Jong zeitzeuge v1 de 2022

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Zeitzeug*innen sind nicht mehr wegzudenken aus der deutschen und internationalen Erinnerungskultur. Der Artikel von Steffi de Jong beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zeitzeug*in zu einer derart populären Figur werden konnte. Der erste Teil behandelt den Begriff der Zeitzeug*in, im zweiten wird eine mögliche Genealogie von der Französischen Revolution bis ins digitale Zeitalter vorgeschlagen, und im dritten Teil geht es um die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Zeitzeug*in als Quelle, als Untersuchungsgegenstand und als Geschichtsvermittler*in, um schließlich in einem Ausblick nach der zukünftigen Rolle von Zeitzeugenschaft zu fragen.
Zeitzeugin/Zeitzeuge

von Steffi de Jong


Zeitzeug*innen sind nicht mehr wegzudenken aus der deutschen und internationalen Erinnerungskultur: Sie halten Reden anlässlich von Gedenktagen, sprechen vor Schulklassen, geben Statements in Geschichtsdokumentationen ab, werden von Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Schüler*innen und anderen Interessierten interviewt und begegnen uns seit einiger Zeit sogar in der virtuellen Realität. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zeitzeug*in zu einer derart populären Figur werden konnte.

Die Geschichte der Zeitzeug*in lässt sich sowohl als Begriffsgeschichte, als Geschichte der Entwicklung erinnerungskultureller Praktiken, als Mediengeschichte und auch als Wissenschaftsgeschichte erzählen. Der erste Teil dieses Artikels wird sich vor allem mit dem Begriff der Zeitzeug*in befassen: mit dem Versuch seiner Definition sowie der Diskussion alternativer Begriffe. Der zweite Teil wird eine mögliche Genealogie der Zeitzeug*in von der Französischen Revolution bis ins digitale Zeitalter vorschlagen. Dabei soll gezeigt werden, wie sich die Zeitzeug*in vor allem nach 1945 im Kontext der Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg zu einer bedeutenden Figur entwickelt hat und welche medialen Voraussetzungen dafür notwendig waren. Im dritten Teil wird die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Zeitzeug*in als Quelle, als Untersuchungsgegenstand und als Geschichtsvermittler*in beleuchtet, um schließlich in einem Ausblick nach der zukünftigen Rolle von Zeitzeugenschaft zu fragen. Der Fokus liegt dabei auf dem globalen Westen und vor allem dem westdeutschen Raum. Die hier vorgeschlagene Geschichte ist also zwangsläufig nur eine von vielen möglichen und lässt vor allem Entwicklungen im globalen Süden aus.


Die Zeitzeugin/der Zeitzeuge – Begriffsgeschichte und Definition

Als Zeitzeug*innen werden in der Regel Menschen bezeichnet, die eine historische Begebenheit beobachtet oder erlebt haben, der im Nachhinein Bedeutung zugeschrieben worden ist, und die in einem öffentlichen Raum zum Zweck der wissenschaftlichen Erkenntnis oder der historischen Bildung davon berichten.[1] Es handelt sich dabei um eine relativ neue – und deutsche – Begriffskonstruktion. Ähnliche Begriffe finden sich lediglich in anderen germanischen Sprachen, die den Begriff aus dem Deutschen übernommen und eins zu eins übersetzt haben. So spricht man im Holländischen von „tijdgetuiger“, im Norwegischen von „tidsvitner“ und im Schwedischen von „samtidsvitner“. Andere Sprachen benutzen meist lediglich den Zeug*innenbegriff, so zum Beispiel „witness“ und „testimony“ im Englischen, „témoin“ im Französischen oder „testimone“ im Italienischen.

Der deutsche Begriff „Zeitzeuge“ tauchte erstmals, allerdings noch selten, in Zeitschriftenartikeln zu Fernsehsendungen mit einem erinnerungskulturellen Inhalt in den späten 1960er-Jahren auf, als sich die Zeitzeug*in als medial vermittelte Figur zu etablieren begann.[2] Googles Ngram Viewer zeigt einen rasanten und konstanten Anstieg seiner Benutzung seit den 1980er-Jahren.[3] Einen Eintrag in das Deutsche Universalwörterbuch des „Duden“ erhielt er erstmals 1989. Mittlerweile ist der Begriff im Kontext der deutschen Erinnerungskultur nicht mehr wegzudenken. Tatsächlich kann mit Martin Sabrow festgehalten werden, dass er zu den Begriffen gehört, „die urplötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheinen, um dann binnen kürzester Zeit so selbstverständlich zum Kommunikationshaushalt zu gehören, dass sie ihre eigene Geschichte förmlich verschlucken und der Sprechergemeinschaft für überhistorisch, immer schon dagewesen und nicht wegzudenken gelten“.[4]

Zur Zeit ist der Begriff noch eng mit der Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg verknüpft: Die Holocaust-Überlebende gilt als paradigmatische Zeitzeug*in, und dem Ende ihrer Zeugenschaft wird mit Sorge entgegengesehen. In diesem Kontext werden auch alternative Begriffe wie Überlebende, Zeug*in des Holocaust, moralische Zeug*in, Überlebenszeug*in oder primäre Zeug*in benutzt. Zudem hat sich der Begriff der sekundären Zeug*in als Bezeichnung für diejenigen durchgesetzt, die die Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden rezipieren. Etymologisch und/oder semantisch rekurrieren all diese Begriffe einerseits auf die juristische Verwendung des Begriffs der Gerichtszeug*in[5] sowie auf die theologische Verwendung des griechischen Begriffs für Zeuge, martys (μάρτυς), als Bezeichnung für Märtyrer*in. Im Folgenden werde ich mich den Charakteristika der Zeitzeug*in entlang und in Abgrenzung zu diesen beiden Begriffen annähern, bevor ich auf die alternativen Zeug*innen-Begriffe im Kontext der Holocaust-Erinnerung eingehe.


Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer spricht anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags 2022 vor dem Europäischen Parlament. Margot Friedländer überlebte als junge Frau das Konzentrationslager Theresienstadt und wanderte später nach New York aus. Seit den späten 1990er-Jahren setzt sie sich verstärkt für die Erinnerung an den Holocaust ein. Im Jahr 2010 zog sie zurück in ihre alte Heimatstadt Berlin, 2011 wurde ihr für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Ich bin zurückgekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Ihnen die Hand zu reichen und Sie zu bitten, die Zeugen zu werden, die wir nicht mehr lange sein können“, sagte sie anlässlich ihrer Rede im Europaparlament.<br />Foto: Europäische Union ©, Europäisches Parlament, Straßburg, 27. Januar 2022. Quelle: [https://www.flickr.com/photos/european_parliament/51854375914/ Flickr], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ CC-BY-4.0]
Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer spricht anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags 2022 vor dem Europäischen Parlament. Margot Friedländer überlebte als junge Frau das Konzentrationslager Theresienstadt und wanderte später nach New York aus. Seit den späten 1990er-Jahren setzt sie sich verstärkt für die Erinnerung an den Holocaust ein. Im Jahr 2010 zog sie zurück in ihre alte Heimatstadt Berlin, 2011 wurde ihr für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Ich bin zurückgekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Ihnen die Hand zu reichen und Sie zu bitten, die Zeugen zu werden, die wir nicht mehr lange sein können“, sagte sie anlässlich ihrer Rede im Europaparlament.
Foto: Europäische Union ©, Europäisches Parlament, Straßburg, 27. Januar 2022. Quelle: Flickr, Lizenz: CC-BY-4.0


Gerichtszeug*in – Märtyrer*in – Zeitzeug*in

Die Gerichtszeug*in ist, so hat es die Philosophin Sybille Krämer gezeigt, eine idealtypische Figur, die die Funktion hat, in einem durch eine Normverletzung aus dem Gleichgewicht gebrachten sozialen System Gerechtigkeit wiederherzustellen. Krämer hat fünf Charakteristika der Gerichtszeug*in herausgearbeitet: Ihre Aufgabe besteht erstens darin, in einem juristischen Prozess Evidenz zu schaffen. Zweitens „zeugt [sie] kraft [ihrer] Wahrnehmung“. Drittens muss sie dieses Wahrgenommene für den juristischen Prozess in Worte fassen. Viertens braucht sie, damit das Zeugnis seinen Zweck erfüllt, Adressat*innen, die ihr zuhören. Und schließlich müssen diese Adressat*innen sie für glaubwürdig halten.[6]

Im Idealfall ist die Gerichtszeug*in eine unbeteiligte Beobachter*in, die vor Gericht eine Begebenheit wiedergibt, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Dieser Idealfall wird allerdings, so hat Krämer beobachtet, aufgrund der Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses und der menschlichen Tendenz, Situationen unterschiedlich zu beurteilen, so gut wie nie erreicht. Auch die Beziehung zur Täter*in oder zum Opfer, ebenso wie das Geschlecht, race, class oder sexuelle Orientierung können eine Zeug*in für bestimmte Zuhörer*innen unglaubwürdig erscheinen lassen, selbst wenn sie die Wahrheit sagt.

Die Märtyrer*in wiederum ist laut der christlichen Theologie die verfolgte Christ*in, die durch ihren Tod die Existenz Gottes, also ihren Glauben, bezeugt. Sie bedarf immer „eines zweiten Zeugen, der [ihren] Tod wahrnimmt, ihn als Opfer (sacrificium) anerkennt und als sinnhaftes Zeugnis weiter tradiert“.[7]

Der Begriff der Zeitzeug*in baut auf den Charakteristika dieser Zeugen*innentypen auf. Wie die Gerichtszeug*in schafft die Zeitzeug*in Evidenz. Allerdings hat sie dabei nicht unbedingt die Funktion zu einem Gerichtsprozess beizutragen, der soziale Gerechtigkeit wiederherstellen soll. Dies kann ein Ziel sein – ein Aspekt, auf den später noch zurückzukommen sein wird –, viel eher aber hat die Zeitzeug*in eine aufklärende, beglaubigende oder aber eine didaktische Funktion. Sie informiert ihre Zuhörer*innen über Begebenheiten in der Vergangenheit, die diese selbst nicht erlebt haben. Häufig sollen Zeitzeug*innen dabei ein „Lernen aus der Geschichte“ ermöglichen. Ein solches Lernen schließt die emotionale Ebene dezidiert mit ein: Über Affizierung und Empathie werden die Adressat*innen dazu angeregt, ihr Verhalten in der Gegenwart zu überdenken – und im Idealfall zu ändern.

Wie die Gerichtszeug*in hat auch die Zeitzeug*in die Begebenheiten, von denen sie Zeugnis ablegt, selbst erlebt. Ihr Zeugnis ist umso wertvoller, je näher sie diesen Ereignissen war. Die Bedeutung dessen, was als „nah“ gilt, verschiebt sich dabei fortwährend. Mit größerer zeitlicher Distanz können auch diejenigen zu Zeitzeug*innen werden, die ein Ereignis nur teilweise selbst miterlebt haben. So werden seit Jahren fast nur noch Menschen zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust befragt, die damals noch Kinder waren oder gar erst während der Kriegsjahre geboren worden sind. Selbst Kinder der eigentlichen Zeitzeug*innen nehmen mittlerweile stellvertretend für ihre Eltern diese Rolle ein.

Im Vergleich zu Gerichtszeug*innen haben Zeitzeug*innen eine größere Freiheit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Vor Gericht wird im ritualisierten Kontext des Prozesses das Zeugnis abgelegt; es ist also auf die Fragen der Richter*innen, Staatsanwält*innen und Verteidiger*innen bezogen. Die Zeitzeug*in hingegen spricht in der Regel im Rahmen eines Interviews, das mehr oder weniger starr strukturiert ist, oder aber sie gibt ihre Erinnerungen ohne Fragenkorsett direkt vor einem Publikum wieder. Während die Gerichtszeug*in den Tatbestand, von dem sie Zeugnis ablegt, nicht bewerten soll, ist eine moralische oder ethische Bewertung im Fall der Zeitzeug*in häufig sogar erwünscht. Dies heißt allerdings nicht, dass ihr Zeugnis völlig frei von narrativen Strukturen wäre. Zum einen ist der thematische Schwerpunkt häufig klar definiert. Zum anderen ist das Zeugnis inspiriert von ähnlichen autobiografischen Genres wie dem Lebenslauf, der Autobiografie, dem Fernsehinterview oder der psychoanalytischen Sitzung.[8]

Wie für die Gerichtszeug*in und die Märtyrer*in gilt auch für die Zeitzeug*in, dass ihr Zeugnis ohne Rezipient*innen nutzlos bleibt. Im Fall der Zeitzeug*in sind es die nachgeborenen Generationen, die nach Auskunft über vergangene Ereignisse verlangen. Das Zeitzeugnis ist nie ein Dialog unter Zeitgenossen, sondern stets ein ungleiches Gespräch über die Generationengrenzen hinweg. Denn der Akt des Zeugnisablegens setzt immer eine Wissens- oder Erfahrungslücke auf Seiten der Adressat*in voraus, die gefüllt werden muss. Die Zeitzeug*in ist zudem eine öffentliche Figur, die mit ihrem Zeugnis nicht nur das Familiengedächtnis bereichert, sondern regionale, nationale oder gar globale historische Narrative beeinflusst. Zu diesem Zweck wird in der Regel auf Massenmedien wie das Buch, das Fernsehen oder das Internet zurückgegriffen. Worüber Zeitzeug*innen Zeugnis ablegen, darüber entscheidet das Interesse der Rezipient*innen und Interviewer*innen. Meist bezieht sich dieses Interesse auf Ereignisse, die als Zäsur wahrgenommen werden, wie der Nationalsozialismus. Aber auch andere Themen wie die DDR, die Nachkriegszeit, die „1968er“ oder der Mauerfall werden immer populärer.

Letztlich sind es also die Rezipient*innen, die über die Glaubwürdigkeit von Zeitzeug*innen entscheiden. Anders als die Gerichtszeug*innen können Zeitzeug*innen dabei auch Opfer oder Täter*innen sein. Allerdings wird in der „Hierarchie der Zeugen“[9] den Opfern am meisten Glauben geschenkt, Täter*innen am wenigsten. Martin Sabrow bescheinigt der Zeitzeug*in gar eine „kathartische Bestimmung“:[10] Sie soll uns mit der Vergangenheit versöhnen. In diesem Sinne taugen Täter*innen nur dann als Zeitzeug*innen, wenn sie ihre Täter*innenrolle und/oder ihre Mitschuld an einem ungerechten System bereut haben – ein Grundsatz, der aber nicht auf alle Zeitzeug*innen zutrifft.[11] So kann beim Besuch der Gedenkstätte Neuengamme ein – von der Gedenkstätte kontextualisiertes – klar apologetisches Zeugnis mit einer ehemaligen Aufseherin angehört werden. Joshua Oppenheimer hat mit seinem Dokumentarfilm „The Act of Killing“ (DK/N/GB 2012) gezeigt, dass der Umgang mit Tätern und Opfern in einer Gesellschaft, die sich nicht von den Prinzipien gelöst hat, die den Massenmord ermöglicht haben, ein völlig anderer ist. Während die Täter in Indonesien für den Film ihre Taten nachstellen und offen darüber berichten, bleiben die Opfer mehr oder weniger unsichtbar und stumm.[12]


Die moralische Zeug*in

Der Begriff der moralischen Zeug*in wurde von dem israelischen Philosophen Avishai Margalit[13] definiert und von Aleida Assmann ins Deutsche übersetzt und direkt auf Holocaust-Überlebende bezogen.[14] Die moralische Zeug*in verhält sich demnach invers zur Märtyrer*in. Laut Assmann legt sie Zeugnis von einem „kolossalen Verbrechen“ ab, von dem sie selbst betroffen ist. Sie verhält sich folglich wie die Zeug*in, die vom Tod der Märtyrer*in berichtet, ist jedoch selbst Opfer und überbringt keine „positive Botschaft […], wie die Macht eines überlegenen Gottes“, sondern zeugt vom „Bösen schlechthin“.[15] Ähnlich wie die Gerichtszeug*in soll sie dabei ein zerstörtes moralisches Gleichgewicht wiederherstellen. Sie richtet sich gegen das „Verschleierungsbedürfnis“[16] der Täter*innen und adressiert eine „moralische Gemeinschaft“,[17] die die Glaubenssysteme des Unrechtssystems, welches das gewaltige Verbrechen ermöglicht hat, verworfen hat.

Unklar bleibt bei dem Begriff der moralischen Zeug*in allerdings, wer die moralischen Prinzipien, nach denen die moralische Gemeinschaft funktionieren soll, eigentlich definiert. Ebenso stellt sich im Umkehrschluss die Frage, ob es unmoralisch ist, nicht Zeugnis abzulegen, was viele Überlebende in eine moralische Pflicht nehmen würde. Tatsächlich ist das Zeugnis eines „kolossalen Verbrechens“ ja noch nicht per se „moralisch“, beispielsweise wenn es als Legitimation für weitere Gewalttaten dient.


Die Überlebenszeug*in

Im Gegensatz zum Begriff der moralischen Zeug*in steht bei der „Überlebenszeug*in“ nicht der Nutzen des Zeugnisses für seine Adressat*innen respektive für die Gesellschaft im Vordergrund, sondern der Nutzen für die Zeug*in selbst. Sybille Krämer weist darauf hin, dass die Bedingungen in den Lagern derart entmenschlichend waren, dass die Überlebenszeug*in ihr Zeugnis „unter der Bedingung des Verlustes von Identität“[18] ablege. Für den italienischen Philosophen Giorgio Agamben sind aus diesem Grund die eigentlichen Zeug*innen der Lager die „Muselmänner“.[19] Als „Muselman(n)“ bezeichneten die Häftlinge in Auschwitz und einigen anderen Lagern diejenigen unter ihnen, die derart geschwächt waren, dass sie jeden Überlebenswillen aufgegeben hatten.[20] Nur der „Muselmann“, so Agamben, habe die komplette Realität des Lagers durchlebt, weil er die Schwelle zwischen „Menschsein“ und „Nicht-Menschsein“, zwischen Leben und Tod erfahren habe. Allerdings überlebten die meisten „Muselmänner“ das Lager nicht und konnten somit kein Zeugnis ablegen.

Dori Laub, Psychoanalytiker und Mitbegründer des Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (im Folgenden Fortunoff Archive) wiederum bezeichnet den Holocaust aufgrund seines entmenschlichenden Charakters und der Tatsache, dass niemand im Sinne der Gerichtszeug*in unbeteiligt geblieben sei, gar als ein „Ereignis ohne Zeugen“.[21] Der Akt des Zeugnisablegens diene der Überlebenszeug*in deshalb dazu, so Sybille Krämer, zu einer Zeug*in ihrer selbst zu werden und sich ihrem Trauma zu nähern.[22] In der Literatur zur Figur der Zeug*in hat sich die Überlebende eines massiven Gewaltverbrechens mittlerweile als dritter paradigmatischer Zeugenbegriff durchgesetzt.[23] Häufig wird hier auch lediglich von der „Zeug*in“ oder der „Überlebenden“ gesprochen.


Primäre Zeug*in und sekundäre Zeug*in

Die Überlebenszeug*in bedarf einer Zuhörer*in, die ihr dabei hilft, ihre Gedächtnisfragmente zu einer Geschichte zusammenzufügen. Diese Zuhörer*in wird in der Regel als „sekundäre Zeug*in“ bezeichnet. Der Begriff hat eine pragmatische und eine ethische Komponente.[24] Er beschreibt sowohl den Akt des Zuhörens an sich als auch die Art und Weise, wie dieser Akt ausgeführt werden sollte. So definiert der Literaturwissenschaftler Ulrich Baer die sekundäre Zeugenschaft als „notwendige[n] und verantwortungsvolle[n] und schließlich kritische[n] Vorgang der Rezeption und Aufnahme der Zeugnisse, durch welche die Last der Überlieferung von Erfahrungen jenseits des Erfahrbaren mit den Zeuginnen und Zeugen geteilt wird“.[25] Auf diese Art und Weise könnte einer zweiten Traumatisierung der Überlebenden, der primären Zeug*in, vorgebeugt werden. Allerdings, so Baer, sollte die sekundäre Zeugenschaft nie in einer Identifikation mit der primären Zeug*in münden: Die sekundäre Zeug*in sollte sich stets bewusst sein, dass sie die traumatischen Erlebnisse der Überlebenszeug*in nie vollständig verstehen wird.[26]


Die Übergänge zwischen den Begriffen der „Zeitzeug*in“, der „moralischen Zeug*in“ und der „Überlebenszeug*in“ sind fließend, wobei der Begriff der Zeitzeug*in der umfassendste ist. Vor allem alltagssprachlich wird er sowohl für die Zeitzeugenschaft von Überlebenden des Holocaust oder anderer Gewaltverbrechen als auch für die anderer Zeitgenoss*innen gebraucht. Für alle Begriffe gilt, dass sie Menschen bezeichnen, die eine Zeit oder Begebenheit erlebt haben, die als außergewöhnlich erachtet wird. Sie legen von diesem Ereignis Zeugnis für spätere Generationen ab und treffen, zumindest unter einigen Angehörigen dieser Generationen, auf eine interessierte Zuhörerschaft.


Die Zeitzeug*in – eine Genealogie und Mediengeschichte

Als erinnerungskulturelle Figur existierte die Zeitzeug*in, lange bevor es einen Begriff für sie gab. Dabei lassen sich Zeitzeug*innen, die den eben skizzierten Charakteristika entsprechen, bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Allerdings haben die Zahl an Zeugnissen und das Interesse daran nach 1945 im Kontext der Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg exponentiell zugenommen, was die Autor*innen des von Martin Sabrow und Norbert Frei herausgegebenen Bandes zu der These von der „Geburt des Zeitzeugen nach 1945“ gebracht hat.[27] Die Popularisierung der Zeitzeug*in ist dabei maßgeblich das Resultat von erinnerungskulturellen Moden und Entwicklungen sowie von neuen kostengünstigen Speicher- und Massenmedien.[28]


Frühe Zeitzeugnisse

Wie die Historikerin Anna Karla gezeigt hat, weist bereits die während der 1820er-Jahre von dem Pariser Verlagshaus Baudouin Frères herausgegebene „Collection des Mémoires relatifs à la Révolution française“ Parallelen zu aktuellen Sammlungen von Zeitzeugen-Berichten auf.[29] Darunter sollen hier autobiografische Schriften verstanden werden, bei denen die Autor*innen den Wert ihres Berichts nicht an ihrer eigenen Person festmachen, sondern daran, dass sie ein Ereignis erlebt haben, das generell als von historischer Bedeutung angesehen wird. In der „Collection“ waren die Memoiren mehr oder weniger prominenter Zeitzeug*innen der Französischen Revolution versammelt. Diese sollten die Vergangenheit für die nachfolgenden Generationen nachvollziehbar machen und einer Wiederholung der Ereignisse vorbeugen. Auf Zweifel an der Zuverlässigkeit der menschlichen Erinnerung reagierten die Herausgeber mit einer meta- und intertextuellen Kommentierung: „Fußnoten und Anmerkungen klärten Irrtümer auf, stellten Tatsachen richtig oder verwiesen auf widersprechende Darstellungen in anderen Bänden der Memoirensammlung. Im Anhang fanden die Leser zeitgenössische Quellen, Dokumente und Beweisstücke.“[30]

Die Memoiren stellten damit eine Gegenerzählung zur offiziellen bourbonischen Erinnerungspolitik dar, die sich auf „Vergessen“ und Vergebung stützte.[31] Dass sie dabei durchaus auf eine interessierte Leserschaft stießen, zeigen die Auflagehöhen der einzelnen Bände von 1200 bis 3500 Exemplaren.[32] Der Erfolg lässt sich auch durch eine Lockerung der Buchzensur während der Restaurationszeit und einen darauf folgenden „Boom im Buchgeschäft“ erklären, den Baudouin Frères für sich nutzen konnte.[33] Das Medium des Buches erlaubte es, ein großes Publikum zu erreichen und die Zeugnisse für die Nachwelt zu erhalten. Wie heutige Zeitzeug*innen benutzten also die Autor*innen der „Collection“ ein Massenmedium für die Verbreitung der individuellen Erinnerung an ein einschneidendes Ereignis zum Zweck der Aufklärung und als Alternative zu offiziellen Erzählungen.

Tatsächlich war es wohl eher die Zäsur von 1789 als diejenige von 1945, welche die „Geburt der Zeitzeug*in“ markiert. Die durch die Aufklärung und die Französische Revolution herbeigeführten Umwälzungen führten nämlich zu einem neuen Zeitverständnis und zum Aufkommen einer auf Schriftquellen fokussierenden Geschichtswissenschaft, die das Zeitzeugnis als Erzählung über die Vergangenheit sowie als Gegenerzählung zur Geschichtswissenschaft und zu offiziellen Erinnerungskulturen überhaupt erst möglich machten.[34] Ähnlich wie nach der Französischen Revolution wurden auch nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution zahlreiche Zeitzeugen-Berichte publiziert.[35] Bisher hat allerdings noch kein historisches Ereignis zu einer derart großen Anzahl an Zeitzeugnissen geführt wie der Holocaust und der Zweite Weltkrieg. Dies hat neben einem Verständnis vom Krieg als Epochenwende auch mit dem Aufkommen neuer Ton- und Bildmedien zu tun, die eine Speicherung und Verbreitung von Zeitzeugnissen erleichterten und es vor allem erlaubten, neben der Erinnerung auch das erinnernde Individuum in Szene zu setzen.


Vor 1945: Zeugnisse aus den Ghettos und Lagern

Mit dem Bewusstsein, dass das, was sie erlebten, einzigartig sei und für die Nachwelt festgehalten werden müsse, schrieben bereits während des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Menschen ihre Erlebnisse auf. Häftlinge in den Lagern, darunter Mitglieder des sogenannten Sonderkommandos in Auschwitz, versteckten ihre unter widrigsten Umständen entstandenen Aufzeichnungen, die oft erst Jahre später gefunden wurden.[36] In mehreren Ghettos existierten zudem Untergrundarchive.

Am bekanntesten ist wohl das vom jiddischen Historiker Emanuel Ringelblum im Warschauer Ghetto gegründete Oneg Shabbat-Archiv. Die Mitarbeiter*innen des Archivs sammelten alle möglichen Dokumente, darunter zahlreiche autobiografische Schriften, um die Situation im Ghetto so exakt wie möglich für die Nachwelt festzuhalten. „Möge dieser Schatz in gute Hände fallen, möge er bis in bessere Zeiten überdauern, möge er die Welt alarmieren und wachrütteln für das, was geschehen ist“, schrieb der 19-jährige David Gräber kurz vor seinem Tod.[37] Die Dokumente des Oneg Shabbat-Archivs gehören heute zu den wichtigsten Quellen über das Alltagsleben im Warschauer Ghetto. Wirklich bekannt geworden sind aber weder Emanuel Ringelblums Tagebuchaufzeichnungen noch andere Schriften des Archivs.[38] Nur wenige der während des Holocaust verfassten Zeitzeugen-Berichte wurden publiziert und noch weniger erreichten eine gewisse Popularität. Das Tagebuch der Anne Frank stellt hier eine große Ausnahme dar.


Die Fotografie zeigt Rachel Auerbach und Hirsch Wasser, die im September 1946 in Warschau einen Teil des Oneg Shabbat-Archivs ausgraben. Die beiden gehörten zu den wenigen Mitarbeiter*innen des Archivs, die den Holocaust überlebt hatten. Die Sammlung des Geheimen Archivs / Oneg Shabbat wird heute im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt. Sie umfasst 1680 Archivposten mit etwa 25.000 Seiten. Ihre polnische Bezeichnung lautet Konspiracyjne Archiwum Getta Warszawskiego. Archiwum Emanuela Ringelbluma. Im Jahr 1999 wurde das Archiv in das Weltdokumentenerbe der UNESCO unter der engl. Bezeichnung Warsaw Ghetto Archives (Emanuel Ringelblum Archives) aufgenommen.<br />Fotograf*in: unbekannt, Warschau, 18. September 1946, Quelle: [https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=10813&ind=0 Yad Vashem] © mit freundlicher Genehmigung
Die Fotografie zeigt Rachel Auerbach und Hirsch Wasser, die im September 1946 in Warschau einen Teil des Oneg Shabbat-Archivs ausgraben. Die beiden gehörten zu den wenigen Mitarbeiter*innen des Archivs, die den Holocaust überlebt hatten. Die Sammlung des Geheimen Archivs / Oneg Shabbat wird heute im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt. Sie umfasst 1680 Archivposten mit etwa 25.000 Seiten. Ihre polnische Bezeichnung lautet Konspiracyjne Archiwum Getta Warszawskiego. Archiwum Emanuela Ringelbluma. Im Jahr 1999 wurde das Archiv in das Weltdokumentenerbe der UNESCO unter der engl. Bezeichnung Warsaw Ghetto Archives (Emanuel Ringelblum Archives) aufgenommen.
Fotograf*in: unbekannt, Warschau, 18. September 1946, Quelle: Yad Vashem © mit freundlicher Genehmigung


1945-1950er-Jahre: Interviews und Publikationen kurz nach Ende des Kriegs

Unter den Filmaufnahmen, die die Alliierten kurz nach der Befreiung der Lager machten, befinden sich auch einige Aussagen von Zeitzeug*innen. Zu Wort kamen alliierte Soldaten und Überlebende der Lager, aber auch Täter*innen. Die Aussagen hatten, wie Film- und Fotoaufnahmen generell, eine evidenzschaffende Funktion. Die Zeug*innen wurden vor Ort gefilmt, und ihre Aussagen sollten die schrecklichen Bilder der toten und gequälten Menschen beglaubigen, die häufig noch im Hintergrund zu sehen waren. So wurden in Bergen-Belsen Interviews mit ehemaligen SS-Männern und -Frauen, britischen Soldaten und Überlebenden unter anderem vor Massengräbern und einer Gruppe von ehemaligen Inhaftierten geführt, die von Hunger und Krankheit gezeichnet waren.

Die Aufnahmen waren technisch aufwändig, denn für sie war, wie die Medienhistorikerin Judith Keilbach hervorhebt, „eine besondere Kamera notwendig, die Tonsignale (als Licht- und Magnettonspur) aufzeichnen konnte, und zum anderen ein geeignetes Mikrofon, das vor den Zeugen platziert wurde“.[39] Die zuständige British Army Film and Photographic Unit hatte den Film produzieren lassen, weil die übrigen Aufnahmen aus dem Lager derart grauenhaft seien, „dass die allgemeine Öffentlichkeit in Großbritannien und Amerika sie als nicht glaubhaft ansehen und ihr Wahrheitsgehalt von den Deutschen strikt abgestritten werden würde“.[40]

Während die Täter*innen lediglich dazu aufgefordert wurden, ihren Namen, das Datum der Aufnahme und die Länge ihrer Dienstzeit im Lager vor der Kamera zu nennen und damit ihre Schuld zu bekennen, gaben Mitglieder der britischen Armee Auskunft darüber, wie sie das Lager vorgefunden hatten. Die Überlebenden wiederum legten Zeugnis über ihre Situation vor der Befreiung ab. Ihre Aussagen waren noch sehr unpersönlich und sollten vor allem als Beweismaterial dienen. Einige wurden in Wochenschauen gezeigt und fanden Eingang in den beim Nürnberger Prozess vorgeführten Film „Nazi Concentration Camps“ (George Stevens, USA 1945) sowie in den nicht fertiggestellten Film „German Concentration Camps Factual Survey“ (GB 1945/2014) des britischen Ministry of Information.[41]

Wie bereits während des Kriegs brachten auch danach zahlreiche Überlebende ihre Erinnerungen zu Papier. So beobachtete der jiddische Historiker Philip Friedman bereits 1948 eine „Flut“ an Publikationen von Menschen, „die nie in ihrem Leben davon geträumt hätten, zu Schriftstellern zu werden“.[42] Bereits 1950 zählte er 10.000 publizierte Bücher zum Holocaust.[43] Diese hohe Zahl an Publikationen ebbte in den 1950er-Jahren ab, viele sind heute in Vergessenheit geraten. Erst ab den 1960er-Jahren kamen zahlreiche Berichte von Überlebenden hinzu.[44] Einige dieser Schriften, wie zum Beispiel die von Imre Kertész, Primo Levi, Ruth Klüger, Elie Wiesel und Charlotte Delbo, sind nicht mehr aus dem literarischen Kanon des 20. Jahrhunderts wegzudenken.

In den 1930er-Jahren war in den USA zudem die Oral History aufgekommen – eine historische Methode, die Interviews mit Zeitzeug*innen als historische Quellen heranzog. Der Grund für den Rückgriff auf die mündliche Überlieferung lag darin, dass, wie die Historikerin Dorothee Wierling darlegt, zu vielen Themen der amerikanischen Geschichte schlicht keine oder nur wenige schriftliche Quellen vorhanden waren. So waren die Akten der Administration das persönliche Eigentum des jeweiligen Präsidenten und deshalb nach seiner Amtszeit nicht zwangsläufig öffentlich zugänglich. Zudem hatten zwei Kulturen, die Native Americans und die versklavten Menschen, nur wenige schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Schließlich befanden sich viele der für die Geschichte des Einwanderungslands USA wichtigen Quellen in Europa.[45] Von Anfang an war die Oral History somit auch eine Bewegung gegen die großen Herrschaftserzählungen, die sich auf die von der traditionellen Geschichtswissenschaft vernachlässigten Gruppen konzentrierte: Frauen, Arbeiter*innen, die ländliche Bevölkerung, ethnische Minderheiten usw.

Eine ähnliche Methode wurde nach dem Krieg auch im Rahmen von verschiedenen Forschungsprojekten von Institutionen wie der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission (ab 1947: Jüdisches Historisches Institut) in Warschau oder der Gedenkstätte Yad Vashem angewandt, die sich auf das Sammeln von Zeitzeugen-Berichten von Überlebenden des Holocaust konzentrierten.[46] Die Interviews wurden in der Regel von Hand notiert – eine Praxis, die zumindest von einer Interviewerin der Kommission scharf kritisiert wurde: Rachel Auerbach. Sie war eine von drei überlebenden Mitarbeiter*innen des Oneg Shabbat–Archivs und führte nach dem Krieg für die zentrale jüdische Kommission Interviews. Im Jahr 1954 wurde Rachel Auerbach Direktorin der Abteilung zur Sammlung von Zeugenberichten in Yad Vashem. Das stenografische Niederschreiben, so ihre Beobachtung, führe dazu, dass Aussagen der Überlebenden umformuliert und Passagen ausgelassen oder gekürzt würden. Zudem gingen „einzigartige Charakteristika bezüglich Stil und sprachlicher Beschreibung“ sowie „die Anspannung und die Emotionen, das Drama und die Erregung und die literarische Energie“ verloren.[47] Auerbach beantragte deshalb 1954 bei der Verwaltung von Yad Vashem Tonbandgeräte – allerdings mit wenig Erfolg. Noch 1967 basierten weniger als 20 Prozent der Zeitzeugnisse in Yad Vashem auf Tonbandaufnahmen.[48]

Die Probleme, die Auerbach beschrieb, voraussehend, reiste der amerikanische Psychologe David P. Boder bereits 1946 mit einem Drahttonrekorder nach Europa, um in den Displaced Persons (DP) Camps Interviews mit Überlebenden des Holocaust zu führen.[49] „Ich […] [kam] nicht umhin, zu bemerken, dass einerseits tausende Meter Film gesammelt worden waren, um die visuellen Ereignisse des Kriegs festzuhalten, aber andererseits fast nichts aufbewahrt worden war, das den anderen Wahrnehmungskanal, nämlich das Hören, ansprach“, erklärte Boder seine Wahl des Mediums.[50] Zudem wäre die „Paper and Pencil“-Methode bei der Vielzahl der Sprachen, in denen die Interviews aufgenommen werden mussten, nicht praktikabel gewesen. Das Drahttongerät jedoch habe es den Überlebenden erlaubt, ihre Geschichten in ihrer eigenen Sprache und mit ihrer eigenen Stimme zu erzählen.[51] Zwischen dem 29. Juli und dem 4. Oktober 1946 zeichnete Boder ungefähr 130 Interviews auf. Als Psychologe interessierte er sich vor allem für Anzeichen von Traumata in der Sprache.[52] Boder sah die Aufnahmen deshalb weniger als historische Quellen denn als Untersuchungsmaterial für Psycholog*innen und Anthropolog*innen. Tatsächlich fand zumindest die Sammlung „I did not Interview the Dead“ eine gewisse Resonanz in der Forschung zu Displaced Persons der 1950er-Jahre.[53] Boder leistete mit seinem Projekt durchaus Pionierarbeit.


Screenshot der Website [https://voices.library.iit.edu/ „Voices of the Holocaust“]. Das an der Paul V. Galvin Library des Illinois Institute of Technology angesiedelte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, David P. Boders Interviews zu digitalisieren, zu transkribieren und zu übersetzen. Boder selbst traskribierte nur einen Teil seiner Interiews. Während die Originalspulen verschwunden sind, lagern Kopien in der Library of Congress. Auf dem Bild links sieht man David P. Boder mit dem Drahttonrekorder, wie er sich im Sommer 1946 auf ein Interview vorbereitet.<br />Screenshot https://voices.library.iit.edu/ 23.06.2022
Screenshot der Website „Voices of the Holocaust“. Das an der Paul V. Galvin Library des Illinois Institute of Technology angesiedelte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, David P. Boders Interviews zu digitalisieren, zu transkribieren und zu übersetzen. Boder selbst traskribierte nur einen Teil seiner Interiews. Während die Originalspulen verschwunden sind, lagern Kopien in der Library of Congress. Auf dem Bild links sieht man David P. Boder mit dem Drahttonrekorder, wie er sich im Sommer 1946 auf ein Interview vorbereitet.
Screenshot https://voices.library.iit.edu/ 23.06.2022


Erst 1948 erstand die Columbia University als eine der ersten Institutionen einen Drahttonrekorder für ein Oral History-Projekt.[54] Die Tonaufnahme galt allerdings vielen Oral Historians bis in die 1960er-Jahre als reines Hilfsmittel. Die Bänder wurden in der Regel zerstört oder überschrieben, nachdem das Interview transkribiert worden war, was sich zum einen mit der geringen Qualität des Materials und den relativ hohen Kosten erklären lässt. Zum anderen wurden die Inhalte des Interviews als wichtiger erachtet als die Art und Weise der Überlieferung. Erst in den 1960er-Jahren entwickelte sich ein Verständnis für die Audioaufnahme als Primärquelle.[55]

In seltenen Fällen traten in den 1950er-Jahren – meist prominente – Zeitzeug*innen auch in Talkshows auf.[56] Ein Beispiel dafür ist der Auftritt der Auschwitz-Überlebenden Hanna Bloch Kohner in der US-amerikanischen Sendung „This is your Life“ (1953), in der sie live auf mehrere Menschen traf, die während ihrer Zeit im Lager oder bei der Befreiung eine Rolle gespielt hatten.[57] Überlebendenverbände, meist von ehemals politisch Verfolgten, errichteten zudem die ersten Denkmale und Gedenkstätten in den ehemaligen Lagern und führten als guides Besucher*innen über das Gelände.


Die 1960er-Jahre: Der Eichmann-Prozess und erste Zeitzeug*innen im Fernsehen

In der Literatur zum Forschungsfeld der Zeitzeug*in wird der Eichmann-Prozess generell als Wendepunkt angesehen: Hier sollten die Überlebenden erstmals (medial) im Mittelpunkt stehen. Ziel des Prozesses, der 1961 in Jerusalem stattfand, war es nicht nur, Eichmanns Schuld zu beweisen. Es ging auch darum, Israel und der Welt eine Geschichtslektion zu erteilen. „Wir wollen, dass es die Nationen der Welt wissen, dass Antisemitismus gefährlich ist, und sie sollen sich dafür schämen“, verkündete der damalige Ministerpräsident Israels David Ben-Gurion.[58] Staatsanwalt Gideon Hausner schrieb später in seinen Memoiren, dass es damals „notwendig für die Stabilität unserer Jugend [gewesen sei], dass sie die ganze Wahrheit über das, was geschehen war, lernen würden, denn nur durch Wissen konnte Verstehen und Versöhnung mit der Vergangenheit erreicht werden.“[59]

Hausner wählte zusammen mit dem Kriminalbeamten Michael Goldman-Gilad und mit Unterstützung Rachel Auerbachs aus den Zeitzeugen-Interviews in Yad Vashem 111 Zeug*innen für den Prozess aus.[60] Ihnen wurde außergewöhnlich viel Zeit und Raum für ihre Aussagen eingeräumt – so viel, dass Hannah Arendt, die insgesamt wenig Verständnis für den Schaucharakter des Prozesses aufbrachte, sich beklagte, dass am Ende des Verfahrens „das Recht des Zeugen, irrelevant zu sein“, fest etabliert gewesen sei.[61] Die Zeug*innen waren nicht vornehmlich Gerichtszeug*innen – einige kamen gar aus Gebieten, die außerhalb von Eichmanns Wirkungskreis lagen. Sie standen vielmehr stellvertretend für all jene Geschichten, die nicht erzählt wurden oder nicht mehr erzählt werden konnten – und sollten das Ausmaß der Verfolgung und Ermordung verdeutlichen. Die Richter schenkten den Zeug*innen in ihrer Urteilsfindung daher auch relativ wenig Aufmerksamkeit.[62]

In Israel selbst, wo es zu diesem Zeitpunkt noch kein Fernsehen gab, wurde der Eichmann-Prozess vom Radiosender Kol Yisrael übertragen. Die meisten Zeitgenoss*innen erinnern sich heute an die Übertragungen als Liveübertragung, obwohl nur 16 Sendungen wirklich live aus dem Gerichtssaal kamen, wie Amit Pinchevski gezeigt hat. Die Rundfunk-Berichterstattung führte zu einer öffentlichen Anteilnahme an den Schicksalen der Holocaust-Überlebenden und übertrug, so Pinchevski, deren Traumata auf die Zuhörer*innen – und machte den Holocaust somit zu einem kollektiven „kulturellen Trauma“ der israelischen Gesellschaft.[63]

Außerhalb Israels zeigten Fernsehanstalten in 38 Ländern Aufnahmen des Prozesses, die insgesamt wohl von ungefähr 80 Prozent der damaligen Fernsehzuschauer*innen gesehen wurden.[64] Der Eichmann-Prozess war damit der erste Gerichtsprozess, der weltweit im Fernsehen übertragen wurde. Den Zuschlag für die Aufnahmen hatte die relative kleine US-amerikanische Capital Cities Broadcasting Corporation bekommen, die vier versteckte Kameras im für den Prozess umgebauten Beit Ha’am Theater installierte. Capital Cities drehte nicht, wie damals noch üblich, auf Film, sondern nutzte die relativ neue Technik des Videos, was eine „erhebliche Verringerung der Produktions- und Distributionszeit zur Folge“ hatte.[65] Aus dem gefilmten Material wurden „täglich Videobänder mit ausgewählten Szenen zusammengestellt und per Flugzeug an alle interessierten Fernsehanstalten weitergeleitet“.[66] Dass die Videoaufnahmen einen großen Einfluss auf die Rezeption der Zeug*innen haben würden, sagte bereits Milton Fruchtman, Produzent bei Capital Cities voraus. Er beobachtete, dass das Video den Zuschauer*innen nicht nur vermittelte, was die Zeug*innen sagten, sondern auch, wie sie es sagten und wie sie dabei aussahen.[67] Tatsächlich begannen die Fernsehanstalten bald vor allem Aufnahmen der Zeug*innen anzufordern.[68]

Die zahlreichen Zeugnisse und deren internationale massenmediale Verbreitung führte dazu, dass der Holocaust nunmehr nicht mehr nur als abstraktes Massenverbrechen wahrgenommen wurde, sondern als konkretes Ereignis, das in den Erzählungen einzelner Schicksale seinen Ausdruck fand. Die Zeug*innen wurden hier zu dem, was Annette Wieviorka den „homme mémoire“, den Erinnerungsmenschen, genannt hat, zu einem Träger der Erinnerung.

Die Fernsehaufnahmen rückten zudem den Körper der Zeitzeug*innen in den Mittelpunkt. Die ikonischste und meistgezeigte Aufnahme des Prozesses ist gleichzeitig die körperlichste: Es handelt sich um die Zeugenaussage des Schrifstellers Yehiel De-Nur, alias K. Tzetnik bzw. Ka-Tzetnik 135633, der in Ohnmacht fiel, nachdem sein poetisierter Monolog zu Auschwitz als einem „anderen Planeten“ vom Richter Moshe Landau unterbrochen wurde, der eine Nachfrage stellen wollte. Als Zeugnis ist K. Tzetniks Ohnmacht und abruptes Schweigen – zumindest im Nachhinein – mehr Gewicht beigemessen worden als seinen Worten. Es steht stellvertretend für die „Undarstellbarkeit“ des Holocaust.


Der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Yehiel De-Nur legt beim Prozess gegen Adolf Eichmann am 7. Juni 1961 Zeugnis ab. De-Nur publizierte seine Romane in Erinnerung an seine Zeit im Lager unter dem Namen K.Tzetnik oder Ka-Tzetnik 135633. Der Moment, als De-Nur während seiner Aussage im Gerichtssaal zusammenbricht, ist zu einer der ikonographischsten Aufnahmen des Prozesses geworden. Seine Ohnmacht versinnbildlicht die Grenzen der Sprache und die nicht-sprachlichen, körperlichen Formen des Zeugnisablegens.<br />Fotograf: unbekannt [#65286], Beit Ha’am Theater, Jerusalem, 7. Juni 1961. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Yehiel_Dinur_Katzetnik.jpg Wikimedia Commons] / USHMM, courtesy of Israel Government Press Office, public domain
Der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Yehiel De-Nur legt beim Prozess gegen Adolf Eichmann am 7. Juni 1961 Zeugnis ab. De-Nur publizierte seine Romane in Erinnerung an seine Zeit im Lager unter dem Namen K.Tzetnik oder Ka-Tzetnik 135633. Der Moment, als De-Nur während seiner Aussage im Gerichtssaal zusammenbricht, ist zu einer der ikonographischsten Aufnahmen des Prozesses geworden. Seine Ohnmacht versinnbildlicht die Grenzen der Sprache und die nicht-sprachlichen, körperlichen Formen des Zeugnisablegens.
Fotograf: unbekannt [#65286], Beit Ha’am Theater, Jerusalem, 7. Juni 1961. Quelle: Wikimedia Commons / USHMM, courtesy of Israel Government Press Office, public domain


Im Fernsehen zu sehen waren Zeitzeug*innen in den 1960er-Jahren – diesmal nicht nur Überlebende des Holocaust – erstmals auch in Geschichtsdokumentation wie „De Bezetting“ (NL 1960-1965; NTS, de Jong) oder „Das Dritte Reich“ (BRD 1960/61; SDR, Huber/Müller/Ruge). In der deutschen Fernsehserie „Das Dritte Reich“ gaben vor allem prominente Menschen vor der Kamera vorformulierte Statements ab, die sie teilweise ablasen.[69] Eine einheitliche Bildästhetik ist hier noch nicht auszumachen, wie Judith Keilbach festgestellt hat: Die Zeitzeug*innen hatten vor allem die Funktion, „die Darstellung der historischen Ereignisse zu beglaubigen und anhand eigener Erfahrungen exemplarisch zu belegen“.[70] Dabei wurde, so Keilbach, ästhetisch noch nicht zwischen Tätern und Opfern unterschieden.[71]


Die 1970er- bis 1990er-Jahre: Videozeugnisse und Geschichtsdokumentationen

War der Körper der Zeitzeug*innen in den 1960er-Jahren erstmals im Fernsehen in Szene gesetzt worden, so entstand in den späten 1970er-Jahren ein Medium, das alleine zur audiovisuellen Speicherung und Vermittlung des Zeitzeugnisses im Moment seiner Narrativierung gedacht war: das Videozeugnis. 1979 nahmen der Psychoanalytiker Dori Laub und die Filmemacherin Laurel F. Vlock für einen Dokumentarfilm zur Einweihung eines Denkmals für Holocaust-Überlebende in New Haven erste Videozeugnisse auf. Sie sollten die Grundlage für das spätere Fortunoff Archive werden. „Vlock und Laub wurde bewusst, dass das, was sie aufgenommen hatten, außergewöhnlich war und dass die Bedeutung dieser Geschichten geteilt werden sollte“, so Joanne Weiner Rudof, eine der Mitarbeiter*innen des Projekts.[72]


Filmstill aus dem Interview mit Menachem S. aus dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies. Menachem S. wurde als Kind mit seinen Eltern erst in das Krakauer Ghetto und dann in das Lager Płaszów deportiert. Er überlebte den Holocaust, weil er von mehreren Menschen in Krakau und Umgebung versteckt worden war. Dori Laub und Laurel Vlock interviewten ihn 1979. Sein Zeugnis ist eines der bekanntesten des Archivs, da Dori Laub anhand dieses Interviews die Bedeutung des Redens über traumatische Erfahrungen verdeutlicht hat. Menachem S. litt unter Albträumen, deren Inhalte sich veränderten, nachdem er sich entschieden hatte, Laub und Vlock ein Interview zu geben.<br />Filmstill: Menachem S., Interview vom 15. Juli 1979, New Haven, Interviewer: Laurel Vlock & Dori Laub. Quelle: [https://www.youtube.com/watch?v=UbBqOibdIfU YouTube ] / [https://fortunoff.aviaryplatform.com/collections/5/collection_resources/223 Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies]
Filmstill aus dem Interview mit Menachem S. aus dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies. Menachem S. wurde als Kind mit seinen Eltern erst in das Krakauer Ghetto und dann in das Lager Płaszów deportiert. Er überlebte den Holocaust, weil er von mehreren Menschen in Krakau und Umgebung versteckt worden war. Dori Laub und Laurel Vlock interviewten ihn 1979. Sein Zeugnis ist eines der bekanntesten des Archivs, da Dori Laub anhand dieses Interviews die Bedeutung des Redens über traumatische Erfahrungen verdeutlicht hat. Menachem S. litt unter Albträumen, deren Inhalte sich veränderten, nachdem er sich entschieden hatte, Laub und Vlock ein Interview zu geben.
Filmstill: Menachem S., Interview vom 15. Juli 1979, New Haven, Interviewer: Laurel Vlock & Dori Laub. Quelle: YouTube / Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies


Zumindest im Nachhinein wurden die Videos auch als Reaktion auf Marvin J. Chomsky’s Miniserie „Holocaust“ (1978/1979) gewertet. „Holocaust“ erzählt die fiktive Geschichte der Berliner Arztfamilie Weiss während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Serie war äußerst erfolgreich und machte den Begriff Holocaust als Bezeichnung für die Ermordung von jüdischen Personen in Europa während der Zeit des Nationalsozialismus gebräuchlich. Dieser Fiktionalisierung wollten die Initiator*innen des Fortunoff Archive etwas entgegensetzen: „Jeder Überlebende konnte eine Geschichte erzählen, die in ihren Einzelheiten wahrer und schrecklicher und authentischer in ihrer Beschreibung war“, schrieb etwa Geoffrey Hartman, der erste Leiter des Archivs.[73]

Die Initiator*innen entschieden sich statt der damals noch üblichen Audioaufnahme für die Videotechnik, weil sie, so Geoffrey Hartman, davon ausgingen, dass „unser Publikum heute und in der Zukunft […] sicher ein audiovisuell erzogenes sein [wird]“.[74] Zudem erlaube die Videoaufnahme eine zusätzliche „Unmittelbarkeit und Beweiskraft“.[75] Mittlerweile wurden mehr als 4400 Interviews geführt. Die Mitarbeiter Dori Laub, Geoffrey Hartman und Lawrence L. Langer verfassten einige der wichtigsten Werke zur Zeugenschaft des Holocaust und entwickelten eine von der Psychotherapie inspirierte Interviewmethode, die zahlreiche spätere Projekte beeinflusst hat.[76] Das Fortunoff Archive nutzte auch als eines der ersten Projekte Videozeugnisse für pädagogische Zwecke. Damit wurde es zum Modell für viele weitere Videozeugnisprojekte mit Holocaust-Überlebenden.

Im Jahr 1994 rief der amerikanische Regisseur Steven Spielberg ein weiteres Videozeugnisprojekt ins Leben, das innerhalb kürzester Zeit beachtliche Dimensionen erreichen sollte: die Survivors of the Shoah Visual History Foundation (heute USC Shoah Foundation). Der Legende nach baten während der Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ (1993) mehrere Überlebende Spielberg, ihr Zeugnis aufzunehmen, was ihn zur Idee der Stiftung inspiriert haben soll. Das Ziel der Foundation, innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren 50.000 Videozeugnisse aufzunehmen, wurde bereits 2003 überschritten, als die aktive Sammelperiode für beendet erklärt wurde. Die Foundation hatte bis dahin 51.700 Zeugnisse gesammelt. Interviewt wurden vor allem jüdische Überlebende, aber auch einige Befreier und Mitglieder anderer Verfolgtengruppen.

Dass die Foundation in so kurzer Zeit derart viele Zeugnisse sammeln konnte, lag auch an ihrer Interview- und Ausbildungsmethode. Während die Interviewer*innen des Fortunoff Archive beispielsweise über sechs Wochen lang ausgebildet wurden, dauerte die Einführung bei der USC Shoah Foundation lediglich zwei bis drei Tage, und die Interviews waren viel standardisierter.[77] Mittlerweile hat die Foundation auch Zeugnisse mit Opfern weiterer Genozide in Ruanda, Kambodscha, Nanjing oder mit den Rohingya in Myanmar aufgezeichnet und engagiert sich vermehrt in Forschung und historisch-politischer Bildung zu Genoziden allgemein. Unter anderem die enorme Sammlungsleistung der USC Shoah Foundation veranlasste die französische Historikerin Annette Wieviorka 1998 dazu, von den 1990er-Jahren als einer „Ära des Zeugen“[78] zu sprechen.

In den späten 1970er-Jahren wurden zudem, zumindest in der Bundesrepublik, Statements von Zeitzeug*innen in Geschichtsdokumentationen immer gebräuchlicher. Frank Bösch erklärt dies mit der Entstehung des „direct cinema“ oder „cinéma verité“ in den 1960er-Jahren, einem Dokumentarfilm-Genre, das auf möglichst große Objektivität setzte, des politischen Magazin-Journalismus und dem erneuten Aufkommen rechtsradikaler Geschichtsdeutungen.[79] In Dokumentationen wie „Lagerstraße Auschwitz“ (BRD 1979; SWF, Demant), „Endlösung“ (BRD 1979; WDR, Karalus) oder „Der Prozess“ (BRD 1984; NDR; Fechner) wurden im westdeutschen Fernsehen die Aussagen unterschiedlicher Zeitzeug*innen gegenübergestellt. Dabei kam es nun auch, im Gegensatz zu der oben erwähnten Dokumentation „Das Dritte Reich“ aus den frühen 1960er-Jahren, zu einer ästhetischen und thematischen Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern. So wurden für „Lagerstraße Auschwitz“ Täter vor einer weißen Wand gefilmt, während die Opfer und Mitglieder einer Besucher*innengruppe auf dem Gelände interviewt wurden.[80] Die Täter, so Judith Keilbach, wurden als moralisch fragwürdige „Wissensinstanz“ inszeniert, die Opfer hatten dagegen die Funktion, die Taten der Täter zu beglaubigen, während die Besucher*innen als „stellvertretende Zeugen“ Emotionen vermitteln sollten.[81]

Das bekannteste Beispiel eines Dokumentarfilms, der vor allem auf Interviews mit Zeitzeug*innen setzte, ist wohl Claude Lanzmanns neuneinhalbstündige Dokumentation „Shoah“ (F 1985). Lanzmann verzichtete vollständig auf historische Foto- und Filmaufnahmen und zeigte stattdessen Interviews mit Holocaust-Überlebenden, deren Familien, Anwohner*innen der Lager und Tätern. Er wandte einen Interviewstil an, der an eine Mischung aus investigativem Journalismus und Psychotherapiesitzung erinnert. Viele der Zeug*innen interviewte Lanzmann an den Orten der Verbrechen und ließ somit die teilweise fast idyllischen Bilder von grünen Wiesen und Wäldern mit den schrecklichen Erzählungen davon, was an diesen Orten geschehen war, kollidieren. Er verzichtete bei den Interviews allerdings nicht auf Inszenierung.

Bekannt geworden ist vor allem eine Szene, die den Friseur Abraham Bomba zeigt, wie er einen Kunden in einem Friseursalon in Holon frisiert, während er davon erzählt, wie er Frauen in Treblinka kurz vor ihrer Ermordung in der Gaskammer die Haare abschneiden musste. Lanzmann hatte für das Interview einen Friseursalon gemietet, da Bomba zu dem Zeitpunkt schon längst in Rente war. Bomba deutete das Haareschneiden nur an. Allerdings: Für Lanzmann erlaubte die gestische und die erst durch sie generierte mündliche Erinnerung der Zeug*innen eine Annäherung an die „Wahrheit“ des Geschehens. „Und von diesem Augenblick an wird Wahrheit greifbar, erlebt er die Szene von neuem: Auf einmal wird Wissen verkörpert“, hielt er fest.[82] Sein Film löste eine Debatte über die Ethik der Darstellung des Holocaust aus. Claude Lanzmann selbst vertrat vehement die Auffassung, dass fiktionale, aber auch quellenbasierte Darstellungen des Holocaust unzulässig seien: Allein die Zeitzeug*innen könnten die Geschehnisse wiedergeben.[83]

In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren war eine historische Dokumentation zum Holocaust und zum Zweiten Weltkrieg ohne Statements von Zeitzeug*innen dann kaum noch denkbar. Es setzte sich eine Ästhetik und Funktion durch, die Frank Bösch als „Zeitzeugen im MTV-Format“ und Wulf Kansteiner als „Geschichtspornographie“ bezeichnet haben.[84] Geprägt wurde dieser Stil vor allem durch die Redaktion von „ZDF History“ unter Federführung des Historikers und Journalisten Guido Knopp. Für ihre zahlreichen Dokumentationen zum Zweiten Weltkrieg legte die Redaktion eine Sammlung von Videozeugnissen an. Gefilmt vor einem schwarzen Hintergrund kam den dabei dramatisch von der Seite beleuchteten Zeitzeug*innen die Rolle zu, in wenigen Sekunden historische Bilder oder Re-Inszenierungen historischer Geschehnisse zu kommentieren, ohne dass ihre eigene Lebensgeschichte dabei thematisiert wurde.

Dadurch verlor, so Bösch, „wissenschaftlich gesichertes Wissen […] an Bedeutung“.[85] Gefragt wurde nun nicht mehr nach dem „Warum“. Die Dokumentationen konzentrierten sich vielmehr, so Kansteiner, auf „tabuisierte Fragen […] z.B. ‚wie fühlt es sich an, Nazi zu sein‘, ‚wie fühlt es sich an, soviel Macht zu besitzen und rücksichtslos einsetzen zu können‘ und auch ‚wie fühlt es sich an, soviel Macht zu verlieren‘.“[86] Bis heute hat diese Darstellung von Zeitzeug*innen in Geschichtsdokumentationen Bestand, selbst wenn sie, wie Kansteiner beobachtet, nicht mehr ganz so häufig eingesetzt wird wie noch in den frühen 2000er-Jahren.

Mit dem Fortunoff Archive, später der USC Shoah Foundation und den Geschichtsdokumentationen etablierte sich das Videointerview als Medium und Methode der Aufzeichnung und Bewahrung von Zeugnissen. Die hier konstituierte Ästhetik ist mittlerweile zum Standard geworden. War bei den Aufnahmen vom Eichmann-Prozess, bedingt durch die Kameraplatzierung, noch der ganze Körper zu sehen, gilt der Kamerafokus nun dem Oberkörper, dem Gesicht und gelegentlich den Händen. Somit werden genau die Köperteile betont, die Emotionen besonders eindringlich ausdrücken. Der Körper der Zeitzeug*innen wird Teil des Prozesses des Zeugnisablegens, und nicht selten wird auf das Gesicht gezoomt, sobald die Zeitzeug*in zu weinen beginnt. Zudem werden die Videos, wenn sie für Zwecke der Public History wie Ausstellungen oder Dokumentarfilme genutzt werden, häufig entkontextualisiert. Die Interviewer*in ist so gut wie nie zu sehen. Auszüge aus den Zeugnissen werden meist als Monologe inszeniert, sodass die Rezipient*innen das Gefühl haben, dass die Zeitzeug*in direkt zu ihnen spricht oder, im Fall der Dokumentarfilme, das Gezeigte direkt kommentiert.

Die frühen Interviews für das Fortunoff Archive und die USC Shoah Foundation wurden häufig in häuslicher Umgebung, meist in den Wohnzimmern der Zeitzeug*innen aufgenommen. Spätestens mit den Geschichtsdokumentationen setzte sich der monochrome Hintergrund als Kulisse durch. Dieser erlaubt es zum einen, die Privatsphäre der Zeug*innen zu schützen. Vor allem aber erleichtert er den Schnitt der Videozeugnisse, und die Ausschnitte aus den Interviews lassen sich in Dokumentationen oder Ausstellungskapiteln zu unterschiedlichen Themen verwenden. Zudem lädt er die Zuschauer*innen ein, sich voll und ganz auf das Gesicht und die darin sichtbaren Regungen zu konzentrieren. Der „talking head“, der sprechende Kopf, ist so zu einem paradigmatischen Bild der Zeitzeug*in geworden.

Die Präsenz von Zeitzeug*innen in Geschichtsdokumentationen ging mit einem erhöhten (populär)wissenschaftlichen Interesse an ihnen einher. In den 1980er- und 1990er-Jahren begann sich die Oral History langsam in Deutschland zu etablieren. Neben einigen größeren Forschungsprojekten wie Studien zur Faschismuserfahrung im Ruhrgebiet[87] oder dem Leben in der ostdeutschen Provinz[88] fand die Methode vor allem in der Laienbewegung der Geschichtswerkstätten und der neuen Geschichtsbewegung Anklang. Im Sinne der Aufforderung, „Grabe, wo du stehst“[89], des schwedischen Sachbuchautors Sven Lindqvist begannen viele Lokal- und Laienhistoriker*innen anhand von Interviews mit Zeitzeug*innen die Geschichte von Stadtvierteln und vor allem von marginalisierten Gruppen zu erforschen.[90] Es waren auch meist solche Laienprojekte, die auf ehemalige Lager aufmerksam machten und zu Gedenkstättengründungen führten.[91]

Während sich Verbände von Überlebenden der Lager bereits kurz nach dem Krieg gegründet hatten, organisierten sich ab den 1980er-Jahren auch vermehrt Zeitzeug*innen, die keine Widerstands- oder Verfolgungsgeschichte hatten und dennoch ihren Erlebnissen einen außergewöhnlichen, erhaltenswerten Charakter zuschrieben. 1993 wurde beispielweise in Berlin die erste „Zeitzeugenbörse“ mit dem Ziel gegründet, „den generationenübergreifenden Dialog zu fördern“.[92] Ähnliche Börsen sind heute in mehreren deutschen Städten zu finden. Sie arbeiten sowohl prospektiv, indem sie neue Themen in die Öffentlichkeit bringen, als auch reaktiv, indem sie Zeitzeug*innen an interessierte Institutionen vermitteln. Auf das Interesse an der Veröffentlichung der eigenen Lebensgeschichte reagierten kleinere Verlage wie Zeitgut, Wartberg oder VWM, die sich ganz auf die Publikation von Zeitzeugen-Berichten spezialisiert haben.


Seit den 2000er-Jahren: Musealisierung und Digitalisierung

Mittlerweile sind Zeitzeug*innen omnipräsent in der Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Projekte, wie das von dem Fernsehhistoriker Guido Knopp und dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges gegründete „Das Gedächtnis der Nation“, sammeln Zeitzeugen-Interviews zu ganz unterschiedlichen Themen in ganz Deutschland.[93] Seit der ersten Dekade der 2000er-Jahre werden Videozeugnisse auch vermehrt in den nun überarbeiteten Ausstellungen in Gedenkstätten und Holocaust-Museen, aber auch zu anderen zeithistorischen Themen integriert.

Grund dafür war sicherlich die Popularisierung der Zeitzeug*in durch das Fernsehen, aber vor allem auch die Tatsache, dass zahlreiche Gedenkstätten seit den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren Videozeugnisprojekte mit Überlebenden der Lager realisierten – und damit häufig Pionierarbeit auf dem Feld der Oral History und der kultur- und biografiegeschichtlichen Erforschung der jeweiligen Lagergeschichte leisteten. So wurden in der Gedenkstätte Neuengamme bereits in den 1980er-Jahren erste Interviews aufgenommen; das erste größere Interviewprojekt fand von 1991 bis 1993 statt.[94] In Bergen-Belsen wurden erstmals zwischen 1994 und 1996 in größerem Umfang Interviews mit Überlebenden geführt.[95] Die Videozeugnisse erlauben es, die Lagergeschichte anhand von Einzelschicksalen zu erzählen und die gezeigten Dokumente um die Ebene des individuellen Erlebens zu ergänzen. Zudem setzen sie, wie der Historiker James Young es beschrieben hat, den Bildern von den von Hunger gezeichneten Häftlingen und Leichenbergen das Antlitz der Überlebenden entgegen und geben somit den Opfern ihre Menschlichkeit zurück.[96]

Den größten Einfluss auf die Verfügbarkeit, Darstellung und Rezeption von Videozeugnissen hatte in den letzten zwanzig Jahren aber mit Sicherheit die Digitalisierung. Kurz nachdem die USC Shoah Foundation ihre Sammelperiode abgeschlossen hatte, begann sie die Videos zu digitalisieren. Galt das Video als die geeignete Technik, um die Zeugnisse aufzunehmen, so erschien deren Digitalisierung nun als Mittel, sie „für die Ewigkeit“ („in perpetuity“) zu speichern, wie die Foundation etwas überambitioniert auf ihrer Internetseite anmerkte.[97]

Mit der Digitalisierung geht auch eine Veränderung der Benutzung der Zeugnisse einher. Die Videos werden transkribiert, verschlagwortet und in einzelne Sequenzen unterteilt. Auf diese Art und Weise werden die Interviews zu durchsuchbaren Quellen. Dieser Prozess erfordert die Interpretation der Interviews entlang zumindest grob vorgegebener Kriterien und erleichtert das Schneiden und die Vervielfältigung.[98] Dies steht zwar einerseits im Widerspruch zur Idee der sekundären Zeugenschaft, die ja vorsieht, dass sich die sekundären Zeug*innen ganz auf das Zeugnis einlassen. Andererseits bringt die Digitalisierung auch Potenziale für die Erforschung und Interpretation der Sammlungen mit sich, die eine rein analoge Zusammenstellung nicht leisten könnte.

Der Literaturwissenschaftler Todd Presner spricht gar von einer Ethik des Algorithmus („ethics of the algorithm“):[99] Der Algorithmus ermögliche ein „distant listening“ – ein Zuhören auf Distanz –, durch das über die gesamte Sammlung hinweg Zusammenhänge und Muster aufgezeigt werden könnten, die selbst bei einem konzentrierten Ansehen der einzelnen Videos nicht fassbar seien. Dies führe zu einer Demokratisierung, da der Algorithmus einer Auswahl oder gar Privilegierung einiger weniger Interviews entgegenwirke, wie sie zwangsläufig bei einem „close listening“ – einem konzentrierten Zuhören – erfolgten.[100] Allerdings kann bislang kein Algorithmus und keine Verschlagwortung das erfassen, was jenseits des rein sprachlichen Narrativs in den Videozeugnissen zum Ausdruck kommt: Gesten, Mimik, Tonlage, Schweigen, Atmosphäre etc.[101]

Einige dieser digitalisierten Videozeugnisse sind mittlerweile online verfügbar.[102] Dies entspräche dem Wunsch der Zeitzeug*innen, ihre Zeugnisse für die Ewigkeit aufzubewahren und von möglichst großen und diversen Gruppen von Menschen rezipieren zu lassen, so die Beobachtung von Stephen D. Smith, dem ehemaligen Leiter der USC Shoah Foundation.[103] Andererseits werden die Videozeugnisse damit auch potenziell einer rechtsradikalen oder revisionistischen Kommentierung und Nutzung ausgesetzt. Kaum eine Institution stellt deshalb die kompletten Sammlungen online zur Verfügung. Die USC Shoah Foundation beispielweise hat mit „IWitness“ eine anmeldungspflichtige eigene Plattform mit mehr als 3000 Videos für Schulen entwickelt. Lediglich 58 vollständige Videos finden sich auf der Website der Foundation, und ein paar hundert sind auf YouTube zu sehen. Tatsächlich stehen unter den auf YouTube publizierten Videos immer wieder rechtsradikale Kommentare, die aber neben Äußerungen, die Mitgefühl, Bewunderung, Trauer oder Ähnliches ausdrücken, verschwindend gering sind und selten von anderen Nutzer*innen unkommentiert gelassen werden.[104] Noch ist leider keine Institution dazu übergegangen, selbst in die Diskussionen einzugreifen und auch dieses Medium für didaktische Zwecke zu nutzen.

Die Digitalisierung hat nicht nur die Rezeption von Videozeugnissen demokratisiert, sondern auch deren Produktion. Auf der Plattform „Memoro“ zum Beispiel kann jed*e Interviews mit Zeitzeug*innen zu allen möglichen Themen hochladen.[105] Noch ist der Anteil der Personen, die aktiv in ihrer Freizeit Videozeugnisse produzieren, wie auch derjenigen, die sich diese online ansehen, jedoch verschwindend gering. Die Videos des Fortunoff Archive oder der USC Shoah Foundation auf YouTube wurden bisher zwar einige zehn- bis hunderttausend Mal angeklickt; vergleicht man diese Zahlen jedoch mit den Besucher*innenzahlen von Yad Vashem, die für 2018 und 2019 bei knapp über einer Million lagen, oder dem United States Holocaust Memorial Museum, das seit der Eröffnung 1993 über 45 Millionen Menschen besucht haben, so wirken sie klein.

Die Digitalisierung erlaubt auch neue, genuin digitale, Formen der Zeugenschaft, die die Grenzen zwischen dem Zeitzeugen-Gespräch und seiner medialen Vermittlung verwischen.[106] Im Jahr 2014 präsentierte die USC Shoah Foundation ihr erstes virtuelles Zeitzeugnis, das im Rahmen des Projekts „New Dimensions in Testimony“ (heute „Dimensions in Testimony“) entstand. Mittlerweile wurden mehr als 20 Interviews aufgenommen. Die Zeitzeug*innen wurden dafür über mehrere Tage in einer speziellen Installation interviewt und dabei von 116 Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt. Ein Katalog von bis zu 2000 Fragen soll auch die umfassen, von denen die Entwickler*innen glauben, dass auch zukünftige Generationen sie noch an die Zeitzeug*innen stellen werden. Mittlerweile wurden ähnliche, allerdings technisch etwas weniger aufwändige, virtuelle Zeitzeugen-Interviews von dem „Forever Projekt“ am National Holocaust Centre and Museum in Laxton und an der LMU München im Rahmen des Projekts „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ realisiert.[107] An der Filmuniversität Babelsberg wird zudem derzeit an einem Archiv volumetrischer Zeitzeugnisse von Holocaust-Überlebenden gearbeitet.[108]


Die Abbildung zeigt Eva Umlauf während ihres Interviews für das Projekt „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Interview mit Eva Umlauf fand im Januar 2019 in den Pollen Studios in Bishop Wilton in York statt. Sie wurde dabei von zwei RED Epic-M-Dragon-Kameras stereoskopisch gefilmt. Eva Umlauf wurde 1942 im Arbeitslager Nováky geboren und später zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte das Lager als Kleinkind. Neben Eva Umlauf wurde auch der Holocaust-Überlebende Abba Naor für das Projekt interviewt. Die für die Umsetzung verantwortliche Forever Holdings – gemeinsam mit ihren Partnern BrightWhiteLtd und Pollen Studio – hatte zuvor bereits mehrere virtuelle Zeugnisse im Rahmen des „Forever Project“ des National Holocaust Centre and Museum mit produziert (vgl. Alan Marcus u.a., Virtual Interactive Holocaust Survivor Testimony [VIHST], GB 2022).<br />Foto: 01/2019: Eva Umlauf, BrightWhiteLtd, Pollen Studio, Bishop Wilton © mit freundlicher Genehmigung, Quelle: [https://www.lediz.uni-muenchen.de/projekt-lediz/eva-umlauf/index.html „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ (LediZ)]
Die Abbildung zeigt Eva Umlauf während ihres Interviews für das Projekt „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Interview mit Eva Umlauf fand im Januar 2019 in den Pollen Studios in Bishop Wilton in York statt. Sie wurde dabei von zwei RED Epic-M-Dragon-Kameras stereoskopisch gefilmt. Eva Umlauf wurde 1942 im Arbeitslager Nováky geboren und später zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte das Lager als Kleinkind. Neben Eva Umlauf wurde auch der Holocaust-Überlebende Abba Naor für das Projekt interviewt. Die für die Umsetzung verantwortliche Forever Holdings – gemeinsam mit ihren Partnern BrightWhiteLtd und Pollen Studio – hatte zuvor bereits mehrere virtuelle Zeugnisse im Rahmen des „Forever Project“ des National Holocaust Centre and Museum mit produziert (vgl. Alan Marcus u.a., Virtual Interactive Holocaust Survivor Testimony [VIHST], GB 2022).
Foto: 01/2019: Eva Umlauf, BrightWhiteLtd, Pollen Studio, Bishop Wilton © mit freundlicher Genehmigung, Quelle: „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ (LediZ)


Die Projekte sind ein Versuch, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, sodass die Grenzen zwischen dem direkten physischen Zeitzeugen-Gespräch und der virtuellen Begegnung verschwimmen. Die Initiator*innen haben die Hoffnung, dass die virtuellen Zeugnisse vor allem junge Menschen ansprechen und das Zeitzeugen-Gespräch in die Zukunft tradieren. Kritiker*innen werfen ihnen vor, durch die Simulation bei den Rezipient*innen ein mangelndes Quellenbewusstsein zu begünstigen, oder sehen in den virtuellen Begegnungen gar den unheimlichen Ausdruck einer Gesellschaft, die nicht trauern will.[109]

Noch funktioniert die Simulation jedoch eher leidlich: Für eine wirkliche dreidimensionale Darstellung steht die Technik noch nicht zur Verfügung, und die Spracherkennungssoftware, die das direkte Gespräch zwischen der Zeitzeug*in und den Nutzer*innen simulieren soll, funktioniert nicht ohne Hänger. Nichtsdestotrotz setzen sich die virtuellen Zeitzeug*innen als Medium gerade durch. Eines der neueren Vorhaben der USC Shoah Foundation „The last Goodbye“ (2017) kombiniert das virtuelle Zeitzeugnis mit einer Virtual Reality-Rekonstruktion der Gedenkstätte Majdanek.[110] Somit wird nicht nur das Zeitzeugen-Gespräch in den virtuellen Raum verlegt, sondern auch der Gedenkstättenbesuch.


Die Geschichte der Zeitzeug*in als erinnerungskultureller Figur ist also, wie diese Genealogie gezeigt hat, zum einen eine Geschichte unterschiedlicher erinnerungskultureller Konjunkturen und wissenschaftlicher Interessen. Generell lässt sich etwa ab den 1980er/1990er-Jahren eine verstärkte Fokussierung auf persönliche Geschichten zum Zweck der kulturellen Erinnerung und Geschichtsvermittlung beobachten. Dies kann am Beispiel von Ausstellungen, die den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben, noch einmal verdeutlicht werden: Während frühe Ausstellungen versuchten, über generalisierte Darstellungen der Verfolgung und Ermordung und vor allem über großformatige Fotografien eine Art von Schockerlebnis zu erzeugen, in der Hoffnung, somit einer Wiederholung vorzubeugen, setzten die Verantwortlichen bei deren Überarbeitung in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren eher auf biografische Inhalte, wobei einzelne Verfolgungsschicksale stellvertretend für andere stehen sollten.

Gleichzeitig ist die Geschichte der Zeitzeug*in eine Geschichte medialer Entwicklungen. Sie beginnt mit der Lockerung der Buchzensur im Fall der Revolutionsmemoiren von Baudouin Frères. Vor allem aber im Kontext der Erinnerung an den Holocaust lässt sich eine Tendenz erkennen, das jeweils neueste Medium als besonders geeignet für die Aufzeichnung, Tradierung und Speicherung der Erinnerung anzusehen: David Boder nutzte den Drahttonrekorder, als noch kaum jemand dies tat; während des Eichmann-Prozesses wurde die damals noch neue Videotechnik eingesetzt; das Fortunoff Archive nahm Videozeugnisse zu einem Zeitpunkt auf, als Audiozeugnisse noch die Regel waren; die USC Shoah Foundation begann mit der Digitalisierung, sobald die Sammlungsperiode beendet war; und die ersten virtuellen Zeugnisse entstehen aktuell in einem frühen Stadium der Popularisierung und Kommerzialisierung der Technik der Virtuellen Realität (VR). Es ist schwer zu sagen, ob es die Medien waren, die das Interesse an Zeitzeug*innen bedingten oder umgekehrt. Erst die Entwicklung der Audio- und dann der Videotechnik ermöglichte das Sammeln von Zeitzeugen-Interviews. Gleichzeitig musste bereits ein breites gesellschaftliches Interesse an persönlichen Zeugnissen vorhanden sein, damit diese Medien zu diesem Zweck genutzt wurden.


Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Zeitzeug*innen

Für die Wissenschaft spielen Zeitzeug*innen eine dreifache Rolle: Sie sind Quellen, Untersuchungsgegenstand und Geschichtsvermittler*innen. Auch hier lässt sich ein Wandel des Interesses an Zeitzeug*innen seit den 1940er-Jahren beobachten, der parallel zum wachsenden populären Interesse verlief und es zumindest teilweise bedingte.


Die Zeitzeug*in als Quelle

Bis zum Aufkommen des Historismus im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert waren Ohren- und Augenzeug*innen die wichtigsten Quellen für Historiker*innen. Mit der Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung etablierte sich allerdings eine Unterscheidung zwischen als vertrauenswürdig verstandenen schriftlichen Quellen und der als nicht-vertrauenswürdig verstandenen mündlichen Überlieferung.[111] Erst die Oral History entdeckte das Zeitzeugen-Interview als Quelle wieder. In der Oral History wird zumeist nicht so sehr danach gefragt, was passiert ist, sondern wie das, was passiert ist, erlebt wurde und im Rückblick erzählt wird. Während Zeitzeug*innen außerhalb von wissenschaftlichen Kontexten ihre Geschichte häufig unhinterfragt erzählen und als Miterlebende als „Wahrheits“-Instanzen angesehen werden, begegnen Oral Historians Zeitzeug*innen genauso quellenkritisch wie anderen Quellen.[112] Selten steht dabei jedoch die Lebensgeschichte der einzelnen Zeitzeug*in im Mittelpunkt. Vielmehr dient diese der Beantwortung weiterer Fragen.


Die Zeitzeug*in als Untersuchungsgegenstand

Die ersten Videozeugnisse wurden von einer methodischen und theoretischen Reflexion über das Medium vor allem von Psycholog*innen und Literaturwissenschaftler*innen begleitet.[113] Mit der zunehmenden Popularisierung der Zeitzeug*in stieg auch das Interesse der Geschichtswissenschaften an diesem Phänomen. 1998 publizierte die französische Historikerin Annette Wieviorka ihre Arbeit „L’ère du témoin“ („Die Ära des Zeugen“), in der sie die Geschichte der Holocaust-Überlebenden als erinnerungskultureller Figur von den Kriegsjahren bis zur USC Shoah Foundation nachzeichnet. Im Jahr 2006 fand auf dem Deutschen Historikertag in Konstanz die sehr gut besuchte Sektion „Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen“ statt, in der es vor allem um Zeitzeug*innen in Geschichtsdokumentationen, allen voran denen Guido Knopps bei „ZDF History“ ging.[114] Hierauf folgte 2008 eine große, breiter angelegte Tagung in Jena mit dem Titel „Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945“.[115] Im gleichen Jahr wurden zwei Dissertationen und ein Sammelband publiziert, die sich mit der Zeitzeug*in als populärem Phänomen beschäftigten, wieder mit einem Fokus auf Geschichtsdokumentationen, wobei „ZDF History“ als Negativfolie diente.[116]

Seitdem wird das Thema immer wieder aufgegriffen, wobei zum einen verschiedene Medien wie das Museum,[117] das Internet[118] oder Virtual und Augmented Reality[119] behandelt werden, zum anderen stärker die Geschichte der Zeitzeug*in als Figur in den Blick genommen wird. Sowohl die USC Shoah Foundation als auch das Fortunoff Archive wurden historisch und medientheoretisch beleuchtet.[120] Zudem erschienen unter anderem Werke über die Zeugenschaft gleich nach dem Zweiten Weltkrieg,[121] über David P. Boder,[122] das Ringelblum-Archiv[123] und den moralischen Zeugen vor Gericht.[124] Sie befassen sich noch immer vor allem mit der Zeugenschaft von Holocaust-Überlebenden, was auch damit zusammenhängen mag, dass Zeug*innen anderer historischer Ereignisse bisher noch nicht die gleiche mediale Präsenz erfahren haben. In jüngerer Zeit wendet sich das Interesse allerdings auch vermehrt den Zeug*innen anderer Massenverbrechen zu.[125]


Die Zeitzeug*in als Geschichtsvermittler*in

Seit einigen Jahren beschäftigt sich auch die Geschichtsdidaktik mit dem Einsatz von Zeitzeug*innen für die historische Bildung. Praxisorientierte Werke geben Auskunft darüber, wie Zeitzeug*innen und Videozeugnisse am besten im Unterricht oder in der politischen Bildung eingesetzt werden sollten.[126] Empirische Studien zum Einfluss von Zeitzeug*innen auf das historische Lernen sind bisher rar und die Ergebnisse eher ernüchternd. So hat Christiane Bertram in einer bundesweiten statistischen Erhebung zum Einsatz von Zeitzeugen-Gesprächen sowie Text- und Videozeugnissen zum Widerstand in der DDR in 35 Gymnasialklassen herausgefunden, dass Schüler*innen das Zeitzeugen-Gespräch im Unterricht zwar als positiv bewerten, sie gleichzeitig aber Probleme mit der Dekonstruktion von deren Narration sowie deren Einordnung als Quelle hatten.[127]

Einen ähnlichen Befund weist die Mikrostudie von Katarina Obens und Christian Geißler-Jagodzinski auf, die die Reaktionen von Schüler*innen der 12. Klasse in zwei Gymnasien in Berlin-Brandenburg auf ein Zeitzeugen-Gespräch hin untersuchten.[128] Die Schüler*innen zeigten anschließend zwar eine höhere Medienkompetenz und gaben an, emotional ergriffen zu sein, konnten dieses Gefühl jedoch schlecht einordnen, tendierten dazu, „die Differenzen zwischen den ‚Leidensgeschichten‘ ihrer Verwandten und der jüdischer Zeitzeugen zu verwischen“ und fühlten sich vom Gespräch kaum zu weiterführenden Forschungsfragen animiert.[129] Studien zur Nutzung der Videozeugnisse der USC Shoah Foundation ergaben, dass Schüler*innen dazu tendieren, vor allem „positive“ Elemente in den Geschichten der Zeitzeug*innen zu betonen, sich auf die Episoden der Zeugnisse kurz vor oder nach der Zeit im Lager zu konzentrieren und extreme Gewalterfahrungen und Verfolgung auszusparen.[130] Nichtsdestotrotz beobachteten alle Autor*innen, dass die Arbeit mit Zeitzeug*innen mit der nötigen Vorbereitung positive Lerneffekte haben könne.

Mit dem Aufkommen der virtuellen Zeitzeug*innen steigt zudem das Interesse daran, wie diese auf Lernende wirken. Empirische Studien werden zurzeit sowohl an der USC Shoah Foundation als auch am Holocaust Centre in Laxton durchgeführt. Die zwei virtuellen Zeitzeugen-Gespräche der LMU München wurden sogar extra für die erste geschichtsdidaktische empirische Analyse im deutschsprachigen Raum produziert. Um eine möglichst hohe Transparenz zu gewährleisten, wurde der gesamte Produktionsprozess offen gelegt und die Zeitzeug*innen auch über ihre Erfahrungen während des Interviews befragt.[131] Ob die virtuellen Zeitzeug*innen wirklich, wie vor allem von den Projektbeteiligten erhofft, eigenständiges Lernen fördern oder, wie von vielen befürchtet, die Probleme der Videozeugnisse ob ihrer Verwischung von Realität und Fiktion nur noch verstärken, muss sich also noch herausstellen.


Ausblick

Mit der Zeitzeug*in wurde eine Form der Tradierung von Vergangenheit – nämlich die mündlich weitergegebenen Erinnerungen, die bisher lediglich Teil des „kommunikativen Gedächtnisses“ waren – zu einem Teil des „kulturellen Gedächtnisses“, noch bevor sich der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis vollzogen hatte.[132] Dies geschah freilich in einer standardisierten Form. Zeitzeugnisse haben bei weitem nicht den teilweise erratischen und fluiden Charakter des tatsächlichen kommunikativen Gedächtnisses, das sich über die gesamte Lebenszeit des kommunizierenden Individuums erstreckt und sich dabei immer wieder verändert. Sie sind meist Momentaufnahmen, die in einer wenig alltäglichen Interviewsituation vor meist unbekannten Interviewer*innen und/oder vor einer Kamera stattfinden.

Die Tatsache, dass sie für die Nachwelt gedacht sind, sowie ihre zeitliche Begrenzung beeinflussen die Zeugnisse nachhaltig und veranlassen Zeitzeug*innen, die eigene Biografie zu einer logischen Erzählung zu formen, aus der potenziell Lehren für die Gegenwart und die Zukunft gezogen werden können.[133] Am Beispiel der Zeitzeug*in lässt sich erkennen, dass es nicht so sehr, wie Jan Assmann argumentiert hat, eine „Zeitstruktur“[134] ist, die kommunikatives und kulturelles Gedächtnis voneinander trennt, als vielmehr, wie die Literaturwissenschaftlerin Astrid Erll betont, ein „Zeitbewusstsein“, das darüber entscheidet, ob ein Ereignis Teil des kommunikativen oder des kulturellen Gedächtnisses wird.[135] Mit ihren Zeugnissen beeinflussen und verfestigen Zeitzeug*innen die Erinnerung an die Vergangenheit, und bereits zu ihren Lebzeiten werden ihre Zeugnisse zu Archivalien, Museumsobjekten und Belegmaterial in historischen Dokumentationen.

Seit Jahren wird immer wieder auf das nahende „Ende der Zeitzeugenschaft“ verwiesen. Gemeint ist damit, dass die letzten Zeitzeug*innen des Zweiten Weltkriegs und vor allem des Holocaust, mit denen der Begriff noch immer vor allem verbunden wird, in einigen Jahren tot sein werden. Vermutlich ändert sich die Rolle der Zeitzeug*in allerdings nicht nur aufgrund des Verschwindens der letzten Zeitzeug*innen des Nationalsozialismus, sondern auch wegen eines erneuten Medienwandels und eines damit einhergehenden Wandels der Erinnerungskulturen. Während die Projekte zur Entwicklung von virtuellen Zeitzeug*innen versuchen, die Technik der Virtual und Augmented Reality für das Zeitzeugen-Gespräch fruchtbar zu machen, erlauben es diese Medien auch, vergangene Räume und Ereignisse in der virtuellen Realität wieder aufleben zu lassen. In Zukunft werden wohl auch virtuelle Zeitreisen ein vielbenutztes Mittel der populären Geschichtsvermittlung sein. Medial vermittelt, kann sich dann jed*e selbst als Zeitzeug*in einer vergangenen Epoche fühlen.[136]


Empfohlene Literatur zum Thema

Ulrich Baer, „Niemand zeugt für den Zeugen“. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah, Frankfurt a.M. 2000.

Shoshana Felman/ Dori Laub, Testimony. Crises of Witnessing in Literature, Psychoanalysis, and History, London 1992.

Judith Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Münster 2008.

Lawrence Langer, Holocaust Testimonies. The Ruins of Memory, New Haven 1991.

Martin Sabrow/ Norbert Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012.

Noah Shenker, Reframing Holocaust Testimony, Bloomington 2015.

Annette Wieviorka, The Era of the Witness. Ithaca 2006.

Zitation
Steffi de Jong, Zeitzeugin/Zeitzeuge, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 24.6.2022, URL: http://docupedia.de/zg/Jong_zeitzeuge_v1_de_2022

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  1. Gelegentlich werden selbst Objekte zu Zeitzeugen deklariert. So trägt ein 2019 publizierter Band zum 1864 versunkenen Schweizer Dampfschiff „Jura“ den Untertitel „Zeitzeuge und Tauchziel im Bodensee“; der Titel eines von Rosmarie Beier und Gottfried Korff 1992 (Berlin) herausgegebenen Katalogs lautet „Zeitzeugen. Ausgewählte Objekte aus dem Deutschen Historischen Museum Berlin“.
  2. So heißt es in einem Artikel von 1961 in der Wochenzeitschrift der „Spiegel“ zu der 14-teiligen Dokumentarserie „Das Dritte Reich“, dass sie „von Millionen Zeitzeugen nachgeprüft werden“ könne. Vgl. Telemann, Abend-Schule, in: Der Spiegel 22 (1961), S. 90, 23.05.1961, online unter https://www.spiegel.de/kultur/abend-schule-a-a8039117-0002-0001-0000-000043364228 [30.05.2022]; 1979 wurde, ebenfalls im „Spiegel“, berichtet, dass der ZDF-Autor Kurt Flaake und seine Mitarbeiterin Eva Müthel für eine geplante Dokumentation über das „Dritte Reich“ 22 „Zeitzeugen“ interviewt hätten – der Begriff wurde hier in Anführungszeichen gesetzt: NS-„Zeitzeugen“ vor der ZDF-Kamera, in: Der Spiegel 10 (1979), S. 206, 04.03.1979, online unter https://www.spiegel.de/kultur/ns-zeitzeugen-vor-der-zdf-kamera-a-5e54e8cd-0002-0001-0000-000040350724 [30.05.2022].
  3. Vgl. Google Ngram Viewer, https://books.google.com/ngrams [30.05.2022].
  4. Martin Sabrow, Der Zeitzeuge als Wanderer zwischen zwei Welten, in: ders./Norbert Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012, S. 13-32.
  5. Vgl. Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, 9., vollständig neu bearbeitete Auflage, von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämper-Jensen, Tübingen 1992.
  6. Vgl. Sybille Krämer, Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität, Frankfurt a.M. 2008, S. 228-233.
  7. Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 88. Ausführlicher zum Märtyrer siehe auch: Krämer, Medium, S. 240-247; Giorgio Agamben, Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Frankfurt a.M. 2003, S. 26ff.
  8. Siehe hierzu Harald Welzer, Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 13 (2000), H. 1, S. 51-63.
  9. Vgl. Avishai Margalit, The Ethics of Memory, Cambridge 2002, S. 181.
  10. Sabrow, Der Zeitzeuge, S. 28.
  11. Ebd., S. 27.
  12. Der nachfolgende Dokumentafilm von ihm, „The Look of Scilence“ (DK 2014), stellt die Opfer in den Mittelpunkt.
  13. Margalit, The Ethics of Memory, S. 147-182.
  14. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 87-92.
  15. Ebd., S. 88.
  16. Ebd., S. 91.
  17. Ebd., S. 91.
  18. Krämer, Medium, S. 248.
  19. Agamben, Was von Auschwitz bleibt, S. 36-75.
  20. Die Herkunft des Begriffs ist unklar. Es wurde lange gemutmaßt, dass die gebückte, kauernde Haltung der Inhaftierten und ihre Lumpen an stereotype Vorstellungen von betenden Muslimen oder deren Kleidung erinnerten. Kathrin Wittler jedoch stellt die Vermutung auf, dass die Bezeichnung auf die Zeile „Sei doch ein Muselmann“ in dem Lied von Carl Gottlieb Hering „C-A-F-F-E-E“ zurückgehe sowie auf die generelle Konnotation zwischen dem „Türken“ und Krankheit und Schwäche. Vgl. Kathrin Wittler, „Muselmann“. Anmerkungen zur Geschichte einer Bezeichnung, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), H. 2, S. 1145-156.
  21. Shoshana Felman/Dori Laub, Testimony. Crisis of Witnessing in Literature, Psychoanalysis, and History, New York 1992, S. 75-92.
  22. Vgl. Krämer, Medium, S. 250-253.
  23. Vgl. Krämer, Medium; Sigrid Weigel, Zeugnis und Zeugenschaft. Klage und Anklage. Die Geste des Bezeugens in der Differenz von „identity politics“, juristischem und historiographischem Diskurs, in: Rüdiger Zill (Red.), Zeugnis und Zeugenschaft, Jahrbuch des Einstein-Forums, Berlin 2000, S.111-135; John Durham Peters, Witnessing, in: Media, Culture and Society 23 (2001), H. 6, S. 707-723.
  24. Der Ursprung des Begriffs der „sekundären Zeugenschaft“ bleibt unklar. Die erstmalige Verwendung wurde immer wieder anderen Autoren zugeschrieben, so unter anderem Dori Laub, Geoffrey H. Hartman und Lawrence L. Langer. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff durch den Sammelband bekannt: Ulrich Baer (Hrsg.), „Niemand zeugt für den Zeugen“. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah, Frankfurt a.M. 2000.
  25. Ulrich Baer, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), „Niemand zeugt für den Zeugen“, S. 17.
  26. Die Theaterwissenschaftlerin Caroline Wake hat auf die Medienblindheit des Begriffs der sekundären Zeug*in verwiesen und den der tertiären Zeug*in vorgeschlagen, für all diejenigen, die ein Zeugnis medial vermittelt in Form von Zeitzeugen-Videos oder Online-Clips rezipieren: Caroline Wake, Regarding the Recording. The Viewer of Video Testimony, the Complexity of Copresence and the Possibility of Tertiary Witnessing, in: History and Memory 25 (2013), H. 1, S. 111-144.
  27. Siehe hierzu auch: Annette Wieviorka, L’ère du témoin, Paris 1998; Sabrow/Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen; Jan Taubitz, Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft, Göttingen 2016.
  28. Vgl. Judith Keilbach, Mikrofon, Videotape, Datenbank. Überlegungen zu einer Mediengeschichte der Zeitzeugen, in: Sabrow/Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen, S. 281-299, online unter https://www.academia.edu/5139662/Mikrofon_Videotape_Datenbank_%C3%9Cberlegungen_zu_einer_Mediengeschichte_der_Zeitzeugen [30.05.2022].
  29. Anna Karla, Revolution als Zeitgeschichte. Memoiren der Französischen Revolution in der Restaurationszeit, Göttingen 2014.
  30. Zit. nach: Anna Karla, Zeugen der Zeitgeschichte. Revolutionsmemoiren im Frankreich der Restaurationszeit, in: Sibylle Schmidt/Sybille Krämer/Ramon Voges (Hrsg.), Politik der Zeugenschaft. Zur Kritik einer Wissenspraxis, Bielefeld 2011, S. 225-242, hier S. 235.
  31. Karla, Zeugen der Zeitgeschichte, S. 239.
  32. Karla, Revolution als Zeitgeschichte, S. 64-71.
  33. Ebd., S. 35.
  34. Vgl. Stephen Bann, Romanticism and the Rise of History, New York 1995; Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder, Zeitgeschichtsforschung in Europa. Einleitende Überlegungen, in: dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa, Göttingen 2004, S. 7-24.
  35. Siehe u.a. Jerry Palmer, Memories from the Frontline. Memoirs and Meanings of the Great War from Britain, France and Germany, Cham 2018; Richard Bessel/Dorothee Wierling (Hrsg.), Inside World War One? The First World War and its Witnesses, Oxford 2018; Jay Winter, Remembering War. The Great War between Memory and History in the Twentieth Century, New Haven 2006.
  36. Vgl. u.a. Pavel Polian (Hrsg.), Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz, Darmstadt 2019. Mit frühen Zeugnissen beschäftigte sich auch das Forschungsprojekt „Frühe Schreibweisen der Shoah. Wissens- und Textpraktiken von jüdischen Überlebenden in Europa 1942-1965“ von 2017 bis 2021 am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, https://www.zfl-berlin.org/projekt/fruehe-schreibweisen-der-shoah.html [30.05.2022].
  37. Zit. nach: Laura Jockusch, „Jeder überlebende Jude ist ein Stück Geschichte.“ Zur Entwicklung jüdischer Zeugenschaft vor und nach dem Holocaust, in: Sabrow/Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen, S. 113-144, hier S. 132.
  38. Umfassend zu Emanuel Ringelblum und zum Oneg Shabbat-Archiv siehe: Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Hamburg 2010; Laura Jockusch, Collect and Record! Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe, Oxford 2021.
  39. Keilbach, Mikrofon, Videotape, Datenbank, S. 284.
  40. Toby Haggith, Die Filmaufnahmen von der Befreiung Bergen-Belsens und ihre Auswirkungen auf das Verständnis vom Holocaust, in: Rainer Schulze/Wilfried Wiedemann (Hrsg.), AugenZeugen. Fotos, Filme und Zeitzeugenberichte in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Celle 2007, S. 51-101, hier S. 74.
  41. Vgl. Keilbach, Mikrofon, Videotape, Datenbank, S. 282-285; Hannah Caven, Horror in Our Time. Images of the Concentration Camps in the British Media, 1945, in: Historical Journal of Film, Radio and Television 21 (2001), H. 3, S. 205-253.
  42. Zit. nach: Mark L. Smith, No Silence in Yiddish. Popular and Scholarly Writing about the Holocaust in the early Postwar Years, in: David Cesarani/Eric J. Sundquist (Hrsg.), After the Holocaust: Challenging the Myth of Silence, London 2012, S. 55-66, hier S. 56. Eigene Übersetzung S.d.J.
  43. Vgl. ebd., S. 56.
  44. Für einen konzisen Überblick über die Geschichte der Holocaustliteratur siehe die Einleitung zu Sascha Feuert/Markus Roth (Hrsg.), HolocaustZeugnisLiteratur. Zwanzig Werke wieder gelesen, Göttingen 2018.
  45. Vgl. Wierling, Oral History, S. 83-84.
  46. Siehe hierzu: Smith, No Silence in Yiddish, S. 55-81; Jockusch, „Jeder überlebende Jude ist ein Stück Geschichte“, S. 113-144.
  47. Zit. nach: Boaz Cohen, Rachel Auerbach, Yad Vashem, and Israeli Holocaust Memory, in: Polin: Studies in Polish Jewry 20 (2008), S. 197-221, hier S. 202, online unter https://www.academia.edu/2916940/Rachel_Auerbuch_Yad_Vashem_and_Israeli_Holocaust_Memory [30.05.2022]. Eigene Übersetzung S.d.J.
  48. Ebd., S. 202.
  49. Ausführlich hierzu: Alan Rosen, The Wonder of their Voices. The 1946 Holocaust Interviews of David Boder, New York/Oxford 2011.
  50. David P. Boder, Die Toten habe ich nicht befragt, hg. v. Julia Faisst/Alan Rosen/Werner Sollors, Heidelberg 2012, S. 10.
  51. Vgl. ebd.
  52. Vgl. ebd.; Alan Rosen, „We know very little in America”. David Boder and Un-Belated Testimony, in: Cesarani/Sundquist, After the Holocaust, S. 102-114.
  53. Vgl. ebd., S. 108. Während die Originalspulen verschwunden sind, befinden sich Kopien davon heute in der Library of Congress. Ab 1998 wurden diese von der Paul V. Galvin Library des Illinois Institute of Technology digitalisiert und sind heute auf der Internetseite „Voices of the Holocaust“ zugänglich: http://voices.iit.edu/ [30.05.2022].
  54. Vgl. Rebecca Sharpless, The History of Oral History, in: Thomas L. Charlton/Louis E. Myers/Rebecca Sharpless (Hrsg.), Handbook of Oral History, Lanham 2006, S. 19-42, hier S. 22; Dorothee Wierling, Oral History, in: Michael Maurer (Hrsg.), Aufriß der Historischen Wissenschaften; Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003, S. 81-151, hier S. 84.
  55. Vgl. Mary A. Larson, „The Medium is the Message“. Oral History, Media and Mediation, in: The Oral History Review 43 (2016), H. 2, S. 318-337.
  56. Vgl. Frank Bösch, Geschichte mit Gesicht. Zur Genese des Zeitzeugen in Holocaust-Dokumentationen seit den 1950er Jahren, in: Thomas Fischer/Rainer Wirtz (Hrsg.), Alles Authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, Konstanz 2008, S. 51-72, hier S. 54.
  57. Vgl. Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen, S. 185.
  58. Zitiert nach: Jeffrey Shandler, While America Watches. Televising the Holocaust, New York 1999, S. 89. Eigene Übersetzung S.d.J.
  59. Zitiert nach: Wieviorka, L’ère du témoin, S. 54. Eigene Übersetzung S.d.J.
  60. Vgl. Cohen, Rachel Auerbach, S. 213.
  61. Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil, New York 1994 (zuerst 1963), S. 55. Eigenen Übersetzung S.d.J.
  62. Vgl. Hanna Yablonka, Die Bedeutung der Zeugenaussagen im Prozess gegen Adolf Eichmann, in: Sabrow/Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012, S. 176-198.
  63. Amit Pinchevski, Transmitted Wounds. Media and the Mediation of Trauma, New York 2019, S. 22-42.
  64. Vgl. Shandler, While America Watches, S. 91.
  65. Keilbach, Mikrofon, Videotape, Datenbank, S. 292.
  66. Ebd., S. 293.
  67. Zitiert nach: Shandler, While America Watches, S. 91-92.
  68. Vgl. Wieviorka, L’ère du témoin, S. 112f.
  69. Vgl. Keilbach, Zeugen der Vernichtung, S. 160; Bösch, Geschichte mit Gesicht, S. 55f.
  70. Keilbach, Zeugen der Vernichtung, S. 161.
  71. Ebd.
  72. Joanne Weiner Rudof, Das Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies. Denjenigen, die da waren, zuhören und von ihnen lernen, in: Daniel Baranowski (Hrsg.), „Ich bin die Stimme der sechs Millionen“. Das Videoarchiv im Ort der Information, Berlin 2009, S. 57-71.
  73. Geoffrey Hartman, Der längste Schatten. Erinnern und Vergessen nach dem Holocaust, Berlin 1999, S. 211.
  74. Ebd., S. 212.
  75. Ebd.
  76. Vgl. Felman/Laub, Testimony; Langer, Holocaust Testimonies; Hartman, The Longest Shadow.
  77. Vgl. Karen Jungblut, Survivors of the Shoah Visual History Foundation. An Analytical Retrospective of the Foundation’s Collection Phase, in: Alfred Gottwald u.a. (Hrsg.), NS-Gewaltherrschaft, Berlin 2005, S. 508-519, hier S. 512.
  78. Annette Wieviorka, L’ère du témoin, Paris 1998.
  79. Vgl. Bösch, Geschichte mit Gesicht, S. 61.
  80. Siehe hierzu ausführlich: Keilbach, Zeugen der Vernichtung, S.164-169; dies., Geschichtsbilder und Zeitzeugen, S. 166-181.
  81. Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen, S. 174, 176f.
  82. Claude Lanzmann, Der Ort und das Wort: Über Shoah, in: Baer, „Niemand zeugt für den Zeugen“, S. 101-118, hier S. 109.
  83. Vgl. Stefan Krankenhagen, Auschwitz darstellen. Ästhetische Positionen zwischen Adorno, Spielberg und Walser, Köln 2001, S. 183-186. Zur Kontroverse zwischen Claude Lanzmann und Georges Didi-Huberman siehe: Sven-Erik Rose, Auschwitz as Hemeneutic Rupture, Differend, and Image malgré tout: Jameson, Lyotard, Didi-Huberman, in: David Bathrick/Brad Prager/Michael D. Richardson (Hrsg.), Visualizing the Holocaust. Documents, Aesthetics, Memory, Rochester 2008, S. 114-137. Zur Kontroverse im Anschluss an Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ siehe: Karyn Ball, For and against the Bilderverbot. The Rhetoric of „Unrepresentability“ and Remediated „Authenticity“ in the German Reception of Steven Spielberg’s Schindler’s List, in: Bathrick/Prager/Richardson, Visualizing the Holocaust, S. 162-184.
  84. Bösch, Geschichte mit Gesicht, S. 67, Kansteiner, Macht, Authentizität und die Verlockung der Normalität, S. 343-346.
  85. Bösch, Geschichte mit Gesicht, S. 68.
  86. Kansteiner, Macht, Authentizität und die Verlockung der Normalität, S. 345.
  87. Lutz Niethammer (Hrsg.), „Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll“. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin/Bonn 1983.
  88. Lutz Niethammer/Alexander von Plato/Dorothee Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. 30 biographische Eröffnungen, Berlin 1991.
  89. Sven Lindqvist, Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Übers. u. eingel. von Manfred Dammeyer, Bonn 1989.
  90. Vgl. Wierling, Oral History, S. 89; Hannes Heer/Volker Ulrich (Hrsg.), Geschichte entdecken. Erfahrungen und Projekte der neuen Geschichtsbewegung, Reinbek b. Hamburg 1985; Gerhard Paul/Bernhard Schoßig (Hrsg), Die andere Geschichte. Geschichte von unten, Spurensicherung, ökologische Geschichte, Geschichtswerkstätten, Köln 1986.
  91. Vgl. Cornelia Siebeck, „Grabe, wo du stehst!“ Motive der Neuen Geschichtsbewegung in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre, in: Lernen aus der Geschichte, 27.02.2019, http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/14353 [30.05.2022].
  92. So die Zielsetzung des Vereins Zeitzeugenbörse, http://www.zeitzeugenboerse.de/verein/uebersicht.html [30.05.2022].
  93. Das Projekt ist mittlerweile unter dem Namen „Zeitzeugenportal“ an der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland angesiedelt, https://www.zeitzeugen-portal.de/ueber-uns [30.05.2022].
  94. Vgl. Ulrike Jureit/Karin Orth, Überlebensgeschichten. Gespräche mit Überlebenden des KZ-Neuengamme, Hamburg 2004.
  95. Siehe Diana Gring/Karin Theilen, Fragmente der Erinnerung, in Schulze/Wiedemann (Hrsg), AugenZeugen, S. 153-216.
  96. Vgl. James E. Young, Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation, Frankfurt a.M. 1992, S. 252.
  97. Diese Worte waren auf einer mittlerweile nicht mehr zugänglichen Internetseite der Foundation (https://sfi.usc.edu/) zu lesen.
  98. Siehe hierzu auch das Projekt „Visual Culture of the Holocaust: Rethinking Curation in the Digital Age”, das vom Ludwig Boltzmann Institute for Digital History (LBIDH) in Wien in enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum koordiniert wird. Vgl. die Projektvorstellung: Ingo Zechner, Visuelle Geschichte des Holocaust. Kuratieren im digitalen Zeitalter, in: Visual History, 27.05.2019, https://www.visual-history.de/project/visuelle-geschichte-des-holocaust/ [30.05.2022].
  99. Todd Presner, The Ethics of the Algorithm. Close and Distant Listening to the Shoah Foundation Visual History Archive, in: Fogu/Kansteiner/Presner (Hrsg.), Probing the Limits, S. 175-202.
  100. Presner, The Ethics of the Algorithm, S. 198f.
  101. Vgl. Presner, The Ethics of the Algorithm, S. 193; siehe auch: Smith, On the Ethics of Technology and Testimony, S. 210; Pinchevski, Transmitted Wounds, S. 87-111.
  102. Siehe hierzu auch: Alina Bothe, Die Geschichte der Shoah im virtuellen Raum. Eine Quellenkritik, Berlin 2019.
  103. Vgl. Smith, On the Ethics of Technology and Testimony, S. 214.
  104. Vgl. de Jong, The Witness as Object, S. 233-234; siehe auch Alina Bothe, Negotiating Digital Shoah Memory on YouTube, in: Gary Robson/Małgorzata Zachara/Agnieszka Stasiewicz-Bieńkowska (Hrsg.), Digital Diversities. Social Media and Intercultural Experience, Cambridge 2014, S. 256-272.
  105. Memoro. The Bank of Memories, http://www.memoro.org [30.05.2022].
  106. Vgl. Bernd Körte-Braun, Erinnern in der Zukunft: Frag das Hologramm, E-Newsletter von Yad Vashem, Juli 2013, https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/10/holograms-and-remembrance.html [30.05.2022]; Steffi de Jong, Von Hologrammen und sprechenden Füchsen. Holocausterinnerung 3.0. Vortrag auf der Tagung #erinnern_kontrovers, Berlin 2015, online unter https://erinnern.hypotheses.org/files/2015/07/Von-Hologrammen-und-sprechenden-F%C3%BCchsen-%C2%AD-Holocausterinnerung.pdf [30.05.2022]; Axel Doßmann, Unsterbliche Zeugen. Holographische 3D-Projektionen als Symptom einer Krise, in: Einsicht. Bulletin des Fritz Bauer Instituts 11 (2019), S. 68-77; Pinchevski, Transmitted Wounds, S. 87-11; Christina Brüning, Dreidimensionale Erziehung nach Auschwitz? Reflexionen über holografische Zeug_innen, in: Alina Bothe/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Shoah: Ereignis und Erinnerung, Berlin, S. 121-137; Maria Zalewska, Holography, Historical Indexicality, and the Holocaust, in: Specator 36 (2016), H. 1, S. 25-32 online unter https://cinema.usc.edu/spectator/36.1/3_Zalewska.pdf [30.05.2022]; Micha Brumlik, Hologramm und Holocaust. Wie die Opfer der Shoah zu Untoten werden, in: Meike Sophia Baader/Tatjana Freytag (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Eine pädagogische und bildungspolitische Herausforderung, Weimar 2015, S. 19-30.
  107. Siehe die Projektseite: Filmuniversität Babelsberg: https://www.filmuniversitaet.de/forschung-transfer/forschung/projekte/projektseite/detail/volumetrisches-zeitzeugnis-von-holocaustueberlebenden [30.05.2022].
  108. Siehe die Projektseiten: „Dimensions in Testimony“, https://sfi.usc.edu/dit; „The Forever Project“, https://www.holocaust.org.uk/interactive; „Lernen mit digitalen Zeugnissen“, https://www.lediz.uni-muenchen.de/index.html [alle 30.05.2022].
  109. Brumlik, Hologramm und Holocaust, S. 27.
  110. USC Shoah Foundation: The Last Goodbye. A New Immersive Experience, https://sfi.usc.edu/lastgoodbye [30.05.2022].
  111. Vgl. Nützenadel/Schieder, Zeitgeschichte als Problem, S. 8-9.
  112. Vgl. Lutz Niethammer (Hrsg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“, Frankfurt a.M. 1980; Wierling, Oral History, S. 105-148; Charlton/Myers/Sharpless (Hrsg.), Handbook of Oral History; Donald A. Ritchie, The Oxford Handbook of Oral History, Oxford 2011.
  113. Siehe u.a. Langer, Holocaust Testimonies; Felman/Laub, Testimony; Hartman, Der längste Schatten; Young, Beschreiben des Holocaust.
  114. Vgl. den Tagungsbericht von Nikolai Wehrs, HT 2006: Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen, 19.09.2006-22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 10.10.2006, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1193 [30.05.2022].
  115. Sabrow/Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen.
  116. Vgl. Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen; Fischer/Wirtz, Alles Authentisch?; Michael Elm, Zeugenschaft im Film. Eine Erinnerungskulturelle Analyse filmischer Erzählungen des Holocaust, Berlin 2008.
  117. Vgl. de Jong, The Witness as Object.
  118. Vgl. Bothe, Die Geschichte der Shoah im virtuellen Raum.
  119. Vgl. Pinchevski, Transmitted Wounds.
  120. Vgl. Noah Shenker, Reframing Holocaust Testimony, Bloomington 2015; Jeffrey Shandler, Holocaust Memory in the Digital Age. Survivors’ Stories and New Media Practices, Stanford 2017.
  121. Vgl. Cesarani/Sundquist, After the Holocaust.
  122. Vgl. Rosen, The Wonder of their Voices.
  123. Vgl. Kassow, Ringelblums Vermächtnis.
  124. Vgl. Carolyn Dean, The Moral Witness. Trials and Testimony after Genocide, Ithaca 2019.
  125. Vgl. Dean, The Moral Witness.
  126. Siehe Gerhard Henke-Bockschatz, Zeitzeugenbefragung, in: Ulrich Mayer/Hans-Jürgen Pandel/Gerhard Schneider (Hrsg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2004, S. 354-369; Ralph Erbar, Zeitzeugen befragen und hinterfragen, in: Michael Sauer (Hrsg.), Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg 2014, S. 109-125; Michele Barricelli, Das Visual History Archive des Shoah Foundation Institute als geschichtskulturelle Objektivation und seine Verwendung im Geschichtsunterricht – ein Problemaufriss, in: Vadim Oswalt/Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.), Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart, Schwalbach 2009, S. 198-211; Michele Barricelli, Kommemorativ oder kollaborativ? Historisches Lernen mithilfe digitaler Zeitzeugenarchive (am Beispiel des Visual History Archive), in: Bettina Alavi (Hrsg.), Historisches Lernen im virtuellen Medium, Heidelberg 2010, S. 13-30.
  127. Christiane Bertram, Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie, Schwalbach 2017, S. 141.
  128. Katarina Obens/Christian Geißler-Jagodzinski, „Dann sind wir ja auch die letzte Generation, die davon profitieren kann.“ Erste Ergebnisse einer empirischen Mikrostudie zur Rezeption von Zeitzeugengesprächen bei Jugendlichen/ jungen Erwachsenen, Potsdam 2008, S. 60, https://www.vielfalt-mediathek.de/mediathek/4125/dann-sind-wir-ja-auch-die-letzte-generation-die-davon-profitieren-kann-erste-erg.html [30.05.2022]; siehe auch Maria Galda, Geschichtsbewusstsein, historisches Wissen und Interesse. Darstellung von Zusammenhängen und Repräsentationen in semantischen Netzwerken, Frankfurt a.M. 2013, http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/28712 [30.05.2022].
  129. Ebd., S. 61.
  130. Vgl. Michele Barricelli/Juliane Brauer/Dorothee Wein, Zeugen der Shoah. Historisches Lernen mit lebensgeschichtlichen Videointerviews. Das Visual History Archive des Shoah Foundation Institute in der schulischen Bildung, in: Medaon 3 (2009), H. 5, S. 1-17, https://www.medaon.de/de/artikel/zeugen-der-shoah-historisches-lernen-mit-lebensgeschichtlichen-videointerviews-das-visual-history-archive-des-shoah-foundation-institute-in-der-schulischen-bildung/ [30.05.2022]; Christina Isabel Brüning, Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft. Eine Studie zum Einsatz videographierter Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Genozide im Unterricht, Frankfurt a.M. 2018.
  131. Vgl. Anja Ballis/Michele Barricelli/Markus Gloe, Interaktive digitale 3-D-Zeugnisse und Holocaust Education. Entwicklung, Präsentation und Erforschung, in: Anja Ballis/Markus Gloe, Holocaust Education Revisited. Wahrnehmung und Vermittlung – Fiktion und Fakten – Medialität und Digitalität, Wiesbaden 2019, S. 403-436.
  132. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.
  133. Vgl. Young, Beschreiben des Holocaust, S. 244; Harald Welzer, Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History 13 (2000) H. 1, S. 51-63.
  134. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 56.
  135. Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, Stuttgart/Weimar 2005, S. 117.
  136. Vgl. Habbo Knoch, Das KZ als virtuelle Wirklichkeit. Digitale Raumbilder des Holocaust und die Grenzen ihrer Wahrheit, in: Geschichte und Gesellschaft 47 (2021), S. 90-121; Steffi de Jong, The Simulated Witness. Empathy and Embodiment in VR Experiences of Former Nazi Concentration and Extermination Camps, in History and Memory (i.E. 2023); Steffi de Jong, Witness Auschwitz? Wie VR Zeugenschaft verändert, in: Public History Weekly, 16 April 2020, https://public-history-weekly.degruyter.com/8-2020-4/witness-auschwitz-vr/ [30.05.2022].