Geschlechtergeschichte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.12.2012
https://docupedia.de/zg/heinsohn_geschlechtergeschichte_v1_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.254.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
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![Piktogramm Geschlechterzuordnung Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bathroom-gender-sign.png Wikimedia Commons] ([http://en.wikipedia.org/wiki/Public_domain Public Domain]).](sites/default/files/import_images/1506.jpg)
Das Geschlecht gilt als ein grundlegendes „natürliches” Identitätsmerkmal jedes Menschen.[1] Von Geburt an – manchmal auch schon davor – werden wir einer von zwei Kategorien zugeordnet: männlich oder weiblich.[2] Diese primäre Zuordnung konstituiert dann laufend und meist unhinterfragt eine zentrale Achse gesellschaftlicher Ordnung, die sich historisch aber durchaus variabel präsentieren kann. Die im 19. Jahrhundert gefestigte europäisch-bürgerliche Ordnung der Geschlechter wird seit den 1960er-Jahren im Zuge einer kritischen Überprüfung von Ordnungskategorien moderner Gesellschaften zur Diskussion gestellt. Etwa seit den 1980er-Jahren wenden einige Historiker/innen die Fragestellungen und Erkenntnisse dieser Debatte auch auf historische Themen an.
Gemessen an der Anzahl von Einführungs- oder Überblickstexten scheint die Geschlechtergeschichte inzwischen eine etablierte Perspektive der Geschichtswissenschaft zu sein.[3] Insbesondere in den USA entwickelte sich seit den 1960er- und 1970er-Jahren zunächst die Frauen-, seit den 1980er-Jahren dann die Geschlechtergeschichte zu einem historischen Forschungsfeld, das eine grundlegende Perspektive jeder kritischen Gesellschaftsanalyse darstellt.[4] Dort, wie auch wenig später in Europa, konstituierte sich die Frauen- und Geschlechtergeschichte in enger Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Aufbrüchen und Wandlungsprozessen, vor allem im Kontext einer neuen Welle der Frauenbewegung, der feministischen Diskussion und der sozialen Öffnung der Universitäten. Jedoch institutionalisierte sich die Bewegung in den USA weitaus besser als in Europa. Schon in den 1980er-Jahren setzte sich die Frauengeschichte an den historischen Fakultäten durch[5] und konnte sich als anerkanntes Spezialgebiet in der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft etablieren.
In der europäischen, insbesondere in der bundesdeutschen Forschungslandschaft sieht dies etwas anders aus. Karen Hagemann konstatierte 2007 zutreffend und bis heute geltend, dass die Frauen- und Geschlechtergeschichte in Deutschland trotz vielfältiger und herausragender Forschungsleistungen immer noch am Rande der Geschichtswissenschaft stehe.[6] Das Forschungsfeld gehört gegenwärtig immer noch zu den „minor fields” in der Zeitgeschichtsforschung, obwohl es theoretisch und methodisch eng mit der Diskurs- oder Körpergeschichte verbunden ist, die sich zumindest als Postulat durchsetzen konnten. Das relativ separierte Dasein der Geschlechtergeschichte innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft hängt wohl auch mit beharrenden Relevanzhierarchien zusammen, nach denen sich – trotz aller regen Theorie- und Forschungsdiskussionen der letzten Jahre – das Fach nach wie vor strukturiert. Anders als in der Frühen Neuzeit-Forschung, wo geschlechtergeschichtliche Studien einen anerkannten Zugang bilden, um gesellschaftlichen Wandel zu begreifen,[7] übernimmt die bundesdeutsche Zeitgeschichtsschreibung in ihren empirischen Arbeiten nur zögernd (kritische) Theorieüberlegungen. Der historische Blick auf die Geschlechterverhältnisse von und in Gesellschaften gilt zwar auch in der bundesdeutschen Zeitgeschichte als interessant, aber eben doch nicht als derart zentral, um als anerkannte Qualifikation zu gelten.[8]

Diese prekäre Situation der Historiker/innen auf dem Gebiet der Geschlechterforschung gilt es im Blick zu behalten, wenn im Folgenden Fragen, Methoden und Themen der Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Bundesrepublik Deutschland mit Blick auf die Zeitgeschichte skizziert werden. Dabei können wir drei wichtige Bereiche nur punktuell zeigen: Erstens, wie sehr die Frauen- und Geschlechtergeschichte ein Beispiel für globale „travelling theories” ist. Viele Impulse kamen aus den USA und Großbritannien, die dann im kontinentalen oder deutschen Kontext aufgenommen und weiterentwickelt wurden. Zweitens müssen europäisch oder global ausgerichtete geschlechterhistorische Ansätze unberücksichtigt bleiben – gleichwohl plädieren wir für ihre deutlichere Berücksichtigung in der deutschen Zeitgeschichte.[9] Drittens setzte sich die Geschlechtergeschichte seit den 1980er-Jahren – ähnlich wie die Diskurs- oder Körpergeschichte – sehr stark mit theoretischen, kritischen Fragen einer sich als postmodern und postkolonial verstehenden Wissenschaft auseinander und wirkte auf diese zurück.
Der folgende Beitrag bietet eine Skizze des Forschungsfelds, in der zunächst die Herkunft der Forschungsrichtung erläutert wird. Anschließend stellen wir zentrale theoretische Überlegungen vor und versuchen schließlich, Perspektiven für eine geschlechterhistorisch erweiterte Zeitgeschichte zu entwickeln.
Die Zeitgeschichte erforscht die europäische Nachkriegszeit, die langen 1960er-Jahre und die von Umbrüchen gekennzeichneten 1970er-Jahre mit Deutungen unter Überschriften wie „Pluralisierung” und „Wandlungsprozesse”, die fast schon zu Meistererzählungen geronnen sind. Die Bedeutung von Geschlecht, so ließe sich hinzufügen, ist einer der vielen Aspekte, der in diesem Prozess „wiederentdeckt” wurde. Eine neue Welle der Frauenbewegung und des Feminismus entstand im Kontext der „68er”, grenzte sich von deren männlich hegemonialen Deutungen ab und konnte sich in den bewegenden Zeiten der siebziger Jahre etablieren. Dass seit den 1980er-Jahren auch in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft die Kategorie Geschlecht diskutiert wird, ist zum einen die wissenschaftspolitische Folge dieser gesellschaftlichen Bewegung. Zum anderen zeigt die kritische Frage nach den Faktoren für „Pluralisierung” oder „Liberalisierung”, dass es auch die Frauen- und Geschlechtergeschichte war, die dazu beitrug, den divergierenden Wandlungsprozessen in der Zeitgeschichte auf die Spur zu kommen. Geschlecht, so die Annahme in diesem Beitrag, ist also keine geschlossene oder gar ausdiskutierte Kategorie, die sich in der Geschichte auffinden lässt, sondern eine Perspektive auf Geschichte und ihrer wissenschaftlichen Darstellung, mit der Pluralität und Heterogenität sichtbar wird, wo vorschnell Einheit postuliert wurde. In einer geschlechterhistorischen Perspektive wird also auch die Historiografie selbst problematisiert und mit ihr die Grundannahmen historischer Erzählungen.
Die Entwicklung der Geschlechtergeschichte im 20. Jahrhundert ging von der historischen Frauenforschung aus. Ursprünglich war die Suche nach den Frauen in der Geschichte ein zentraler Impuls für Arbeiten im Bereich der women's history. In der frühen historischen Frauenforschung, die sich eng mit der Frauenbewegung verbunden fühlte, wurde bei solchen Analysen noch von einem System des Patriarchats ausgegangen, das gesellschaftliche Normen allumfassend und über alle Zeiten hinweg prägte.[10] Ein unhistorischer Begriff des Patriarchats wurde in der weiteren Entwicklung des Forschungsfelds gerade von Historikerinnen als unangemessen kritisiert[11] und gilt inzwischen für die Analyse moderner Gesellschaften als nur sehr begrenzt tauglich.
Beginnend in den 1980er-Jahren, flossen komplexere Grundannahmen aus den Gender Studies in die historische Frauenforschung ein, die sich damit zur Geschlechtergeschichte erweiterte. Dazu gehört, dass die Ordnungen der Geschlechter zentrale Achsen jeder Gesellschaftsordnung bilden und diese sich je nach historischer Situation wandeln. Ordnungsideen beeinflussen die gesellschaftlichen Vorstellungen von den Aufgaben und Handlungsräumen von Männern und Frauen und prägen deren Lebenswirklichkeit. Frauengeschichte untersucht hierbei vor allem, unter welchen Bedingungen sich Handlungsmöglichkeiten, Normen und soziale Praxen für Frauen änderten. Umfassender als die Frauengeschichte will die Geschlechtergeschichte die vielfältigen Beziehungsgeflechte und sozialen Konstruktionen von Gesellschaften erforschen, die im Zeichen geschlechtsspezifischer Zuordnungen ihre Gültigkeit erlangen.
Die Geschlechtergeschichte löst somit die Frauengeschichte nicht ab, sondern ist ihre konsequente Erweiterung. Um qualifiziert vorgehen zu können, bilden empirische Arbeiten über die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern ihre notwendige Voraussetzung.
Noch deutlicher wird diese Forschungsaufgabe in Anlehnung an Achim Landwehrs eingängiger Formulierung zur Diskursgeschichte, „sich über Dinge zu wundern, über die sich üblicherweise niemand mehr wundert”.[12] Auch die Geschlechtergeschichte kann durch ihre grundsätzlich kritische Haltung gegenüber tradierten, vermeintlich naturgegebenen oder unhintergehbaren Wahrheiten über die Geschlechter charakterisiert werden. Sie wundert sich über den auf verschiedene Weise begründeten Dualismus in unserer Gesellschaft, mit dem nicht nur Menschen in Frauen und Männer unterschieden werden, sondern auch Eigenschaften, Politiken oder Geschichtsinterpretationen einer binären Codierung unterliegen. Der Ausgangspunkt für diese Problematisierung war nicht nur die Frauenbewegung, in deren Folge Historikerinnen daran gingen, die Unterdrückung von Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen, sondern darüber hinaus auch eine grundsätzlich wissenschafts- und erkenntniskritische Bewegung, in der zum einen die Diskurstheorie und zum anderen die performative Herstellung gesellschaftlicher Ordnungen eine zentrale Rolle spielten.
Die Herkunft der Frauen- und Geschlechtergeschichte aus der Frauenbewegung und ihre Aufgeschlossenheit gegenüber kritischer Forschung ergeben in der Praxis allerdings oft einen spezifischen feministischen Zwiespalt. Denn wo die Forschung mit konstruktivistischen Ansätzen das Geschlecht sämtlicher Gewissheiten entkleiden will und als „mehrfach relationale Kategorie”[13] versteht, da will und muss die Frauenbewegung von Erfahrungen ausgehen. So bilden etwa Diskriminierungserfahrungen den Hintergrund für die Positionierung „der Frau” als politisches Subjekt. In diesen unterschiedlichen Konzeptionen liegt eine Ursache für die seit den 1990er-Jahren zunehmende Auseinanderentwicklung von Frauenbewegung einerseits und feministischer Theorie oder auch Geschlechterforschung andererseits. Die historische Frauen- und Geschlechterforschung orientiert sich inzwischen stärker an wissenschaftlich-kritischen und feministischen Debatten als an der Frauenbewegung.
In diesem fortschreitenden Akademisierungsprozess wurde insbesondere aus der Soziologie die These übernommen, dass die Ordnung der Geschlechter sowie die Ideen über das Wesen von Männern und Frauen alltäglich sind und immer wieder „hergestellt” werden müssen; sie „erscheinen” als gottgegeben oder seit dem 19. Jahrhundert als „natürlich”, sind aber vielmehr gesellschaftlich-sozial konstruiert und werden im Alltag performativ hergestellt. Diese interaktiv vollzogene kulturelle Sinnstiftung wird als „doing gender” beschrieben, um den aktiven Part aller Subjekte einer Gesellschaft in der Aufrechterhaltung geschlechtlich codierter Ordnungen zu betonen. Wir alle kennen einen zentralen Aspekt dieses „doing gender” aus dem Alltag: Wer ist nicht verunsichert, wenn der Gesprächspartner nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann? Wir entscheiden spontan, nach unserem gelernten Wertesystem, wie wir unser Gegenüber einordnen – aber entspricht dies auch dem tatsächlichen Geschlecht? Und woran ließe sich zweifelsfrei feststellen, was das „tatsächliche Geschlecht” ausmacht?
Der hier zum Ausdruck kommende Drang zur Eindeutigkeit und systematischen Erfassung der Welt – eine essenzielle Grundierung der Moderne – beeinflusst weiterhin soziale Realitäten, während sich doch die postmoderne Theorie seit vielen Jahren bemüht, solche binären Denk- und Ordnungsmuster aufzubrechen. Warum gerade die Ordnung der Geschlechter eine starke und so schwer zu kritisierende gesellschaftliche Bedeutung hat, ist damit weiterhin eine der zentralen Fragen moderner Geschlechterforschung.[14]
Eine Definition des Begriffs „Geschlecht” bedeutet demnach keine feststehende Basis für alle Zeiten, sondern ist ein fortlaufender, historischer und zu historisierender Prozess, in dem zunehmend die Unabgeschlossenheit des Begriffs und seine situative Bedeutung – ähnlich wie bei „die Gesellschaft”, „die Umwelt”, „die Politik” – im Mittelpunkt stehen. Ausgehend von diesem Charakter des Geschlechts als sozialer bzw. kultureller Konstruktion, wandelte sich die historische Frauenforschung zur Geschlechtergeschichte, die spätestens seit den 1990er-Jahren auch Männer und Männlichkeit zum Thema erhob[15] und sich teilweise auch von dem bipolaren Geschlechtermodell löste.[16]
Die kritische Auseinandersetzung mit der Herstellung von Geschlecht hatte die Geschlechterforschung anfänglich mit Hilfe der Unterscheidung von sex und gender – oder, im Deutschen: biologisches und soziales Geschlecht – zu reflektieren versucht. Sex bzw. das biologische Geschlecht galt als die „natürliche” Basisqualifikation für jeden Menschen, gender bzw. das soziale Geschlecht demgegenüber als die gesellschaftliche Einordnung. 1986 erschien dazu der inzwischen als „Klassiker” geltende Aufsatz von Joan W. Scott, „Gender: A Useful Category of Historical Analysis”, in dem eine Weiterführung der Konzeptualisierung von „Geschlecht” versucht wurde.[17] Scott beschreibt mit gender, wie sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sozial organisieren. Damit entwickelte sich eine Gegenposition zum biologischen Determinismus, nach dem das vermeintlich eindeutige körperliche Geschlecht die soziale Wirklichkeit seines Trägers vorzeichne. Gender fokussiert eben nicht auf die körperlichen Merkmale des Einzelnen, sondern will eine Analyse der Machtbeziehungen innerhalb der Gesellschaft begründen: „Gender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relationships of power.”[18]
Gisela Bock setzte sich 1991 positiv-kritisch mit der Analyse Scotts auseinander und wies darauf hin, die Beziehung sex – gender sei darin als Dichotomie eingeführt worden. Dadurch werde verhindert, hierarchisches Denken aufzuheben, würde doch nur die alte Dichotomie Natur – Kultur durch eine neue ersetzt.[19] Gerade die deutsche Übersetzung von sex mit „biologischem Geschlecht” führe die Dichotomie von Frauen und Männern allein auf Biologie zurück, so als sei auf körperlicher Ebene keine sozio-kulturelle Konstruktion am Werk. Und schließlich werde in der Gegenüberstellung sex – gender weder das eine noch das andere historisiert, sondern absolut gesetzt. Bock schlug deshalb vor, gender/Geschlecht zu historisieren, die Kategorie „Biologie” aufzugeben und schließlich sex in der gleichen konstruktivistischen Weise wie gender zu verwenden, „thus leaving space for continuities instead of polarities of meaning”.[20] Inzwischen hat auch Joan Scott selbst in Frage gestellt, ob gender weiterhin eine „nützliche Kategorie” sei, denn das erhoffte kritische Potenzial habe sich nicht entfalten können, da sex nicht ebenso kritisch dekonstruiert werde. Vielmehr habe die Unterscheidung von sex und gender stark dazu beigetragen, dass das Körperliche, die Biologie, weiterhin als natürlich gegeben und eben nicht als sozial konstruiert wahrgenommen werde.[21]
Diese und andere kritische Diskussionen werden vor allem in der internationalen feministischen Bewegung und den Gender-Studies geführt, wo erheblich differenzierende Konzepte von oder Gegen-Konzepte zu Geschlecht produziert werden, z.B. im Denken der queer-theory.[22] Welche Wirkungen diese kritischen Diskussionen in der Geschlechtergeschichte entfalten, lässt sich noch nicht absehen. Zurzeit dominieren noch Arbeiten über Frauen- oder Männer(gruppen), deren Selbstdarstellungen und (Selbst-)Wahrnehmung als Frauen oder Männer und als dementsprechende historische Subjekte vorausgesetzt werden. Die Definition von Scott bleibt trotz der geäußerten Kritik für die historische Forschung jedoch sehr ertragreich, weil diese die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und ihre Reproduktion in Diskursen über Männlichkeit oder Weiblichkeit ins Zentrum stellt und kritisch reflektiert. Doch wird zugleich der Abstand zwischen den geschlechterhistorischen Arbeiten einerseits und der neueren theoretischen feministischen Diskussion andererseits immer größer. Die quellengestützte historische Erzählung kann zwar heteronormative Vorgaben und Zurichtungen vergangener Epochen historisieren und problematisieren, aber sie kann kaum gleichzeitig den politischen Ansatz „queerer” Theorien operationalisieren, um diejenigen Kategorien aufzulösen, die sie historisch untersuchen will.
Auch auf der institutionellen Ebene zeigt sich diese Differenz: Der akademische Feminismus ist inzwischen vor allem in den Sozialwissenschaften beheimatet, und die sich schon in den 1980er-Jahren abzeichnende Trennung von Frauenbewegung und Geschlechterforschung schreitet weiter voran. Eine vielversprechende Verknüpfung theoretischer Diskussion und empirischer Forschung ergibt sich für die Geschlechtergeschichte hingegen, wenn Geschlecht nicht als eine Kategorie mit stabiler Bedeutungsebene behandelt wird, sondern als eine Perspektive auf gesellschaftliche Verhältnisse und Deutungssysteme, die mit anderen Achsen der Ungleichheit in Beziehung zu setzen ist. Diese multiperspektivische Analysemethode, in die neben der geschlechtlichen Zuordnung auch Identitätsaspekte wie sexuelles Begehren, ethnische, nationale, religiöse Zugehörigkeit, Hautfarbe, Alter oder Bildungsgrad einfließen, wird unter dem Label „Intersektionalität” diskutiert und erprobt.[23]
Mit der historischen Geschlechterforschung stellte sich etwa seit den 1980er-Jahren in Deutschland die Frage, wie sich Formen von Geschlechtlichkeit, das Wissen darüber und ihre soziale Praxis im historischen Prozess erkennen ließen. Eine Vielzahl von Studien erprobte die neue Perspektive auf gesellschaftliche Verhältnisse, angefangen von Untersuchungen zu Arbeiterinnen und zur historischen Frauenbewegung, über Fragen der Beteiligung von Frauen und Männern an verbrecherischen Systemen bis hin zu Analysen von sozialen Gruppen (Bürgertum) oder besonderen Kulturen – um nur einige Beispiele zu nennen.[24] 1992 etablierten Karin Hausen, Gisela Bock und Heide Wunder die Reihe „Geschichte und Geschlechter”, in der bis heute 62 Arbeiten zur Geschlechtergeschichte von der Antike bis zur Zeitgeschichte erschienen sind.[25] Schon seit 1990 versucht der Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG), die Aktivitäten von Historiker/innen zu bündeln und den Kontakt zur internationalen Geschlechterforschung zu intensivieren; seit 2007 ist dieser Arbeitskreis als Verein organisiert.[26]
Ein Blick in geschlechterhistorische Bibliografien zeigt jedoch, dass die Veröffentlichungen mit direktem Bezug auf Geschlechtergeschichte seit etwa zehn Jahren zurückgehen. Bedeutet das ein nachlassendes Interesse an dem Thema oder im Gegenteil, dass es zunehmend in die allgemeine Geschichte integriert wurde und in Arbeiten zur Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft oder zur Ideengeschichte ein selbstverständlicher Bestandteil ist? Die Meinungen darüber gehen auseinander und auch die Vermutungen zu den Gründen. Gut 35 Jahre nach den ersten Frauenkonferenzen und feministischen Studien sei Geschlechtergeschichte in der Zunft anerkannt – so die eine Meinung –, weil sie den Blick von den Bedingungen, Ordnungen und Konstruktionen einer sozialen Gruppe auf Beziehungen zwischen sozialen Gruppen generell erweitert habe.[27] Mit Genugtuung sehen einige Historiker/innen sogar eine „unaufgeregte Anwendung verschiedener Ansätze in einer thematisch weit gefächerten empirischen Forschung” vorherrschen – dies gelte aber vor allem für die Geschichte der Frühen Neuzeit.[28] Andere Einschätzungen sehen vor allem in den Forschungen zur deutschen Zeitgeschichte ein Defizit, wo nach wie vor Vorbehalte bestehen, dominierende zeitlich strukturierende Meistererzählungen geschlechterhistorisch zu erweitern.[29] Unabhängig davon, welcher Einschätzung man zustimmen kann oder möchte, lassen sich doch einige Themenbereiche in der Zeitgeschichte aufzeigen, zu denen geschlechterhistorische Analysen vorliegen und weitere unbedingt folgen sollten.
Während in den 1980er-Jahren bis Anfang der 1990er-Jahre vorrangig Diskussionen und Studien erschienen, in denen der Mehrwert der Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Geschichtswissenschaft grundsätzlich thematisiert wurde,[30] folgten anschließend differenzierte Anwendungen, mit der etwa die Zeit des Nationalsozialismus, die Weltkriege, die Nachkriegsgesellschaften, die Ideengeschichte oder bestimmte gesellschaftliche Bereiche in den Blick gerieten.[31] Ute Frevert legte 1997 einen ersten historischen Gesamtüberblick der deutschen Frauengeschichte für das 19. und 20. Jahrhundert vor.[32]
Eine zentrale Diskussion und Erweiterung der deutschen Zeitgeschichtsforschung, die in den 1990er-Jahren aus der Frauen- und Geschlechterforschung angestoßen wurde, kreiste um die Frage, wie die Beteiligung von Frauen an verbrecherischen Diktaturen oder Gewalthandlungen zu erklären sei. In der als „Opfer-oder-Täterinnen-Debatte” bekannten Auseinandersetzung zeigten sich mehrere typische Erscheinungen der Geschlechterforschung: der Anstoß aus der Frauenbewegung, die Akademisierung der Diskussion und schließlich die Erweiterung auf männer- und geschlechterhistorische Fragen. Ausgehend von der intensiven Debatte über das Patriarchat entstand in den 1980er-Jahren innerhalb der Frauenbewegung auch eine Auseinandersetzung über die Frage der „Mittäterschaft” (Christina Thürmer-Rohr).[33] Wie und warum beteiligten sich Frauen an der Unterdrückung ihres eigenen Geschlechts – dies war die Kernfrage der Debatte in kritischer Absicht. Von dieser Frage war es nicht weit zu der Überlegung, was eine potenzielle „Mittäterschaft” denn für die Zeit des Nationalsozialismus bedeute. Damit verschob sich die Diskussion jedoch von einem politischen Anliegen der Frauenbewegung zu einer akademischen Diskussion unter Historikerinnen und Frauenforscherinnen. Diese wiederum hatten sich schon seit Ende der 1970er-Jahre mit der Beteiligung von Frauen am NS-System befasst, überwiegend allerdings unter sozialgeschichtlichen Fragestellungen oder auf der Suche nach dem Widerstand von Frauen.[34] Die weitere akademische Debatte entzündete sich bis Mitte der 1990er-Jahre an dem Vorwurf, die Frauengeschichte des NS sei eine reine Opfergeschichte und verschließe die Augen vor den Täterinnen bzw. „Mittäterinnen”.[35]
Im sogenannten Historikerinnenstreit zwischen Gisela Bock und Claudia Koonz in den Jahren 1989 und 1992 wurden zwei verschiedene Deutungen über den Charakter der Beteiligung von Frauen angeboten: Während Gisela Bock auf der Grundlage ihrer Studien zur Sterilisationspolitik des NS-Regimes auf den Primat der Kategorie „Rasse” in allen Bereichen der nationalsozialistischen Gesellschaft hinwies und damit auf die genaue Differenzierung von Beteiligungsmöglichkeiten von Frauen und Männern, von Verfolgten und Nicht-Verfolgten pochte, plädierte Claudia Koonz, die die Einbindung großer „unpolitischer” Frauenorganisationen in den nationalsozialistischen Staat untersuchte, für einen kritischen Blick auf den vermeintlich so privaten Aktionsraum vieler Frauen, weil es genau diese private Welt gewesen sei, die die gesellschaftliche Akzeptanz von Ausgrenzung und Gewalt so lange ermöglicht habe.
Im Ergebnis hat der eigentliche „Streit” zwischen den beiden Historikerinnen vor allem viele kritische frauen- und geschlechterhistorische Untersuchungen angestoßen, die einen präzisen Blick auf die Handlungsräume von Frauen und Männern im nationalsozialistischen Regime werfen. Die moralisch aufgeladene Frage nach „Opfer oder Täterin” ist inzwischen einer differenzierten Perspektive auf Handlungsoptionen und Ausgrenzungen in der „deutschen Volksgemeinschaft” gewichen, so beispielsweise in der Studie Elisabeth Harveys über weibliche Beteiligungen an der NS-Volkstumspolitik „im Osten”.[36] Zugleich haben sich Teile der NS-Forschung gegenüber einer geschlechterhistorischen Perspektive geöffnet und aufgezeigt, wie wichtig etwa männerbündische Strukturen für die erfolgreiche Integration „ganz normaler Männer”[37] in den Gewaltapparat waren oder wie stark Ideale von Männlichkeit und Kameradschaft[38] das Mitlaufen und Mitmachen prägten.
Wie ergiebig die Integration der Geschlechtergeschichte für die Zeitgeschichte sein kann, zeigen auch jene Studien, in denen geschlechterhistorische Fragen in einem quantitativen wie qualitativen Verfahren diskutiert werden. So lassen sich Forschungsperspektiven kombinieren[39] oder Zeitabschnitte noch einmal gegen den Strich lesen.[40] Um der Frage nach der sozialen Praxis von Geschlechterkonstruktionen und -ordnungen nachzugehen, bieten sich Themen aus den Bereichen Sexualität oder Familienpolitik an.[41] Dort wo Hierarchien und Dichotomien traditionell gut verankert sind, können geschlechterhistorische Studien ebenfalls ergiebig anknüpfen. So werden Berufe und Arbeitswelten nach wie vor nicht nur als Gegenstück zur Familie analysiert – womit sich die nur vermeintlich überholte Geschlechterdifferenzierung von Öffentlichkeit und Privatheit wiederholt –, sondern sie unterliegen auch in sich einer geschlechterorientierten Kategorisierung.[42] Die deutsch-deutsche Geschichte bietet zudem die vorteilhafte Gelegenheit, unterschiedliche politische Implikationen von Gleichberechtigungsstrategien zu untersuchen.[43]
Politische Strömungen und Bewegungen lassen sich geschlechterhistorisch nach ihrer Organisation und nach ihren Inhalten befragen. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen schon einige Studien vor, wobei hier wie auch in der Zeitgeschichte die Konzentration auf konservative und rechte Zusammenhänge auffällt.[44] Nur vereinzelt finden sich auch ähnliche Zugänge zum liberalen oder linken Denken und Handeln und zum Terrorismus.[45] Lokalstudien können den vorpolitischen Raum gut sichtbar machen, in dem sich Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise um politische Partizipation oder Gleichberechtigung bemühten.[46] Besonders fruchtbar erweisen sich wissenschafts- und geschlechtergeschichtliche Kombinationen.[47]
Auffällig ist eine gewisse Selbstbeschränkung der Vertreter/innen der Geschlechtergeschichte in Bezug auf längere Deutungslinien, die sich aber aus dem kritischen Ansatz ihrer Perspektive ergibt. Denn Geschlechtergeschichte hakt vor allem nach, irritiert und problematisiert vermeintlich einheitliche oder lineare Prozesse und Strukturen. Insofern lassen sich Frauen- und Männerstudien in Epochen einordnen, um deren tradierte Deutungen aufzubrechen. So wird etwa die Frauenbewegung differenzierter eingeordnet, wenn ihre Geschichte nicht als Abfolge zunehmender Gleichberechtigungserrungenschaften erzählt wird, sondern als Teil einer kulturellen Transformation seit den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, zu der auch widerstreitende Entwicklungen in der Berufswelt, im Bildungs- und Kultursektor zählen.[48] Überhaupt kann es einer geschlechterhistorischen Zeitgeschichtsschreibung nicht darum gehen, den Feminismus als Erfolgsstory zu musealisieren, sondern seine Theorien und Protagonistinnen zu kontextualisieren und für die Gegenwart zu problematisieren.[49] Daneben harren auch noch die Kategorien der „Westernisierung”, der „Liberalisierung” und des „Strukturwandels” dahingehend einer kritischen Überprüfung, wie sich der postulierte Wandel auch in Veränderungen für Frauen und Männer niederschlug.[50] Mit anderen Worten: Die Perspektive der Geschlechtergeschichte kann und darf von der bundesdeutschen Zeitgeschichtsschreibung stärker für empirische Untersuchungen entdeckt werden.[51]
Ein erstes Ziel einer geschlechterhistorisch erweiterten Zeitgeschichte liegt in der Zusammenführung der (internationalen) Theoriedebatte und der empirischen Forschung zur deutschen Zeitgeschichte. Die historische Geschlechterforschung sollte sich an der Schnittstelle zwischen Gender Studies auf der einen Seite und zeitgeschichtswissenschaftlichen Debatten etwa über Periodisierungen, Materialität oder die Quellenproblematik auf der anderen Seite bewegen. Da sie als eine Perspektive auf Geschichte und zugleich als interdisziplinäres Projekt konzeptioniert ist, das zur Schärfung des Blicks in allen historiografischen Bereichen beitragen will, verfolgt sie somit auch geschichtspolitische Intentionen. Diese werden wohl kaum jemals von allen Kolleg/innen geteilt werden. Wenn sich aber weite Teile der Geschichtswissenschaft im Sinne postmoderner Diskussionen damit abgefunden haben, dass ihre Untersuchungsobjekte nur relational und nicht vollständig darstellbar sind und ihre Kategorien zur Erfassung von Geschichte selbst dem historischen Wandel unterliegen, dann braucht es wohl weniger eine avancierte feministische Geschichtstheorie[52] als vielmehr eine geschlechterhistorisch erweiterte Geschichtsschreibung. Fragen nach den Geschlechterordnungen, -konstruktionen und -dimensionen lassen sich ähnlich routinieren wie die nach dem sozialen Status (class), der nationalen und ethnischen Zugehörigkeit (race), den Machtverhältnissen und ihrer jeweiligen zeitgenössischen Wahrnehmung.
Empirisch angelegte Analysen bieten sich mit Blick auf rechtliche Regelungen und Praxen von Geschlechterverhältnissen an, denn viele gesellschaftliche Debatten wurden im Rahmen von Gesetzgebungsverfahren oder Rechtsprechungen vorangetrieben. Wer sich nur an die politikgeschichtliche Oberfläche der jüngeren und jüngsten Zeitgeschichte wagt, dem fallen mehrere politische Kontroversen auf, die die Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik unmittelbar betrafen. Dazu gehörten in der Frühgeschichte der Republik die Frage des Gleichberechtigungsgrundsatzes im Grundgesetz und die daraus abzuleitenden Revisionen von Gesetzen, etwa hinsichtlich der Vermögensrechte oder des Entscheidungsrechts in ehelichen und familiären Fragen. Für die 1970er-und 1980er-Jahre wäre hier an die Debatte über die Straffreiheit von Abtreibung zu erinnern, in der es um viele grundsätzliche gesellschaftliche Fragen ging, unter anderem, welche Grenzen dem individuellen Selbstbestimmungsrecht gesetzt werden dürfen. In diesen Kontext gehört auch der Streit um das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe; ging es hier doch um die verspätete Diskussion zur Selbstbestimmung von Ehefrauen, die nach langjähriger Rechtspraxis auch noch in den 1990er-Jahren als dem Ehemann untergeordnet wahrgenommen wurden. Schon weniger präsent mag sein, dass erst 1994 in Bonn ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verabschiedet wurde und wiederum erst Jahre später das Gleichstellungsverfahren im öffentlichen Dienst zur Regel wurde.
Diese und andere Etappen der Gleichstellung erscheinen aber nur auf den ersten Blick als eine erfolgreiche Zivilisierungsmission im Bonner Dschungel, denn weder die Debatten noch ihre Ergebnisse folgten einer zwingenden inneren Logik – sie waren in der Regel das Ergebnis öffentlicher Skandalisierung althergebrachter Traditionen durch Feministinnen und Frauenpolitikerinnen. Schließlich muss eine geschlechtergeschichtliche Perspektive den politisch vereinnahmten Begriff der Gleichstellung problematisieren, denn er setzt die Differenz der Geschlechter voraus. Zudem berücksichtigt die Politik erst seit kurzem auch den männlichen Anteil im Gleichstellungsverfahren oder homosexuelle Partnerschaften im Dienstrecht. Der rechtlich-politische Rahmen für Frauen- und Männerleben in der Bundesrepublik bietet somit ein sehr ergiebiges Forschungspotenzial. Eine geschlechtergeschichtliche Analyse kann dabei Hindernisse, Verwerfungen, Beharrung und Umbrüche ebenso wie Erfolgsgeschichten sichtbar machen.
Mit Blick auf die gesellschaftliche Sphäre stellen sich Fragen nach den Mütter-, Väter- und Familienbildern und -realitäten der vergangenen Jahrzehnte. Es kann vermutet werden, dass sich mit der postulierten Auflösung der Kernfamilie keineswegs die Geschlechterverhältnisse anglichen, sondern sich einzelne Rollenzuschreibungen vielmehr verdichteten oder ein Rollback traditioneller Mütter- und Väterideale einsetzte. Auch in Kombination mit Migrationsstudien oder transnationalen und globalen Vergleichen dürften solche Untersuchungen die ungleichzeitige Gleichzeitigkeit von Handlungsräumen und Wahrnehmungen der Geschlechter drastisch ins Auge fallen lassen. Fragen zu den Einflüssen von Religion, Demokratieverständnis und ökonomischer Verteilung liegen in diesem Zusammenhang sehr nahe. Methodisch sollte die Zeitgeschichtsschreibung hierbei quantifizierbare und qualifizierbare Verfahren kombinieren, das heißt Statistiken ebenso heranziehen wie mediale Darstellungen[53] oder Ego-Dokumente. Nur so lassen sich gesellschaftliche Ordnungsachsen und Lebenswirklichkeiten annähernd erfassen.
Ähnliches gilt für die Untersuchungen, die nach geschlechterspezifischen Implikationen von Denkfiguren, Institutionen oder Fächern fragen. Mit der Frage nach dem „Geschlecht von …” verbindet sich die Vorstellung, dass die soziale Konstruktion jedes Lebensbereichs auch auf einer binären Geschlechtscodierung und entsprechenden handlungsleitenden Ordnungsvorstellungen beruht. Sie kann sich in der Popularisierung medizinischer Diskurse[54] oder bestimmter Krankheitsbilder genauso äußern wie in wissenschaftlicher Erkenntnis[55] oder in Debatten über die innere Verfasstheit von Zivilgesellschaften.[56] Von zeitgeschichtlichem Interesse und gleichermaßen aktuell ist das digitale Netz – sowohl wissenschaftspolitisch und -logistisch wie als historisches, realitätsstrukturierendes Objekt. Ob sich das Internet als ein postgender-Medium herausstellen wird, darf bezweifelt werden.[57]
Die Kategorie Geschlecht hat weder historisch noch gegenwärtig betrachtet an Identitätskraft und -zwang verloren. Umso mehr muss zeitgeschichtliche Forschung bereit sein, die geschlechterhistorische Perspektive als notwendige Erweiterung anzuwenden, um die Vorgeschichte zur Gegenwart in allen Facetten analysieren zu können. Neben den in der deutschen Zeitgeschichtsforschung etablierten Kategorien von sozialer und nationaler Zugehörigkeit (class and race) sollte es auch in der deutschen Forschung bald zur methodischen Selbstverständlichkeit gehören, in den kritischen Umgang mit Kategorien und Ordnungsmustern auch das Geschlecht mit einzubeziehen, das die Politik wie den Alltag bis ins Kleinste strukturiert.
↑ Vgl. hierzu auch den Tagungsbericht von Matthias Vigl, „un/diszipliniert?“ Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte. 27.02.2012-29.02.2012, Wien, in: H-Soz-u-Kult, 31.3.2012, online unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4177; Christiane Funken (Hrsg.), WOW – Women On the Web. Geschlechtsspezifische Segregation des Internets im europäischen Vergleich. Im Auftrag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn 2002; dies., Digital Doing Gender, in: Stefan Münker/Alexander Roesler (Hrsg.), Praxis Internet, Frankfurt a.M. 2002, S. 158-181.
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