Medizingeschichte – Zeitgeschichte der Medizin
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.12.2022
https://docupedia.de/zg/huentelmann_michl_pruell_medizingeschichte_v1_de_2022
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2458
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.12.2022
https://docupedia.de/zg/huentelmann_michl_pruell_medizingeschichte_v1_de_2022
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2458
Im Herbst 2019 kam es zu einem gehäuften Auftreten von Lungenentzündungen in der chinesischen Stadt Wuhan. Was zunächst kaum wahrgenommen und als regionales, vor allem auf Südostasien begrenztes Problem abgetan wurde, weitete sich binnen weniger Monate zu einer globalen Pandemie aus – der Rest ist Geschichte.[1] Covid-19 bzw. SARS-CoV-2 hatte (und hat) weltweit gravierende Auswirkungen auf die Politik, die Gesellschaften und auf die Weltwirtschaft. Ohne Beispiele in der jüngeren Geschichte wird, um Ausmaß und Folgen der Pandemie abschätzen zu können, immer wieder Bezug auf frühere Pandemien wie die Spanische Grippe von 1918/19, die Cholera im 19. Jahrhundert oder die Pestzüge des Mittelalters genommen.
![„To Prevent Influzenza!“ Anzeige in: „Illustrated Current News“, 18. Oktober 1918, in der für das Tragen eines Mundschutzes zur Prävention einer Grippe-Infektion geworben wird.<br />Foto: unbekannt. Quelle: [https://circulatingnow.nlm.nih.gov/2015/01/15/influenza-precautions-then-and-now/to-prevent-influenza-a108877/ National Library of Medicine] / [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:To-prevent-influenza-a108877.jpg Wikimedia Commons] [15.11.2022] public domain](sites/default/files/import_images/7732.jpg)
Die Corona-Pandemie hat eine Fachdisziplin in den Fokus gerückt, die bislang eher ein Nischendasein führte: die Medizingeschichte. Als „Orchideenfach“ lange Zeit von der Medizin eher geduldet und von der Geschichte zumeist ignoriert, werden ihre Fachvertreter*innen nun befragt, wie die aktuelle Pandemie vor dem Hintergrund früherer Seuchenzüge zu verstehen sei und welche gesellschaftlichen Veränderungen zu erwarten seien. Eine Veränderung lässt sich bereits jetzt absehen: Die sozio-kulturellen Auswirkungen von Krankheit und Gesundheit, bislang vor allem in der medizinhistorischen Nische verhandelt, stehen allenthalben deutlich vor Augen.
Bei der Medizingeschichte handelt es sich um ein interdisziplinäres Themenfeld zwischen Medizin und Geschichte. Die (Zeit-)Geschichte der Medizin bietet die Möglichkeit, mittels historischer Rückschau und Kontextualisierung aktuelle gesundheitspolitische Diskussionen und medizinische Entwicklungen einzuordnen. Auch kann sie gegebenenfalls in kontroversen gesellschaftlichen und ethischen Debatten mit Blick in die medizinhistorische Vergangenheit Argumente zur Klärung gegenwärtiger Probleme liefern und Lösungsansätze aufzeigen. Je nach Perspektive wird die „Geschichte der Medizin“ als Teildisziplin der Geschichte oder die „Geschichte in der Medizin“ als Prozess der Selbstreflexion und Selbstvergewisserung in der Medizin betrachtet.[2] Die Methoden und der theoretische Zugang zum Forschungsgegenstand „Medizin“ kommen aus den Geisteswissenschaften. Doch institutionell ist die Medizingeschichte in Deutschland an den medizinischen Fakultäten angesiedelt und dort seit mehr als einem Jahrhundert als Lehrfach verankert. Mit Etablierung der Sozial- und Kulturgeschichte seit den 1970er- und 1980er-Jahren werden medizinhistorische Themen in der Geschichte auch von Historiker*innen aufgegriffen.
In diesem thematischen Spannungsfeld zwischen Medizin und Geschichte gab es seitens der medizinhistorisch Forschenden seit Mitte des 20. Jahrhunderts ebenso disziplinäre Abgrenzungs- wie Anknüpfungsbemühungen in beide Richtungen: Gegenüber der Geschichtswissenschaft musste (und muss) die Medizingeschichte beweisen, dass sie historisch valide und quellenkritisch arbeitet. Ihre Forschungsergebnisse sollten in aktuelle historiografische Debatten eingebettet sein und hier auch Anknüpfungspunkte bieten. Diese Bemühungen stehen in einem Spannungsverhältnis zum Fachgebiet Medizin, dem die Medizingeschichte ihren praktischen Nutzen und ihre Relevanz beweisen muss. Seitens der Geschichtswissenschaft wurde der Medizingeschichte in den 1980er-Jahren eine Verengung auf eine Disziplinen-, Institutionen-, Ereignis- und Biografie-Geschichte vorgehalten, die die Bedeutung der Medizin bespiegele und legitimiere, mit veralteten methodischen und theoretischen Konzepten (sofern überhaupt) arbeite, neuere (damals sozialhistorische) Forschungsansätze ignoriere und sich letztlich von den Geschichtswissenschaften entkoppelt habe.[3]
Die Medizingeschichte hat seit den späten 1980er-Jahren zunehmend Methoden und theoretische Diskussionen in der Geschichtswissenschaft wie auch verschiedene cultural turns aufgegriffen, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass in der institutionalisierten Medizingeschichte eine wachsende Zahl von Historiker*innen tätig war und ist. Doch je mehr sie sich genuin historisch-kritischen oder wissenschaftshistorischen und epistemologischen Fragestellungen zuwandten, desto stärker wurde die Kritik von Vertreter*innen aus der Medizin, die die Relevanz medizinhistorischer Studien infrage stellten. Im Jahr 2014 riefen die Äußerungen von Richard Horton, dem Herausgeber der einflussreichen medizinischen Wochenzeitschrift „The Lancet“, große Aufregung hervor: In einem Leitartikel hatte Horton „the moribund body of medical history“[4] beklagt und den Niedergang der „todgeweihten“ Medizingeschichte vorhergesagt. Denn die meisten Medizinhistoriker*innen, so seine Einschätzung, hätten zu wichtigen Fragen der Vergangenheit, die sich auf die Gegenwart beziehen könnten, nichts mehr zu sagen. Sie seien unsichtbar, unhörbar und folglich unbedeutend für die medizinische Forschung.
Allerdings wurde dem Befund Hortons sogleich widersprochen.[5] Doch zeigt die Kritik von Vertreter*innen aus den Geschichtswissenschaften wie der Medizin, dass die Notwendigkeit, den Standort der Medizingeschichte zu bestimmen, nichts an Aktualität verloren hat. Vielmehr ist das Bemühen, die eigene Position im Spannungsfeld zwischen Medizin und Geschichte zu verorten, ein wichtiger Teil der Geschichte bzw. Zeitgeschichte der Medizin. Hinzukommen noch die konkurrierenden Ansprüche aus dem Feld der sich neu etablierenden Medizinethik über die Deutungshoheit gesellschaftlich relevanter Fragestellungen in der Medizin. Die Zukunft wird zeigen, inwieweit das durch die Corona-Pandemie ausgelöste Interesse an der (Zeit-)Geschichte der Medizin bestehen bleibt.
Der Beitrag beginnt mit einer chronologischen Einordnung der Zeitgeschichte der Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen einer neuen bzw. modernen Medizin. Es folgt ein kurzer Abriss zur Geschichte des Fachs sowie zu seinem Wandel und den damit verbundenen Kontroversen. Anschließend werden Themen, Methoden und theoretische Zugriffe der Zeitgeschichte der Medizin skizziert (Verwissenschaftlichung, Konzepte von Gesundheit und Krankheit), Akteur*innen vorgestellt (Institutionalisierung und Professionalisierung) sowie einzelne Forschungsfelder aus der Geschlechter- und Körpergeschichte wie auch zu nicht-menschlichen Akteuren in der Medizin (Objektgeschichte und Science Studies) behandelt. Abschließend wird ein Schlaglicht auf das aktuelle Verhältnis von Medizingeschichte und Medizinethik geworfen.
Seit den 1980er-Jahren sind zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus erschienen, die die Zeitgeschichte der Medizin maßgeblich geprägt haben und nach Thomas Schlich „beinahe mit NS-Geschichte synonym war[en]“.[6] Als initialer Startpunkt der Beschäftigung mit den Entwicklungen in der Medizin während der Zeit des Nationalsozialismus und der Beteiligung der Ärzteschaft an medizinischen Verbrechen gilt der durch Gerhard Baader und Ulrich Schultz organisierte Gesundheitstag im Jahr 1980.[7] Seitdem entstanden Untersuchungen zur „Rassenhygiene“ und Eugenik, zur Aufklärung medizinischer Verbrechen und deren Opfer sowie zur Mitwirkung von Ärzten an Euthanasie und Menschenversuchen sowie insgesamt zur Rolle und zum Einfluss einzelner Ärzte und Institutionen wie Krankenhäusern, medizinischen Fakultäten und biomedizinischen Forschungseinrichtungen im Nationalsozialismus.[8]
Seit den 2000er-Jahren geriet die Geschichte der Medizin in der DDR in den Fokus,[9] wobei auch hier die Frage nach dem Verhältnis von Medizin bzw. medizinischer Akteure zur Politik im Vordergrund stand. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Erforschung der Medizingeschichte im deutsch-deutschen Vergleich.[10]
Eine Zeitgeschichte der Medizin entlang der herkömmlichen Unterteilung nach ereignisgeschichtlichen Zäsuren wie 1918, 1933, 1945 oder 1989 zu schreiben, greift unserer Meinung nach zu kurz. Auch eine willkürliche Festlegung nach Jahrhunderten mit einer Grenze um 1900 für die Geschichte der Medizin im 20. Jahrhundert[11] erscheint uns nicht sinnvoll. Den Beginn einer Zeitgeschichte der Medizin datieren wir daher auf die 1870er- und 1880er-Jahre.[12] Die medizinischen Entwicklungen dieser Zeit nahmen sich der drängenden zeitgenössischen Probleme an: Verringerung der hohen Kindersterblichkeit, Verbesserung der Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten und die Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten.
Der Rückbezug aktueller medizinischer Entwicklungen auf das Ende des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts wird einmal mehr deutlich in der aktuellen Corona-Pandemie und der Rückschau auf die Einführung der Impfpflicht für Pocken in den 1870er-Jahren,[13] auf die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892 sowie auf die Grippe-Pandemie 1918/19.
Denn die Maßnahmen, mit denen gesundheitliche Probleme um/ab 1900 – damals zunächst erfolgreich – gelöst werden sollten, warfen wiederum neue Fragen auf. Sie beschäftigen die Medizin bis heute und sind Thema der Zeitgeschichte der Medizin geworden: Welches Ausmaß darf gesundheitspolitische Überwachung und Kontrolle einnehmen? Welche Rolle spielt der Mensch in einer hochgradig spezialisierten und technisierten Medizin?
Ethische Diskussionen und existenzielle Fragen nach dem Wert des Menschen und der Menschenwürde ergeben sich vor dem Hintergrund medizinischer Verbrechen im Nationalsozialismus. Zwar wurden seit der Antike die Fragen diskutiert, was die Medizin kann und was sie darf, welches Selbstverständnis Mediziner*innen haben, welche Konsequenzen medizinisches Handeln hat und inwieweit es existenziell das Wesen des Menschen betrifft. Doch erst mit dem Wandel der Medizin zur experimentellen Lebenswissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine kontroverse Diskussion darüber, ob und unter welchen Umständen der Mensch zum Gegenstand wissenschaftlicher Versuche werden kann. Mit den Weiterentwicklungen in der Medizin und durch die medizinischen Verbrechen während der NS-Zeit erhielt diese Thematik in der Nachkriegszeit eine neue Dringlichkeit.
Die Epochenabgrenzung der „Zeitgeschichte der Medizin“ mit Beginn in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts ist insofern sinnvoll, als sich in diesem Zeitraum die Medizingeschichte als eigene Fachdisziplin institutionalisiert hat und sich die Auffassungen über ihre Rolle innerhalb der Medizin entscheidend verändert haben. Dabei spiegelt sich das Selbstverständnis des Fachs bis zu einem gewissen Grad in dessen Geschichtsschreibung wider. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten (natur-)philosophisches und medizinisches Wissen zum Kanon eines ganzheitlichen Verständnisses von Medizin. Die Medizingeschichte war immanenter Teil der Medizin, denn neue therapeutische und diagnostische Verfahren konnten nur mit Bezug auf frühere ärztliche Autoritäten entwickelt werden. Mit der zunehmenden Orientierung der Medizin an den Naturwissenschaften galten frühere Wissensbestände als überholt und dienten allenfalls dazu, als bloße „Vorgeschichte“ die Erfolge der „neuen“ naturwissenschaftlichen Medizin zu kontrastieren. Medizingeschichte verkümmerte zu einem Wissensbestand, den nur noch wenige Mediziner pflegten.[14]
Doch seit Ende des 19. Jahrhunderts positionierte sich die sich institutionell formierende Medizingeschichte an der Schnittstelle zwischen Medizin und Geschichte. Initiiert und forciert durch den auf (medizin-)historischem Gebiet arbeitenden Mediziner Karl Sudhoff wurde 1901 die Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e.V. (DGGMNT) gegründet. Sudhoff wurde 1904 zum außerordentlichen Professor für Medizingeschichte in Leipzig berufen, wo 1906 das weltweit erste Institut für Medizingeschichte entstand.[15] Sudhoffs Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Medizingeschichte wurde 1925 Henry E. Sigerist.[16] Er richtete die Perspektive der Medizingeschichte neu aus und versuchte, korrespondierend zum gesundheitspolitischen Wandel in der Weimarer Republik, die Entstehung der Medizin in ihrer gesellschaftspolitischen Bedingtheit nachzuzeichnen, sodass sich frühe Ansätze einer „Sozialgeschichte der Medizin“ finden lassen.
Sigerist hatte eine enorme Ausstrahlung auf die Medizingeschichte in Deutschland und vor allem in den USA, wo er 1932 die Leitung des medizinhistorischen Instituts an der Johns Hopkins University übernahm. Ihm folgten weitere Medizinhistoriker, wie z.B. Owsei Temkin und Erwin Ackerknecht, die die Ausrichtung der amerikanischen Medizingeschichte im Sinne einer Sozialgeschichte weiterführten.[17] In Deutschland dominierte besonders nach 1933 eine Medizingeschichte, die sich an den Erfolgen „berühmter“ Ärzte orientierte, die zu Heroen einer spezifisch deutschen Medizin stilisiert wurden. Folglich bestand die Vergangenheit ihres Fachs für die meisten Mediziner*innen aus einer Personen- und Entdeckungsgeschichte. Eine prominente Rolle nahm Paul Diepgen ein, der 1929 auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Medizingeschichte in Berlin berufen wurde. Er beeinflusste die Medizingeschichte und deren Lehrstuhlbesetzungen in Deutschland seit den 1930er-Jahren und weit über die Zeit nach 1945 hinaus.[18]
Die vom NS-Regime geförderte Medizingeschichte diente sich den neuen Machthabern auf mehrerlei Weise an. Zum einen sollten angehende Mediziner im Studium über deutsche Errungenschaften in der Medizin unterrichtet und so „nationalpolitisch“ erzogen werden. Darüber hinaus konnten die Medizinhistoriker ihre Position stärken, indem sie ihren geisteswissenschaftlichen Zugang betonten, um ihre Zuständigkeit für die „ärztliche Ethik“ und „Standeslehre“ auszubauen mit dem Ziel, Treue und Pflichtbewusstsein sowie Loyalität zum Ärztestand und damit auch zum NS-Regime in der Ausbildung zu verankern.[19] Außerdem trugen populärwissenschaftliche medizinhistorische Schriften wie z.B. die von Hellmuth Unger den Anspruch von heroischer Pflichterfüllung und Aufopferung in die Ärzteschaft hinein.[20]
![Nürnberger Ärzteprozess: Leo Alexander, Berater der Anklage, demonstriert während der Nürnberger Prozesse die Wunden bzw. Narben von Jadwiga Dzido, die ihr infolge medizinischer Experimente im Konzentrationslager Ravensbrück zugefügt wurden.<br /> Fotograf*in: unbekannt, Nürnberg, 20. Dezember 1946. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jadwiga_Dzido_shows_scars_on_leg_from_medical_experiments_to_the_Doctors%27_Trial.jpg Wikimedia Commons] / [https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa11987 United States Holocaust Memorial Museum] [15.11.2022] public domain](sites/default/files/import_images/7733.jpg)
Inhaltlich, methodisch und personell änderte sich in der Medizingeschichte (in West- wie in Ostdeutschland) auch nach 1945 wenig. Ein gemeinsamer (unpolitischer) Bezugspunkt bildete nach wie vor die Beschäftigung mit antiken Quellen sowie die Darstellung von medizinischen Entdeckungen und wichtigen Biografien, bei denen der Bezugspunkt jetzt nicht mehr „nationalpolitisch“ war: Die dargestellten Mediziner wurden nun zu Ikonen einer internationalen Forschungsgemeinschaft (im Westen) oder zu Vorkämpfern des Sozialismus (im Osten) stilisiert. Die Kontinuität einer auf Heroen und Entdeckungen fokussierten Medizingeschichte und die Fortsetzung eines überkommenen Methodenkanons wurden erst in den 1970er-Jahren in Frage gestellt. Allerdings öffneten sich medizinhistorische Vertreter*innen aus der DDR aus ideologischen Gründen im Einsatz für den neuen Arbeiter- und Bauernstaat früher als ihre westdeutschen Kolleg*innen einer Sozialgeschichte der Medizin.
Noch bevor die Rolle der Medizin bzw. von Ärztinnen und Ärzten im Nationalsozialismus und ihr Engagement für den NS-Staat als Vordenker und Wegbereiter sowie als verantwortliche Akteur*innen bei der Umsetzung der nationalsozialistischen „Rassen- und Vernichtungspolitik“ kritisch hinterfragt wurden, entbrannten in den 1960er-Jahren in der bundesrepublikanischen Medizingeschichte Diskussionen darüber, wie man mit den NS-belasteten Vertretern des eigenen Fachs umgehen sollte. Die Debatte über die Vergangenheit deutscher Medizinhistoriker kulminierte 1964 in der „Affäre Berg/Rath“,[21] infolgedessen zahlreiche Medizinhistoriker*innen aus Protest aus der DGGMNT austraten und die Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte gründeten.[22] Die Einbindung und Parteinahme der Medizingeschichte und ihrer fachlichen Vertreter in die und für die Belange der NS-Politik wurden schließlich seit der Jahrtausendwende selbst zum Thema der Zeitgeschichte der Medizin.
Maßgebliche institutionelle Änderungen ergaben sich in der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren mit der Gründung zahlreicher neuer medizinhistorischer Institute. Der Wissenschaftsrat hatte mit Bezug auf die medizinischen Verbrechen während des Nationalsozialismus empfohlen, an medizinischen Fakultäten medizinhistorische Institute einzurichten, um Medizinstudent*innen auch in geisteswissenschaftlichen und ethischen Grundlagen zu unterrichten.[23] Diese Ausweitung des Fachs führte zu einer Nachfrage nach (Medizin-)Historiker*innen, die sich zunächst vor allem aus der Medizin selbst rekrutierten. Zu den zahlreichen geisteswissenschaftlich fortgebildeten Ärzt*innen gesellten sich einige Geisteswissenschaftler*innen aus der Geschichte, Germanistik oder der Altphilologie, die zu medizinhistorischen Themen gearbeitet hatten. Die interdisziplinäre Zusammensetzung im Fach veränderte sich langsam, anfangs von heftigen Diskussionen begleitet und durch Widerstände seitens einiger traditioneller Lehrstuhlinhaber verzögert, und führte seit den späten 1980er-Jahren zur inhaltlichen und methodischen Neuausrichtung in der Medizingeschichte und Übernahme sozialhistorischer Ansätze (aus dem anglo-amerikanischen Raum).[24]
In der DDR hatte sich die Medizingeschichte mit der Möglichkeit zur Weiterbildung interessierter Mediziner*innen zum „Facharzt für Medizingeschichte“ zwar professionalisiert,[25] sich aber in weitaus geringerem Maße institutionalisiert. Neben Vorlesungen zur Geschichte der Medizin an den medizinischen Fakultäten durch einzelne Medizinhistoriker*innen bildeten die Einrichtungen in Berlin und Leipzig den institutionellen Schwerpunkt. Nach der Wiedervereinigung wurden in Ostdeutschland weitere Institute für Medizingeschichte neu gegründet.
Curriculare Veränderungen ergaben sich zum einen in den 2000er-Jahren mit der Einführung des Querschnittsfachs „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“. Zum anderen wurde der medizinhistorische Methodenkanon durch die Übernahme von Ansätzen und Methoden aus der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte pluraler und interdisziplinärer[26] sowie durch die Antizipation globalgeschichtlicher Themen, wie z.B. die chinesische Medizin,[27] multifokaler und internationaler.[28]
Seit den 1980er-Jahren hat die Medizingeschichte zahlreiche Methoden und theoretische Zugriffe aus der Geschichte bzw. allgemein den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften aufgenommen, die anfangs von kontroversen Diskussionen begleitet wurden. Die verstärkte Zuwendung zu geisteswissenschaftlichen Methoden lag zum einen darin begründet, dass sich auch die Methoden innerhalb der Geschichtswissenschaft verändert hatten. Mit der Etablierung der Sozialgeschichte in den 1960er-Jahren,[29] die umfangreiche statistische Daten nach sozialwissenschaftlichen Methoden historisch-kritisch auswertete, um strukturelle gesellschaftliche Entwicklungen in den Fokus zu nehmen, wurden diese Ansätze zeitlich versetzt von der Medizingeschichte übernommen.[30] Durch die Fokussierung auf Prozesse rückten auch innerhalb der Geschichtswissenschaften Fragen zum Zusammenhang von Lebensbedingungen und Lebenserwartung, Krankheit und Gesundheit ins Blickfeld. Nach dem Erstarken kulturgeschichtlicher Ansätze in der Geschichte seit den 1990er-Jahren fanden die aus dem linguistic, pictoral, practical oder material turn sich ergebenden methodischen Zugänge in den folgenden Jahren ebenfalls Eingang in die Medizingeschichte.
Methodenvielfalt und die Einbeziehung von Ansätzen aus unterschiedlichen Disziplinen sind eine Voraussetzung, um Themenfelder wie Gesundheit oder Krankheit historisch erschließen zu können. Speziell für die Zeitgeschichte der Medizin gewinnt ein multiperspektivischer und interdisziplinärer Ansatz zusätzlich an Bedeutung: Eine hochtechnisierte und spezialisierte Medizin ist in private wie öffentliche Lebensbereiche eingedrungen und hat Vorstellungen von Körperlichkeit und Geschlecht, Werthaltungen und sozialen Normen sowie Gemeinschaft und Gesellschaft entscheidend geprägt. Um die Dynamik solcher Prozesse verstehen und sozio-kulturell einbetten zu können, sind neben (medizin-)historischen Studien auch soziologische, kulturanthropologische, literaturwissenschaftliche und ethische Studien grundlegend.
In der Zeitgeschichte der Medizin werden vor allem Ideen und Theorien von Michel Foucault, Bruno Latour, Pierre Bourdieu, Georges Canguilhem, Ludwik Fleck und Thomas Kuhn aufgegriffen, um Körper und Gesundheit, Ärzteschaft und Pflege, lebenswissenschaftliche Institutionen und Disziplinen, Wissensproduktion und medizinische Praktiken, Veränderungen medizinischer Einstellungen in der Gesellschaft und Entwicklungen in der Gesundheitspolitik auf dem Gebiet der Objekt- und Dinggeschichte, Wissens- und Körpergeschichte, Diskursgeschichte, Alltags-, Sozial- und Kulturgeschichte, der historischen Epistemologie oder Geschlechterforschung zu diskutieren.
Die Themen ergeben sich naturgemäß aus der Medizin; zeithistorisch lagen Schwerpunkte insbesondere auf Untersuchungen zur Rolle der Ärzteschaft bzw. medizinischer Heilberufe und Institutionen während der Zeit des Nationalsozialismus, in der DDR und neuerdings auch in der Bundesrepublik[31] sowie zur Geschichte der Psychiatrie und zu psychiatrischen Erkrankungen oder zur Arzneimittelforschung. Zentral ist und bleibt die Einbettung von Akteuren, Institutionen, Methoden, Wissenspraktiken und -prozessen in den sozio-kulturellen, biopolitischen und historischen Kontext.[32]
![Vierteiliges Wandgemälde von Carlos V. Francisco (entstanden 1953) im Philippinischen Nationalmuseum, das die Entwicklung der Heilpraktiken auf den Philippinen von der vorkolonialen Zeit bis in die Neuzeit thematisiert.
<br />Fotograf: Bengy Toda III. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Progress_of_Medicine_in_the_Philippines.jpg Wikimedia Commons] / [https://www.nationalmuseum.gov.ph/our-collections/fine-arts/paintings/ National Museum of the Philippines] [15.11.2022] public domain](sites/default/files/import_images/7734.jpg)
Den Auftakt der „modernen“ Medizin markiert die Durchsetzung der Verwissenschaftlichung[33] und „Experimentalisierung“ der Medizin.[34] Mit Einführung des kontrollierten und wiederholbaren Experiments auf Basis exakter Naturbeobachtung zogen die Mediziner ihr Wissen seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus den gelehrten Werken der Vorgänger. Überzeugt vom Glauben an den Fortschritt wurden neue Erkenntnisse jetzt aus der systematischen Beobachtung des Lebendigen, aus Experimentalsystemen gewonnen, deren Zusammensetzung, Durchführung und Ergebnisse exakt vermessen und schriftlich festgehalten wurden. Dieser Prozess setzte zwar schon vor den 1870er-Jahren ein, erreichte aber mit der experimentellen Physiologie und Stoffwechselforschung, der experimentellen Pathologie und Bakteriologie eine neue Dimension. Zur Geschichte der Laborwissenschaft und des Experiments sind in den vergangenen Jahren zahlreiche wissenschaftshistorische, -soziologische und -philosophische Arbeiten entstanden, die die Rolle der an den Experimenten beteiligten Akteure neu definieren.[35]
In den Mittelpunkt medizinhistoriografischer Untersuchungen rückt neben einer Analyse sich wandelnden Wissens und sich verändernder Wissenschaft die Frage, wie Wissen und Praktiken aufeinander bezogen sind. Wissen über Gesundheit und Krankheit, körperliche Vorgänge und die Materialität des Körpers ist unmittelbar handlungsleitendes Wissen, das darauf abzielt, Steuerungsmöglichkeiten sowie Prognostizier- und Planbarkeiten körperlicher Vorgänge auszuloten. Medizin bewegt sich in diesem produktiven Spannungsfeld von begründetem Wissen (auf Grundlage unterschiedlicher Begründungsansätze) und Praktiken, die auf den individuellen Körper oder auf das Konstrukt eines kollektiven Körpers bezogen sind. In der Medizinhistoriografie ist dieser Ansatz einer Medizin als Produzent von Handlungswissen selbst wieder Reflexionsgegenstand geworden.[36]
Zugleich hat sich im 20. Jahrhundert das Verständnis von Krankheit und Gesundheit verändert. Mit Einzug des Mikroskops in die ärztliche Praxis verlagerte sich der Untersuchungsgegenstand der Medizin, die Lebens- und Krankheitsprozesse, von einer holistischen Perspektive, die den Körper und Organismus als Ganzes und dessen Lebensweise und Umwelt einbezog,[37] auf die zunehmend kleinteiliger werdende Mikro- und Molekularebene in einer artifiziellen Labor-Umwelt. Krank wurde nicht mehr der Mensch, sondern ein Organ oder die Zelle. Zudem wurde mit der sich in den 1880er-Jahren etablierenden Bakteriologie nicht nur die Kausalität von Krankheit re-definiert,[38] wonach eine Erkrankung nicht mehr multikausal durch eine Vielzahl sich bedingender (Umwelt-)Faktoren, sondern durch das Eindringen eines externen, spezifischen Mikroorganismus verursacht worden sei. Die ersten ursächlich wirkenden Therapeutika bekämpften nicht mehr nur die Symptome, sondern (vermeintlich) die (alleinige) Ursache.[39]
Eine weitere Veränderung betrifft die Temporalität von Krankheiten und die Verlagerung von akuten zu chronischen Erkrankungen im 20. Jahrhundert.[40] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts starben viele Menschen an Infektionskrankheiten. Mit den neuen Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten in der Medizin, verbunden mit der Verbesserung der allgemeinen Umwelt- und Lebensbedingungen, stieg die Lebenserwartung der Menschen (in der westlichen Welt) stetig an. Mit der epidemiologischen Transition,[41] dem Rückgang epidemisch auftretender Infektionskrankheiten und Mangelerkrankungen zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert vor allem aufgrund der verbesserten Lebens- und Ernährungsverhältnisse, rückten Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie der Herzinfarkt oder andere Krankheiten wie Diabetes in den Vordergrund, die zwar vermeintlich akut auftreten, aber eine längere Vorgeschichte wie Gefäßverkalkung haben oder eine langfristige (Nach-)Behandlung erfordern.[42]
Der Rückgang von Infektionskrankheiten bzw. akuten Erkrankungen war unter anderem das Ergebnis von gesundheits- bzw. biopolitischen Maßnahmen und dem Aufkommen einer öffentlichen Gesundheitspflege – zunächst auch im Unterschied zur privaten Hygiene als öffentliche Hygiene bezeichnet und später als public health. Bei den im Rahmen der öffentlichen Gesundheitspflege vorgesehenen restriktiven und tief in die individuelle Lebensführung eingreifenden Maßnahmen, wie z. B. die Impfpflicht, wurde die Freiheit des Einzelnen dem (vermeintlichen) Wohl der Gesellschaft untergeordnet.[43] Die Verschiebung der Todesursachen ist jedoch auch das Ergebnis einer veränderten Wahrnehmung, hervorgerufen durch die Installation einer umfangreichen medizinischen Statistik und durch sozialmedizinische Erhebungen zum Auftreten bestimmter Erkrankungen, rubriziert nach Ort, Alter, sozialer Schichtung oder Geschlecht.[44]
Das Risiko, dass eine körperliche Dysfunktion wie Arteriosklerose oder Bluthochdruck beispielsweise zu einem Herzinfarkt führt, wird über bestimmte Faktoren wie Ernährung, Lebenswandel, Beruf oder Geschlecht prognostiziert. Das Konzept der Risikofaktoren ermöglicht die gezielte Fokussierung und Beeinflussung einzelner Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sodass diese nicht nur medikamentös, sondern auch über Verhaltensänderungen behandelt und chronifiziert werden.[45] Durch die Einbeziehung von Risikofaktoren verschwimmt die Grenze zwischen krank und gesund: Ist jemand mit erhöhtem Cholesterinspiegel bereits krank? Stress, Neurasthenie und Burnout stellen ein neues Krankheitsbild im 20. Jahrhundert dar, aber ab welchem Grad wird „Stress“ oder „Übergewicht“ zur Krankheit?[46]
Durch die Antizipation von Risikofaktoren des „präventiven Selbst“ verlagerte sich der Zustand „krank“ und „gesund“ in die Zukunft. So wurde der Prävention, also die Vermeidung von Risiken,[47] in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Rahmen wohlfahrtstaatlicher und gouvernementaler public health-Kampagnen zur Gesunderhaltung bzw. zum körperlichen enhancement wie Fitness und andere Selbsttechnologien eine große Bedeutung beigemessen.[48] Die Fragen nach den Veränderungen des Krankheits- und Gesundheitsbegriffs sind jedoch nicht nur forschungsleitend, sondern selbst Teil einer Zeitgeschichte der Medizin aus postmoderner Perspektive.[49]
Die zunehmend voraussetzungsreichere und den Einsatz technischer Apparate bedingende Produktion medizinischen Wissens und medizinischer Praxis führte zur Spezialisierung in der Medizin und zur Herausbildung neuer Forschungsfelder, wie zum Beispiel die Bakteriologie[50] oder die Molekularbiologie auf der Mikroebene. Als Gegenpol bildeten sich seit 1900 mit der Epidemiologie, Sozial- und „Rassen“-Hygiene wissenschaftliche Felder[51] heraus, die die Umwelt des Menschen untersuchten, wobei das Individuum und der einzelne menschliche Körper aus dem Fokus gerieten.[52]
Weitere Felder differenzierten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus: so beispielsweise die Serologie und Immunologie, die mit der gegenwärtigen Pandemie einen neuerlichen Bedeutungszuwachs erhalten hat. Beschleunigt durch den Ersten Weltkrieg gewannen die Prothetik und die plastische Chirurgie eine große Bedeutung.[53] Spezialisierungen ergaben sich auch aus der Fokussierung auf bestimmte Krankheiten wie z.B. die Onkologie oder auf bestimmte Organerkrankungen wie die Kardiologie (Herz), Nephrologie (Niere) oder die Urologie. Ferner bildeten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die Endokrinologie und Reproduktionsmedizin,[54] Genetik,[55] Transplantationsmedizin[56] und das weite Feld der Psychiatrie und Neurologie bzw. Kognitionsforschung heraus.[57]
Die in den lebenswissenschaftlichen Feldern tätigen Akteure bildeten Denkkollektive,[58] gründeten Fachgesellschaften und Fachzeitschriften und trieben die Professionalisierung, akademische Disziplinierung und Institutionalisierung der Teilgebiete voran.[59] Zu jedem dieser Felder und medizinischen Spezialgebiete, zu den Biografien ihrer Protagonisten, ihrer Entwicklung im 20. Jahrhundert in der aufkommenden Wissens- und Informationsgesellschaft, ihrer Disziplinierung und Institutionalisierung, der zunehmenden Bedeutung von Expert*innen gibt es zahlreiche medizin- und wissenschaftshistorische Publikationen.
Der alleinige Fokus auf eine Verwissenschaftlichung und Akademisierung der Medizin würde indes unterschiedlichste kulturelle Wissensformen von körperlichen Vorgängen und Gesundheitspraktiken ausschließen. Daher umfasst die Zeitgeschichte der Medizin auch medizinisches Wissen im weitesten Sinne:[60] von den sogenannten Laienheilern oder Alternativmediziner*innen bis hin zu alltäglichem Körperwissen. In dieser Perspektive rücken unterschiedliche Wissensproduzenten, -formen und -orte in den Mittelpunkt der Betrachtungen (Universitäten,[61] Labore, Kliniken, gesundheitspolitische Behörden, Beratungsstellen, Sanatorien, Ärzte/Ärztinnen, Heiler und Patienten).
In den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen in der Medizin agierenden Gruppen – z.B. Schulmedizin versus Homöopathie – wird deutlich, dass nicht nur während der Verwissenschaftlichung der „modernen“ Medizin um Deutungshoheiten in unterschiedlichsten konflikthaften oder kooperativen Konstellationen gerungen wurde,[62] sondern dass Konflikte zwischen wissenschaftlichem Wissen und anderen Wissensformen sich auch in der Zeitgeschichte fortsetzen.[63] Die Perspektivverschiebung von der wissenschaftlichen Medizin hin zu verschiedenen Formen medizinischen Wissens und medikaler Kulturen (siehe unten) spiegelt auch Diskussionen in der Geschichte wider, die einen stärkeren Fokus auf Wissensgeschichte (statt Wissenschaftsgeschichte) legen.
Überdies werden mehr und mehr bislang unsichtbare Akteur*innen in der Medizingeschichte sichtbar gemacht. Galten bis in die 1980er-Jahre vor allem Ärzte und herausragende Mediziner ihrer Zeit als „biografiewürdig“,[64] so rückten seit den 1980er-Jahren auch Ärztinnen,[65] Pflegepersonal,[66] technische Hilfskräfte im Labor[67] und die Patient*innen[68] in den Mittelpunkt zahlreicher Untersuchungen. Technische Hilfs- und Fachkräfte sind für die Zeitgeschichte auch deshalb bedeutsam, weil sie die hochtechnisierten Geräte und Computer bedienen und warten.
Geschlecht als Ordnungskategorie moderner Gesellschaften wurde, angeregt durch Studien aus der Frauen- und späteren Geschlechterforschung, seit den 1980er-Jahren auch in der deutschen Medizingeschichte zunehmend kritisch diskutiert. Dabei ging es nicht allein darum, die historische Rolle von Medizinerinnen in der männlich dominierten Medizin stark zu machen.[69] Vielmehr sollten in Verbindung mit körperhistorischen Ansätzen Prozesse von Biologisierung und Pathologisierung des weiblichen Körpers in den Blick genommen werden.[70] Die Historikerin Barbara Duden und die Soziologin Claudia Honegger kritisierten die eingeschränkte Perspektive allein auf die Reproduktions- und Gebärfähigkeit des weiblichen Körpers und den medizinischen Blick darauf als defizitär.[71]
![Operationsvorbereitung (in klassischer männlich-weiblicher Aufgabenverteilung) in der neu eingeweihten Frauenklinik der Charité, Berlin (Ost), 8. Oktober 1973.<br />Fotografin: Vera Katschorowski-Stark (ADN). Quelle: [https://www.bild.bundesarchiv.de/dba/de/search/?query=Bild+183-M1008-0003 Bundesarchiv Bild 183-M1008-003] / [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-M1008-0003,_Berlin,_Charit%C3%A9,_Frauenklinik,_Operation.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC-BY-SA 3.0]](sites/default/files/import_images/7735.jpg)
Lange Zeit galt auch in der Medizingeschichte der Frauenkörper als das Modell des reproduktiven Körpers schlechthin. Darüber hinaus sind zahlreiche Publikationen zur (Wissenschafts-)Geschichte der Reproduktionsmedizin entstanden. Adele E. Clarke hat für den nordamerikanischen Raum in ihrem Buch „Disciplining Reproduction“ untersucht, wie Wissens- und Handlungsfelder über die Steuerung der Reproduktion entstanden sind und wie sich jene neuen Formationen Legitimität und finanzielle Förderung verschafften, sodass sie sich schließlich als eine neue Disziplin in der Medizin behaupten konnten. Sie skizziert Schauplätze („reproductive arenas“), die in komplexen Konstellationen von wissenschaftsinternen und -externen Akteursgruppen die Bedingungen für die Formierung dieser neuen Disziplin sowie Märkte für das entstandene Wissen schufen.[72]
Die Historikerin Christine Schreiber knüpft an diesen erweiterten Ansatz einer Disziplin- und Wissensgeschichte an und untersucht, wie die Entwicklung einer Technologie, nämlich der In-vitro-Fertilisation, sich in diese „reproductive arenas“ einbettet. Indem sie den Fokus auf experimentelle Praktiken lenkt, beschreibt sie für die Zeit zwischen den 1870er-Jahren und 1950, wie der Wandel um das Zeugungswissen und ausgeklügelte und langbewährte Praktiken wie künstliche Insemination und Befruchtung in der landwirtschaftlichen Anwendungsforschung mit experimentellen Praktiken in physiologischen Labors und gynäkologischen Kliniken zusammenhängen.[73] Sie wirft damit auch methodische Fragen auf nach wissenschaftshistorischen Zugriffen, bezogen auf (Dis-)Kontinuitäten von Forschungslinien, handlungsleitenden Ideen, Vermittlungen zwischen heterogenen Kooperationen der Reproduktionswissenschaften und -technologien durch „unscharfe Begriffe“ wie „artificial insemination“ oder „fertilization“.[74]
Den zeitlichen Horizont von der Antike bis zur Gegenwart nimmt der Band von Nick Hopwood, Rebecca Flemming und Laureen Kassell in den Blick, dessen Beiträge die Ergebnisse eines langjährigen Forschungsprojekts zu Konzepten und Ideen, Diskursen und Praktiken von Bevölkerung, Generation und Reproduktion nahezu erschöpfend zusammenfassen.[75]
Erst seit den 1990er-Jahren wurden vermehrt Untersuchungen über den Männerkörper im Allgemeinen und den männlichen Körper in Bezug auf seine Reproduktionsfähigkeit publiziert.[76] Und jüngst trugen Studien zu Intersexualität, Transgender und Queer dazu bei, die binäre Aufteilung in Mann/Frau aufzubrechen.[77] Diese Untersuchungsfelder lassen uns nicht nur „Körperlichkeit“ als historisch Gewordenes verstehen, sie betten sich produktiv in gesellschaftsgeschichtliche Master-Narrative ein und loten deren Reichweite für die Charakterisierung gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse aus: Thesen einer zunehmenden (Bio-)Medikalisierung[78] des Frauen- und Männerkörpers sowie einer Rationalisierung der Fortpflanzung lassen sich hierbei mit Blick auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der longue durée erfassen.[79]
Im Fokus der Körpergeschichte stehen biopolitische und disziplinierende Zugriffe auf Körper ebenso wie Technologien des Selbst, diskursivierende Repräsentationen von Körper als auch subjektive Körpererfahrungen, von Philipp Sarasin als „Unmittelbarkeit des Körpers“ jenseits des Diskurses beschrieben.[80]
Körper in ihrer Materialität und Biologie, so zeigt eine Vielzahl an Studien, sind keine anthropologische Konstante und als Untersuchungsobjekt allein den Naturwissenschaften vorbehalten, sondern zugleich auch soziale Konstruktion und kulturelle Zuschreibung.[81] Dabei beinhaltet Körpergeschichte auch Aspekte von Vergänglichkeit und Sterben oder Gefühle wie Schmerz und Begehren – wobei letztere auch Untersuchungsgegenstand der Emotionsgeschichte sind,[82] wie Bettina Hitzer dies jüngst für die Krebserkrankung gezeigt hat.[83] Autobiografische Quellen (von Patient*innen) sowie schriftliche Reflexionen über Leiden, Schmerz und Krankheitsbewältigung als kulturelle Praktik, die gesellschaftlichen Deutungen und Regeln des Sagbaren folgen, machen dieses Genre zugänglich für medizinhistorische Untersuchungen.[84]
Nicht nur die Fächer und Teildisziplinen innerhalb der Medizin haben sich stark ausdifferenziert und somit auch den Blick auf die menschlichen Akteure verändert, sondern auch nicht-menschliche Akteure bzw. nicht-menschliche Aktanten – im Sinne Bruno Latours und der Actor-Network-Theory – sind ein wichtiger Teil der zeithistorischen Untersuchung geworden:[85] die technisch-apparativen Arrangements im Labor, Versuchstiere,[86] Instrumente, medizinische Präparate und andere Subjekte und Objekte in der ärztlichen Praxis und Klinik.[87] Im Rahmen des material und practical turn der Geistes- und Kulturwissenschaften wurden in Anlehnung an Bruno Latour vor allem in der Wissenschaftsgeschichte Objekte in wissenschaftlichen Handlungszusammenhängen untersucht.[88]
Besonders in der Zeitgeschichte der Medizin geht eine Objektgeschichte über die Rekonstruktion der technischen Herstellung von Artefakten hinaus. Ob es sich um den technischen Eingriff in einen Körper wie die Implantation eines Herzschrittmachers handelt, um die Sichtbarmachung des Körpers bzw. Körperinnern durch computerisierte Bildgebungsverfahren und -apparate, den Ersatz von Lebendigem durch Technik in der Prothetik, die Herstellung biotechnischer Artefakte oder die Kommodifizierung und Instrumentalisierung von Körpersubstanzen wie Blut, Organe und Gewebe als technische Werkzeuge[89] – es geht immer um stets neu zu denkende Konfigurationen von Lebendigem und Technischem.[90] Ausgehandelt werden hier nicht nur die Grenzen zwischen natürlich und künstlich, sondern auch zwischen Kultur und Natur, zwischen privat und öffentlich.[91]
Die technisch-apparative Ausstattung in der Medizin zur Erstellung von Diagnosen oder zur Behandlung von Patient*innen führte nicht nur in der Medizingeschichte, sondern auch in den Social Science and Technology Studies zu Untersuchungsgegenständen, die unter wissenschaftshistorischen Fragestellungen und epistemologischen Gesichtspunkten, die z.B. die technischen Veränderungen in den Lebenswissenschaften oder die Vorteile und Risiken technischer Anwendungen in der Medizin behandeln, analysiert werden.[92] Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich mit der Verbesserung optischer Instrumente das Untersuchungsobjekt vom Sichtbaren hin zum Unsichtbaren, von der Anatomie zur Mikrobiologie von Zellen, von der Physiologie zur Biochemie.
Neben performativen Praktiken, die den Untersuchungsgegenstand durch Vergrößerung oder Färbung generierten,[93] wurden technisch-medizinische Apparate und rechnergestützte bildgebende Verfahren zur Diagnose, Therapie und Forschung in Labor und Klinik immer wichtiger. In der gegenwärtigen medizinischen Behandlung eines Patienten, in Therapie und vor allem Diagnostik spielen in großen Teilen der Welt Elektrokardiogramm, Computer- und Magnetresonanz-Tomografie, Defibrillator oder Herzschrittmacher eine wichtige Rolle.[94] Medizinische Technologie ist in die Alltagswelt des „modernen“ Menschen ebenso eingedrungen wie umgekehrt die Technologien in ihrer Materialität Körperpraktiken und medikale Kulturen beeinflusst haben.
Eine erweiterte Medizingeschichte, die multiple Perspektiven und Akteursgruppen einschließt, gewinnt zudem wichtige Impulse aus der kulturwissenschaftlichen Gesundheitsforschung.[95] Als heuristisches Konzept ging aus den Reihen der Volkskundler*innen der Begriff „medikale Kultur“ hervor. Mit dieser Kategorie soll die Gesamtheit von gesundheits- und krankheitsbezogenen Vorstellungen, Normen, Verhaltensweisen und sozialen Strukturen erfasst werden.[96] Diese können unterschiedlichen professionalisierten Bereichen zugeordnet werden wie auch unterschiedlichen sozialen Gruppen. Bewusst fokussieren die zumeist kulturwissenschaftlichen Arbeiten die Patienten bzw. Kranken selbst und all diejenigen Personengruppen, die keine schriftlichen Quellen produzieren oder hinterlassen haben. Sie geben Aufschluss über die Vielfältigkeit des Umgangs mit neuen Technologien, über Prozesse von Aneignung und Anpassung an kulturell-lokale Kontexte und über Formen von Mobilität, Kompetition und Kollaboration. Das produktive Spannungsfeld, das sich für medizinhistorische transnationale Geschichtsschreibung ergibt, besteht darin, dass vermeintlich „biologische Tatsachen“ in ihrer Variabilität und Formbarkeit in unterschiedlichen lokalen Kontexten dargestellt und verglichen werden können.
Verbesserte Therapien und Behandlungen wie z.B. Operationen am Herzen und eine hochtechnisierte Apparatemedizin, die eine erfolgreiche intensivmedizinische Behandlung überhaupt erst ermöglicht haben, führen zu neuen – für die Zeitgeschichte der Medizin relevanten – ethischen, sozialen und ökonomischen Problemen. So wurde erstens die medizinisch-therapeutische Behandlung seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer teurer. Durch die aus der Abrechnung der ärztlichen Leistungen resultierenden Kostensteigerungen wurde seit den 1970er-Jahren die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zum Thema. In westlichen Industrienationen wurde einerseits die Rolle der Akteure im System (und deren Profit-Orientierung) hinterfragt und andererseits diskutiert, für welche Leistungen öffentliche Kostenträger überhaupt aufzukommen hätten. Diese kritischen Diskussionen zur Ökonomisierung und Kommodifizierung von Gesundheit und die zahlreichen Bemühungen zur Reform des Gesundheitssystems (im Sinne einer Effizienzsteigerung) seit den 1970er-Jahren bilden einen wichtigen Aspekt einer Zeitgeschichte der Medizin, der mit allgemeinen sozio-ökonomischen Entwicklungen verknüpft ist.
Allerdings wurde durch die gemeinhin beklagte Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Krankheit und Gesundheit die Rolle des Patienten/der Patientin als Konsument*in und Nachfrager*in medizinischer Leistungen auf einem (allerdings asymmetrischen) Gesundheitsmarkt gestärkt, da der Patient (zumindest der Theorie nach) von nun an als gleichberechtigter „Partner“ gegenüber dem Arzt auftrat.[97] Dieser Prozess revidiert partiell frühere Veränderungen in der Arzt-Patienten-Beziehung. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Arzt oft abhängig von der Gunst einiger begüterter Patienten bzw. deren Familien, die er behandelte. Doch mit der Verwissenschaftlichung der Medizin, der Professionalisierung der Ärzteschaft und infolgedessen mit dem Aufstieg der Ärzte als Berufsgruppe während des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Beziehung zwischen Arzt und Patient dahingehend, dass der Arzt die Deutungshoheit über den Körper (und die Seele) des Patienten erlangte. Angelehnt an die Arbeiten von Michel Foucault sprach die medizinhistorische Forschung in den 1990er-Jahren negativ konnotiert von „Medikalisierung“. Die historische Perspektive auf das Arzt-Patienten-Verhältnis und ihre jeweilige Rollenzuweisung (übermächtiger Arzt hier und ohnmächtiger Patienten dort) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch gewandelt.[98]
Roy Porters programmatischer Aufsatz „The Patient’s View. Doing Medical History from Below“ aus dem Jahr 1985 hat mittlerweile Früchte getragen.[99] Seit den 1990er-Jahren wird Medizingeschichte nicht mehr allein als Geschichte ärztlichen Handelns geschrieben, sondern auch die Patientenperspektive wird berücksichtigt. Die Hinwendung zur Alltags- und Mikrogeschichte sowie die Öffnung für ethnologisch-anthropologische Ansätze in der Geschichtswissenschaft haben diesen Trend befördert. Die Bedeutung von Patient*innen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm im Sinne einer „Geschichte von unten“ auch deshalb zu, weil sie ihre Interessen in eigenen Verbänden durchzusetzen versuchten.
Bereits Anfang der 1930er-Jahre schlossen sich Diabetes-Patienten zum Deutschen Diabetiker Bund zusammen. Nach dem Contergan-Skandal gründeten Betroffene in den 1960er-Jahren einen eigenen Interessenverband, um ihren Forderungen nach Schadensersatz und Entschädigung Nachdruck zu verleihen.[100] Aktivisten der Schwulenszene forderten in den 1980er- und 1990er-Jahren eine Entstigmatisierung von HIV- und Aids-Patienten und setzten sich für die Erforschung von Therapiemöglichkeiten ein.[101] Insbesondere die Geschichte von HIV und Aids bietet Anschlussmöglichkeiten an eine Emotionsgeschichte[102] und in ihrer globalen Dimension – und mehr noch die aktuelle Corona-Pandemie – Anknüpfungspunkte an eine Global History von Epidemien.
![Aids-Prävention: Poster einer amerikanischen Aufklärungskampagne zum Schutz vor Aids, zwischen 1990 und 1999. „A hand holds up a plate of salad on a tray with a message indicating HIV is not transmitted in a restaurant; a poster from the America responds to Aids advertising campaign. Colour lithograph.“ Washington D.C., Department of Health and Human Services. <br />Grafiker*in: unbekannt. Quelle: [https://wellcomecollection.org/works/m7e7zkrz Wellcome Collection] [15.11.2022] in copyright / public domain](sites/default/files/import_images/7736.jpg)
Folgt man dem Anspruch der gegenwärtigen medizinischen Ausbildung in der Theorie, würde seit Ende des 20. Jahrhunderts der Arzt/die Ärztin idealiter dem Patienten/der Patientin die Diagnose und den daraus resultierenden vermutlichen Krankheitsverlauf erklären, den Patienten/die Patientin beraten und die Handlungsoptionen mit allen Konsequenzen, Risikoabwägungen und möglichen Nebenwirkungen erläutern, sodass der Patient/die Patientin (zusammen mit dem Arzt/der Ärztin) eine informierte Entscheidung treffen könnte.[103] Bei dieser in der medizinischen Lehre und Theorie vermittelten Darstellung, bei der der informierte Patient – quasi einem Kunden gleich – medizinische Leistungen, Vorteile und Risiken abwägend (und bewertend), vom Anbieter Arzt erwirbt, handelt es sich indes um ein Konstrukt, an dem sich Michel Foucaults Idee der Gouvernementalität und Biopolitik par excellence illustrieren ließe. Die veränderte Arzt-Patienten-Beziehung und die kritische Perspektive auf Medizin und Mediziner*innen seit den 1970er- und 1980er-Jahren korrespondiert einerseits mit der medizinkritischen Bewegung in der Gesellschaft in dieser Zeit. Andererseits lässt sich vermuten, dass die Stärkung des Handlungs- und Entscheidungsspielraums des Patienten/der Patientin durch die neoliberalen Strömungen in der Gesellschaft in den 1990er- und 2000er-Jahren beeinflusst und verstärkt wurde.
Zwar steht die Patientengeschichtsschreibung früherer Epochen vor dem Problem, dass es ein Ungleichgewicht zwischen der unüberschaubaren Menge überlieferter Quellen ärztlicher Provenienz und den spärlichen Überlieferungen von Patient*innen gibt. Daher wurde versucht, in Krankenakten und Fallsammlungen „zwischen den Zeilen“ die Patientenperspektive dennoch einzufangen. Für die Zeitgeschichte stellt sich dieses Problem weniger: Patientenrechtsbewegungen, Selbsthilfegruppen und andere Formen öffentlicher Zusammenschlüsse haben Patient*innen ermächtigt, als historische Akteure in Erscheinung zu treten und dementsprechend vielfältige Quellen zu produzieren. Für manche Krankheitsbilder hat sich gar ein eigenes Genre der illness narratives gebildet, das vor allem von anglo-amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen bereits gut untersucht ist.[104]
Ebenso wie medizinanthropologische Ansätze nutzt die Zeitgeschichte der Medizin auch orale Quellen und Zeitzeug*innen. In der angloamerikanischen Medizingeschichte fand die Methode der Oral History bereits viel früher Anwendung. Bahnbrechend ist in dieser Hinsicht die systematische Befragung von Mediziner*innen, Lebenswissenschaftler*innen, medizinisch und in Heilberufen Tätigen oder Patient*innen durch Mitarbeiter*innen der aus dem Wellcome Institute for the History of Medicine hervorgegangenen „History of Modern Biomedicine Research Group“, die bereits mehr als 60 Bände eines „Witness Seminars“ herausgegeben haben. In den Publikationen werden Zeitzeug*innen zu bestimmten Entwicklungen in der Medizin interviewt, an denen sie beteiligt waren.[105] Darüber hinaus eröffnet Oral History die Chance, Zeitzeug*innen zu Themenbereichen und Praktiken oder Gefühlen zu befragen, zu denen es oft nur wenig schriftliche oder bildliche Quellen gibt, wie beispielsweise die Geschichte der Hospizbewegung[106] oder die Geschichte der Pflege.[107]
Mit der Verwendung lebenserhaltender und -verlängernder technischer Geräte und parallel zum Einsatz rechnergesteuerter Hilfsmittel in der Medizin etablierte sich seit den 1970er-Jahren in der Gesellschaft eine medizinkritische Bewegung, in der Protagonisten wie der Philosoph und Theologe Ivan Illich eine „entmenschlichte“ Apparatemedizin beklagten, wonach nicht mehr der leidende Patient im Mittelpunkt stehe, sondern der kranke Mensch Maschinen und automatisierten Prozessen ausgeliefert sei.[108] Das Scheitern einer Therapie warf Fragen nach dem Behandlungsende auf, die mitunter vom Arzt getroffen werden mussten und kontroverse ethische Diskussionen zur Grenze zwischen Leben und Tod hervorriefen.[109] Die medizinkritische Bewegung stellte die Rolle und Machtposition der Ärzte in Frage; Diskussionen zur Rolle der Ärzte und der medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus ließen die moralische Integrität dieses Berufsstands zweifelhaft erscheinen.
Galt medizinischer „Fortschritt“ bis Anfang der 1970er-Jahre noch als unbedingt wünschenswert, wurde in den folgenden Jahrzehnten immer häufiger bei der Behandlung von Patient*innen und in der medizinischen Forschung nicht mehr danach gefragt, was möglich sei, sondern was gemacht werden dürfe. Praktiken bei der Erprobung neuer Arznei- und Heilmittel haben die Öffentlichkeit sensibilisiert.[110] Begründet mit der „Entgrenzung der Medizin“ im Nationalsozialismus, insbesondere den Menschenversuchen in Konzentrationslagern, wurden moralische Grenzen und Beschränkungen für medizinische Forschung gefordert: Versuche am Menschen sollten nur mit Einwilligung im Sinne eines informed consent und unter strengen Bedingungen möglich sein.[111] Dass diese grundlegenden Maßstäbe auch nach der Genfer Deklaration (des Weltärztebundes) 1948 und der Deklaration von Helsinki 1964, in der ethische Richtlinien und Standards zur medizinischen Forschung am Menschen verbindlich festgeschrieben worden waren, nicht immer eingehalten wurden, zeigen neuere Studien zur Erprobung von Arzneimitteln in psychiatrischen Anstalten und in Fürsorge- und Erziehungsheimen in der DDR und Bundesrepublik.[112]
Seit den 1980er-Jahren muss sich die Zeitgeschichte der Medizin einer weiteren Herausforderung stellen. Aus den USA schwappte die Welle eines sich neu formierenden Fachs, der Bio-, Medizin- oder Klinischen Ethik, nach Deutschland.[113] Diese Entwicklung war nicht zuletzt die Folge einer sich rasant wandelnden Medizin, die die Frage aufwarf, ob alles, was machbar sei, auch tatsächlich sinnvoll und für den Patienten wie die Gesellschaft wünschenswert sei. Seit den 1970er-Jahren formierten sich in den USA, insbesondere am 1971 gegründeten Kennedy Institute of Ethics der Georgetown University in Washington D.C., Arbeitsgruppen zu medizinethischen Problemen, die sich aus den neuen Entwicklungen in der Medizin – z.B. Transplantationsmedizin, Reproduktionstechniken und Klonierung, Apparatemedizin und lebensverlängernde Maßnahmen – ergeben hatten.[114]
An den Diskussionsgruppen und Weiterbildungskursen nahmen auch deutsche Mediziner*innen teil, die 1986 zu den Gründungsmitgliedern der Akademie für Ethik in der Medizin e.V. in Göttingen gehörten. An der institutionellen Etablierung der Medizinethik in Deutschland beteiligten sich zunächst auch einige Medizinhistoriker*innen in der Hoffnung, die Relevanz des eigenen Fachs zu stärken. Seit den 2000er-Jahren wurden zahlreiche medizinhistorische Institute umbenannt in „Geschichte und Ethik“, teilweise ergänzt durch „Theorie der Medizin“. Diese institutionelle Zusammenlegung sowie der seit 2003 für alle Medizinstudierenden verpflichtende Querschnittsbereich „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ fordert zum Nachdenken heraus, wie sich die beiden Teilgebiete bei Beibehaltung ihrer jeweiligen Bezugnahme auf die Geschichtswissenschaft einerseits und die Moralphilosophie andererseits aufeinander beziehen können.[115]
Für die zeithistorische Forschung innerhalb der Medizingeschichte ist relevant, dass (Bio-)Ethik in ihren multiplen Institutionalisierungsformen und mit ihren Akteur:innen selbst wiederum zu einem Forschungsgegenstand wurde.[116] Eine zu harsche Gegenüberstellung von einer deskriptiven (und explanativen) Geschichtswissenschaft und einer normativen Moralphilosophie wird dem Pluralismus in den jeweiligen Disziplinen nicht gerecht. So beschäftigen sich zahlreiche medizinethische Arbeiten mit Bioethik im Kontext von kulturellem Pluralismus und/oder verbinden ethische Überlegungen mit den Methoden der empirischen Sozialforschung.[117]
Schließlich gingen wichtige Impulse für zeitkritische Debatten von historischen Arbeiten aus, etwa – um nur einige zu nennen – zur Medizin im Nationalsozialismus oder Barbara Dudens Überlegungen zum Wandel des Körper-Erlebens schwangerer Frauen und ihr kritischer Blick auf die Reproduktionsmedizin. Angesichts der wachsenden medizinischen Deutungs-, Lösungs- und Machbarkeitsansprüche bedeutet dies für die Zeitgeschichte der Medizin, komplexe, weit über das Gebiet der Medizin hinausgehende gesellschaftliche Dynamiken zu verstehen, zu analysieren und damit zu einer kritischen Standortbestimmung der Medizin beizutragen.[118]
Dass solche Herausforderungen ein multiperspektivisches Vorgehen erfordern, das von keiner Einzeldisziplin alleine getragen werden kann, versteht sich von selbst. Seit den 1940er-Jahren hat sich in der angloamerikanischen Wissenschaftswelt das Feld der medical humanities entwickelt. Mittlerweile knüpfen verschiedenste europäische Verbünde von Humanities-Disziplinen, die sich innerhalb der Medizin verorten, in lokal unterschiedlichen Konstellationen daran an.
Es scheint, als ob sich die Medizingeschichte als geisteswissenschaftliches Fach innerhalb der Medizin stets neu ihres Profils und eigenen Standorts zu ver(un)sichern hat – ob nun gegenüber der Medizin, der Geschichtswissenschaft oder anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Medizinhistorisch Forschende mussten und müssen sich unaufhörlich um Anknüpfungen, aber auch Abgrenzungen bemühen. Die Dynamik des Fachs, dessen thematische und methodische Vielfalt und nicht zuletzt die mittlerweile hybriden Wissenschaftswege, die es hervorzubringen vermag, können auch darauf zurückgeführt werden. Allerdings lässt sich sagen, dass die Medizingeschichte – wie auch immer verortet – ein unverzichtbarer Teil der allgemeinen Geschichte bleiben wird.
Roger Cooter/John V. Pickstone (Hg.), Companion to Medicine in the 20th Century, London 2003.
Roger Cooter/Claudia Stein, Writing History in the Age of Biomedicine, New Haven 2013.
Frank Huisman/John H. Warner (Hg.), Locating Medical History. The Stories and their Meanings, Baltimore 2004.
James Le Fanu, The Rise and Fall of Modern Medicine, London 2011.
Thomas Schlich, Zeitgeschichte der Medizin. Herangehensweisen und Probleme, in: Medizinhistorisches Journal 42 (2007), H.3, S. 269-298.
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