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Edgar Wolfrum, Günther R. Mittler

Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte

Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.05.2011
https://docupedia.de/wolfrum_mittler_zwei_staaten_v1_de_2011

DOI: https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.299.v1

Artikelbild: Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte

Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1982.

Der Beitrag von Edgar Wolfrum und Günther R. Mittler ist eine Wiederveröffentlichung des im Sammelband „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow) erschienenen Artikels. Darin wird der 1982 erschienene Klassiker „Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955“ von Christoph Kleßmann untersucht, der sich in die deutsche Zeitgeschichtsschreibung nach 1945 in „Verflechtung und Abgrenzung” zwischen der Bundesrepublik und der DDR einreiht.
Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte

von Edgar Wolfrum, Günther R. Mittler

Seit 1990 haben wir uns daran gewöhnt, dass es vornehmlich vier Möglichkeiten gibt, deutsche Zeitgeschichte nach 1945 zu schreiben: Erstens die nationalgeschichtliche Perspektive, die von einer gemeinsamen deutschen Geschichte im Zeitalter der Teilung ausgeht; zweitens das kontrastierende Denkmodell, das die Gegensätze von Demokratie und Diktatur herausarbeitet; drittens die Separatgeschichten sowie viertens eine Geschichte der „Verflechtung und Abgrenzung” zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Mit dem letzteren Begriffspaar sind wir bei Christoph Kleßmann angelangt.[1] Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, in welchem intellektuellen Umfeld Kleßmann am Ende der 1970er- und zu Beginn der 1980er-Jahre schrieb. Einige Eckpunkte: Der Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1978 über die „Deutsche Frage im Unterricht” drückte das Bemühen aus, die Präambel des Grundgesetzes in den Schulen nicht völlig zu ignorieren; unter Berufung auf Karl W. Deutschs Theorie der Nation als Kommunikationsgemeinschaft hingen nicht wenige Wissenschaftler in Westdeutschland der „Bi-Nationalisierungsthese” an, wonach sich zwei deutsche Nationen herausgebildet hätten; gleichzeitig postulierte genau dies die Geschichtspolitik der SED, indem sie eine sozialistische (= gute) und eine kapitalistische (= schlechte) deutsche Nation konstruierte; und im alltäglichen bundesdeutschen Geschichtsbewusstsein wurde die DDR nur als „Anti-Staat” wahrgenommen – sie lag irgendwo im Osten. In einer Phase, in der sich die bundesdeutsche Historiographie dadurch auszeichnete, die gesamtdeutsche Perspektive auszublenden und stattdessen sorgfältig die Geschichte des westdeutschen Teilstaats zu erforschen, sich also einem „kleinstdeutschen” Geschichtsbild zuwandte,[2] trat Kleßmann 1982 mit einer Arbeit an die Öffentlichkeit, welche sich die gleichrangige Behandlung des westlichen und östlichen Teiles von Deutschland in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1955 zur Aufgabe machte. In neun Kapiteln beleuchtete die Studie die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten während der Besatzungszeit und der Gründerjahre beider deutscher Staaten. Für den Westen wandte sich Kleßmann gegen eine verabsolutierte Restaurationsthese und betonte Mischungsverhältnisse – etwa „daß nicht nur das antikommunistische Selbstverständnis der Bundesrepublik, sondern auch die enormen wirtschafts- und sozialpolitischen Anstrengungen und Erfolge eine Integrationsleistung vollbracht haben, die ganz wesentlich zur inneren Stabilität der zweiten deutschen Republik beitrugen” (S. 15f.). Andererseits: Jenseits notorischer Behauptungen und plakativ zur Schau getragener Radikalität war die politische und ökonomische Umgestaltung der SBZ/DDR in seinen Augen keineswegs ein völliger Neubeginn. In vielem blieb die DDR traditioneller, ja „deutscher” als die sich verwestlichende Bundesrepublik. Überhaupt betrieb Kleßmann keine Dämonisierung des „anderen Deutschlands” der Nachkriegsjahre. Anhand der wichtigsten Eckpunkte der gesellschaftspolitischen Umformung erklärte er nüchtern die Entwicklung des „Stalinismus in der DDR” (S. 261). Auch Wortschöpfungen kennzeichnen Klassiker. Nach 1982 ist wohl kein Buch zur Besatzungszeit mehr erschienen, in dem der von Kleßmann geprägte Begriff „Zusammenbruchgesellschaft” nicht vorkommen würde. Darüber hinaus erwies sich sein Ansatz als ebenso fruchtbar wie heute selbstverständlich: Kleßmann untersuchte die Grenzen der Macht der Alliierten; er arbeitete die Interaktion zwischen Besatzern und Besetzten als den interessantesten Prozess der Besatzungszeit heraus. Kleßmann erklärte die deutsche Teilung nicht nur aus den Bedingungen des Kalten Krieges, sondern erkannte, dass sie „das Ergebnis sehr eindeutiger innenpolitischer Prioritätensetzungen” war (S. 299) und dem deutlichen Wunsch der westdeutschen Bevölkerungsmehrheit nach innen- und gesellschaftspolitischen Sicherheiten entsprach. Nicht zuletzt die klare, um Perspektivenvielfalt und Informationsgehalt bemühte, auch ästhetisch überzeugende Sprache sowie ein sorgsam ausgewählter Bild- und Dokumentenanhang sorgten dafür, dass zeitgenössische Rezensenten der Darstellung einen „hohen pädagogisch-didaktischen Wert für Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung” attestierten.[3] Doch die scheinbar populäre Anlage des Buches fand – wie üblich in Deutschland, wo man unlesbare Wissenschaftsbücher liebt(e) – nicht bei allen Kritikern Gefallen: Zu wenig reflektie-rend, zu wenig relativierend sei die Darstellung, so dass „der Fachmann freilich es [d.h. das Buch] nicht unbedingt als Arbeitsgrundlage heranziehen wird”.[4] Heute kann man über eine derartige Aussage nur schmunzeln, denn fünf teilweise ergänzte und erweiterte Auflagen sowie die frühzeitige Aufnahme in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung sprechen für die Qualität einer Publikation, die längst zum Klassiker der deutschen Zeitgeschichte geworden ist. Gewiss offenbart ein gestrenger Blick auf „Die doppelte Staatsgründung” auch Schwächen: So gerät die Darstellung der Jahre nach 1949 im Vergleich zu den detaillierten Ausführungen über die Besatzungszeit deutlich zu kurz; die französische Besatzungszone wird vernachlässigt (auch weil damals erst wenige Forschungen vorlagen); und das für die Formierung der beiden deutschen Staaten so wichtige Themenfeld der Außenpolitik steht zu sehr im Schatten der Beschreibung von innenpolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Doch beeinträchtigt dies die „große Leistung des Autors” kaum.[5] Konnte Kleßmann für das erste Nachkriegsjahrzehnt noch sehr plausibel eine Verzahnung der beiden deutschen Geschichten verdeutlichen, so geriet dieses Vorhaben für die Jahre 1955–1970 schwieriger. Er selbst erkannte im 1988 veröffentlichten zweiten Band, dass die deutsche Geschichte spätestens seit dem Mauerbau 1961 „die Geschichte zweier äußerlich strikt voneinander getrennter Staaten” war (S. 13). Schon der Aufbau der Darstellung trägt diesem Umstand Rechnung: Behandelte der Vorgängerband die historischen Prozesse in Ost und West noch nahezu gleichrangig und integriert, schrieb Kleßmann die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR nun getrennt und im Kapitelverhältnis 2:1. Trotz dieser offensichtlichen systematischen Schwierigkeit betonte er den fortwährenden Wechselbezug beider deutscher Staaten und rechtfertigte damit die Konzeption einer deutschen Parallelgeschichte. Vor allem in den Abschnitten zur Deutschlandpolitik setzte Kleßmann die politischen Entscheidungen in Ost und West immer wieder zueinander in Beziehung. Den von Karl Dietrich Erdmann geprägten Begriff der „dialektischen Einheit der Nation”,[6] d.h. die eigentümliche Fixierung sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR auf die eine deutsche Nation trotz separater politischer und gesellschaftlicher Entwicklung, machte Kleßmann zu einem übergeordneten Leitgedanken seines Buchs. Nur wenige Rezensenten äußerten Kritik: So wirke Kleßmanns Versuch einer Parallelgeschichte mitunter bemüht und erscheine eher als eine „Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, deren Bezug zur DDR kaum noch zu greifen ist”.[7] Heute fällt uns an Kleßmanns Werk besonders auf, dass er nicht nur ein Meister der Politikgeschichte ist, sondern die Sozialgeschichte in breitem Umfang einbezieht, ja sogar Alltags- und Mentalitätsgeschichte der Deutschen in Ost und West. Seine Zitate aus „Benimmbüchern” der 1950er-Jahre zeigen eindrücklich, wie verzopft die Zeit auch war und dass man gut daran tut, die Ära Adenauer nicht nachträglich mit Blattgold zu überziehen. Dass sie eine „Periode aufregender Modernisierung” gewesen sei (so Hans-Peter Schwarz), trifft für vieles zu, doch geht die Epoche in diesem Diktum nicht auf. Kleßmann betonte auch die Schattenseiten und die „Kosten” der historischen Entwicklungen. Vor allem aber brachte er „nicht zum Zuge gekommene Alternativen, gescheiterte Wünsche und Hoffnungen” (S. 16) zur Sprache. In einem Literaturbericht von 1985 kritisierte Kleßmann „die Selbstverständlichkeit, mit der die westdeutsche Zeitgeschichtsschreibung inzwischen zur Tagesordnung übergegangen ist und die Geschichte des Teilstaates Bundesrepublik als selbständigen Gegenstand erforscht und darstellt und (gesamtdeutsche) Geschichte als larmoyant ablehnt”.[8] Die Abkehr von dieser „Selbstverständlichkeit” – das ist sein großes Verdienst. Kleßmanns Blick auf die doppelte Geschichte blieb lange singulär. Deshalb haben sich viele gewünscht, dass er seine deutsche Geschichte über 1970 hinaus fortsetzen, also die sozial-liberale Koalition, die Neue Ostpolitik, die Ära Honecker, die neuen sozialen Bewegungen, die Umbrüche in Polen, Ostmitteleuropa und den Untergang der DDR beschreiben würde. Wie hätte Kleßmann argumentiert? Für die Westdeutschen wurde Westeuropa zum Anker und Identifikationspol; die „sozialistische Staatengemeinschaft” konnte diese Funktion für die Ostdeutschen niemals erfüllen. Die nationale Frage behielt für die Menschen in der DDR deshalb ein ungleich größeres Gewicht als für diejenigen in der Bundesrepublik. Kleßmanns deutsche Geschichte nach 1945 blieb eine unvollendete. Dass er 1993 einem Ruf an die neugegründete Universität Potsdam folgte und bald darauf das Zentrum für Zeithistorische Forschung federführend ausbaute, war unter den gewandelten Rahmenbedingungen nach dem Fall der Mauer aber eine logische Fortführung seiner Monographien und für den Vereinigungsprozess der Zeitgeschichte nicht weniger wichtig.[9]

Empfohlene Literatur zum Thema

 
Zitation

Edgar Wolfrum, Günther R. Mittler, Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.5.2011, URL: http://docupedia.de/zg/Kle.C3.9Fmann.2C_Zwei_Staaten.2C_eine_Nation (Wiederveröffentlichung von: Edgar Wolfrum/Günther R. Mittler, Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Jürgen Danyel/Jan-Holger Kirsch/Martin Sabrow (Hrsg.), 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 162-165.)

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Anmerkungen

    1. Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 43 (1993) H. 29-30, S. 30-41. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht/Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1982, 5., überarb. u. erw. Aufl. 1991; ders., Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955–1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht/Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1988, 2., überarb. u. erw. Aufl. 1997. Bei dem vorliegenden Aufsatz handelt es sich um eine vom Vandenhoeck & Ruprecht Verlag Göttingen genehmigte Wiederveröffentlichung: Edgar Wolfrum/Günther R. Mittler, Zwei Bücher, eine Idee. Christoph Kleßmanns Versuch der einen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Jürgen Danyel/Jan-Holger Kirsch/Martin Sabrow (Hrsg.), 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 162-165.
    2. So etwa Karl Dietrich Bracher u.a. (Hrsg.), Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 5 Bde., Stuttgart 1981–1987, oder auch Wolfgang Benz (Hrsg.), Die Bundesrepublik Deutschland, 3 Bde., Frankfurt a.M. 1983.
    3. So etwa Kurt Klotzbach, Die Zeit nach 1945: Politik – Gesellschaft – Internationales System. Forschungsbericht (II), in: Archiv für Sozialgeschichte 26 (1986), S. 629-644, hier S. 636. Siehe auch die Rezension von Klaus J. Bade zur 3. Aufl. von 1984, in: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 74 (1987), S. 92.
    4. Ludwig Holzfurtner, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 49 (1986), S. 242.
    5. Gottfried Niedhart, Deutschland nach 1945, in: Neue Politische Literatur 30 (1985), S. 172f., hier S. 172.
    6. Karl Dietrich Erdmann, Drei Staaten – zwei Nationen – ein Volk? Überlegungen zu einer deutschen Geschichte seit der Teilung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 36 (1985), S. 671-682, hier S. 682.
    7. Udo Wengst, Die Zeit nach 1945: Politik – Gesellschaft – internationales System. Eine Nachlese, in: Archiv für Sozialgeschichte 30 (1990), S. 493-523, hier S. 495, Anm. 11.
    8. Christoph Kleßmann, Ein stolzes Schiff und krächzende Möwen. Die Geschichte der Bundesrepublik und ihre Kritiker, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), S. 476-494, hier S. 476.
    9. Als eines von vielen Ergebnissen dieser Tätigkeit vgl. neuerdings etwa Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und di-daktisches Problem, Schwalbach 2006.