Boesch ereignis v1 de 2020

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Historische Ereignisse gelten als zentrale Elemente bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Nachdem ihre Bedeutung mit dem Aufstieg der Sozialgeschichte in den Hintergrund rückte, hat in jüngster Zeit – auch durch kultur-, medien- und sozialwissenschaftliche Impulse – die Auseinandersetzung mit Ereignissen wieder zugenommen. In dem Artikel wird diskutiert, wie sich das historische Ereignis konzeptionell fassen lässt, wie sich sein Status in der Geschichtswissenschaft wandelte und welche (zeit-)historischen Ansätze sich zur Erforschung anbieten.
Das historische Ereignis

von Frank Bösch


Das historische Ereignis zählt zu den Schlüsselbegriffen der Geschichtswissenschaft. Entsprechend überrascht es, wie begrenzt die Auseinandersetzung mit dem Begriff des historischen Ereignisses und dessen Analyse geblieben ist. Vermutlich sind konzeptionelle Publikationen gerade deshalb so rar, weil Ereignisse als ein basaler Bestandteil der Geschichte und Geschichtswissenschaft gelten. Auch Einführungsbücher zum Studium der Geschichte oder zu Trends in der Historiografie verzichten in der Regel auf eine Auseinandersetzung mit dem Ereignis. Der Artikel zeigt (1) den gewandelten Status von Ereignissen in der Geschichtswissenschaft, (2) begriffliche und konzeptionelle Annäherungen an das Ereignis aus unterschiedlichen historisch orientierten Disziplinen und präsentiert schließlich (3) einige Beispiele aus der jüngeren Zeitgeschichtsliteratur dazu, wie Ereignisse thematisiert wurden. Insbesondere die kommunikative Konstruktion von Ereignissen rückt dabei ins Zentrum.


Vom Verschwinden und der Wiederkehr historischer Ereignisse

In der Geschichtswissenschaft war die Beschäftigung mit Ereignissen lange Zeit verpönt, und die Begriffe „Ereignisgeschichte“ und „Ereignishistoriker“ gelten bis heute als abwertende Zuschreibung. Mit dem Aufkommen der Sozialgeschichte rückte die Analyse von längerfristigen gesellschaftlichen Strukturen in den Vordergrund und mit dem „linguistic turn“ der Wandel von Diskursen. Einen besonderen Einfluss hatte dabei die französische Annales-Schule. Fernand Braudel nannte die „longue durée“ zwar nur als eine historische Zeitstruktur neben den „Konjunkturen“ und dem Ereignis, aber gerade Braudels Werk zum Mittelmeer förderte die Akzentuierung des langfristigen Wandels von Mentalitäten und Verhaltensweisen.[1] Bei der Betonung der „langen Dauer“ ging es in der französischen Geschichtsschreibung freilich auch darum, aktuelle Ereignisse wie die deutsche Besetzung Frankreichs 1940 und die Errichtung des Vichy-Regimes dem langen Strom der Zeit unterzuordnen.[2]

An die Stelle der erzählenden Geschichtswissenschaft, die Ereignisse entlang des Handelns einzelner Personen analysierte, trat besonders die an den Sozialwissenschaften orientierte Gesellschaftsgeschichte, die langfristige, mit Statistiken untermauerte Prozesse aufzeigt. Zufälle und spontane Entscheidungen verloren damit an Bedeutung. Die Debatten der 1970er-Jahre, die insbesondere die Bielefelder Schule um Hans-Ulrich Wehler gegen Historiker wie Thomas Nipperdey oder Golo Mann führte, zeugen davon;[3] ähnlich wurden sie auch in den Sozialwissenschaften ausgetragen.[4] Zwar ging es auch den Bielefelder Historikern durchaus darum, eines der zentralen Ereignisse der deutschen Geschichte zu erklären: Hitlers „Machtergreifung“ 1933 bzw. die breite gesellschaftliche Unterstützung für die Gewalteskalation im Nationalsozialismus. Jedoch erfolgte die Erklärung nun weniger über das recht kontingente Handeln der Präsidialkabinette seit Papen, sondern über die Besonderheiten der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert.

Die Strukturgeschichte setzte damit aus einer Ex-ante-Perspektive die Kausalität gegen zufallsbehaftete Momente des Ereignisses.[5] „Ereignishistoriker“ wertete dauerhaft jene ab, die naiv die Faktizität einzelner Handlungen reproduzierten oder sich eher literarisch, wie Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“, dramatischen Momenten der Geschichte widmeten.[6] Auch im Schulunterricht verloren historische Ereignisse an Bedeutung; an ihre Stelle trat die problemorientierte kritische Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen.

Die wachsende Bedeutung der Kulturgeschichte seit den 1980er/90er-Jahren hatte einen doppelten Effekt: Einerseits stand sie einer klassischen Analyse von Ereignissen fern und blickte ebenfalls auf den längerfristigen Wandel, insbesondere von alltäglichen Deutungsmustern und Diskursen. Andererseits förderten kultur- und mikrogeschichtliche Ansätze eine verdichtete Analyse von Konflikten und Ereignissen.[7] Ereignisse rekonstruierten Historiker*innen nun nicht mehr nur in ihrem faktischen Ablauf („was folgte worauf“), sondern als Momente, in denen Bedeutungen und Zuschreibungen aufkamen und neu verhandelt wurden.

Auch die in den 2000er-Jahren etablierte Kulturgeschichte des Politischen forderte, stärker das „Wie“ als das „Was“ zu betrachten, was auch der Analyse von politischen Ereignissen neue Perspektiven eröffnete.[8] Ereignisse boten sich als eine Sonde an, um das Aufkommen differenter Deutungen, das „Werden eines Wissens“[9] und den möglichen Wandel von Normen zu erforschen.[10] Im Anschluss an eine „Wissenschaftsgeschichte des Ereignisses“ wurde umgekehrt auch eine „Ereignisgeschichte des Wissens“ gefordert.[11] Die mit der Kulturgeschichte einhergehende Analyse der Erinnerungskultur förderte ebenfalls eine neue Annäherung an historische Ereignisse, da die Konstruktion und sich wandelnde Deutung von Geschichte zu einem wichtigen Forschungsfeld wurden, was auch zur Dekonstruktion von Ereignissen beitrug.

In der Zeitgeschichte war die Distanz zum Ereignis geringer, da sie stärker politikgeschichtlich geprägt blieb. Bereits die berühmte Eingrenzung der Zeitgeschichte, die Hans Rothfels 1953 gab, zeigte das Schwanken zwischen Ereignisbezug und Erfahrungen, da er einerseits ereignisbezogen die Russische Revolution 1917 und den Kriegseintritt der USA als Beginn der Zeitgeschichte definierte und sie andererseits erfahrungsbezogen als die „Epoche der Mitlebenden“ fasste.[12] Beides markierte ein Spannungsfeld, in dem sich die weitere Forschung bewegte. Einen markanten Niederschlag fand dies in der Behandlung von ereignis- und erfahrungskonnotierten Dekaden, etwa den „langen 1950er Jahren“ (1949-1963 mit Konrad Adenauers Wahl und seinem Rücktritt) oder den „langen 1970er Jahren“ (1969-1982 von Willy Brandt bis Helmut Schmidt): Innerhalb dieser Jahrzehnte, die als spezifischer Erfahrungsraum für eine konservative bzw. linksliberale Gesellschaft konzipiert sind, werden wiederum Ereignisketten in Beziehung zueinander gesetzt. So werden die 1970er-Jahre etwa als Krisenjahrzehnt bezeichnet, was mit Ereignissen wie den Ölkrisen 1973/79 oder dem Terrorismus im „Deutschen Herbst“ 1977 begründet wird.[13]

Seit den 2000er-Jahren nahm das Forschungsinteresse an Ereignissen schlagartig zu, und im letzten Jahrzehnt wuchs auch die Zahl der Publikationen zum Thema.[14] Dies dürfte zunächst an der großen öffentlichen Präsenz und Wirkungsmacht damaliger globaler Ereignisse liegen, die auch Historiker*innen rasch als Zäsuren und Epochengrenzen bezeichneten – wie den Mauerfall und die Anschläge von 9/11. Der Medienphilosoph Jean Baudrillard revidierte etwa seine vormals vertretene These vom „Streik der Ereignisse“ unter dem Eindruck von 9/11. Er interpretierte dies vielmehr als ein „absolutes Ereignis“, das „jenseits der Geschichte“ stehe, jedoch durch die medialen Wiederholungen und die Betonung der Folgen im Nachhinein zum Verschwinden gebracht werde.[15]

Die zeithistorische Auseinandersetzung mit Ereignissen trat seit den 2000er-Jahren ebenfalls deutlicher aus dem Schatten der Politikgeschichte. Statt der Handlungen von Eliten rückte nun die Konstruktion des Ereignisses in den Vordergrund, etwa dessen mediale Bedingtheit, die Performanz im Vollzug des Ereignisses oder die transkulturelle und globale Kommunikation darüber.[16] Strukturelle Entwicklungen und punktuelle Ereignisse wurden dabei oft verbunden, indem die Vorgeschichte von Ereignissen zum Teil über mehrere Jahrhunderte eingebunden wurde, etwa in der Buch-Reihe „20 Tage im 20. Jahrhundert“: Hier wurden durch Zufälle auftretende Ereignisse wie der Atomkraftwerksunfall von Tschernobyl mit der Geschichte der Luft- und Umweltverschmutzung der letzten 200 Jahre verbunden.[17]

Auch die Erinnerung an Ereignisse selbst gewann im „Memory Boom“[18] ereignishaften Charakter, den Historiker*innen wiederum untersuchten; verwiesen sei etwa auf die Studien zum Umgang mit dem 8. Mai 1945 oder zu den aufwendigen Feiern zu „750 Jahre Berlin“ in der geteilten Stadt 1987.[19] Eine Besonderheit der neueren Geschichtskultur ist das Einspielen von Ereignissen durch Reenactments, also die „Wiederaufführung“ von Ereignissen. So kamen zum Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig 2013 rund 6000 Menschen in detailgetreu nachgearbeiteten Kostümen zusammen, die den Ablauf des Ereignisses so körperlich nachempfinden und aufführen wollten.[20]


Ereignisse als Reenactments und Thema der [[Erinnerungskulturen|Erinnerungskultur]]: Inszenierung der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 im Jahr 2013. Fotograf: [https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Einsamer_Sch%C3%BCtze Einsamer Schütze], Leipzig, 20. Oktober 2013. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:V%C3%B6lkerschlacht_2013_025.JPG Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/ CC BY-SA 3.0]
Ereignisse als Reenactments und Thema der Erinnerungskultur: Inszenierung der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 im Jahr 2013. Fotograf: Einsamer Schütze, Leipzig, 20. Oktober 2013. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0


Zugleich ging der ebenfalls medial strukturierte „Memory Boom“ mit einer öffentlichen und historiografischen Hinwendung zu markanten Ereignissen und Jahrestagen einher, in denen sich die historische Erinnerung zeremoniell verdichtet. Wissenschaftliche Publikationen zum Mauerfall, zur „68er“-Bewegung oder zum Beginn des Ersten Weltkriegs folgten und folgen dieser medialen Taktung. Vor allem Buchverlage trieben nun Publikationen zum Jubiläum von einzelnen Ereignissen an. Diese Ereignisfixierung der Öffentlichkeit scheint derzeit noch weiter zuzunehmen und die Forschung zu beeinflussen; 2019 zeigte sich dies etwa in zahllosen Veranstaltungen und erfolgreichen Publikationen zu „100 Jahre Versailler Frieden“, „70 Jahre Grundgesetz“ oder „30 Jahre Mauerfall“. Themen wie der Beginn des Ersten Weltkriegs oder die Revolution 1918/19, die in der Forschung lange keine Rolle mehr spielten, rücken durch die mediale und geschichtspolitische Logik der runden Jubiläen wieder ins Zentrum der Forschung.

Die an runden Jubiläen ausgerichtete öffentliche Erinnerungskultur zementiert auf diese Weise einen festen Kanon national relevanter Ereignisse, der andere, etwa alltags- und mentalitätsgeschichtliche Erfahrungen ausblendet. Andererseits ist eine Ereigniskonkurrenz entstanden, bei der im medialen Wettstreit fortlaufend darum gerungen wird, welche Begebenheit als historisch wichtiges Ereignis gilt. Ein Konflikt über die Deutung ist anscheinend notwendig, um das runde Jubiläum aufzuwerten. So erschienen 2019 zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs oder 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes zwar einzelne Bücher, aber diese Ereignisse waren im Vergleich zum Kriegsbeginn 1914 zu wenig kontrovers, um auf dem Buchmarkt oder in der Öffentlichkeit eine größere Aufmerksamkeit zu erreichen. Was in der Erinnerungskultur jeweils als Ereignis aktualisiert wird, wird entsprechend ausgehandelt.


Definitorische und konzeptionelle Zugänge zum historischen Ereignis

Der Begriff „historisches Ereignis“ erscheint leicht umschreibbar, erweist sich jedoch rasch als äußerst komplex. Im Zentrum der meisten Definitionen steht eine spezifische Zeiteinheit, Wirkung und Sinnbildung. So fasste der Althistoriker Alexander Demandt das historische Ereignis als „eine bemerkenswerte Begebenheit […], die sich in verhältnismäßig kurzer Zeit abgespielt hat“ und ihre „historische Dignität“ in größeren Zusammenhängen gewinne.[21] Etwas anders akzentuierte Lucian Hölscher das Ereignis als „eine Begebenheit, die eine geschichtliche Veränderung herbeiführt“ und „sinnbildend an der Entstehung einer Geschichte“ mitwirke.[22]

Wegweisend erwies sich vor allem Reinhart Kosellecks Formulierung, dass eine durch „ein Minimum von Vorher und Nachher“ konstituierte Sinneinheit aus einzelnen Begebenheiten ein Ereignis entstehen lasse. Das „Vorher und Nachher konstituiert den Sinnhorizont einer Erzählung“, was die vorrangige Darstellungsweise von Ereignissen sei.[23] Koselleck betonte dabei, dass nicht nur Strukturen Ereignisse hervorriefen oder ihren Verlauf mit bestimmten, sondern umgekehrt seien erstere auch „nur greifbar im Medium von Ereignissen, in denen sich Strukturen artikulieren, die durch sie hindurchscheinen“.[24] Der Prozesscharakter der neuzeitlichen Geschichte sei deshalb nur durch die wechselseitige Erklärung von Struktur und Ereignis zu fassen. Im Anschluss an und in Erweiterung von Koselleck fassten Manfred Hettling und Andreas Suter Ereignisse als eine „komplexe Sequenz von Handlungen verschiedener Akteure und Akteursgruppen“, bei denen die Akteure die Spielräume innerhalb strukturell angelegter Muster kreativ nutzen können.[25] Menschen interagieren danach zwar in einem längerfristig geprägten Netz von sozialen Vorgaben, Normen oder Bedeutungen, aber im Kontext des Ereignisses werden diese neu ausgehandelt.

In anderen Geistes- und Sozialwissenschaften spielt das historische Ereignis keine nennenswerte Rolle – mit Ausnahme der Kultur- und Medienwissenschaften.[26] Das Verhältnis von Ereignis und Struktur wurde mitunter auch in der Soziologie thematisiert. Vor allem Bielefelder Systemtheoretiker diskutierten den Begriff. Niklas Luhmann fasste Systeme als eine Abfolge kleiner irreversibler Ereignisse, deren Strukturen sich danach beschreiben ließen, ob Ereignisse im Sinne vorhandener Strukturmuster erfolgten oder bei der Reproduktion abwichen.[27] Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Weltgesellschaft führte zu Reflexionen über „Weltereignisse“. Der Soziologe Rudolf Stichweh unterschied hier geplante, historisch ex post konstruierte, epidemische (mediale) und natürliche Weltereignisse wie Naturkatastrophen, die alle eine globale Selbstreflexion beförderten, wobei geplante und mediale Ereignisse im 20. Jahrhundert zugenommen hätten.[28] Im Anschluss daran entwickelte der Soziologe Christian Morgner eine systemtheoretische Theorie des Weltmedienereignisses, wonach ein Ereignis nicht über seine Bedeutung für den weiteren Fortgang der Geschichte bestimmt werde, sondern über eine spezifische Strukturförmigkeit.[29]

Das historische Ereignis mit seiner gesellschaftlichen Relevanz ist von privaten Ereignissen zu unterscheiden (Heirat, Scheidung, Krankheit, Tod u.a.), die für Individuen oft eine größere Bedeutung haben. Zu skalieren ist die räumliche Reichweite der historischen Ereignisse: Diese können innerhalb eines Ortes, einer Region und global ausgemacht werden, und entsprechend unterschiedlich werden diese kommuniziert. Innerhalb einer Kommune kann etwa ein einzelner Brand oder Mord längerfristig ein historisches Ereignis bilden, das vornehmlich durch persönliche Erfahrung und Kommunikation vermittelt wird, während bei überregionalen Ereignissen die mediale Kommunikation eine Schlüsselrolle spielt. Die meisten Menschen nehmen überregionale und globale historische Ereignisse somit vor allem über Medien wahr, auch wenn sie über die alltägliche Kommunikation und mögliche Folgen daran partizipieren. Eine gewisse Ausnahme bilden Ereignisse wie die Corona-Krise 2020, Kriegsausbrüche und große Wirtschaftskrisen, deren Einschänkungen und Folgen nahezu jeden auch im Alltag erreichen.


Das Ereignis als Novum und Bruch in der Zeit

Aus diesen ersten Definitionen lässt sich eine genauere Annäherung an historische Ereignisse ableiten. Ereignisse stehen zunächst in Verbindung mit historisch konstruierten Zeitstrukturen. Der Begriff bezeichnet einen zeitlich begrenzten einmaligen historischen Moment. Der Literaturwissenschaftler Christoph Deupmann fasst das Ereignis etwa in Anlehnung an Walter Benjamin als einen „Chock“, der in die kontinuierliche Ordnung der Zeiterfahrung einbreche und Diskontinuität stifte.[30] Welchen Zeitraum der Begriff „Ereignis“ umschließen kann, ist im oft unreflektierten Sprachgebrauch der Historiker*innen häufig unklar: Der kurze Moment eines Attentats wird ebenso als Ereignis bezeichnet wie mehrjährige Kriege oder Protestbewegungen.

Bei einer analytischen Betrachtung des Begriffs ist entscheidend, dass ein komplexes Geschehen narrativ auf eine kurze Dauer, eine bestimmte Chiffre, Erfahrung oder Erzählung verdichtet wird, der Bedeutung für andere Entwicklungen zugeschrieben wird. In dem Sinne wäre nicht der Zweite Weltkrieg oder die „68er“-Bewegung als Ereignis zu bezeichnen, sondern die Niederlage von Stalingrad oder der Schah-Protest in Berlin 1967, die sowohl von den Zeitgenossen als auch in der späteren Erinnerungskultur als punktuelle Einschnitte und Wendepunkte gesehen wurden. Auch visuelle Darstellungen, vom Schlachtengemälde bis hin zum Revolutionsfoto, verengen langjährige Auseinandersetzungen zu einem Moment, indem sich ein längeres Geschehen in nuce vollzieht.

Ereignisse sind somit eine komprimierte zeitliche Phase, in der größere Entwicklungen und Veränderungen auf einen Moment des Umschlagens zusammengedrängt werden. Diese Konstruktion des Ereignisses kann auch rückwirkend geschehen. So wurde etwa der Handschlag von Hitler und Hindenburg in Potsdam 1933 retrospektiv, insbesondere durch ein zeitgenössisch weniger beachtetes Foto, zu einem Ereignis konstruiert, das die komplexe Beziehung zwischen den Konservativen und den Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren verdichtet symbolisieren und erklären sollte, die in diesem Moment zu einem Bündnis gefunden hätten.[31]

Im Unterschied zur Zäsur, die meist als weltgeschichtlicher oder zumindest nationaler Wendepunkt in größeren Zeithorizonten gefasst wird,[32] muss das Ereignis nicht diese Reichweite aufweisen. Ereignisse können Zäsuren bilden, aber sich auch nur auf Teilbereiche der Gesellschaft auswirken oder in Vergessenheit geraten. Ereignisse haben zudem auch Bezüge zum Begriff der Krise. Ereignisse können Krisen sein oder diese auslösen, dies muss aber nicht der Fall sein. Beide Begriffe beschreiben kommunikativ konstruierte Momente des Umbruchs, wobei der Begriff Krise stärker einen offenen dramatischen Wendepunkt in einer gesellschaftlichen Entwicklung adressiert, der grundlegende Entscheidungen abverlangt. Damit hat die Krise eine andere, stärker auf die Zukunft und gesellschaftliche Auswirkung bezogene Bedeutung.[33] Ihre weitreichende, offene und dramatische Entwicklung trifft nicht auf jedes historische Ereignis zu.

Der Begriff des historischen Ereignisses postuliert eine Singularität und den Bruch des gewöhnlichen Verlaufs der Zeit und Geschichte, der die Zeit davor und danach neu perspektiviert. Als „breaking news“ oder „Eilmeldungen“ stehen solche Ereignisse für das Außergewöhnliche, wenngleich das Postulieren von Ereignissen in der Medienwelt seit dem späten 19. Jahrhundert wiederum zur Routine wurde und der Verweis auf das Außergewöhnliche zugleich Normalität konstruiert. Für die Zeitgenossen wird die Perzeption von den jeweiligen Erwartungen und spezifischen Zukunftsvorstellungen geprägt.[34] Im Moment des als exzeptionell bewerteten Ereignisses scheint die Zukunft offen zu sein. Entsprechend versuchen unmittelbar nach dem Vollzug des Ereignisses viele Deutungen, Zukunftsverläufe zu entwerfen. Das Ereignis eröffnet neue Möglichkeitsräume, was auch als „Politiken des Ereignis“ umschrieben wurde.[35]

Die Perzeption des Neuartigen lässt zugleich die Vergangenheit alt erscheinen, etwa als langsame, geruhsame Zeit vor einschneidenden Ereignissen wie Kriegen, Revolutionen oder Anschlägen. Zugleich scheint retrospektiv die Zeit vor dem Ereignis geradezu teleologisch mit zunehmender Beschleunigung auf den Moment des Ereignisses zuzulaufen, etwa die Erosion des Sozialismus auf den Mauerfall 1989 oder die Mentalität der konservativen Eliten auf den Kriegsbeginn 1914 oder den Nationalsozialismus 1933. Die jüngere Forschung hat zu Recht solche teleologischen Deutungen zurückgewiesen. Der Streit um das Verhältnis von Struktur und Ereignis lag auch darin begründet, wie viel Zufall man historischen Entwicklungen zugesteht. Daher sollte man die Analyse von Ereignissen mit den zeitgenössischen Zukunftsperspektiven verbinden, die unmittelbar vor den Ereignissen bestanden. Meist konterkariert dies zwangsläufig erscheinende Annahmen. Wer sich etwa ost- und westdeutsche Stimmen von Anfang 1989 anschaut, sieht rasch, dass kaum jemand mit einem zeitnahen Mauerfall oder gar einer Vereinigung rechnete, obgleich diese im Nachhinein geradezu unausweichlich schien.

Aufmerksamkeit erhalten Ereignisse im grenzübergreifenden Nachrichtenfluss, indem sie überraschen oder erschüttern. Insbesondere Jacques Derrida betonte etwas apodiktisch die Unvorhersehbarkeit als konstitutives Element: „Ein vorausgesagtes Ereignis ist kein Ereignis.“[36] Einwenden lässt sich dagegen, dass fast jede Begebenheit, die als Ereignis gilt, vorher zumindest von einzelnen Stimmen prognostiziert wurde. Die Landung auf dem Mond oder der Untergang eines Schiffes wie der Titanic waren in Romanen, Sachbüchern und von Experten längst beschriebene Ereignisse, die dann eine Umsetzung fanden. Dennoch hatten diese Ereignisse einen Moment der Überraschung und Überwältigung, da die Realisierung dieser Ereignisse offen war. Denn gerade dieser erlebte Moment der Offenheit von Geschichte ist ein Charakteristikum des Ereignisses – selbst bei geplanten Ereignissen wie eben der Mondlandung. Dabei ist nicht nur offen, ob das Ereignis wie vermutet abläuft, sondern was bei diesem Ablauf zum Ereignis wird und welche Deutungen es auslöst. Innerhalb von geplanten Ereignissen fördert ein ungeplanter Verlauf oft den Ereignischarakter, wie etwa der Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München 1972: Innerhalb des geplanten Ereignisses schuf diese ungeahnte Wendung im Verlauf ein als historisch angesehenes Ereignis.[37]

Prinzipiell kann jede Handlung oder Begebenheit zu einem Ereignis werden. Einen scharfen Gegenbegriff (ein „Nicht-Ereignis“) gibt es nicht, diesen bildet eher der Begriff der Normalität. Gibt es Zeiten des Nicht-Ereignisses? Vor einigen Jahren berechnete der britische Programmierer William Tunstall-Pedoe anhand von Datenbanken den „langweiligsten Tag der Geschichte“, an dem möglichst wenig geschah. Heraus kam der 11. April 1954, da hier nur drei halbwegs bedeutende Dinge passiert seien: In Belgien wurde gewählt, ein türkischer Professor wurde geboren, ein Fußballer namens Jack Shufflebotham starb.[38] Dies macht den Tag selbst noch nicht zum Ereignis, aber zumindest wird er nunmehr als Jahrestag erinnert.


Ereignisse als kommunikatives und mediales Konstrukt

Ereignisse sind immer Ergebnis kommunikativer Zuschreibung. In Gesellschaften ohne Massenmedien sind es Augenzeugen, die Ereignisse übermitteln, mündlich oder durch einzelne schriftliche oder visuelle Zeugnisse tradieren. Bereits der Begriff Ereignis verweist etymologisch auf die Sichtbarmachung eines Vorgangs (von althochdeutsch „irougen“: „vor Augen stellen, zeigen“). Entsprechend lassen sich historische Ereignisse als Momente beschreiben, die eine verdichtete Kommunikation auslösen, bei denen zahlreiche konkurrierende Erzählungen und Bilder zusammenlaufen. Gerade ihre Zentrierung auf ein bestimmtes Thema ermöglicht eine Analyse konkurrierender Deutungen.[39]

Ein Vorgang, der sich im Geheimen abspielt und nicht öffentlich verhandelt wird, kann allenfalls durch eine spätere intensive Kommunikation hierüber zu einem historischen Ereignis werden. Ein Massenmord an afrikanischen Flüchtlingen in der Sahara etwa, der keine breite öffentliche Deutung auslöst und nicht als ein gewisser Einschnitt gilt, ist kein historisches Ereignis, sondern ein Massenmord; falls Meldungen hierzu an Verwandte dringen sollten, ist es für diese sicherlich ein zentrales Ereignis, aber eben nicht ein historisches Ereignis. Zu einem historischen Ereignis kann ein Geschehen auch Jahrzehnte später werden, falls eine entsprechend breite Thematisierung dazu einsetzt. Hierzu ist eine Wissensbildung nötig, die historische Zusammenhänge rekonstruiert. So entstand beim Vulkanausbruch des Tambora 1815 erst viel später in Europa überhaupt ein Wissen darüber, dass der kalte Sommer im folgenden Jahr mit Ernteeinbußen mit dieser global relevanten Naturkatastrophe verbunden war. Heute gilt es als „Jahr ohne Sommer“, und das Ereignis wurde vielfältig untersucht und erinnert.[40]

Ein Ereignis gewinnt seine Faszination durch die Unmittelbarkeit, mit der es auftritt. Es wirkt wie eine reale Erfahrung, deren Faktizität unhintergehbar ist. Die visuelle Darstellung des Ereignisses trägt maßgeblich dazu bei. Die Öffnung der Mauer, der Massenmord in Ruanda oder die Flugzeuge in den Twin Towers wirken durch die tradierten Fotos unhinterfragbar real. Die omnipräsenten Bilder lassen, so Christoph Deupmann, „eine Sphäre kollektiver Erinnerung im Modus der Anschaulichkeit“ entstehen, die die Augen- und Ohrenzeugenschaft aufhebe und das Ereignis universalisiere.[41]


Ereignisse sind das Ergebnis einer verdichteten Kommunikation, mitunter in Echtzeit wie bei den Anschlägen in New York 2001. Fotograf: [https://www.flickr.com/photos/themachinestops/ TheMachineStops (Robert J. Fisch)], New York, 11. September 2001. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:UA_Flight_175_hits_WTC_south_tower_9-11_edit.jpeg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en CC BY-SA 2.0]
Ereignisse sind das Ergebnis einer verdichteten Kommunikation, mitunter in Echtzeit wie bei den Anschlägen in New York 2001. Fotograf: TheMachineStops (Robert J. Fisch), New York, 11. September 2001. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 2.0


Starke Forschungsimpulse gab die Erkenntnis, dass das Aufkommen der Ereignisse im starken Maße auf medialer Kommunikation beruht. Die Geschichtswissenschaft berücksichtigte die mediale Grundierung von Ereignissen durch ihren Blick auf die faktischen Abläufe lange Zeit kaum systematisch, obwohl etwa Pierre Nora dies bereits in den 1970er-Jahren hervorgehoben hatte.[42] Maßgebliche theoretische Impulse kamen zum einen aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften. Daniel Dayans und Elihu Katz‘ wegweisende Studie über „Media Events“ umschrieb diese bereits 1994 im Untertitel als „live broadcasting of history“.[43] Sie verknüpften Medienereignisse mit bestimmten Leiterzählungen und schrieben ihnen die Fähigkeit zu, gemeinsame Werte zu bekräftigen. Allerdings blieb ihre Definition von Medienereignissen sehr eng auf vorher geplante zeremonielle Unterbrechungen der Alltagsroutine bezogen („preplaned, announced and advertised in advance“), die weite Teile des potenziellen Medienpublikums erreichten und eine grenzübergreifende Identitätsbildung ermöglichten. Nach dieser Definition war etwa nicht der Mord an Kennedy 1963 ein „Media Event“, sondern die inszenierte Beerdigung.

In kritischer Erweiterung von Katz/Dayan definierten die Medienwissenschaftler Nick Couldry und Andreas Hepp Medienereignisse offener über die mediale Reichweite: „Media events are certain situated, thickened, centering performances of mediated communication that are focused on a specific thematic core, cross different media products and reach a wide and diverse multiplicity of audiences and participants.”[44] Andere Kommunikationswissenschaftler*innen unterteilten Medienereignisse nach dem Grad der medialen Einflussnahme etwa in „genuine Ereignisse“, „mediatisierte Ereignisse“, „inszenierte Ereignisse“ und „medieninszenierte Pseudo-Ereignisse“.[45]

Diese Trennung in „echte“, „mediatisierte“ und „mediale Pseudo-Ereignisse“ überzeugt nicht. Selbst rein medieninszenierte Handlungen (wie der Eurovision Song Contest oder die Aufführung eines umstrittenen Films) sind ebenso real wie ein Geschehen in einer Stadt und können ebenso wirkungsmächtige Zuschreibungen und Handlungen auslösen, die den Ereignisbegriff rechtfertigen. So sahen etwa die Zeitgenossen die weltweite Ausstrahlung der US-Fernsehserie „Holocaust“ 1978/79 sofort als Ereignis und Zäsur an. Heinrich Böll kommentierte damals nahezu im Sinne von Kosellecks Definition: „Es sieht so aus, als würde es in Zukunft ein ‚Vor-Holocaust’ und ein ‚Nach-Holocaust’ geben, wenn sich jemand – gleich auf welcher Ebene – mit ‚Endlösung‘ und Antisemitismus beschäftigen wird; vergleichbar dem ‚Vor‘ und ‚Nach‘ der Währungsreform.“[46] Wenn Medien grundsätzlich Ereignisse – in einem unterschiedlichen Grad – strukturieren, ist der Begriff „Medienereignis“ zwar eigentlich tautologisch; dennoch hilft er, an die mediale Strukturiertheit von Ereignissen zu erinnern.

Der Forschungsimpuls dieser medien- und kulturwissenschaftlichen Studien lag darin, die Faktizität des Ereignisses zu dekonstruieren. Nicht einstürzender Beton wie im Fall von 9/11 bildet bei den Beispielen das Ereignis, sondern die Erfahrungen und Zuschreibungen, die damit in der breiteren Kommunikation verbunden werden. Diese wiederum sind durch langfristig gebildete Diskurse, Strukturen und Praktiken geprägt. Die hier erwähnte „Sinnbildung“ und „Interpretation“ erfolgt durch Kommunikation und bei überregionalen Ereignissen durch Medien. Selbst die Augenzeugen kommunizieren bei der öffentlichen Deutung ihrer Erfahrungen im starken Maße über Medien (vom Interview, Tagebuch und Brief bis hin zu Fotos oder Memoiren), sodass jenseits der individuellen Kommunikation die jeweilige Medienstruktur die Deutung des Ereignisses mit prägt. Daher hängt der Verlauf von Ereignissen nicht nur von den jeweiligen sozialen, politischen und kulturellen Strukturen ab, sondern ebenso von den jeweiligen medialen.

Dass Ereignisse in bestimmten Phasen häufiger auftreten, liegt folglich auch am Wandel der grenzübergreifenden Kommunikation. So scheint die Etablierung des Buchdrucks, des Zeitschriftenmarkts der Aufklärung, der Massenpresse um 1900, des Fernsehens oder auch des Internets die Perzeption und Erinnerung historischer Ereignisse entscheidend beeinflusst zu haben.[47] Dies zeigt etwa der Zusammenhang zwischen der neuen Drucktechnik und den Ereignissen der Reformationszeit (deren Flugschriften bereits stark Visualisierungen einsetzten)[48] sowie zwischen Journalen, Untergrundpresse und der Französischen Revolution. Die täglichen Berichte über die Ereignisse in Frankreich verschoben dabei Zeitvorstellungen und machten die unmittelbare Gegenwart durch den rasanten Wandel zur „Zeitgeschichte“.[49] Ebenso häuften sich mit der Ausbildung der Massenpresse um 1900 Vorgänge, die sofort als globale historische Ereignisse gedeutet wurden (vom Boxer-Aufstand bis zum Untergang der Titanic). Denn auch vorher hatten Kolonialmächte Massaker verübt oder Schiffe waren gesunken, aber die tagesaktuellen visuell untermalten weltweiten Berichte gaben ihnen eine Bedeutung über den Einzelfall hinaus.

Ähnliches gilt für das Fernsehzeitalter, das ferne Ereignisse wie den Eichmann-Prozess oder den Vietnamkrieg direkt in das Wohnzimmer brachte und dadurch das Involvement, also die anregende Anteilnahme, gegenüber früheren Prozessen oder Kriegen verstärkte. Ein wichtiger Einschnitt war hier etwa die weltweit im Fernsehen live übertragene bemannte Mondlandung 1969, die wissenschaftlich kaum notwendig war und erst durch die Bilder vielfältige Deutungen auslöste; einige argumentieren sogar, sie wurde nur deshalb durchgeführt.[50] Dieses Beispiel verweist generell darauf, dass Medien nicht nur über Ereignisse berichten, sondern selbst zum Inhalt und Akteur werden, was Deutungen über die Medialität des Ereignisses auslöst.[51] Der Begriff „Medienereignis“ macht auf diese mediale Grundierung der Sinnbildung aufmerksam. Er ist zugleich zumindest für die Zeitgeschichte etwas tautologisch, da überregional relevante Ereignisse immer auch auf medial geprägter Kommunikation beruhen.

Gerade das 20. Jahrhundert war freilich durch Diktaturen geprägt, die Medienöffentlichkeiten durch Zensur einschränkten. Im Nationalsozialismus durfte über die Niederlage von Stalingrad ebenso wenig offen berichtet werden wie im Staatssozialismus über den Unfall von Tschernobyl oder den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan. Bemerkenswert ist, wie sich dennoch eine intensive Kommunikation hierüber verbreitete, sei es über Berichte von Augenzeugen, sei es über die grenzübergreifenden Medien der Nachbarländer. Das Einschränken der Kommunikation verzögerte allenfalls die emotionale Auseinandersetzung, die dann durch die Empörung über ihre Ausblendung umso intensiver wurde. Auch im heutigen Internetzeitalter zeigt sich, dass Zensur zwar weiterhin die Auseinandersetzung mit Ereignissen in Diktaturen prägt (wie mit dem Tian‘anmen-Massaker 1989 in China), dies aber nur eingeschränkt möglich ist.


Exemplarische Zugänge zu historischen Ereignissen

Die Geschichtswissenschaft hat sich weitgehend von der positivistischen Beschreibung von Ereignissen verabschiedet, in denen große Akteure durch ihre Entscheidungen den Lauf der Geschichte bestimmen. Vielmehr werden Ereignisse heute einerseits im Rahmen von längeren strukturellen Veränderungen analysiert, andererseits wird mit kulturgeschichtlichen Ansätzen die Konstruktion des Ereignisses selbst untersucht. Der alte Gegensatz von Struktur und Ereignis hat an Bedeutung verloren, indem tiefere Zeitschichten mit den Erfahrungen der Zeitgenossen verbunden werden, um Wandel zu erklären.[52]

Einige Kulturwissenschaftler bestreiten, dass man sich Ereignissen analytisch annähern kann. Der Philosoph Jacques Derrida spricht von dem „unmöglichen Ereignis“, dessen momenthafte Singularität sich verflüchtige, wenn es sprachlich gefasst werde.[53] Auch der Medienphilosoph Dieter Mersch hält lediglich „auratische Erfahrungen“ für greifbar; selbst eine Filmaufnahme könne das Ereignis nicht festhalten.[54] Dagegen vertrauen die meisten Historiker*innen den sprachlichen und medialen Zeugnissen im Kontext des Ereignisses, um sich diesen Phänomenen anzunähern. Meist wählen sie zur Analyse ein einzelnes Ereignis aus, um dessen Aufkommen und Wirkung zu erklären. Damit läuft man mitunter Gefahr, aus der Nationalgeschichte heraus bereits kanonisierte Ereignisse und Zeiteinteilungen zu reproduzieren. Neben der Analyse „etablierter Ereignisse“ wäre vielmehr zugleich zu prüfen, welche Ereignisse die Zeitgenossen jenseits des heutigen geschichtspolitischen Kanons bewegten.

Welche unterschiedlichen Zugänge sich anbieten, lässt sich an Publikationen zu einzelnen Ereignissen ausmachen, etwa an denen, die unter der Chiffre „68“ gebündelt werden. Eine klassische Form der Analyse ist, die historische Vorgeschichte von Ereignissen freizulegen, um dann anhand minutiöser Beschreibungen das Aufkommen dynamischer Handlungsketten aufzuzeigen, die ein überraschendes Ereignis formieren, das auch in den folgenden Jahrzehnten als ein Einschnitt gilt. Eine sehr gelungene Analyse in diesem Sinne ist etwa Eckard Michels‘ Buch zum Schah-Besuch in West-Berlin am 2. Juni 1967. Nach einem langen Vorspann zu den guten deutsch-iranischen Beziehungen zeigt er, warum gerade hier derartig nachhaltig prägende Proteste aufkamen und die Gewalt eskalierte.[55] So werden strukturelle Ursachen, der Aufbau von spannungsgeladenen Wahrnehmungen und Erwartungen mit den aktuellen Erfahrungen und kontingenten Momenten im Ereignis selbst verwoben – etwa die Wirkung von Bahman Nirumands kritischem Buch zu Iran und seiner Rede kurz zuvor,[56] der Wissenstransfer durch die „Konföderation Iranischer Studenten“ und der ungeplante tödliche Schuss des IM-Polizisten Karl-Heinz Kurras auf den Demonstranten Benno Ohnesorg.

Eine Analyse, die stärker den Moment eines Ereignisses methodisch reflektiert fassen soll, bietet Ingrid Gilcher-Holtey. Sie wählt den Ansatz des „kritischen Ereignisses“ bzw. „kritischen Moments“ von Pierre Bourdieu, um die Eskalation des Pariser Protests im Mai 1968 nachzuzeichnen und zu erklären.[57] Bourdieu fasste den „kritischen Moment“ als einen Bruch, in dem eine offene Zukunft und ein neues Bewusstsein auftrete und sich unabhängige lokale Krisen und Wahrnehmungen synchronisierten.[58] Auch hier wird die gestaltende Kraft von Medien deutlich, in dem Fall des Radios, das durch Live-Berichte über den Polizeieinsatz den Akteuren eine deutende Orientierung gab und das Ereignis dynamisierte.


Der „kritische Moment“ eines Ereignisses: Schlagende Polizisten, bevor das berühmte Foto des erschossenen Demonstranten Benno Ohnesorg eine Wende einleitete. Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin, Fotograf: Ludwig Binder; veröffentlicht vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Quelle: [https://de.wikipedia.org/wiki/Demonstration_am_2._Juni_1967_in_West-Berlin#/media/Datei:Ludwig_Binder_Haus_der_Geschichte_Studentenrevolte_1968_2001_03_0275.0155_(16870592987).jpg Stiftung Haus der Geschichte - 2001_03_0275.0155d / Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en CC BY-SA 2.0]
Der „kritische Moment“ eines Ereignisses: Schlagende Polizisten, bevor das berühmte Foto des erschossenen Demonstranten Benno Ohnesorg eine Wende einleitete. Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin, Fotograf: Ludwig Binder; veröffentlicht vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Quelle: Stiftung Haus der Geschichte - 2001_03_0275.0155d / Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 2.0


Zunehmende Bedeutung erhalten transnational vergleichende Zugänge zu Ereignissen. So beschreibt Norbert Frei zentrale antreibende Ereignisse des „68er“-Protests in verschiedenen Ländern und macht immer wieder Querverbindungen aus – von den USA nach Westeuropa, zwischen Frankreich und der Bundesrepublik und via Fernsehen sogar mit Japan.[59] Gerade für die Zeit des Kalten Kriegs bieten sich zudem systemübergreifende Perspektiven auf Ereignisse an, wie ein Essayband zu „68“ in Ost und West unterstreicht, der Wechselwirkungen über den Eisernen Vorhang hinweg aufzeigt, etwa für Proteste beim Prager Frühling.[60]

Große Bedeutung wird auch bei der Erklärung der Ereignisse von „68“ den Medien beigemessen. Wie das neue Massenmedium Fernsehen das Aufkommen der „68er“ nicht nur in Berichten begleitete, sondern förderte und zugleich selbst davon profitierte, zeigt Meike Vogel auch an einzelnen Protestereignissen wie dem Schahbesuch am 2. Juni 1967.[61] Dagegen verdeutlicht Martin Stallmann, wie die vielfältigen längerfristigen Proteste in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre erst durch die späteren Jubiläumsberichte des Fernsehens in den 1980/90er-Jahren zum verdichteten Ereignis wurden, das die Jahreszahl „68“ umschrieb und auf die Ereignisse um die Schüsse auf Dutschke und Ohnesorg verengt wurde.[62] Die Jahreszahl „68“ war zugleich an die internationalen Ereignisse anschlussfähiger als der vorherige Blick auf das Jahr 1967, das eigentlich zuerst im Mittelpunkt stand. Kommende Arbeiten werden zeigen können, wie zu den Jubiläen das Ereignis immer wieder neu mit Kontroversen ausgedeutet wird – im Jahr 2018 etwa im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen.[63]

Diese exemplarisch für „68“ genannten Studien deuten die treibende Rolle von Medien beim Aufkommen von Ereignissen an, die neuere Studien auch für andere Ereignisse wie den „Mauerfall“ unterstreichen: Erst nachdem das bundesdeutsche Fernsehen am 9. November 1989 frühzeitig und verkürzt in den Abendnachrichten angekündigt hatte, eine Ausreise aus der DDR sei nun möglich und die Mauer damit offen, drängten so viele Menschen zu den Berliner Grenzübergangsstellen hin, dass die Grenztruppen aufgrund des Andrangs tatsächlich die Tore öffneten – nun ganz ohne den Visa-Antrag bei der Volkspolizei, den Günter Schabowski in seiner Pressekonferenz als notwendig angekündigt hatte.[64]

Generell zeigt sich, dass neue Medien wie einst das Fernsehen oder heute das Internet nicht nur dazu verleiten, Ereignisse zu Hause zu verfolgen, sondern Menschen dazu animieren, selbst an Ereignissen teilzunehmen, um den Vollzug von Geschichte direkt mitzuerleben. Ihre massenhafte Präsenz macht dann Versammlungen zu Ereignissen, die wiederum in den Medien Beachtung finden.[65] Alle Anwesenden beim Ereignis, egal ob Teilnehmer, Zuschauer, Täter oder Opfer, lassen sich dabei als aktiver Teil fassen, da ihr Verhalten die Deutung des Ereignisses mit konstituiert.[66] Selbst passives Schweigen ist hier ein relevanter Ausdruck.[67]

Da seit dem Aufkommen von Live-Medien, also der Telegrafie, des Fernsehens und nunmehr auch des Internets, die persönliche Teilnahme am Ereignis und die massenmediale Perzeption zunehmend ineinander fallen, verschmilzt der Unterschied zwischen der persönlichen und medialen Erfahrung zunehmend. Wie Gerhard Paul am Beispiel der ersten Angriffe im Irakkrieg 2003 zeigte, kalkulieren die Akteure diese in Echtzeit übertragene Teilnahme am Ereignis ein, wenn sie Bilder produzieren; freilich sind diese Bilder meist nur kurz kontrollierbar und werden dann durch Gegenbilder gebrochen.[68]

Ein anderer innovativer Zugang zu Ereignissen ist die historisch vergleichende Analyse von wiederkehrenden Ereignissen. So verglich René Schlott die internationale Deutung und Inszenierung der Papsttode seit 1878 als globale Ereignisse.[69] Dabei zeigte er einerseits ähnliche Mechanismen auf – etwa dass einzelne Medien kurioserweise jeweils zu früh den Tod ankündigten, um als erste über das Ereignis berichten zu können. Andererseits verdeutlicht er, wie der Vatikan sich bei der Inszenierung der Trauerfeier an den Wandel der Medienwelt anpasste und so etwa beim Tod von Pius XII. 1958 eine neue öffentliche Sichtbarkeit für das Fernsehen schuf, die sich zugleich in einem verstärkten öffentlichen Zulauf niederschlug.[70]

In der Regel beschäftigen sich Historiker*innen mit einem Ereignis, das sie zeitlich oder räumlich kontextualisieren. Seltener hingegen werden die synchronen Bezüge von unterschiedlichen Ereignissen behandelt. Ich selbst habe dies versuchsweise mit einer Studie zum Zusammenspiel von zehn verschiedenen global ausstrahlenden Ereignissen im Jahr 1979 erprobt, die unabhängig voneinander aufkamen und als internationale Ereignisse nicht zum Kanon der deutschen Erinnerungskultur gehören. Hier zeigte sich, dass sich diese Ereignisse mitunter durchaus überlappten und verstärkten, oft mit direkten Wechselwirkungen, mitunter nur durch inhaltliche Bezüge.[71] Dabei ging es mir selbst aber vor allem darum, längerfristige transnationale Veränderungen auszumachen, die heute zu zentralen Herausforderungen zählen, wie die politische Rolle von Religion, Energie- und Umweltprobleme, Chinas Machtstellung oder auch die Aufnahme außereuropäischer Flüchtlinge.

Ein wenig beachtetes Feld ist das Verhältnis von Ereignis und Normalität. Wie angedeutet, stehen Ereignisse für den Bruch von Routinen, bestätigen aber dabei zugleich wieder die Existenz einer erwarteten Normalität. Bereits die Medienberichte, die Ereignisse in den Tagesrhythmus von Zeitungslektüre oder Nachrichtenzeit einfügen, überführen sich in Routinen, nachdem die „breaking news“ kurz an gesonderter, aber erwartbarer Stelle hervorgehoben wurde.[72] Ein Beispiel für dieses Zusammenspiel von Bruch und Routine ist die seit 1971 nach der „Tagesschau“ um 20.15 Uhr ausgestrahlte Sondersendung „Brennpunkt“, die ein aktuelles Ereignis hervorhebt und zugleich in einen etablierten Rhythmus einbettet. Die deutliche Zunahme von „Brennpunkt“-Sendungen seit den 1990er-Jahren verweist darauf, dass das Hervorheben von Ereignissen an Stellenwert gewonnen hat, um Aufmerksamkeit zu kanalisieren.[73]

Ereignisse führen dazu, dass Maßnahmen angekündigt und getroffen werden, um diese postulierte Normalität künftig zu sichern. Kaum systematischer untersucht ist bislang, wie Ereignisse das langfristige Handeln prägen, um die Wiederholung negativ konnotierter Ereignisse durch weiterführende Maßnahmen zu verhindern. Gut untersucht ist dies für Überschwemmungen, Brände und Erdbeben, die zu Sicherheitsmaßnahmen an Gewässern, im Städtebau und bei der Vorhersage führen. Versicherungsakten bieten eine gute Quelle, um das jeweils perzipierte Risiko auszumachen, dass derartige Ereignisse eintreten.[74] Der Beschluss von Maßnahmen, die den erneuten Eintritt von Ereignissen verhindern sollen, kann dabei selbst wieder zum Ereignis werden.


Fazit

Nachdem die alten Auseinandersetzungen über den Stellenwert von Ereignissen und Strukturen überwunden worden sind, lohnt eine neue konzeptionelle Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen. Da diese in den Medien und populären Darstellungen oft weiterhin als feststehende Tatsachen präsentiert werden, bleibt es Aufgabe der Historiker*innen, deren Aufkommen und Wirkung als eine Bedeutungszuschreibung zu dekonstruieren und sie in größeren Zusammenhängen zu analysieren. Dazu zählen ihre Einbettung in diachrone Entwicklungen, in internationale Bezüge, in die kommunikative Struktur, die Modi des Aushandelns von Deutungen und die sich wandelnden Erinnerungen an Ereignisse. Deutlich wurde zudem, dass Ereignisse sich als Sonden anbieten, um systematische Fragen der Geschichtswissenschaft zu untersuchen, wie Zeitkonzeptionen, die Rolle von Kontingenz, von Medienlogiken oder die historische Sinnbildung. Im Internetzeitalter nehmen die Konkurrenz von (potenziellen) Ereignissen und die Deutungskämpfe über sie zweifelsohne zu. Für Historiker*innen ist erfreulich, dass via Twitter und Facebook dabei die Deutungen vieler Menschen überliefert werden, die künftige zeithistorische Quellen bilden.



Empfohlene Literatur zum Thema

Frank Bösch/Patrick Schmidt (Hrsg.), Medialisierte Ereignisse. Performanz, Inszenierung und Medien seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2010

Daniel Dayan/Elihu Katz, Media Events. The Live Broadcasting of History, Cambridge/Mass. 1994

Christoph Deupmann, Ereignisgeschichten. Zeitgeschichte in literarischen Texten von 1968 bis zum 11. September 2001, Göttingen 2013

Manfred Hettling/Andreas Suter, Struktur und Ereignis, Göttingen 2001

Rudolf Stichweh, Zur Soziologie des Weltereignisses, in: Stefan Nacke/René Unkelbach/Tobias Werron (Hrsg.), Weltereignisse. Theoretische und empirische Perspektiven, Wiesbaden 2008, S. 17-40

Zitation
Frank Bösch, Das historische Ereignis, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.5.2020, URL: http://docupedia.de/zg/Boesch_ereignis_v1_de_2020

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  1. Fernand Braudel, Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II., Paris 1990 [zuerst: Paris 1949]; ders., Die lange Dauer, Stuttgart 1992 [zuerst: Paris 1958].
  2. Ulrich Raulff, Der unsichtbare Augenblick. Zeitkonzepte in der Geschichte, Göttingen 1999, S. 23.
  3. Vgl. aus den Bänden: Theorie der Geschichte (Beiträge zur Historik. 6 Bde., München 1977-1990), besonders: Jürgen Kocka/Thomas Nipperdey (Hrsg.), Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979; zur Einordnung: Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme: Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zu Gegenwart, München 2003, S. 177-179.
  4. Vgl. Rainer Greshoff/Georg Kneer (Hrsg.), Struktur und Ereignis in theorievergleichender Perspektive: Ein diskursives Buchprojekt, Wiesbaden 1999.
  5. Arnd Hoffmann, Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte, Frankfurt a.M. 2005, S. 270.
  6. Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit: Vierzehn historische Miniaturen, Frankfurt a.M. 1964 [1927].
  7. Vgl. Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Berlin 2001, S. 290.
  8. Vgl. Thomas Mergel, Kulturgeschichte der Politik, Version 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012, http://docupedia.de/zg/mergel_kulturgeschichte_politik_v2_de_2012.
  9. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1977, S. 7.
  10. So damals mein eigener Zugang am Beispiel von großen Skandalen: Frank Bösch, Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München 2009.
  11. Reinhard Blänkner/Bernhard Jussen, Institutionen und Ereignis. Anfragen an zwei alt gewordene geschichtswissenschaftliche Kategorien, in: dies. (Hrsg.), Institutionen und Ereignis. Über historische Praktiken und Vorstellungen gesellschaftlichen Ordnens, Göttingen 1998, S. 9-16.
  12. Siehe Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 1-8, online unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1953_1_1_rothfels.pdf.
  13. Vgl. etwa Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Das Ende der Zuversicht. Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008.
  14. Zahlreiche Studien entstanden etwa 2003-2012 im DFG-Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“, an dem auch der Autor beteiligt war; https://www.uni-giessen.de/fbz/dfgk/tme/forschungsprogramm.
  15. Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus, Wien 2003, S. 11, 31, 74; vgl. Samuel Strehle, Zur Aktualität von Jean Baudrillard: Einleitung in sein Werk, Wiesbaden 2011 S. 148f.
  16. Frank Bösch/Patrick Schmidt (Hrsg.), Medialisierte Ereignisse: Performanz, Inszenierung und Medien seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2009; Friedrich Lenger/Ansgar Nünning (Hrsg.), Medienereignisse der Moderne, Darmstadt 2008; Joachim Eibach/Horst Carl (Hrsg.), Europäische Wahrnehmungen 1650-1850. Interkulturelle Kommunikation und Medienereignisse, Hannover 2008.
  17. Vgl. Franz-Josef Brüggemeier, Tschernobyl, 26. April 1986: Die ökologische Herausforderung, München 1998.
  18. Jay Winter, Die Generation der Erinnerung. Reflexion über den „Memory Boom“ in der zeithistorischen Forschung, in: Werkstatt-Geschichte 30 (2001), S. 5-16, online unter https://werkstattgeschichte.de/wp-content/uploads/2017/01/WG30_005-016_WINTER_GENERATION.pdf.
  19. Vgl. Jan-Holger Kirsch, „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln 1999, online unter https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/340/file/kirsch_achter_mai_1999.pdf; Krijn Thijs, Party, Pomp und Propaganda. Die Stadtjubiläen von 1937 und 1987, Berlin 2012.
  20. Vgl. Monika Fenn, 200 Jahre Völkerschlacht – Was bleibt nach der Eventisierung?, in: Public History Weekly 1 (2013), H. 2, https://public-history-weekly.degruyter.com/1-2013-2/200-jahre-voelkerschlacht-bleibt-nach-eventisierung/; Stefanie Samida, Vom Ereignis zum Erlebnis: Reenactment und Schlachtfeldtourismus, in: Axel Drecoll/Thomas Schaarschmidt/Irmgard Zündorf (Hrsg.), Authentizität als Kapital historischer Orte? Gedenkstätten, Dokumentationszentren und die Sehnsucht nach dem unmittelbaren Erleben im Stadtraum, Göttingen 2019, S. 123-139.
  21. Alexander Demandt, Was ist ein historisches Ereignis?, in: Nikolaus Müller-Schöll (Hrsg.), Ereignis. Eine fundamentale Kategorie der Zeiterfahrung. Anspruch und Aporien, Bielefeld 2003, S. 63-76; hier S. 66.
  22. Lucian Hölscher, Ereignis, in: Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 72-74, hier S. 72.
  23. Zitiert nach Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 2003 [1979], S. 328.
  24. Ebd., S. 149f.
  25. Manfred Hettling/Andreas Suter, Struktur und Ereignis – Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses, in: dies. (Hrsg.), Struktur und Ereignis, Göttingen 2001, S. 7-32, hier S. 23, 30.
  26. Hierzu ausführlich Kapitel 2.2. unten.
  27. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984, S. 475.
  28. Vgl. Rudolf Stichweh, Zur Soziologie des Weltereignisses, in: Stefan Nacke/René Unkelbach/Tobias Werron (Hrsg.), Weltereignisse. Theoretische und empirische Perspektiven, Wiesbaden 2008, S. 17-40.
  29. Christian Morgner, Weltereignisse und Massenmedien: Zur Theorie des Weltmedienereignisses, Bielefeld 2009, S. 280.
  30. Christoph Deupmann, Ereignisgeschichten. Zeitgeschichte in literarischen Texten von 1968 bis zum 11. September 2001, Göttingen 2012, S. 44f.
  31. Martin Sabrow, Der „Tag von Potsdam“. Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos, in: Christoph Kopke/Werner Treß (Hrsg.), Der Tag von Potsdam. Der 21. März 1933 und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur, Berlin/Boston 2013, S. 47-86.
  32. Vgl. Martin Sabrow, Zäsuren in der Zeitgeschichte, Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 3.6.2013, http://docupedia.de/zg/sabrow_zaesuren_v1_de_2013.
  33. Vgl. Rüdiger Graf/Konrad Jarausch, „Crisis” in Contemporary History and Historiography, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.03.2017, http://docupedia.de/zg/graf_jarausch_crisis_v1_en_2017.
  34. Vgl. Lucian Hölscher, Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte, Göttingen 2003, S. 59.
  35. Tobias Nanz/Johannes Pause, Politiken des Ereignisses. Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Politiken des Ereignisses. Mediale Formierungen von Vergangenheit und Zukunft, Bielefeld 2015, S. 7-32, hier S. 18f.
  36. Vgl. Jacques Derrida, Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen, Berlin 2003, hier zitiert S. 33 u. 35, vgl. auch S. 7, 21, 50.
  37. Vgl. Eva Maria Gajek, Imagepolitik im olympischen Wettstreit: die Spiele von Rom 1960 und München 1972, Göttingen 2013.
  38. Vgl. „In der Wüste der Ereignislosigkeit“, in: FAZ 11.4.2014, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/der-11-april-1954-ist-der-langweiligste-tag-des-20-jahrhunderts-12891871.html.
  39. Vgl. dazu auch: Astrid Erll, Prämediation – Remediation. Repräsentationen des indischen Aufstands in imperialen und post-kolonialen Medienkulturen (von 1857 bis zur Gegenwart), Trier 2007, S. 27.
  40. Vgl. Wolfgang Behringer, Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, München 2015.
  41. Deupmann, Ereignisgeschichten, S. 130.
  42. Pierre Nora, Le retour de L’événement, in: Jacques Le Goff/Pierre Nora (Hrsg.), Faire de l’histoire, Paris 1974, S. 285-308; kaum Medienbezüge enthalten dagegen etwa die Beiträge in: Suter/Hettling (Hrsg.), Struktur und Ereignis.
  43. Vgl. Daniel Dayan/Elihu Katz, Media Events. The Live Broadcasting of History, Cambridge/Mass. 1994.
  44. Nick Couldry/Andreas Hepp, Media Events in Globalised Media Cultures, in: Nick Couldry/Andreas Hepp/Friedrich Krotz (Hrsg.), Media Events in a Global Age, New York 2009, S. 1-20.
  45. Hans Mathias Kepplinger, Der Ereignisbegriff in der Publizistikwissenschaft, in: Publizistik 46 (2001), S. 117-139, hier S. 126; Helmut Scherer/Daniela Schlütz, Das inszenierte Medienereignis. Die verschiedenen Wirklichkeiten der Vorausscheidung zum European Song Contest in Hannover 2001, Köln 2002, S. 16f.; kritisch dazu: Mathias Mertens, „Der Rummel wuchs und kumulierte“. Über den Prozess des Medienereignisses, in: Jürgen Schwier/Claus Leggewie (Hrsg.), Wettbewerbsspiele. Die Inszenierung von Sport und Politik in den Medien, Frankfurt a.M. 2006, S. 20-41.
  46. Heinrich Böll, Das Gelände ist noch lange nicht entmint, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.1979, Bilder und Zeiten, S. 5.
  47. Hierzu und zum Begriff Medienereignis bereits: Frank Bösch, Europäische Medienereignisse, in: Europäische Geschichte Online (EGO), Mainz 2010-12-03, http://www.ieg-ego.eu/boeschf-2010-de.
  48. Vgl. etwa: Jean-François Gilmont (Hrsg.), The Reformation and the Book, Aldershot 1998; Johannes Burkhardt, Das Reformationsjahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medienrevolution und Institutionenbildung 1517-1617, Stuttgart 2002.
  49. Vgl. Iwan Michelangelo D'Aprile, Die Erfindung der Zeitgeschichte. Geschichtsschreibung und Journalismus zwischen Aufklärung und Vormärz, Berlin 2013; Rolf Reichardt, Plurimediale Kommunikation und symbolische Repräsentation in den französischen Revolutionen 1789-1848, in: Sven Grampp u.a. (Hrsg.), Revolutionsmedien – Medienrevolutionen, Konstanz 2008, S. 231-275.
  50. Vgl. sehr pointiert zur treibenden Bedeutung des Fernsehens: Lorenz Engell, Das Mondprogramm. Wie das Fernsehen das größte Ereignis aller Zeiten erzeugte, in: Lenger/Nünning, (Hrsg.), Medienereignisse der Moderne, S. 150-171.
  51. Diesen Punkt betont der Band: Irmela Schneider/Christina Bartz (Hrsg.), Formationen der Mediennutzung I: Medienereignisse, Bielefeld 2007. Zur Konstituierung des globalen Ereignisses der Mondlandung 1969 durch das Fernsehen siehe auch die Bildstrecke „40 Jahre Mondlandung: ‚Gänsehaut wie bei den Beatles’“, tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/schlusslicht/mondlandung160~magnifier_pos-1.html [10.05.2020].
  52. Vgl. Lutz Raphael, Jenseits von Strukturwandel oder Ereignis? Neue Sichtweisen und Schwierigkeiten der Historiker im Umgang mit Wandel und Innovation, in: Historische Anthropologie 1 (2009), S. 100-120, hier S. 112.
  53. Jacques Derrida, Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen, Berlin 2003, zitiert S. 41, vgl. bes. S. 21-24.
  54. Dieter Mersch, Ereignis und Aura. Untersuchungen zu einer Ästhetik des Performativen, Frankfurt a.M. 2002, S. 18, vgl. auch S. 93-95.
  55. Vgl. Eckard Michels, Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung, Berlin 2017.
  56. Vgl. Bahman Nirumand, Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt, Reinbek 1967.
  57. Ingrid Gilcher-Holtey, „Kritische Ereignisse“ und „kritischer Moment“: Pierre Bourdieus Modell der Vermittlung von Ereignis und Struktur, in: Hettling/Suter (Hrsg.), Struktur und Ereignis, S. 120-137, hier S. 121f.
  58. Pierre Bourdieu, Homo Academicus, Stanford 1988 (zuerst Paris 1984), S. 258, 282-287.
  59. Vgl. Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.
  60. Vgl. Robert Grünbaum/Jens Schöne/Heike Tuchscheerer (Hrsg.), Das doppelte 1968. Hoffnung – Aufbruch – Protest, Berlin 2019.
  61. Vgl. Meike Vogel, Unruhe im Fernsehen. Protestbewegung und öffentlich-rechtliche Berichterstattung in den 1960er Jahren, Göttingen 2010.
  62. Vgl. Martin Stallmann, Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998, Göttingen 2017.
  63. Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018; Zum Deutungskampf: Wolfgang Kraushaar, Umso schlimmer für die Tatsachen, in: Süddeutsche Zeitung 24.04.2018, https://www.sueddeutsche.de/kultur/zeitgeschichte-umso-schlimmer-fuer-die-tatsachen-1.3956594.
  64. Vgl. Thomas Großmann, Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR, Göttingen 2015.
  65. Frank Bösch, Geschichte als Erlebnis: Ereignisse als historische Erfahrung in situ, in: Sarah Willner/Georg Koch/Stefanie Samida (Hrsg.), Doing History. Performative Praktiken in der Geschichtskultur, Münster/New York 2016, S. 83-96.
  66. Zur Performanz des Ereignisses: Bösch/Schmidt (Hrsg.), Medialisierte Ereignisse.
  67. Zum Nichthandeln als Kommunikation vgl. Theo Jung (Hrsg.), Zwischen Handeln und Nichthandeln. Unterlassungspraktiken in der europäischen Moderne, Frankfurt a.M. 2019.
  68. Vgl. Gerhard Paul, Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der „Operation Irakische Freiheit“, Göttingen 2005.
  69. Vgl. René Schlott, Papsttod und Weltöffentlichkeit seit 1878. Die Medialisierung eines Rituals, Paderborn 2013.
  70. Bilder der öffentlichen Aufbahrung in einer Wochenschau 1958, https://footage.framepool.com/de/shot/746602530-collegiata-di-san-tommaso-pius-xii-leichenwagen-aufbahrung [11.05.2020].
  71. Vgl. Frank Bösch, Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München 2019.
  72. Matthias Thiele, Ereignis und Normalität. Zur normalistischen Logik medialer und diskursiver Ereignisproduktion im Fernsehen, in: Oliver Fahle/Lorenz Engell (Hrsg.), Philosophie des Fernsehens, München 2005, S. 121-136.
  73. Die einzige mir bekannte Auflistung der ARD-„Brennpunkte“ findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_ARD-Brennpunkte [17.04.2020].
  74. Nicolai Hannig, Kalkulierte Gefahren. Naturkatastrophen und Vorsorge seit 1800, Göttingen 2019.