„Masse“
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 05.11.2013
https://docupedia.de/zg/middendorf_masse_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.32.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 05.11.2013
https://docupedia.de/zg/middendorf_masse_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.32.v1
Die „Masse” ist ein Gespenst der europäischen Geschichte. Sie geistert durch unzählige Weltbeschreibungen und bringt als vage „Angstmetapher” sich wandelnde Erfahrungen von Verdichtung und Vereinzelung zum Ausdruck.[1] Als Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen trat sie erstmals um 1800, noch als weitgehend konturlose Bevölkerungsmenge und abstrakte Vorstellung, in Staatstheorie und Policeywissenschaft auf. Die Französische Revolution bildete für die Massenwahrnehmung das zentrale erfahrungsgeschichtliche Ereignis. Aufrührerische Kollektive und ihr Handeln erschienen zu diesem Zeitpunkt in den europäischen Gesellschaften als eigenständige Macht, deren Genese auf den in der „Sattelzeit” grundlegend veränderten Wissenszusammenhang von Humanisierung und Rationalisierung zurückgeführt wurde.[2]
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts drängte die Masse immer stärker in den Blick der Zeitgenossen in Europa, auch jenseits des diskursiven Höhenkamms. Auf Gemälden und Fotografien, in der Literatur und im Kino, in Technikbeschreibungen und Architektur wurden die bewegte Masse, der Menschenauflauf, der brutale Mob, aber auch der Selbstverlust unter den Vielen und die Vereinzelung in der Moderne erfasst.[3] An der Wende zum 20. Jahrhundert wurde der Massenbegriff schließlich zum terminologischen Signum eines ganzen Zeitalters erhoben und als eigenständiger Gegenstand der Wissenschaften entdeckt, der neben andere europäische Kollektivkonzepte wie „Volk”, „Klasse” oder „Nation” trat.[4]
Kritische Äußerungen über die Vielen und die Kontrastierung mit einem geistig und ethisch überlegenen Individuum reichen gleichwohl bis in die Antike zurück. Der Gestus elitärer Selbstdistanzierung von der Barbarei der Überzahl und die Sorge vor der Verführung des Pöbels durch das Laster („Brot und Spiele”) besaßen insofern eine eigene Kontinuität und finden sich schon in der griechischen und römischen Philosophie des Politischen. Sie spielten als intellektuelle Anknüpfungspunkte für die Massenbeobachtungen im 19. Jahrhundert eine eigene Rolle, und dies bei solch unterschiedlichen Denkern wie Nietzsche und Marx.[5] Doch erhielt die Perzeption der Masse seit dem späten 19. Jahrhundert zugleich eine andere Qualität. Hier ging es nicht mehr nur um die Bestimmung sozialer Hierarchien und politischer Partizipationsmöglichkeiten, sondern um die umfassende Selbstreflexion moderner Gesellschaften. Darin wurden konkrete politische, technische, ökonomische und soziale Veränderungen der Zeit ebenso verhandelt wie ein damit verknüpfter säkularer Egalisierungs- und Mobilisierungsprozess, der in den aufsteigenden Wissenschaften in zunehmend professionalisierter Form dokumentiert wurde. Diese moderne Debatte veränderte die Idee des Individuums und erhob in ihrem weiteren Verlauf die Masse zu einer spezifischen Sozialkategorie, die nicht mehr allein durch ihre zahlenmäßige Abgrenzung vom zivilisierten Einzelnen erklärbar und von deren Permanenz in der Sozialordnung auszugehen war. Die Menschenmengen der Großstädte, die Technisierung der Lebenswelten, die ausgreifende Industrialisierung, die Beschleunigung von Welterfahrung, die politische Demokratisierung und die wachsende kommunikative Vernetzung spielten dabei zusammen und konturierten eine krisenhafte Problemwahrnehmung, aber auch moderne Machbarkeitsphantasien.[6]
Angenommen wurde dabei, dass die Zukunft des Individuums in den Gesellschaften der Moderne prekär geworden sei und die bisherigen sozialen Zuordnungen nicht mehr funktionierten. Die Masse wurde als ein Äußeres der gesellschaftlichen Ordnung beschrieben und rückte doch zugleich ins Innere eines neuen Ordnungsdenkens. In diesem Massenkonzept wurde das ambivalent gewordene Verhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft/Gesellschaft erfasst und zugleich zu organisieren versucht. Diese anhand der Massen diskutierte Problemstellung entwickelte sich im 20. Jahrhundert zur Kernerfahrung einer Moderne, die sich ihren Beobachtern immer weniger als Fortschrittsentwicklung und immer mehr als konflikthafte, oft gewaltsame „Aushandlung” und als zwiespältiges Kontingenzphänomen darstellte.[7]
Am Konzept der Masse lassen sich somit gesellschaftshistorische Konstellationen und ihr Wandel über die Zeit ablesen. Gerade weil die Masse bis zu einem gewissen Grad ein catch-all-Begriff war, konnte sie in unterschiedlichen Zusammenhängen für die Zuspitzung von Problemwahrnehmungen herangezogen werden. In dem, was als Masse jeweils erkannt wurde, zeigten sich wichtige Erfahrungsmuster und Handlungsstrategien, stets bezogen auf die für die Moderne so grundlegende Ambivalenz von Kollektivität und Individualität. Als vielseitig verwendbares Deutungskonzept erlangte die Masse nicht nur beschreibende, sondern auch konstitutive Bedeutung für politische, soziale und kulturelle Prozesse.
Doch hat sich die Historiografie der Geschichte des Massenbegriffs, seinen erfahrungs- und wahrnehmungsbedingten Aufladungen sowie seinem analytischen Wert bisher nur vereinzelt gewidmet. Allenfalls wird die Masse beiläufig als deskriptive Kategorie für diverse Viel- und Mehrheitsphänomene oder als kulturpessimistisches Schlagwort verwandt.[8] Zwar ist in den vergangenen Jahren, angeregt sowohl durch die neuartigen multitudes der Netzgesellschaft als auch durch die seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gestiegene Bedeutung von (medialisierten) Massenevents, in den Sozial- und Kulturwissenschaften eine Wiederentdeckung der Masse und ihrer bekanntesten Theoretiker zu beobachten, doch findet diese bisher weitgehend ohne Beteiligung der Geschichtswissenschaft statt. Die Masse bleibt daher für die zeithistorische Forschung sowohl als Konstrukt mit eigener Geschichte als auch als Konzept zur Analyse historischer Konstellationen noch zu entdecken.
Wie andere Sozialphänomene unterlag auch die Deutung der Masse zeitweilig einer Verwissenschaftlichung. Diese nahm ihren Ausgang an der Wende zum 20. Jahrhundert. Doch bereits zuvor war die Masse Gegenstand akademischer Diskussionen gewesen. In philosophischen, literarischen, physikalischen, medizinischen und kriminologischen Weltbeschreibungen erhielt die Masse erste Konturen als spezifischer Terminus und zugleich als Sinnbild einer problematischen Gegenwartsempfindung, bevor sie mit dem Aufstieg der Sozialwissenschaften seit 1900 zu einer Grundkategorie gesellschaftlicher Ordnungsentwürfe wurde.[9]
Bei den europäischen Staatsdenkern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts diente der mit dem Begriff der Masse verknüpfte Befund der Vervielfältigung sozialer Beziehungen und der politischen Präsenz des Volkes vor allem als Ausgangspunkt des Nachdenkens über eine regulierende und regierende Instanz; die Massen blieben demgegenüber Randerscheinung. So bildete etwa bei Hegel, wie zuvor bei Hobbes, die „formlose Masse” nur die theoretische Opposition zum Staat als dem „in sich geformten Ganzen”, dem das eigentliche Interesse galt.[10]
In der Pauperismus-Diskussion des Vormärz und im Marxismus nahm der Begriff der Masse dann eine Mittelposition ein zwischen dem noch auf die Ständegesellschaft rekurrierenden Terminus „Pöbel” und dem Klassenkonzept des „Proletariats”: Die Masse war darin die Unterschicht, die nicht mehr ständisch gebändigt war, ihre Rolle im Klassenkampf aber noch nicht gefunden hatte. Der Begriff beschrieb somit einen Übergangszustand des Zerfalls und der Trägheit der „vereinzelten Einzelnen” im Moment vor der Mobilisierung, insofern wurde er kaum theoretisch gefasst. Er erhielt allerdings ein deutlicheres Sozialprofil, da er vorrangig für die heimatlosen, in urbanen und industriellen Kontexten zusammengefassten „Arbeitermassen” verwendet wurde. Irrationalität, Lasterhaftigkeit, Dissoziation und Geistfeindlichkeit wurden in diesem Zuge zu Eigenschaften der Masse erklärt.[11] Letztlich aber war der Begriff der Masse für Marx und Engels allenfalls eine temporär genutzte Kampfvokabel in der Auseinandersetzung mit den Junghegelianern.[12]
![Chemnitz, Karl Marx-Monument, FDJ-Versammlung 10. Oktober 1971, Fotograf: Wolfgang Thieme, Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-K1010-0007,_Chemnitz,_Karl-Marx-Denkmal,_FDJ_Versammlung.jpg Wikimedia Commons/Bundesarchiv, Bild 183-K1010-0007] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC BY-SA 3.0 DE]).](sites/default/files/import_images/1524.jpg)
Als erster europäischer Theoretiker der Massengesellschaft gilt Alexis de Tocqueville, der anhand der amerikanischen Demokratie die Spannung zwischen Prozessen der Egalisierung und der Vereinzelung im Privaten beschrieb. Die Masse war bei ihm nicht mehr abgrenzbares soziales Gebilde, sondern ein umfassendes Prinzip der Atomisierung, der „Despotismus der Mehrheit”.[13] Auch de Tocqueville strebte die Überwindung der Massengesellschaft an, jedoch nicht durch Klassenkampf, sondern durch Versittlichung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Anders als bei Hegel war für de Tocqueville hierfür der bürokratische Staat nicht die Lösung, sondern die eigentliche Gefahr. De Tocquevilles abwägende Positionen entfalteten nach seinem Tod allerdings zunächst kaum mehr Wirkung; die Rolle der lautstarken Deuter der Massengesellschaft übernahmen andere, etwa der historisch arbeitende Philosoph und Kulturkritiker Hippolyte Taine mit seinen Beschreibungen animalischer und verführter Massen in der Revolution.[14] Hannah Arendt und Emil Lederer entwickelten de Tocquevilles Thesen in ihren Totalitarismusanalysen seit den 1940er-Jahren weiter; über deren Rezeption gelangten sie schließlich auch in das Repertoire der Historiografie.[15]
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet die Masse in den Blick der physikalischen und mathematischen Wissensproduktion. Zustände von Bevölkerungskonglomeraten dienten der Physik zur Veranschaulichung eigener Versuchsannahmen und Paradigmen, etwa bei Ludwig Boltzmann. In der disziplinären Debatte, insbesondere in James Clerk Maxwells Arbeiten zur kinetischen Gastheorie, verlagerte sich zugleich die Perspektive immer stärker von der deterministisch exakten Beschreibung „träger” Massen als Materie und physikalische Gleichgewichtszustände in Richtung thermodynamischer Abläufe und probabilistischer Zusammenhänge, die schließlich in die Relativitätstheorie mündeten. „Kraft”, „Bewegung” und „Energie” waren Begriffe, die nun aus der Physik in die massengesellschaftliche Selbstbeschreibung übernommen wurden und mechanische Konzeptionen sozialer Ordnung transformierten. Terminologisch ging dabei, jedenfalls in den englischen Originaltexten, der Wandel vom technischen Wort mass zum Begriff der crowd als pejorativ aufgeladenem Sozialkonzept einher.[16]
Für solche naturwissenschaftlich geprägten Deutungen der Massengesellschaft erlangten darüber hinaus statistische Studien Bedeutung, insbesondere die Arbeiten Adolphe Quetelets, die sich auf der Basis von Wahrscheinlichkeitsrechnungen der „sozialen Physik” von Massenerscheinungen und dem „Gesetz der großen Zahl” widmeten. Die Masse wurde in diesem Zusammenhang zu einer Kategorie der Normalisierung. Sie sollte den Faktor der Individualität aus sozialen Erscheinungen herausrechnen und durch den Faktor des mathematischen Mittelmaßes ersetzen.[17] Diese analytische Annahme einer Gleichförmigkeit der Menschen im jeweils untersuchten Zusammenhang erwies sich zu weiten Teilen als wissenschaftliche Fiktion; gleichwohl wirkte die Zähmung der Masse als Zahl und die Vorstellung von der „Gesetzmäßigkeit” von Massenphänomenen bis ins 20. Jahrhundert weiter und prägte ein modernes Ordnungsdenken der Massengesellschaft, das sich mit Machbarkeitsphantasien und technokratischen Optionen verbinden ließ.[18]
In der Medizin verknüpfte sich der Massenbegriff im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem mit der Konjunktur des Begriffs der „Ansteckung” und dem wachsenden Interesse für Phänomene des Irrationalen. Die wissenschaftshistorische Dominanz des Positivismus in dieser Phase brachte insbesondere in Frankreich eine Konstellation hervor, in der medizinische und biologistische Erklärungsmuster für soziale Entwicklungen besondere Plausibilität besaßen.[19] Wahnsinn, Neurasthenie und Verbrechen als Erscheinungen des „Anormalen” wurden dabei mit dem Konzept der Masse in Beziehung gebracht, das hier nicht Durchschnittlichkeit verkörperte, sondern Devianz. Gerade die hypnotisierte und durch Suggestionen fehlgeleitete Menschenmenge entwickelte sich um 1900 zu einem Sozialkonzept, das Gültigkeit für die Beschreibung der Gesamtgesellschaft beanspruchte und in der von Dekadenzdebatten geprägten Öffentlichkeit des fin de siècle große Aufmerksamkeit erhielt. Was im Falle des Individuums zuvor als irrationale Abweichung und monströse Ausnahme angesehen worden war – Perversion, Nervenschwäche, Barbarei – erschien für die modernen Massen ganz regulär; die Unvernunft und Triebhaftigkeit des Einzelnen wiederum wurden zum Ausdruck seines aufscheinenden Massencharakters.
Gustave Le Bon, der bekannteste und in der Geschichtswissenschaft am häufigsten zitierte Massentheoretiker der Jahrhundertwende, legte mit seiner 1895 veröffentlichten Psychologie des foules eine publikumswirksame Synthese von auf die Masse bezogenen naturwissenschaftlichen, medizinischen, sozialdarwinistischen, rassenkundlichen und kulturpessimistischen Wissensbeständen seiner Zeit vor. Das Buch, in dem Le Bon die psychologische Kontur sowie die soziale Wirkmacht der „Massenseele” umriss und verschiedene Massenarten vorstellte, wurde zu einem Bestseller und ließ Le Bon vielfach als Begründer einer eigenen Wissenschaft von den Massen erscheinen.[20] Vergleichbare sozialpathologische und psycho-physiologische Deutungsweisen von Massenerscheinungen waren aber zuvor bereits im Kontext kriminologischer Diskussionen um die Ursachen von Verbrechen und Gewalt herangezogen worden, insbesondere von der italienischen Schule um Cesare Lombroso, Enrico Ferri und Scipio Sighele sowie von dem französischen Juristen und Sozialphilosophen Gabriel Tarde.[21]
In diesen Debatten um die Massenkriminalität wurde die Primitivität und Bedrohlichkeit von Massenverhalten betont, wie man sie mit der Pariser Commune oder den anarchistischen Attentaten der 1890er Jahre in Frankreich erlebt hatte, doch zugleich auch zwischen guten und schlechten Massenerscheinungen unterschieden. Die Ambivalenz von Massenphänomenen, die in der Rezeptionsgeschichte dieser Theoretiker lange Zeit ausgeblendet wurde, hat insbesondere Tarde konzeptualisiert: in der Kontrastierung von „Massen” (foules) und medial erzeugten „Öffentlichkeiten” (publics). Letztere erschienen ihm als mögliche Hoffnungsträger einer vernetzten Weltgemeinschaft, die das Zeitalter der national bestimmten Massen (und Staaten) hinter sich lasse.[22] Dieser Aspekt hat in den vergangenen Jahren zu einer (Wieder-)Entdeckung Tardes als Theoretiker einer modernen Form des Sozialen, basierend auf Intersubjektivität und medialen Konfigurationen, beigetragen.[23]
Nicht nur als Kulturkritik, sondern als Konzeption einer „Politik der Kontrolle eines mit Eigenlogik ausgestatteten Gegenstands – kurz: der Kontrolle selbstreferenzieller Massen”,[24] die Dezentralität und Zentralität in modernen Gesellschaften zusammenzudenken versuchte, beschreibt die Massenpsychologie der Jahrhundertwende somit grundlegende Problemlagen auch der Zeitgeschichte. Als Vordenker komplexer Strukturbedingungen und Sozialtechnologien der Moderne – jenseits simpler Konzeptionen von elitärer Herrschaft und „Charisma”[25] – bleibt daher auch der vermeintliche Kulturpessimist Le Bon historisch noch neu zu verorten.[26] Mit den Theorien Le Bons und Tardes sowie den an sie anknüpfenden europäischen Massenpsychologen wie Sigmund Freud wurde die Masse zum unwiederbringlichen (und nicht mehr außerhalb der Ordnung, sondern in ihrem Zentrum stehenden) gesellschaftlichen Faktum erhoben.[27] Dies war in vielschichtiger Weise verkoppelt mit einem fundamentalen Krisenempfinden und Fortschrittszweifel, die sie von früheren Massendeutungen unterschieden. In dieser Phase thematisierte die Massenwahrnehmung also ein umfassendes Gefühl des Selbstverlustes und zugleich Visionen gesellschaftlicher (Selbst-)Steuerung.
Dieses Zusammenspiel von Kulturkritik und Ordnungsdenken prägte seit 1900 auch die Soziologie in ihrem Selbstverständnis als neue Leitwissenschaft der Massengesellschaft.[28] Nach der Hochphase der französischen Massenpsychologie in den 1890er-Jahren dominierten zunächst kulturdiagnostische Perspektiven, die eher Ausdruck (bildungs-)bürgerlichen Krisendenkens denn sozialer Wissenschaft waren. So kritisierte Robert Michels 1902, der Begriff der Masse habe immer „etwas […] sonntagnachmittagmäßiges an sich”. Zumeist beginne der Begriff der Masse „haarscharf unter [der] eigenen […] sozialen Stellung” des Betrachters, bringe also eher Distinktionsbemühungen als wissenschaftliche Erkenntnisinteressen zum Ausdruck.[29] Dieser Befund gilt insbesondere für die deutschsprachige Massenperzeption mit ihrer Universalsemantik von „Bildung und Kultur”.[30]
So war etwa in Nietzsches Kritik an „Pöbel-Mischmasch” und „Maschinen-Cultur” oder in Werner Sombarts Beschreibung der Masse als „amorpher Bevölkerungshaufen” und „tote Menge von lauter Einsen” das Massenphänomen eine arbiträre Kategorie, die keine ausführliche wissenschaftliche Analyse erforderte.[31] Selbst Georg Simmel, der gelegentlich als „der deutsche Tarde”[32] gilt, widmete dem Phänomen der Masse keine eigene Studie, sondern erwähnte sie eher beiläufig – vermittels der Rezeption der französischen Terminologie – als eine „Vielheit als aktuell zusammenbefindliche Menge”.[33] Erst in der Zwischenkriegszeit formte sich in Deutschland eine soziologische Deutung der Massen, die sich als akademisch begriff und methodisch arbeitete. Zugleich brachte sie die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges sowie der Novemberrevolution zum Ausdruck. Jüngere Wissenschaftler wie Theodor Geiger, Gerhard Colm oder Wilhelm Vleugels entdeckten in der „Aktion” der Massen ein intellektuelles Arbeitsfeld und zugleich ein organisierbares Moment der Gruppenidentität und der Gemeinschaftsstiftung im „Wirerlebnis” (Colm).[34] Außerdem rückte die „Massenkultur” als Form der Modernität, beschrieben insbesondere von Siegfried Kracauer und Walter Benjamin, in den Fokus.[35] Seither standen Massen und Massengesellschaft als Sozialkategorien in engem Zusammenhang mit der Geschichte der Soziologie als Disziplin in Europa; doch die meisten der genannten deutschen Massensoziologen konnten sich akademisch zunächst nicht etablieren, sondern wurden im nationalsozialistischen Deutschland zur Emigration gezwungen.[36]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelangte der sozialwissenschaftliche Massendiskurs zunächst an ein Ende; der Begriff der „Masse” überwinterte im Bereich der Kulturkritik. Die Rezeption der bereits in den 1930er-Jahren entstandenen Thesen Ortega y Gassets sowie die Wiederentdeckung der Kritik an der organisierten Massengesellschaft und den Verführungen einer Kulturindustrie, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer seit der Zwischenkriegszeit vertreten hatten, verengten den Massendiskurs vor allem in Deutschland auf eine kulturpessimistische Sicht der Gegenwart. Diese wurde gespeist von den verstörenden Erfahrungen der formierten und manipulierten Massengesellschaft des Nationalsozialismus.[37]
International und unter Einfluss der amerikanischen Sozialforschung kam es zeitweilig zu einer gewissen Aufwertung der Massenkultur und vor allem der Massenmedien als Gegenstand der intellektuellen Auseinandersetzung, womit in einigen Ländern auch kulturpolitische Ziele verfolgt wurden. Ausgehend von ihrer Medialisierung wurde die Masse hierbei zunehmend als Abstraktion im Sinne eines Durchschnitts von Konsumenten gefasst, was mit der Individualisierung des Konzepts und dem zunehmenden Wegfall des Plurals („Massen”) einherging. In der Medienforschung und Demoskopie wurde die Vorstellung einer virtuellen Masse wichtig und unter verschiedenen Parallelkonzepten (wie etwa der „Quote” oder der „öffentlichen Meinung”) gefasst.[38] Als sozialwissenschaftlicher Terminus für die umfassende Beschreibung der Gesellschaften in Europa verlor der Begriff der Masse in dieser Phase aber seine Überzeugungskraft. In der Soziologie wurde er von Kollektivtheorien der „Gruppe” und dem Konzept der „sozialen Bewegungen” überlagert.[39]
In den Cultural Studies angelsächsischer Provenienz, insbesondere bei Raymond Williams, blieb das Massenhafte zwar grundsätzlich von Interesse, löste sich im Zuge eines Aufwertungsprozesses aber in der optimistischeren Kategorie des „Populären” auf. Ähnliches gilt auch für die französische Kulturtheorie. Diese Positionen inspirierten historiografische Forschungen, die sich mit volksnahen, folkloristischen oder milieubedingten Sozial- und Kulturformen beschäftigten, den Begriff der Masse aber vermieden.[40]
Seit den 1980er-Jahren ist jedoch international wieder eine gewisse Konjunktur des Massenbegriffs zu erkennen.[41] Diese hat in den vergangenen Jahren insbesondere die Kulturtheorie erreicht, die sich mit soziologischen Diskussionen um „Netzwerkgesellschaft”, „Schwarmintelligenz” und multitudes verbindet.[42] Wenngleich die Entstehung dieser Massendebatte wiederum in den Krisen- und Deregulierungserfahrungen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts zu verorten ist, hat sie sich anders als ihre Vorgängerin um 1900 von kulturkritischen Tönen weitgehend befreit. Auch sie sieht sich gleichwohl als wissenschaftliche Form der Gegenwartsdiagnose und bietet eine (nun allerdings relativ optimistische) Einschätzung der Verhaltenslogiken von Viel- oder Mehrheiten. Gegenüber den Massenbegriffen der Jahrhundertwende betont diese Massendebatte stärker die Selbststeuerung und das offene Beziehungsgeflecht zwischen Einzelnen, die sich als fortbestehende „Singularitäten” im Kontext einer (realen oder virtuellen) Menge bewegen. Der demokratische „Möglichkeitssinn” in Massenkonstellationen rückt dabei ebenso in den Fokus wie die Erfahrung von „Kontingenz” als Sinnbild der Gestaltungsoffenheit gegenwärtiger Gesellschaften.[43] Andererseits sind aber auch zahlreiche Übertragungen aus älteren Massenperzeptionen zu beobachten, etwa in der biologistischen Metaphorik, in den Annahmen über die spontane Herausbildung sozialer Bindungen in der Menge oder in der besonderen Aufmerksamkeit für Phänomene der Affektivität.[44]
In der Geschichtsschreibung und insbesondere in der Zeitgeschichte wurde die Masse bisher nur selten als historisch wandelbares Wahrnehmungs- und Deutungsphänomen mit eigener Geschichte untersucht. Sie gerät vor allem dort in den Fokus, wo sich die historischen Erscheinungen der Forschung in irgendeiner Form als „massenhaft” darstellen oder bereits zeitgenössisch solcherart beschrieben wurden. Dann wird die Masse jedoch zumeist als gegebener Gegenstand und nicht als spezifische Konstruktion verstanden (auch wenn dies nicht immer klar zu trennen ist). Ein konturiertes Feld der historiografischen Auseinandersetzung mit Massenphänomenen existiert ebenso wenig wie eine geschichtswissenschaftliche Diskussion um die verwendeten analytischen Massenkonzepte. Nachfolgend zeigen gleichwohl einige exemplarische Forschungsbereiche Problemlagen, Selbstbeschreibungen und Phänomene der Massengesellschaft seit dem 19. Jahrhundert auf und bieten Anregungen für die Weiterentwicklung der zeithistorischen Perspektive auf die Masse.
Nicht nur in der Deutung der Französischen Revolution, sondern auch in der geschichtswissenschaftlichen Analyse der Arbeiterbewegung und des sozialen Protests im 19. und 20. Jahrhundert hat die Figur der Masse eine Rolle gespielt, meist allerdings in eher metaphorischer Verwendung und nicht als elaboriertes Konzept. In diesem Zusammenhang wurde diskutiert, inwiefern das Agieren großer Menschenmengen nicht nur als Form des revolutionären Aufbegehrens und der gewaltsamen Überwindung von Ordnung, sondern auch als ordnungsstiftendes Moment moderner Vergemeinschaftung „von unten” gedeutet werden muss.[45] Bedeutung hat das Phänomen der Masse darüber hinaus in der Analyse totalitärer Massenpolitik und Herrschaftspraxis erlangt. Der mobilisierende Mythos des Massenhaften (auch der Massengewalt) war schon um 1900 von linken wie rechten Denkern entdeckt worden und wurde auch in der historiografischen Analyse herangezogen, insbesondere um die Faszinations- und Formationsmacht des Nationalsozialismus und des Faschismus zu erklären.[46] Die Mystik des in der Masse inszenierten Gemeinwillens sowie das innere Verhältnis von Masse und Nation rückten dabei ebenso in den Fokus wie die spezifische Modernität der geführten und geformten Masse. Neben massenpsychologischen Deutungen in der Nachfolge Le Bons haben für die geschichtswissenschaftliche Forschung hier insbesondere Elias Canettis anthropologische Skizzen der gewaltbasierten Massengesellschaft eine Rolle gespielt. Canettis Thesen zum Verhältnis von „Masse und Macht” resultierten aus seiner eigenen Erfahrung der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur. Sie haben auf der Ebene der gesellschaftstheoretischen Reflektion zwar eine gewisse Aufmerksamkeit gefunden, die zeithistorische Empirie bisher aber nicht explizit geformt.[47]
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor zudem die erfahrungsgeschichtliche Prägekraft der „anwesenden Masse” an Relevanz, sodass sich auch Historiker/innen unter dieser Perspektive bisher der Zeit nach 1945 wenig gewidmet haben. Dies gilt insbesondere für die westeuropäische Historiografie. Eine gewisse Rolle spielt die Frage der Perzeption der Masse in der jüngeren Forschung zu Staatsgewalt, Protestbewegungen und Sicherheitspolitik, da sie in diesem Bereich auch einen wiederkehrenden Quellenbegriff darstellt. Doch wird dabei eine Systematisierung der historiografischen Erkenntnisse unter einem analytischen Konzept der Masse vermieden, vielmehr für die wissenschaftliche Beschreibung nach alternativen Termini wie etwa „die Vielen” (Alf Lüdtke) gesucht.[48] Die Masse sowohl in ihrer konkreten als auch in ihrer abstrakten, medialen Form als Objekt einer spezifischen Problemwahrnehmung wie auch als Element einer elaborierten Symbolpolitik zu verstehen, die nicht nur von autoritären Staaten angewandt wurde, sondern auch in demokratischen Kontexten Bedeutung besaß, bleibt somit noch eine offene Forschungsfrage. Hier bieten sich auch Anschlusspunkte für eine „neue Politikgeschichte” bzw. eine Kulturgeschichte des Politischen.
Eine weitere Forschungsperspektive richtet sich auf die Rolle der Masse als Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion und sozialtechnischer Formierung. Die psychologischen und soziologischen Massentheorien des 19. Jahrhunderts sahen sich als Beiträge zur Sozialanalyse und Sozialprognose; sie spielten daher eine Rolle nicht nur für das engere Feld der Politik, sondern auch für den Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Bereich der Sozialfürsorge und Wohlfahrt. Insbesondere das Massenverbrechen wurde unter dieser Perspektive in den Blick genommen; biologistische Deutungen von Kriminalität verwoben sich dabei mit kulturkritischem Pessimismus und sozialtechnologischen Phantasien einer möglichen Gesundung des „Gesellschaftskörpers” von den vermeintlichen Masseninfektionen der Zeit.[49] Der in den modernen Gesellschaften an Bedeutung gewinnende Typus des Sozialexperten, für den auch einige der Massentheoretiker standen, fand zudem dort einen Wirkungskreis, wo es um eine massenhafte Steuerung von Prozessen der Reproduktion ging: So war Bevölkerungspolitik in ihrer Konzeption vielfach Massenpolitik. Der sozialwissenschaftliche Begriff der „Population” nahm in diesem Zusammenhang Elemente der Massenwahrnehmung auf, die bis heute in Theorien der Biopolitik und der Gouvernementalität weiterwirken.[50]
Die Frage der Formung von kollektivem wie individuellem Verhalten werfen auch die materiellen Techniken der Massengesellschaft auf. Die Forschung hat hier bisher vor allem die Industriegesellschaft mit ihren fordistischen Produktionsmechanismen und Strategien des Massenkonsums (vielfach im Kontext von „Amerikanisierung in den Blick genommen;[51] für die Wissens- und Informationsgesellschaft des 20. und 21. Jahrhundert wären andere Technologien einzubeziehen, insbesondere virtuelle Kommunikationsströme und Netzwerke.[52] Inwiefern diese informationellen Infrastrukturen tatsächlich, wie oft vorausgesetzt, massenhafte und zugleich egalitäre Verfügbarkeit besitzen oder inwiefern auch in der virtuellen Welt mittels der Technik formierte soziale Schichtungen und gruppenspezifische Verhaltensweisen eine Rolle spielen, bleibt zeithistorisch noch zu untersuchen. Dies gilt auch für die Frage nach der zentralen Steuerung solcher auf Dezentralität ausgelegten Technologien.
In der zeithistorischen Forschung dominieren gegenwärtig insgesamt die in einem engeren Sinne kulturgeschichtlichen Perspektiven auf Massenphänomene. Zunächst sind hier die Analysen der bildungsbürgerlichen Kritik an der Massengesellschaft und des seit 1900 geführten Abwehrkampfes gegen die (meist: „amerikanische”) Massenkultur zu erwähnen, welche die These eines deutschen „Sonderwegs” für den Bereich der Kultur aufgriffen und schließlich in die Diskussion um „Westernisierung” und soziokulturelle „Liberalisierung” seit den 1960er-Jahren mündeten.[53] Hinzu kommen Forschungen zu Einzelbereichen wie Film, Werbung, Funk, Jugendkultur, Konsum und Freizeit, die hier nicht dokumentiert werden können und ob ihrer Diversität bisher auch keinen gemeinsamen Forschungszusammenhang im Hinblick auf die Analyse einer Kultur moderner Massengesellschaften bilden.[54]
Stärker systematisiert und mit Bezug auf massentheoretische Aspekte konzeptionell reflektiert wurden hingegen neuere Debatten zur Medien- und Kommunikationsgeschichte des 20. Jahrhunderts, die etwa eine „massenmediale Sattelzeit” (Habbo Knoch/Daniel Morat) zwischen 1880 und 1960 postulieren.[55] Darüber hinaus erweisen sich auch Forschungen zu kulturellen Masseninszenierungen und Massenfesten als anregend für eine reflektierte kulturgeschichtliche Perspektive auf die Masse in der Zeitgeschichte. Insbesondere Osteuropahistoriker/innen haben hier in den vergangenen Jahren Studien vorgelegt, welche den kulturpolitischen Umgang mit dem Faktor Masse nicht mehr als vermeintlich universelles Instrument der Manipulation verstehen, sondern als vielschichtigen Ausdruck systemspezifischer Herrschaftspraktiken, ökonomischer Bedingungen, gesellschaftlicher Erfahrungen und national unterschiedlicher Deutungsweisen analysieren.[56]
Die Kultur der Massen wird in solchen historiografischen Forschungen als soziales und politisches Konstrukt erkennbar gemacht. Gleichwohl wird das analytische Verfahren selten geöffnet für historisch-anthropologische, diskursanalytische oder wissenssoziologische Methoden. Begriffshistorische Kontextualisierungen und die Berücksichtigung national unterschiedlicher Semantiken und Institutionen des Massenhaften werden allenfalls angedeutet. Hier kann die Zeitgeschichte von der Einbeziehung neuerer literaturhistorischer und kulturwissenschaftlicher Forschungen profitieren, die (wenn auch häufig ohne historische Tiefenbohrung) den Wandel von Massenkonzepten untersuchen und diese Perspektive auch für das Ende des 20. und den Beginn des 21. Jahrhunderts fortführen.[57] In der Historiografie ist eine solche eigenständige Perspektivierung der Bedeutung von Massenperzeptionen im kulturellen Feld, die sich nicht auf eine Geschichte der Kulturkritik und elitären Massenverachtung beschränkt, erst noch zu konturieren.[58]
Insbesondere im Bereich der Kultur war die „Masse” eng verbunden mit dem „Populären”. Diese Dualität war zunächst verknüpft mit der Dichotomie von Abwertung („Massenkultur” als Form der Entfremdung) und Aufwertung („Populärkultur” als Ausdruck der Selbstbestimmung), bevor das Populäre das Massenhafte zunehmend als Deutungskategorie ersetzte. Dies brachte einen Rückgang der Kritik an der kulturellen Manipulation ungebildeter Unterschichten mit sich, die von der Wahrnehmung der Aktivität breiterer Gruppierungen bzw. „Bewegungen”, der Annahme eines „Eigensinns” dieser Gruppen sowie von der Akzeptanz eines größeren Publikums im Feld der Kultur abgelöst wurde. In der Folge wurde das Populäre als „Pop” nicht nur immer mehr zum Signum des Mainstream, sondern zunehmend ästhetisiert und von seiner Funktion als Ausdruck politischer oder sozialer Entwicklungen gelöst. Damit einher gingen schließlich Theoretisierung und Akademisierung, die inzwischen auch die Zeitgeschichte erreicht haben. Die historische Bedeutung, welche die Zurückdrängung des Begriffs der Masse bzw. der Massenkultur zugunsten des Konzepts des Populären für die Produktion und Rezeption der entsprechenden Kulturformen und für ihre gesellschaftliche Wirkmacht hatte, ist bisher aber kaum untersucht worden. Auch steht eine historiografisch entwickelte Definition der verschiedenen Begriffe bzw. eine Analyse des mit ihnen zeitgenössisch jeweils Beschreibbaren aus. Das gegenwärtig entstehende Feld der „Pop History” stellt sich diesen Fragen nach Begriffen, Inhalten und Zäsuren einer Geschichte von Massen- und Populärkultur verstärkt, ist aber bisher eher medien- als geschichtswissenschaftlich geprägt. [59]
![Madagaskar, Dance Flashmob in Baku 2011, Urheber: Ekolok, Quelle: [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Madagascar_Flashmob_1.jpg?uselang=de Wikimedia Commons] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0]).](sites/default/files/import_images/1525.jpg)
Eine analytische Produktivität des Konzepts der Masse ist für die Historiografie vor allem durch die Einbeziehung wissenssoziologischer und sozialkonstruktivistischer Überlegungen zu seiner Entstehung und Verwendung in sich verändernden historischen Kontexten zu erwarten. Empirische Erkenntnisse über (national) unterschiedliche Massensemantiken und entsprechende Dispositive in Europa stellen Forschungsdesiderate dar, denen sich die Geschichtswissenschaft widmen sollte. Nationale Varianten der Begriffsverwendung von crowd/foule/massa/Masse und international verschränkte zeitgenössische Rezeptionsprozesse wären dann mit den von der Historiografie verwendeten analytischen Kategorien kritisch zu verbinden, die Massentheorie der Zeitgenossen also mit der Massentheorie der Zeitgeschichte in Beziehung zu setzen. Dies bedeutet auch, die Masse aus dem engen Feld der Kulturkritik zu lösen und sie nicht mehr allein anhand der selbstreferenziellen Codes intellektueller Eliten und ihrer Theorieentwürfe aufzusuchen. Vielmehr gilt es, nach den historisch besonders wirkmächtigen Dimensionen des Massenhaften zu fragen, anhand der Kategorie der Masse also problemgeschichtliche Perspektiven zu entwickeln. Dies betrifft insbesondere ihre Verknüpfung mit der Konstruktion von Subjektivität, Sozialität und Modernität.
Die bereits im 19. Jahrhundert diagnostizierte Spannung zwischen dem Ideal des autonomen Individuums und der kollektivierenden Massenerfahrung ist auch für die Zeitgeschichtsschreibung relevant. Angesichts gegenwärtiger Diskussionen um Handlungsspielräume und agency, um die reflexive Moderne und um Subjektivierung durch soziale Interaktion wird auch die Frage, wie sich im 20. Jahrhundert das Individuelle im Verbund mit dem Kollektiven rekonstituierte bzw. wie sich dieses Wechselverhältnis historiografisch beschreiben lässt, aufgeworfen.[60] So erscheint es beispielsweise notwendig, den Einfluss von sich wandelnden Massenkonstellationen auf die Wiederermächtigung des Individuums, den die neueren Sozial- und Kulturtheorien betonen, auch in der zeithistorischen Forschung stärker zu berücksichtigen. Der ältere sozialwissenschaftliche Befund der „Individualisierung” in der Massengesellschaft der derzeit in der geschichtswissenschaftlichen Erforschung des späten 20. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wird, wäre dabei zu ergänzen um Aspekte der Reorganisation von Subjektivität aus der Kommunikation und dem vernetzten Handeln verstreuter Massen.[61] Ansätze der praxeologischen Forschung zu einer Theorie des „dezentrierten Subjekts” bieten hier in der Zeitgeschichte noch ungenutzte Anschlussmöglichkeiten.[62]
Wie das Schicksal des Individuums so war mit der Masse auch immer die Frage der Vergemeinschaftung in der Moderne verknüpft.[63] Zeithistorisch wurde dieser Aspekt lange Zeit vor allem anhand politischer Massenorganisation und elitärer Massenbeherrschung diskutiert, den theoretischen Ausgangspunkt dafür bildeten die Annahmen der älteren Massenpsychologie zu Irrationalität und Außengeleitetsein von Massenhandeln. Inwiefern aus Massenerfahrungen auch Mechanismen der kollektiven Selbststeuerung sowie soziale Strukturen auf horizontaler Ebene entstehen können, ist hingegen bisher geschichtswissenschaftlich kaum untersucht worden. Gerade dieser Aspekt aber hat in der erwähnten sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahre im Vordergrund gestanden. In einer interaktionistischen Perspektive auf Massenphänomene wurde – auch unter den abgewandelten Massenbegriffen von Schwärmen oder multitudes – gefragt, welche Rationalitäten und Beziehungsgeflechte innerhalb von Massen wirksam sind und welche Bedeutung diese für Prozesse der Konstitution von Gesellschaften und für die Ausbildung von Sozialität gewinnen können (zumal, wenn Klassen- und Schichtenbegriffe an Plausibilität eingebüßt haben). Für die Zeitgeschichte läge entsprechend die Herausforderung darin, massenhafte Handlungsweisen (etwa Kommunikationsbeziehungen, Organisationshandeln oder statistisch erfasste Verhaltensweisen) sowohl in ihrer individuellen Beschaffenheit als auch in ihrer strukturellen Bedingtheit zu verstehen, d.h. die Wechselwirkung zwischen atomisierten Massenerfahrungen und umgebenden Sozialstrukturen zu berücksichtigen.
Masse und Modernität spielten als Kategorien stets ineinander, dies gilt auch noch für die sogenannte Postmoderne.[64] Denkt man die jeweilige Praxis von Massenpolitik und Massenhandeln mit, so öffnen sich über den Massendiskurs Perspektiven auf die Konstitution von Gesellschaften, die sich als modern begriffen, diese Modernität aber jeweils unterschiedlich konzipierten.[65] Allerdings benötigte der zeithistorische Blick dafür eine Sensibilität für die longue durée und für gesellschaftliche Erfahrungsschichten, die vom 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert reichen. In diesem Zusammenspiel ließe sich das Konzept der Masse als eine Grundkategorie synchron wie diachron vergleichender und transfergeschichtlicher Geschichtsschreibung verwenden. Eine solche komparative Fokussierung der Massenproblematik würde dazu beitragen, insbesondere mit dem Blick auf die gegenwärtig stark diskutierte Geschichte von Ordnungsdenken und social engineering, europäische Modernität als Resultat von national unterschiedlichen Theorien und Experimenten von Gesellschaft zu erschließen.[66]
↑ Vgl. Lutz Raphael (Hrsg.), Theorien und Experimente der Moderne. Europas Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Köln 2012.
Michael Gamper, Masse lesen, Masse schreiben. Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte der Menschenmenge 1765-1930, Wilhelm Fink Verlag, München 2007, ISBN 9783770544363.
Timm Genett, Angst, Hass und Faszination. Die Masse als intellektuelles Problem und die Beharrlichkeit des Projizierten, in: Neue Politische Literatur. Bd. 44, Nr. 2, 1999, ISSN 0028-3320, S. 193-240.
Lucas Marco Gisi, Eva Horn (Hrsg.), Schwärme – Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information, Transcript, Bielefeld 2009, ISBN 9783837611335.
Reinhart Koselleck, Fritz Gschnitzer, Karl Ferdinand Werner, Bernd Schönemann, Volk, Nation, Nationalismus, Masse, in: Reinhart Koselleck, Werner Conze, Otto Brunner (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, ISBN 9783129039120, S. 141-431.
Michael Makropoulos, Modernität und Massenkultur, in: Andreas Reckwitz, Thorsten Bonacker (Hrsg.), Kulturen der Moderne. Soziologische Perspektiven der Gegenwart. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2007, ISBN 9783593383545, S. 219-250.
Stefanie Middendorf, Massenkultur. Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Modernität in Frankreich 1880-1980, Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 9783835305427.
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