-Kontroverse und das Godesberger Programm thematisch voneinander entfernt waren, so eng war jedoch der zeitliche Zusammenhang, und dieser verweist auf die beides verbindende, ideelle Dynamik im Westernisierungsprozess.

In Frankreich und Italien verlief die Entwicklung weniger spektakulär und weniger weitgreifend, weil bei Kriegsende beide Länder an der Seite der USA und Großbritanniens standen und eine dem anglo-atlantischen Liberalismus entgegengesetzte nationalkulturelle Tradition eine geringere Rolle spielte. Deshalb war in beiden Ländern vor allem der Kampf gegen den Kommunismus besonders stark ausgeprägt, was dazu beitrug, dass die Partido Comunista Italiano (PCI) und die Parti communiste français (PCF) keinen nennenswerten Einfluss auf Wirtschaftsordnung und politisches System nehmen konnten. Allerdings ist bisher vornehmlich dieser Aspekt näher erforscht worden[20], während die Hineinnahme konsensliberaler Ordnungsmuster in den politischen Alltag hier eher als Folgewirkung der westeuropäischen Wirtschaftsintegration erscheint. Da indessen auch diese Hineinnahme durch den frühen Einfluss des Marshall-Plans mit der Dynamik des Kulturtransfers und der politisch-ideellen Homogenisierung der westeuropäischen Länder als Teilelement des Westernisierungs-Prozesses aufzufassen ist, wird künftige Forschung den Zusammenhang von Ideentransfer und wirtschaftspolitischer Integration zu analysieren haben.[21]

Großbritannien als Juniorpartner der USA während des Krieges verblieb in der Nachkriegszeit abseits des Geschehens, zumal der Kommunismus hier keine Rolle spielte. Die britische Version einer Sozialliberalisierung der soziopolitischen Struktur war mit dem Beveridge-Plan 1942 bereits vorbereitet worden, aber sie beeinflusste weder die politische Programmatik der Labour Party noch der Gewerkschaften besonders wirkungsvoll. Sie scheiterte nicht zuletzt deshalb in den 1970er-Jahren.[22]

Amerikanisierung, Westernisierung, Europäisierung, Sowjetisierung

Abschließend soll die Frage diskutiert werden, inwieweit einerseits die verschränkten Prozesse von Amerikanisierung und Westernisierung seit dem Marshall-Plan und der Transfer von soziopolitischen Ordnungsmustern im Westernisierungsgeschehen in einem engen Zusammenhang mit der allmählichen Integration und der Europäisierung der westeuropäischen Nationalstaaten zu sehen sind und ob andererseits Amerikanisierung und Westernisierung in Osteuropa von einer Sowjetisierung konterkariert wurden.

Es ist unbestreitbar, dass die Vereinigten Staaten seit 1945/47 eine maßgebliche Rolle beim Zusammenschluss der französisch-belgischen und der (west)deutschen Montanindustrie spielten. Die USA förderten insbesondere die Politik des Ausgleichs zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich sowie den wirtschaftspolitischen Zusammenschluss mit den Beneluxländern und Italien zum Europa der Sechs. Vom Marshall-Plan 1947 bis zu den Römischen Verträgen und der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 war „Europa” ein Produkt amerikanischen Einflusses. Dennoch darf man andererseits den Erfahrungshintergrund der europäischen Protagonisten in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten nicht übersehen. Der Franzose Robert Schuman, der Italiener Alcide De Gasperi, der Belgier Jean Monnet und der Deutsche Konrad Adenauer waren nicht nur in den Grenzregionen ihrer Länder geboren und standen daher kulturell den Nachbarländern aufgeschlossen gegenüber, sondern sie waren auch Zeitgenossen beider Weltkriege und der Zwischenkriegszeit. Sie hatten das Elend der nationalen Rivalität im Krieg von 1914, den hasserfüllten Nationalismus auf allen Seiten nach dem Friedensschluss und insbesondere den feindschaftlichen Revisionismus der Deutschen gegen „Versailles” erlebt und dann die Auswirkungen des rassistischen Imperialismus des NS-Staats im Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib erfahren.[23] Ihr Bemühen um die Überwindung der Vorurteile und Belastungen aus der jüngsten Vergangenheit, an dem sich seit 1958 auch der französische Staatspräsident Charles de Gaulle ungeachtet seiner Gegnerschaft zu Großbritannien und den USA aktiv beteiligte, fand in der amerikanischen Regierung und in der Wirtschaft immer entschiedenen Rückhalt.[24]

Die Einigung Europas diente insofern amerikanischem Interesse, von den ersten Anfängen bis in die Endphase des Ost-West-Konflikts. Deshalb spielte der Schulterschluss der westeuropäischen Regierungen gegen die Sowjetunion und die Ostblockländer eine wichtige Rolle. Die von den USA geförderte Integration Europas sicherte in wirtschaftlicher und politischer, sodann in militärischer und schließlich in ideologischer Hinsicht das westeuropäische Glacis im Kalten Krieg und neutralisierte, ganz nebenbei, die Deutschen, indem sie jedem Gedanken an einen nationalen Neutralismus oder „Dritten Weg” den Boden entzog. Insofern gibt es einen Zusammenhang zwischen der Integration Europas und den kulturellen Dynamiken von Amerikanisierung und Westernisierung. Kennzeichen des „europäisierten” Europa wären die Freizügigkeit beim Reisen und im Warenverkehr; die europaweite Amerikanisierung zeigt sich in der Alltagskultur, hinter der erst auf den zweiten Blick die regionalen Unterschiede und je eigenen Traditionen sichtbar werden.

Einflüsse von Westernisierung finden sich entsprechend der zeitlichen Eingrenzung auf die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Europäisierung Europas noch ganz in den Anfängen steckte. Daher ist hier der Blick primär auf die Länder zu richten, die von Anbeginn das Europa der Sechs bildeten, zudem auf Großbritannien und Skandinavien. Spanien, Portugal und Griechenland begannen dagegen erst seit den mittleren 1970er-Jahren eine Rolle zu spielen. Westernisierung als atlantischer Ideentransfer und ideologisches Projekt im Kalten Krieg bildete eine Unterströmung des gesellschaftlichen Wandels im Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit und richtete sich darauf, die Parteien und Verbände der demokratischen Linken gegen die kommunistischen Parteien im jeweiligen Land – insbesondere in Frankreich und Italien – oder gegen Propaganda aus dem Ostblock zu immunisieren. Das wurde in den westeuropäischen Ländern spürbar und trug zur ideellen Homogenisierung im Europa der Sechs bei.[25]

Hat es nun simultan zu Amerikanisierung und Westernisierung ein östliches Pendant in Gestalt einer Sowjetisierung Osteuropas gegeben? Diese Frage wurde im Nachvollzug der internationalen Amerikanisierungsforschung während der 1990er-Jahre gestellt und damals auf die deutschen Verhältnisse bis 1970 angewendet.[26] Dadurch wird es zwar möglich, die beiden verschiedenen Formen von Kulturtransfer auch mit Blick auf den östlichen Block zu konzeptualisieren, doch das Ergebnis bleibt mager. Das liegt nicht nur daran, dass hierzu weit weniger Forschung betrieben wurde. Vielmehr war die Sowjetunion für die Bevölkerungsmehrheit in der DDR kein Vorbild an Modernität oder Beispiel für Fortschritt und Wohlstand. Nicht nur die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungsherrschaft unmittelbar nach 1945 standen dem entgegen, sondern auch kulturell eingewurzelte Vorurteile.[27] Nur für kurze Zeit gab es Ansätze von Sowjetisierung in dem konstruktiven Verständnis, die Verhältnisse anders, moderner und besser zu gestalten. Doch selbst das galt nur für diejenigen Menschen in der SBZ und DDR, die von der Notwendigkeit überzeugt waren, eine von Grund auf neue Ordnung zu schaffen und den Sozialismus aufzubauen. Mit dem Volksaufstand gegen die SED-Herrschaft nach dem Tod Stalins ging diese Phase 1953 zu Ende. Kulturtransfer unter den Auspizien des Stalinismus war mit Gewalt verbunden,[28] und die Modernisierung der Sowjetunion unter stalinistischen Auspizien war ein gleichermaßen technisches, ideologisches und von Gewalt gesteuertes Projekt. Man musste sich dem ausliefern wollen, um es mitvollziehen zu können.[29] Die späteren Bemühungen, zwischen der Sowjetunion und den europäischen Bündnispartnern Formen der Kultur-, Wissenschafts- und Bildungskooperation zu verwirklichen, erbrachten keinen dauerhaften Erfolg.[30] Sie waren am amerikanischen Vorbild orientiert und insofern ein genuiner Bestandteil der kulturellen Rivalität im Ost-West-Konflikt. Insbesondere fehlte jedoch das materielle Fundament, um dauerhafte Verbindungen und wirkungsvolle Mechanismen eines Kulturtransfers zu schaffen, und es fehlte die breitenwirksame ideelle Rezeption. Deshalb wäre es falsch, von Sowjetisierung als direkter Parallele zu Amerikanisierung und Westernisierung zu sprechen, denn diese waren – ungeachtet des hegemonialen Anspruchs der USA – an den freiwilligen Mitvollzug in den offenen Gesellschaften Westeuropas gebunden. Nur dadurch entfalteten sie ihre Wirkung.

Anmerkungen

  1. Eine Einführung in die Problematik bieten Emily Rosenberg, Spreading the American Dream. American Economic and Cultural Expansion 1890-1945, New York 1982; Tony Smith, America’s Mission. The United States and the Worldwide Struggle for Democracy in the Twentieth Century, Princeton, N.J. 1994; Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
  2. Christof Mauch/Kiran Klaus Patel (Hrsg.), Wettlauf um die Moderne. Die USA und Deutschland 1890 bis heute, München 2008.
  3. Johannes Paulmann, Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 267 (1998), S. 649-685; Richard Pells, Not Like Us. How Europeans have Loved, Hated, and Transformed American Culture since World War II, New York 1997.
  4. Frank A. Ninkovich, The Diplomacy of Ideas. U.S. Foreign Policy and Cultural Relations, 1938-1950, Cambridge 1981; Claus-Dieter Krohn, Wissenschaft im Exil. Deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in den USA und die New School for Social Research, Frankfurt/New York 1987; Alfons Söllner (Hrsg.), Zur Archäologie der Demokratie in Deutschland. 2 Bde., Frankfurt a.M. 1986; als Fallstudie: Uta Gerhardt, Denken der Demokratie. Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes, Stuttgart 2007; zu den Amerika-Häusern vgl. Maritta Hein-Kremer, Die amerikanische Kulturoffensive. Gründung und Entwicklung der amerikanischen Information Centers in Westdeutschland und West-Berlin 1945-1955, Köln u.a. 1996.
  5. Philipp Gassert, Amerikanismus, Antiamerikanismus, Amerikanisierung. Neue Literatur zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des amerikanischen Einflusses in Deutschland und Europa, in: Archiv für Sozialgeschichte 39 (1999), S. 531-561. Zur Amerikanisierung der Wirtschaft vgl. Paul Erker, „Amerikanisierung“ der westdeutschen Wirtschaft? Stand und Perspektiven der Forschung, in: Konrad Jarausch/Hannes Siegrist (Hrsg.), Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945-1970, Frankfurt a.M./New York 1997, S. 137-145; Susanne Hilger, „Amerikanisierung“ deutscher Unternehmen. Wettbewerbsstrategien und Unternehmenspolitik bei Henkel, Siemens und Daimler-Benz (1945/49-1975), Stuttgart 2004; Harm G. Schröter, Americanization of the European Economy. Comparative Survey of American Economic Influence in Europe since the 1880s, Dordrecht 2005.
  6. Thomas Etzemüller (Hrsg.), Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009; Wolfgang Schivelbusch, Entfernte Verwandte. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal, München 2005.
  7. Theodore H. von Laue, The World Revolution of Westernization. The Twentieth Century in Global Perspective, New York/Oxford 1987; Serge Latouche, The Westernization of the World. The Significance, Scope and Limitis of the Drive towards Global Uniformity, Cambridge 1996.
  8. Vgl. Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen?
  9. Julia Angster, ‘Safe by Democracy’: American Hegemony and the ‘Westernization’ of West German Labor, in: Amerikastudien/American Studies 46 (2001), S. 557-571.
  10. Claus-Dieter Krohn/Axel Schildt (Hrsg.), Zwischen den Stühlen? Remigranten und Remigration in der deutschen Medienöffentlichkeit der Nachkriegszeit, Hamburg 2002.
  11. Anselm Doering-Manteuffel, Westernisierung. Politisch-ideeller und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik bis zum Ende der 60er Jahre, in: Axel Schildt u.a. (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 311-341.
  12. Jürgen Heideking, Geheimdienstkrieg gegen Deutschland. Subversion, Propaganda und politische Planungen des amerikanischen Geheimdienstes im Zweiten Weltkrieg, Göttingen 1993; Petra Marquardt-Bigman, Amerikanische Geheimdienstanalysen über Deutschland 1942-1949, München 1995.
  13. Steve Fraser/Gary Gerstle (Hrsg.), The Rise and Fall of the New Deal Order, 1930-1980, Princeton, N.J. 1989.
  14. Alexander Bloom, Prodigal Sons. The New York Intellectuals and their World, New York/ Oxford 1986; Terry A. Cooney, The Rise of the New York Intellectuals. Partisan Review and it’s Circle, Madison, Wis. 1986; Alan M. Wald, The New York Intellectuals. The Rise and Decline of the Anti-Stalinist Left from the 1930s to the 1980s, Chapel Hill/London 1987.
  15. Othmar Nikola Haberl/Lutz Niethammer (Hrsg.), Der Marshall-Plan und die europäische Linke, Frankfurt a. M. 1986; Charles S. Maier/Günter Bischof (Hrsg.), The Marshall Plan and Germany, New York/Oxford 1991.
  16. Peter Coleman, The Liberal Conspiracy. The Congress for Cultural Freedom and the Struggle for the Mind of Postwar Europe, New York/London 1989.
  17. Michael Hochgeschwender, Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998.
  18. Doering-Manteuffel, Westernisierung, S. 333-339.
  19. Julia Angster, Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, München 2003.
  20. Pierre Grémion, Intelligence de l'anticommunisme. Le Congrès pour la liberté de la culture à Paris (1950-1975), Paris 1995.
  21. Alan S. Milward, The Reconstruction of Western Europe 1945-51, London 1984; Geir Lundestad, “Empire” by Integration. The United States and European Integration, 1945-1997, Oxford 1998.
  22. Brian Harrison, Seeking a Role. The United Kingdom, 1951-1970, Oxford 2009; Mark Garnett, From Anger to Apathy. The British Experience since 1975, London 2007.
  23. Vgl. Wilfried Loth, Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration, Göttingen 1990.
  24. Eckart Conze, Hegemonie durch Integration? Die amerikanische Europapolitik und de Gaulle, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 43 (1995), S. 297-340; Frédéric Bozo, Deux stratégies pour l’Europe. De Gaulle, les Ètats-Unis et l’Alliance Atlantique 1958-1969, Paris 1996.
  25. Eine systematisierende Forschung im europäischen Vergleich fehlt bisher. Vgl. aber Pierre Grémion, Intelligence de l’anticomunisme. Le Congrès pour la liberté de la culture à Paris (1950-1975), Paris 1995; im internationalen Vergleich nach wie vor wichtig ist Coleman, The Liberal Conspiracy.
  26. Vgl. Jarausch/Siegrist (Hrsg.), Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945-1970; Anne Hartmann/Wolfram Eggeling, Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ und frühen DDR, Berlin 1998.
  27. Jan C. Behrends, Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln 2006; Silke Satjukow, „Die Russen“ in Deutschland 1945-1995, Göttingen 2008.
  28. John Conelly, Captive University. The Sovietization of East German, Czech and Polish Higher Education, 1945-1956, Chapel Hill/London 2000.
  29. Vgl. Christoph Mick, Forschen für Stalin. Deutsche Fachleute in der sowjetischen Rüstungsindustrie 1945-1958, München/Wien 2000; Klaus Gestwa, Die Stalinschen Großbauten des Kommunismus. Sowjetische Technik- und Umweltgeschichte, München 2010.
  30. Christoph Mick, Serving two Dictators. German Scientists in the Soviet Union after World War II, in: Martin Kohlrausch/Katrin Steffen/Stefan Wiederkehr (Hrsg.), Expert Cultures in Central Eastern Europe. The Internationalization of Knowledge and the Transition of Nation States since World War I, Osnabrück 2010, S. 181-198; vgl. auch Gert Lange, Sonne, Sturm und weiße Finsternis. Eine Chronik der ostdeutschen Antarktisforschung, Hamburg 1996.

Zitation

Anselm Doering-Manteuffel, Amerikanisierung und Westernisierung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.1.2011, URL: http://docupedia.de/zg/Amerikanisierung_und_Westernisierung?oldid=106215

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Julia Angster, Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, Oldenbourg, München 2003, ISBN 9783486566765.

Uta Andrea Balbier, Billy Graham in West Germany: German Protestantism between Americanization and Rechristianization, 1954–70, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 7, Nr. 3, 2010 (online).

Peter Coleman, The Liberal Conspiracy. The Congress for Cultural Freedom and the Struggle for the Mind of Postwar Europe, The Free Press, New York, London 1989, ISBN 9780029064818.

Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 9783525340172.

Philipp Gassert, Amerikanismus, Antiamerikanismus, Amerikanisierung. Neue Literatur zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des amerikanischen Einflusses in Deutschland und Europa, in: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. 39, 1999, ISSN 0066-6506, S. 531-61 (online).


Online-Artikel

Uta Andrea Balbier, Billy Graham in West Germany: German Protestantism between Americanization and Rechristianization, 1954–70, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 7, Nr. 3, 2010 (online).

Daniela Münkel, Als „deutscher Kennedy“ zum Sieg? Willy Brandt, die USA und die Medien, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 1, Nr. 2, 2004 (online).





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