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Thomas Lindenberger, Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 02.09.2014, http://docupedia.de/zg/Eigensinn
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Hauptfoto: Johannessen Arbeiter1915 Detail.jpg
Gemälde (Detail) des norwegischen Malers Aksel Waldemar Johannessen „Arbeiter“, etwas 1915, Privatsammlung Oslo Wikimedia Commons (gemeinfrei)
Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand

„Eigen-Sinn: denoting willfulness, spontaneous self-will, a kind of self-affirmation, an act of (re)appropriating alienated social relations on and off the shop floor by self-assertive prankishness, demarcating a space of one's own. There is a disjunction between formalized politics and the prankish, stylized, misanthropic distancing from all constraints or incentives present in the everyday politics of Eigen-Sinn. In standard parlance, the word has pejorative overtones, referring to ‚obstreperous, obstinate’ behavior, usually of children. The ‚discompounding' of writing it as Eigen-Sinn stresses its root signification of ‚one's own sense, own meaning’. It is semantically linked to aneignen (appropriate, reappropriate, reclaim)."[1]

Aus Anlass der 1995 erscheinenden englischen Übersetzung der von ihm 1989 herausgegebenen Aufsatzsammlung „Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen”[2] erläuterte Alf Lüdtke in einem (in der deutschen Fassung nicht enthaltenen) Glossar einen sperrigen, in der Wissenschaftssprache bis dahin unbekannten Terminus: „Eigen-Sinn”. Seitdem ist dieses Wort auch in der internationalen Forschung zum Schlüsselbegriff für jene Forschungsrichtung in der deutschen Geschichtswissenschaft geworden, deren wichtigste Positionen in diesem Band unter dem Sammelbegriff „Alltagsgeschichte” vorgestellt wurden. Alf Lüdtke, seinerzeit am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte tätig, hatte bereits 1986 vorgeschlagen, das Alltagswort „Eigensinn” zum genaueren Verständnis von Handlungen und Verhaltensweisen von Fabrikarbeitern zu verwenden.[3]

Website „Eigen-Sinn. Für hochbegabte Kinder mit ADS“, Screenshot, 1.9.2014 www.eigen-sinn.homepage.t-online.de
Website „Eigen-Sinn. Für hochbegabte Kinder mit ADS“, Screenshot, 1.9.2014 www.eigen-sinn.homepage.t-online.de

25 Jahre später kommt „Eigensinn” oder „Eigen-Sinn”[4] in einigen hundert deutschen Buchtiteln vor. Meist wird dabei auf die alltagssprachliche, dem Umgang mit uneinsichtigen Kindern entnommene und früher fast ausschließlich negative Bedeutung von „Eigensinn” abgehoben, allerdings mit Vorzeichenverkehrung. Heutzutage soll „Eigen-Sinn” meist Positives assoziieren, etwa wenn er dem (vermeintlich oder tatsächlich verhaltensgestörten) hochbegabten Kind zugeschrieben wird.[5] Musikbands[6] und Kunstpädagogen,[7] die „Eigensinn” für sich reklamieren, wollen Individualität und Ambiguität als Attribute von Kreativität signalisieren. Im Gegensatz dazu assoziierte das „eigen-sinnige Kind” früher eindeutig Negatives: Es war „verstockt”, verschloss sich den Erziehungsbemühungen Erwachsener, es machte „Probleme”.

Das alltagsgeschichtliche Konzept „Eigen-Sinn” lässt sich in seiner ursprünglichen Bestimmung gerade nicht auf das eine oder das andere reduzieren, und diese Uneindeutigkeit ist Teil seiner „Botschaft”. Es ist kein Zufall, sondern entspricht dem methodologischen Selbstverständnis von Alltagshistorikern, dass – vom Sonderfall des eingangs zitierten Glossar-Eintrags abgesehen – in der Forschungsliteratur keine Begriffsdefinition im herkömmlichen Sinne zu finden ist. Seine „Entdeckung” durch Alf Lüdtke knüpfte vielmehr gezielt an die im überlieferten Sprachgebrauch früherer Jahrhunderte auffindbaren Mehrdeutigkeiten an, und dabei soll es auch in diesem Artikel bleiben.

„Eigen-Sinn” – ein Kind der 1980er-Jahre

Das Unterfangen von Alf Lüdtke, Mitte der 1980er-Jahre einen solchen Terminus in die wissenschaftliche Debatte einzuführen, war Teil einer unter kritischen Intellektuellen der alten Bundesrepublik verbreiteten Suche nach neuen Begriffen und Denkweisen. Die in der Protestbewegung von 1968 an Universitäten heimisch gewordenen Spielarten des Marxismus hatten an Attraktivität und Glaubwürdigkeit eingebüßt. Zugleich konfrontierten die Neuen Sozialen Bewegungen die sich als gesellschaftskritisch verstehende Geschichtsschreibung mit neuen Fragehorizonten und Orientierungsbedürfnissen. Die diesen Bewegungen zuzurechnenden Geschichtswerkstätten stellten mit ihrer öffentlichen Kritik an der herkömmlichen Praxis von Geschichtswissenschaft eine gegen diese „Zunft” gerichtete außeruniversitäre Art von „Basisbewegung” dar.[8] Ihnen wie den an Alltagsgeschichte interessierten akademischen Historikern ging es darum, historische Fragestellungen im Hinblick auf einzelne konkrete Menschen und aus ihrer Perspektive heraus zu entwickeln. Was bis dahin gerade in Deutschland Historikergenerationen aller Couleur unhinterfragt praktiziert hatten, nämlich die pauschale Subsumtion der Handlungen und Motive der vielen Einzelnen unter „Großereignisse” Krieg und Revolution, Hyperinflation und Depression, Rationalisierung und technologische Revolution, Zusammenbruch und Wirtschaftswunder, erschien im Zeichen von „Mehr Demokratie wagen” und individueller Emanzipation zunehmend fragwürdig.

Das sollte aber nicht heißen, dass Marx' Diktum von den Menschen, die „ihre eigene Geschichte” machen, aber „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen”,[9] seine Gültigkeit verloren hatte, im Gegenteil. Umso dringender war zu fragen: Wie ist das Verhältnis von Individuen, Vergesellschaftung und Herrschaft in hochmodernen Industrie- und Klassengesellschaften auf der Ebene und aus der Sicht der vielen einzelnen Akteure zu fassen? Wie sind in der herkömmlichen Überlieferung „namenlos” gebliebene Arbeiter und Bauern, Dienstmägde und Straßenhändler, Prostituierte, Handwerksgesellen usw. historisch zu fassen, wie ihr Handeln und Nicht-Handeln als konkrete Forschungsgegenstände zu konzipieren?

Dem kapitalismuskritischen Klima der Nach-68er-Zeit entsprechend ging es zunächst um den männlichen Industriearbeiter und seine kollektive Existenzweise als „Klasse”, und das galt nun auch für den neuen Begriff des Eigen-Sinns. Man suchte dem emanzipatorischen Potenzial von Arbeiterbewegung, Arbeiterklasse und Arbeiterexistenz auf den Grund zu gehen. Im Zeichen der ernüchternden Einsicht in das „Ende der Arbeiterklasse” (André Gorz) und des ökonomischen wie intellektuell-moralischen Scheiterns des „ersten Arbeiter- und Bauernstaats in der deutschen Geschichte”[10] fiel die Bilanz dieser Suchbewegung im Rückblick betrachtet bescheiden aus. In gutem Hegel'schen Sinne einer dreifachen „Aufhebung” konnte das historiografische Konzept des „Eigen-Sinns” diesen post-marxistischen Entstehungszusammenhang hinter sich lassen, ohne dass es je einer Distanzierung von diesem Ursprung bedurft hätte. Wo immer es (zumindest im deutschsprachigen Kontext) um individuelle Verhaltensweisen und Handlungen in ihrer Bedeutung für Macht und Herrschaft, für Unterwerfung und Aufbegehren, für Mitmachen, Widerstehen oder Aussteigen gehen soll, bietet sich heute „Eigen-Sinn” als historiographisches Konzept an.

Wie es dazu kam, soll im Folgenden in drei Schritten erläutert werden: Am Anfang steht das Sprachumfeld der Aufklärung, in dem Alf Lüdtke „Eigen-Sinn” in jener Bedeutung vorgefunden hat, deren Aufgreifen ihm für seine Forschungen über die Bedürfnisse und Orientierungsmuster von Industriearbeitern so vielversprechend erschien. In einem zweiten Schritt gilt es, das in hohem Maße zeitgebundene Erkenntnisinteresse, mithin, das worum es Historikern und Historikerinnen bei der Ausarbeitung und Anwendung des Konzepts in der Zeit bis ca. 1990 politisch ging, zu rekonstruieren: Die bohrende und bis heute beunruhigende Frage galt der gerade auch bei Arbeitern vorherrschenden „Fügsamkeit in oktroyierte Ordnungen” (Max Weber), die sich vor allem im folgenschweren Ausbleiben von Arbeiter-Widerstand im Nationalsozialismus manifestiert hatte. Anhand des ab Mitte der 1990er-Jahre verstärkt einsetzenden Interesses an der Alltagsgeschichte der DDR wird es in einem dritten Schritt um einen der besonders erfolgreichen Transfers des Konzepts in neue Gegenstandsbereiche und um seine sukzessive Verbreitung in der allgemeinen historischen Forschung gehen.

Eigen-Sinn und Arbeit

Der Eintrag für „Eigensinn” in der 1859 erschienenen Folge des „Grimm'schen Wörterbuchs” lautet „animus difficilis, obstinatus” (ein schwieriger, störrischer Geist) oder als Bezeichnung für eine Person „difficilis homo” (ein schwieriger Mensch).[11] Worin genau das „Schwierige” besteht, bleibt dabei offen. Dieser Wörterbucheintrag ist noch eher wertneutral gehalten, da er offenkundig auf die konventionelle Verwendung dieses Terminus für jemanden, der als „schwierig” gilt, abzielt. „Meyers Konversations-Lexikon” von 1888 hingegen gibt eine klare Richtung an: Es geht um das Verhältnis von Vernunft und Un-Vernunft, um jemanden, der an eigenen Meinungen wider allen Argumenten festhält: „Eigensinn, das hartnäckige Beharren bei einer Meinung oder einem Streben, trotzdem, daß durch einleuchtende Gründe das Irrige und Verkehrte derselben nachgewiesen ist, aus keinem andern Grund, als weil es die oder das eigne ist.”[12] Dass ein solches Verhalten vom aufklärerischen Standpunkt lexikalischen Wissens her als negativ bewertet wurde, bedurfte keiner weiteren Begründung.

In den Quellen vor dieser ersten Blütezeit der unumschränkten Wissenschaftsgläubigkeit findet sich jedoch bei niemand Geringerem als Johann Wolfgang von Goethe „Eigensinn” auch in positiver Verwendung, nämlich als innere Kraft, als persönliches Beharrungsvermögen. In den „Wanderjahren” lässt er einen Hausbesitzer erzählen: „Die Beharrlichkeit auf dem Besitz [...] gibt uns in manchen Fällen die größte Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei mir flüchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Türen zu schließen, und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme. Unserer Anstrengung gelang es, diesen Zipfel der Stadt aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles noch bei mir, wie Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat.” [13]

Hier steht „Eigen-Sinn” für das Bestehen gegen eine Mehrheitsmeinung oder -stimmung, darauf gerichtet, dem eigenen Urteil folgend, etwas „Eigenes”, nämlich den Hausbesitz, zu retten. Dieser Eigen-Sinn ist situationsbedingt – „Als die Stadt brannte” – und beruht auf Machtressourcen – „Ich verbot's”. Beharrungskraft, die sich als Abwehr von Erwartungen in bestimmten Interaktionen zeigt und auch hinzutretenden Beobachtern sofort augenfällig wird, ist auch in jener im Folgenden dokumentierten Fundstelle enthalten, die Alf Lüdtke zur Entwicklung eines Konzepts um das Wort „Eigensinn” inspiriert hat.

Der die Aufklärung in allgemeinverständlicher Sprache betreibende „Popularphilosoph” Christian Garve veröffentlichte 1790 einen Bericht „Ueber den Charakter der Bauern und ihre Verhältniß gegen die Gutsherrn und gegen die Regierung”, der auf seinen Beobachtungen der Landbevölkerung in Schlesien beruhte und 1974 im Faksimiledruck von Kurt Wölfel neu herausgegeben wurde.[14] Lüdtke führt ihn in einer ausführlichen Fußnote als einen „Text ‚dichter Beschreibung’” an, in dem es um „das Verhalten der abhängigen Bauern in Schlesien gegenüber dem Grundherren geht” und zitiert daraus:

„Zu dem tückischen Wesen [der Bauern] kann man als einen Bestandtheil, oder als eine Folge, einen gewissen Eigensinn setzen, der den Bauer, wenn er in Leidenschaft ist, oder wenn ein Vorurtheil sich einmal bey ihm eingewurzelt hat, unterscheidet. So wie sein Körper und seine Glieder steif sind, so scheint es in diesem Falle auch seine Seele zu seyn. Er ist alsdann taub gegen alle Vorstellungen, die man ihm macht. […] Nichts bringt mehr gegen den Bauern auf, als wenn man diesen Eigensinn an ihm gewahr wird. Denn was kann der Höhere weniger ertragen, als wenn der Geringere ihn nicht hört? […]”

Im Garve'schen Text sind zwei wesentliche Eigenschaften des späteren Konzepts enthalten: Zum Ersten thematisiert und reflektiert er die Beziehung von Beobachter und Beobachteten als ein zugleich sozial und kognitiv determiniertes Verhältnis. „Eigensinnig” erscheinen die Bauern zunächst in den Augen ihrer „Höheren”. Zugleich entziehen sie sich, wie Garve schreibt, den Vorstellungen auch der – das Geschäft der Aufklärung betreibenden – „Gutmeinenden” keineswegs aus „Bosheit”, sondern weil ihnen die Ansichten von ihresgleichen mehr bedeuten als die von Richtern oder Vorgesetzten oder auch aufgrund der „Ungelenksamkeit des Verstandes” infolge von fehlender „Cultur” und „Kenntnissen”. „Der Menschenfreund” wird daher „Ursache finden, Geduld und Nachsicht zu beweisen”[15] – der sich für diese Individuen interessierende und mutatis mutandis Ende des 20. Jahrhunderts immer noch der Aufklärung verpflichtete historische Anthropologe unserer Tage, so lässt sich füglich ergänzen, ebenfalls.

Die Begriffe, die im Beobachtungsprozess generiert werden, können nicht vollständig ihrer vorgefundenen sozialen Determinierung entkleidet werden. Indem sich der Beobachter diesen Umstand als ihre immanente Begrenzung immer wieder bewusst macht, erkennt er zugleich an, dass es jenseits der durch das soziale Gefälle konstituierten Un-Verständlichkeit der „Eigensinnigen” auch eine kognitiv bedingte gibt. Der „Eigensinn” der schlesischen Bauern ereignet sich nicht nur in der Befremdungserfahrung der ihnen begegnenden Gutsherren und Forschungsreisenden, sondern er steht auch für eine tatsächlich andere Praxis des Denkens und Verstehens. Diese Betonung des Unterschieds zwischen dem Sinn gemäß der Wahrnehmung des Beobachters und dem Sinn in den Augen und im Tun des Beobachteten, der nur diesem „eigen” ist, wird in frühen Verwendungsweisen durch den Bindestrich angedeutet, den Alf Lüdtke an einigen Stellen in seinen Abhandlungen aufgegriffen hat.[16]

Zum Zweiten ist bereits in dieser Fundstelle eine weitere Dimension des Konzepts angelegt: Eigen-Sinn lässt sich nicht abgelöst von der Physis der zu untersuchenden Akteure denken. Garve beschreibt eine Analogie der „Steifheit” von Gliedern und Seele, die aber, wie er in der folgenden Szene ausführt, situationsbedingt ist:

„Jeder erinnert sich ohne Zweifel solche [tückischen – T.L.] Gesichter von Bauernknaben gesehen zu haben, wo das eine Auge, oder auch vielleicht beyde unter den halbgeschlossenen Augenliedern, wie verstohlen hervorschielen, deren Mund offen und zu einem spöttischen, etwas dummen Lachen verzogen, der Kopf gegen die Brust angedrückt oder doch zur Erde gesenkt ist, als wenn er sich verbergen wollte: mit einem Worte, Gesichter, in welchem sich Furcht, Blödigkeit, Einfalt, mit Spott und Abneigung vermischt, abmahlen. Solche Knaben stehen, wenn man etwas von ihnen verlangt, oder zu ihnen redet, unbeweglich und stumm wie ein Stock; sie antworten auf keine Frage, die der Vorübergehende thut. Ihre Muskeln sind wie steif und unbeweglich. Sobald aber der Fremde sich ein wenig entfernt, laufen sie zu ihren Kameraden und brechen in ein lautes Gelächter aus.”[17]

„Eigensinnige Körperlichkeit”[18] erlaubt den Akteuren Distanzierung von herrschaftlichen Zumutungen, sowohl während der direkten Interaktion als auch nachdem sich die Autoritätsperson oder auch der Beobachter abgewandt haben. Den Blick zu schärfen für die non-verbalen leibgebundenen Verhaltensdimensionen, neben den Sinn-stiftenden Worten und Symbolen auch die Körper der Akteure als bedeutungsträchtige und bedeutungsgebende Sinnes-Organe zu untersuchen, ist Kernbestandteil des Lüdtke'schen Eigen-Sinn-Konzepts.

Lüdtke hat diese Sichtweise erstmals im Zuge seiner Forschungen über Industriearbeiter in der Zeit der Hochindustrialisierung ausgearbeitet. In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Schlüsseltext zu nennen, der sich ebenfalls für eine historisch-anthropologische Lesart anbot: Die Berichte des jungen Pfarrers Paul Göhre über seine mehrmonatigen Erfahrungen als Hilfsarbeiter in der Werkzeugmaschinen-Abteilung eines Berliner Großbetriebs kurz vor der Jahrhundertwende.[19] Göhre berichtete zum einen sehr differenziert über die verschiedenen Fertigkeiten (der Former, Dreher, Bohrer etc.), über den Zwang zur Kooperation unter den widrigen Umständen der allgegenwärtigen Fabrikordnung, zum anderen jedoch auch ausführlich über den körperlichen und sprachlichen Umgang der Arbeiter miteinander als die Art und Weise, wie sie unter diesen Umständen Distanz und Nähe ausbalancierten. Dazu gehörten insbesondere auch wechselseitige „Neckereien” und kleine Streiche, die in den regulären Arbeitsalltag eingebettet waren und in denen Körperlichkeit und männliches Verhalten zur Schau gestellt wurden. Derartiges „Innehalten”, wozu auch das Einlegen von „illegalen” Pausen oder die Dehnung von betriebsbedingten Wartezeiten gehören konnten, ermöglichte es den Arbeitern, eigenen Bedürfnissen nachzugehen, auch wenn dies nicht notwendigerweise zum Konflikt mit dem Fabrikregime führte. „Diese Umgangsweisen und Ausdrucksformen waren nicht als direkter Widerstand gegen die Zumutung ‚von oben’ gemeint. Sie drückten vielmehr den Anspruch auf einen eigenen Raum aus – ‚Eigensinn’.”[20]

Eigen-Sinn und Widerstand

Natürlich ging es bei der Entwicklung dieses Konzepts um mehr als eine methodisch reflektierte Erkundung vergangener Arbeiterexistenz vom Arbeitsplatz her. An den Untersuchungsgegenstand „Arbeiter” und „Arbeiterklasse” knüpften sich politische Interessen und Erwartungen, aber auch das Wissen um enttäuschte Hoffnungen und historisches Scheitern. Es ging daher beim „Eigen-Sinn” immer auch um die Rekonstruktion der Möglichkeiten und Grenzen von Arbeiterpolitik.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Diktatur gewann vor allem um 1968 an Intensität und verband sich mit einer Wiederentdeckung unorthodoxer Spielarten marxistischer Geschichtsauffassungen. In der Folge rückte die Arbeiterklasse als jenes Kollektivsubjekt, das „nichts zu verlieren hat als seine Ketten”, in das Zentrum kritischer Geschichtswissenschaft. Im Rahmen dieser Lesart von Kapitalismusgeschichte figurierte der Faschismus als die extremste Form der Herrschaft des Kapitals, und die von einer marxistischen Partei geführte Arbeiterklasse galt als ihr unerbittlichster Gegner. Die jungen Seminarmarxisten knüpften damit an die Erwartungen linker Intellektueller der frühen 1930er-Jahre an:

„Jeden Tag brennt in dem Herzen der Proletarier seine Entrechtung. Bis die rote Glut eines Tages hervorbrechen wird. Sie wird überquellen wie ein unwiderstehlicher Lavastrom und die Profitwirtschaft mit ihrem Hunger und ihrer Knechtung umschmelzen zu einer besseren Welt. Einst kommt der Tag”, hatte ein sozialdemokratischer Redakteur im Ruhrgebiet 1931 mitten in der Weltwirtschaftskrise formuliert.[21] Als die Nazis zwei Jahre später binnen weniger Monate die Arbeiterorganisationen zerschlugen, kam „der Tag” bekanntlich nicht. Die übergroße Mehrheit der Arbeiter leistete auch in den folgenden Jahren keinen Widerstand. „Wo blieb die ‚rote Glut?’”, übertitelte Alf Lüdtke 1989 eine Abhandlung, in der es um das Mitmachen und die Anpassungsbereitschaft von Arbeitern in der NS-Diktatur geht. Die Anpassungsbereitschaft der Industriearbeiter ist demnach in erster Linie von ihren Beziehungen am Arbeitsplatz, der ihnen ihre materielle und soziale Existenz sichert, her zu rekonstruieren. Dort müssen sie – im Sinne der bereits von Göhre ausführlich beschriebenen unfreiwilligen Notwendigkeits-Kooperation – zusammenwirken, um ihr Überleben zu sichern. Individuelle und kollektive Kalküle müssen zur Deckung gebracht werden, Fabrik- und Arbeitsdisziplin gilt es mit dem Aufrechterhalten von Eigenständigkeit zu verbinden. Wenn sich Arbeiter auf diese Weise das betriebliche Herrschaftsverhältnis, genauer: die Vielzahl der konkreten Zumutungen, die mit der Zugehörigkeit zum Herrschaftsverband Betrieb als Herrschaftsunterworfener einhergehen, aneignen, dann auch und gerade, um darin zu bestehen. Es ging für sie auch unter den politischen Bedingungen der Diktatur darum, ihre fremdbestimmte Existenz mit Sinn zu erfüllen, einem „Sinn für sich selbst”. Dabei spielen gerade bei männlichen Industriearbeitern das Zutrauen in die Qualität der eigenen Arbeit und der Stolz darauf eine hervorgehobene Rolle.

Eröffnung der Ausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit” am Kaiserdamm in Berlin im April 1934, Fotograf unbekannt, Bestand: Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl - Bildbestand (R 102), Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_102-15750,_Ausstellung_%22Deutsches_Volk-Deutsche_Arbeit%22.jpg?uselang=de Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 102-15750] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC BY-SA 3.0 DE]).
Eröffnung der Ausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit” am Kaiserdamm in Berlin im April 1934, Fotograf unbekannt, Bestand: Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl - Bildbestand (R 102), Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 102-15750 (CC BY-SA 3.0 DE).

Diesen Sinn für den Wert der eigenen Arbeitsfähigkeit anzusprechen, war eine der wirksamsten Überzeugungsmethoden der Nationalsozialisten. Sie stellten den Respekt für den „Fleiß der Arbeit” immer wieder in den Mittelpunkt ihrer Propaganda. Einer ihrer besonders cleveren Schachzüge während der Monate der Machtübernahme nach dem 30. Januar 1933 war zweifellos die Erklärung des 1. Mai zum offiziellen Feiertag und seine erstmalige Begehung als feierlicher Staatsakt auf dem Tempelhofer Feld in der Reichshauptstadt. Dass am Tag darauf sämtliche Gewerkschaften verboten und die Arbeiter zusammen mit den Unternehmern in die Deutsche Arbeitsfront gezwungen wurden, änderte wenig an der enormen Suggestionskraft dieser öffentlichen Anerkennung des Werts körperlicher Arbeit. Dass Arbeiter auf diese von weiteren sozialpolitischen Maßnahmen sowie auf die dank massiver Aufrüstung rückläufige Massenarbeitslosigkeit positiv reagierten, ist in der Forschung vielfach belegt.[22]

Das Beispiel dieser „Anwendung” zeigt, dass „Eigen-Sinn”, entgegen einem immer wieder anzutreffenden Missverständnis, nicht nur nicht mit „Widerstand” gleichzusetzen ist, sondern, im Gegenteil, gerade dort weiterhilft, wo es darum geht, das Ausbleiben von Widerstand und offener Auflehnung nachzuvollziehen. Im Fall des Verhaltens der Arbeiter in der NS-Diktatur und des Ausbleibens ihres massenhaften Widerstands trug der „Eigen-Sinn” der Vielen also zur Aufrechterhaltung und zur – wenn auch immer prekären – Stabilität der neuen Herrschaftsverhältnisse bei. „Beitragen” stellt darauf ab, dass jede Herrschaft immer auch, ob in brutaler Offenheit und Willkür oder an rechtliche Prozeduren gebunden, auf physische Gewalt gründet. Im Fall des NS-Regimes wurden die symbolpolitischen Gratifikationen für die Arbeiter mit nacktem Terror gegen die wenigen widerständigen Arbeiter kombiniert, und dies in ganz offensichtlicher und demonstrativer Form.

Dennoch wäre es irreführend, „Eigen-Sinn” mehr oder weniger umstandslos als Sammelbegriff für Anpassung, Mitmachen und Opportunismus aufzufassen. Das Konzept bezeichnet auch nicht ein neutrales Weder-Noch, das auf einer zwischen den Extremen vorbehaltloser Unterstützung = +1 und kompromisslosem Widerstand = -1 irgendwo in der Nähe des Nullpunkts zu verorten wäre. Von außen beobachtet, sind „eigen-sinnig” jene Haltungen und Orientierungen, an denen diese Frage – sowohl von der damaligen Umwelt gestellt wie auch von den heute die Vergangenheit erforschenden Historikern – vorbeizielt. Der Wunsch, etwas über Haltung und Standpunkt der Akteure zur jeweiligen Herrschaft zu erfahren, enthält immer auch die von außen an die Akteure herangetragene Erwartung, dass diese dem darin enthaltenen Imperativ „Sag-mir-wo-du-stehst!” entsprechen können. Die im Konzept des „Eigen-Sinn” formulierte Beobachter-Perspektive stellt in Rechnung, dass genau dies nicht bzw. keineswegs immer oder selbstverständlich der Fall ist. Oder aus der Perspektive der Akteure selbst formuliert: „Entscheidend ist dabei, daß in den Anstrengungen, ‚bei sich’, aber auch ‚bei den anderen’ zu sein, jene Kalküle ignoriert wurden, die auf größere Zusammenhänge bezogen waren.”[23]

Dieses Differenzierungsgebot des Konzepts geht von der Grundannahme aus, dass Herrschaft nie genau so funktioniert, wie sich das die Herrschenden im optimalen Falle wünschen, dass Vorstellungen und Konzepte auch totaler Herrschaft nie oder nur in ganz seltenen Situationen in eine Realität totaler Herrschaft umschlagen. Vom Standpunkt ihrer Reproduktion betrachtet, steht „Eigen-Sinn” damit zugleich für die gewissermaßen „betriebsbedingten”, intrinsischen Reibungsverluste jeglicher Herrschaftspraxis wie auch für die von den Herrschenden hinzunehmenden Abstriche vom Design, die dadurch entstehen, dass Herrschen auf Dauer ohne das eigene und auch ohne das eigen-sinnige Zutun der Herrschaftsunterworfenen nicht möglich ist. Der Eigen-Sinn der Herrschaftsunterworfenen ist einerseits notwendig für die Aufrechterhaltung der Funktion etwa eines Betriebs: Ohne dass sich Arbeiter die unmittelbaren sozialen Beziehungen, in die sie gestellt sind, aneignen, funktioniert ein so kompliziertes soziales Gebilde wie eine Fabrik oder ein Großraumbüro nicht. Zugleich ist diese Aneignung – aus der Perspektive aller beteiligten Akteure – aber auch Quelle von Friktionen, von Fehlfunktionen, von Verlaufsstörungen, von Reibungsverlusten, mit denen immer zu rechnen ist.

Eigen-Sinn und Herrschaft

Von seinen epistemischen Voraussetzungen her sprach und spricht nichts dagegen, das Eigen-Sinn-Konzept über die beiden mit seiner ersten Ausformulierung durch Alf Lüdtke verbundenen historiografischen Anwendungsbereiche – Industriearbeiter während der Hochindustrialisierung, Arbeiter unter der NS-Diktatur – hinausgehend für die Erschließung anderer Problematiken und Gegenstandsbereiche zu nutzen. In verschiedenen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft, vor allem dort, wo sie sich als „Historische Anthropologie” versteht, ist dies auch geschehen. Insbesondere bei Forschungen zur Sozialgeschichte der Frühen Neuzeit hat das Konzept vielfach seinen Platz in den „Werkzeugkisten” der Forscherinnen und Forscher gefunden.[24] Hier soll nun abschließend seine Karriere als Inspirations- und Innovationsquelle in der jüngsten Zeitgeschichtsforschung behandelt werden.

Das Ende der kommunistischen Diktaturen, die rasche Öffnung ihrer Archive sowie schließlich der breite politische Konsens im vereinigten Deutschland über die Notwendigkeit einer gründlichen und umfassenden historischen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit veranlasste eine Gruppe von ost- und westdeutschen Historiker/innen am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, das Eigen-Sinn-Konzept aufzugreifen und in ein explizit herrschafts- und diktaturtheoretisches Forschungsprogramm einzubauen. Das Moment der „Provokation” ist in der damaligen schlagartigen Wiederkehr der Totalitarismustheorie in die politische Alltagssprache zu sehen, die dank der hochoffiziellen Verknüpfung von parlamentarischer Debatte, Vergangenheitsbewältigung und Expertentum[25] unmittelbar auf die Sagbarkeitsgrenzen in der Wissenschaft durchschlug. Sozialhistorische, ganz zu schweigen von alltagshistorischen, Zugangsweisen sahen sich angesichts der dem totalitarismustheoretischen Konsens inhärenten Selbstverständlichkeit einer an Institutionen und politischen Eliten ausgerichteten Top-down-Perspektive plötzlich erneut in der Defensive. Die „Gesellschaft der DDR” in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, zog in den frühen bis mittleren 1990er-Jahren unweigerlich den Verdacht der Verharmlosung und der Verschleierung, wenn nicht gar der Leugnung des diktatorischen Charakters des „SED-Unrechtsstaats” auf sich.[26]

Nun war Blindheit für Herrschaft und mangelnde Bereitschaft zu Herrschaftskritik so ziemlich das Letzte, was sich die damals noch junge Alltagsgeschichte nachsagen lassen wollte oder nachsagen zu lassen brauchte, auch wenn es nun um das für die Geschichtswissenschaft insgesamt neu zu erschließende Terrain der kommunistischen Diktatur in Deutschland ging. Bereits 1994 formulierte Alf Lüdtke in einem Aufsatz über die „mißmutige Loyalität von Industriearbeitern in der DDR” zentrale Grundannahmen einer erfahrungsgeschichtlich gesättigten Zugangsweise zur DDR-Wirklichkeit, die von der Annahme einer Kontinuität des Umgangs mit Anforderungen und Zumutungen seitens der sozialen Umwelt wie Herrschenden ausging. „Deutungsweisen, in denen Verpflichtungen gegenüber Kollegen, Nachbarn wie Verwandten, aber auch gegenüber dem ‚großen Ganzen' mit individueller Distanz gegenüber allen und allem – mit ‚Eigensinn' austariert wurden, verschwanden nicht mit der Niederlage des faschistischen Regimes 1945. Im Gegenteil –, sie sicherten das alltägliche ‚Durchkommen', insbesondere in den ersten Monaten und Jahren des gesellschaftlich-politischen Neuanfangs.”[27] Daran anknüpfend, bot ein durch eine DFG-Kommission durchaus kritisch diskutiertes, aber hinreichend unterstütztes Projekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung die Gelegenheit, die Idee zur Erforschung von „Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur” auszuarbeiten: Sie verband das Lüdtke'sche Eigen-Sinn-Konzept mit Max Webers Herrschaftssoziologie und Pierre Bourdieus Praxeologie, um Ausschnitte der DDR-Vergangenheit alltagsgeschichtlich zu erforschen.[28]

Im Hinblick auf das für das Projekt essenzielle Verständnis von Herrschaft hatte Lüdtke mit seinem bahnbrechenden Aufsatz „Herrschaft als soziale Praxis” bereits die Vorarbeiten geliefert.[29] Es ging nun darum, den vom Eigen-Sinn-Konzept geforderten Perspektivwechsel zum Ausgangspunkt einer Forschungsstrategie zu machen, die den von der Totalitarismustheorie, vor allem in ihrer statischen, merkmalskatalogartigen und politikzentrierten Variante, unbesetzt gelassenen Raum der Gesellschaft in der kommunistischen Diktatur zu erkunden erlaubte. Ausgangspunkt war Sigrid Meuschels unter Sozialhistorikern heftig diskutierte These von der im Staatssozialismus „stillgelegten” oder „abgestorbenen” Gesellschaft, die sich aus der gewaltsamen Verdrängung sozialer Selbstorganisationsprozesse durch politisch gesetzte Transformations- und Konstruktionsprozesse ergeben habe.[30] Damit sei, so der vom „Design” des kommunistischen Utopie versprechens her argumentierende Befund, die Entdifferenzierung relativ eigenständiger Subsysteme und die Fusionierung aller Kollektivakteure in einer identitären Konstruktion von Partei, Staat und Gesellschaft einhergegangen.

Cover: Thomas Lindenberger (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln u.a.: Böhlau 1999 ©
Cover: Thomas Lindenberger (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln u.a.: Böhlau 1999 ©

Demgegenüber forderte das Projekt „Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur” zunächst einmal, dem Interaktionscharakter jedweder Herrschaftspraxis als einem dauerhaften asymmetrischen Machtverhältnis Rechnung zu tragen und damit die Reduktion diktatorischer Herrschaft im Staatssozialismus auf bloßes Befehlen-und-Gehorchen auszuschließen. Um die soziale Praxis von konkreten Herrschaftsbeziehungen im DDR-Sozialismus in ihrer Bedeutung und Sinnhaftigkeit für die Akteure zu erschließen, schien „Eigen-Sinn” ideal: Dieses Konzept, so die Ausgangsthese, erlaubte es, das Neben-, Mit- und Ineinander von äußerer Konformität mit Regimeerwartungen und individuell praktiziertem Abstand zu den Systemerwartungen als Normalfall des realsozialistischen Alltags zu denken.

Die Einleitung des 1999 vorgelegten Projektbandes „Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur” enthielt eine den darin versammelten „Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR” zugrunde gelegte Beschreibung des Konzepts, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: „Eigen-Sinn” bezeichnet die Fähigkeit und das Bedürfnis, von der eigenen Person her im Rahmen einer Herrschaftsbeziehung Wirklichkeit wahrzunehmen und anzueignen sowie zu handeln. Der Begriff zielt dabei auf die deutende und sinnproduzierende Wirkung dieser Fähigkeit. Der Begriff „Eigen-Sinn” erschließt damit zugleich potenziell vielfältige Haltungen und Handlungen. Das Spektrum der Verhaltensweisen, die „eigen-sinnig” motiviert sein können, ist sehr breit und in sich widersprüchlich. Es reicht vom Eifer der glühenden Idealisten und der egoistischen Nutzung der Möglichkeiten des aktiven Mitmachens über äußerlich loyales, aber innerlich distanziertes Verhalten bis hin zu passiven Formen der Verweigerung, zu offener Dissidenz und Abwehr herrschaftlicher Zumutungen.

„Eigen-Sinn” ermöglicht es, mit folgender Unterscheidung umzugehen: Der herrschaftlich intendierte und meist ideologisch artikulierte Sinn von Ordnungen, erzwungenen Verhaltensweisen und Verboten ist eine Sache. Die je eigene Bedeutung, die Individuen in ihr Mitmachen in diesen Ordnungen und Handlungen hineinlegen, ist eine andere, gleichzeitig existierende Sache. Auch wenn der äußere Anschein zunächst das In-Eins-Fallen von ideologischem Sinn und individueller Sinnzuschreibung nahezulegen scheint, sind sie nicht identisch. Zwischen beiden findet kontinuierlich ein Vermittlungsprozess statt, dessen Ergebnis nie endgültig sein kann. „Eigen-Sinn” kann in Widerstand gegen Vereinnahmungen und Aktivierungsversuche „von oben” in den alltäglichen Beziehungen wie auch in der großen Politik münden. „Eigen-Sinn” ist jedoch auch in der gezielten Nutzung und damit Reproduktion herrschaftskonformer Handlungsweisen zu beobachten, da diese für konkrete Individuen einen anderen – und sei es nur zusätzlichen – „Sinn” beinhalten können als den der offiziellen Ideologie.[31]

In der empirischen Umsetzung bedeutete das die Fokussierung auf mikrohistorische Rekonstruktionen von alltäglichen Kollusionen und Konflikten, aber auch Entfremdung und Dissens zwischen Parteiherrschaft und Werktätigen. Gestützt auf Archivquellen und lebensgeschichtlich-narrative Interviews wurde unter anderem gezeigt, wie Arbeiter die Zwangsgemeinschaft in der „sozialistischen Brigade der Arbeit” für dezidiert „unpolitische” Freizeitvergnügen umfunktionierten; wie sich Einzelbauern in der Niederlausitz der aufgezwungenen Kollektivierung ihrer Flächen 1960 fügten und dennoch in den neuen Produktionsgenossenschaften das Sagen behielten; wie ein märkischer Dorfpolizist sich durch seine landwirtschaftliche Nebentätigkeit so sehr seiner bäuerlichen Klientel anpasste, dass bei seinen Vorgesetzten in der Kreisstadt ernste Zweifel an seiner klassenmäßigen Zuverlässigkeit aufkamen; wie Geflügelzüchterinnen und Spinnerinnen im volkseigenen Großbetrieb die Mehrfachbelastung von Schichtsystem, Planerfüllungshetze und Kinderbetreuung meisterten; aber auch mit welchen literarisch-dokumentarischen Fiktionen und Fakten der Redakteur eines republikweit verbreiteten und staatlicher Zensur unterliegenden Satiremagazins der notorischen Schlamperei im Plattenwohnungsbau zu Leibe rückte.[32]

VEB Elektrokeramik Berlin, Brigade „10. Jahrestag der DDR”, 4. Mai 1960. Auch wenn es in der Original-ADN-Bildunterschrift heißt: Die „Mitglieder der Brigade ‚10. Jahrestag der DDR' vom VEB Elektrokeramik Berlin-Pankow besprechen auf ihren Brigadenversammlungen nicht nur die Probleme des Arbeitsablaufs, sondern unterhalten sich auch über aktuell-politische Fragen”, verweist das Foto selbst eher auf die je eigene Bedeutung, die die Arbeiter der Brigade in ihr Mitmachen hineinlegten. Fotografin: Eva Brüggmann, Bestand: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild (Bild 183), Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-72833-0001,_VEB_Elektrokeramik_Berlin,_Brigade_%2210.Jahrestag_der_DDR%22.jpg?uselang=de Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 183-72833-0001] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de CC BY-SA 3.0 DE]).
VEB Elektrokeramik Berlin, Brigade „10. Jahrestag der DDR”, 4. Mai 1960. Auch wenn es in der Original-ADN-Bildunterschrift heißt: Die „Mitglieder der Brigade ‚10. Jahrestag der DDR' vom VEB Elektrokeramik Berlin-Pankow besprechen auf ihren Brigadenversammlungen nicht nur die Probleme des Arbeitsablaufs, sondern unterhalten sich auch über aktuell-politische Fragen”, verweist das Foto selbst eher auf die je eigene Bedeutung, die die Arbeiter der Brigade in ihr Mitmachen hineinlegten. Fotografin: Eva Brüggmann, Bestand: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild (Bild 183), Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 183-72833-0001 (CC BY-SA 3.0 DE).

Die konzeptionellen Grundlagen und Ergebnisse dieses Projekts haben die bis dahin bereits erfolgte Aufnahme des Eigen-Sinn-Konzepts in anderen Forschungsfeldern ergänzt und in der DDR-Historiografie heimisch gemacht.[33] Dabei sind die Zahl der Studien und Abhandlungen, die sich im Titel oder in der Einleitung auf dieses Konzept berufen, mittlerweile nur noch schwer zu überblicken, geschweige denn in ihrer Gesamtheit zu bewerten. Diese überwiegend deutsche Rezeption ausführlich zu würdigen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Qualitativ bedeutsam ist die Anschlussfähigkeit von „Eigen-Sinn” in der internationalen scientific community, die sich schon bei Lüdtkes Veröffentlichungen seit den 1980er-Jahren gezeigt hatte. Insbesondere die nach 1990 in herrschaftskritischer Perspektive erneuerte französische Forschung zur DDR hat die Konzepte von Lüdtke und Lindenberger, die 1999 in einem Themenheft der „Annales” auch in französischer Sprache vorgestellt wurden,[34] in ihren Arbeiten aufgegriffen. Studien über den Alltag in den volkseigenen Industriebetrieben,[35] die staatliche Wohnraumlenkung,[36] das Schulsystem[37] oder das Innenleben der Staatspartei SED[38] haben gezeigt, dass dieser praxeologische Zugriff auf der Mikroebene für die socio-histoire du politique[39] anschlussfähig ist. Auch in der umfangreichen angelsächsischen Forschung zur DDR werden „Herrschaft als soziale Praxis” und „Eigen-Sinn” vielfach aufgegriffen und in Überblicksdarstellungen diskutiert.[40] Als eigenständige Weiterentwicklungen des Konzepts verdienen hier etwa die Studie von Jan Palmowski über die sozialistische Heimatkultur der DDR[41] oder Andrew Ports Diskussion der „dunklen Seiten” des Eigen-Sinns in der ostdeutschen Arbeiterkultur besondere Beachtung.[42] Vielfach ist es in Vorworten und Einleitungskapiteln deutscher wie internationaler Publikationen aber auch zur bloßen Konvention geworden, den „Eigen-Sinn” zu zitieren und dann eher konventionell gehaltene Beschreibungen von Herrschaft und Alltag folgen zu lassen. Das kann bei der zunehmenden Beliebtheit eines solchen Konzepts auch in der akademischen Lehre nicht ausbleiben. In der Forschung zu anderen kommunistischen Diktaturen hat das Konzept „Eigen-Sinn” hingegen noch keine nachhaltige Verbreitung gefunden.

Der Eigensinn des Eigen-Sinns

Hier wurde bewusst der Weg der Begriffsgenealogie gewählt, um Inhalt, Zielsetzung und bisherige Reichweite des Konzepts „Eigen-Sinn” aufzuzeigen. Da wir es nicht mit der Definition eines Untersuchungsgegenstands mit bestimmten zu verifizierenden Merkmalen zu tun haben, sondern mit einer reflexiven Vorgehensweise zur Beobachtung von Erfahrungs- und Handlungsweisen konkreter Individuen, die erstmals anhand der Protokolle solcher Beobachtungen (Garve, Göhre) formuliert wurde, lag dieses Verfahren nahe. „Eigen-Sinn” als Ergebnis einer bestimmten Methode des Beobachtens zu fassen, hat allerdings zwei Konsequenzen: Zum einen markiert der Befund „Eigen-Sinn” in einem empirischen Untersuchungsfeld nicht den End-, sondern den Anfangspunkt des Erklärens. Mit der Beobachtung, dass Akteure eigen-sinnig wahrnehmen und handeln, fängt die eigentliche Arbeit erst an: Welche Funktion hat dieser Eigen-Sinn in einer konkreten Konstellation von Akteuren und Institutionen etwa für die Aufrechterhaltung bzw. Erosion von Herrschaft, für den Glauben an die Legitimität von Ordnungen, für das Miteinander von „oben” und „unten”? Die Antwort darauf liefert dieses Konzept keineswegs mit. Es ist daher vor allem dort mit besonderem intellektuellen Gewinn eingesetzt worden, wo es mit anderen, insbesondere der Sozialanthropologie entnommenen Konzepten wie etwa die „hidden transcripts” von James Scott oder Victor Turners Performanztheorie kombiniert wurde.[43] Jan Palmowskis Studie zu Entstehung und Wandel des Heimatbewusstseins in der DDR sei in dieser Hinsicht als vorbildlich hervorgehoben.

Zum anderen folgt aus der hier nachgezeichneten Entstehung des Konzepts aus einer ganz bestimmten zeitgebundenen Situation historischen Forschens, dass bei Übertragung in andere Untersuchungsfelder und andere Forschungsbedingungen erneut zu klären ist, welche Phänomene damit erfasst und beschrieben werden können. Ihm wird immer ein Rest von Vorläufigkeit und zugleich etwas Sperriges anhaften. „Eigen-Sinn” ist das Gegenteil eines Passepartout und schon gar kein Patentrezept zur „Lösung” unverstandener Rätsel, die bei der Analyse von Einstellungen und Verhaltensweisen übrig geblieben sind. Im Gegenteil: Die diskrete Unterminierung apriorischer Definitionen und Begriffe, insbesondere auch der sich in diesen manifestierenden Selbstgewissheiten auf Seiten der Forscher gehört zu diesem Konzept wesentlich dazu. „Eigen-Sinn” verlangt denjenigen, die damit „arbeiten” wollen, die Mühen einer immer wieder erneuten und eigenständigen – um nicht zu sagen: eigen-sinnigen – Durcharbeitung ab, immer in Hinblick auf das konkrete Untersuchungsfeld und die historischen Akteure, die es zu untersuchen gilt. Damit ist zugleich gesagt, dass es grundsätzlich für jeden Untersuchungsgegenstand, in dem das Soziale eingeschlossen ist, in Frage kommt. Dass es in erster Linie zur Erforschung der Arbeiter und „Werktätigen” unter den Diktaturen im Deutschland des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, steht seiner Anwendung auf andere Schichten, politische Systeme, Länder und Epochen nicht entgegen.[44] Damit sei ausdrücklich hervorgehoben: Auch wenn es darum geht, die Verhaltensweisen und Haltungen von Menschen, die in demokratisch verfassten Gemeinwesen agieren, zu rekonstruieren und ihrem Sinn nach zu verstehen, eröffnet der „Eigen-Sinn” die Möglichkeit, neue Fragen zu entwickeln und den Blick für das Unbekannte zu schärfen.


Die englische Übersetzung des Beitrags: Thomas Lindenberger, Eigen-Sinn, Domination and No Resistance (03.08.2015)


Anmerkungen

  1. Glossar, in: Alf Lüdtke, The History of Everyday Life. Reconstructing Historical Experiences and Ways of Life, Princeton 1995, S. 313-314.
  2. Alf Lüdtke (Hrsg.), Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt a.M. 1989.
  3. Alf Lüdtke, Lohn, Pausen, Neckereien: Eigensinn und Politik bei Fabrikarbeitern in Deutschland um 1900, in: ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993, S. 120-160 (zuerst engl.: Cash, Coffee-Breaks, Horseplay: Eigensinn and Politics among Factory Workers in Germany circa 1900, in: Michael Hanagan/Charles Stephenson (Hrsg.), Confrontation. Class Consciousness, and the Labor Process. Studies in Proletarian Class Formation, New York 1986, S. 65-95). – Alf Lüdtke war nicht der Erste, der diesen Terminus mit Geschichte verknüpfte. Dieses Verdienst gebührt Alexander Kluge und Oskar Negt. Ihr 1981 veröffentlichtes Lesebuch „Geschichte und Eigensinn“ verwendet „Eigensinn“ allerdings ausschließlich als Assoziations-Hilfe für sehr unbestimmte geschichtsphilosophische Reflexionen über den Zusammenhang von Arbeitsvermögen und Krieg in der Menschheitsgeschichte, s. Oskar Negt/Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn. geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen; Deutschland als Produktionsöffentlichkeit; Gewalt des Zusammenhangs, Frankfurt a.M. 1981.
  4. Zu den mit den unterschiedlichen Schreibweisen verknüpften möglichen Bedeutungen siehe ausführlicher unten.
  5. Siehe die Website „Eigen-Sinn. Für hochbegabte Kinder mit ADS“, http://www.eigen-sinn.homepage.t-online.de.
  6. So die „industrial Gothic Rock“-Band „Eigensinn“, siehe http://www.eigensinn.net.
  7. Siehe als ein Beispiel für viele andere exemplarisch die Website: „Eigensinn. Freie Kunstschule“, http://www.kunstschule-eigensinn.de.
  8. Siehe Thomas Lindenberger, Geschichtsschreibung in der Zweiten Moderne, in: Ulrich Beck/Martin Mulsow (Hrsg.), Vergangenheit und Zukunft der Moderne, Frankfurt a.M. 2014 (i.E.), S. 365-399.
  9. Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1952), in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke (MEW), Bd. 8, S. 111, online unter https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/kapitel1.htm.
  10. So die seit den 1950er-Jahren gängige Propagandaformel der SED, siehe Otto Grotewohl, Die Deutsche Demokratische Republik – der erste Arbeiter- und Bauernstaat in der deutschen Geschichte. Vorlesung gehalten am 21. Januar 1955 vor dem Kollektiv der Parteihochschule ‚“Karl Marx“ beim ZK der SED, Kleinmachnow: Parteihochschule „Karl Marx“ beim ZK der SED, 1955.
  11. Stichwort „Eigensinn“, in: DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. in 32 Teilbänden, Leipzig 1854-1961, Quellenverzeichnis Leipzig 1971, zit. nach: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GE01222.
  12. Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl., Leipzig/Wien 1885-1892, 5. Bd., S. 374, zit. nach: retro bib.
  13. Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, Frankfurt a.M. 1982, zit. nach: Spiegel online, Projekt Gutenberg-DE.
  14. Christian Garve, „Ueber den Charakter der Bauern und ihre Verhältniß gegen die Gutsherrn und gegen die Regierung“, in: ders., Popularphilosophische Schriften über literarische, ästhetische und gesellschaftliche Gegenstände. Im Faksimiledruck herausgegeben von Kurt Wölfel, Stuttgart 1974 (zuerst veröffentlicht 1790), S. 799-998.
  15. Garve, Popularphilosophische Schriften, S. 860 (i.O. S. 62).
  16. Alf Lüdtke, Einleitung, in: ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik, S. 9-22, hier S. 19f. – Die daneben auch bei Lüdtke und anderen Autoren anzutreffende Schreibweise ohne Bindestrich soll aber keineswegs ein modifiziertes Verständnis dieses Konzepts signalisieren.
  17. Garve, Popularphilosophische Schriften, S. 855f. (i.O. S. 57f.); siehe den Hinweis Lüdtkes auf diese Passage in: Alf Lüdtke, Arbeit, Arbeitserfahrungen und Arbeiterpolitik. Zum Perspektivenwechsel in der historischen Forschung, in: ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik S. 351-440, hier S. 379.
  18. Ebd., S. 378.
  19. Paul Göhre, Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche: eine praktische Studie, Leipzig 1891.
  20. Lüdtke, Lohn, Pausen, Neckereien, S. 120-160, hier S. 139.
  21. Zit. nach Alf Lüdtke, Wo blieb die „rote Glut“? Arbeitererfahrungen und deutscher Faschismus, in: ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik, S. 221-282, hier S. 221f. (zuerst veröffentlicht in: Alf Lüdtke [Hrsg.], Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt a.M. 1989, S. 224-282).
  22. Siehe Deutscher Gewerkschaftsbund, Zerschlagung der Gewerkschaften 1933. Zerstörte Vielfalt. Unter Mitarbeit von Dieter Pougin, Martina Hesse, online unter http://www.zerschlagung-gewerkschaften1933.de; Marc Buggeln/Michael Wildt (Hrsg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014.
  23. Lüdtke, Arbeit, Arbeitserfahrungen und Arbeiterpolitik, S. 380, vgl. auch Alf Lüdtke, Geschichte und Eigensinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.), Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 139-153, hier S. 146f.: „Eigensinn erweist sich als ein Drittes, als ein Verhalten, das sich nicht der Logik des Entweder-Oder von Herrschaft und Widerstand fügt.“
  24. Stellvertretend für viele siehe den Sonderforschungsbereich 804 an der Technischen Universität Dresden „Transzendenz und Gemeinsinn“, Teilprojekt F „Gottlosigkeit und Eigensinn. Religiöse Devianz in der Frühen Neuzeit“, http://www.sfb804.de/forschung/teilprojekte/teilprojektuebersicht/teilprojekt-f.html; Beatrix Bastl, Tugend, Liebe, Ehre: Die adelige Frau in der Frühen Neuzeit, Wien u.a. 2000; Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 2: Dorf und Stadt, 16.-18. Jahrhundert, München 2005, ferner die historiografiegeschichtliche Untersuchung von Jaana Eichhorn, Geschichtswissenschaft zwischen Tradition und Innovation: Diskurse, Institutionen und Machtstrukturen der bundesdeutschen Frühneuzeitforschung, Göttingen 2006.
  25. Siehe Andrew Beattie, Playing Politics with History. The Bundestag Inquiries into East Germany, New York 2008.
  26. Siehe Klaus Schroeder/Jochen Staadt, Zeitgeschichte in Deutschland vor und nach 1989, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B26/1997, S. 15-29, hier S. 28.
  27. Alf Lüdtke, "Helden der Arbeit" – Mühen beim Arbeiten. Zur missmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 188-213, hier S. 189.
  28. Thomas Lindenberger, Projektskizze: Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte in Berlin-Brandenburg, 1945-1990, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien Dezember 1995, Nr. 5, S. 37-52, http://www.zzf-pdm.de/Portals/_Rainbow/images/publikationen/Lindenberger_05.pdf.
  29. Alf Lüdtke, Einleitung: Herrschaft als soziale Praxis, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozial-anthropologische Studien (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 91), Göttingen 1991, S. 9-63.
  30. Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945-1989, Frankfurt a.M. 1993.
  31. Vgl. überwiegend gleichlautend: Thomas Lindenberger, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln u.a. 1999, S. 13-44, hier S. 23f.; und in einer Überarbeitung ders., SED-Herrschaft als soziale Praxis, Herrschaft und „Eigen-Sinn": Problemstellung und Begriffe, in Jens Gieseke (Hrsg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007, S. 23-47, hier S. 32f.
  32. Siehe die Beiträge von Thomas Reichel, Dagmar Langenhan, Thomas Lindenberger, Patrice Poutrus, Leonore Ansorg und Sylvia Klötzer in Lindenberger (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur.
  33. Aus dem deutschen Sprachraum z.B.: Andreas Ludwig, Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der DDR, Berlin 1999; Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961-1974), Berlin 2003; Sebastian Richter, Norm und Eigensinn. Die Selbstlegitimation politischen Protests in der DDR 1985-1989, Berlin 2007; Annegret Schüle, "Die Spinne". Die Erfahrungsgeschichte weiblicher Industriearbeit im VEB Leipziger Baumwollspinnerei, Leipzig 2001; Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Sport in der DDR. Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003; Margarete Meggle, Zwischen Altbau und Platte: Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen. Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR, am Beispiel der sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland, Dissertation Friedrich-Schiller-Universität Jena 2004. Online verfügbar unter http://www.db-thueringen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-4131/diss-meggle.pdf.
  34. Histoire de la RDA, Annales. Histoire, Sciences Sociales 53 (1998), No. 1.
  35. Sandrine Kott, Le communisme au quotidien. Les entreprises d’État dans la société est-allemande, Paris 2001; Engl. transl.: idem, Communism day-to-day: State Enterprises in East German Society, Ann Arbor 2014.
  36. Jay Rowell, Le totalitarisme au concret: les politiques du logement en RDA, Paris 2006.
  37. Emmanuel Droit, Vers un homme nouveau? L’éducation socialiste en RDA (1949-1989), Rennes 2009; dt. ders., Vorwärts zum neuen Menschen? Die sozialistische Erziehung in der DDR (1949-1989), Köln u.a. 2014 (Zeithistorische Studien; Bd. 54).
  38. Michel Christian, Parti et Société en RDA et en Tchécoslovaquie. Une histoire comparée des partis communistes au pouvoir du début des années 1950 à la fin des années 1970, Thèse de doctorat, Université de Genève 2011.
  39. Y. Déloye/B. Voutat (dir.), Faire de la science politique. Pour une socio-histoire du politique, Paris 2002.
  40. Vgl. Corey Ross, The East German Dictatorship : Problems and Perspectives in the Interpretation of the GDR, London/New York 2002.
  41. Jan Palmowski, Inventing a Socialist Nation: Heimat and the Politics of Everyday Life in the GDR, 1945-1990, Cambridge 2009.
  42. Andrew Port, The Dark Side of Eigensinn: East German Workers and Destructive Shopfloor Practices, in: Hartmut Berghoff/Uta Balbier (Hrsg.), Falling Behind or Catching Up? The East German Economy, 1945-2010, Cambridge 2013, S. 111-128.
  43. Siehe James C. Scott, Domination and the arts of resistance. Hidden transcripts, New Haven 1990; Victor Witter Turner, The Anthropology of Performance, New York 1986.
  44. Siehe die Beiträge in Belinda Davis/Thomas Lindenberger/Michael Wildt (Hrsg.), Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen, Frankfurt a.M. 2008.

Empfohlene Literatur zum Thema

Lindenberger, Thomas, SED-Herrschaft als soziale Praxis, Herrschaft und "Eigen-Sinn": Problemstellung und Begriffe, Göttingen 2007: Vandenhoeck & Ruprecht 
Lüdtke, Alf, Geschichte und Eigensinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.), Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994: Grennwood Press 

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Artikel: Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand
Thomas Lindenberger, Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 02.09.2014, (Zitation)


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