Fürsorgediktatur

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Fürsorgediktatur

von Konrad H. Jarausch

Die doppelte Herausforderung

Die Erinnerungswelle des 20. Jahrestags des Mauerfalls im Jahr 2009 hat die seit der Enquete-Kommission[1] heiß diskutierte Frage nach dem fundamentalen Charakter der DDR mit erneuter Eindringlichkeit gestellt. In der politischen Diskussion wurden Verkürzungen wie der Begriff des „Unrechtsstaats" benutzt, um die Repression des SED-Systems zu brandmarken – aber viele ostdeutsche Bürger finden ihre eigenen Lebenserfahrungen unter einer solchen Etikettierung nicht wieder; und einige neigen zu (n)ostalgischen Verklärungen.[2] Im Gegensatz zur von kurzfristigen Themenkonjunkturen getriebenen Publizistik ist die wissenschaftliche Zeitgeschichte jedoch gefordert, eine analytische Beschreibung zu liefern, die sowohl einer kritischen Bewertung von Gegnern der Parteidiktatur als auch den Erinnerungen derjenigen gerecht wird, die versuchten, ein mehr oder minder „normales" Leben im falschen System zu führen. Der Spannungsbegriff „Fürsorgediktatur" ist eine konzeptionelle Reaktion auf diese doppelte Herausforderung, die sich von den gängigen Alternativen der Verdammung und Verklärung der DDR deutlich absetzt.[3] Diese Neuschöpfung sollte über die festgefahrene Auseinandersetzung um die Geschichtspolitik hinausführen und eine analytische Debatte anstoßen.

Der Neologismus „Fürsorgediktatur"

Der unerwartete Kollaps des Kommunismus hat zunächst die im Kalten Krieg vorherrschende Totalitarismustheorie wiederbelebt, da die skandalisierenden Enthüllungen aus Stasi-Dokumenten die Breite der von der SED autorisierten Unterdrückungsmaßnahmen der Bevölkerung belegten. Diese etwas statische, anklagende Sicht wurde vor allem von Regimeopfern im Osten und Antikommunisten im Westen vertreten.[4] Dagegen protestierten postkommunistische Vertreter/innen der Linken, die zumindest den humanistischen Kern des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden aus dem Untergang des „realen Sozialismus" zu retten versuchten. Ihre vor allem in Memoiren vorgelegte Binnensicht des Ulbricht-Honecker-Staates tendierte dahin, die hässlichen Seiten zu bagatellisieren und die positiven Aspekte des ostdeutschen Sozialsystems hervorzuheben.[5] Eine vermittelnde und analytisch wohl produktivere Perspektive, die sich vor allem in der anglo-amerikanischen Forschung durchgesetzt hat, sieht die DDR dagegen als „moderne Diktatur" oder „durchherrschte Gesellschaft". Allerdings ist diese Etikettierung nicht spezifisch genug, um sie von anderen repressiven Regimen des 20. Jahrhunderts zu unterscheiden.[6]

Der Neologismus „Fürsorgediktatur" ist daher als ein Versuch zu verstehen, den widersprüchlichen Charakter der DDR, die sowohl aus einem emanzipatorischen Anspruch heraus als auch aus stalinistischer Praxis bestand, auf einen prägnanten Nenner zu bringen. Der ursprüngliche Vorschlag argumentierte wie folgt:

„Eine Interpretation der DDR als radikalisierter Wohlfahrtsstaat könnte man daher mit den beiden, etwas gegensätzlichen Begriffen der ‚Fürsorge' und der ‚Diktatur' umschreiben. In seiner engeren Bedeutung suggeriert das Wort ‚Fürsorge' die ‚Pflege, Hilfe, die jemandem zuteil wird' sowie ‚tätige Bemühung um jemanden, der ihrer bedarf', und im erweiterten Sinne bedeutet es eine ‚öffentlich organisierte Hilfstätigkeit zur Unterstützung in Notsituationen oder besonderen Lebenslagen'. Diese Konnotationen der individuellen Hinwendung und kollektiven Hilfeleistung könnten auf den ethischen Anspruch des Sozialismus hinweisen, der nicht nur eine sozialpolitische Betreuung der bedürftigen Schichten, sondern eine weitaus breitere, emanzipatorische Umgestaltung der Gesellschaft bezweckte, also sein ideologisches Anliegen ernst nehmen. Gleichzeitig schwingt aber schon in den Verbindungen dieses Wortes ‚Fürsorge' mit ‚Anstalt' oder ‚Erziehung' ein Unterton von Strenge und Bevormundung mit, der in Günter Grass ironischer Anklage in seinem Roman Ein weites Feld zum Ausdruck kommt: ‚Eure Fürsorge hieß Beschattung'. Die Kopplung mit dem politischen Systembegriff der Diktatur verschärft diese Doppeldeutigkeit noch zu einer eindeutigen Bezeichnung von politischer Unterdrückung."[7]

Die Neuschöpfung dieses Doppelwortes sollte „explizit auf die grundsätzliche Widersprüchlichkeit in den Zielen und Handlungen des SED-Systems hin[weisen], die in den scheinbar paradoxen Erinnerungen ehemaliger Bürger an ihr Leben in der DDR auftaucht. Einerseits greift dieser Terminus die ideologischen Intentionen des Sozialismus auf, indem er an das Projekt der egalitären Gesellschaftsreform zugunsten von hilfsbedürftigen Unterschichten wie Arbeitern und Bauern erinnert, also die DDR als Teil der weltweiten Bewegung sieht, die auf eine Solidarisierung und Humanisierung des gesellschaftlichen Lebens hinarbeitete. Andererseits ist in dieser Begriffskoppelung auch eine unzweideutige Kritik kommunistischer Unterdrückung enthalten, weil sie das Wort ‚Diktatur' im zweiten Teile verwendet, das den Zwangscharakter der sozialistischen Utopie sowie ihrer Umsetzung klar kennzeichnet. Mit ihrer bewussten Verbindung von progressivem Anspruch und regressiver Realität ist diese Begriffsneubildung daher ein Versuch, den spezifischen Charakter der DDR im Vergleich mit anderen modernen Diktaturen des 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten."

Dadurch sollten eine Reihe von Fragen über das Verhältnis von SED-Herrschaft und gesellschaftlicher Praxis neu gestellt und im Gegensatz zur ausschließlichen Betonung von Gewalt auch auf die wachsende Rolle sogenannter weicher Stabilisatoren vor allem unter Honecker hingewiesen werden. Als sozialutopisches Projekt der Schaffung einer neuen Gesellschaft benutzte der „reale Sozialismus" neben Zwangsmaßnahmen eine Mischung aus emanzipatorischer Rhetorik und Konsumanreizen zur Herstellung „widerwilliger Loyalität", die sein alltägliches Funktionieren jahrzehntelang ermöglichte.[8]

Die Reaktion der Öffentlichkeit und Wissenschaft auf diese Begriffsneubildung war – wie zu erwarten – durchaus gemischt. Einige Vertreter der Totalitarismustheorie missverstanden den „Fürsorge"-Teil des Neologismus als eine Verniedlichung des SED-Regimes durch Überbetonung des Wohlfahrtsaspekts, also als eine Art von „Weichspülung", die damit keinesfalls intendiert war.[9] Manche Linksintellektuelle hingegen begrüßten die Anerkennung des sozialistischen Anspruchs, stießen sich aber an dem Insistieren auf dem diktatorischen Charakter in seiner Umsetzung, der die DDR implizit auch in die Nähe der NS-Verbrechen zu rücken schien.[10] Etwas neutralere Kritiker wiesen zu Recht darauf hin, dass der Terminus die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" des Konsumkommunismus unter Honecker besser beschreibe als die mit äußerem Zwang verbundene Stalinisierung und Sowjetisierung unter Ulbricht.[11] Andere Forscher, die die Herausforderung einer Begriffsneubildung annahmen, schlugen dagegen weitere Alternativen wie „Versorgungsdiktatur", „Erziehungsdiktatur" oder „Konsensdiktatur" vor, die in eine ähnliche Richtung gingen, jedoch je nach Fragestellung etwas andere Aspekte thematisierten.[12]

Eine Anregung zur Interpretation

Obwohl sicherlich kein einziges begriffliches Etikett die gesamte Komplexität der DDR-Entwicklung einfangen kann, hat sich „Fürsorgediktatur" als Beschreibung des Widerspruchs zwischen Intention und Praxis unter Honecker zumindest teilweise durchgesetzt. Besonders bei der Darstellung der Sozialpolitik der SED taucht der Begriff meist unwidersprochen auf, aber auch bei Diskussionen über den Gestus der Stasi-Überwachung könnte er hilfreich sein, da diese aus einer eigenartigen Kombination von Einschüchterung und Hinwendung bestand. Ebenso könnte er zur Lösung des Rätsels der erstaunlichen Stabilität und des ebenso überraschenden Untergangs der DDR beitragen, da die SED-Diktatur zunächst durch Fürsorgemaßnahmen gestärkt, aber schließlich durch die Erosion ihres materiellen Fundaments geschwächt wurde.[13] Sogar dort, wo diese Neuschöpfung teilweise zurückgewiesen wird, hat sie ein Nachdenken über alternative Begriffsbildungen ausgelöst, welche die Paradoxien des „Sozialismus in den Farben der DDR" präziser ausdrücken können als es politische Kampfformeln vermögen. Bei der Suchmaschine Google hat es der Begriff bereits auf 2150 Nennungen gebracht, und auch bei H-Soz-u-Kult geistert er durch eine Reihe von Rezensionen. Statt als konzeptionelle Allzweckwaffe eingesetzt, sollte der Neologismus „Fürsorgediktatur" daher eher als Anregung verstanden werden, sich mit der Widersprüchlichkeit des SED-Systems auch interpretatorisch auseinanderzusetzen.[14]

Empfohlene Literatur zum Thema

Zitation
Konrad H. Jarausch, Fürsorgediktatur, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010, URL: http://docupedia.de/zg/F.C3.BCrsorgediktatur?oldid=125867

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  1. Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), 9 Bände in 18 Teilbänden, Baden-Baden 1995.
  2. Andrew Beattie, Playing Politics with History: The Bundestag Inquiries into East Germany, New York 2008. Vgl. Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949-1990, München 1998; Dietmar Keller/Hans Modrow/Herbert Wolf (Hrsg.), Ansichten zur Geschichte der DDR, Bonn 1993.
  3. Konrad H. Jarausch, Jenseits von Verdammung und Verklärung: Plädoyer für eine differenzierte DDR-Geschichte, in: Agnès Bensussan u.a. (Hrsg.), Die Überlieferung der Diktaturen. Beiträge zum Umgang mit Archiven der Geheimpolizeien in Polen und Deutschland nach 1989, Essen 2004, S. 229-240. Vgl. Corey Ross, The East German Dictatorship: Problems and Perspectives in the Interpretation of the GDR, London 2002.
  4. Eckhard Jesse (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Baden-Baden 1999; Alfons Söllner (Hrsg.), Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Berlin 1997.
  5. Ralph Hartmann, DDR-Legenden. Der Unrechtsstaat, der Schießbefehl und die marode Wirtschaft, Berlin 2009. Vgl. Rainer Eckert/Bernd Faulenbach (Hrsg.), Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München 1996.
  6. Jürgen Kocka (Hrsg.), Ein deutscher Sonderweg. Überlegungen zur Sozialgeschichte der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B40/1994, S. 34-45; ders., Eine durchherrschte Gesellschaft, in: Hartmut Kaelble u.a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 547-553.
  7. Konrad H. Jarausch, Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B20 (1998), S. 33-46. Vgl. Detlef Pollack, Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDR-Gesellschaft homogen?, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), S. 110-131.
  8. Konrad H. Jarausch, Care and Coercion: The GDR as Welfare Dictatorship, in: ders. (Hrsg.), Dictatorship as Experience: Towards a Socio-cultural History of the GDR, New York 1999, S. 47-69.
  9. So z.B. Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009. Vgl. Martin Sabrow u.a. (Hrsg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Kontroverse, Göttingen 2006.
  10. Siehe die etwas gewundenen Besprechungen von kritischen Büchern zu DDR-Themen im „Neuen Deutschland“.
  11. Eric D. Weitz in einer Rezension von Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Dictatorship as Experience, in: Central European History 36 (2003), S. 490-94.
  12. Martin Sabrow (Hrsg.), Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln 2000. Vgl. Young Sun Hong in einer Rezension von Beatrix Bouvier, Die DDR ein Sozialstaat?, in: Journal of Modern History 77 (2005), S. 237-240.
  13. Maria Mitchell in einer Rezension von Christoph Kösters, Caritas in der SBZ/DDR, in: H-German (2002), http://www.h-net.org/reviews/showpdf.php?id=6573> (28.12.2009), und andere teils kritische, teils zustimmende Erwähnungen bei Google. Für ein Forschungsbeispiel siehe Eli Rubin, Synthetic Socialism: Plastics and Dictatorship in the GDR, Chapel Hill 2008, S. 5 ff.
  14. Mary Fulbrook, Approaches to Contemporary German History: Politics and Paradigms und Mary Fulbrook, Approaches to German Contemporary History since 1945: Politics and Paradigms, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004), H. 1, http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Fulbrook-1-2004 (28.12.2009), favorisiert das aus anderen Gründen problematische Konzept einer „Normalisierung“. Vgl. Charles Maier, What Have we Learned since 1989?, in: Revisiting 1989: Causes, Course and Consequences, Sonderheft von Contemporary European History 18 (2009), S. 253-269.