Umweltgeschichte
Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 10.11.2015
https://docupedia.de/zg/arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.703.v3
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 10.11.2015
https://docupedia.de/zg/arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.703.v3
Umweltgeschichte ist die Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur – auf diesen kurzen und allgemeinen Nenner lassen sich die verschiedenen, mehr oder weniger konkreten Definitionsversuche dieses historischen Teilbereichs bringen.[1] Dabei wird beiden Seiten dieses Wechselverhältnisses, sowohl dem Menschen als auch der Natur, ein eigener Stellenwert eingeräumt, auch wenn sie als unauflöslich verschränkt gedacht werden. Das Interesse der umwelthistorischen Forschung richtet sich auf die von Seiten der Menschen beabsichtigten, insbesondere aber auch auf die unbeabsichtigten und langfristigen Folgewirkungen[2] ihrer Beziehungskonstellation mit der Natur. Die „dialektische Spannung”[3] zwischen dem Bestreben, die Natur zu beherrschen, und der gleichzeitigen unabänderlichen Abhängigkeit menschlicher Individuen und Gesellschaften von der physischen Welt ist die Grundlage der Umwelthistorie. Umwelt und Geschichte sind ihr zufolge auf sehr komplexe Weise miteinander verbunden, und jede Umweltgeschichte ist deshalb letztlich zugleich auch eine Geschichte über Macht und Herrschaft.
Eine Besonderheit der noch relativ jungen historischen Subdisziplin besteht in ihrer Verbindung von Mikro- und Makroebenen. Ihre Beschäftigung mit regionalen Fragestellungen oder kurzen Zeitspannen schließt nicht selten auch Perspektiven der mittleren oder langen Dauer sowie überregionale oder globale Zusammenhänge mit ein.[4] Die Umweltgeschichte bietet damit auch beste Voraussetzungen für transnationale Herangehensweisen. Zugleich birgt die Untersuchung konkreter Phänomene immer auch die Möglichkeit, „universale” Aussagen über die konstitutive Beziehungskonstellation der Umweltgeschichte zu treffen: Die Staubstürme der 1930er-Jahre in den Great Plains[5] lassen genauso verallgemeinernde Überlegungen über den wechselseitigen Zusammenhang zwischen sozialem und ökologischem Wandel zu wie der Gummi-Boom in Brasilien[6] oder die Entwicklung des Ruhrgebiets.[7]
So prägnant die Formel von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur zunächst klingen mag, so ungenau ist sie bei näherer Betrachtung jedoch. Es besteht weder ein Konsens darüber, wie die Grenzen der historischen Subdisziplin zu ziehen sind, ob es sich überhaupt um eine „Subdisziplin” im klassischen Sinne handelt,[8] noch ist klar, was genau unter „Natur” oder „Umwelt” zu verstehen ist. Selbst „todesmutige” Versuche, eine kohärente Definition zu formulieren, wie sie Douglas R. Weiner 2005 unternahm,[9] können letztlich nur verbuchen, dass die Umweltgeschichte einem „sehr großen Zelt”[10] ähnele. Andere Vertreter/innen sprechen von der Umweltgeschichte als „product of collective imagination”[11] oder einem „unevenly spreading blob”[12]. Zu Recht konstatieren sie jedoch, dass eben genau in dieser bewussten Offenheit der Reiz der Umwelthistorie liegt, die in ihrer Struktur damit auch näher an die komplexen Erklärungszusammenhänge der Geschichte als „Gesamtwissenschaft” heranreicht. So umfasst die umwelthistorische Forschung ein breites Spektrum an Themen, angefangen bei sehr naheliegenden Feldern wie (Verschmutzungs-)Geschichten des Wassers, des Bodens und der Luft, der Wald- und Forstgeschichte, der Geschichte der Verwendung und Ausbeutung dieser und anderer Ressourcen, von Umweltgefahren und -katastrophen, dem Verhältnis von Mensch und Tier bis hin zu Ideengeschichten all dessen, was in verschiedenen Epochen unter „Natur” und „Umwelt” gefasst wurde, um vorerst nur einige Bespiele zu nennen. Gleichzeitig kreist die Umweltgeschichte immer wieder um Grenzen und Begrenztheit, in deren Wahrnehmung sie in vielerlei Hinsicht ihren Ursprung hat.[13] Diese Wahrnehmung reicht mindestens bis zu Adam Smiths Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” (1776) zurück, in dem er bereits die Grenzen der Bodennutzung aufzeigte.
Das 20. Jahrhundert ist mit einer Reihe von Metaphern belegt worden, in jedem Fall ist es aber auch die „Ära der Ökologie”.[14] Aller Voraussicht nach wird auch das 21. Jahrhundert dieses Signum tragen können. Das vergangene jedenfalls war ein „verschwenderisches Jahrhundert”,[15] das gekennzeichnet war von einer bisher unbekannten Beschleunigung von Entwicklungen in mehreren umweltrelevanten Bereichen, insbesondere im Verbrauch von fossilen Energieträgern, im Bevölkerungswachstum, im Einsatz von technologischen Neuerungen und schließlich auch der Urbanisierung. Gleichzeitig riefen diese Entwicklungen – ebenfalls zum ersten Mal in diesem Ausmaß – Akteurinnen und Akteure auf den Plan, die sich für die Umwelt bzw. für deren Wahrnehmung und Behandlung als schützenswertes Gut engagierten. Auch und vor allem aus umwelthistorischer Sicht muss deshalb von einem „Zeitalter der Extreme” (Eric Hobsbawm) gesprochen werden.
Entstehung und Relevanz der umwelthistorischen Forschung sind ohne diesen hier angesprochenen Zusammenhang nicht denkbar. Verknüpfungen der akademischen Forschung zu umweltpolitischen Debatten schienen zumindest in der Entstehungszeit der Subdisziplin unausweichlich und sind für die meisten Autorinnen und Autoren auch heute noch wünschenswert. Umwelthistoriker/innen sehen sich als „concerned scientists”,[16] die den Anspruch haben, „nicht nur die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch die Zukunft zu gestalten”.[17] In der Umweltgeschichte sind also deutlich normative und politikbezogene Züge erkennbar – in der eigentlichen Forschungsarbeit schlagen sie sich aber nicht mehr oder weniger nieder als in anderen historischen Ansätzen.
Als wichtigste Aufgabe der Umweltgeschichte gilt, der Natur als einem basalen historischen Faktor neben allen anderen Forschungsinteressen in der Geschichtswissenschaft Geltung zu verschaffen.[18] Die Frage danach, ob es dieses weiteren Komplexitätsniveaus in der Analyse geschichtlicher Phänomene tatsächlich bedarf, ob also die umweltgeschichtliche Betonung der Natur als Konstituens aller in der Geschichtswissenschaft untersuchten historischen Handlungsräume weiterführend und notwendig sei, kann nur bejaht werden.[19] Vielmehr sollte gefragt werden, wieso die materielle Basis der menschlichen Geschichte so lange eine so marginale Rolle gespielt hat.
Die Umweltgeschichte ist nicht nur ein sehr weites, sondern auch ein ausgesprochen dynamisches und buntes Forschungsfeld mit wenig Platz für disziplinäre Monokulturen. Anleihen aus verschiedenen Disziplinen ergeben sich geradezu zwangsläufig, denn die Herkunft vieler Umwelthistoriker/innen ist interdisziplinär.[20] Neben historischen Teildisziplinen gaben und geben vor allem Verknüpfungen mit der Historischen Geografie, der Geobotanik, der Forstwirtschaft, der Klimaforschung, der Soziologie, der Kartografie, der Landschaftsökologie, der (Ökologischen) bzw. (Historischen) Anthropologie und der Ethnologie wesentliche Impulse. Dabei fällt es mitunter schwer, sich deutlich gegenüber anderen Disziplinen abzugrenzen, was zumindest in der Anfangsphase auch Konfliktstoff barg.[21] Alles in allem ist diese „Undiszipliniertheit”[22] jedoch von großem Gewinn für die Umweltgeschichte und zeichnet sie immer noch gegenüber den meisten anderen historischen Subdisziplinen aus.
In den letzten Jahren ist eine ganze Reihe sehr lehrreicher Überblicksdarstellungen zur Umweltgeschichte erschienen,[23] darunter 2004 auch eine leider viel zu wenig beachtete dreibändige Enzyklopädie, die in über 500 Artikeln von „Acid Rain” über „Nutrition” bis „Zoos” die Bandbreite umwelthistorischer Themen auffächert.[24] Einen hervorragenden Überblick über grundlegende und aktuelle Debatten und Forschungsfelder bietet das von Andrew C. Isenberg jüngst herausgegebene „Oxford Handbook of Environmental History”.[25] Besonderer Verdienst des Handbuchs ist der – oft sehr gelungene – Versuch, umwelthistorische Ansätze mit allgemein-historischen Fragen (Arbeit, Eigentum, Recht, Wissen etc.) zu verbinden. Ein wichtiger Schritt, um Umweltgeschichte für die Gesamtdisziplin und andere Subdisziplinen nicht nur anschlussfähig zu machen, sondern um diese auch mit Erkenntnissen der Umweltgeschichte zu bereichern. Im deutschsprachigen Raum besonders hervorzuheben sind die 2007 von Frank Uekötter in der Reihe „Enzyklopädie deutscher Geschichte” herausgegebene, hervorragend strukturierte „Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert”[26] sowie die im gleichen Jahr erschienene, lehrbuchartige „Umweltgeschichte” der Umwelthistoriker/innen Verena Winiwarter und Martin Knoll, die auch naturwissenschaftliche Methoden der Umweltgeschichte skizzieren.[27] Beide sind als übersichtliche Einführungen in die komplexen Fragen der Umweltgeschichte bestens geeignet. Darüber hinaus bieten der 2003 erschienene Sammelband von Wolfram Siemann[28] und die im Titel etwas irreführende Monografie Franz-Josef Brüggemeiers aus dem Jahr 1998[29] sehr gute Einblicke in die Materie. Nach wie vor aufschlussreich sind der Sammelband von Brüggemeier und Thomas Rommelspacher,[30] bereits 1987 erschienen, sowie das von Werner Abelshauser herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft”, das auf die noch heute oft unterbelichteten wirtschaftlichen Aspekte der Umweltgeschichte fokussiert.[31] Die globalen Zusammenhänge sind besonders umfassend, aufschlussreich, provokativ und lesenswert von Joachim Radkau[32] und – mittlerweile auch in deutscher Übersetzung – von John R. McNeill[33] zusammengestellt worden. Seit 2009 erschienen gleich drei Bände, die einen sehr guten Einstieg in eine globale Umweltgeschichte anhand pointierter Aufsätze zu einem breiten Spektrum von Themen und Räumen ermöglichen: Die Sammelbände der Herausgeberduos John R. McNeill/Erin Stewart Mauldin, Sverker Sörlin/Paul Warde und Edmund Burke III/Kenneth Pomeranz[34] gehen über nordamerikanische und europäische Perspektiven hinaus, indem sie auch chinesische, lateinamerikanische, asiatische und teilweise afrikanische (McNeill/Mauldin, Burke/Pomeranz) Perspektiven miteinbeziehen. Zu den Klassikern (nicht nur) für die Lehre in der (nicht nur) nordamerikanischen Umweltgeschichte gehören William Cronons „Uncommon Ground” sowie die Studienbücher von Carolyn Merchant und Louis Warren – beide mit zahlreichen Quellen.[35]
Die Ursprünge der Umweltgeschichte liegen buchstäblich im wilden Westen der USA und in Australien und reichen knapp 40 Jahre zurück.[36] Im Mittelpunkt des Interesses stand damals das eng mit der Geschichte der USA und Australiens verknüpfte Konzept der „wilderness” und der „frontier”.[37] Zwar entstanden auch schon lange davor Arbeiten, die unter „Umweltgeschichte” subsumiert werden könnten oder zumindest umwelthistorische Blickwinkel in sich trugen.[38] Als historische Subdisziplin ist die Umweltgeschichte allerdings erst ab den 1970er-Jahren des letzten Jahrhunderts am Horizont der Geschichtswissenschaften auszumachen. Dabei entstand sie im engen Zusammenhang mit der Umweltbewegung, und nicht wenige ihrer Protagonist/innen gehörten selbst zu deren Akteur/innen.[39] Fünf Jahre nach dem ersten Bericht des „Club of Rome”, der zum ersten Mal die „Grenzen des Wachstums”[40] anmahnte und noch heute umweltpolitisch wirksam ist, wurde die American Society for Environmental History (ASEH[41]) 1976 gegründet.[42] Die Entwicklung der Umweltgeschichte in Europa und speziell in Deutschland setzte erst eine Dekade später ein. Zur Gründung eines europäischen Äquivalents zur ASEH kam es sogar erst 1999 mit der European Society for Environmental History (ESEH[43]). Seit 2011 vereint das International Consortium of Environmental History Organizations (ICEHO) etwa 30 Netzwerke, darunter ESEH, ASEH, die Latin American and Caribbean Environmental History Association (Sociedad Latinoamericana y Caribeña de Historia Ambiental, SOLCHA) und die Association for East Asian Environmental History (AEAEH).[44] Zu einem Dreh- und Angelpunkt der environmental humanities und Sozialwissenschaften hat sich seit 2009 das Münchner Rachel Carson Center for Environment and Society entwickelt.[45] Es leistet beachtliche Forschungs-, Vernetzungs-, Ausbildungs- und Publikationsarbeit.
Im Folgenden werden zunächst die umwelthistorischen Grundbegriffe „Natur”, „Wildnis”, „Kultur” und „Umwelt” thematisiert. Daran schließt sich ein Plädoyer an, Umweltgeschichte als geschichtswissenschaftliche Grundkategorie ernst zu nehmen, wie es Wolfram Siemann und Nils Freytag fordern. Zwei grundlegende Debatten der frühen Umweltgeschichte leiten danach über zu Periodisierungsvorschlägen. Anschließend werden umwelthistorische Methoden und Quellen vorgestellt und schließlich weitere Beispiele für thematische Schwerpunkte gegeben. Bis auf den Exkurs zur Umweltgeschichte Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas ist der Referenzrahmen für die Ausführungen in der Regel die US-amerikanische und deutschsprachige Umweltgeschichte, auch wenn hin und wieder (und viel zu selten) auf andere Entwicklungen verwiesen wird.
Während im populären (und teilweise auch im wissenschaftlichen) Öko-Diskurs Bilder und Semantiken der Zerstörung und des Niedergangs dominieren, geht es der Umweltgeschichte nicht darum, eine „Verfalls- oder Dekadenzgeschichte”[46] zu schreiben, die im Menschen allein den „Schänder” einer einst unberührten Natur sieht. Indes ist es das Ansinnen der umwelthistorischen Forschung, das sich wandelnde Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das keinen idealen Urzustand kennt, zu historisieren. Damit wird der jahrhundertealte Ruf „Zurück zur Natur!” nicht bloß in Frage gestellt, sondern seine Absurdität enthüllt – gleichzeitig wird er somit selbst zum Forschungsgegenstand. Die „unberührte Natur” ist ein menschliches Konstrukt.[47]
Es geht demzufolge nicht nur darum, Umweltbedingungen der Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern auch darum, zu untersuchen, wie sie die Zeitgenossen perzipierten und interpretierten, wie sich Wahrnehmungen – beispielsweise von „Natur” oder „Umwelt” – wandelten und anhand verschiedener Interessen instrumentalisiert wurden. Die Umweltgeschichte räumt auf mit vielerorts und durchaus auch in der Geschichtswissenschaft verbreiteten Fehlannahmen, Klischees, mit Unkenntnis oder schlichter Bequemlichkeit. Umweltgeschichte bewirkt, so Wolfram Siemann und Nils Freytag provozierend, eine „Historisierung in Wirklichkeitsbereichen, welche dem traditionellen Historiker als zeit- und wandlungsresistent erschienen”.[48] Die romantisch anmutende Zielsetzung, in Landschaften und dem Boden zu lesen, sie – ähnlich eines immer wieder beschriebenen Palimpsests – als Archivalien zu begreifen, die eigene „Gedächtnisse” haben,[49] wird von Umwelthistoriker/innen ernst und damit das scheinbar Triviale und Unverrückbare unter die Lupe genommen. Nicht-menschliche Natur wird dabei als „both text and context”[50] in die historische Analyse einbezogen.
Das statische Naturideal der Menschen hat in ihrer Umwelt keine reale Entsprechung; ebenso wenig gibt es der Natur inhärente Werte, vielmehr ist eine der Grundannahmen der Umweltgeschichte, dass die natürliche Umwelt sich fortlaufend und auch vom Menschen unabhängig verändert. Die Wahrnehmung eines Niedergangs beruht allein auf menschlichen Wertvorstellungen.[51]
Die Rolle des Menschen als Teil der Natur wird von einigen Autoren besonders stark herausgehoben, etwa von William Beinart und Peter Coates, die Umweltgeschichte als Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen Menschen „und dem Rest der Natur” in der Vergangenheit definieren.[52] Joachim Radkau bricht diesen Gedanken bis auf den „Intimzusammenhang zwischen äußerer und innerer Natur” des Menschen herunter.[53] Er beschreibt die Mensch-Umwelt-Beziehung als ein in seinen Grundzügen sehr intimes Verhältnis, das eng verbunden ist mit körperlichem (hinzuzufügen wäre: psychischem) Wohlergehen und der Reproduktion. Radkau bezeichnet diese Relation, die bisweilen fälschlicherweise als „Biologismus” kritisiert wird, treffend als „primären Elementarzusammenhang zwischen Mensch und Umwelt”.[54] Damit wird weder die Bedeutung von „Gesellschaft” noch von „Kultur” negiert, sondern darauf hingewiesen, dass diese als Teil eines Zusammenhangs materieller Lebensgrundlagen und der Fortpflanzung des biologischen Organismus „Mensch” aufzufassen sind. Sehr verschiedene Entwicklungen sind deshalb in umwelthistorischer Perspektive als Mensch-Umwelt-relevante Schlüsselinnovationen erkennbar: sowohl das aus Lateinamerika eingeführte Grundnahrungsmittel Kartoffel, dessen Anbau gleichzeitig die landwirtschaftliche Produktion veränderte, als auch Methoden der Empfängnisverhütung oder die Nutzung der Atomenergie.[55] Diese elementaren Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur sind vom Menschen immer wahrgenommen worden. „Umweltbewusstsein” ist laut Radkau im Wesentlichen auch ein Gesundheitsbewusstsein und damit alles andere als eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.[56]
Im Spannungsfeld der „Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur” wird neben den beiden Polen (so man sie denn als unterschiedliche Pole betrachtet) „Mensch” und „Natur” mit Begriffen wie „Kultur” und „Umwelt” hantiert. Insbesondere in der nordamerikanischen und australischen Umweltgeschichte kommt das Konzept der „Wildheit” bzw. „Wildnis” („wilderness”) dazu. Dabei bleiben die Differenzierungen nicht selten vage. Die Gleichsetzung von Begriffen wie „Wildnis” und „Natur” hat eine lange Tradition, die besonders stark seit der Aufklärung zutage trat.[57] Der Kult der (natürlichen) „Wildnis”, der das „Wilde” einerseits als das „wahre, natürlich Gute”, andererseits als etwas Bedrohliches, Barbarisches darstellt, ist tief verankert in der westlichen Ideenwelt. Er ist zu finden in frühen und schaurig-aufregenden Darstellungen der „wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute”[58] über die Glorifizierung des Indianerhäuptlings Seattle als ökologischen Visionär bis hin zu Fernsehdokumentationen über die „russische Seele” in den vermeintlich unberührten Weiten Sibiriens. Umso ernüchternder, im Sinne umwelthistorischer Erkenntnisinteressen und -perspektiven, aber auch weiterführend und charakteristisch wirkt dann die Tatsache, dass die vermeintliche Häuptlingsrede von 1854, deren „Erst wenn der letzte Baum gerodet […]” vor allem in den 1980er-Jahren leitmotivartig an den Wohnküchenwänden alternativer Gruppierungen prangte und Kultstatus erlangte, tatsächlich aus der Feder eines Drehbuchautors stammt.[59]
![„Weissagung der Cree“ / „Cree Indian Prophecy“<br />
Foto: BK, Original Photo Credit: Ryan McGuire: Symphony of Love, 17. November 2014, Quelle: [https://www.flickr.com/photos/pictoquotes/15622882189/in/photolist-pNxmzK-bVNaAJ-4Xw3YM-dMCaxt-3NEdY-bVFpih-4Xw3Zc-bvjYuQ-bvjYtA-bvjYq5-p27VuA-fKg4QL-nsXidn-w5tw8y-hsQPvC-7yiARk-ctSRiE-4pnZBU-vaU9Cz-7iG67z-dNeAMb-7jP1so-6aHTHE-6aDA6e-73reTq-dMCasT-gLkkx9-dcEhEw-dcEfok-5gbu19-dMWkh1-dcEgfP-gdp3T-dtrWrC-dtrVLL-dtrVh1-dtrUTL-dtrUEy-dtrUs7-dtrUk5-dtrU3W-dtrTMu-dGMkFu-bGW4Ut-b4eRJ6-5SC5j1-4rCqXv-anBBMS-4Xw3ZH-pb3vcz Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ CC BY-SA 2.0]).](sites/default/files/import_images/1787.jpg)
Dass sich das „so sinnlose Konzept”[60] „Wildnis” beharrlich halten konnte, wurde von Joachim Radkau mit einem tief verwurzelten „Kult der Virginität” erklärt, der auf den menschlichen Grundbedürfnissen nach Sicherheit und Geborgenheit beruht.[61] Es ließe sich aber auch mit der weit verbreiteten Sehnsucht nach „Urzuständen” und historischer Authentizität erklären, die sowohl im 19. Jahrhundert als auch Ende der 1970er-Jahre an Bedeutung gewann. Dabei war der Kult der Wildnis nicht nur ein ideengeschichtliches Phänomen, sondern hatte durchaus praktische Auswirkungen auf die Natur. Er war es schließlich, der Entscheidungen wie der Gründung des ersten Nationalparks in den USA 1872, des Yellowstone National Park, zugrunde lag.[62] Dabei zeigte sich die ganze Widersinnigkeit des Konzepts: Zum einen war das, was als „natürliche”, schützenswerte Natur galt, tatsächlich unter dem Einfluss indianischer Brandwirtschaft entstanden. Zum anderen wurden die „Wilden”, Angehörige indigener Bevölkerung, aus den Parks verdrängt.[63]
Im Gegensatz zur „Natur” wird traditionell das „Künstliche, Technische, durch Verabredungen und Vereinbarungen Geordnete, das Gemachte und Erzwungene, das Gestaltete und Kultivierte” gedacht,[64] kurzum das, was gemeinhin unter dem Begriff der Kultur zusammengefasst wird. Dabei lässt sich in der Geschichte der Kulturdeutung zwischen einem Fortschrittsmodell und einer Entfremdungs- und Degenerationsgeschichte unterscheiden. Am Anfang des Fortschrittsmodells steht der chaotische und entbehrungsvolle Naturzustand, der durch ein Aufklärungs- und Zähmungsprogramm erst kultiviert wird. Der Zustand der „höchsten Kultur” ist das Ziel dieses Modells, in dem die Kräfte der Natur entschlüsselt und zum Wohle des Menschen genutzt werden. Dem entgegengesetzt ist die Entfremdungs- und Degenerationsgeschichte, die von der (selbstverschuldeten) Vertreibung des Menschen aus dem (natürlichen) Paradies erzählt. Dabei handelt es sich um ein paradoxes Problem; schließlich ist es die menschliche Kultur selbst, welche auf die Natur wirkt (sie also „gefährdet” etc.), während gleichzeitig von dieser Kultur erwartet wird, die Natur zu schützen.[65] Rolf Peter Sieferle schlussfolgert also ganz konsequent, wenn er schreibt, dass bereits in der Forderung nach Naturschutz sich ein „vollständiger Sieg der Kultur” ankündigt.[66]
Der dritte Begriff, „Umwelt”, ist – obgleich er für die Umweltgeschichte namensgebend ist – nicht weniger eine Metonymie als alle anderen grundlegenden Konzepte. Siemann und Freytag definieren „Umwelt” als jenen Bereich der Natur, der durch die Existenz und Einwirkung des Menschen zur Umwelt wird, die ihn umgibt und die ihn wiederum formt.[67] Bereits der Schöpfer des Begriffs, Jakob von Uexküll (1864-1944), unterstrich, dass jedes Lebewesen seine eigene Umwelt hat.[68] So hängt es auch hier vom Sprechenden ab, womit dieser Begriff gefüllt wird. Um zu erfassen, wie breit die Spannweite des Terminus ist – von Umwelt als Natur bis hin zum sozialen Milieu –, reicht ein Blick in eine Zeitung oder auch eine umwelthistorische Abhandlung.
Wolfram Siemann und Nils Freytag fordern, Umwelt als vierte geschichtswissenschaftliche Grundkategorie neben Herrschaft, Wirtschaft und Kultur zu etablieren.[69] Sie untermauern ihr Ansinnen mit vier Argumenten, die einen Großteil der umwelthistorischen Grundannahmen aufgreifen. Erstens ist Umwelt demzufolge mehr als das Ergebnis des Zusammenspiels der drei anderen Grundkategorien Herrschaft, Wirtschaft und Kultur. Vielmehr sei die Umwelt, so die Autoren, eine biologische Grundkonstante des Menschen, wenngleich sie immer wieder neu kulturell konstruiert werde.[70] Jedes menschliche Handeln ist demzufolge substanziell von der Umwelt abhängig. Zweitens sind, wie nicht zuletzt auch Radkau[71] eindrücklich beschrieb, Herrschaft und Umwelt untrennbar miteinander verwoben. Ökologische Effekte lassen sich kaum von historisch-politischen Konstellationen trennen. Natürliche Gegebenheiten setzen den Rahmen für den Auf- und Abstieg von Herrschaft. Die Verflechtung von Macht und Natur hat bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren, selbst in Zeiten der – zumindest scheinbaren – Verflüchtigung von Nationalstaaten spielen Zugänge zu Ressourcen, sowohl bezogen auf Transportwege als auch Rohstoffe, eine entscheidende, konfliktträchtige Rolle. Dass sich dieses Verhältnis in der Zukunft zuspitzen wird, insbesondere in Bezug auf die knapper werdenden Ressourcen Wasser, Boden und Wald, gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen. Gleichzeitig führte und führt diese Entwicklung zu einer verschärften Problemwahrnehmung, die nicht nur „grüne” Bewegungen, Parteien und andere Organisationen entstehen lässt, sondern auch vor Regierungen nicht Halt macht. Der Einfluss von ökologischem Expertenwissen auf Politikentscheidungen ist mittlerweile auf allen Ebenen ebenso identifizierbar wie der Einfluss von Nichtregierungsorganisationen auf gesellschaftliche Willensbildungsprozesse. Dabei wird eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Zivilgesellschaft und Staat, noch dazu eine darauf beruhende, klare Rollenzuweisung in „Umweltschützer” und „Umweltzerstörer” zunehmend erschwert, wie Radkau jüngst anhand zahlreicher Beispiele vorführte.[72]
Als dritten Argumentationsstrang führen Siemann und Freytag die engen Wechselwirkungen mit wirtschaftlichen Prozessen an. Am sichtbarsten ist diese Verquickung in der Energieversorgung. Während die Umwelt bis in die jüngste Vergangenheit als „freies Gut” galt, als Ressource, die im Produktionsprozess keine oder nur geringe Kosten verursacht, müssen nun die enormen Kosten mitgerechnet werden, die durch die Nutzung dieser Ressourcen entstehen. Wie eng Wirtschaft und Umwelt zusammenhängen, ist insbesondere von Christian Pfister am Beispiel der Schweiz hervorgehoben worden.[73] Wenn auch die Bezeichnung „1950er Syndrom” – siehe dazu weiter unten – nicht unumstritten ist, so sind die Grundaussagen, die Pfister unter diesem Titel trifft, sehr überzeugend.
Die Verbindung von Umwelt und kulturellen Aspekten nennen Siemann und Freytag als letzten Grund für die Etablierung der Umweltgeschichte als geschichtswissenschaftliche Grundkategorie. Menschliche Naturwahrnehmung ist immer kulturell geprägt. Als Paradebeispiel für diesen Zusammenhang zitiert die deutsche Umweltgeschichte gern die Lüneburger Heide. Erst die jahrhundertelange Nutzung des Lüneburger Waldes durch Mensch und Tier ließ die Kulturlandschaft Lüneburger Heide entstehen, die heute ein Naturschutzpark ist. Sie ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Naturschutz heute genau genommen Kulturlandschaftsschutz ist.
![Die „unberührte Natur” ist ein menschliches Konstrukt: Lüneburger Heide – Naturschutz als Kulturlandschaftsschutz. Blick auf den Wilseder Berg, Foto: Willo, 13. August 2007, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:L%C3%BCneburger_Heide?uselang=de#/media/File:L%C3%BCneburger_Heide_113.jpg Wikimedia Commons] ([http://creativecommons.org/licenses/by/2.5/ CC BY 2.5])](sites/default/files/import_images/1785.jpg)
Selbst wenn Frank Uekötter mit einigem Recht einwendet, dass eine Periodisierung aus umwelthistorischer Sichtweise schwierig sei, weil es aufgrund der zeitlichen Divergenz zwischen Entwicklungen der natürlichen Umwelt (sehr langsam) und der menschlichen Geschichte (viel schneller) an markanten Zäsuren mangele,[74] können doch einige immer wiederkehrende Eckpunkte in der auf die westliche Welt bezogenen Forschung ausgemacht werden, die sich als eine Periodisierung lesen lassen. Durchgesetzt hat sich eine grobe Einteilung in mindestens vier Phasen, wovon zwei zeithistorisch relevant sind, die wiederum noch einmal unterteilt werden können.[75] Der groben Struktur von Franz-Josef Brüggemeier[76] folgend, die sich in der Zeitgeschichte vor allem auf die deutsche Geschichte bezieht, sind das „Vor dem Umbruch”, „Der Umbruch im 19. Jahrhundert”, „Weimarer Republik und Nationalsozialismus” und die „Welt nach 1945”. Damit folgt zumindest ein Teil der Umwelthistoriker/innen noch immer stark politischen Zäsuren.
Die Zeit „vor dem Umbruch” umfasst die vorindustrielle Agrargesellschaft, die fast vollständig auf nachwachsenden Rohstoffen beruhte, wobei Holz als Zentralressource eine entscheidende Rolle spielte.[77] Im 19. Jahrhundert vollzog sich die Entwicklung vom umwelthistorischen Ancien Régime zur Industriemoderne. Das Jahrhundert war gekennzeichnet von einer Vielzahl umweltrelevanter Umbrüche. Fossile Energieträger ersetzten zunehmend das Holz. Mit der Bauernbefreiung, der Auflösung der Allmenden, der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion und der Ödlandkultivierung wandelte sich die Landwirtschaft tiefgreifend. Der Wald wurde zunehmend vermarktet und kapitalisiert. Die akademische Forstwirtschaftslehre entstand. In den wachsenden Städten verursachten mangelhafte hygienische Zustände die schnelle Ausbreitung von Epidemien, allen voran die Cholera. Schädigende Einflüsse des Menschen auf die Umwelt nahmen zu. Gleichzeitig wurden sie insbesondere durch Luftverschmutzung und Lärmbelästigung immer wahrnehmbarer, was schließlich auch dazu führte, dass erste Gegenkräfte aktiv und erste Gegenmaßnahmen ergriffen wurden, beispielsweise durch den Bau zentraler Wasserversorgungssysteme in Berlin 1852 oder Magdeburg 1858. Die widersprüchlichen Erfahrungen und negativen (Umwelt-)Auswirkungen der Industrialisierung und Verstädterung waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein viel diskutiertes Thema. Obwohl der Kreis der Kritiker dieser Entwicklungen verhältnismäßig klein war und auch für sie nicht immer Natur und Umwelt im Vordergrund standen, weist Brüggemeier zu Recht darauf hin, dass von einer „allgemeinen, ungebrochenen Fortschrittsbegeisterung” keine Rede sein kann.[78] Insgesamt herrschte jedoch ein breiter Konsens darüber, dass das wirtschaftliche Wachstum und damit auch die Förderung der Industrie vorrangig seien. Mit der Blütezeit der Sozialhygiene in der Weimarer Republik rückten die Umweltbedingungen immer mehr ins Blickfeld des medizinischen und sozialpolitischen Interesses. Gleichzeitig wandten sich immer mehr Menschen der noch im Kaiserreich entstandenen Heimat- und Naturschutzbewegung zu. Damit einher ging eine zunehmende Wahrnehmung der „Natur” als schützenswertes Gut.
Die Nationalsozialisten setzten einen Teil der Naturschutztraditionen der Weimarer Republik fort und stellten die Natur- und Bodenbindung des Menschen ideologisch in den Mittelpunkt.[79] Als „Stachel für die historische Reflexion”[80] bezeichnete Radkau umwelthistorische Aspekte der Zeit des Nationalsozialismus.[81] Insbesondere im Bereich des Naturschutzes schufen die Nationalsozialisten zumindest auf gesetzlicher Ebene epochale Veränderungen. Das Reichsnaturschutzgesetz vom 26. Juni 1935 war ein für die damalige Zeit beispielloses Regelinstrument, das über den Schutz von Naturdenkmälern und Reservaten hinausging. Es sah vor, Naturschutzaspekte bei sämtlichen landschaftsverändernden Planungen zu prüfen. Selbst beim NS-Lieblingsobjekt Autobahnbau favorisierten die Planer „naturgemäße” Kriterien, allen voran die geschwungene Linienführung, die sich – anders als die geraden Eisenbahnstrecken – dem Gelände anpassen sollte. In Fragen des Landschaftsschutzes und von umweltverträglicher Technikgestaltung waren selbst im Nationalsozialismus kontroverse öffentliche Debatten zugelassen, eine verbindliche Parteilinie gab es nicht. Gleichzeitig boomten die Verwertung insbesondere industriellen Abfalls und die Rohstoffrückgewinnung. Insgesamt lässt sich dennoch keine positive Umweltbilanz der NS-Autarkiepolitik ziehen. Es mangelte nicht nur an einer breiten Umweltschutzallianz; viele Ansätze kamen auch über das Regelwerkstadium nicht hinaus. Die Nationalsozialisten verstießen selbst gegen ihre Umweltgesetze, und ein Großteil der Entwicklungen ist nicht von deutschen Kriegsvorbereitungen und Rechtfertigungsstrategien für die Erschließung neuen „Lebensraums” zu trennen.[82]
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein bis dato beispielloses wirtschaftliches Wachstum, das aufgrund des einsetzenden Schubs des globalen Energieverbrauchs als welthistorisch einzigartiges Phänomen angesehen werden kann. Pfister prägte für diese Zeit den Begriff des „1950er Syndroms”.[83] Als Ursache machte Pfister die billigen Preise für fossile Energieträger, insbesondere Erdöl, aus. Er plädiert dafür, die beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital als geschichtsrelevante Erklärungsfaktoren um Energie zu erweitern. Pfister verknüpft wirtschafts-, sozial- und umwelthistorische Aspekte. Der drastisch gestiegene Energieverbrauch änderte die Lebensweise der Mehrheit der westeuropäischen Bevölkerung grundlegend und eröffnete ganz neue Handlungsspielräume, die auch aus mentalitätsgeschichtlichem Blickwinkel interessant sind, weil sich Werteprioritäten zu verschieben begannen. Die 1950er-Jahre stellen für Pfister die „Sattelzeit” zwischen der Industriegesellschaft und der Konsumgesellschaft dar, die eng mit einer zunehmenden Massenproduktion verbunden war. Gleichzeitig nahm die Umweltbelastung rasant zu, die nun vermehrt auch durch die Verbraucher/innen selbst verursacht wurde.
In die aktuelle Zeitgeschichtsdiskussion um die Epochenschwelle der 1970er-Jahre reiht sich die Kritik Patrick Kuppers an Pfisters These des „1950er Syndrom” ein.[84] Er stellt die „Diagnose”, dass eine umfassende Neudefinition der Mensch-Umwelt-Beziehungen erst nach 1970 einsetzte – und nicht wie von Pfister veranschlagt bereits seit den 1950er-Jahren. Statt einer „Wachstumsbeschleunigung” macht Kupper ein „exponentielles Wachstum” aus. Der von Pfister verwendete Begriff „Syndrom” verfehle die hohe Stabilität in den „langen 1950er Jahren”,[85] die die „Patienten”, das heißt die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, kaum als „krankhaft” erlebt hätten. Die Interpretation der Umweltverschmutzung als gesellschaftliches Syndrom begann seiner Meinung nach erst 20 Jahre später mit dem Aufkommen eines neuartigen Umweltbewusstseins.[86] Kuppers Argumentation folgend, schlägt Jens Ivo Engels vor, von den 1970er-Jahren als „ökologischer Wende” zu sprechen.[87] Radkau erweiterte diese Periodisierung unlängst um die beiden darauffolgenden „ökologischen Dekaden”, die er als „neue Ära der Ökologie”, als „Umweltkonjunktur” und formative Phase der Umweltpolitik, von der der Umweltschutz bis heute zehre, beschreibt.[88] Noch viel deutlicher als in den 1970er-Jahren hatten in den 1980er- und 1990er-Jahren Katastrophen, allen voran Tschernobyl, eine entscheidende Auslöserfunktion für die Wandlungsprozesse im Verständnis des Mensch-Natur-Verhältnisses. Auf die Worte der 1970er-Jahre folgten nun die Taten, so Radkau. Darüber hatten sowohl staatliche als auch nicht-staatliche Akteure immer stärker den globalen Horizont im Blick. Nirgends offenbarte sich dies so sehr wie in der ökologischen Kommunikation, die sehr viel nachhaltiger als noch in den 1970er-Jahren global betrieben wurde.[89]
In den letzten Jahren ist immer häufiger gefragt worden, inwieweit eine solche Periodisierung auch für „nicht-westliche” Staaten zutreffe. Dabei rückte immer mehr auch der Osten Europas ins Blickfeld der Umwelthistorikerinnen und Umwelthistoriker. „Look to the East”, titelte schließlich auch die aktuelle Präsidentin der ESEH, Dolly Jørgensen, Anfang 2015 in der Zeitschrift „Environment and History”.[90] Sie liegt damit voll im Trend: Nach dem „Go West” der nordamerikanischen Umweltgeschichte entwickelt sich derzeit besonders dynamisch die „East Side Story”[91] der globalen Umweltgeschichte. In den letzten drei Jahren ist ein stark zunehmendes Interesse und Bemühen wahrzunehmen, diesen umwelthistorisch bisher noch vernachlässigten ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Teil Europas in die Umweltgeschichte zu integrieren. Das spiegelt sich nicht nur in jüngst abgeschlossenen und noch laufenden Forschungsvorhaben sowie den daraus hervorgehenden Publikationen wider, sondern auch in ersten Institutionalisierungen, kleineren Knotenpunkten an Universitäten und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland sowie verschiedenen länderübergreifenden Netzwerken.[92] Langsam wird dadurch auch die Dominanz von Außendarstellungen durch Arbeiten von Forscherinnen und Forschern aus den Ländern selbst abgeschwächt. Darüber hinaus beginnt derzeit ein Generationenwechsel, der nicht nur jüngeren Wissenschaftler/innen aus den Regionen Platz macht, sondern auch die führende Rolle bisher dominanter Herkunftsdisziplinen wie die Geografie herausfordert.[93] Auch holen die ostmitteleuropäische[94] und südosteuropäische[95] Umweltgeschichte auf, nachdem ihr Zsuzsa Gille vor sechs Jahren noch bescheinigt hatte, dass sie Lichtjahre hinter der osteuropäischen hinterherhinke.[96] Das trifft auch auf die Forschungen zur oft schon als „ausgeforscht” abgestempelten DDR- und deutsch-deutschen Geschichte zu.[97]
In der Umweltgeschichte Osteuropas und der Sowjetunion überwiegen immer noch Studien zu Russland.[98] Hinsichtlich des Einflusses und der schieren Größe des Imperiums – und damit auch der Bandbreite der Spielarten der Natur – hat das durchaus eine gewisse Berechtigung, und es besteht zweifellos auch hier noch ausreichend Forschungsbedarf. Trotzdem wird es höchste Zeit, dass auch kleinere Staaten und die zentralasiatischen Regionen der ehemaligen Sowjetunion stärker in den umwelthistorischen Fokus rücken.
Die Diagnosen der ersten post-sowjetischen Analysen zur Umwelt(geschichte) der Sowjetunion wirken bis heute auch außerhalb umwelthistorischer Kreise nach und veranlassen Umwelthistoriker/innen, sich immer noch davon abzugrenzen. Plakative Titel wie „Ökozid” [99] und „Öko-Nationalismus”[100] garantierten zwar Anfang der 1990er-Jahre Aufmerksamkeit für die tatsächlich verheerenden Umweltprobleme des untergegangenen Reichs und die häufige Verzahnung von Umwelt- und Nationalbewegungen, legen in der Analyse indes nur die Oberfläche frei – der Komplexität sowjetischer Realitäten werden sie nicht gerecht. Neben Umweltverschmutzung und Ressourcenvergeudung existierte eben auch ökologische Sensibilität, die sich niederschlagen konnte im Handeln Einzelner oder auch in staatlichen Umweltschutzmaßnahmen, wie beispielsweise das Netz an besonderen Schutzgebieten, den zapovedniki, belegt. Über die gesamte Dauer der Sowjetunion nutzten Akteurinnen und Akteure in Bevölkerung, Wissenschaft und Bürokratie Handlungsspielräume, die auf verschiedenen Ebenen zumindest ein gewisses Maß an Engagement und Einflussnahme zuließen. Auch können die Umweltproteste der späten 1980er-, frühen 1990er-Jahre nicht allein als Auswüchse national(istisch)er Bestrebungen beschrieben werden. Ökologische Argumentationen übernahmen nicht nur eine Stellvertreterfunktion, sondern hatten – insbesondere in Verknüpfung mit sozialen Fragen – eigenes politisches Gewicht. Eine Verkürzung auf „Öko-Nationalismus” verkennt die Vielschichtigkeit der ökologischen Auseinandersetzungen und deren Bedeutung in den Mobilisierungsprozessen.
Selbst wenn Stephan Brain mit seinem Befund eines „Stalinist environmentalism”[101] zu weit geht,[102] müssen die „shades of green”[103], die auch im Realsozialismus existierten und sich Ende der 1980er-Jahre zu rasanten Prozessen der Ökologisierung beschleunigen konnten, ernst genommen werden. Im besten Fall können sie nicht nur dazu beitragen, „die großen Erzählstränge zur sowjetischen Geschichte (zu) korrigieren oder ergänzen”,[104] sondern auch die der globalen (Umwelt-)Geschichte. Dazu gehört auch, den Anteil der Ökologisierungsprozesse am Zusammenbruch des Systems zu spezifizieren und die bald darauf einsetzende weitgehende Entökologisierung der Gesellschaft, die aber auch mit einer Professionalisierung und Institutionalisierung auf der staatlichen und nicht-staatlichen Ebene einherging, zu erklären. Während „Fukushima” in Westeuropa für Entsetzen und in Deutschland für die Energiewende sorgte, blieben die Länder, die am meisten unter den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zu leiden hatten, für viele überraschend scheinbar unberührt. Obwohl „Tschernobyl” einst zu einem entscheidenden Auslöser von Mobilisierungsprozessen wurde, hat der Nuklearunfall in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion langfristig nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Nutzung der Atomenergie geführt. Hat es den „anthropologischen Schock” (Ulrich Beck) in Osteuropa wirklich gegeben, so war er doch nur kurzlebig.
Bereits die Forschungen zum Nationalsozialismus haben gezeigt: Auch Diktaturen konnten sich Naturschutz, insbesondere seiner klassischen Form, problemlos verschreiben. Forschungsbedarf besteht sowohl in Bezug auf das Umwelt-Gesellschaft-Verhältnis unterschiedlicher Diktaturen[105] als auch in Bezug auf systemübergreifende Vergleichsstudien.[106] Das noch immer spürbare Bedürfnis von Ostmittel-, Südost- und Osteuropa-Historiker/innen, sich mit Nationalgeschichten vom vereinnahmenden sowjetisch-großrussischen Narrativ abzugrenzen, hat nicht nur eine gewisse Berechtigung, sondern schlägt sich auch im Fokus der Umweltgeschichtsschreibung wieder. Wünschenswert und mittlerweile an der Zeit ist es aber trotzdem, sich mehr systemübergreifenden Vergleichs- und Verflechtungsperspektiven zu widmen.[107] Auch ist der Einfluss des Kalten Kriegs auf Dynamiken des Umwelt-Gesellschaft-Verständnisses und auf Umweltdiskurse und -politiken längst nicht ausgeforscht.[108] Neben derlei Synthesen fehlt es immer noch an Arbeiten zu den 1980er-Jahren, zur Perestrojka und den 1990er-Jahren. Gut täte es der „East Side Story” der Umweltgeschichte auch, sich gegenüber Perspektiven zu öffnen, die längst zum geschichtswissenschaftlichen Standardrepertoire gehören, allen voran geschlechterhistorischen Ansätzen. Obgleich Frauen eine entscheidende Rolle – nicht nur – in Mobilisierungsprozessen spielten, wird die Umweltgeschichte des Ostens noch viel zu oft als reine Männergeschichte präsentiert. Dominierten in gewissen Bereichen, etwa in naturwissenschaftlichen Kreisen, tatsächlich Männer, so sind diese und die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Auseinandersetzung und Engagement zumindest erklärungsbedürftig.
Die große Attraktivität der Umweltgeschichte und ihr Innovationspotenzial basieren auf ihrem Methodenpluralismus. Ein Spezifikum der Umwelthistorie ist dabei die Kombination von historischen Methoden und Befunden der Naturwissenschaften,[109] zumindest dann, wenn es nicht nur um eine reine Perzeptionsgeschichte geht. Naturwissenschaftliche Grundkenntnisse sind in jedem Falle hilfreich. Dieser Pluralismus und die unterschiedlichen Versuche der Integration machen die Umweltgeschichte aber auch zu einer „prekären Disziplin”,[110] der es zwangsläufig an einem klaren thematischen und methodischen Profil mangelt. Die Methodenvielfalt – von „klassischen” historischen bis hin zum Einbezug naturwissenschaftlicher Methoden – offeriert einen bunten Fundus an mehr oder weniger außergewöhnlichen Quellen. Neben den klassischen Archivbeständen rücken beispielsweise Forstunterlagen in den Blickpunkt. Aber auch andere „konventionelle” Quellen, wie Behördenschrifttum und Reiseberichte, können neu gelesen werden. Neue oder zuvor kaum beachtete Quellen, die teils nur mit naturwissenschaftlichen Methoden lesbar werden und klassisch ausgebildeten Historiker/innen zunächst wie eine fremde Sprache erscheinen mögen (und für Zeithistoriker/innen nur bedingt von Interesse sind), können für Langzeitstudien gewinnbringend herangezogen werden – etwa die Analyse erhaltener Pollen, des Holzes (Dendrochronologie), von Knochen (biologische Anthropologie), versteinerten Fossilien (Paläontologie), organischen Überresten (Radiokohlenstoffdatierung) oder im ewigen Eis eingeschlossener Luft (Paläoklimatologie).
Jens Ivo Engels bemängelte 2006 die geringe Bedeutung umwelthistorischer Fragestellungen in den Leitdebatten der Zeitgeschichte.[111] Diese Situation hat sich mittlerweile zumindest leicht gebessert.[112] Dennoch ist es gerade im „Umweltzeitalter” und in Anbetracht der bereits geleisteten Arbeit kaum erklärlich, warum umweltgeschichtliche Perspektiven längst nicht stärker integriert sind. In einem so dynamischen Feld wie der Umweltgeschichte ist es schlichtweg unmöglich, einen umfassenden Themen- und Literaturüberblick zu geben. Im Folgenden können lediglich Tendenzen und wenige Beispiele genannt werden, ohne auch nur ansatzweise Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausgewogenheit zu erheben. Der Schwerpunkt liegt hier auf der deutschen, europäischen und (nord-)amerikanischen Umweltgeschichte. Das ist eine kaum entschuldbare Unzulänglichkeit, weil auch viele aufschlussreiche Studien über Asien, Afrika, Australien und nicht zuletzt Lateinamerika vorliegen, die hier aber aus Platzgründen vernachlässigt werden müssen.[113]
Neben den bereits erwähnten Themen hat sich die Umweltzeitgeschichte bisher am intensivsten mit der Geschichte des Natur- und Umweltschutzes in all seinen Facetten auseinandergesetzt.[114] Dabei spielen Umweltpolitik und Umweltbewegungen eine besondere Rolle.[115] Erst seit der Jahrtausendwende und vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Debatte um die globale Erwärmung ist die Klimageschichte zu einem festen Bestandteil der Umweltzeitgeschichte geworden.[116] Sie prägte die Beschreibung des 20. Jahrhunderts als „Anthropozän”.[117]
Ein aktueller Versuch, die Umwelthistorie um eine innovative Perspektive zu erweitern und regional neue Schwerpunkte zu setzen, ist der Fokus auf die sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). Der aus der Wirtschaft stammende Ansatz, diese sogenannten Schwellenländer miteinander in Beziehung zu setzen, mag streitbar sein. Jeder Impuls, sich über klassische Vergleichsfelder herauszuarbeiten – zumal, wenn sie bisher noch wenig erforschte Regionen mit einschließen –, sollte aber höchst willkommen sein, auch wenn oder gerade weil sich aus diesem Ansatz mehr Fragen als Antworten ergeben können. Schließlich sind Fragen der Ausgangspunkt für neue Überlegungen.[118] Insgesamt wären mehr systemübergreifende Arbeiten wünschenswert, die sich aufgrund der oft transnationalen Problematiken in der Umweltgeschichte besonders anbieten.[119]
Das trifft insbesondere auf den Umgang mit Katastrophen zu, die selbst vor dem Eisernen Vorhang keinen Halt mehr machten und eine immer größere Rolle nicht nur in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, sondern damit auch für die Umweltgeschichte selbst spielen. Während in der Gesamtumweltgeschichte Naturkatastrophen schon zu den Klassikern gehören, widmen sich Studien nun zumindest teilweise auch zeithistorischen Katastrophenprozessen und Risikowahrnehmungen.[120] Nicht zuletzt hat die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl[121] dazu geführt, die Ausbildung einer („Welt-”)„Risikogesellschaft” (Ulrich Beck) zu diagnostizieren. Dabei ist neben systemvergleichenden Studien allerdings auch ein Manko an Arbeiten zu technischen oder sogenannten human made-Katastrophen zu verzeichnen.[122]
![Naturkatastrophen: Tropische Stürme und Überschwemmungen. Haiti, 9. September 2008. „Tropical Storm Hanna Floods Gonaives. People walk through the flooded streets of Gonaives, Haiti. 8 days after tropical storm Hanna swept through the area.” Photo ID 192484. 09/09/2008. Gonaives, Haiti. Quelle: [https://www.unmultimedia.org/photo/ UN Photo Logan Abassi] / [https://www.flickr.com/photos/un_photo/5479976200/ Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/ CC BY-NC-ND 2.0]).](sites/default/files/import_images/1786.jpg)
Insgesamt lässt sich in den letzten Jahren allerdings eine sehr fruchtbare Annäherung von Technikgeschichte und Umweltgeschichte feststellen.[123] Schon vor zwanzig Jahren hat Richard White in seiner exzellenten Studie „Organic Machine” zum Columbia-Fluss gezeigt, wie leicht sich die Grenzen zwischen „natürlich”, „kulturell”, „sozial” oder „technologisch” verwischen lassen.[124] Spätestens seit dieser Veröffentlichung lässt sich auch ein komplexeres Verständnis vom Platz und der Rolle der Technik in Mensch-Umwelt-Beziehungen ausmachen, das sich zunehmend von einer Geschichte der Zerstörung auf der einen und einer Fortschrittsgeschichte auf der anderen Seite verabschiedet. Umweltgeschichtliche Perspektiven sind dabei im besten Falle nicht nur Teil des Narrativs, sondern tragen dazu bei, technologischen Wandel zu erklären. Gleichzeitig haben Technikhistoriker/innen begonnen, Technik und Technologien selbst in ihren Wechselwirkungen mit der Umwelt stärker zu hinterfragen. Technik wirkt nicht nur auf die Natur, sondern diese wirkt auch auf sie. Kaum etwas verdeutlicht das stärker als der Kreislauf der Energiegewinnung und des Energieverbrauchs: ohne Kohle keine Dampfmaschine, ohne Uran kein Atomkraftwerk. Sara Pritchard sieht dabei einen Wandel der Technik vom „agent of ecological change” zum „agent of socio-environmental change”. Angesichts der Katastrophe von Fukushima plädierte sie sehr überzeugend dafür, die strikte Trennung zwischen Natur- und Technikkatastrophe mit dem Konzept der „envirotechnical disasters“ aufzulösen.[125] Schließlich lässt sich feststellen, dass der Begriff des „ökologischen Wandels” (environmental change) als wertfreiere Alternative die „Umweltverschmutzung” langsam ablöst. Zentrale Kategorien sind Wissen/Wissenschaft und Unwissen bzw. Ignoranz. Gefragt wird u.a. danach, welches Wissen sich warum durchsetzen kann, wie Unwissen bzw. Ignoranz produziert werden und was sie für die historische Analyse bedeuten.[126]
Ein immer noch relativ junges Interesse der Umwelthistorie richtet sich auf die sogenannte Umweltgerechtigkeit (equity). Dabei rücken Kategorien wie Gender, Klasse und race in den Mittelpunkt.[127] Der Einbezug dieses weiteren Komplexitätsniveaus in die umwelthistorische Forschung veranlasste jüngst Andrew Isenberg von einer „new environmental history” zu sprechen, die sich deutlich von der Gründergeneration unterscheide.[128] Fünfzig Jahre nach Erscheinen von Rachel Carsons Umweltgeschichte-Klassiker „Silent Spring”[129], der sich mit den Folgen der DDT-Anwendung auseinandersetzt, lässt sich insgesamt wieder ein stärkeres Interesse am menschlichen Körper, dessen Gesundheit und insbesondere an den Bedrohungen seiner Unversehrtheit in Form von Giften oder „bio-threats” ausmachen.[130]
Neben den reinen Mensch-Natur-Beziehungen hat sich die Umweltzeitgeschichte jetzt auch den Tier-Mensch-(Natur-)Beziehungen zugewandt.[131] Im Zuge der schwindelerregenden turn-Manie der letzten Jahre wurde auch der „Animal Turn”[132] ausgerufen. Umstritten bleibt, ob es sich bei der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehungen um einen Teil der Umweltgeschichte handelt oder ob sie einen eigenständigen Bereich darstellt.[133]
Zwei Debatten, die die Anfangszeit der Umweltgeschichte im engeren Sinne prägten – erstens die Kontroverse zwischen den sogenannten Anthropozentristen und Nicht-Anthropo- oder Biozentristen sowie zweitens die sogenannte Holznot-Debatte – scheinen mittlerweile größtenteils ausgefochten zu sein.[134] Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen den „Anthropozentristen” und den „Nicht-Anthropozentristen” stand die Festlegung des umwelthistorischen Forschungsgegenstands: Mensch oder Natur? Die Frage, ob die (nicht-menschliche) Natur ein Eigenrecht habe, wuchs sich quasi zur Gretchenfrage der Umweltgeschichte aus, war aber im Grunde genommen lediglich ein „Schaukampf”.[135] Heute herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass alle Herangehensweisen und Fragestellungen sozusagen „naturgemäß” anthropozentrisch begründet sind. Eine Geschichte der „Natur als solcher” kann nicht geschrieben werden. Die enge Verknüpfung aktueller Umweltthemen mit umwelthistorischen Fragestellungen vor allem in der Frühphase der Disziplin äußerte sich in all ihrer Brisanz in der sogenannten Holznot-Debatte der 1980er-Jahre. Das medial angefeuerte „Waldsterben”[136] und die Diskussion um Energieressourcen in Deutschland lösten eine Kontroverse um die angebliche Holznot im 18. Jahrhundert aus. Vor allem Radkau war es, der die in der Forstgeschichte als unumstritten geltende Holzknappheit des 18. Jahrhunderts in Frage stellte.[137] Er wies auf die machtpolitische Instrumentalisierung des Waldes und des Holznotalarms hin und machte damit erstmals in dieser Deutlichkeit auf die Verbindung von Natur und Macht aufmerksam.
Ein Konzept, das im Zuge der ursprünglichen „Holznot-Debatte” in der deutschen Forstwirtschaft entstand und sich ursprünglich nur auf den Wald bezog, ist das der Nachhaltigkeit. Aus der nordamerikanischen Umweltgeschichte, wo „sustainability” seit mindestens 20 Jahren einen festen Platz einnimmt, wurde das Konzept schließlich wieder nach Deutschland reimportiert.[138] Spätestens seit der ersten Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 ist es in (nahezu) aller Munde. Auch Umweltgeschichte in der Praxis, etwa in Industriemuseen, spielt in der zeithistorischen Umweltforschung eine Rolle, wenn auch bisher nur am Rande.[139] Zunehmend wird auch das Feld der Unternehmensgeschichte umwelthistorisch ausgeleuchtet.[140] Während Verbindungen zu den Literaturwissenschaften vor allem über den Weg des boomenden „ecocriticism”[141] verlaufen, ist die Analyse der Medien in der Umweltzeitgeschichte bisher noch unterentwickelt, stellt aber durchaus ein sehr lohnenswertes Feld dar.[142]
Besonders attraktiv in der umwelthistorischen Forschung sind die Überblicksdarstellungen und Synthesen mit zeithistorischen Abschnitten.[143] Auch in der Umweltgeschichte wird viel und gern von transnationaler und Transfergeschichte gesprochen; in der Umweltzeitgeschichte schlägt sich das indes noch nicht besonders stark nieder. Selbst wenn immer wieder der Sinn nationalstaatlich ausgerichteter Studien in Frage gestellt wird, dominieren sie noch. Das ist per se kein Manko, weil auch sie vonnöten sind, aber langsam wäre es an der Zeit, sich verstärkt an Synthesen zu wagen.[144]
Aktuell ist auch die Diskussion über eine europäische Umweltgeschichte. Während einige anzweifeln, dass eine solche überhaupt sinnvoll ist, weil Europa nichts anderes als ein soziales Konstrukt sei,[145] und vielmehr nach Transferprozessen gefragt werden sollte, die sich nicht auf Europa beschränken ließen, zeigte Uekötter Perspektiven auf, die zumindest eine übergreifende Erzählung „natürlicher Umwelten” zulassen, ohne gleich davon ausgehen zu müssen, dass es eine europäische Umwelt gäbe.[146]
Seit Uekötter 2007 Zweifel anmeldete, ob die Umweltgeschichte überhaupt schon volljährig sei[147] und die erste Version dieses Docupedia-Beitrags erschien, hat die Subdisziplin einige Wachstumsschübe durchlaufen. Der First World Congress of Environmental History (WCEH) 2009 in Kopenhagen/Malmö war ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden. Der Kongress war nicht zuletzt deshalb zukunftsweisend, weil er tatsächliche Internationalität wagte, während viele andere Zusammenkünfte sich dies lediglich auf die Fahnen schreiben. Zwar mussten auch hier die üblichen Hürden internationalen Austauschs – Sprachkenntnisse und Unterrepräsentanz von Vertreter/innen ärmerer Gegenden – noch überwunden werden, doch wurden sie in Kopenhagen immerhin offen problematisiert, was durchaus nicht den Standards der historischen Zunft entspricht. Ebenfalls richtungsweisend war der Appell, Wissenschaft stärker in die Gesellschaft zu tragen.[148] Mittlerweile hat der zweite Weltkongress 2014 in Guimarães, Portugal, stattgefunden, und das ICEHO vereint mehr als 30 Einzelinstitutionen sowie nationale und internationale Netzwerke. Davon sind manche „erwachsener” als andere. Insgesamt jedoch scheint die Subdisziplin durchaus gereift. Die Grabenkämpfe der ersten Generation scheinen überwunden,[149] eine neue Generation etabliert, die dritte steht längst in den Startlöchern. Auch der Anspruch, Erkenntnisse der Umweltgeschichte in die Gesellschaft hineinzutragen, wird zumindest stellenweise umgesetzt: Das ICEHO wird die Stadt Guimarães dabei unterstützen, sich um das Label „Green Capital of Europe Award” für 2020 zu bewerben.
Der von Jens Ivo Engels formulierten Kritik am „bedauerlichen Desinteresse” an der im Bereich der Umweltgeschichte geleisteten Arbeit und an der bewussten oder unbewussten Zurückhaltung, die mittlerweile zahlreichen, auf hohem Niveau argumentierenden umwelthistorischen Studien in den „Kanon” der Zeitgeschichte aufzunehmen, ist dennoch noch immer entschieden zuzustimmen.[150] Die wertvollen Impulse, die von der Umweltgeschichte ausgehen, haben einen viel größeren Widerhall außerhalb der Grenzen der „Subdisziplin” verdient. Neben neuen Gegenständen und Sichtweisen, die sie in die Zeitgeschichte einbringen, können sie nicht zuletzt dazu beitragen, scheinbar ausgeforschte Themen neu zu bewerten.
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