Theoriemodelle Version 2.0 Stefan Haas

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Theoriemodelle der Zeitgeschichte

von Stefan Haas

Theorie ist ein genuines Element des Forschungssettings wissenschaftlicher Erkenntnisarbeit. Der Begriff wird heute in verschiedenen, sich teils widersprechenden Definitionen verwendet. Mit dem jeweiligen Theorieverständnis verbunden sind Grundentscheidungen über Form und Anwendungspraxis wissenschaftlicher Methoden.

Im Sinn der „Theorie eines Forschungsvorhabens” oder „der Theorie einer Publikation” zielt der Theoriebegriff auf die Klärung des Zuschnitts und der Funktionslogik einer Forschungsarbeit und legt deren Entstehungs- und Gültigkeitsbedingungen in einem kritischen, selbstreflexiven Prozess offen. Insofern Theorie in diesem Verständnis die Reflexion des Vorgehens der wissenschaftlich tätigen Historiker/innen und ihrer Praxis der historischen Erkenntniserzeugung und -vermittlung meint, ist sie immer mit dem Begriff der „Methoden” verbunden. Der Gegenbegriff zu „Theorie” ist mithin nicht „Praxis” – vielmehr sind beide Begriffe in diesem Verständnis synonym –, sondern „Empirie”. Während Empirie den Forschungsgegenstand und seine Überlieferung und damit sein Vorhandensein in unserer jeweiligen Gegenwart beschreibt, bezeichnet Theorie die begrifflichen Vorannahmen sowie die Logik der Verfahren, mittels derer aus den empirischen Quellen Forschungserkenntnisse abgeleitet werden. Dabei wird angenommen, dass die Frage nach dem „Was” des zu Erforschenden zu derjenigen nach dem „Wie” des Forschens in einem dialogischen Verhältnis steht. Dieser Befund wäre wenig aufregend, gäbe es nicht eine lange Tradition gerade innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft, die der Arbeit des Erkenntnissubjekts (wobei umstritten ist, ob es sich hierbei um die individuelle Forscherpersönlichkeit, die Scientific Community oder den Diskurs handelt) sowohl in der Ausbildung als auch im Forschungsalltag nur marginale Aufmerksamkeit geschenkt hat. Da sich aber gerade die methodischen Arbeitsweisen in den vergangenen 20 Jahren exorbitant ausgeweitet haben und die Geschichtswissenschaft in Fragen des Forschungssettings stärker diversifiziert ist als je zuvor, ist Theorie selbst zu einem zentralen Selbstverständigungsdiskurs der Geschichtswissenschaft und damit auch zu einem Fokus des Geschichtsstudiums an den Universitäten geworden.

Theorie als Reflexion der Praxis geschichtswissenschaftlichen Arbeitens ist jedoch nur eine Möglichkeit, den Begriff Theorie zu definieren. Die im Folgenden behandelten Definitionen des Theoriebegriffs werden alle in der gegenwärtigen Forschungspraxis verwendet. Da sie sich teils widersprechen, teils auf unterschiedlichen Ebenen des wissenschaftstheoretischen Diskurses angesiedelt sind, lassen sie sich derzeit nicht in einem Metabegriff auflösen. Für Studierende des Faches bedeutet dies, die Fähigkeit zu erlernen, für ihr konkretes Forschungsvorhaben eine begründete Entscheidung für einen der Begriffe oder eine in sich schlüssige Schnittmenge zu finden, die die Operationalisierbarkeit der jeweils eigenen Arbeit sicherstellt und ihren wissenschaftlichen Anspruch tragen kann.

Überblick: Grundbestimmungen des Theoriebegriffs

Die wichtigsten Begriffe von Theorie in der Zeitgeschichte lassen sich, analog zu jenen in anderen Epochensubdisziplinen der allgemeinen Geschichtswissenschaft, folgendermaßen beschreiben:

Die Historische Sozialwissenschaft versteht unter Theorie eine Orientierung an Modellen, die vornehmlich der Soziologie entlehnt werden und die als Maßstab für die wissenschaftliche Analyse historischer Strukturen und Prozesse einsetzbar sind. Indem die Protagonisten dieser Schule ihr methodisches Vorgehen explizit als „Anwendung von Theorie” klassifiziert und allgemein für die Geschichtswissenschaft eingefordert haben, sind sie im deutschen Sprachraum seit den 1970er-Jahren entscheidend an der Konjunktur des Begriffs Theorie beteiligt gewesen.[1]

In einem breiteren Sinne wird Theorie zweitens als Reflexion der methodischen Grundlagen historischer Forschung verstanden. Diese Begriffsdefinition ist wesentlich gebunden an die Entwicklungen im Kontext der Cultural Turns seit den frühen 1990er-Jahren, die zu einer dynamischen Pluralisierung und Heterogenisierung von Forschungsoptionen führten.[2]

Eng damit verknüpft ist drittens die Verwendung des Theoriebegriffs zur Bezeichnung einer sich prozessual verfestigenden Antwort auf alle den Forschungszuschnitt betreffenden Fragen zu einer argumentativ in sich geschlossenen Theorie. Zu diesen Fragen zählen zum Beispiel: Was ist Geschichte? Wer oder was macht Geschichte? Was ist das Ziel geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis? Wer ist das Erkenntnissubjekt? Welche Rolle spielt das Erkenntnissubjekt im Forschungsprozess? Welche Methoden sollen angewandt werden? Für die als Theorie bezeichnete, verknüpfte Beantwortung dieser Fragen werden als Synonym öfter auch die Begriffe „Schule”, „Richtung” oder „Ansatz” verwendet. In diesem Sinn sind zum Beispiel Historismus und Historische Sozialwissenschaften zwei Theorien innerhalb der Geschichtswissenschaft. Aber auch Historischer Materialismus, Systemtheorie, Diskurstheorie, Neue Kulturgeschichte, bisweilen auch die Annales-Schule, die angelsächsische Sozialgeschichte und viele andere werden als solche in sich geschlossene Argumentationsgebäude angesehen und in diesem Sinne als „eine Geschichtstheorie” bezeichnet.

Besonders im angelsächsischen Raum spielt diese Form der methodisch-theoretischen Reflexion des Forschungssettings eine untergeordnete Rolle gegenüber der Frage nach der anzuwendenden narrativen Strategie. Insofern diese jedoch ebenfalls nach dem „Wie” der Darstellung fragt, kann viertens auch sie analytisch als Antwort auf Theoriefragen aufgefasst werden, obwohl die Auseinandersetzung um narrative Strategien nicht explizit unter dem Begriff „Theory” diskutiert wird. Man kann den Diskurs über die Frage, wie eine Epoche oder ein historisches Thema am besten „erzählt” wird, als „narrative Theoriebildung” bezeichnen, weil es dabei immer auch um Modellbildung für spätere Forschungen geht. Für die Entwicklung eines Analyseinstrumentariums sind die Arbeiten von Hayden White zur Bedeutung und Funktion von Narrativität in geschichtswissenschaftlichen Texten von besonderer Bedeutung.[3]

Besonders innerhalb der Zeitgeschichte ist es fünftens weit verbreitete Praxis, historische Forschung weniger über ihr theoretisch-methodisches Profil denn über die zeithistorische Bedeutung des Forschungsthemas zu begründen. Diese Verfahrensweise hat eine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition. Man kann diesen Ansatz als „situative Theoriebildung” bezeichnen, insofern aus der Verortung historischer Forschung in spezifischen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Problemfeldern Antworten auf theoretische Fragen abgeleitet werden.

Betrachtet man Geschichtswissenschaft aus einer analytischen Perspektive und verwendet den Theoriebegriff, um Fragen nach dem „Wie” der historischen Forschung zu stellen und zu beantworten, dann gibt es keine Geschichtsforschung, die theoriefrei wäre – höchstens und schlimmstenfalls ist sie theoretisch unreflektiert, immer jedoch transportiert sie auch theoretische Grundannahmen. Auch wenn diese implizit bleiben, können sie Gegenstand zeitgenössischer oder retrospektiver Analysen zur Geschichte der Geschichtswissenschaft sein. So enthält der Historismus, auch wenn er sich selbst als untheoretisch beschrieben hat, sehr wohl theoretische Grundannahmen über das historische Subjekt, die historische Methode, den Sinn von Geschichtswissenschaft oder leitende Forschungskategorien. Besonders in Abgrenzung zur historisch-sozialwissenschaftlichen Theoriedefinition, die mit einer expliziten Forderung nach Theorie als soziologische Modellbildung einhergeht, können diese Ablehnungen sich selbst als untheoretisch klassifizieren. Sie sind dies aber nicht, höchstens legitimieren und beantworten sie theoretisch-methodische Fragen anders, beispielsweise über politische Argumentationsmuster.[4]

Anders verhält es sich dagegen, wenn „antitheoretisch” gegen Theorie als einem im Gefolge der Cultural Turns formulierten, umfassenden Reflexionsanspruch argumentiert wird. In diesem Kontext gibt es zwei Bedeutungen des Theoriebegriffs, die aber in aktuellen Debatten kaum noch eine Rolle spielen: Einerseits wird Theorie im Sinn einer Hypothese als Gegenbegriff zu fundierten Forschungsergebnissen verwendet. Andererseits wurde besonders noch in der zeithistorischen Forschung der 1950er- und 1960er-Jahre eine Abgrenzung der Geschichtswissenschaft von der Soziologie mit dem Argument vorgenommen, dass erstere sich dem konkreten Geschehen, letztere den mehr philosophisch zu erfassenden Grundlinien eines Zeitalters widme. Solch ein Zugriff wurde dann beispielsweise als „Theorie unseres Zeitalters” bezeichnet.[5] Hier wird der Theoriebegriff als geschichtsphilosophische Gesamtcharakterisierung einer Epoche verwendet, die über das empirisch Verifizierbare hinausgeht. Im Folgenden werden die Theoriebegriffe, die in der Zeitgeschichte momentan verwendet werden, genauer herausgearbeitet.

Theorie(n) in der Historischen Sozialwissenschaft

Die Historische Sozialwissenschaft setzt gegen die Erforschung von Individualitäten (wie Persönlichkeiten und Ereignissen) jene von Strukturen und Prozessen.[6] Um diese möglichst wissenschaftlich exakt und intersubjektiv nachvollziehbar operationalisieren zu können, hat sie „Theorien mittlerer Reichweite”, ein methodisches Instrumentarium des amerikanischen Soziologen Robert K. Merton,[7] in die Geschichtswissenschaft eingeführt.[8] Dies sind Modelle, die in sich schlüssig formuliert sind und die als relevant postulierten Faktoren in einen kohärenten Zusammenhang der Analyse und Interpretation bringen. Gesellschaftliche Makroprozesse wie Industrialisierung oder Modernisierung sind historische Phänomene, die als Gegenstände für die Historischen Sozialwissenschaften von besonderer Bedeutung sind und dort mit Theorien mittlerer Reichweite analysiert werden. Das Modell, das die Theorie formuliert, wird dabei mit den Quellenbefunden in einen stringenten Zusammenhang gebracht. Dadurch wird es möglich, disparate und ambivalente Quellen aufeinander zu beziehen und in einen Zusammenhang zu bringen, der eine wissenschaftliche Erkenntnisformulierung ermöglicht. Von „mittlerer” Reichweite sind die Theorien, weil sie als Modell eine Erwartung nicht nur in Bezug auf ein einzelnes Ereignis, sondern auf einen Gesamtkomplex von Ereignissen formulieren, andererseits aber keinesfalls die gesamte historische Totalität, weder zeitlich noch sachlich, erfassen wollen. Angewandt werden sie deshalb nicht auf die Geschichte allgemein, sondern nur auf einen bestimmten, meist epochal begrenzten Prozess. Von „mittlerer” Reichweite sind diese Theorien auch deshalb, weil sie im Prozess der Weiterentwicklung der Wissenschaften modifiziert und durch neue ersetzt werden müssen. Die „deutsche Sonderwegsthese” ist ein Beispiel für eine solche, über Modellbildung gewonnene, strukturelle Geschichtsinterpretation.[9]

Die Historische Sozialwissenschaft orientiert sich bei der Generierung von Theorien mittlerer Reichweite an der Soziologie. Die Struktur des Denkens, die hinter der Historischen Sozialwissenschaft steckt, ließe sich aber auch übertragen, wenn nicht mehr die Soziologie im Mittelpunkt des Interesses stünde. Als methodisches Verfahren kann sie auch mit Modellen durchgeführt werden, die aus einem anderen disziplinären Kontext – wie zum Beispiel der Ethnologie – oder aus einem transdisziplinären Zusammenhang stammen. In diesem Sinn ist es der Bielefelder Schule gelungen, den Wissenschaftscharakter der Geschichtswissenschaft entscheidend zu stärken.

Die Anwendung soziologischer Modelle als Theorien in der Geschichtswissenschaft wurde jedoch besonders von Vertreter/innen einer traditionelleren, am Historismus orientierten Geschichtsauffassung als fachfremdes Verfahren kritisiert. Modellbildung gilt ihnen als geschichtsfremd, weil sie Geschichte als Wissensbereich auffassen, der auf dem Individualitätsaxiom historischer Ereignishaftigkeit basiert. Modellbildung dagegen zielt auf Vergleichbarkeit und Analogiebildung, teilweise sogar auf Gesetzmäßigkeiten. Aus diesen inkongruenten Geschichtsauffassungen resultierte eine tiefe Kluft zwischen historischen Sozialwissenschaftler/innen und „historistischen” Hermeneutiker/innen. Dennoch hat die Forderung der Historischen Sozialwissenschaft nach mehr Modellbildung den sprunghaften Anstieg des Interesses an Geschichtstheorie in den 1990er-Jahren wesentlich vorbereitet. In den Augen vieler Vertreter/innen des Fachs wurde deutlich, dass eine erhöhte Wissenschaftlichkeit der Geschichte nicht ohne theoretische Grundlagenreflexion erreicht werden kann.

In den 1980er-Jahren thematisierte der Postmodernediskurs die Auflösung traditioneller Meistererzählungen.[10] Das Feld an Möglichkeiten, Geschichtswissenschaft zu betreiben, differenzierte sich aus. Die Konsequenz war eine Neudefinition und Individualisierung des Theoriebegriffs, der nicht mehr als „einzelne” Theorie im Sinne eines Modells, sondern als eigenständige Disziplin begriffen wurde. Zugleich sollte Theorie auch für einzelne Geschichtsstudien in sich schlüssige und operationalisierbare Grundlagen begründen. Dieser „Theory Turn”, der das Arbeiten in den Geschichtswissenschaften nachhaltig veränderte, wurde im Kontext der Neuen Kulturgeschichte vollzogen.

Theorie als wissenschaftliche Grundlagenarbeit in der Neuen Kulturgeschichte

Nachdem die Bedeutung der Leitkategorie „Gesellschaft” in den 1980er-Jahren zu verblassen begann, wurde in der Geschichtswissenschaft ebenso wie in allen anderen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften eine breite Fülle von neuen Kategorien daraufhin geprüft, ob sie als neuer archimedischer Punkt der Forschung dienen könnten. Zu diesen teils kompatiblen, teils konkurrierenden Schlüsselkategorien zählten gleichzeitig oder nacheinander Gender, Diskurs, Sprache, Text, Symbol, Bild, Medien, Kommunikation, Raum, Körper, Ritual, Performanz, Erinnerung und andere.[11] Da es sich um eine Grundlagenkrise handelte, in der der Ausgangspunkt wissenschaftlicher Welt(re)konstruktion diskutiert wurde, wurden die verschiedenen Neuansätze zu Recht als „Turns” bezeichnet. Ein Turn im Sinn einer Kopernikanischen Wende stellt das bis dato gültige Weltbild quasi auf den Kopf und interpretiert Wirklichkeit neu.[12]

Der Linguistic Turn[13] ist ein solcher Turn, weil er Wirklichkeit und damit Geschichte nicht mehr als vor- oder außersprachlich gegebene Realität, sondern als sprachliche Konstruktion thematisiert. Der Body Turn ist nicht deshalb eine radikale Kehrtwendung, weil Soziolog/innen und Historiker/innen nun auch ein wenig Körpergeschichte betreiben, sondern weil der Körper als Leitkategorie jeder Wirklichkeits(re)konstruktion verstanden wird und sich am Körper nicht-diskursive Strategien der Wirklichkeitsgenerierung ablesen lassen – weswegen die Lieblingsgegenstände des Body Turn Krankheit, Sexualität und Tod sind, mithin Themenfelder, die nicht gänzlich in ihrer sprachlichen Benennung aufgehen.[14] Wer hingegen auch den Körper als Text thematisiert, bewegt sich letztlich immer noch innerhalb des Lingustic Turn oder seiner von Clifford Geertz beeinflussten Spielart des Interpretive Turn.[15] Dieses Beispiel zeigt auch, dass nicht alle Turns (außer den bisher genannten wären beispielsweise noch der Spatial[16], Medial[17] oder Iconic Turn[18] zu nennen) Unterspielarten des einen großen Cultural Turns sind, sondern sich als widersprechende Ansätze zur Lösung der anstehenden Grundlagenprobleme darstellen – weswegen in jüngster Zeit zunehmend von Cultural Turns im Plural gesprochen wird.

Im Zuge dieser Entwicklungen der 1990er- und 2000er-Jahre veränderte sich das Schreiben von Geschichtswissenschaft entscheidend. Ein neuer Begriff von Theorie begann sich durchzusetzen, der die heutigen Debatten weitgehend prägt. Die Geschichtswissenschaft differenzierte sich in einer Weise aus, die über die meist als Dichotomien zu beschreibenden älteren Grundkonflikte – kleindeutsche versus großdeutsche Geschichte, Historismus versus Alte Kulturgeschichte, Neo-Historismus versus Historische Sozialwissenschaft – hinausging. Sie wurde zu einer heterogenen Praxis, deren Ambivalenz sich nicht nur im Vergleich verschiedener Historikerindividualitäten zeigte, sondern auch innerhalb des Werks einzelner Wissenschaftler/innen. Gleichzeitig wuchs die Einsicht in die für die wissenschaftliche Erkenntnis konstitutive Bedeutung der Tätigkeit der Historiker/innen. Jede geschichtswissenschaftliche Arbeit konstituiert ihren Forschungsgegenstand, ihre Methode, ihren Quellenkorpus durch theoretische Entscheidungen im Dialog mit den vorhandenen Optionen und dem jeweiligen Forschungsfeld. Es gibt nicht mehr, wie im Diskurs des Historismus noch häufig als Argument vorgetragen, nur „die eine historische Methode”. In dieser Definition fragt Theorie nach den Bedingungen des Erkenntnisprozesses, klärt mithin die Prinzipien und Vorgehensweisen des alltäglichen wissenschaftlichen Arbeitens.

Zur Theorie in diesem Sinne gehört die Frage, welche Faktoren im Erkenntnisprozess relevant und wie diese verfasst sind, aber auch, wer oder was das Erkenntnissubjekt der einzelnen Arbeit ist. Mit welchen Werkzeugen, mit welchen Methoden kann Erkenntnis in der konkreten Arbeit gewährleistet werden? Diese und ähnliche Fragen sind immer auch eingebettet in die Diskussion übergreifender Fragen: Welche theoretischen Grundlagen hat die Geschichtswissenschaft? Welche Relevanz haben wissenschaftliche oder anders geartete Geschichtsbetrachtungen für die Gesellschaft? Welchen Sinn macht Wissenschaft im Allgemeinen und Geschichtswissenschaft im Besonderen? Anders als noch in den 1950er-Jahren, als solche Fragen von einflussreichen Historikern bevorzugt bei Emeritierungsreden und anderen Feierlichkeiten erörtert wurden, ist Geschichtstheorie heute genuiner Bestandteil alltäglicher Forschungsarbeit. Ohne theoretische Begründungen hat heute kein Drittmittelprojekt mehr Aussicht auf Erfolg, lässt sich kaum eine akademische Abschlussarbeit mehr erfolgreich abschließen.

Narrative Theoriebildung

Anders als im kontinentaleuropäischen Forschungskontext, wo theorieorientierte Wissenschaftspraktiken sich mittlerweile breit entwickelt haben, bilden im angelsächsischen Raum narrative Szenarien den Standard zur Begründung von Forschungs- und Analysesettings. Doktorarbeiten, die in Großbritannien allzu wissenschaftlich verfasst und daher vermeintlich dem Buchmarkt nicht konform sind, müssen in eine mehr narrative Struktur umgewandelt werden. Dabei geht es im angelsächsischen Sprachraum weniger um eine an belletristischer Literatur geschulte, intuitive narrative Logik, als um eine bewusste Auseinandersetzung mit narrativen Strukturen, mit denen ein historisches Problem stringent gefasst werden kann. In einem mit „Europas Nachkriegsgeschichte neu denken” betitelten Aufsatz schreibt der britische Historiker Tony Judt:

„Es ist noch nicht so lange her, dass europäische Zeitgeschichte zu schreiben eine einfache Angelegenheit war. Der Zweite Weltkrieg endete 1945, und mit ihm eine mehr als 30 Jahre währende Krise Europas. Zwischen 1913 [sic!] und 1945 durchliefen die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den europäischen Staaten und ihre inneren Verhältnisse einen tiefen, traumatischen Wandel. Revolutionen – linke und rechte – entmachteten die herrschenden Eliten. Massive Umwälzungen und Zusammenbrüche in der kapitalistischen Wirtschaft machten der Stabilität des 19. Jahrhunderts ein Ende und erschütterten das gesellschaftliche Gefüge bis in die Grundfesten. Gewalt breitete sich in allen Bereichen des Lebens aus […].”[19]

Judt setzt sich hier mit Eckpunkten bzw. Zäsuren auseinander, die ein Koordinatensystem schaffen, mittels dessen die Zeitgeschichte „Europas” erzählt werden kann. Ähnlich findet Eckart Conze in der „Suche nach Sicherheit” ein passendes „Narrativ für eine ‚moderne Politikgeschichte' der Bundesrepublik Deutschland”.[20] Dabei geht es um die Frage, was an der Vergangenheit selbst wichtig und also erzählenswert ist, aber auch um das Funktionieren des Textes, des Erzählens selbst als einer ordnenden, sogar wirklichkeitskonstituierenden Tätigkeit.

Narrative Theorie meint, dass aus der Fülle historischer Wirklichkeit bestimmte Themen, Ereignisse, Prozesse etc. herausgegriffen werden, die als relevant zur Darstellung einer Geschichte angesehen werden. Die zentralen narrativen Elemente verbinden als roter Faden die Einzelelemente und lassen Bezugnahmen und Ursache-Folge-Beziehungen zu. Durch ihre erzählerische Reihung entsteht, ähnlich einer erzählten Lebensgeschichte, eine in sich geschlossene Darstellung. Die Narration selbst wird zur historischen Sinnbildung. Ebenso wie bei dieser werden dabei Entscheidungen getroffen, welche Elemente in die Erzählung integriert und welche ausgelassen werden. Insofern die Entwicklung narrativer Strukturen eines geschichtswissenschaftlichen Textes bewusste Entscheidungen voraussetzt, die mit dem Stoff, den Quellen, den Fragestellungen des Autors und dem wissenschaftlichen Umfeld sowie dem Forschungsstand korrelieren, kann dies als narrative Theoriebildung bezeichnet werden. Ihr Ziel ist nicht, wie in der Neuen Kulturgeschichte, ein in sich geschlossenes, erkenntnistheoretisch reflektiertes Verständnis von Forschung, sondern eines, das sich an der narrativen Struktur des (wissenschaftlichen) Textes als Ergebnis des Forschungsprozesses orientiert.

Die Bewusstwerdung des kreativen Prozesses beim Erzählen von Geschichte geht weit über das Maß des klassischen Historismus hinaus und ist eine Folgewirkung des Linguistic Turn, der die Geisteswissenschaften mit Anfängen in den späten 1940er- und 1950er-Jahren besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren weitreichend verändert hat. Seitdem auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum die Arbeiten von Hayden White breit rezipiert worden sind, ist zumindest im Themensegment Wissenschaftsgeschichte die narrative Logik ein zentrales Paradigma zur Aufschlüsselung von Texten. Hayden White hat sein Begriffssystem an Arbeiten des 19. Jahrhunderts entwickelt. Er hat deutlich gemacht, wie zentral narrative Logiken zur Konstituierung historischen Erzählens und damit Wissens sind. Weniger weit entwickelt ist dagegen immer noch die Frage, wie narrative Strategien des modernen Romans des 20. Jahrhunderts oder der postmodernen pluralistischen Erzählformen sich auf die narrative Logik der Geschichtswissenschaft auswirken (sollten).[21]

Situative Theoriebildung

Auch wenn Theorie vielfach als notwendiges Element der Begründung eines Forschungssettings und der Durchführung historischer Analyse angesehen wird, ist in der Zeitgeschichte wie in anderen Epochensubdisziplinen die Ablehnung theoretischer Argumentationsmuster weit verbreitet. Man kann dies einerseits vor dem Hintergrund der theoretischen Reflexionen in Historischer Sozialwissenschaft und Neuer Kulturgeschichte kritisieren oder gar ablehnen, man kann aber andererseits auch sehen, dass an ihre Stelle etwas tritt, das durchaus in sich selbst auch ein theoretisches Reflektieren ist, sich aber aus anderen Fragen und Argumentationsansätzen speist: Wenn Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael 2008 schreiben: „Wie lässt sich eine Zeitgeschichte entwerfen, die sich durchaus an der Entwicklung der Nachkriegsjahre orientiert, aber als nationale, europäische, internationale Geschichte die Herausforderungen der Gegenwart historisch erschließen kann?”,[22] dann rekurrieren sie bei der Frage nach der Strukturierung ihres Textes nicht auf methodologische Grundentscheidungen oder theoretische Modelle, sondern auf zeithistorische (politische, soziale, ökonomische und kulturelle) Problemfelder des Forschungsgegenstands selbst und der historischen Situation, in der Forscherinnen und Forscher sich selbst jeweils gerade befinden.

Bereits in Hans Rothfels klassischer Bestimmung der Zeitgeschichte findet sich ein solches Argument: „[…] wir können aus der Zeitgeschichte nicht desertieren, wenn wir uns selbst verstehen und einen Standort gegenüber dem Kommenden gewinnen wollen. Auch und gerade die Wissenschaft steht in diesem Dienst und unter dieser Verpflichtung.”[23]

Da auch durch eine diskursive Erörterung der situativen Implikationen und Hintergründe eines Forschungsvorhabens die Frage nach dem „Wie”, der Strukturierung des Stoffes, der chronologischen Einteilung, der zu behandelnden Themenfelder etc. beantwortbar wird, erfüllt auch ein solcher situativer, meist mit politischer (im weitesten, nicht auf Parteipolitik verengten Sinn), gesellschaftlicher und pädagogischer Konnotation verbundener Diskurs die Funktion der Theoriebildung. Insofern der Ausgangspunkt des selbstreflexiven Prozesses der Generierung eines Forschungssettings die kritische Selbstverortung der eigenen Gegenwart in der Zeitgeschichte selbst ist, kann man von einer „situativen Theoriebildung” sprechen.

Besonders in traditionellen Kontexten, in denen die Frage nach der Objektivität und Subjekthaftigkeit von Geschichtsbetrachtung weniger über methodische Verfahren und theoretische Modelle denn über individuelle Forscherhaltungen und damit verbunden klassisch hermeneutische Vorgehensweisen diskutiert wurde und wird, ist die zentrale theoretische Frage einer situativ begründeten Zeitgeschichte dann jene nach der Wahrung von Unbefangenheit. Sowohl im Theoriesetting der Historischen Sozialwissenschaft als auch in dem der Neuen Kulturgeschichte wird Wissenschaftlichkeit über die verfahrensgeleitete Konstitution von Methoden und theoretischer Modellbildung hergestellt – weswegen die Opposition von „Objektivität und Parteilichkeit”[24] keine so bedeutende Rolle mehr spielt. In ihr haben Fragen nach der Angemessenheit der Theoriebildung und der Stringenz methodischer Absicherung eine zentralere Rolle und ersetzen Diskussionen nach der (persönlichen) Haltung des individuellen Autorensubjekts. Mit dem Begriff einer „situativen Theoriebildung” scheint es mir aber möglich, die allzu starke Frontstellung von Theoriebefürwortern und -gegnern aufzulösen und in einer Differenzierung des Theoriebegriffs selbst aufzuheben.

Zusammenfassung: Theoriemodelle in der Zeitgeschichte

Die Zeitgeschichte steht ebenso wie andere Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft vor dem Problem, dass die oftmals erhobene Forderung nach „mehr Theorie” sich einem heterogenen und disparaten Angebot an Definitionen des Theoriebegriffs gegenübersieht. Theorie als eine Methode zur analytischen Generierung wissenschaftlicher Aussagen mittlerer historischer Reichweite zu begreifen, widerspricht einem auf plurale Methodensettings zielenden Theoriebegriff, wie er in der Neuen Kulturgeschichte weit verbreitet ist – wovon nicht zuletzt die teils heftigen Auseinandersetzungen der ersten Generation der Vertreterinnen und Vertreter der Historischen Sozialwissenschaft mit der Kulturgeschichte zeugen.[25]

Gleichzeitig lassen sich andere Muster zur Generierung theoretischer Forschungssettings erkennen, die sich selbst selten als Theorie bezeichnen, aber Potenziale haben, die bislang in der theoretischen Grundlagenreflexion der Geschichtswissenschaft noch nicht weit genug entwickelt sind. Narrative Strategien beispielsweise sind längst ein gängiges Diskursfeld geworden, das sowohl als empirisches Forschungsfeld als auch zur Selbstbeschreibung wissenschaftlicher Texte verwendet wird. Noch fehlen aber trotz der Arbeiten von Hayden White und seinen Nachfolger/innen im Universitätsunterricht lehrbare Standards, die dem „Geschichte schreiben” jenen konstitutiven Ort einräumen, den sie in der Behauptung der hohen Bedeutung von Narrativen haben.

Insgesamt lässt sich seit Entstehen der Historischen Sozialwissenschaft, verstärkt durch die Neue Kulturgeschichte, ein Bedeutungszuwachs des Begriffs „Theorie” für die Geschichtswissenschaft feststellen. Mit diesem Theoriebegriff sind tiefgreifende Veränderungen der Reflexion über Erkenntnis und Interpretation der Geschichte verbunden.

Insofern sich die Arbeitsweisen der Geschichtswissenschaft dabei im Vergleich zum Historismus völlig verändert haben, lässt sich von einem „Theory Turn” sprechen, da nicht mehr die Praxis der Geschichtswissenschaft die Theoriebildung generiert, sondern die Theorie Forschungs- und Arbeitssettings entwickelt, die der Praxis vorangehen und in Forschungshypothesen und -erwartungen genuiner Bestandteil von Förderanträgen sind. Theorie selbst aber wiederum ist kein Reflexionsfeld, das die Gültigkeit seiner Aussagen an historische Prozesse bindet, sondern sie in Stringenz und Konsistenz von Logik und Rationalität der Argumentationsketten sucht. Gleich in welcher der oben genannten Formen der Theoriebegriff gefüllt wird, erreicht die Geschichtswissenschaft mit ihm die Sicherung ihrer wissenschaftlichen Rationalität und gewinnt damit Anschlussfähigkeiten im transdisziplinären Dialog.

Empfohlene Literatur zum Thema

Zitation
Stefan Haas, Theoriemodelle der Zeitgeschichte, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012, URL: http://docupedia.de/zg/Theoriemodelle_Version_2.0_Stefan_Haas?oldid=125325

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  1. Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft, 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1980, insb. S. 29; Jürgen Kocka, Theorien in der Geschichtswissenschaft, in: ders./Siegfried Quandt/Konrad Repgen (Hrsg.), Theoriedebatte und Geschichtsunterricht. Sozialgeschichte, Paradigmenwechsel und Geschichtsdidaktik in der aktuellen Diskussion, Paderborn 1982, S. 7-28; Bettina Hitzer/Thomas Welskopp (Hrsg.), Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen, Bielefeld 2010.
  2. Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek 2006; dies., Cultural Turns, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.3.2010, online unter https://docupedia.de/zg/Cultural_Turns?oldid=81216 (13.6.2012).
  3. Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt a.M. 1994; ders., Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses Stuttgart 1991.
  4. Frank R. Ankersmit, Historismus, Postmoderne und Historiographie, in: Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen/Ernst Schulin (Hrsg.), Geschichtsdiskurs, Bd. 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt a.M. 1993, S. 65-84; Ulrich Muhlack, Leopold von Ranke und die Begründung der quellenkritischen Geschichtsforschung, in: Jürgen Elvert/Susanne Krauß (Hrsg.), Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 2003, S. 23-33.
  5. Hans Rothfels, Sinn und Aufgabe der Zeitgeschichte, in: ders., Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Vorträge und Aufsätze, 2. Aufl., Göttingen 1959, S. 9-16, hier S. 12 und 16.
  6. Wehler, Historische Sozialwissenschaft, S. 28.
  7. Robert King Merton , Social Theory and Social Structure. New York 1968.
  8. Klassische Beispiele für die empirische Anwendung solcher Theorien sind Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975; Jürgen Kocka, Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918, Göttingen 1973.
  9. Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973; Karl Dietrich Bracher (Hrsg.), Deutscher Sonderweg – Mythos oder Realität? München 1982; Helga Grebing, Der „deutsche Sonderweg“ in Europa 1806-1945. Eine Kritik, Stuttgart u.a. 1986.
  10. Klassisch Jean Francois Lyotard, La condition postmoderne, Paris 1979. Zum Kontext Narrativität vgl. auch Franklin Rudolf Ankersmit, Narrative Logic. A Semantic Analysis of the Historian’s Language, The Hague 1983.
  11. Überblick in Bachmann-Medick, Cultural Turns. Vgl. dazu auch die entsprechenden Beiträge in diesem Band und in Docupedia-Zeitgeschichte.
  12. Vgl. zur Kopernikanischen Wende auch Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a.M. 1976.
  13. Die einflussreichste Einzeltheorie der letzten 20 Jahre, die Diskurstheorie Foucault’scher Prägung, ist eine Spielart dieses Ansatzes. Überblick in Philipp Sarasin, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt a.M. 2003.
  14. Elaine Scarry, The Body in Pain. The Making and Unmaking of the World. New York/Oxford 1985; vgl. Philipp Sarasin, Mapping the Body. Körpergeschichte zwischen Konstruktivismus, Politik und „Erfahrung“, in: Historische Anthropologie 7 (1999), 437-451.
  15. Vgl. Bachmann-Medick, Cultural Turns, S. 58. Geertz’ Ansatz theoretischer lässt sich am besten nachvollziehen in Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M. 2002.
  16. Eine der frühen zentralen Referenztexte ist Edward W. Soja, Postmodern Geographies. The Reassertion of Space in Critical Social Theory, London/New York 1989. Zur Theoriebildung vgl. Simon Gunn, The Spatial Turn. Changing Histories of Space and Place, in: Simon Gunn/Robert J. Morris (Hrsg.), Identities in Space. Contested Terrains in the Western City since 1850. Aldershot 2001, S. 1-14; Christian Berndt/Robert Pütz (Hrsg.), Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Ort nach dem Cultural Turn, Bielefeld 2007. Ein Beispiel für die zentralen deutschsprachigen empirischen Referenztexte ist Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003.
  17. Ein Beispiel für einen zentralen frühen Referenztext ist Eric Alfred Havelock, Schriftlichkeit. Das griechische Alphabet als kulturelle Revolution. Weinheim 1990. Vgl. darin auch die instruktive Einleitung von Jan und Aleida Assmann, die die Bedeutung der Oralität-Schriftlichkeit-Debatte für die Entdeckung des Begriffs „Medium“ als Leitkategorie herausarbeiten. Ein instruktives Beispiel für eine empirische Analyse im Kontext des Medial Turns ist Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt a.M. 1991.
  18. Zentrale Referenztexte für die Entdeckung von ‚Bild‘ als Leitkategorie sei es in der Spielart eines Visual Turns (Mitchell) oder Iconic Turns (Boehm) sind enthalten in den Sammelbänden: Gottfried Boehm, Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens, 2. Aufl., Berlin 2008; William J. Mitchell, Bildtheorie, Frankfurt a.M. 2008. Zum Diskursumfeld vgl. Christa Maar/Hubert Burda (Hrsg.), Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, 3. Aufl., Köln 2005.
  19. Tony Judt, Europas Nachkriegsgeschichte neu denken, in: Transit 15 (1998), S. 3ff.
  20. Eckart Conze, Sicherheit als Kultur. Überlegungen zu einer „modernen Politikgeschichte“ der Bundesrepublik Deutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 357-380, hier S. 361, 380; vgl. auch: ders., Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009.
  21. Vgl. dazu Katja Stopka, Zeitgeschichte, Literatur und Literaturwissenschaft, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11. 2.2010, online unter https://docupedia.de/zg/Literaturwissenschaft?oldid=75526 (13.6.2012); Achim Saupe, Der Historiker als Detektiv – der Detektiv als Historiker. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman, Bielefeld 2009; Daniel Fulda/Silvia Serena Tschopp (Hrsg.), Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Berlin u.a. 2002; ders., Die Texte der Geschichte. Zur Poetik modernen historischen Denkens, in: Poetica 31 (1999), H. 1-2, S. 27-60, auch online unter http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/fulda_texte.pdf (13.6.2012). Gleichermaßen stellt sich hier die Frage, inwiefern andere mediale Formen die Sichtweise auf historische Prozesse beeinflussen. So gehen die Autor/innen des Sammelbands „Goofy History. Fehler machen Geschichte“, hrsg. v. Butis Butis [Marion Herz, Alexander Klose, Isabel Kranz, Jan Philip Müller, Köln u.a. 2009, vom goof, dem Kunstfehler im Film, der unbeabsichtigt auf die eigene Medialität verweist (etwa ein ins Bild hängendes Mikrofon), aus und fragen nach „Fehlern“ der Geschichte und Geschichtsschreibung. „Die Verlagerung der Perspektive auf den goof, auf die Störung, das Missgeschick, die Inkongruenz in der historiographischen Erzählung will deshalb nicht das Ende der Verbindlichkeit, sondern bloß eine Vervielfältigung der Referenzen – eine Historiographie, die ihre Mittel im Auge hat und miterzählen lässt, statt sie konstitutiv auszublenden.“ Ebd., S. 7-15, hier S. 15.
  22. Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008, S. 8.
  23. Rothfels, Sinn und Aufgabe der Zeitgeschichte, S. 12.
  24. Vgl. etwa Reinhart Koselleck/Wolfgang J. Mommsen/Jörn Rüsen (Hrsg.), Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft (= Beiträge zur Historik; 1), München 1977.
  25. Hans Ulrich Wehler, Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München 1998.