Mehr als menschliche Geschichte / More-than-Human History
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Artikel-URL:
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Page-ID:
100009377
Datum:
2026-07-31
Autor/innen:
Felix Schürmann
Titel:
Mehr als menschliche Geschichte / More-than-Human History
Version:
1
Alle Kategorien:
Umwelt, Human Animal Studies, Technik, Regionales, Wissen,regional übergreifend,20. Jahrhundert übergreifend, 21. Jahrhundert
Sprache:
Deutsch
Bild-Src:
Farbfoto einer Landschaft mit Tausenden von Autoreifen
Bild-Lizenz:

Wer und was formt eine Landschaft? Stillgelegter Kreidebruch in North Kent (England), 19. November 2003. Foto: Cugerbrant, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0

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Wer gewann beim Lanzenstechen? Mittelalterliche Chroniken nennen die Namen von Rittern, doch wer hat sie beim Wettbewerb auf dem Rücken getragen? Christoph Kolumbus musste während seiner vierten Amerikareise die Karavelle Vizcaína auf Jamaika aufgeben – weil wer ihre Planken zerfressen hatte? Eine Million Menschen starben bei der Großen Hungersnot in Irland, weitere zwei Millionen flohen von der Insel. Wer hatte ihre Kartoffeläcker verwüstet? 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Welche Geräte, Apparate und Instrumente waren daran beteiligt?

Fragen wie diese, angelehnt an die klassischen „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Bertolt Brecht,[1] verweisen beispielhaft auf Momente, in denen Tiere, Pflanzen, Pilze, Technologien oder Dinge auf Geschichte Einfluss genommen haben. Leicht ließen sich Beispiele für Bakterien, Viren oder Parasiten hinzufügen, ebenso für Götter, Geister oder etwa Ahnen, von denen sich Menschen zu Handlungen veranlasst geglaubt haben. All das führt vor Augen, dass Menschen den historischen Wandel nicht allein gestalten, sondern stets in Beziehungen mit vielem, was nicht Mensch ist. Mit solchen Beziehungen befasst sich der noch junge Forschungsansatz der mehr als menschlichen Geschichte. Im Sinne einer posthumanistischen Denkhaltung[2] nimmt er den Menschen aus dem Zentrum der historischen Analyse und fragt insbesondere danach, wie menschliche und nichtmenschliche Akteure und Kräfte in ihrem unaufhörlichen Mit- und Gegeneinander die Voraussetzungen für das Zusammenleben auf der Erde verändert haben. Die mehr als menschliche Geschichte begibt sich damit auf die Spur historischer Beziehungen, die Leben ermöglicht und verunmöglicht, erleichtert und erschwert, begünstigt und benachteiligt haben.

Der Fokus auf Beziehungen ist hier zentral – und unterscheidet die mehr als menschliche Geschichte von etablierten Ansätzen der Geschichtsforschung etwa in der Umwelt-, der Technik- oder der Agrargeschichte, die sich mit verwandten Themen beschäftigen, ohne dabei notwendig Beziehungen ins Zentrum zu stellen. Dahinter steht die für die mehr als menschliche Geschichte konstitutive Annahme, dass ein Mensch wie jedes Lebewesen nur in Beziehungen, Gemeinschaften und Artgenossenschaften mit anderen zu existieren vermag. Nicht einzelne Organismen bilden demnach die kleinsten greifbaren Basiseinheiten allen Lebens, sondern die Beziehungen, die diesen erst ihre Existenzfähigkeit verleihen.[3] „Wesen existieren nicht vor ihren Beziehungen“,[4] formuliert das die Biologin und Wissenschaftsforscherin Donna Haraway. Obschon Haraway selbst nicht mit dem Begriff „mehr als menschliche Geschichte“ operiert, hat sie mit ihren Problematisierungen der weithin angenommenen Grenzen zwischen Menschen, Natur und Technik sowie ihren Ausdifferenzierungen der mal fürsorglichen, mal zerstörerischen und mal in ganz anderen Kategorien fassbaren Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren wegbereitende Impulse für den Ansatz gegeben.[5]

Auf die Geschichte lässt sich die genannte Annahme so wenden: Nicht einzelne Menschen bilden die Basiseinheiten des historischen Geschehens, sondern Beziehungen zwischen Menschen sowie zwischen ihnen und all dem, was nicht menschlich ist. Zu sozialen Akteuren, die historisch veränderungsrelevant agieren, werden Menschen erst durch solche Beziehungen: Eine Botanikerin konnte ohne Pflanzen keine Botanikerin sein, ein Regenpriester ohne Regen kein Regenpriester, eine Fotografin ohne Kamera keine Fotografin, ein Hirte ohne Herde kein Hirte und so weiter. Mit ihrer Aufmerksamkeit für solche Beziehungen verlagert die mehr als menschliche Geschichte den historiographischen Fokus von Entitäten – hier verstanden als etwas, das individuell identifizierbar, abgrenzbar und mithin vereinzelbar ist – auf jene vorgelagerten Relationen, die Entitäten erst hervorbringen.

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Farbige Zeichnung eines Mannes bei der Arbeit mit einer Sichel an Weinreben
Macht der Winzer den Wein oder der Wein den Winzer? „Weingartman“ von Hans Lederer (ca. 1425). Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426-1549. Quelle: Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2, via http://www.nuernberger-hausbuecher.de/ / Wikimedia Commons, gemeinfrei

So ausgerichtet, zählt die mehr als menschliche Geschichte zu den relationalen Ansätzen innerhalb der Historiographie, zu denen sich etwa auch manche Zugänge der Geschichte globaler Verflechtungen[6] und der Historischen Netzwerkanalyse rechnen lassen.[7] Generell stellen relationale Ansätze „statt der Analyse der Relationen zwischen Einheiten die Frage nach der Erzeugung dieser Einheiten durch Relationen ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, wie es die Historikerin Angelika Epple beschreibt.[8] Warum sollte eine solche Fokusverlagerung nötig sein? Weil das Denken in Entitäten den Blick darauf verstelle, so Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze, dass alles, was ist, dies immer erst durch Beziehungen zu etwas anderem ist. Für das Erfassen der Realität erweise sich das Denken in Entitäten oft als hinderlich, weil es durch kategoriale Unterscheidungen Phänomene und Probleme zu vereinzeln suche, die genau besehen unauflöslich mit anderen verwoben seien.

Als Gegenüber des Denkens in Entitäten verhelfe das Denken in Relationen dazu, „das Vollziehen materiell und diskursiv heterogener Beziehungen zu verstehen, die unterschiedlichste Akteure hervorbringen und neu anordnen – darunter Objekte, Subjekte, Menschen, Maschinen, Tiere, ‚Natur‘, Ideen, Organisationen, Ungleichheiten, Maßstäbe und Größen sowie geographische Anordnungen“, so eine Richtungsbestimmung des Soziologen John Law.[9] In dieser Weise zu denken ist für Haraway schlicht eine Maßgabe des gesunden Menschenverstands, knüpfen die meisten Menschen ihre alltäglichen Lebenszusammenhänge, gar ihre Existenz doch offenkundig so eng an Maschinen und Technologien wie Smartphones, Autos, Prothesen, Kaffeemaschinen, Herzschrittmacher und derlei mehr, dass sie sich längst zu biologisch-technologischen Mischwesen, zu Cyborgs entwickelt hätten.[10] Die Anfänge dieser Verschränkung zwischen Menschlichem und Maschinellem, zwischen Organischem und Künstlichem führen manche Historikerinnen und Historiker bis in die Antike zurück.[11] Lässt sich in dem sagenhaften Baumeister Daidalos aus der griechischen Mythologie, der sich und seinem Sohn Ikarus Vogelfedern anheftete, um der Gefangenschaft auf Kreta zu entkommen, ein Vorgänger des Cyborgs erkennen?

Die mehr als menschliche Geschichte wendet die relationale Denkhaltung auf Verzahnungen von Biologie und Technologie wie in den genannten Beispielen an, interessiert sich aber stärker noch für biotische Akteure, die relevant für die Bedingungen des Lebens und seines Erhalts auf der Erde sind. Damit reagiert sie auf eine seit Mitte des 20. Jahrhunderts beobachtbare Transformation, die häufig als Notlage oder Poly- beziehungsweise Vielfachkrise des Planeten beschrieben wird. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären diese Transformation als Zusammenwirken von hauptsächlich drei planetaren Krisen: dem Klimawandel, dem Artensterben und der Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden.

Nicht jede mehr als menschliche Geschichte handelt deshalb notwendig von diesen oder weiteren Dimensionen der planetaren Notlage wie der Übernutzung natürlicher Ressourcen, der Versauerung der Ozeane oder der abnehmenden Ernährungssicherheit. Doch durch das besondere Interesse an historischen Veränderungen der Voraussetzungen für Lebendigkeit reflektiert der Ansatz, dass im 21. Jahrhundert jede Geschichte unter der Bedingung einer nie dagewesenen „Metamorphose der Welt“[12] geschrieben wird – eine Bedingung, der sich manch andere Zweige der Geschichtsforschung bislang nicht stellen.

Zumindest implizit setzt die mehr als menschliche Geschichte damit den Planeten als räumlichen Fluchtpunkt für die Geschichtsforschung und unterscheidet sich in dieser Hinsicht von historiographischen Teilgebieten, die sich etwa auf Welt(en), Regionen oder Globalität beziehen. Die Orientierung auf den Planeten verbindet den Ansatz mit historiographischen Beiträgen zur Anthropozänforschung (Anthropocene Studies) – hervorzuheben sind die dahingehenden Arbeiten von Dipesh Chakrabarty[13] –, wobei die mehr als menschliche Geschichte allerdings nicht in gleicher Konsequenz longue durée-Perspektiven verfolgt. Weil zum Anthropozän schon ein instruktiver Überblick in der Docupedia-Zeitgeschichte vorliegt,[14] gehe ich im Weiteren nur kursorisch auf diese Verbindungen ein und wiederhole nicht, was dort bereits ausgeführt ist. Ebenso verfahre ich im Hinblick auf die Schnittfelder mit der Umweltgeschichte und den Human Animal Studies, die ebenfalls eigens in der Docupedia-Zeitgeschichte vorgestellt werden.[15]

Der im Folgenden präsentierte Überblick verfolgt das Ziel, die mehr als menschliche Geschichte in die Landschaft historiographischer Zugänge, Forschungsfelder und Debatten einzuordnen. Zu diesem Zweck beschreibe ich zunächst einige begriffs- und ideengeschichtliche Genealogien des Ansatzes, umreiße dann sein Verhältnis zu verwandten Forschungsrichtungen aus benachbarten Disziplinen sowie zur Umweltgeschichte, stelle daraufhin einige wichtige Themen und Varianten dahingehender Forschungen vor und diskutiere im Sinne einer kritischen Situierung schließlich einige Debatten und Kontroversen um die mehr als menschliche Geschichte. So aufgebaut macht der Überblick nachvollziehbar, dass die mehr als menschliche Geschichte vielversprechende Möglichkeiten eröffnet, die Geschichtsforschung neu zu fokussieren, um jenseits klassischer Grenzen zwischen Disziplinen und ihren Teilgebieten über den historischen und gegenwärtigen Wandel der Voraussetzungen für das Leben auf dem Planeten nachzudenken.

 

1. Begriffs- und ideengeschichtliche Genealogien

Die mehr als menschliche Geschichte ist ein noch junger Ansatz. In den Titeln von Aufsätzen und Monographien taucht die Bezeichnung seit Mitte der 2010er-Jahre auf. Der englischsprachige Ausdruck „more than human history“ ist zwar schon seit dem frühen 20. Jahrhundert vereinzelt gebraucht worden, dies aber lange, ohne damit einen spezifischen Ansatz profilieren zu wollen. So nutzte der US-amerikanische Schriftsteller Arthur Davison Ficke den Ausdruck 1914 in seinem Gedicht „Retrospect“, um einen Gefühlszustand am Spätabend des Lebens zu beschreiben: Bei der Rückschau auf das Erlebte und der Vorahnung des unausweichlichen Sterbens wähnt sich das lyrische Ich wie auf einer Umlaufbahn um die Welten der Lebenden und der Toten. Es schwebt geistig durch einen Raum, der die Grenzen einer menschlichen Geschichte transzendiert – „some flight of more than human history“.[16]

Rund drei Jahrzehnte später gebrauchte der Bibelforscher Charles M. Cooper den Ausdruck in einem theologischen Debattenzusammenhang. Das Alte Testament sei für die Geschichtswissenschaft eine Quelle zum Verständnis einer als menschlich konzipierten Religionsgeschichte. Doch für die Theologie sei es eine Quelle von Gottes „self-expression amid a more than human history“.[17] Zur Bezeichnung des Übermenschlichen in Kontexten eines biblischen Geschichtsbilds, in dem neben Menschen auch transzendente Akteure wie der Heilige Geist, Engel, Götterboten, Dämonen oder Satan in Erscheinung treten, ist der Ausdruck auch später vereinzelt verwendet worden.[18]

In einem ökologischen Zusammenhang tauchte der Ausdruck soweit bekannt erstmals in den 1990er-Jahren auf: Die Literaturwissenschaftlerin Susan Stewart bezeichnete 1998 die Geschichte von Gärten als eine „more than human history“, da sie von Formen, Ordnungen und Grenzen handelt, die aus dem Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und nichtmenschlichen Lebewesen hervorgegangen sind.[19]

Die Ausformung von „more than human history“ zu einem analytischen Konzept setzte ein, nachdem der US-amerikanische Philosoph David Abram 1996 den Begriff „more-than-human world“ als Alternative zum Begriff der „Umwelt“ vorgeschlagen hatte.[20] Abram verband „more-than-human“ mit Bindestrichen, um grammatische Eindeutigkeit herzustellen: Im Englischen wäre ein Satz wie beispielsweise „This history is more than human history“ mehrdeutig, er könnte sinngemäß „Diese Geschichte ist mehr als eine menschliche Geschichte“ oder „Diese Geschichte ist eine mehr als menschliche Geschichte“ meinen. Die Bindestriche zeigen an, dass die letztgenannte Bedeutung gemeint ist, dass also „more-than-human history“ – beziehungsweise bei Abram: „more-than-human world“ – einen distinktiven Begriff meint. Im Deutschen fügt sich „mehr als menschlich“ als adverbiale Bestimmung eindeutiger in Satzstrukturen ein. Eine Verbindung mit Bindestrichen kann helfen, „mehr-als-menschlich“ als definierte Kategorie zu markieren, doch notwendig ist sie nicht.

Mit seiner Begriffsschöpfung reagierte Abram auf das auch von Haraway thematisierte Problem, dass eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Menschen und ihrer Umwelt kaum möglich ist, weil ein Mensch nur in Verbindungen mit nichtmenschlicher Natur wie Luft, Wasser und Nahrung zu existieren vermag. Auch leben in und auf dem Körper eines jeden Menschen mehrere Billionen Mikroorganismen, unter anderem im Darmtrakt, auf der Hautoberfläche und in den Mund- und Nasenschleimhäuten.[21] Noch bevor Menschen durch digitale Technologien, technische Hilfsmittel und medizinische Implantate zu Cyborgs geworden sind, so Haraway, waren sie bereits Chimären: keine nach außen abgrenzbaren Entitäten, sondern Wesen in symbiotischer Verbindung mit Mikroorganismen, mit Zellen verschiedener genetischer Herkunft und in existenziellen Abhängigkeiten von anderen Arten.[22] Abram folgert: „Menschen sind wir erst im Kontakt und im lebendigen Miteinander mit dem, was nicht Mensch ist.“[23] Die Annahme, menschliche Kultur und nichtmenschliche Natur seien voneinander separierbare Domänen, kritisiert er als wirklichkeitsfremd. Als Alternative schlägt er vor, kategoriale Trennungen nicht vorauszusetzen, sondern die Realität von den Beziehungen her zu erfassen, die diese Realität konstituieren.[24]

Ideengeschichtliche Spuren eines dahingehenden Denkens lassen sich historisch weit zurückverfolgen.[25] In der griechisch-römischen Antike beschrieben viele Gelehrte die Menschen stets in ihren Beziehungen zu und Abhängigkeiten von natürlichen Kräften, materiellen Umgebungen und Gottheiten. Inwieweit daraus eine nicht-anthropozentrische Denkhaltung spricht, wird in den Altertumswissenschaften kontrovers diskutiert, auch weil das römisch antike humanitas-Konzept zugleich als zentraler Ausgangspunkt der humanistischen Tradition gilt.[26] Beachtung verdient in diesem Zusammenhang auch die „Historia animalium“, in der der griechische Gelehrte Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. eine vollständige Erfassung und Klassifizierung aller Tierarten als unmöglich verwarf. Aus der Beobachtung zahlreicher Übergangs- und Zwischenformen unter den Spezies leitete Aristoteles eine Auffassung der Tierwelt als Kontinuum ab, in dem sich Arten zwar unterscheiden, aber oft nicht trennscharf voneinander separieren ließen.[27]

Die längst nicht abgeschlossene Debatte über die ideengeschichtliche Bedeutung des Altertums für das relationale Denken lädt dazu ein, nach Kongruenzen zwischen – womöglich als prä- oder protohumanistisch zu beschreibenden – Perspektiven aus der Antike und posthumanistischen Perspektiven aus dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert zu fragen. Antike Texte lassen sich dafür als „Archive alternativer Ontologien“ produktiv machen, „in denen das Menschliche stets relational, verkörpert und medial situiert ist – eingebettet in Gefüge aus Dingen, Techniken, Lebewesen und kosmischen Kräften“, wie es die Altphilologin Anna Novokhatko formuliert.[28]

Weil die gedankliche Trennung zwischen den Domänen des Menschlichen und des Nichtmenschlichen – der Sozialanthropologe Adrian Franklin bezeichnet das als „die große Aufspaltung“ („the Great Divide“) und polemisch auch als „more-than-human apartheid“[29] – in den frühen Zivilisationen noch nicht festgelegt gewesen ist, haben sich verschiedene Forscherinnen und Forscher auf die Spur ihrer ideengeschichtlichen Formierung begeben. Bereits 1920 hat der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead den Begriff der „Bifurkation der Natur“ geprägt, um eine ontologische Gabelung des Denkens zur Aufspaltung der Wirklichkeit in zwei Bereiche – das Diesseits und das Jenseits der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten – zu beschreiben und zu kritisieren.[30]

Im Anschluss an Whiteheads Begriff der Bifurkation sowie an Überlegungen des Historikers Keith Thomas[31] und des Soziologen und Philosophen Bruno Latour – zu ihm später mehr – identifiziert Franklin das 16. und 17. Jahrhundert als den Kernzeitraum der „großen Aufspaltung“. Demnach haben damals insbesondere Bestrebungen der Kirchen zur Beseitigung animistischer Glaubenselemente, wissenschaftliche Innovationen wie der Empirismus und neue Vorschläge zur Einteilung von Arten sowie philosophische Strömungen wie der Renaissance-Humanismus gemeinsam eine mächtige intellektuelle Formation gebildet, die auf eine gedankliche Separierung zwischen Menschen und dem hinauslief, was nicht Mensch ist. Im Bündnis erwiesen sich diese Kräfte als so mächtig, dass sich die „große Aufspaltung“ in europäischen Gesellschaften nach und nach als paradigmatische Grundauffassung über die Welt etablierte.[32]

Franklin betont, dass es dazu immer auch Gegenströmungen gegeben habe, und führt am Beispiel Englands etwa animistische Karnevalsrituale des 18. Jahrhunderts, Zweige der Naturdichtung des 19. Jahrhunderts und die Gartenstadtbewegung des 20. Jahrhunderts an.[33] Für die historische Forschung wäre es ein lohnendes Unterfangen, eine weiter ausgreifende Geschichte solcher Gegenströmungen auszuarbeiten. Ein solches Unterfangen würde auch historische Weltanschauungen und Daseinsauffassungen jenseits von Epistemologien westlicher Prägung berücksichtigen müssen. Darin finden sich zahlreiche Varianten von naturbezogenen Wissenssystemen, die etwa Tieren, Pflanzen, Dingen, Ahnen, Geistern und Gottheiten Handlungsvermögen zuerkennen und die die Forschung mit Konzepten wie „traditionelles ökologisches Wissen“, „Ethnobiologien“ oder etwa „heilige Ökologien“ zu fassen sucht.[34] Ein latentes Risiko dahingehender Forschungen besteht indes darin, überwunden geglaubte Mythen eines harmonischen Einklangs „indigener“ Gesellschaften mit ihrer ökologischen Umwelt wiederaufleben zu lassen.[35]

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Menschen in einem Boot am Ufer eines Gewässers
Gesellschaften am Nord- und Ostufer des Viktoriasees führten Opferrituale durch, damit wohlwollende Geister in den Kiel und den rammenartigen Vorbau eines Kanus einziehen, dieses mit ihren Kräften beseelen und in Kontakt mit der Seegottheit Mukasa bringen sollen. Diese Verlebendigung zeigen auch die vorne angebrachten Antilopenhörner an. 
Quelle: Michael G. Kenny, The Powers of Lake Victoria, in: Anthropos 72 (1977), S. 717-133, hier S. 725-728, 731. Foto: Robert Henry Walker, Uganda, um 1900. Quelle: Royal Commonwealth Society Library , public domain

Einzubeziehen wäre auch der US-amerikanische Anthropologe Lewis Henry Morgan. In den 1860er-Jahren beobachtete dieser beim Angeln in Nordamerika regelmäßig das Verhalten von Bibern. Es faszinierte ihn so sehr, dass er es in einem Buch beschrieb. Durch ihre Dammbauten veränderten Biber mit „ingenieurtechnischer Kunstfertigkeit“[36] die Landschaft, so Morgan, und damit auch die Lebensbedingungen vieler anderer Tier- und Pflanzenarten. Das Verständnis des Tierreichs, so eine von Morgans Schlussfolgerungen, gehe nicht in der Einzelbeschreibung von Arten oder Gattungen auf, sondern erfordere darüber hinaus ein Verständnis für ihre „Beziehungen zueinander“[37] und für die „Anpassung der umgebenden Elemente an die Bedingungen und Bedürfnisse der Vielzahl tierischer Organismen“.[38]

Eine weitere Spur relationalen Denkens, die in eine ähnliche Richtung weist, findet sich in der ein halbes Jahrhundert zuvor, namentlich 1798 erschienenen Elegie „Die Metamorphose der Pflanzen“ von Johann Wolfgang von Goethe: eine Verschmelzung von Dichtung und Naturlehre, die Verbindungen und Vereinigungen als Wesenselemente der Natur herausstellt. Natur ist mehr als die Summe ihrer Teile, postulierte Goethe in der Sprache der Poesie, und lässt sich nur verstehen, wenn man sie als ein ganzheitliches System begreift, in dem alles Lebendige miteinander zusammenhängt:

„Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte,
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an;
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge,
Und das Ganze belebt so wie das Einzelne sey.“[39]

 

2. Die Herausbildung der „More-than-Human Studies“ als transdisziplinäres Forschungsfeld

Die Konzeptualisierung einer mehr als menschlichen Welt, die sich aus dieser damit nur in Schlaglichtern ausgeleuchteten Genealogie relationalen Denkens speist, ist seit der Jahrtausendwende in verschiedenen Disziplinen aufgegriffen und mit Impulsen aus deren jeweiligen Kompetenzen angereichert worden. Aus dem transdisziplinären Forschungsfeld der More-than-Human Studies, das die gemeinsamen Anstrengungen aus diesen Einzelwissenschaften hervorgebracht haben, seien im Folgenden nur exemplarisch einige einschlägige Beiträge aus Disziplinen herausgegriffen, die der Geschichtswissenschaft nahestehen. Weiter gefasste Überblicke bieten das von Adrian Franklin herausgegebene „Routledge International Handbook of More-than-Human Studies“, der von Andrés Jaque, Marina Otero Verzier und Lucia Pietroiusti zusammengestellte Reader „More-than-Human“ sowie die von der Medienwissenschaftlerin Sherryl Vint veröffentlichte Aufsatzsammlung „After the Human“.[40]

Einen frühen Resonanzraum fand das Konzept der mehr als menschlichen Welt in der Humangeographie. Dort hat sich Sarah Whatmore 2002 in einer vielbeachteten Untersuchung der räumlichen Beziehungen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem sowie zwischen Sozialem und Materiellem gegen die in ihrer Disziplin gängige Unterscheidung von Natur- und Kulturräumen gewandt. Beides konstituiere sich wechselseitig und bringe hybride Raumkonfigurationen hervor. Das Konzept einer mehr als menschlichen Welt helfe, so Whatmore, diese Konfigurationen zu verstehen und Entwicklungen etwa in den Bereichen des Naturschutzes, der gentechnischen Veränderung von Pflanzen oder der Organisation von Landwirtschaft erklärbar und kritisierbar zu machen.[41] Die damit angestoßene Operationalisierung des Konzepts setzt sich in der Humangeographie dynamisch fort,[42] etwa in Studien über städtische Tier- und Pflanzenwelten, über die Beziehungen zwischen Menschen und Schnecken in Gärten oder über die Position von Straßenhunden im Dazwischen von Gesellschaft und Umwelt.[43]

Auch in der Ethnologie beziehungsweise der Sozial- und Kulturanthropologie haben dahingehende Ansätze früh Anklang gefunden. Dort firmieren sie vorzugsweise als „Multispecies Ethnography“ und „Anthropology beyond the Human“.[44] Als wegbereitend gilt das 2005 erschienene Hauptwerk des Anthropologen Philippe Descola, „Par-delà nature et culture“. Ausgehend von Feldforschungen unter anderem im Amazonasbecken beschreibt Descola die Trennung von Natur und Kultur als ein Konstrukt westlicher Prägung, das in den Denksystemen vieler nichtwestlicher Gesellschaften keine Entsprechung fände. Dieser Trennung stellt Descola eine Typologie animistischer und totemistischer Weltauffassungen gegenüber, die Tiere, Pflanzen oder auch Geister in die Domäne des Sozialen integrieren.[45]

Viel Beachtung hat außerdem die Untersuchung „How Forests Think“ gefunden, die Eduardo Kohn 2013 auf der Grundlage mehrjähriger Feldforschungen im ecuadorianischen Amazonasgebiet vorgelegt hat. Auch nichtmenschliche Lebewesen wie Bäume und Pilze vermögen Zeichen zu erzeugen und zu interpretieren, so Kohn mit Rückgriff auf Haraway, Latour und klassische semiotische Theorien von Charles Sanders Peirce. Das Vermögen, Sinn und Bedeutung zu erzeugen, beschränke sich nicht auf Menschen. Die animistische Spiritualität der in dem Gebiet lebenden Runa-Bevölkerung deutet Kohn als ein Denksystem, das diese Zeichen zu verstehen erlaubt und Kommunikationsbeziehungen mit den nichtmenschlichen Lebewesen des Waldes – Kohn wählt die Bezeichnung „world beyond the human“ – begründet.[46]

Größere Bedeutung kommt darüber hinaus den Beiträgen von Tim Ingold zu, die sich unter anderem mit Mensch-Tier-Beziehungen in zirkumpolaren Gesellschaften und mit der Körperlichkeit des menschlichen Organismus als Voraussetzung für Wahrnehmung, Handeln und wissenschaftliche Erkenntnis befassen,[47] ebenso den Studien von Sarah Franklin über Reproduktions- und Gentechnologien und ihre Folgen für gesellschaftliche Auffassungen von Verwandtschaft.[48] In Deutschland hat in den letzten Jahren Michaela Fenske das Konzept der mehr als menschlichen Welt und den damit eng verbundenen Begriff der Multispezies-Gesellschaften in das Feld der Europäischen Ethnologie überführt und unter anderem Auswirkungen der planetaren Notlage auf Beziehungen zwischen Menschen und Bienen, Wölfen, Schweinen sowie Karpfen untersucht.[49] Sven Bergmann hat in anregenden Studien die Plastisphäre in den Meeren und die dort beobachtbaren Verbindungen zwischen Mikroplastik und marinen Lebensformen diskutiert.[50] Weitere Anschlussmöglichkeiten bieten in der Ethnologie Forschungen zu materieller Kultur – etwa zum Eigensinn, zum Verhalten und zur Agency von Dingen –, wie sie insbesondere Hans Peter Hahn profiliert hat.[51]

In der Soziologie ist das Konzept der „mehr als menschlichen Welt“ im diskursiven Rahmen von schon älteren Debatten um die Akteur-Netzwerk-Theorie (Michel Callon, Bruno Latour, Steve Woolgar)[52] und ihre Erneuerung (John Law, Annemarie Mol)[53] rezipiert worden. In der Ausformulierung der Akteur-Netzwerk-Theorie hat Latour seit den 1980er Jahren argumentiert, dass Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur, zwischen Umwelt und Gesellschaft oder auch zwischen Subjekt und Objekt nur abstrakt in Theorien existierten, nicht aber in der Realität.[54] Mit der Verankerung solcher Unterscheidungen in ihren Denksystemen seit der Frühen Neuzeit glaubten die Menschen in europäischen Gesellschaften, so Latours hier nur grob umrissenes Argument, modern und fortschrittlich geworden zu sein. Tatsächlich aber hätten sie in ihren rigiden Abgrenzungen zwischen Entitäten verkannt, dass in Wirklichkeit alles mit allem verwoben sei, und daher keinen wirklichkeitsnäheren Blick auf die Welt gewonnen als in der vermeintlichen Vormoderne.[55] In den empirischen Forschungen, die ihn zu dieser Haltung geführt hatten, ging Latour von einer historischen Laborsituation aus: von den Beziehungen zwischen dem Chemiker Louis Pasteur, den von ihm untersuchten und so bezeichneten Milchsäurebakterien sowie diversen Geräten, Apparaten und Räumen in Lille in den 1850er-Jahren. Latour zufolge war es das Netzwerk dieser Akteure – und nicht etwa Pasteur –, das das Verfahren der Haltbarmachung von Milch hervorgebracht habe.[56]

Wie in diesem Fall handeln gerade die frühen, für die soziologische Diskussion prägenden Studien im Feld der Akteur-Netzwerk-Theorie häufig von soziotechnischen Beziehungen, in denen technische Artefakte wie beispielsweise das Mikroskop, die Schreibmaschine oder das Flugzeug zentrale Stellungen in den jeweils infrage stehenden Beziehungsgefügen einnehmen. Weitere Anschlussmöglichkeiten in der Soziologie für das Konzept der mehr als menschlichen Welt bieten Begriffe wie der der soziologischen Imagination (C. Wright Mills),[57], der der Biopolitik (Michel Foucault)[58] oder der einer Kraft der Dinge (Jane Bennett).[59]

Ausgehend von der Auseinandersetzung damit fordern Teile der Soziologie schon länger eine posthumanistische Wende ein, durch die die Menschen aus dem gedachten Zentrum des Sozialen genommen und Gesellschaft als relationales Netz von Lebewesen und Dingen auf dem Planeten neu bestimmt werden solle. Im Jahr 2016 hat der finnische Soziologe Olli Pyyhtinen „mehr als menschliche Soziologie“ als Oberbegriff für diese Strömung vorgeschlagen,[60] damit aber nur wenig Anschluss gefunden. Denn weite Teile der Disziplin betrachten die Akteur-Netzwerk-Theorie als den sozialwissenschaftlichen und für die methodische Operationalisierung relevanten Überbau der infrage stehenden Verschiebungsprozesse und den Posthumanismus als ihr philosophisches Fundament. Entsprechend wird im soziologischen Diskurs „mehr als menschliche Welt“ weithin als ontologischer Begriff verstanden, der helfe, die Wirklichkeit als relational begreiflich zu machen, und der zuspitze, was durch die Akteur-Netzwerk-Theorie und den Posthumanismus bereits angelegt worden sei.[61]

Aus rechtswissenschaftlicher Perspektive hat Jedediah Purdy 2015 gegen die Trennung zwischen Mensch/Umwelt beziehungsweise Natur/Kultur über die bereits genannten Einwände hinaus vorgebracht, dass im Anthropozän jede Stelle auf dem Planeten auch durch juristische Vorgaben menschlicher Einflussnahme unterliege. So wie Menschen nicht jenseits der Natur existierten, existiere Natur heute und zukünftig nicht mehr jenseits der menschlichen Einflusssphäre. Vielmehr sei sie als „Post-Natur“ stets rechtlichen, politisch-administrativen und ökonomischen Bedingungen unterworfen, die manche Formen des Lebens begünstigen oder ermöglichen und andere beeinträchtigen oder verunmöglichen.[62] Über solche Erwägungen hinaus interessieren in rechtswissenschaftlicher Hinsicht etwa auch Fragen nach dem Urheberrecht an Bildern, die Tiere durch das selbstständige Auslösen einer Kamera (mit)produzieren, oder nach dem Übersetzungsrecht bei Versuchen der Übersetzung tierlicher Kommunikation wie Walgesängen in menschliche Sprache.[63]

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Farbfoto eines Affen
Wer sollte welche Rechte an diesem Bild haben? Ein Schopfmakak in Nordsulawesi (Indonesien), der 2011 die Kamera des Fotografen David Slater ausgelöst und sich dadurch selbst portraitiert hat.
Quelle: Wikipedia Commons, public domain

All diese Schlaglichter konturieren die disziplinübergreifende Anstrengung der Erkundung eines Verhältnisses zum beschädigten Planeten, das auf Beziehung, Verbindung und Gemeinschaft orientiert ist, nicht auf Trennung, Aufspaltung und Vereinzelung. Unbenommen ihrer Ausschnitthaftigkeit führen die Schlaglichter auch vor Augen, dass sich relationale Ansätze inzwischen breit etabliert haben und kaum mehr als akademische Mode oder dergleichen abtun lassen. Deutlich wird außerdem, dass sich die More-than-Human Studies und die transdisziplinäre Forschung zum Anthropozän mitnichten decken – wenn auch berühren, überlappen und befruchten – und dass das relationale Denken des Anthropozäns als Leitdimension und der dafür zentralen Begrifflichkeit der Tiefenzeit (Deep Time) nicht notwendig bedarf. Von den Human-Animal Studies unterscheiden sich die More-than-Human Studies insbesondere dadurch, dass sie über Tiere hinaus viele weitere nichtmenschliche Akteure in ihre Analysen einbeziehen. Nicht zuletzt zeigen die Schlaglichter auch einen großen Reichtum an theoretischen, methodischen und begrifflich-konzeptuellen Angeboten auf, aus denen auch die Geschichtsforschung schöpfen kann.

 

3. Umweltgeschichte als Impulsgeberin und Reibungsfläche der mehr als menschlichen Geschichte

Auch Historikerinnen und Historiker sind im Nachdenken über das Verhältnis von Natur und Kultur in den 1990er-Jahren zu dem Schluss gelangt, dass genau besehen das eine immer auch Teil des anderen ist. „Wir können menschliche Geschichte nicht ohne Naturgeschichte verstehen und wir können Naturgeschichte nicht ohne menschliche Geschichte verstehen“, postulierte 1996 der Historiker Richard White.[64] In dieser Formulierung hielt White zwar ontologisch an einer Unterscheidung zwischen menschlicher Geschichte und Naturgeschichte fest. Doch in dem, was folgte, nahm er ein Kernanliegen der mehr als menschlichen Geschichte vorweg: „Mir geht es darum, mehr zu tun als bloß eine menschliche Geschichte neben eine Naturgeschichte zu stellen und dies dann als Umweltgeschichte zu bezeichnen. Das wäre so, als würde man die Biographie einer Ehefrau neben die Biographie ihres Ehemannes stellen und das Ganze die Geschichte einer Ehe nennen. Mir geht es um die Geschichte der Beziehung selbst.“[65]

Natur beschrieb White als „zugleich ein kulturelles Konstrukt und eine Gesamtheit realer Dinge, die außerhalb von uns existieren und sich nicht vollständig von unseren Konstruktionen erfassen lassen“.[66] Auf diese Einsicht hat die Umweltgeschichte in den 1990er-Jahren vor allem damit reagiert, die Anteile kultureller Konstruktion an dem aufzudecken, was Gesellschaften als „natürlich“ verhandeln. Wegbereitend für diesen Ansatz stehen die Analysen des Historikers William Cronon zur Geschichte der „natürlichen Wildnis“. Seit dem 18. Jahrhundert erhoben aufklärerische und naturromantische Vordenker von Jean-Jacques Rousseau über Ralph Waldo Emerson bis Henry David Thoreau das Wiedererreichen eines verloren gegangenen Zustands wilder Natürlichkeit einerseits zum Ideal. Andererseits galt ihnen dieser Zustand dann, wenn er sich auf Landschaften bezog, durch die Abwesenheit von Menschen bestimmt – mit Ausnahme allenfalls von jenen, die sich etwa als Reisende nur zeitweilig dort aufhielten. Obwohl der Mensch Teil der Natur ist, bleibt in der Natur demnach kein Platz für ihn, weil menschliche Kultur diese ihrer Natürlichkeit berauben würde.[67]

Im Sinne dieser gedachten Trennung haben Gesellschaften die vermeintliche Natürlichkeit der Wildnis, die sie in Nationalparks und anderen Naturreservaten zu bewahren anhoben, erst hergestellt, so Cronon: durch die Vertreibung der dort lebenden Menschen und die Verleugnung ihrer Geschichte, aber auch durch Literatur und Malerei, durch Fotografie und Film, durch Sakralisierung und Emotionalisierung sowie durch naturwissenschaftliche Expertisen. Die Wildnis ist nicht. Sie ist gemacht. Das meint selbstredend nicht, dass Menschen Tiere, Pflanzen und andere Elemente etwa des von Cronon als Beispiel genutzten Yellowstone-Nationalparks erfunden hätten. Erfunden haben sie den mächtigen Mythos einer „wilden“ und „unberührten“ Natur als Fluchtpunkt eskapistischer Sehnsüchte, Phantasien und Illusionen, gespeist aus einem Reservoir aufklärerischer, religiöser, romantischer und primitivistischer Ideen.[68]

Konstruktivistische Ansätze wie der von Cronon haben sich um die Differenzierung und Komplexitätsanreicherung ökologischer Diskurse verdient gemacht und Behauptungen von unberührter Natürlichkeit an vielen Fallbeispielen als Mythen entlarvt. In jüngerer Zeit haben Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte sie allerdings mit Kritik konfrontiert. Denn die Aufklärung über Mythen, die eine „wrong nature“ (Cronon) hervorgebracht haben, legt die Annahme nahe, dass sich hinter den Mythen eine „true nature“ verberge, dass hinter der eingerissenen Fassade eine echte Substanz zum Vorschein kommen könne.[69]

Doch auch die vermeintlich objektiven Erkenntnisse über Natur aus den Naturwissenschaften gilt es, wie etwa die norwegische Historikerin Kristin Asdal betont, aus kritisch-analytischer Distanz in ihren kulturellen Kodierungen, gesellschaftlichen Situiertheiten, ökonomischen Verwertungszusammenhängen und historischen Gewordenheiten zu betrachten.[70] Naturwissenschaftliche Disziplinen können der Geschichtsforschung kein Wissen über Natur vorgeben, das im Sinne einer absoluten Objektivität – die als historisch gewachsenes und kulturell veränderliches Ideal eh stets in spezifischen Kontexten situiert ist[71] – mit der Wirklichkeit übereinstimme. Vielmehr bieten die Naturwissenschaften und ihre Geschichte Möglichkeiten, um Einsichten in die historisch veränderlichen Verfahren und Situiertheiten des Generierens, Legitimierens und Autorisierens jenes Wissens zu gewinnen, das Natur und die ihr zugeordneten Elemente als epistemische Entitäten erzeugt.[72] Die ontologischen Aporien einer Kategorie wie „Wildnis“ liegen nach dieser Lesart nicht darin, dass sie mit Mythen beladen sind und durch naturwissenschaftlich validere Kategorien wie beispielsweise „Primärökosystem“ ersetzt werden könnten. Sie liegen im Denken in Entitäten. Konstruktivistisch orientierte Umweltgeschichten, die innerhalb des Denkens in Entitäten argumentieren, erhalten demnach die Dichotomien, die sie kritisieren, im Kern aufrecht – so beschreiben es Emily O’Gorman und Andrea Gaynor.[73]

Mit ihrer Kritik verweisen O’Gorman und Gaynor, die ihre eigene Forschung dezidiert als „more-than-human history“ bezeichnen, auf einen – womöglich den wichtigsten – Unterschied zwischen der mehr als menschlichen Geschichte und der Umweltgeschichte. Während die Umweltgeschichte „die Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur“ untersucht,[74] wie es Melanie Arndt auf Docupedia-Zeitgeschichte beschrieben hat, fasst die mehr als menschliche Geschichte Mensch und Natur als ein einiges Ganzes auf.

Worin unterscheidet sich die mehr als menschliche Geschichte darüber hinaus noch von der Umweltgeschichte? Da beide Ansätze klassische Fächergrenzen transzendieren, keine klar umrissenen Außengrenzen aufweisen und in gegenstandsbezogenen Forschungen mitunter fließend ineinander übergehen, lässt sich eine solche Unterscheidung nicht trennscharf vornehmen, allzumal sich Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze tendenziell wenig für eine Einsortierung in Schubladen interessieren. Für die Zwecke einer Positionsbestimmung spitze ich hier vier weitere Unterscheidungsmerkmale zu – einige erklären sich aus den oben erläuterten Genealogien, die anderen erläutere ich nachfolgend.

Erstens positioniert die Umweltgeschichte gewöhnlich menschliche Akteure im Zentrum der Analyse, wohingegen die mehr als menschliche Geschichte den Fokus auf Beziehungsgefüge wie Netzwerke, Assemblagen, Artgenossenschaften oder Konfigurationen von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren legt. Zweitens stützen sich umweltgeschichtliche Forschungen tendenziell häufiger auf subjekt- und strukturzentrierte Definitionen von Agency als Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte, die überwiegend mit relationalen und posthumanistischen Bestimmungen von Agency operieren. Drittens speist sich die Umweltgeschichte historisch aus Impulsen und Orientierungen der Umweltbewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre, die sie in die Arena historisch-kritischer Forschung überführt hat, wohingegen die mehr als menschliche Geschichte aus den oben umrissenen Impulsen eines relationalen Nachdenkens über naturkulturelle Verhältnisse hervorgegangen ist. Viertens schließlich stellt die Umweltgeschichte ihre Ergebnisse zumindest meistens in konventionellen Formen eines analytisch-distanzierten Argumentierens dar, wohingegen Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte oft mit unkonventionellen Darstellungsformen experimentieren und dabei Elemente des kulturanthropologisch geprägten Storytelling und des literarischen Nature Writing aufgreifen.

 

4. Themen und Debatten

Wie und an welchen Themen erproben Historikerinnen und Historiker den Ansatz? Einen erkennbaren Schwerpunkt bildet die Geschichte von Landschaften. So hat Emily O’Gorman die Geschichte des australischen Murray-Darling-Beckens untersucht und als ein fortwährendes Mit- und Gegeneinander menschlicher und nichtmenschlicher Akteure beschrieben: Pelikane und Politiker, Flüsse und Fische, Robben und Reisbauern, Parasiten und Pflanzen, die Clans der Ngarrindjeri und viele andere haben in ihren wechselseitigen Beziehungen die Feuchtgebiete als Landschaft konstituiert und verändert. Entwicklungen in den dort lebenden Gesellschaften, in der Landwirtschaft oder etwa im Naturschutz gingen aus Ko-Akteurschaften vieler Spezies hervor und lassen sich nicht verstehen, wenn man an einer Trennung zwischen dem Sozialen und dem Ökologischen festhält.[75]

Zu einem ähnlichen Urteil gelangt José Marcelo Marques Ferreira Filho, der am Fall von Zuckerrohrplantagen im Nordosten Brasiliens den Einflussnahmen von Käfern, Motten, Termiten und anderen Insekten sowie von Mikroorganismen auf Plantagenlandschaften nachgegangen ist. Die Gestalten und Architekturen der Plantagen sowie viele der dort beobachtbaren Praktiken von Menschen seien mal direkt und mal indirekt von Insekten und Mikroorganismen veranlasst gewesen, so Filho, und bei näherer Betrachtung erweise sich die Geschichte des Plantagensystems als eine Beziehungsgeschichte zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen, Pflanzen, Mikroorganismen sowie Insekten und anderen Tieren.[76]

Während bei O’Gorman und Filho Landschaftsveränderungen seit dem 19. Jahrhundert im Zentrum stehen, haben Joy Pachuau und Willem van Schendel ihre 2022 erschienene Geschichte des östlichen Himalaya-Dreiecks, das Gebiete in Bangladesch, Bhutan, China, Indien und Myanmar umfasst, langzeitlich angelegt. Gerade die Beobachtung in langer Dauer (longue durée) lässt greifbar werden, wie sich eine Landschaft im gemeinsamen Werden mit Menschen, Tieren und Pflanzen wandelt und wie sich Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren immer wieder neu konfigurieren. Dies beinhaltet die Beziehungen von Menschen zu Reis, den sie domestizierten und der seinerseits ihre Lebensweisen tiefgreifend umstrukturierte, etwa durch die Veranlassung zu Sesshaftigkeit und körperlicher Schwerstarbeit. Im Fall von Bambus begünstigte der systematische Anbau unter anderem die Lebensbedingungen von Ratten, die sich während der – nur in Abständen von Jahrzehnten auftretenden – Bambusblüte rasant vermehrten, auf die Reisfelder strömten und so unter den Menschen Hungersnöte auslösten. Weitere Kapitel handeln von Bäumen, Tigern, Mikroben und Viren, von Praktiken des Jagens, Sammelns und Verehrens und von nichtmenschlichen Akteuren in den Kosmologien und Geschichtserzählungen der Bevölkerung.[77]

Vordergründig mag das an ältere Überlegungen des französischen Historikers Fernand Braudel erinnern. In seiner berühmt gewordenen Untersuchung über die Welt des Mittelmeers im 16. Jahrhundert, erschienen 1949, hat Braudel unter anderem Gewässer, Gebirge, Böden sowie das Klima und die Jahreszeiten als Elemente einer Tiefenstruktur von Geschichte beschrieben, die den Menschen Handlungen ermöglicht wie auch verunmöglicht habe.[78] Allerdings hat Braudel solche Naturelemente im Sinne einer strukturbezogenen Auffassung von Agency als historische Faktoren betrachtet, die sich nur in langer Dauer veränderten und in den Maßstäben menschlicher Erfahrung mithin weitgehend starre Konstanten darstellten. Demgegenüber bestimmen Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte Agency meist relational und nehmen an, dass sich Anteile an Handlungen situativ auf menschliche und nichtmenschliche Akteure verteilen. So besehen kann eine Agency nichtmenschlicher Akteure auch in Zeiteinheiten wie Jahren, Tagen oder Stunden wirkmächtig sein – letztlich in jeder Situation –, und eine mehr als menschliche Geschichte bedarf nicht notwendig einer longue durée-Perspektive, um das herauszuarbeiten.

Auf die nun schon mehrfach verwiesenen seitens der mehr als menschlichen Geschichte favorisierten Auffassungen von Agency bedürfen einer Erläuterung, zumal sie Gegenstand anhaltender Debatten sind. Diese betreffen die Bestimmung des Handlungsvermögens, der Handlungsfähigkeit, der Handlungsmacht und der Handlungswirksamkeit nichtmenschlicher Akteure und die Frage, ob sich all das mit dem Begriff „Agency“ überhaupt angemessen beschreiben lässt.[79] Die vielen und disparaten Bestimmungsversuche von Agency erschweren es, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Manche Definitionen setzen explizit oder implizit die Annahme von Subjekthaftigkeit voraus, mitunter auch von Intentionalität.[80] Demgegenüber vertritt die Physikerin und feministische Theoretikerin Karen Barad den Standpunkt, dass Agency kein Attribut von Subjekten sei, sondern allein prozesshaft im Vollzug existiere – ein Vollzug, an dem stets unbelebte Materie wie Atome und Moleküle beteiligt sei.[81]

Ein weiterer Vorschlag zur Abkopplung des Begriffs von Subjekthaftigkeit und Intentionalität läuft darauf hinaus, Agency an die jeweils spezifische Körperlichkeit eines Organismus zu knüpfen, mit der sich wiederum distinktive Möglichkeiten des Wahrnehmens, Empfindens und Bewegens verbinden. Diese Konzeption einer Embodied Agency erlaubt es unter anderem, Erscheinungsformen historisch veränderungsrelevanten Handelns von Tieren in Quellen zu erfassen.[82] Allerdings weist die Umweltwissenschaftlerin Stacy Alaimo darauf hin, dass von Menschen emittierte Stoffe wie etwa Pestizide, Schwermetalle oder Mikroplastik über die Aufnahme von Nahrung, Wasser und Luft zu Bestandteilen tierlicher und menschlicher Körper werden, eine Kopplung von Agency an Körperlichkeit also der prinzipiellen Unabgeschlossenheit von Körpern gegenüber ihrem nur vermeintlich Äußeren (bei Alaimo: Trans-corporeality) Rechnung tragen müsse.[83]

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Schwarzweißfoto eines Mannes mit Hund im Geschirr in einer Schneelandschaft
Wer führt? Der US-amerikanische Senator Thomas D. Schall (1878-1935) und sein Blindenhund Lux um 1930.
Quelle: Hennepin County Library / Wikimedia Commons,  public domain

Die Politikwissenschaftlerin und Philosophin Jane Bennett betrachtet Agency als etwas, das sich in Konfigurationen menschlicher und nicht-menschlicher Kräfte situativ unter diesen verteilt. Nach diesem Verständnis ist etwa einer Mülldeponie Agency zuzuerkennen, so eines der von Bennett gewählten Beispiele, setze diese doch Gase, Flüssigkeiten und Partikel frei, die die Lebensbedingungen für viele Spezies veränderten und Menschen zu Handlungen wie Abfalltrennung oder Gasabsaugung veranlassten.[84] Bennetts Beitrag reiht sich in eine ganze Reihe von Definitionen ein, die Agency in der ein oder anderen Weise als etwas bestimmen, das sich auf verschiedene menschliche und nichtmenschliche, belebte und unbelebte Beteiligte an einer Handlung verteilt und das diese Beteiligten – je nach Definition – zu Netzwerken, Konfigurationen, Gefügen, Konstellationen oder Assemblagen verknüpft.

Weil sich die theoretische Diskussion für gegenstandsbezogene Forschungen, die ihre Einsichten aus der kritischen Analyse historischer Quellen gewinnen, nicht immer als produktiv erweist, regen jüngere Beiträge an, den Agency-Begriff aus dem Zentrum der Debatten um nichtmenschliche Akteure zu nehmen und stattdessen quellengeleitet zu beobachten, welche menschlichen und nichtmenschlichen Akteure in spezifischen Beziehungskonstellationen in welcher Weise agiert haben.[85]

Relationale Bestimmungen von Agency unterfüttern auch Forschungen zu einem weiteren Themenschwerpunkt der mehr als menschlichen Geschichte, der Beziehungsgefüge untersucht, die sich historisch um bestimmte Spezies herausgebildet und gewandelt haben. Einen solchen Fall hat die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrer 2015 erschienenen Untersuchung „Der Pilz am Ende der Welt“ herausgearbeitet, eine mehr als menschliche Geschichte par excellence. Tsing analysiert ein Gefüge aus Beziehungen, das sich seit den 1970er-Jahren um den Pilz Matsutake formiert hat. Als Speisepilz ist er vor allem in Japan begehrt, lässt sich aber nicht kultivieren und wird seit dem Rückgang der einheimischen Vorkommen überwiegend importiert. Matsutake wächst nur auf Böden, in denen er eine Symbiose mit den Wurzeln bestimmter Bäume bilden kann. Am besten verbindet er sich mit Kiefergewächsen. Als vergleichsweise anspruchslose Art wurde Matsutake häufig zur Aufforstung in Böden angepflanzt, deren organische Substanz durch Kahlschlag, monokulturelle Landwirtschaft und industrielle Holzentnahme verwüstet worden sind. Entsprechend weisen viele dieser ökologischen „Ruinen des Kapitalismus“, wie Tsing solche Landschaften nennt, eine hohe Dichte von Matsutake auf. Ausgehend von Verbreitungsgebieten in den Vereinigten Staaten, in Finnland und in China folgt Tsing den Pilzen über Sammlerinnen, Zwischenhändler und Transporteure bis in die japanischen Restaurants. So bringt sie eine globale, dabei weitgehend informelle und prekäre Wertschöpfungskette zum Vorschein, die aus der dritten Natur, das heißt aus den durch den Industriekapitalismus vernutzten Landschaften hervorgegangen ist.[86]

Gleich mehrere Arbeiten über speziesbezogene Beziehungskonstellationen hat der Philosoph und Umweltwissenschaftler Thom van Dooren vorgelegt. In einer 2022 erschienenen Untersuchung diskutiert er die historischen Ursachen und gegenwärtigen Folgen von Artenverlust anhand der Geschichte der Schnecken von Hawai’i, von denen viele Arten inzwischen ausgerottet worden sind. Das Netz der Beziehungen, in denen die Tiere im 20. Jahrhundert lebten, beinhaltete neben Bäumen und anderen Pflanzen auch eingeschleppte Raubtiere und landhungrige Siedler, war also stark durch kolonialgeschichtliche Faktoren geprägt.[87] Drei Jahre zuvor hatte van Dooren, der sich in seinen Arbeiten an Formen und Themen der anglophonen Tradition des Nature Writing anlehnt,[88] eine Darstellung über die Beziehungen zwischen Menschen und Krähen unter den Voraussetzungen von Kolonialismus, Urbanisierung, Globalisierung und Klimawandel veröffentlicht. Anders als den Schnecken ist Krähen das Überleben in einer von Menschen tiefgreifend veränderten Welt bislang gut gelungen – und das, obwohl sie vielerorts als Schädlinge betrachtet werden. Auch während des einschneidenden Wandels der Biosphäre haben sich prekäre Möglichkeiten des Koexistierens und gemeinsamen Überlebens von menschlichem und tierlichem Leben erhalten.[89]

Im Schiffsbohrwurm haben Derek Lee Nelson und Adam Sundberg, um eine weitere speziesbezogene Studie herauszugreifen, einen eminent bedeutenden Akteur des Zeitalters der Segelschifffahrt identifiziert, der im Zuge seiner Mobilität mit Schiffen marine Ökosysteme verändert und Menschen zu technologischen Neuerungen wie dem Kupferbeschlag von Schiffsrümpfen veranlasst hat.[90] In den Namen „Schiffsbohrwurm“ ist bereits eingelassen, dass Menschen die so bezeichnete Art über Beziehungen definieren – Bezeichnungen wie „Kartoffelkäfer“, „Hauskatze“, „Topfpflanze“, „Laborratte“ oder etwa „Ernteschädling“ ließen sich ergänzen. In relationaler Perspektive liegt es nahe, für die Bestimmung von Arten nicht ihre Eigenschaften, sondern ihre Beziehungen zu anderen Arten (z. B. Mensch) oder auch zu Technologien (z. B. Schiff) heranzuziehen. In der Beschäftigung damit wirft die mehr als menschliche Geschichte potenziell kontroverse Fragen nach der Bestimmung und Einordnung von Arten nicht allein nach biologischen, sondern auch nach sozialen, kulturellen oder politischen Kriterien auf.[91] In manchen Gesellschaften konnten Kategorisierungen des Lebendigen auch metaphysische Entitäten einbeziehen – etwa, wenn man annahm, dass ein Ahnengeist einen Baum bewohne oder dass die Kraft des Lebendigen über ein Opfertier einer Gottheit zufließe. Können eine Gottheit, ein Ahne oder ein Geist eine Spezies beziehungsweise ein Element davon sein?[92]

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Schwarzweißfoto eines Menschen mit Taucherglocke und Kamera auf dem Grund eines Gewässers
Hat der Mensch die Technik auf den Meeresgrund gebracht oder die Technik den Menschen? Ein Taucher des Observatoire Océanologique de Banyuls-sur-Mer (Frankreich) mit Unterwasserkamera, 1898.
Quelle: Louis Boutan, La photographie sous-marine et les progrès de la photographie, Paris 1900, S. 204, online https://archive.org/details/laphotographieso00bout/page/206/mode/2up, gemeinfrei

Viele weitere spezieszentrierte Untersuchungen ließen sich ergänzen. Seit vielen Jahren untersucht Sandra Swart Beziehungen unter anderem zwischen Menschen, Pferden und Hunden als veränderungsrelevante Faktoren der kolonialen und postkolonialen Geschichte Südafrikas.[93] In ähnlicher Stoßrichtung hat Saheed Aderinto 2022 eine viel beachtete Untersuchung über Tiere als Subjekte der Kolonialgeschichte Nigerias vorgelegt.[94] „We may not fully comprehend the extent of imperial domination until we bring animals into our understanding of colonialism“, so Aderinto.[95]

Um die Breite und Vielfalt der weiteren von der mehr als menschlichen Geschichte bearbeiteten Themen zu veranschaulichen, sei auf drei Aufsatzbände aus den letzten Jahren hingewiesen. Ein 2024 von Diogo de Carvalho Cabral, André Vasques Vital und Margarita Gascón herausgegebener Band begreift den Ansatz als Möglichkeit einer Neuperspektivierung der Geschichte Lateinamerikas und der Karibik.[96] Unter anderem argumentieren darin Bruno Capilé und Lise Fernanda Sedrez am Fall von Rio de Janeiro im 19. Jahrhundert, dass auch Flüsse arbeiteten. Diese Arbeit habe im Zusammenspiel mit der von Menschen sowie dem Agieren von Technologien einen urbanen Stoffwechsel von Material- und Energieströmen hervorgebracht, mit Folgen etwa für die Entwicklung sozialer Milieus, den Wandel sozialräumlicher Strukturen und die Beziehungen zwischen urbanen und ruralen Räumen. Mithin geht auch Stadtentwicklung, so Capilé und Sedrez, aus dem dynamischen Mit- und Gegeneinander menschlicher und nichtmenschlicher Akteure hervor.[97] Luis Alberto Arrioja Díaz Viruell und María Dolores Ramírez Vega demonstrieren, wie sich während der großen Dürrekrise in Guatemala und Neuspanien von 1768 bis 1773 atmosphärische Prozesse, landwirtschaftliche Strukturen, klimatische Anomalien und soziale Verhältnisse ineinander verwoben haben.[98] Auf der Grundlage historischer Tonaufnahmen analysiert schließlich Olivia Arigho-Stiles, um einen letzten Beitrag herauszugreifen, wie der bolivianische Bauernverband in den 1970er- und 1980er-Jahren Elemente indigener Epistemologien in seine Programmatik einführte, um es insbesondere Tieren, Pflanzen und Bergen zu ermöglichen, als Akteure im politischen Raum in Erscheinung zu treten.[99]

Ein im Jahr 2023 von Susan Nance und Jennifer Marks herausgegebener Band geht an Fällen aus der US-amerikanischen Geschichte Verflechtungen zwischen menschlichen und tierlichen Krisen nach.[100] Als Beispiel dafür führt Marks eine Epidemie der Pferdegrippe an, die 1872 die Transportinfrastruktur Chicagos lahmgelegt hat.[101] Jessica Wang diskutiert Initiativen der US-Verwaltung aus dem frühen 20. Jahrhundert, als „Ernteschädlinge“ kategorisierte Insekten auf Hawai‘i durch die Ansiedlung vormals gebietsfremder Arten zu bekämpfen.[102] Und John M. Kinder, dessen zeitgeschichtlicher Beitrag als letzter herausgegriffen sei, geht der Zerstörung des Zoos von Bagdad im Irakkrieg von 2003 nach und analysiert die Bestrebungen des US-Militärs, mit einem medial groß inszenierten Projekt zur „Rettung“ des Zoos einen Beitrag zur moralischen Rechtfertigung der Besatzung des Iraks zu leisten.[103]

Schließlich nimmt ein 2023 von Kaori Nagai herausgegebener Band Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Schiffen in Kontexten der maritimen Geschichte in den Blick. In einem eigenen Beitrag beschreibt Nagai Schiffsratten als „Totemtiere“ und biologische Vollstrecker des britischen Kolonialimperialismus im 19. Jahrhundert, breiteten sich die Tiere doch mit den Schiffen der Royal Navy in fernen Weltregionen aus und bedrohten dort heimische Populationen.[104] Lee Edgar diskutiert Geschichten von Schlittenhunden – oft an Land von Inuit gezüchtet –, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem kanadischen Polizeischiff St. Roch in den Rollen von sowohl Arbeits- als auch Haustieren agierten und zugleich als Maskottchen dienten.[105] Mit der Geschichte von Pferden auf Schiffen befasst sich Donna Landry und stützt sich dafür unter anderem auf Berichte aus den Napoleonischen Kriegen und aus dem Krimkrieg – Konstellationen, in denen auch der Pferden zugeschriebene „Charakter“ von Bedeutung war.[106]

 

5. Stories vs. Histories: Die Debatte um das „More-than-Human Storytelling“

Landry, Nagai, van Dooren und einige weitere der genannten Forscherinnen und Forscher bezeichnen ihre Arbeiten nicht als Histories, sondern als Stories. Tsing hat ihr Buch in viele kurze, ineinander verwobene Geschichten unterteilt und damit die Form eines Sprossachsensystems von Pflanzen aufgegriffen. Dies sind auch Positionierungen innerhalb einer oben bereits angerissenen Debatte darüber, welche Form der Darstellung einer relationalen Denkhaltung angemessen ist. Die Form der Stories ist ab den 1980erJahren im Zuge der „Writing Culture“-Debatte zunächst in ethnographischen und kulturanthropologischen Forschungen etabliert worden, um unterschiedliche Aufzeichnungen wie Feldnotizen, Forschungstagebücher oder Interviews zu montieren und dabei mit kontextualisierenden, interpretativen und reflexiven Passagen anzureichern.[107] Eher als ein analytisch-distanziertes Argumentieren erlauben es Stories, die individuelle Positionalität und Situiertheit der oder des Forschenden als Element des Erkenntnisprozesses zu reflektieren, etwa im Hinblick auf Emotionen, Erfahrungen oder Differenzkategorien wie Alter, Geschlecht und Religion.[108]

Haraway misst solchen Reflexionen eminente Bedeutung zu und plädiert für Stories, die vom Miteinander-Werden verschiedener Spezies handeln (bei Haraway: „Sympoiesis“) und dabei wissenschaftliche Fundierung mit Mut zum spekulativen Fabulieren verknüpfen sowie die Leserinnen und Leser aktivieren, durch eigene Beiträge einen kollektiven Erzählprozess ins Werk zu setzen.[109] Ein so verstandenes „More-than-Human Storytelling“ zielt mithin nicht allein auf die Form der Darstellung ab, sondern auch auf die Methodik des Erarbeitens von Wissen.[110] Damit verbindet sich zumindest bei Haraway auch eine gewisse Fabulierlust, die Wörter und Zeichen zu sperrigen Komposita verkettet, um das Denken in Relationen in sprachliche Formen zu überführen – so etwa im Titel ihrer 1997 erschienenen Monographie „Modest_Witness@Second_Millenium.FemaleMan©_Meets_OncoMouseTM“.[111]

Indes werden in der Geschichtsforschung – und nicht nur dort – schon weit weniger provokante Formen von Stories kontrovers diskutiert. Denn die ihr zugrunde liegende Kritik an der Annahme einer objektiven, neutralen und universellen Beobachtungsposition hat einige Forscherinnen und Forscher zu Darstellungen veranlasst, die sich durch das Einbinden etwa von fiktionalen Passagen, Spekulationen oder Träumen weit von konsentierten Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens entfernen. Diese Kritik haben in den 1980er-Jahren etwa die Arbeiten des Kulturanthropologen Michael Taussig über die Beziehung zwischen kolonialer Gewalt und schamanischer Heilung im kolumbianischen Putumayo auf sich gezogen.[112] In der Geschichtswissenschaft hat sich bereits 1971 eine Kontroverse um Golo Manns viel gelesene Biographie über den böhmischen Feldherrn Albrecht von Wallenstein entzündet, in der der Historiker fiktive „Nachtphantasien“ Wallensteins erfand und sich damit den Vorwurf eintrug, abseits wissenschaftlicher Prinzipien wie Überprüfbarkeit zu operieren.[113]

Was die „Writing Culture“-Debatte für die Ethnologie war, das war für die Geschichtswissenschaft die Kontroverse um die 1973 erschienene Untersuchung „Metahistory“ des Historikers und Literaturwissenschaftlers Hayden White. Die von White formulierte Einsicht, dass Geschichte aus sprachlich-narrativer Modellierung hervorgeht und mithin immer auch Literatur ist, hat einige Historikerinnen und Historiker zu Experimenten mit nichtsequenziellen Darstellungsformen angeregt, die den Widersprüchlichkeiten historischer Vorgänge und der Vielfalt historischer Stimmen angemessener Rechnung tragen sollen als chronologisch aufgebaute und autoritativ argumentierende Darstellungen. In diesem Sinne hat etwa Klaus Theweleit seine aufsehenerregende Untersuchung „Männerphantasien“ (1977/78) über faschistoide Männlichkeiten in der Weimarer Republik als assoziative und nichtchronologische Collage angelegt.[114] Richard Price hat die Geschichte der Saramaka – einer Gemeinschaft von Nachfahren geflohener Sklavinnen und Sklaven afrikanischer Herkunft in Suriname – als dialogische Parallelerzählung in einer zweispaltigen Seitenstruktur dargestellt: Die eine Spalte gibt mündliche Überlieferungen von Geschichtsexperten der Saramaka wieder, die andere reichert dies mit archivgestützten Kontextualisierungen und Kommentierungen an.[115]

Erwartbar haben sich die schärfsten Kontroversen um solche Formen an Darstellungen entzündet, die den Zweiten Weltkrieg und die Shoa berühren. Dazu zählen etwa das 1999 erschienene Buch „Nu dog du“ von Sven Lindqvist über die Geschichte von Luftbombardements. Lindqvist hat das Buch als ein Labyrinth von knapp 400 Textfragmenten montiert, die sich Leserinnen und Leser individuell zusammensetzen und dadurch ganz unterschiedliche Narrative herauslesen können.[116] Die labyrinthische Struktur spiegelt das durch einen Luftangriff verursachte Chaos, hat Lindqvist aber auch die Kritik eingetragen, der Entwicklung einer eigenen Argumentationslinie auszuweichen und die Kontextualisierung der beschriebenen Ereignisse zu vernachlässigen. Schärfer noch fielen die Reaktionen auf Nicholson Bakers 2008 erschienene Textcollage „Human Smoke“ aus (deutsch 2009: „Menschenrauch“), in der er Exzerpte von Zeitungsartikeln, Tagebüchern und weiteren Quellen zu einer Spurensuche nach den Ursprüngen des Zweiten Weltkriegs und der Shoa zusammensetzt.[117] Kritikerinnen und Kritiker monierten, dass Baker das Erfordernis einer methodisch fundierten Quellenkritik ignoriere, notwendige Kontextualisierungen vermissen lasse, sich der Einordnung seines Materials entziehe und letztlich fachliche Analyse durch moralische Haltung ersetze.

Bislang haben die seit den 1970er-Jahren immer wieder ergriffenen Initiativen, das historisch-kritische Argumentieren in der Darstellung von Geschichte durch ein nichtsequenzielles Collagieren von Vielstimmigkeit abzulösen, also weder innerhalb der Fachgemeinschaft noch in der Öffentlichkeit breite Akzeptanz gefunden. Womöglich erfüllt ein solches Storytelling nicht hinreichend die gesellschaftliche Erwartung an die Geschichtswissenschaft, historische Veränderungen zu erklären, anstatt sie bloß zu beschreiben oder von ihnen zu erzählen.[118]

Sollte sich die mehr als menschliche Geschichte auf die Form der Stories festlegen, würde sie also viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Als Argument könnte sie ins Feld führen, dass die Form bislang voneinander separierte Wissenschaftskulturen zusammenzuführen verspricht. Denn Initiativen zu einem gemeinsamen Diskurs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen scheitern häufig an den jeweils präferierten Kommunikations- beziehungsweise Publikationsformaten. Wer es gewohnt ist, geschichtswissenschaftliche Monographien zu lesen, kann der kleinteiligen Datenpräsentation beispielsweise auf einem bioinformatischen Preprint-Server oft nichts abgewinnen – und umgekehrt. Bestenfalls könnten „Stories“ Elemente aus verschiedenen Kulturen der Fach- und Öffentlichkeitskommunikation zusammenbinden und sich damit auch anbieten, die Befunde disziplinübergreifender Forschungsgruppen zu präsentieren.

 

6. Die Debatte um Verantwortlichkeiten und ihre mögliche Verschleierung

Eine weitere Kontroverse betrifft die Frage danach, inwieweit sich aus einer konsequent relationalen Denkhaltung heraus Handlungsverantwortlichkeit erkennen und benennen lässt. Ein Mensch, eine Organisation oder etwa ein Staat kann Verantwortung für Handlungen tragen beziehungsweise seitens der Geschichtsforschung als handlungsverantwortlich identifiziert werden. Doch können Gefüge, Konfigurationen oder Assemblagen von Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren Verantwortung tragen? Vor allem marxistisch orientierte Historikerinnen und Historiker betrachten es als Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die historische Verantwortung von Entitäten wie dem globalen Norden, des Kapitalismus oder von konkreten Gruppen- und Individualakteuren für die planetare Notlage herauszustellen. Ein Akteursverständnis, das Handlungen auf das Zusammenwirken menschlicher und nichtmenschlicher Beteiligter in Beziehungsgefügen zurückführt, arbeitet dem Erkennen und Benennen solcher Verantwortlichkeiten entgegen, so ein unter anderem von dem Historiker Jason Moore vorgebrachter Einwand.[119] Im Kern ist diese Kritik schon in älteren Debatten um die Akteur-Netzwerk-Theorie formuliert worden. Wenn einzelne Akteure (beziehungsweise bei Latour: Aktanten) in fluide gedachten Zusammenhängen aufgehen, werden sie für die Forschung kaum mehr adressierbar.

Der Vorwurf einer Verantwortungsdiffusion läuft auf den noch grundsätzlicheren Einwand hinaus, dass relationale Ansätze dem kritischen Denken an sich entgegenarbeiteten. Sowohl analytische als auch normative Kritik geht gewöhnlich von kategorialen Unterscheidungen aus. Zweifel an den zugrundeliegenden Kategorien können das Üben von Kritik erschweren. Wer den Blick konsequent auf Gemeinschaften, Artgenossenschaften, Konvivialität und dergleichen richte, könne leicht die Aufmerksamkeit dafür verlieren, dass Beziehungen auch Distanznahme, Entfremdung und Trennung beinhalten.[120] Um Phänomene wie die Ausbeutung oder die Zerstörung von Natur analytisch beschreiben und politisch kritisieren zu können, hat der Anglist Greg Ellermann die Forschung jüngst aufgefordert, zu einem romantischen Ideal von Natur zurückzukehren – obwohl sie wisse, dass sich dieses Ideal aus Mythen, Sehnsüchten und Illusionen speise.[121] Auch der Humangeograph Andreas Malm wirft relationalen Ansätzen vor, ihre Emphase, Menschen als Teil der Natur aufzufassen, schränke den Möglichkeitsraum für Kritik an der Herrschaft von Menschen über Natur ein.[122]

In der Auseinandersetzung hallen manche Konflikte aus den Gender Studies nach, wo unter anderem kontrovers diskutiert wird, ob die Kritik an den Kategorien „Mann“ und „Frau“ und deren Vorherrschaft gegenüber nichtbinären Geschlechterentwürfen die Kritik an der Vorherrschaft von Männern gegenüber Frauen obstruiere. Diskursive Verschränkungen zwischen den More-than-Human Studies und Gender Studies überraschen in Anbetracht des starken Einflusses feministischer Theorien auf beide Felder wenig. Einen Reibungspunkt bildet indes die für die Gender Studies konstitutive Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht (Gender), in der sich die seitens der More-than-Human Studies problematisierte Trennung von Natur und Kultur festschreibt.[123]

Gegen die Vorwürfe von Verantwortungsverschleierung und Kritikunfähigkeit lässt sich einwenden, dass Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze wie O’Gorman, Tsing oder van Dooren ihre Denkhaltung aus einer reflektierten Positionierung zur Mitverantwortlichkeit der Forschung für den Erhalt des Lebens ableiten. Haraway betrachtet die Einsicht in die existenzielle Abhängigkeit des Menschen von Beziehungen und dem Miteinander-Werden mit nichtmenschlichen Lebewesen als Bedingung dafür, einen verantwortlichen und sorgsamen Umgang mit den lebensermöglichenden Systemen des Planeten zu kultivieren. So gewendet bleibt Verantwortung auch in relationalen und posthumanistischen Ansätzen als zentrale Kategorie erhalten, erscheint aber gewöhnlich nicht im Modus von Schuldzuweisung.[124]

Mit aktivistischer Emphase argumentiert auch der Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe, dass die „menschengemachten massiven und beschleunigten Veränderungen des Klimas, der Oberflächen, der Ozeane und der Biosphäre des Planeten“ ein Umdenken in allen Bereichen verlangten, auch in der Geschichtsforschung. Weil die Kausalketten des massenhaften Artensterbens die Existenzbedingungen vieler weiterer Tier- und Pflanzenarten und letztlich der Menschheit bedrohten, gelte es, auf Menschen verengte Problemauffassungen aufzugeben und Geschichte konsequent als verflochtene Vergangenheit von menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen neu zu denken. Eine nach dem Prinzip von „radikalem Teilen und universeller Inklusion“ erneuerte Geschichtsforschung könne dazu beitragen, die Geschicke des Planeten in ideeller Gemeinschaft mit nichtmenschlichen Lebewesen verantwortlich zu gestalten.[125]

Wie Mbembe argumentieren viele Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze dezidiert kapitalismuskritisch, folgen dabei aber nur in Teilen marxistischen beziehungsweise neomarxistischen Ansätzen, wie sie Malm oder Moore vertreten. Letztere müssen sich im Übrigen die Frage gefallen lassen, ob ihr Vorwurf nicht auf sie selbst zurückfällt: Schon Marx hat die Handlungsverantwortung für kapitalistische Missstände wie Ausbeutung, Ungleichheit oder wiederkehrende Wirtschaftskrisen ja nicht individuellen Personen oder Gruppen zugeschrieben, sondern ausdrücklich betont, dass deren Handeln systemischen Zwängen unterliege.[126] Auch in marxistischer Perspektive diffundiert Verantwortlichkeit also in abstrakte Zusammenhänge.

Weitere Felder von Reibungen und Kontroversen ließen sich ergänzen. So fordern viele Fragen und Themen der mehr als menschlichen Geschichte dazu heraus, von Menschen hinterlassene Quellen wie Schriften, Bauwerke oder Alltagsgegenstände mit nichtmenschlichen Überresten wie Knochenfunden, Muschelschalen oder etwa in Sedimenten abgelagerten Pollen in Beziehung zu setzen. Eine Hinwendung zu dem so verstandenen natürlichen beziehungsweise biotischen Archiv[127] eröffnet die Chance, ein Stück weit die Unwuchten klassischer Archive auszugleichen, in denen unter anderem staatliche gegenüber nichtstaatlichen, schriftliche gegenüber nichtschriftlichen und männliche gegenüber weiblichen Überlieferungen überwiegen.[128] Allerdings wirft auch das natürliche Archiv wissenschaftspolitische und -ethische Herausforderungen auf, sei es beispielsweise im Hinblick auf die Beschädigung von Korallenriffen zur wissenschaftlichen Informationsgewinnung oder in Fällen, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus westlichen Ländern biologische Informationsquellen aus dem globalen Süden zunutze machen, ohne die dort lebenden Gesellschaften partnerschaftlich einzubeziehen.

Überdies führt die Zusammenschau von Quellen des klassischen und des natürlichen Archivs etwa im Rahmen von Multi-Proxy-Ansätzen Historikerinnen und Historiker an die Grenzen ihrer methodischen Kompetenzen und darüber hinaus – eine Herausforderung, die die mehr als menschliche Geschichte unter anderem mit Forschungen zur Klimageschichte verbindet.[129] Indem die mehr als menschliche Geschichte die althergebrachte Unterscheidung zwischen Geschichte als Gegenstand der Historiographie und Naturgeschichte als Gegenstand von Geologie, Paläontologie, Evolutionsbiologie und anderen Wissenschaften infragestellt, provoziert sie Konflikte um die Konfiguration des disziplinären Gefüges und um akademische Ausbildungswege.

 

7. Die Landschaft der Veröffentlichungsorgane

Welche Veröffentlichungsorgane bieten Raum für Beiträge zur mehr als menschlichen Geschichte und zu den Debatten darüber? Neben zahlreichen Buchreihen und Zeitschriften zur Umweltgeschichte und den Environmental Humanities haben sich inzwischen auch solche etabliert, die sich dezidiert auf das Forschungsfeld der More-than-Human Studies ausrichten. Seit 2005 erscheint im damals niederländischen, 2024 von Walter de Gruyter aus Berlin übernommenen Wissenschaftsverlag Brill die Reihe „Human-Animal Studies“, die auch historische Untersuchungen veröffentlicht. Die University of Washington Press verlegt seit 2006 die Reihe „Culture, Place, and Nature“, die den Schwerpunkt auf anthropologische Untersuchungen legt, aber auch historische Veröffentlichungen beinhaltet.[130] Mit einem Fokus auf Multispezies-Beziehungen erscheint im US-amerikanischen Verlag Berghahn Books seit 2017 die Reihe „Interspecies Encounters“, deren bislang erschienenen Titel die kategorialen Unterscheidungen zwischen Jäger- und Hirtengesellschaften, zwischen wilden und domestizierten Tieren oder etwa zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Verwandtschaften problematisieren.[131] Die Penn State University Press verlegt seit 2017 die Reihe „Animal Studies“, während der Londoner Verlag Routledge seit 2017 die Reihe „Human-Animal Studies“ und seit 2024 außerdem die Reihe „More Than Human Humanities“ aufbaut. Springer Nature verlegt seit 2019 in der Reihe „Cultural Animal Studies“ deutsch-, englisch- und französischsprachige Titel. Zu nennen ist darüber hinaus der in London ansässige Verlag Reaktion Books, der gleich drei für die mehr als menschliche Geschichte relevante Reihen etabliert hat: „Animal“, „Botanical“ und „Earth“.

Im deutschsprachigen Raum hat der Verlag Matthes & Seitz seit 2013 die von der Schriftstellerin Judith Schalansky herausgegebene Reihe „Naturkunden“ etabliert, die in der anglophon geprägten Tradition des Nature Writing steht. Von 2018 bis 2023 hat Matthes & Seitz außerdem die Zeitschrift „Dritte Natur: Technik Kapital Umwelt“ verlegt. Einen Veröffentlichungsschwerpunkt über Mensch-Tier-Beziehungen hat außerdem der Verlag Neofelis aufgebaut, in dem auch die von der Kunsthistorikerin Jessica Ullrich herausgegebene Zeitschrift „Tierstudien“ erscheint. Möglichkeiten für die Veröffentlichung von Beiträgen zur mehr als menschlichen Geschichte bietet schließlich auch die Zeitschrift „NTM - Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin“.

 

8. Ausblick: Geschichte in Zeiten des Aussterbens

Wo also steht die mehr als menschliche Geschichte in der Landschaft historiographischer Zugänge, Forschungsfelder und Debatten? Die Zusammenschau auf die hier dargestellten Dynamiken zeigt: Sie steht nicht, sondern bewegt sich. Und weil das Infragestellen gedachter Grenzen zum programmatischen Kern der mehr als menschlichen Geschichte zählt, wird sich ihr Ort wohl auch zukünftig nicht scharf konturieren lassen. Auf neue Meistererzählungen oder Großsynthesen laufen die vorgestellten Arbeiten nicht zu; eher positioniert sich die mehr als menschliche Geschichte diesen gegenüber als kritisches Korrektiv. Im Verhältnis zur Umweltgeschichte gibt es sowohl Schnittfelder als auch Reibungsflächen, ebenso zur Anthropozänforschung.[132] Letztere sollte, wie gezeigt, nicht als Rahmen oder Überbau der mehr als menschlichen Geschichte missverstanden werden, denn der Ansatz braucht den Anthropozän-Begriff nicht notwendig.

Anschlussmöglichkeiten für die mehr als menschliche Geschichte bietet auch das inter- und transdisziplinäre Forschungsfeld der Environmental Humanities. Dort werden Themen wie Klimaveränderungen, Artensterben oder Nachhaltigkeit, die lange zuvorderst in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen beheimatet waren, in geisteswissenschaftlichen Hinsichten untersucht.[133] Die Einordnung in die Humanities (engl. für Geisteswissenschaften) birgt allerdings Potenzial für Spannungen, zielt die mehr als menschliche Geschichte doch auf deren Neuausrichtung als Posthumanities ab.[134] Im deutschsprachigen Diskurs stellt sich diese Zuordnungsfrage in einer anderen Variante, laden die Perspektiven der mehr als menschliche Geschichte doch dazu ein, den Ansatz als eine mögliche Erweiterung der Lebenswissenschaften zu diskutieren. Das Diktum Ciceros von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens (historia magistra vitae) würde sich gewissermaßen umkehren, das Leben zum Lehrmeister der Geschichte avancieren (vita magistra historiae).

So oder so spricht vieles dafür, dass die Perspektiven und Impulse der mehr als menschlichen Geschichte an Gewicht gewinnen werden. So lenken die sich häufenden Bedrohungen durch Zoonosen wie jüngst COVID-19 oder die Affenpocken die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeiten und Politik auf die enge Verflochtenheit menschlicher und tierlicher Räume. Die Auseinandersetzung mit den biophysikalischen Veränderungen des Erdsystems verlängern sich angesichts der in immer höherer Schlagzahl auftretenden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder Hitzewellen (ich schreibe dies am 27. Juni 2026 in Frankfurt am Main, während mit 41,2 Grad die höchste jemals hier gemessene Temperatur registriert wird) von Fachkreisen in gewöhnliche Haushalte.

Die rasanten Entwicklungen im Feld der künstlichen Intelligenz stellen die Unterscheidbarkeit von Menschen und maschinellen Simulationen infrage, sei es im Hinblick auf Bilder, Texte, Stimmen, Emotionen, Bewusstsein oder Entscheidungen. Überdies machen medizinische Neuerungen im Schnittfeld von Natur und Technik wie Stammzelltherapien, Transplantationen von tierlichen Organen auf Menschen oder gentechnisch veränderte Impfstoffe die Beschäftigung mit der Abgrenzbarkeit des Menschlichen von dem, was nicht Mensch ist, zu einer persönlichen Angelegenheit, die sich Tag für Tag etwa in Patientenverfügungen oder Organspende-Ausweisen manifestiert. In Anbetracht all dessen wundert es nicht, dass aktuell vor allem jüngere Historikerinnen und Historiker die mehr als menschliche Geschichte profilieren. Generell stoßen relationale Ansätze heute auf breitere Akzeptanz als noch in der Generation von Haraway und Latour, die lange aus Außenseiterpositionen argumentiert haben und von vielen als akademische Enfants terribles wahrgenommen worden sind.

Die weiterhin ungebrochene Verschärfung der planetaren Notlage lässt erwarten, dass kommende Generationen das historische Geschehen weit stärker auf seine Folgen für das Erdsystem befragen und bewerten werden als frühere. Bei den gegenwärtigen „Catastrophic Times“ handelt es sich der Philosophin und Historikerin Isabelle Stengers zufolge nicht um eine Krise – denn das wäre ein Ausnahmezustand, der früher oder später wieder in einen (veränderten) Normalzustand überginge. Doch weil viele planetare Belastbarkeitsgrenzen bereits überschritten worden sind, ist eine solche Rückkehr zur Normalität im Sinne stabiler Lebensbedingungen nicht mehr möglich.[135]

Aus dieser Einsicht leitet der Historiker John McNeill die Annahme ab, dass die Frage, wie es dazu kommen konnte, in künftigen Bilanzen des 20. Jahrhunderts „wichtiger als der Zweite Weltkrieg, das kommunistische Experiment, das Aufkommen der Massenalphabetisierung, die Verbreitung der Demokratie oder die zunehmende Emanzipation von Frauen“ sein wird.[136] Noch weiter geht der britische Historiker Gregory Claeys: Im Angesicht der Katastrophe sei jede Forschung, die nicht die planetare Notlage thematisiert, von nun an irrelevant, so sein Verdikt.[137]

Aus den Positionierungen von McNeill und Claeys spricht ein Wissenschaftsverständnis, das Forschung in einer Verantwortung zum Anstoßen von Veränderungen sieht. Man kann, muss aber keinem öko-aktivistischen Verständnis von Geschichtsschreibung anhängen, um den Standpunkt zu teilen, dass die gegenwärtige Transformation des Erdsystems, wie sie sich in vergleichbaren Tragweiten nur in Abständen von Jahrmillionen zugetragen hat, auch Konsequenzen für die Geschichtskultur und die Geschichtswissenschaft haben wird. Die Historiker Marek Tamm and Zoltán Boldizsár Simon betrachten die mehr als menschliche Geschichte als einen Aufschlag für eine Erneuerung der Geschichtsphilosophie nach der Maßgabe, die Geschichtswissenschaft zu einem angemessenen Umgang mit dieser neuen historischen Situation zu ertüchtigen.[138]

Indes sind die gesellschaftlichen Interessen an Geschichte zu vielfältig, als dass historische Untersuchungen künftig allein noch über Themen wie das Aussterben von Arten, den Ausstoß von Treibhausgasen, den Verbrauch von Flächen oder das Erzeugen von Abfällen unternommen werden könnten. Auch wird es wohl weiterhin ein Interesse nach Geschichte in zeitlich und räumlich überschaubaren Beobachtungsmaßstäben geben, also in den Maßstäben menschlicher Erfahrung und nicht allein in geochronologischen Zeitdimensionen. Und gerade solche Geschichten braucht es, um langzeitlich angelegte Großerzählungen über das Anthropozän auch kritisch zu befragen und zu Differenzierungen herauszufordern.

Für die mehr als menschliche Geschichte, die so wenig auf einen thematischen Gegenstandsbereich festgelegt ist wie auf eine Epoche oder Weltregion, könnte sich diese Konstellation als Vorteil erweisen: Der Forschungsansatz ermöglicht es, eine Aufmerksamkeit für die veränderlichen Bedingungen des Lebens und die Beziehungsabhängigkeiten des Menschen auch in klassische Themen beispielsweise der Sozial-, Politik- oder Wirtschaftsgeschichte einzulagern. Die mehr als menschliche Geschichte ist mithin weit mehr als eine bloß thematische Erweiterung der Geschichtsforschung. Letztlich geht es ihr um nicht weniger als darum, so ein Resümee, die bislang in den Humanities positionierte Geschichtswissenschaft als Teil der Posthumanities neu auszurichten, die Vorstellung von einzelnen Menschen als Primärakteuren von Geschichte zu korrigieren und konsentierte Urteile durch das Einbeziehen des Mit- und Gegeneinanders menschlicher und nichtmenschlicher Akteure und Kräfte kritischen Revisionen zu unterziehen. Die ersten Schritte dafür sind getan.

 

Anmerkungen

[1] Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters, in: ders., Kalendergeschichten, Hamburg 1953, S. 74. Für Hinweise und Anmerkungen zu diesem Beitrag danke ich Pavla Šimková, Fidan Tülin und der Redaktion von Docupedia-Zeitgeschichte.

[2] Vgl. zum Posthumanismus die klassische Untersuchung von Katherine Hayles, How We Became Posthuman, Chicago/London 1999, sowie für die Abgrenzung gegenüber dem Transhumanismus insb. Cary Wolfe, What Is Posthumanism?, Minneapolis 2010.

[3] Thom Van Dooren/Eben Kirksey/Ursula Münster, Multispecies Studies: Cultivating Arts of Attentiveness, in: Environmental Humanities 8 (2016), S. 2.

[4] Donna J. Haraway, When Species Meet, Minneapolis 2008, S. 6 (im Original: „Beings do not preexist their relatings.“).

[5] Vgl. von ihren jüngeren Arbeiten insb. Donna J. Haraway, The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness, Chicago 2003; dies., Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt a.M./New York 2018.

[6] Ulrike Freitag/Achim von Oppen, Translokalität als ein Zugang zur Geschichte globaler Verflechtungen, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 10.06.2005, online https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-427594 [10.07.2026].

[7] Morten Reitmayer/Christian Marx, Netzwerkansätze in der Geschichtswissenschaft, in: Christian Stegbauer/Roger Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 869-880.

[8] Angelika Epple, Relationale Geschichtsschreibung: Gegenstand, Erkenntnisinteresse und Methode globaler und weltregionaler Geschichtsschreibung, in: H-Soz-Kult, 02.11.2017, https://www.hsozkult.de/debate/id/fddebate-132350 [10.07.2026].

[9] John Law, Actor Network Theory and Material Semiotics, in: Bryan S. Turner (Hrsg.), The New Blackwell Companion to Social Theory, Oxford ³2008, S. 141-158, hier S. 141 (im Original: „the enactment of materially and discursively heterogeneous relations that produce and reshuffle all kinds of actors including objects, subjects, human beings, machines, animals, ‘nature,’ ideas, organizations, inequalities, scale and sizes, and geographical arrangements“.), online https://voidnetwork.gr/wp-content/uploads/2016/09/The-Blackwell-Companion-to-Social-Movements-Edited-by-David-A.-Snow-Sarah-A.-Soule-and-Hanspeter-Kriesi.pdf  [10.07.2026].

[10] Donna J. Haraway, Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature, New York 1991, S. 150.

[11] Maria Gerolemou, Technical Automation in Classical Antiquity, London 2023; dies./Giulia Maria Chesi (Hrsg.), Body Technologies in the Greco-Roman World. Technosôma, Gender and Sex, Liverpool 2023.

[12] Ulrich Beck, Die Metamorphose der Welt, Berlin 2016.

[13] Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022; ders., Planetary Humanities: Straddling the Decolonial/Postcolonial Divide, in: Daedalus 151 (2022), H. 3, S. 222-233, online https://direct.mit.edu/daed/article/151/3/222/112686/Planetary-Humanities-Straddling-the-Decolonial; ders., Verändert der Klimawandel die Geschichtsschreibung?, in: Transit 41 (2011), S. 143-163, online https://zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2012-1/Chakrabarty_2011.pdf [beide 10.07.2026].

[14] Ariane Tanner, Anthropozän, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 03.05.2022, http://docupedia.de/zg/Tanner_anthropozaen_v1_de_2022 [10.07.2026].

[15] Melanie Arndt, Umweltgeschichte Version: 3.0. Docupedia-Zeitgeschichte, 10.11.2015, https://docupedia.de/zg/Arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015; Mieke Roscher, Human-Animal Studies, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.01.2012, http://docupedia.de/zg/Human-Animal_Studies [beide 10.07.2026].

[16] Arthur Davison Ficke, Sonnets of a Portrait-Painter [1914], New York 1922, S. 40.

[17] Charles M. Cooper, The Old Testament in Theology, in: The Lutheran Church Quarterly 20 (1947), H. 2, S. 164-172, hier S. 171.

[18] Gilian R. Evans, Augustine on Evil, Cambridge u.a. 1982, S. 99; John D. Wild, The Rebirth of the Divine, in: William A. Earle/James M. Edie/John D. Wild (Hrsg.), Christianity and Existentialism, Evanston 1963, S. 149-186, hier S. 179.

[19] Susan Stewart, Garden Agon, in: Representations 62 (1998), S. 111-143, hier S. 111.

[20] David Abram, The Spell of the Sensuous: Perception and Language in a More-than-Human World, New York 1996, in deutscher Übersetzung erschienen als ders., Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt, Klein Jasedow 2012; vgl. auch das Folgebuch: Abram, Becoming Animal: An Earthly Cosmology, New York 2010.

[21] Vgl. auch die Diskussion in Haraway, When Species Meet, S. 3f.; Bruno Latour, To Modernize or Ecologise? That Is the Question, in: Bruce Braun/Noel Castree (Hrsg.), Remaking Reality: Nature at the Millennium, London 1998, S. 221-242, hier S. 235, online https://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/73-7TH-CITY-GB.pdf; David L. Schoenbrun/Jennifer L. Johnson, Introduction: Ethnic Formation with Other-Than-Human Beings, in: History in Africa 45 (2018), S. 307-345, hier S. 316, online https://history.northwestern.edu/documents/people/faculty/schoenbrun/schoenbrun-introduction-ethnic-formation.pdf [beide 10.07.2026]; Dooren/Kirksey/Münster, Multispecies Studies, S. 14.

[22] Haraway, Unruhig bleiben.

[23] Abram, Im Bann der sinnlichen Natur, S. 44.

[24] Ebd. S. 270.

[25] Michael Marder, Plant-Thinking: A Philosophy of Vegetal Life, New York 2013; Gary Steiner, Anthropocentrism and its Discontents: The Moral Status of Animals in the History of Western Philosophy, Pittsburgh 2005.

[26] Emanuela Bianchi/Sara Brill/Brooke Holmes (Hrsg.), Antiquities Beyond Humanism, Oxford 2019; Vinzenz Brinkmann (Hrsg.), Maschinenraum der Götter. Wie unsere Zukunft erfunden wurde, Berlin 2023; Guilia Maria Chesi/Francesca Spiegel (Hrsg.), Classical Literature and Posthumanism, London 2020.

[27] Hermann Aubert/Friedrich Wimmer (Hrsg.), Ἀριστοτέλους ἱστοριαι περί ζώων. Aristoteles Thierkunde. Kritisch-berichtigter Text mit deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung und vollständigem Index, Leipzig 1868.

[28] Anna Novokhatko, Das Anthropozän und posthumane Studien: Menschheit, Geschichte und die Antike neu denken, in: H-Soz-Kult, 30.04.2026, https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/fdl-160965 [10.07.2026].

[29] Adrian Franklin, The Separation?, in: ders. (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, London/New York 2023, S. 1-28, hier S. 3, 7.

[30] Alfred North Whitehead, The Concept of Nature, Cambridge 1920. Vgl. für eine Wiederentdeckung Whiteheads für die More-than-Human Studies: Isabelle Stengers, Penser avec Whitehead: Une libre et sauvage création de concepts, Montrouge 2002.

[31] Keith Thomas, Man and the Natural World, London 1983.

[32] Franklin, The Separation, S. 5-7.

[33] Ebd., S. 7-22.

[34] Schürmann, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens: Rubondo (Tansania), 1880-1980, Göttingen 2026, S. 221-244, online https://www.wallstein-open-library.de/9783835360945-die-verwilderung-einer-insel-in-zeiten-des-aussterbens.html.

[35] Shepard Krech III, The Ecological Indian: Myth and History, New York 1999.

[36] Lewis Henry Morgan, The American Beaver and his Works, Philadelphia 1868, S. 99 (im Original: „engineering skill“), online https://archive.org/details/americanbeaverhi68morg/mode/2up [10.07.2026].

[37] Ebd. S. 253 (im Original: „fixed relations to each other“).

[38] Ebd. S. v (im Original: „adaptation of the surrounding elements to the condition and wants of the multitude of animal organisms“).

[39] Johann Wolfgang von Goethe, Die Metamorphose der Pflanzen, in: Friedrich Schiller (Hrsg.), Musen-Almanach für das Jahr 1799, Tübingen 1799, S. 17-23, hier S. 22.

[40] Franklin, The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies; Andrés Jaque/Marina Otero Verzier/Lucia Pietroiusti (Hrsg.), More-than-Human. A Reader, Rotterdam 2020; Sherryl Vint (Hrsg.), After the Human: Culture, Theory, and Criticism in the 21st Century, Cambridge 2020.

[41] Sarah Whatmore, Hybrid Geographies: Natures, Cultures, Spaces, London/Thousand Oaks 2002; dies., Materialist Returns: Practising Cultural Geography in and for a More-than-human World, in: Cultural Geographies 13 (2006), H. 4, S. 600-609. Für eine kritische Einordnung siehe Castree/Nash, Posthuman Geographies.

[42] Beth Greenhough, More-than-human Geographies, in: Roger Lee u.a. (Hrsg.), The SAGE Handbook of Human Geography, London 2014, S. 94-119; dies., Vitalist Geographies. Life and the More-than-Human, in: Ben Anderson/Paul Harrison (Hrsg.), Taking-Place: Non-Representational Theories and Geography, London 2010, S. 37-54; Jamie Lorimer/Timothy Hodgetts, More-than-Human, London 2024.

[43] Steve Hinchliffe u.a., Urban Wild Things: A Cosmopolitical Experiment, in: Environment and Planning D: Society and Space 23 (2005), H. 5, S. 643-658; Franklin Ginn, Sticky Lives: Slugs, Detachment and More-than-human Ethics in the Garden, in: Transactions of the Institute of British Geographers 39 (2014), S. 532-544; Shaun McKiernan/Lesley Instone, From Pest to Partner: Rethinking the Australian White Ibis in the More-than-human City, in: Cultural Geographies 23 (2015), H. 3, S. 475-494; Krithika Srinivasan, Remaking More-than-human Society: Thought Experiments on Street Dogs as „Nature“, in: Transactions of the Institute of British Geographers 44 (2019), H. 2, S. 376-391.

[44] Eben Kirksey/Stefan Helmreich, The Emergence of Multispecies Ethnography, in: Cultural Anthropology 25 (2010), H. 4, S. 545-576, online https://anthropology.mit.edu/files/anthropology/imce/people/papers/helmreich_multispecies_ethnography.pdf [10.07.2026].

[45] Philippe Descola, Par-delà nature et culture, Paris 2005.

[46] Eduardo Kohn, How Forests Think: Towards an Anthropology Beyond the Human, Berkeley 2013.

[47] Tim Ingold, Anthropology beyond Humanity, in: Suomen Antropologi: Journal of the Finnish Anthropological Society 38 (2013), H. 3, S. 5-23; ders., The Perception of the Environment, Essays on Livelihood, Dwelling and Skill, London 2021, online https://anthropological.cloud/wau/wcaa/archive/downloads/wcaa/dejalu/feb_2015/ingold.pdf [10.07.2026].

[48] Sarah Franklin, Biological Relatives: IVF, Stem Cells, and the Future of Kinship, Durham 2013, online https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/43740/469257.pdf?sequence=1&isAllowed=y [10.07.2026].

[49] Michaela Fenske, Becoming Aware of Insects: Dangers and Endangerments in the Anthropocene, in: Laura Hollsten u.a. (Hrsg.), Human-Bug Encounters in Multispecies Networks, Boston/Leiden 2025, S. 27-46; dies./Martha Norkunas, Experiencing the More-than-Human World in: Narrative Culture 4 (2018), H. 2, S. 105-110; dies., Narrating the Multispecies World. Stories in Times of Crises, Loss, and Hope, Bielefeld 2025, online https://www.transcript-verlag.de/shopMedia/openaccess/pdf/oa9783839470565.pdf [10.07.2026]; Fenske, Der Stich der Biene. Multispecies-Forschung als methodische Herausforderung, in: kuckuck 2 (2017), S. 22-26.

[50] Sven Bergmann, Schleimige Assoziationen im Meer – die Plastisphäre, in: Friederike Gesing u.a. (Hrsg.), NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien, Bielefeld 2019, S. 353-384.

[51] Hans P. Hahn, Vom Eigensinn der Dinge. Für eine neue Perspektive auf die Welt des Materiellen, Berlin 2015. Für dahingehende Beiträge aus der Geschichtsforschung siehe das Themenheft „Der Wert der Dinge“: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 13 (2016), H. 3, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2016.

[52] Insb. Michel Callon/John Law/Arie Rip (Hrsg.), Mapping the Dynamics of Science and Technology: Sociology of Science in the Real World, London 1986; Bruno Latour, Les microbes. Guerre et paix suivi de Irréductions, Paris 1984; ders., Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory, Oxford 2005; ders., Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society, Cambridge 1988; Steve Woolgar/Bruno Latour, Laboratory Life: The Construction of Scientific Facts, Thousand Oaks 1979.

[53] John Law, Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie und Heterogenität, in: Andréa Belliger/David J. Krieger (Hrsg.), ANThology: Ein einfürendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 429-446; ders., Organising Modernity: Social Ordering and Social Theory, Hoboken 1993; Annemarie Mol, The Body Multiple: Ontology in Medical Practice, Durham/London 2002.

[54] Für eine Einordnung der theoretischen Impulse Latours siehe Lars Gertenbach, Entgrenzungen der Soziologie. Bruno Latour und der Konstruktivismus, Weilerswist 2015.

[55] In dieser Zuspitzung vor allem in Bruno Latour, Nous n’avons jamais été modernes. Essai d’anthropologie symétrique, Paris 1991.

[56] Latour, Les microbes.

[57] C. Wright Mills, The Sociological Imagination, New York 1959.

[58] Michel Foucault, Histoire de la sexualité 1: La volonté de savoir, Paris 1976; ders., Il faut défendre la société, Paris 1997; ders., Sécurité, territoire et population, Paris 2004; ders., Naissance de la biopolitique, Paris 2004.

[59] Jane Bennett, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things, Durham 2009.

[60] Olli Pyyhtinen, More-than-Human Sociology: A New Sociological Imagination, London 2016.

[61] Für neuere Beiträge zu der Debatte siehe Katharina Hoppe, Mehr-als-menschliche Soziologie: Neue Materialismen und Posthumanismus, in: Heike Delitz/Julian Müller/Robert Seyfert (Hrsg.), Handbuch Theorien der Soziologie, Berlin 2022, S. 1-22; Justus Pötzsch, Die mehr-als-menschliche Gesellschaft: Auf der Suche nach einem neuen Weltverhältnis im Anthropozän, Bielefeld 2025.

[62] Jedediah S. Purdy, After Nature: A Politics for the Anthropocene, Cambridge 2015.

[63] Maria A. Pallante, From Monkey Selfies to Open Source: The Essential Interplay of Creative Culture, Technology, Copyright Office Practice, and the Law, in: Washington Journal of Law, Technology & Arts 12 (2017), H. 2, S. 123-143; Sebnem Susam-Saraeva, Translation Rights of the More-than-human: Thoughts on Whale Bioacoustics, in: Translation Studies 19 (2026), H.1, S. 115-134, online https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14781700.2026.2628086 [10.07.2026].

[64] Richard White, The Organic Machine, New York 1996, S. ix (im Original: „[W]e cannot understand human history without natural history and we cannot understand natural history without human history“).

[65] Ebd., S. x (im Original: „I mean to do more than write a human history alongside a natural history and call it environmental history. This would be like writing a biography of a wife, placing it alongside the biography of a husband and call it the history of a marriage. I want the history of the relationship itself.“).

[66] Ebd. (im Original: „at once a cultural construct and a set of actual things outside of us and not fully contained by our constructions“).

[67] William Cronon, The Trouble with Wilderness; or, Getting Back to the Wrong Nature, in: ders. (Hrsg.), Uncommon Ground: Rethinking the Human Place in Nature, New York 1995, S. 69-90, hier S. 80f. Vgl. auch die älteren Analysen von Roderick Nash zur Ideengeschichte der „natürlichen Wildnis“ in den Vereinigten Staaten, auf die Cronon mit seinem Beitrag reagiert. Roderick Nash, Wilderness and the American Mind, New Haven 1967.

[68] Cronon, The Trouble with Wilderness.

[69] Emily O’Gorman/Andrea Gaynor, More-Than-Human Histories, in: Environmental History 25 (2020), H. 4, S. 711-735, S. 723, online https://www.journals.uchicago.edu/doi/full/10.1093/envhis/emaa027 [10.07.2026].

[70] Kristin Asdal, The Problematic Nature of Nature: The Post-Constructivist Challenge to Environmental History, in: History & Theory 42 (2003), H. 4, S. 60-74, hier S. 63.

[71] Lorraine Daston/Peter L. Galison, Objectivity, New York 2007.

[72] Zur spannungsvollen Geschichte der Beziehungen zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Ansätzen der Tierforschung im 19. und 20. Jahrhundert siehe Kristian Köchy, Beseelte Tiere. Umwelten und Netzwerke der Tierpsychologie, Berlin 2022.

[73] O’Gorman/Gaynor, More-Than-Human Histories, S. 723.

[74] Arndt, Umweltgeschichte.

[75] Emily O’Gorman, Wetlands in a Dry Land: More-Than-Human Histories of Australia’s Murray-Darling Basin, Seattle 2021.

[76] José Marcelo Marques Ferreira Filho, Human-Insect Relations in Northeast Brazil’s Twentieth-century Sugar Industry, in: Diogo de Carvalho Cabral/André Vasques Vital/Margarita Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean: Decentring the Human in Environmental History, London 2024, S. 177-204, online https://read.uolpress.co.uk/read/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/section/2540a991-3a36-4a80-9c08-b3c048ebc925 [10.07.2026].

[77] Joy L. K. Pachuau/Willem van Schendel, Entangled Lives. Human-Animal-Plant Histories of the Eastern Himalayan Triangle, Cambridge 2022.

[78] Fernand Braudel, La méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II, Paris 1949.

[79] Paul S. Sutter, The World with Us: The State of American Environmental History, in: The Journal of American History 100 (2013), H. 1, S. 94-119.

[80] Walter Johnson, On Agency, in: Journal of Social History 37 (2003) H. 1, S. 113-124, online https://glc.yale.edu/sites/default/files/pdf/on_agency_johnson.pdf [10.07.2026].

[81] Karen Barad, Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012.

[82] Gesine Krüger/Aline Steinbrecher/Clemens Wischermann, Animate History: Zugänge und Konzepte einer Geschichte zwischen Menschen und Tieren, in: dies. (Hrsg.), Tiere und Geschichte: Konturen einer „Animate History“, Stuttgart 2015, S. 8-33, hier S. 31.

[83] Stacy Alaimo, Bodily Natures: Science, Environment, and the Material Self, Bloomington 2010.

[84] Bennett, Vibrant Matter. Vgl. für eine dahingehende Argumentation an historischen Beispielen: Tony Bennett, The „Shuffle of Things“ and the Distribution of Agency, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 141-57.

[85] Whitney Barlow Robles, On Nonhuman Agency, The Journal of Interdisciplinary History 54 (2024) H. 3, S. 305-321.

[86] Anna Lowenhaupt Tsing, Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Berlin 2018.

[87] Thom van Dooren, A World in a Shell: Snail Stories for a Time of Extinctions, Cambridge 2022; ders., Drifting with Snails: Stories from Hawai‘i, in: Kaori Nagai (Hrsg.), Maritime Animals: Ships, Species, Stories, University Park 2023, S. 197-214.

[88] Im deutschsprachigen Raum veröffentlicht vor allem der Berliner Verlag Matthes & Seitz Darstellungen, die sich dem Nature Writing zuordnen lassen. Auch die Bücher des Försters Peter Wohlleben lassen sich in diese Tradition einordnen, vgl. insb. Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume, München 2015.

[89] Thom van Dooren, The Wake of Crows: Living and Dying in Shared Worlds, New York 2019.

[90] Derek Lee Nelson/Adam Sundberg, Shipworms and Maritime Ecology in the Age of Sail, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 38-55.

[91] Multispecies Editing Collective (Hrsg.), The Troubling Species: Care and Belonging in a Relational World, RCC Perspectives: Transformations in Environment and Society 2017, No. 1, München 2017, online https://www.environmentandsociety.org/perspectives/2017/1/troubling-species-care-and-belonging-relational-world; Thom van Dooren/Eben Kirksey/Ursula Münster, Multispecies Studies: Cultivating Arts of Attentiveness, in: Environmental Humanities 8 (2016), S. 1-23, online https://www.environmentandsociety.org/mml/multispecies-studies-cultivating-arts-attentiveness [beide 10.07.2026].

[92] Schürmann, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens, S. 221-244.

[93] Innocent Dande/Sandra Swart, „Today We Will Milk Dogs!“)’ (Nhasi tinokama imbwa) * – A Socio-political History of African-owned Dogs and the Dog Tax in Southern Rhodesia, c.1900-1950, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 50 (2022), H. 4, S. 672-704; Sandra Swart, Horses in the South African War, c. 1899-1902, in: Society & Animals 18 (2010), H. 4, S. 348-366; dies., Riding High – Horses, Humans and History in South Africa, Johannesburg 2010; dies., Writing Animals into African History, in: Critical African Studies 8 (2016), H. 2, S. 95-108; Mia Uys/Sandra Swart, Big Cat Acts and Big Men: Performing Power and Gender in South Africa’s Circus Industry, c. 1888-1916, in: Early Popular Visual Culture 18 (2020), H. 3, S. 283-304.

[94] Saheed Aderinto, Animality and Colonial Subjecthood in Africa: The Human and Nonhuman Creatures of Nigeria, Athens 2022.

[95] Ebd., S. 3.

[96] Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean.

[97] Bruno Capilé/Lise Fernanda Sedrez, Water Labour: Urban Metabolism, Energy and Rivers in Nineteenth-century Rio de Janeiro, Brazil, in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 119-144, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[98] Luis Alberto Arrioja Díaz Viruell/María Dolores Ramírez Vega, Extreme Weather in New Spain and Guatemala: The Great Drought (1768-1773), in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 91-118, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[99] Olivia Arigho-Stiles, „We Are the Air, the Land, the Pampas …“: Campesino Politics and the Other-than-human in Highland Bolivia1970-1990, in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 205-232, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[100] Susan Nance/Jennifer Marks (Hrsg.), Bellwether Histories: Animals, Humans, and US Environments in Crisis, Seattle 2023.

[101] Jeniffer Marks, Chicago’s 1872 Equine Influenza Epizootic and the Evolution of Urban Transit Technology, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 46-72.

[102] Jessica Wang, Animals, Infrastructure, and Empire: Insects and Birds as Biological Control Agents in Early Twentieth-Century Hawai‘i, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 130-156.

[103] John M. Kinder, The US Occupation of the Baghdad Zoo, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 206-232.

[104] Kaori Nagai, Rattus-Homo-Machine: Rats as Seafarers in the Nineteenth Century, in: dies. (Hrsg.), Maritime Animals, S. 1-14.

[105] Lea Edgar, „Beloved Member of Our Team“: The Sled Dogs of the St. Roch, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 134-155.

[106] Donna Landry, Weapons, Commodities, Subjects: Stories of Horses at Sea, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 76-93.

[107] Paul Atkinson, The Ethnographic Imagination: Textual Construction of Reality, London 1990; James Clifford, The Predicament of Culture: Twentieth-Century Ethnography, Literature, and Art, Harvard 1988; James Clifford/George E. Marcus (Hrsg.), Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography, Berkeley 1986, online https://people.ucsc.edu/~jcliff/PUBS/WritingCulture.pdf [10.07.2026].

[108] Vgl. exemplarisch die klassischen Arbeiten des Kulturanthropologen Renato Rosaldo: Culture and Truth: The Remaking of Social Analysis, Boston 1989; ders., Grief and a Headhunter's Rage: On the Cultural Force of Emotions, in: Edward M. Bruner (Hrsg.), Text, Play, and Story: The Construction and Reconstruction of Self and Society, Washington, D.C. 1984, S. 178-195; ders., Ilongot Headhunting, 1883-1974: A Study in Society and History, Stanford 1980.

[109] Haraway, Unruhig bleiben.

[110] Fenske/Norkunas (Hrsg.), Experiencing the More-than-Human World, S. 105.

[111] Donna J. Haraway, Modest_Witness@Second_Millenium.FemaleMan©_Meets_OncoMouseTM: Feminism and Technoscience, New York 1997.

[112] Michael Taussig, Shamanism, Colonialism, and the Wild Man: A Study in Terror and Healing, Chicago 1987.

[113] Golo Mann, Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann, Frankfurt a.M. 1971.

[114] Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1977/1978.

[115] Richard Price, First-Time: The Historical Vision of an Afro-American People, Baltimore 1983.

[116] Sven Lindqvist, Nu dog du: Bombernas århundrade, Stockholm 1999.

[117] Nicholson Baker, Menschenrauch: Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete, Reinbek 2009.

[118] Vgl. etwa Nils Güttler, Rezension zu Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus (2018), in: H-Soz-Kult, 26.03.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27118 [10.07.2026].

[119] Jason W. Moore, The Capitalocene, Part I: on the Nature and Origins of Our Ecological Crisis, in: Journal of Peasant Studies 44 (2017), S. 594-630, hier S. 598f.

[120] Ginn, Sticky Lives.

[121] Greg Ellermann, Thought’s Wilderness: Romanticism and the Apprehension of Nature, Stanford 2022.

[122] Andreas Malm, The Progress of this Storm: Nature and Society in a Warming World, Brooklyn/London 2018.

[123] Alaimo, Bodily Natures.

[124] Vgl. zur Debatte um die ethische Angemessenheit von Biodekonstruktion auch Vicki Kirby/Astrid Schrader/Eszter Timár, How Do We Do Biodeconstruction?, in: Postmodern Culture 28 (2018), H. 3, https://www.pomoculture.org/2020/10/28/how-do-we-do-biodeconstruction/ [10.07.2026].

[125] Achille Mbembe, Decolonizing Knowledge and the Question of the Archive. Vortragsmanuskript, University of the Witwatersrand/Wits Institute for Social and Economic Research, 2015, online https://wiser.wits.ac.za/system/files/Achille%20Mbembe%20-%20Decolonizing%20Knowledge%20and%20the%20Question%20of%20the%20Archive.pdf [10.07.2026] (im Original: „human-induced massive and accelerated changes to the Earth’s climate, land, oceans and biosphere“ und „radical sharing and universal inclusion“).

[126] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band, Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals, Hamburg 1867.

[127] Felix Schürmann, Rubondo und eine Reise dorthin: Der Feldaufenthalt in der Geschichtswissenschaft – und unter afrikanischen Wildtieren, in: Forschungsschwerpunkt „Tier - Mensch - Gesellschaft“ (Hrsg.), Den Fährten folgen: Methoden interdisziplinärer Tierforschung, Bielefeld 2016, S. 133-153.

[128] Novokhatko, Das Anthropozän und posthumane Studien.

[129] Vgl. etwa Rob Marchant, Climate Change in Eastern Africa, in: Thomas Spear u.a. (Hrsg.), Oxford Research Encyclopedia of African History, Oxford 2021.

[130] Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories.

[131] David Arnold, The Tropics and the Traveling Gaze: India, Landscape, and Science, 1800-1856, Washington 2006.

[132] Tanner, Anthropozän.

[133] Emily O’Gorman/Andrea Gaynor, Histories in, of and for More-than-Human Worlds, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 308-321.

[134] Stephen Muecke u.a., Nine Methodological Principles for the Posthumanities, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 361-375.

[135] Isabelle Stengers, In Catastrophic Times: Resisting the Coming Barbarism, Paris 2015, online https://www.openhumanitiespress.org/books/titles/in-catastrophic-times/ [10.07.2026].

[136] Im Original: „In time, I think, this will appear as the most important aspect of twentieth-century history, more so than World War II, the communist enterprise, the rise of mass literacy, the spread of democracy, or the growing emancipation of women.“ John R. McNeill, Something New Under the Sun: An Environmental History of the Twentieth-Century World, New York 2000, S. 4. Für eine historisch langzeitliche Einordnung des Klimawandels siehe Christian Pfister/Heinz Wanner, Klima und Gesellschaft in Europa: Die letzten tausend Jahre, Bern 2021.

[137] Gregory Claeys, Utopianism for a Dying Planet. Life after Consumerism, Princeton 2022, S. 509.

[138] Marek Tamm/Zoltán Boldizsár Simon, More-than-Human History: Philosophy of History at the Time of the Anthropocene, in: Jouni-Matti Kuukkanen (Hrsg.), Philosophy of History. Twenty-First-Century Perspectives, London 2020, S. 198-215.

 

Familie. Leitbilder, Politiken und Praktiken in Deutschland
Updated:
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Page-ID:
100009373
Datum:
2026-04-17
Autor/innen:
Christopher Neumaier
Titel:
Familie. Leitbilder, Politiken und Praktiken in Deutschland
Version:
1
Alle Kategorien:
Sozialstruktur, Kindheit, Geschlecht,regional übergreifend,20. Jahrhundert übergreifend, 21. Jahrhundert
Sprache:
Deutsch
Bild-Src:
Familie Mann am Strand
Bild-Lizenz:

Familie Mann am Strand. Aufnahme vom 9. Februar 1930 in Nidden (heute Nida). Stehend, von links: Monika Mann mit einem Bauernmädchen, Golo Mann, Katia Mann, Michael Mann, Elisabeth Mann, Thomas Mann, Ilse Dernburg. Es fehlen Klaus und Erika. Fotograf: Fritz Krauskopf. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv, TMA_AL30_6262

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1. „Die Familie“ als Untersuchungsgegenstand in Soziologie und Geschichtswissenschaft

Die Familie gibt es selbst innerhalb relativ enger Untersuchungsräume nicht“,[1] betont der Historiker Andreas Gestrich, denn sowohl das zeitgenössische Verständnis von Familie wie auch das Familienleben unterlagen einem konstanten Wandel. In den gegenwärtigen Diskursen konkurrieren unterschiedliche Vorstellungen von „Familie“ miteinander. Die einen verstehen unter einer Familie ein heterosexuelles Ehepaar, das mit gemeinsam gezeugten minderjährigen Kindern in einer Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft lebt (christlich-bürgerliche Kernfamilie). Anderen gilt eine Eltern-Kind-Beziehung als konstitutiv für eine Familie, unabhängig davon, ob die Eltern verheiratet sind. Dritte schließlich meinen mit „Familie“ nurmehr Solidargemeinschaften von (mindestens) zwei Personen, ob mit oder ohne Kind, und unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner.

Diese Deutungen sind historisch gewachsen und waren zwischen dem späten 19. und dem frühen 21. Jahrhundert unterschiedlich wirksam. Die christlich-bürgerliche Kernfamilie dominierte das Familienverständnis vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre. Gegen Ende dieses Jahrzehnts entwickelte sich die Eltern-Kind-Beziehung zum entscheidenden Definitionskriterium einer Familie. Im frühen 21. Jahrhundert wird von einer wachsenden Personengruppe eine Solidargemeinschaft von (mindestens) zwei Personen als Familie verstanden, wenngleich die Mehrzahl der Bürger:innen „Familie“ weiterhin vorrangig über die Eltern-Kind-Beziehung definiert.[2]

Die jeweiligen gesellschaftlich akzeptierten Familienvorstellungen und das alltägliche Familienleben beeinflussen die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen und bringen Leitbilder und Normen hervor.[3] Diese wiederum determinieren, welche „Lebensformen gesellschaftlich diskriminiert oder legitimiert werden und damit aus Sicht des Staates als schutz- und förderungswürdig angesehen werden oder nicht“.[4]

Dabei prägt der jeweilige nationalstaatliche Kontext das Verständnis von „Familie“, weshalb sich Sozialwissenschaftler:innen und Historiker:innen dem Untersuchungsgegenstand in der Regel aus ebendieser Perspektive nähern. Soziolog:innen analysieren die Familie entweder über einen Zeitraum mittlerer Länge von meist zehn bis dreißig Jahren oder konzentrieren ihre Forschung auf einen Themenschwerpunkt zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa die nichteheliche Mutterschaft oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.[5] Seit den 1990er-Jahren hat sich die Familiensoziologie internationalisiert und geht methodisch zunehmend vergleichend vor.[6] So zeigen Sozialwissenschaftler:innen auf, inwiefern sich nationale Entwicklungen ähneln oder unterscheiden und ob sie sich in einem Zeitraum mittlerer Länge konvergent oder divergent zueinander verhalten. Allerdings werden bei diesen Vergleichen in der Regel nur bestimmte Aspekte ausgewählt, wie Heirats-, Geburten- oder Ehescheidungszahlen bzw. der Anteil der nichtehelichen Lebensgemeinschaften an allen Paarhaushalten, die sich auf der Basis aggregierter und standardisierter Daten vergleichen lassen.

Gleichzeitig wird der geografische Fokus wissenschaftlicher Studien auf Regionen beschränkt wie „Westeuropa“, „Mittel- und Osteuropa“ bzw. auf die „postsozialistischen Länder Europas“, „Lateinamerika“, „Afrika“ oder „Asien“, da andernfalls aufgrund des Variantenreichtums an Lebenspraktiken sowie politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein Vergleich methodisch nur schwer umzusetzen ist.[7] Stets muss bei dieser Art der Analyse berücksichtigt werden, dass aggregierte statistische Daten homogene Entwicklungen suggerieren können, obwohl innerhalb eines geografischen Raums – wie Europa oder einem Nationalstaat – deutliche regionale Differenzen vorliegen können. So lag in Deutschland zum Beispiel die Nichtehelichenquote bei den Geburten im Jahr 2019 bei 33 Prozent. Erst ein Blick auf die Quote in den östlichen und westlichen Bundesländern zeigt die deutlichen Unterschiede innerhalb Deutschlands auf: Während die Nichtehelichenquote im Westen bei 29 Prozent lag, erreichte sie demgegenüber im Osten 53 Prozent.[8] Um solche Differenzen aufzeigen zu können, bietet es sich an, die Familie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu untersuchen und verschiedene methodische Ansätze wie auch empirische Daten und Quellen heranzuziehen.

Historiker:innen analysieren die Geschichte der Familie ebenfalls meist aus nationalstaatlicher Perspektive, da dies aus zwei Gründen einen Erkenntnisgewinn verspricht. Erstens lässt sich so die Geschichte der Familie über einen längeren Zeitraum von einem Jahrhundert in ihren Differenzierungen und Schattierungen darstellen. Zweitens prägt der nationalstaatliche Rahmen über die politischen Unterstützungsleistungen das familiale Zusammenleben maßgeblich.[9] Die geografische Fokussierung auf einen Staat hat sich aus letzterem Grund auch bei historischen Studien durchgesetzt, die entweder einen Zeitabschnitt (Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, deutsche Zweistaatlichkeit) oder einen Aspekt von Familie betrachten (wie Ehescheidung, Unehelichkeit).[10] Die Geschichtsschreibung zur Familie hat viel von der Geschlechtergeschichte profitiert, da die Geschichte der Frauen oftmals die Familie als Teilaspekt des weiblichen Lebenszusammenhangs mitverhandelt hat. Auch diese Arbeiten schränken ihren geografischen Fokus meist auf ein Land oder eine bestimmte Region ein.[11] Gerade sie haben dazu beigetragen, dass die historische Forschung mittlerweile „Geschlecht“ als zentrale Ordnungskategorie versteht, die gesellschaftlich hergestellt wird.[12]

Neben den Arbeiten aus nationalstaatlicher Perspektive liegen mittlerweile zahlreiche Studien vor, die spezifische Aspekte von Familie im transnationalen Vergleich untersuchen. Dazu gehören beispielsweise Studien zur Geschichte der Säuglingsernährung in Deutschland und in Schweden während des 20. Jahrhunderts, zur Verbindung von Empfängnisverhütung, Abtreibung und Bevölkerungspolitik in Deutschland und Frankreich oder zur Elternschaft im schwedischen und westdeutschen Sozialstaat.[13]

Allgemein lässt sich festhalten, dass historische Arbeiten den Aushandlungscharakter und die Wandelbarkeit der Institution Familie und der Sozialbeziehungen zwischen Partnern, Kindern und anderen Verwandten betont haben. Großen Einfluss auf die Geschichtswissenschaft hatten stets die Theoriebildung und die Theoreme der (Familien-)Soziologie. So haben Soziolog:innen verschiedene Kriterien entwickelt, um Familien in Geschichte und Gegenwart zu definieren: die Generationsdifferenzierung, das Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen den Familienmitgliedern, und die „biologisch-soziale Doppelnatur“, nach der der Familie einerseits eine (biologische) Reproduktions-, andererseits eine Sozialisationsfunktion zukommt. Zahlreiche Historiker:innen haben mit diesen Kriterien gearbeitet und dabei insbesondere die stratifikatorischen, soziale Ungleichheit in der Regel reproduzierenden Effekte der Sozialisationsfunktion untersucht.[14] Soziolog:innen benennen noch zwei weitere zentrale Merkmale von Familie. So müsse sowohl eine Generationsdifferenzierung wie auch ein Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen den Familienmitgliedern vorliegen.[15]

Überdies attestieren Sozialwissenschaftler:innen der Familie einen „Doppelcharakter“:[16] Zum einen ordnet und strukturiert sie als „Basisinstitution“ das gesellschaftliche Zusammenleben und übernimmt dabei spezifische Funktionen, wie die Zeugung und Erziehung von Kindern.[17] Zum anderen ist Familie aber auch „ein individuell gestaltetes soziales Beziehungsnetz und damit eine wandelbare Konstruktion, die subjektiv mit Sinn versehen wird“.[18] Historische Studien haben diese Überlegungen aufgegriffen und überdies sowohl empirisch die Bedeutung der Institution Familie für politische und rechtliche Entscheidungsprozesse rekonstruiert wie auch die Beziehungsdynamiken von Familien in unterschiedlichen sozialen Schichten untersucht.[19]

Soziologische wie auch historische Studien verstehen die Familie insofern als soziales Beziehungsgefüge und als Institution, in die soziale Bedeutungen oder Funktionen eingeschrieben sind. Familie ist folglich immer ein „ideologisches und rechtliches Konstrukt“, eine „Metapher, derer wir uns bedienen, um unser Denken über gesellschaftliche, soziale, politische und sogar wirtschaftliche Interaktionen zu organisieren“,[20] argumentiert daran anschließend der Historiker Robert G. Moeller. Diese Sichtweise akzentuiert den gesellschaftlichen Rahmen, in den die Institution Familie eingebettet ist. Die interpersonalen Beziehungsgefüge der Familienmitglieder bilden wiederum u.a. Intimität, Emotionalität und Sexualität ab. Zugleich muss im Familienalltag das Verhältnis der Generationen und Geschlechter ausgehandelt werden. Darin zeigen sich einerseits die familialen Machtkonstellationen. Andererseits wird so auch das Verhältnis zwischen Individual- und Gemeinschaftsinteressen verhandelt. Da sich die jeweiligen Vorstellungen von „Familie“ genauso wie der Familienalltag verändern können, müssen die Zuschreibungen an Familie genauso wie die rechtlichen Rahmungen und die Entwicklungen des Familienlebens historisiert werden.[21]

Im Folgenden wird zunächst die Kategorie „Familie“ historisiert und gezeigt, wie sich in Deutschland während des 20. Jahrhunderts das Verständnis von „Familie“ gewandelt hat. In Debatten um die „richtigen“ Familienvorstellungen und das „gute“ Familienleben verhandelten Politiker:innen, Kirchenvertreter, Jurist:innen, Publizist:innen oder Wissenschaftler:innen, wie das gesellschaftliche Zusammenleben organisiert werden sollte.[22] Im späten 19. Jahrhundert verengte sich das Verständnis von Familie vom „Haus“ auf die christlich-bürgerliche Kernfamilie. Die 1960er- und 1970er-Jahre bildeten eine weitere, juristische und diskursive Zäsur, da sich nun die normativ weniger aufgeladene Eltern-Kind-Beziehung als maßgebliche Definition von Familie durchsetzte – wenngleich die sozialen Praktiken von Kontinuitäten geprägt waren. In einem eigenständigen, zeitlich querliegenden Kapitel wird untersucht, wie NS-Rassenideologie und NS-Bevölkerungspolitik Familienpolitik und Familienrecht beeinflussten und welche Folgen das für das Familienleben hatte. Dann wird dargelegt, wie über das gesamte 20. Jahrhundert Politik und Wissenschaft das zeitgenössische Verständnis von Familie maßgeblich prägten und ab den 1970er-Jahren die Wirtschaftswissenschaften Familie als Untersuchungsgegenstand entdeckten. Abschließend wird am Beispiel des Familienrechts aufgezeigt, innerhalb welcher Konstellationen vonseiten der Politik Recht gesetzt wurde und inwiefern mit der Rechtssetzung auf sich verändernde soziale Praktiken reagiert wurde.

 

2. Verengung und Weitung: Vom „Haus“ über die christlich-bürgerliche Kernfamilie zur Lebensform

Das Wort „Familie“ verbreitete sich in Deutschland erst im Laufe des 18. Jahrhunderts, nachdem das französische Lehnwort famille Eingang in die deutsche Sprache gefunden hatte. Zunächst wurde „Familie“ synonym mit dem älteren Begriff „Haus“ verwendet. Das „Haus“ setzte sich aus der Gemeinschaft der Eltern, Kinder und aller zum Haushalt gehörenden Personen zusammen. Es umfasste insofern neben den Großeltern und entfernten Verwandten auch das Gesinde. Die Mitglieder des „Hauses“ bildeten eine Rechts-, Arbeits-, Konsum- und Wirtschaftsgemeinschaft. Im 19. Jahrhundert verengte sich das zeitgenössische Familienverständnis von diesem breit gefassten Ideal immer mehr auf die Kernfamilie. Diese Entwicklung erfasste die Familien von Adeligen, Bauern und Handwerkern sowie Heimarbeitern genauso wie die beiden als „modern“ konnotierten Varianten der Kernfamilie: die bürgerliche Familie und die Arbeiterfamilie.[23] Die Strahlkraft des „bürgerlichen Wertehimmels“[24] sorgte dafür, dass das Modell der bürgerlichen Familie die Familienvorstellungen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen gesellschaftlichen Schichten prägte.[25]

Szene einer grausamen Kindheit jenseits der christlich-bürgerlichen Kernfamilie: Prinz Wilhelm II. mit seinem Vater, Balmoral Castle, Oktober 1863. Fotograf: George Washington Wilson, Quelle: Wikimedia Commons.
Szene einer grausamen Kindheit jenseits der christlich-bürgerlichen Kernfamilie: Prinz Wilhelm II. mit seinem Vater, Balmoral Castle, Oktober 1863. Fotograf: George Washington Wilson, Quelle: Wikimedia Commons public domain

Der semantische Wandel lässt sich als Verengung beschreiben: vom „Haus“, also der Gemeinschaft aller zu einem Haushalt gehörenden Personen, zur christlich-bürgerlichen Kernfamilie, die sich aus einem in einer Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft lebenden heterosexuellen Ehepaar und gemeinsam gezeugten minderjährigen Kindern zusammensetzte.[26] Die christlichen Glaubensgrundsätze dieses Familienmodells zeigten sich, erstens, darin, dass dem Ehemann und Vater als Familienvorstand eine Vormachtstellung gegenüber Ehefrau und Kindern eingeräumt wurde. Neben der ausgeprägten hierarchischen Struktur dieses Familienmodells war, zweitens, die Ehe zwischen beiden Eltern konstitutiv für die Familie. Drittens galt die Erziehung der Kinder als genuine Pflicht der Eltern.[27]

„Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“: Schillers „Lied von der Glocke“ vermittelte dem Bürgertum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Trennung der Geschlechtersphären. Bildpostkarte von Hans Kaufmann, undatiert (um 1900). Quelle: Wikimedia Commons public domain

Da die bürgerlichen und proletarischen Kernfamilien als neue soziale Erscheinungen galten, hat sich die historische Familienforschung bis in die 1990er-Jahre auf die Geschichte eben dieser Familien konzentriert.[28] In den Studien wurde danach gefragt, wie sich die semantische Kontraktion vom „Haus“ zur Kernfamilie vollzog und wie der Familienalltag, die Wohnsituation und die Kindererziehung sowie die Geschlechterrollenverteilung ausgestaltet waren. Zudem wurden zeitgenössische Vorstellungen von „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ untersucht und wie sich vor diesem Hintergrund die weibliche Berufsarbeit entwickeln konnte.[29]

Die historiografische Priorisierung der Kernfamilie wurde durch spezifische Forschungskonjunkturen in der Geschichtswissenschaft befördert. Erstens haben viele Studien untersucht, wie im 19. Jahrhundert das „Bürgertum“ als soziale Formation entstand. Ihre zentralen Forschungsfragen adressierten, welche sozialen Gruppen als „bürgerlich“ klassifiziert wurden und inwiefern diese unterschiedlichen Gruppierungen als eine zusammengehörige Sozialformation anzusehen sei. Neben den Idealen Leistung, Arbeit, Selbstständigkeit und Bildung galt das bürgerliche Familienmodell als einendes Kriterium.[30] Historische Studien analysierten letzteres eingehend und fragten danach, wie sich die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für bürgerliche Familien im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten und wie das wiederum mit dem Familienalltag korrespondierte. Dabei wird nach wie vor auch diskutiert, wie bürgerliche Ideale in die Weimarer Republik ausstrahlten. Zweitens entwickelte sich die Arbeiterschaft zu einem zentralen Gegenstand der historischen Forschung. Dabei wurde nicht nur der Arbeitsalltag im Industriebetrieb, sondern auch der Lebensalltag von Arbeiterfamilien untersucht, da beides als konstitutiv für die soziale Gruppe der Arbeiterschaft gilt.

Drittens untersuchten Frauen- und geschlechtergeschichtliche Forschungsarbeiten soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und fragten danach, wie sich die rechtliche und soziale Emanzipation vollzog und inwiefern die innerfamilialen asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern fortbestanden. Da in die christlich-bürgerlichen Kernfamilien Machtverhältnisse eingeschrieben waren und im 20. Jahrhundert zahlreiche Reformvorhaben diese Ungleichheiten adressierten, entwickelte sich die Familie zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand der Geschlechtergeschichte. In der Forschung wurden die rechtlichen Emanzipationsbestrebungen mit den sozialen Praktiken in den Beziehungen kontrastiert, da in der innerfamilialen Rollenverteilung die Ungleichheit der Geschlechter fortbestand.[31] In diesem Zusammenhang wurde sich in der historischen Forschung auch mit lediger Mutterschaft auseinandergesetzt, die in der Arbeiterschaft viel weiter verbreitet war als im Bürgertum.[32]

Wenngleich sich bürgerliche und proletarische Familien dahingehend glichen, dass Wohn- und Arbeitsort räumlich voneinander getrennt waren, unterschieden sie sich hinsichtlich ihrer sozialen und materiellen Lebenslagen signifikant. So waren Bürger meist Unternehmer oder Beamte, wohingegen Arbeiter in der Regel in Industriebetrieben in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis standen und einen wesentlich niedrigeren Verdienst erzielten. Um ein zusätzliches Einkommen zu erhalten, vermieteten Arbeiterfamilien den knappen Wohnraum ihrer überfüllten Wohnungen an „Schlafgänger“. Damit gehörte, anders als im Bürgertum, räumliche Enge zum Lebensalltag von Arbeiterfamilien.[33] Infolgedessen wird in der Forschung argumentiert, dass sich die „Privatisierung und Emotionalisierung der Familie“[34] im Kaiserreich lediglich im Bürgertum vollzog und in der Arbeiterschaft aufgrund der „Aftermieter“ eine „halb-offene Familienstruktur“[35] fortbestand.

Um die Jahrhundertwende wurden die Lebens- und Wohnbedingungen proletarischer Familien zunehmend in der Öffentlichkeit skandalisiert. Käthe Kollwitz, Not, Blatt 1 aus dem Zyklus „Ein Weberaufstand“, 1893-97, Kreide- und Federlithographie. Quelle: Wikimedia Commons.
Um die Jahrhundertwende wurden die Lebens- und Wohnbedingungen proletarischer Familien zunehmend in der Öffentlichkeit skandalisiert. Käthe Kollwitz, Not, Blatt 1 aus dem Zyklus „Ein Weberaufstand“, 1893-97, Kreide- und Federlithographie. Quelle: Wikimedia Commons gemeinfrei

An der Wende zum 20. Jahrhundert hatten sich Arbeiterfamilien in Deutschland zur größten sozialen Gruppe entwickelt (auch wenn sich ihre Zahl nicht genau bestimmen lässt). Doch auch für die Arbeiterschaft fungierte die bürgerliche Familie als Projektionsfläche für das „ideale“ Familienleben. Gerade finanziell besser gestellte (Vor-)Arbeiter versuchten, den Lebensstil des Bürgertums zu imitieren.[36] Insofern internalisierten und praktizierten auch Arbeiterfamilien – sofern die materiellen Voraussetzungen gegeben waren – bürgerliche Ideale. In der Geschichtswissenschaft und historischen Soziologie wird diese soziale Gruppe als „respektable Arbeiterfamilie“ bezeichnet.[37] Doch erst für die Zeit nach 1914 kann man aufgrund steigender Reallöhne, verkürzter Arbeitszeiten und einer verbesserten Wohnsituation auch von einer „Privatisierung der Arbeiterfamilie“ sprechen.[38]

Bürgerliche Familienideale setzten sich praktisch nicht in jeder Hinsicht durch. Die strikte Rollentrennung zwischen berufstätigen Männern und im Haushalt beschäftigten Frauen, und die damit verknüpfte „Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘“ (Karin Hausen),[39] ließ sich in der Arbeiterschaft nicht ohne Weiteres realisieren. In sozialgeschichtlichen Arbeiten ist gezeigt worden, dass hier der Verdienst des männlichen „Ernährers“ schlichtweg nicht ausreichte, um die Familie allein zu versorgen, weshalb Ehefrauen und ältere Kinder dazuverdienen mussten.[40] Zudem wurde in diesen Arbeiten untersucht, wie innerhalb der Familie die Rollenverteilung geregelt war. Die Soziologin Heidi Rosenbaum zeigte in historischen Studien zur Arbeiterfamilie der 1920er-Jahre, dass sich nicht nur in bürgerlichen, sondern auch in proletarischen Familien die Väter an der Erziehung (älterer) Kinder beteiligten. Bei den Hausarbeiten brachten sich die Ehemänner und Väter demgegenüber primär bei Reparatur- und Renovierungsarbeiten ein, holten die Kohlen aus dem Keller oder übernahmen Gartenarbeiten. Die zeit- und arbeitsintensiven Hausarbeiten, wie Wäsche waschen, kochen und putzen, übernahmen sie dabei genauso wenig wie die Pflege von Säuglingen und erkrankten Kindern.[41]

Während für die Zeit des Nationalsozialismus insbesondere die politischen Interventionen analysiert wurden (s. Kap. 3), untersuchten historische und soziologische Studien zur Familie nach 1945 entweder deren strukturelle Zusammensetzung (Morphologie) oder die Geschlechterrollen. Zunächst fällt auf, dass für die Zeit bis in die 1970er-Jahre die Kernfamilie ein primärer Untersuchungsgegenstand sowohl innerhalb der Sozialwissenschaften wie auch der Geschichtswissenschaft blieb,[42] wenngleich die Geschichte lediger Mütter und ihrer Kinder oder für die 1950er-und 1960er-Jahre die „Onkelehen“[43] durchaus in einzelnen Studien untersucht wurden.[44] In soziologischen und historischen Studien wird für die Zeit nach 1945 insbesondere danach gefragt, wie sich das Familienleitbild, das Familienrecht und die Familienpolitik entwickelten. Darüber hinaus analysieren die Arbeiten, wie Geschlechterrollen und die Vorstellungen zu Mütterlichkeit sowie Väterlichkeit gesellschaftlich verhandelt wurden.[45]

Die Arbeiten zeigen auf, dass sich ab den späten 1960er-Jahren das Familienleitbild sowie die politischen und juristischen Rahmenbedingungen signifikant wandelten. Das Familienleitbild und damit einhergehend das gesellschaftliche Verständnis von Familie veränderten sich, als die Engführung auf die bürgerliche Kernfamilie seit den späten 1960er-Jahren allmählich verschwand. Zu fragen wäre, inwiefern sich diese Entwicklung einpasste in die oftmals konstatierte Liberalisierung in Westdeutschland,[46] als sich in Politik und Sozialwissenschaften das Familienverständnis weitete und infolgedessen die Eltern-Kind-Beziehung zum entscheidenden Definitionskriterium von Familie wurde. Zunächst galten ledige Mütter und ihre Kinder sowie geschiedene Paare mit Kindern, ab den späten 1980er- bzw. den 1990er-Jahren aber auch unverheiratete Paare mit Kindern sowie ab dem frühen 21. Jahrhundert auch gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern als „Familie“. Bis in die 1990er-Jahre blieben „Regenbogenfamilien“[47] – so der Duden von 2009 – aus gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten um die Familie ausgeklammert. Ob auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürften, wurde aber bereits seit den späten 1970er-Jahren diskutiert. Die gesetzlichen Bestimmungen änderten sich 2001 mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz, und 2017 folgte die gleichgeschlechtliche Ehe.[48]

Zudem entwickelte sich Migration ab den späten 1970er-Jahren zu einem Forschungsthema von Familiensoziolog:innen. Im „Dritten Familienbericht“ von 1979 wurde ein „Exkurs“-Kapitel aufgenommen, das sich mit der Bedeutung „ausländische[r] Familien in der Bundesrepublik“ auseinandersetzte. In den folgenden Jahrzehnten gewannen migrantische Familien als Forschungsthema weiter an Relevanz, schon allein deswegen, weil ihre Zahl immer weiter zunahm. So stieg der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund von weniger als sieben Prozent der Gesamtbevölkerung Mitte der 1970er-Jahre auf knapp über 30 Prozent im Jahr 2024 an. Auch der Anteil der Familien mit Migrationshintergrund nahm infolgedessen zu. Im Jahr 2021 hatte in 40 Prozent der Familien mindestens ein Elternteil einen Migrationshintergrund.[49]

Historische Studien untersuchen mittlerweile ebenfalls, wie Migration das Familienleben in Deutschland beeinflusste. Erstens befassen sich die Arbeiten mit binationalen Eheschließungen, die es bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gab und deren Zahl gegen Ende des 20. Jahrhunderts deutlich anstieg. Zweitens fragen sie, wie sich Zusammensetzung und Alltag von migrantischen Familien von Familien ohne Migrationshintergrund unterscheiden.[50]

Seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat sich das öffentliche Sprechen über Familie merklich verändert: Die bis über die Jahrhundertmitte verbreiteten normativen sprachlichen Auf- und Abwertungen, wie „Normalfamilie“ bzw. „vollständige Familie“ (Kernfamilie) oder „Halbfamilie“ bzw. „unvollständige Familie“ (ledige Mütter mit Kindern), verschwanden ab den 1970er-Jahren sukzessive aus der Politik und aus den Sozialwissenschaften, wenngleich es bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dauerte, bis alleinerziehende Mütter und ihre Kinder mehrheitlich als „Ein-Eltern-Familien“ bezeichnet wurden. Zudem stellten sich Soziolog:innen in den frühen 1980er-Jahren die Frage, wie den veränderten Einstellungen zu Paarbeziehungen und Familien sprachlich Rechnung getragen werden könne. Im Jahr 1982 beschrieben Alois Herlth und Franz-Xaver Kaufmann die wahrgenommene Veränderung als eine „Pluralisierung der normativ-institutionellen Basis familialer Lebensformen“.[51] Auf dem Soziologentag 1984 schloss sich Kurt Lüscher dieser Position mit seinem Vortrag „Moderne familiale Lebensformen als Herausforderung der Soziologie“ an.[52]

Aufbauend auf diesen neuen Begrifflichkeiten ließen sich sowohl unterschiedliche Familienformen wie auch die Lebenskonstellationen ohne Kinder sprachlich einhegen. Für das ausgehende 20. Jahrhundert konstatieren Familiensoziolog:innen eine „Polarisierung der Lebensformen in einen Familien- und Nicht-Familiensektor“.[53] Zudem zeigen sie die Grenzen der gesellschaftlichen Veränderungen auf: Insbesondere in der Alterskohorte der 18- bis 35-Jährigen pluralisierten sich die Wahlmöglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung. In den Lebensphasen davor und danach lebten demgegenüber die meisten Deutschen weiterhin zumindest temporär in der „traditionellen“ Kernfamilie. Aufgrund dieses Befunds werden sowohl in der soziologischen wie auch historischen Forschung die Veränderungen seit den 1970er-Jahren als eine „Pluralisierung in Grenzen“[54] bzw. als eine „sanfte Pluralisierung“ bewertet,[55] die sich in Ost- und Westdeutschland für die Zeit ab den 1970er-Jahren gleichermaßen feststellen lässt.[56]

 

3. Familie als „Keimzelle“: Rassenideologie und Bevölkerungspolitik im Nationalsozialismus

In der nationalsozialistischen Doktrin galt die Familie als „Keimzelle der Volksgemeinschaft“,[57] weshalb ihr eine zentrale Bedeutung für die Machtsicherung zukam. Über die Familie sollten die rassenideologischen und bevölkerungspolitischen genauso wie die kriegspolitischen Ziele des NS-Regimes verwirklicht werden. Hier zeigt sich, wie durch politische und juristische Richtungsentscheidungen spezifische Familienformen legitimiert, andere delegitimiert und diskriminiert wurden – was zur Deportation und Ermordung der Menschen führen konnte. Die nationalsozialistische Familienpolitik intervenierte in die Familie und hob die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum somit auf. Dies betraf nicht nur politisch oder „rassisch“ verfolgte Personen, sondern mitunter auch die „arische Mehrheitsgesellschaft“, wenn Vertreter des NS-Regimes ins Privatleben eingriffen, um ideologische oder auch persönliche Ziele zu erreichen.[58]

Um Zugriff auf die Familie und ihre Mitglieder zu erhalten, etablierte das NS-Regime ein System der Kontrolle und Überwachung, wodurch das Familienleben genauso wie Sexualität und Fortpflanzung staatlich reguliert wurden. Aufgrund dieser Intervention in den Privatraum der Familie wird in der Forschung vom „kontrollierte[n] Paar“ gesprochen.[59] Die nachwachsende Generation wollte das NS-Regime ebenfalls kontrollieren und lagerte daher die Kindererziehung in Massenorganisationen wie die Hitlerjugend (HJ) oder den Bund Deutscher Mädel (BDM) aus.[60] Historiker:innen haben allerdings herausgearbeitet, dass sich Paare und Eltern dem politischen Zugriff in gewissen Grenzen entziehen konnten, wenngleich dies vornehmlich für als „arisch“ und „erbgesund“ eingestufte Bevölkerungsgruppen galt. Alle anderen Gruppen spürten demgegenüber die NS-Gewaltpolitik deutlich.[61]

Familienpolitik war im Nationalsozialismus somit Teil einer „systemstabilisierende[n] Herrschaftstechnik“.[62] Dies zeigte sich insbesondere in der bevölkerungspolitischen und v.a. rassenideologischen Ausrichtung des Familienrechts und der Familienpolitik. Diese war pronatalistisch ausgerichtet, sofern die Familien der NS-Rassenideologie entsprachen, und zielte in erster Stelle auf einen Anstieg der Geburtenrate in „arischen“ Familien.[63] In historischen Studien wird argumentiert, dass im Nationalsozialismus die Geburtenzahlen zwar anstiegen, die NS-Bevölkerungspolitik jedoch keinen entscheidenden Einfluss auf die Geburtenrate hatte. Zudem stand der pronatalistischen Perspektive stets eine antinatalistische Politik gegenüber, die auf Sterilisation und Ermordung setzte, sofern die Familie nicht den rassenideologischen Vorgaben entsprach.[64]

Als Charakteristika der NS-Familienpolitik benennt die Historikerin Birthe Kundrus „Destruktion, Indoktrination und Funktionalisierung“.[65] Erstens ging es darum, als „wertlos“ definierte Familien auszugrenzen und zu vernichten. Mehrere Gesetze beschnitten bereits zwischen 1933 und 1935 die Rechte der als „wertlos“ definierten Bevölkerungsgruppen. So schrieb das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ („Sterilisationsgesetz“) vom 14. Juli 1933 die Zwangssterilisation bei Krankheiten wie „Schwachsinn“ vor. Den zweiten markanten Einschnitt brachten 1935 die Nürnberger Gesetze, wie das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutze deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ („Blutschutzgesetz“) vom 15. September 1935, womit die Eheschließung und der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen „Volljuden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ verboten wurden. Das „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des Deutschen Volkes“ („Ehegesundheitsgesetz“) vom 18. Oktober 1935 intervenierte in das Binnenverhältnis von Paarbeziehungen, da es „ansteckende Krankheiten“ und „asoziales“ Verhalten als Ehehindernisse einführte. Zudem mussten Verlobte ein vom Gesundheitsamt ausgestelltes „Ehetauglichkeitszeugnis“ vorlegen, damit sie heiraten konnten. In der Forschung wird argumentiert, dass diese Vorgabe in der Praxis vielfach nicht konsequent umgesetzt wurde, da schlicht die personellen Ressourcen fehlten. Allerdings konnten die Gutachter in „Zweifelsfällen“ das Zeugnis verwehren, was wiederum repressive Maßnahmen gegen die Betroffenen wahrscheinlich machte.[66]

Die Interventionen und Gesetzesänderungen stehen symptomatisch für eine „Destruktion“ tradierter Familienvorstellungen, da sich Ehe und Familie im Nationalsozialismus den imaginierten Vorstellungen einer rassenideologischen „Volksgemeinschaft“ unterordnen mussten. Überdies galt die Familie als „funktionale Einheit“,[67] die dazu beitragen sollte, die rassenideologischen und bevölkerungspolitischen Vorgaben des NS-Regimes zu erfüllen.[68] Folglich zielten die Gesetzesänderungen und Interventionen darauf, dass die Familien die NS-Ideale „Unterordnung, Anpassung, Gemeinschaftssinn, Verzicht und Opferbereitschaft“ übernehmen sollten.[69] Zudem hoben die NS-Gesetze den Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit auf, wonach alle Staatsbürger:innen gleich vor dem Gesetz waren. Stattdessen unterschieden sie zwischen „erbgesunden“ und „arischen“ sowie „wertlosen“ Bevölkerungsgruppen, womit insbesondere die Familien der letzteren eine deutliche Diskriminierung erfuhren, gegen die sie sich kaum zur Wehr setzen konnten und die schließlich zur Deportation und Ermordung von Millionen von Menschen führte.[70]

Die funktionelle Ausrichtung der Rassenideologie und Bevölkerungspolitik zeigte sich auch dahingehend, dass, sofern sexuelle Beziehungen der Zeugung „erbgesunder“ Kinder dienten, die Sexualmoral keinesfalls repressiv war, zumal außereheliche und voreheliche Sexualität toleriert wurde, wie Dagmar Herzog argumentiert.[71] Heinrich Himmler beispielsweise vertrat 1939 die Ansicht, dass Angehörige der SS und der Polizei möglichst viele Nachkommen zeugen sollten – notfalls auch außerhalb der Ehe. Diese Position schloss an den SS-Verlobungs- und Heiratsbefehl vom 31. Dezember 1931 an.[72] Gemeinsam ist den Gesetzesänderungen und politischen Vorgaben der 1930er-Jahre, dass sie den rechtlichen Rahmen der NS-Rassenideologie absteckten und die Rechte von Personen beschnitten, die als „minderwertig“ oder „wertlos“ angesehen wurden. Gleichzeitig weiteten sie den sexualmoralischen Spielraum aus, wenn Personen als „wertvoll“ klassifiziert wurden und dies auch aus bevölkerungspolitischen Gründen opportun schien. Diese Regelungen begünstigten meist Männer.

Die Forschung attestiert dem NS-Regime daher eine Doppelstrategie, die zwischen Männern und Frauen unterschied. Ehemänner und Väter wurden von der NS-Propaganda nicht nur als Beschützer und Ernährer der Familie sowie als heroische Verteidiger des „Dritten Reichs“ inszeniert, sondern auch rechtlich privilegiert. Das „Großdeutsche Ehegesetz“ von 1938 spiegelte die rechtliche Bevorzugung der Ehemänner und war diesbezüglich ein „gesetzgeberischer Paukenschlag“:[73] Fortan konnte eine zerrüttete Ehe geschieden werden, sofern dies bevölkerungspolitisch gewünscht war (§ 55).[74] Wenngleich der Gesetzestext geschlechtsneutral formuliert war, begünstigte diese Regelung faktisch die Ehemänner, die sich wesentlich häufiger als Frauen auf diesen Paragraphen beriefen und nun – auch gegen den Widerstand der Ehefrau – auf Scheidung klagen konnten, um mit einer neuen Frau „völkisch wertvolle“ Kinder zu zeugen.[75] Zudem zeigt sich in diesem „Schlüsselparagraph“[76] die „‚Verstaatlichung‘ der Ehe“,[77] da nun auch im Familienrecht die NS-Rassenideologie und NS-Bevölkerungspolitik Eingang fanden.

Die Politik des NS-Regimes gegenüber Ehefrauen, Hausfrauen und Müttern war hingegen von opportunistischen Richtungswechseln geprägt. Nach 1933 wurden Frauen zunächst auf ihre Aufgaben als Hausfrauen und Mütter reduziert: Sie sollten aus dem Berufsleben ausscheiden, Kinder gebären und sich als verheiratete Mütter um die Familie kümmern. Die Ausgestaltung des „Ehestandsdarlehens“ etwa, das im Zuge des „Gesetzes zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“ vom Juni 1933 eingeführt wurde, förderte zunächst die Zurückdrängung der Frauen in die Häuslichkeit. Denn eine Voraussetzung für das Darlehen war bis 1936/37, dass die Ehefrau mit der Heirat ihre Berufstätigkeit aufgab.[78] Das Gesetz sollte die Arbeitslosenquote im Deutschen Reich senken, festigte aber auch patriarchale Geschlechterrollen.

Der frauenpolitische Opportunismus des NS-Regimes zeigte sich in diesem Zusammenhang ab 1937, als es zu einem allgemeinen Arbeitskräftemangel kam und infolgedessen die Bestimmungen modifiziert wurden: Nun stand auch Paaren das Darlehen zu, ohne dass die Ehefrau ihren Beruf aufgeben musste.[79] Weniger biegsam erwies sich die Frauenpolitik hingegen in ideologischer Hinsicht. Für die gesamte Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft lässt sich die ideologische Überhöhung der Frau als Mutter konstatieren: bei der Inszenierung des Muttertags (der schon kurz nach der „Machtübertragung“ zum Nationalfeiertag erklärt wurde) oder beim Reichsmütterdienst (den die NS-Frauenschaft, das Deutsche Frauenwerk und die NS-Volkswohlfahrt zum Muttertag 1934 ins Leben riefen). Die Historikerin Ute Frevert schlussfolgert daraus, dass so Mutterschaft und Hausarbeit „‚professionalisiert‘ und in ihrer Bedeutung für die ‚Volksgemeinschaft‘ sozial aufgewertet“[80] worden seien.[81] Auch als nach 1937 die Berufsarbeit von Frauen eingefordert wurde, sollten sie weiterhin möglichst viele Kinder gebären. Dieses bevölkerungspolitische Anliegen kam zum Beispiel durch das 1938 eingeführte „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ zum Ausdruck, das aber nur verliehen wurde, sofern beide Elternteile als „deutschblütig und erbtüchtig“ eingestuft worden waren. Die pronatalistische Politik des NS-Regimes blieb folglich stets auf die NS-Rassenideologie bezogen.[82] In diesen Zusammenhang muss man auch die staatliche Förderung nichtehelich geborener Kinder einordnen, sofern diese als „erbgesund“ galten. Die Rassenideologie überformte die traditionelle Stigmatisierung unehelicher Kinder.[83]

Umschlag des NS-Bestsellers: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (Erstauflage, München 1934) von Johanna Haarer. Das Buch wurde noch in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik als Lehrbuch verwendet. Quelle: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch.
Umschlag des NS-Bestsellers: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (Erstauflage, München 1934) von Johanna Haarer. Das Buch wurde noch in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik als Lehrbuch verwendet. Quelle: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch

In der historischen Forschung wurde kontrovers darüber diskutiert, „wie die Handlungsmacht (agency) von Frauen und deren Verantwortung für die nationalsozialistische Politik zu deuten sei“. Die Auseinandersetzung verweist auf divergierende Ansichten „zwischen einem Feminismus, der ‚Gleichheit‘ als unbedingte Voraussetzung der Emanzipation betonte, und einem Feminismus, der ‚Differenz‘ als Hauptquelle für weibliche Handlungsfähigkeit sah“.[84] Auf den Nationalsozialismus übertrugen Claudia Koonz und Gisela Bock diese Perspektiven und initiierten damit eine Forschungskontroverse, die in der Geschichtswissenschaft als „Historikerinnenstreit“ bezeichnet wird. Während Bock betonte, dass die NS-Politik darauf gezielt habe, die Geburt unerwünschter Kinder durch antinatalistische Maßnahmen zu verhindern, stellte Koonz darauf ab, dass das NS-Regime die Familie als einen „Schutzraum“ für „arische“ Mütter konstruiert habe. Damit seien Frauen keine Opfer der NS-Politik, sondern vielmehr „Komplizinnen beim Massenmord“ gewesen.[85] Aufbauend auf die Kontroverse hat die Geschichtswissenschaft sich seitdem darum bemüht, binäre Schemata von „Tätern“ und „Opfern“ aufzubrechen und die fließenden Übergänge zwischen Partizipation, Widerstand und Leid differenziert darzustellen.[86]

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs markierte nicht nur einen fundamentalen Einschnitt in das familiale Zusammenleben, sondern veränderte auch die rechtlichen Rahmenbedingungen des Familienlebens signifikant. Trotz des Kriegs sollten weiterhin Ehen geschlossen und „erbgesunde“ Kinder geboren werden. Daher wurde zum Beispiel bei sogenannten Kriegstrauungen die Eheschließung erleichtert, insofern Paare nunmehr nur noch ihre „deutschblütige Abstammung“ schriftlich erklären mussten, ohne dass eine gesundheitliche Untersuchung erfolgte – sofern der Ehemann Wehrmachtssoldat war. Zudem wurde die Ehetauglichkeitsuntersuchung Ende August 1939 ausgesetzt. Darüber hinaus führte das NS-Regime im November 1939 die „Ferntrauung“ ein, bei der die Eheschließung vollzogen wurde, ohne dass beide Partner anwesend sein mussten. So konnten insbesondere schwangere Frauen ihre an der Front kämpfenden Männer heiraten, wodurch ihnen und ihren Kindern der „Makel der Unehelichkeit“[87] erspart blieb. Eine weitere Maßnahme war die Einführung der postmortalen Eheschließung, die im Volksmund als „Leichentrauung“ bezeichnet wurde. Bei dieser Konstellation konnte eine Frau ihren gefallenen Mann heiraten, sofern dieser die Heiratsabsichten in Briefen oder sonstigen Äußerungen bekundet hatte. Den Frauen stand anschließend die finanzielle Unterstützungsleistung für Kriegerwitwen zu.[88]

Der familiäre Alltag veränderte sich erheblich, da die Männer mit ihrer Einberufung aus dem Familienleben ausschieden und die Ehefrauen zusätzlich die Rolle der Ernährerin übernehmen mussten. Zu Konflikten kam es insbesondere dann, wenn die Ehemänner im Fronturlaub mit dem veränderten Rollenverhalten ihrer Frauen konfrontiert wurden: Während die Ehemänner meist in traditionellen Rollenvorstellungen verhaftet blieben, bewältigten ihre vielfach berufstätigen Ehefrauen nun den Alltag unabhängig und eigenständig ohne männliche Hilfe. Da das NS-Regime „häusliche Harmonie“[89] zur obersten Maßgabe erhob, sanktionierte es Konflikte in den Familien, indem es disziplinierend eingriff und zum Beispiel Ehebruch von Ehefrauen mit Kriegsgefangenen unter Strafe stellte. Frauen wurden in der Regel zu Haftstrafen, die Kriegsgefangenen zum Tode verurteilt.[90] Die Historikerin Hester Vaizey betont allerdings, dass die unterschiedlichen Kriegserfahrungen in manchen Konstellationen auch einend auf Familien wirken konnten. In diesen Fällen führten die erheblichen physischen und psychischen Belastungen dazu, dass sich die Familie für ihre Mitglieder zu einem „Zufluchtsort vor externen Bedrohungen“ und zu einem „Hort emotionaler Geborgenheit“ entwickelte und die Familienmitglieder sie so „als eine funktionell ausgestaltete, aufs Überleben getrimmte Einheit“[91] verstanden.[92]

Gleichzeitig blieben Konflikte Teil des Familienalltags, da zum Beispiel von den Ehefrauen vonseiten der Propaganda Verständnis für außereheliche Beziehungen ihrer Männer im Fronteinsatz eingefordert wurde, während der Ehebruch der Frauen sanktioniert wurde. Die Historikerin Michelle Mouton schlussfolgert daraus: „,Marital fidelity‘ was not a moral issue but rather, a racial imperative and in wartime a national obligation in service of the ,Volk community‘.“[93] Infolge der langen Trennung entfremdeten sich zudem zahlreiche Paare, was in vielen Fällen zur Scheidung führte. Gerade letzteres war typisch für die Nachkriegszeit bis Anfang der 1950er-Jahre, als die Männer direkt nach Kriegsende oder nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in die Familien zurückkehrten. Ehefrauen und Kinder empfanden die Ehemänner und Väter nun oftmals als „Störfaktor für den Familienalltag“.[94] Diese Entwicklung interpretiert die Historikerin Svenja Goltermann als eine „Privatisierung der Kriegsfolgen“,[95] da Familien die Lösung der sozialen Spannungen aufgebürdet wurde.[96] Noch härter traf diese Form der Lastenverteilung diejenigen Familien, deren Väter im Krieg gefallen waren. Infolge des Zweiten Weltkriegs hatten 1,7 Millionen Frauen ihren Mann im Krieg verloren, 2,5 Millionen Halbwaisen und 100.000 Vollwaisen wuchsen ohne Vater auf. Die Historikerin Lu Seegers spricht daher von der „Vaterlosigkeit“ als gesellschaftlichem „Massenphänomen“, das ganz besonders die Geburtenjahrgänge zwischen 1935 und 1947 betraf.[97] Im Rückblick verwundert es, dass in den Nachkriegsgesellschaften eine präzedenzlose Vielzahl vaterloser Familien existierte – und dass das christlich-bürgerliche Ideal der Vater-Mutter-Kind-Familie dennoch seine normierende Prägekraft behielt.

 

4. Familie im Einflussfeld von Politik und Wissenschaft

Auch im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in der BRD und in der DDR versuchte der Staat, politischen Einfluss auf Familien auszuüben (auch wenn diese Formen von Familienpolitik zu der rassistisch getriebenen Politik der Nationalsozialisten in keinem Verhältnis standen).[98] Darüber hinaus versuchten die Kirchen, auf gesellschaftliche Diskurse über Wesen und Funktion der Familie einzuwirken. In der Bundesrepublik machte sich hier an erster Stelle die katholische Kirche geltend, in der DDR konnte die evangelische Kirche bis in die 1960er-Jahre einen gewissen diskursiven Einfluss behaupten.[99] Bereits im Kaiserreich hatten sich Kirchenvertreter zu der Frage positioniert, wie Familienalltag und Geschlechterrollen ausgestaltet werden sollten, durch Publikationen in Tageszeitungen und Redebeiträge auf öffentlichen Veranstaltungen wie dem Katholikentag. Auch Politiker:innen nahmen hierauf Einfluss. Entweder erfolgte das diskursiv über Reden im Reichstag oder ganz praktisch, wenn über staatliche Unterstützungsleistungen entschieden wurde. So fungierte die Versorgung der Ehefrauen von Soldaten beispielsweise als Steuerungsinstrument, um die traditionelle Ordnung der Geschlechter aufrechtzuerhalten. Birthe Kundrus argumentiert in diesem Sinne, dass der Erste Weltkrieg nur einem Teil der Ehefrauen emanzipatorische Freiräume eröffnet und dass die Mehrzahl an traditionellen Geschlechterrollenmodellen festgehalten habe.[100]

Gleichzeitig veränderten sich im Zuge des Kriegs das Familienleben und damit der Alltag zahlreicher Frauen erheblich, wie Ute Daniel betont. Sie resümiert, dass sich die Familie von einer Institution, die gesellschaftliche Reproduktions- und Erziehungsfunktionen übernahm, zu einer Produktions- und Konsumtionsgemeinschaft entwickelte: Familien sicherten die Versorgung mit knappen Nahrungsmitteln durch den Anbau von Obst und Gemüse. Außerdem besorgten die Familienmitglieder – in der Regel die Ehefrauen und Mütter – Konsumgüter, in dem sie diese kauften, tauschten und v.a. ab der zweiten Kriegshälfte durch Hamstern oder durchaus auch Diebstahl beschafften.[101]

Darüber hinaus befeuerte der Erste Weltkrieg eine Debatte, die ihren Ausgang bereits im 19. Jahrhundert genommen hatte und die Historiker:innen und Bevölkerungswissenschaftler:innen bis heute fortführen. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stand und steht die Frage, wieso sich die Fertilitätsmuster im späten 19. Jahrhundert veränderten. Im Kontext des Kriegs schien der Geburtenrückgang die „Wehrfähigkeit“[102] der Nation zu bedrohen.[103] In diesem Zusammenhang wurde auch die kriegsbedingte Entwicklung diskutiert, dass nun zahlreiche Frauen in ein Beschäftigungsverhältnis (insbesondere in der Rüstungsindustrie) traten, wodurch tradierte Geschlechterrollenideale und Familienvorstellungen nun auch von dieser Seite „gefährdet“ wären. Daniel widerlegt jedoch diese zeitgenössische Annahme, indem sie zeigt, dass die Berufsarbeit von Ehefrauen und Müttern in Industriebetrieben nur eine temporäre Entwicklung darstellte. Schließlich gaben die Frauen nach Kriegsende die Erwerbsarbeit wieder auf, weshalb Daniel die Veränderungen als „Emanzipation auf Leihbasis“[104] einstuft.[105]

Der Erste Weltkrieg kann somit im Hinblick auf Geschlechterrollen und Familienvorstellungen nicht als Zäsur interpretiert werden, da es nicht zu einem Bruch mit dem bürgerlichen Familienmodell und den tradierten Geschlechterrollen kam. Diesen Befund stützen weitere Arbeiten zur Geschichte der Industriearbeiter sowie der Arbeiterfrauen und ihrer Wohnkultur. Sie argumentieren, dass sich zumindest zwischen den finanziell bessergestellten Facharbeiterfamilien oder den der sozialdemokratischen Partei nahestehenden sowie den bürgerlichen Familien der Angestellten und Beamten die Lebensverhältnisse anglichen und sich damit das Modell der christlich-bürgerlichen Kernfamilie schichtübergreifend verbreitete.[106] Selbst in den Bevölkerungsschichten, die sich aus finanziellen Gründen nicht an das Bürgertum annähern konnten, blieben die bürgerliche Ehe und Familie der zentrale Bezugspunkt.[107]

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzten sich die „Deutungskämpfe um die Ordnung der Geschlechter“[108] fort, wie Isabel Heinemann und Martina Steber am Beispiel der Bundesrepublik zeigen. Eher konservative Politiker:innen, Wissenschaftler:innen oder Kirchenvertreter verfolgten dabei eine Strategie der doppelten Abgrenzung. Merith Niehuss und Robert G. Moeller sprechen diesbezüglich von einer „Refamiliarisierung“[109] bzw. einer „Restauration der traditionellen Kernfamilie“.[110] Sie argumentieren, dass Politiker:innen und Kirchenvertreter in der Bundesrepublik zum einen an das Ideal der christlich-bürgerlichen Kernfamilie des 19. Jahrhunderts anschlossen und sich so vom Familienideal des Nationalsozialismus distanzierten. Zeitgenössisch prägte der Soziologe Helmut Schelsky die Formulierung von der Kernfamilie als „Stabilitätsrest in unserer Gesellschaftskrise“.[111] Die Familie sorge für Sicherheit und Orientierung, indem sie die Gesellschaft ordne und strukturiere. Diese Entwicklung interpretiert die Historikerin Hanna Schissler als einen Prozess der „Normalisierung“, im Zuge dessen nach dem Nationalsozialismus und den Kriegswirren die „normalen“ bürgerlichen Geschlechterrollenbilder und Familienvorstellungen retabliert werden sollten.[112] Zum anderen bezogen westdeutsche Politiker:innen mit dem Rekurs auf die christlich-bürgerliche Kernfamilie explizit eine Gegenposition zur „sozialistischen Familie“ der DDR (und dies geschah auch umgekehrt). Dabei handelte sich allerdings nur um rhetorische Manöver, da sich die Geschlechterrollen in ost- und westdeutschen Familien weitgehend glichen.[113]

Die Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Debatten über Familie und Geschlechterrollen eröffnet neue Perspektiven auf die deutsche Zeitgeschichte, die gängige, sich an den großen politischen Zäsuren (1945, 1949) orientierende Annahmen unterlaufen. So zeigt die Historikerin Elizabeth D. Heineman, dass zwischen 1942 und 1948 Frauen das gesellschaftliche Leben in Deutschland prägten: Sie waren berufstätig und vertraten die Interessen ihrer Familien allein, schließlich waren die Männer noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Auch wenn Frauen in den politischen Debatten sowohl im NS als auch in der Nachkriegszeit marginalisiert wurden, schrieb sich die „Stunde der Frauen“ ins kollektive Gedächtnis der Deutschen ein.[114]

Um die Rolle von Frauen in der Zeitgeschichte sichtbar zu machen, plädiert die Forschung erstens dafür, die Agency von Frauen zu untersuchen.[115] Zweitens sollten die zeitgenössische normative Überhöhung der christlich-bürgerlichen Kernfamilie als „Normalfamilie“ dekonstruiert und davon abweichende Familienformen, die zeitgenössisch als „unvollständige Familien“ abgewertet wurden (geschiedene Eltern, vaterlose Familien, „Onkelehen“), vorurteilsfrei analysiert werden.[116] Dadurch ergeben sich neue Perspektiven auf das „Golden Age of Marriage“ der 1950er- und frühen 1960er-Jahre, das im Verlauf des 20. Jahrhunderts nicht als Normalzustand, sondern als Ausnahmephase erscheint: Weder im Kaiserreich und in der Weimarer Republik oder im Nationalsozialismus erreichte die quantitative Verbreitung von Ehepaaren und deren Bedeutung für die öffentliche Debatte eine ähnliche Reichweite wie zur Jahrhundertmitte. Aus dieser Perspektive relativiert sich die zeitgenössische Bewertung des Rückgangs der Geburten- und Heiratszahlen sowie des parallelen Anstiegs der Scheidungszahlen der 1960er- und 1970er-Jahre oder des sich verändernden Umgangs mit Sexualität und Empfängnisverhütung als Ausdruck einer „Krise“ der Familie. Demgegenüber liegt es nahe, die Entwicklungen nun als eine Rückkehr zu pluralen sozialen Praktiken zu interpretieren, die seit den 1970er-Jahren gleichwohl noch einmal deutlich zunahmen.[117] In diesem Zusammenhang interessiert auch die Frage, wie sich in Deutschland der Umgang mit Familien mit behinderten Kindern veränderte. Während ihre Position in beiden Teilen Deutschlands zunächst marginalisiert war, erfuhren sie in der Bundesrepublik im Zuge des Contergan-Skandals der 1960er-Jahre nicht nur mediale Aufmerksamkeit. Vielmehr verbesserte sich die politische und gesellschaftliche Situation von Familien mit behinderten Kindern, da die Förderungsmöglichkeiten für die Kinder ausgebaut wurden.[118]

Doch die bürgerlich-christliche Kernfamilie prägte die westdeutsche Familienpolitik bis in die 1970er-Jahre, allein schon deshalb, weil die Unterstützungsleistungen ausschließlich eben dieses Familienmodell adressierten.[119] In der DDR wiederum gab es zwischen 1945 und 1965 keine eigenständige Familienpolitik. Vielmehr wurden Familien indirekt über die Sozialpolitik, die Bildungspolitik und die Frauenpolitik gefördert. Dabei war letzteres v.a. als Frauenarbeitspolitik konzipiert, um die politisch gewünschte Emanzipation der Frauen durch Berufsarbeit zu realisieren. In historischen Studien konnte allerdings eindeutig aufgezeigt werden, dass nicht die sozialistischen Ideale, sondern zwei realpolitische Motive die Frauenpolitik der DDR maßgeblich prägten: Die politischen Entscheidungen zielten erstens darauf, durch die Berufstätigkeit von Frauen den allgemeinen Mangel an Arbeiter:innen zu kompensieren. Zweitens sollten die Maßnahmen dazu beitragen, dass sich die Geburtenrate erhöhte, damit zukünftig ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung standen.[120] Darüber hinaus dürfen die politischen Entscheidungen nicht verdecken, dass auch in der DDR die bürgerliche Kernfamilie eine besondere Wertschätzung erfuhr, wie Gunilla Budde argumentiert,[121] wenngleich die Rollen ostdeutscher Mütter vom bürgerlichen Ideal insofern abwichen, als sie neben der politisch eingeforderten Berufsarbeit auch weiterhin für Haushaltsführung und Kindererziehung zuständig waren. So entwickelte sich in der DDR die „Zwei-Ernährer-Hausfrau-Familie“ bzw. die „Doppelverdiener-Ehe“ zum Leitbild. Demgegenüber erfuhren in der Bundesrepublik der 1950er-Jahre „Nur-Hausfrauen“ eine besondere Wertschätzung, die jedoch ab den 1960er-Jahren erodierte, als sich die weibliche Teilzeitarbeit zum Ideal entwickelte. Daher fungierte zunächst das „“ als Leitbild, das sukzessive durch das „Ernährer-Zuverdienerin-Modell“ substituiert wurde.[122]

Auch in der DDR blieb die Kindererziehung in Frauenhand. Ausschnitt aus dem Bildfries „Unser Leben“ am Haus des Lehrers von Walter Womacka, Berlin 1964. Fotograf: Andreas Steinhoff. Quelle: Wikimedia Commons.
Auch in der DDR blieb die Kindererziehung in Frauenhand. Ausschnitt aus dem Bildfries „Unser Leben“ am Haus des Lehrers von Walter Womacka, Berlin 1964. Fotograf: Andreas Steinhoff ©, 30. August 2005. Quelle: Wikimedia Commons

Aufgrund dieser Befunde werden die 1950er-Jahre in historischen Studien als ein konservatives Jahrzehnt interpretiert, in dem insbesondere christliche Ideale eine besondere Wertschätzung erfuhren. Gleichzeitig zeichneten sich Veränderungen unter der Oberfläche ab. Infolgedessen bezeichnet Thomas Großbölting die „Rechristianisierung“ der Nachkriegszeit als „Chimäre“.[123] Zudem veränderte sich allmählich das Verständnis von väterlicher Autorität, die „nicht mehr als ein natürliches Entscheidungsrecht des Mannes und als ein hierarchisches Verhältnis von Befehl und Gehorsam“ interpretiert wurde, so Till van Rahden.[124] Nach dieser Lesart kann die zweite Hälfte der 1950er-Jahre durchaus als Jahrzehnt der Weichenstellung verstanden werden, das den Weg bereitete für den Wandel der Familie in den folgenden Jahrzehnten.

Die Veränderungen zeigten sich schließlich in den 1970er-Jahren, als sich das kindzentrierte Familienverständnis in Westdeutschland durchsetzte. So definierte der familienpolitische Ausschuss der SPD 1975 die Familie als „auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften eines oder mehrerer Erwachsener mit einem oder mehreren Kindern“.[125] Damit entwickelte sich innerhalb der SPD, aber auch der FDP, die Eltern-Kind-Beziehung zum konstitutiven Element von Familie. Wenngleich immer wieder betont wurde, dass die Ehe weiterhin eine zentrale Wertschätzung erfahre, so zielte diese Veränderung darauf, die soziale Diskriminierung von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern zu beseitigen. Diese Veränderungen spiegelten sich auch in der familienpolitischen Ausrichtung der sozialliberalen Koalition, die eine „rationale“ Familienpolitik etablierte. Fortan zielten Unterstützungsleistungen darauf ab, dass Familien ihre spezifischen gesellschaftlichen Funktionen übernehmen konnten, wie eben die Sozialisation der Kinder.[126] Um dies zu gewährleisten, wurden zum Beispiel mit dem Bundeskindergeldgesetz von 1975 alle Kinder gleichbehandelt. So wurde Kindergeld nicht nur bereits ab dem ersten Kind ausbezahlt, sondern auch der Betrag erhöht (gestaffelt nach der Anzahl der Kinder).[127] Damit stärkte die westdeutsche Familienpolitik die individuellen Belange der Familienmitglieder.

Westdeutsches Familienglück: Familie Kohl besichtigt den Osten, Leipzig am 18.08.1975. Fotografin: Waltraud Grubitzsch. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-P0819-306, Wikimedia Commons.
Westdeutsches Familienglück: Familie Kohl besichtigt den Osten, Leipzig, 18. August 1975. Fotografin: Waltraud Grubitzsch. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-P0819-306, Wikimedia Commons CC-BY-SA 3.0

In der DDR wollte die SED mit ihrer Familienpolitik, die dezidiert berufstätige Mütter adressierte, die Belastungen durch Berufsarbeit abmildern und zugleich Anreize dafür setzen, die Geburtenzahlen zu steigern. Diese Maßgaben wurden 1971 auf dem VIII. Parteitag umgesetzt und umgangssprachlich als „Muttipolitik“ diskreditiert. Da keine Unterstützung der Männer bei der Haushaltsführung oder Kindererziehung eingefordert wurde, sondern nur die Bedingungen für Mütter erleichtert wurden, trug die DDR-Familienpolitik dazu bei, dass sich in Familien traditionelle Geschlechterrollen hielten.[128]

Zudem setzte im Westen in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Debatte um eine Ökonomisierung der Gesellschaft ein.[129] Die Diagnose einer „Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche“[130] führte nun auch die Wirtschaftswissenschaftler:innen zur Familie als Forschungsgegenstand. Dieses Interesse hatte bereits in den 1950er-Jahren eingesetzt, als Ökonomen versuchten, menschliches Verhalten als wirtschaftlich determiniert zu beschreiben. Aus diesem Ansatz ging in den 1970er-Jahren die New Home Economics mit ihren beiden Hauptvertretern Gary S. Becker und Theodore Schultz hervor.[131] Diese Landnahme der Ökonomie im Terrain der Soziologie, Psychologie, Theologie und Rechtswissenschaften evozierte den Vorwurf, dass Becker einen „ökonomischen Imperialismus“ betreiben würde.[132] Da nach Beckers Selbstverständnis die Wirtschaftswissenschaften tatsächlich die „Speerspitze der Sozialwissenschaften“[133] darstellten, nahm er diese Anschuldigung als Ansporn, die Korrektheit seiner Thesen mittels mathematischer Berechnungen zu belegen.

Becker argumentierte, dass sich die Geburt von Kindern, die Eheschließung wie auch die Ehescheidung und die innerfamiliale Aufgabenverteilung anhand ökonomischer Kriterien analysieren und letztlich erklären ließen.[134] Die zentrale Annahme Beckers besagte, dass Individuen als Nutzenmaximierer agierten, ihnen dabei aber stets unvollständige Informationen zur Verfügung ständen. Mit Blick auf die Familie bedeutete dies, den Ertrag der commodities (Güter) – und das heißt hier zum Beispiel: Kinder, Prestige, Gesundheit, Erholung, Partnerschaft oder Liebe – zu optimieren. Limitierend wirkten dabei insbesondere zwei Faktoren: das verfügbare Einkommen und die verfügbare Zeit.[135]

Als Anfang der 1960er-Jahre die Geburtenrate in den USA genauso wie in Westeuropa sank, erklärte Gary Becker diese Entwicklung anhand ökonomischer Indikatoren. Seiner Ansicht nach führten ein steigender Wohlstand und die Zunahme höherer Bildungsabschlüsse von Frauen zu einem Geburtenrückgang. Da trotz des allgemeinen Wohlstandszuwachses das Familienbudget in den jeweiligen Familien begrenzt sei, führe eine größere Zahl von Kindern zu geringeren Bildungsausgaben pro Kind. Becker leitete aus seinen Kalkulationen ab, dass Eltern das ablehnen würden, da dies die Entwicklungschancen ihrer Kinder schmälere. Infolgedessen würden sie sich gegen eine größere Zahl von Kindern entscheiden. Zudem begründete Becker die Entscheidung von Frauen gegen Kinder mittels Opportunitätskosten: Die Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt seien aufgrund besserer Bildungsabschlüsse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts insgesamt gestiegen. Mit der Entscheidung für Kinder büßten Frauen aber Chancen und potenzielle Gewinne ein. Im Wissen darum entschieden sich Frauen daher nun vermehrt gegen Kinder. Wenngleich die Entscheidung für oder gegen Kinder stets von mehreren Faktoren und nicht nur von ökonomischer Rentabilität abhängt,[136] entfalteten Beckers Thesen zwischen den 1960er- und frühen 1990er-Jahren enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Das lag auch daran, dass seine Position polarisierte, schließlich stufte er Kinder als langlebige Konsumgüter mit einem spezifischen ökonomischen Wert ein – analog zu einem Automobil.[137]

Beckers Ansatz basierte damit auf einer ökonomischen Quantifizierung von individuellen Lebensentscheidungen,[138] was von Soziolog:innen, aber durchaus auch von Ökonom:innen sowie Feministinnen immer wieder kritisiert worden ist, da soziales Rollenverhalten genauso unberücksichtigt blieb wie die ungleichen Machtpositionen der Partner in einer Beziehung.[139] Zudem vertrat Becker ein „traditionelles“ Familienverständnis mit Eheschließung und Kernfamilie als zwei zentralen Setzungen. Beckers gesellschaftspolitischer Konservatismus zeigt sich überdies in einer weiteren, zentralen Grundannahme: Bei der Eheschließung würden Männer attraktivere Partnerinnen favorisieren, wohingegen für die Frauen der Verdienst des potenziellen Ehemannes ein zentrales Entscheidungskriterium darstelle. Diese Perspektive auf Geschlechterrollen zeigt sich ebenfalls bei Beckers Modellierung der innerfamilialen Aufgabenverteilung. Wenngleich Beckers Modell in der Theorie geschlechtsneutral konstruiert war, beinhaltete es faktisch einen Gender Bias: Seiner Annahme nach spezialisierte sich die Person mit dem höheren Einkommen auf die Berufsarbeit, die mit dem niedrigeren Einkommen auf die Familienarbeit. Damit lieferte er eine Erklärung, wieso Frauen aus dem Erwerbsleben ausschieden, ohne dabei auf die Gründe für den Gender Pay Gap einzugehen und die ökonomische Benachteiligung von Frauen zu berücksichtigen. Beckers Geschlechterrollenideal lieferte eine weitere Begründung, wieso Frauen aus dem Erwerbsleben ausscheiden sollten: Seiner Ansicht nach waren Frauen für Hausarbeit qualifizierter als Männer, da sich diese Tätigkeit „besser“ mit Schwangerschaft und Stillzeit verbinden ließe.[140]

 

5. Das Familienrecht: Normsetzung oder Adaption an soziale Praktiken?

Die Geschichte des Familienrechts haben sowohl Historiker:innen wie auch Jurist:innen untersucht. Sie legen dar, wie die Ausgestaltung des Rechts Eheschließung und -scheidungen genauso wie das Familienleben, die Kindererziehung und die Verteilung des ehelichen Besitzes regelt.[141] Zudem zeigen diese Arbeiten, welche Familien- und Geschlechterrollenvorstellungen gesellschaftlich verhandelt wurden.[142] Dabei markiert die Einführung der obligatorischen Zivilehe 1875 einen entscheidenden Einschnitt, da damit die Beschränkungen aufgehoben wurden, die zuvor Personen untersagt hatten zu heiraten, wenn sie keine Familie ernähren konnten. Infolge der Gesetzesänderung stieg die Heiratsquote an, wodurch sich die Ehe als Wesenskern des bürgerlichen Familienbegriffs zur sozialen Norm entwickeln konnte.[143]

Eine weitere einschneidende Veränderung war die Inkraftsetzung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) im Jahr 1900, dessen familienrechtlicher Teil nicht auf den bürgerlich-liberalen Grundsätzen von Individualismus, Vertragsfreiheit und Rechtsgleichheit basierte, sondern vielmehr auf patriarchalische Familienvorstellungen und das Ideal der christlich-bürgerlichen Kernfamilie rechtlich kodifizierte. Diese Entwicklung interpretiert die Historikerin Monika Wienfort als „Rechristianisierung der Ehe“.[144] Ferner ist in der historischen Forschung herausgearbeitet worden, wie das BGB den Handlungsspielraum der Ehefrau einschränkte und diese Bestimmungen bis weit über die Jahrhundertmitte gültig blieben: Die Ehefrau war für die Haushaltsführung zuständig, und der Ehemann konnte seiner Frau die Berufstätigkeit untersagen („Hausfrauenehe“). Zudem verlor die Ehefrau die Verfügungsgewalt über das in die Ehe eingebrachte und das während der Ehe erworbene Vermögen. Darüber hinaus besaß der Vater bei strittigen Fragen der Familienführung und der Kindererziehung das Entscheidungsrecht (Stichentscheid). Eine Lösung der Ehe war überdies nur dann zulässig, wenn sich zuvor ein Ehepartner schuldhaft verhalten hatte (Schuldprinzip), zum Beispiel wenn er oder sie Ehebruch begangen hatte. Insbesondere in Studien zur Geschichte der Frauenbewegung ist herausgearbeitet worden, dass das BGB ein konservativ-bürgerliches Familienleitbild etablierte und eine Geschlechterungleichheit festschrieb.[145]

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Ausgestaltung des Nichtehelichenrechts und des Scheidungsrechts intensiv diskutiert. Bei den Debatten um das Nichtehelichenrecht ging es insbesondere um die Frage, welcher rechtliche Schutz ledigen Müttern und ihren Kindern zukommen sollte. Zunächst blieb eine Rechtsreform aus. Erst 1969/70 wurde in der Bundesrepublik ledigen Müttern das Sorgerecht über ihre Kinder zugesprochen. Zudem wurden nichtehelich geborene Kinder rechtlich mit ehelich geborenen Kindern gleichgestellt.[146]

1976/77 wurde in Westdeutschland schließlich das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip abgelöst und das Unterhaltsrecht zugunsten der sozial schlechter gestellten Parteien (in der Regel die Ehefrau und die Kinder) geändert. Die Reform des Ehe- und Scheidungsrechts markiert damit einen Wendepunkt bei der Ausgestaltung des Familienrechts. Zum einen wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen an die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts angeglichen: die Debatten um Gleichberechtigung und Emanzipation oder den allgemeinen Anstieg der Scheidungsrate seit den 1960er-Jahren. Zum anderen kam das Reformgesetz den bereits in der Weimarer Republik und der frühen Bundesrepublik vorgebrachten Forderungen nach, die „Hausfrauenehe“ und die Verfügungsgewalt des Mannes über die Ehefrau abzuschaffen. Nach dem reformierten Familienrecht basierte eine Ehe auf einer partnerschaftlichen Beziehung zweier gleichberechtigter Partner.[147]

Das Reformgesetz kann auch als Endpunkt einer Debatte angesehen werden, in der um die familienrechtliche Umsetzung der Vorgaben des Grundgesetzes – Art. 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – in der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren gerungen wurde. Für diese Auseinandersetzung steht insbesondere das 1957 erlassene „Gleichberechtigungsgesetz“ bzw. „Familienanpassungsgesetz“. Obschon das Gesetz die Rechte der Frauen geringfügig stärkte, festigte es doch tradierte Geschlechterrollen: Es waren nun zwar beide Elternteile sorgeberechtigt, jedoch behielt der Ehemann bei Fragen der Kindererziehung die Entscheidungsgewalt (Stichentscheid). Zwei Jahre später kassierte das Bundesverfassungsgericht diese Regelung, da sie unvereinbar mit dem Grundgesetz war. Das „Gleichberechtigungsgesetz“ ließ dabei das Modell der „Hausfrauenehe“ unberührt, das erst 20 Jahre später abgeschafft wurde.[148] Insofern hielt sich in der Bundesrepublik bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts der familienrechtliche Anteil des BGB, der den Familienvorstellungen der Jahrhundertwende entsprach. Die Persistenz tradierter Vorstellungen im Recht zeigte sich auch darin, dass Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 als Straftatbestand galt.[149]

Die Forschung konnte zudem zeigen, dass sich auch in der sozialistischen DDR das bürgerliche Familienmodell und bürgerliche Geschlechterrollenvorstellungen hielten – trotz einer Frauenpolitik, die die weibliche Berufsarbeit und die Emanzipation der Frau zu befördern behauptete.[150] Insofern war für beide Teile Deutschlands die hohe Wertschätzung der Kernfamilie konstitutiv. Während dies in der Bundesrepublik explizit kritisiert werden konnte,[151] blieb das Thema in der DDR in politischen Debatten ausgespart. Zugleich wurde die ideologische Persistenz der bürgerlichen Kernfamilie in der DDR durch die Arbeiten an einer Reform des Familienrechts verdeckt, die 1954 allerdings zunächst scheiterte. Eine Abkehr vom BGB erfolgte dann zumindest beim Scheidungsrecht mit der Eheverordnung von 1955, als das Zerrüttungsprinzip eingeführt wurde – mehr als 20 Jahre früher als in der Bundesrepublik.[152]

Der endgültige Bruch mit der bürgerlichen Rechtstradition kam in der DDR 1965 mit der Verabschiedung des Familiengesetzbuches (FGB),[153] das die Familie als die „kleinste Zelle der Gesellschaft“ definierte.[154] Eine auf Lebenszeit geschlossene Ehe und die formale Gleichberechtigung von Ehemann und Ehefrau waren zentrale Merkmale der „sozialistischen“ Familie. Ersteres stand dabei in der Tradition des ehezentrierten Familienverständnisses; letzteres hingegen markierte eine bewusste Abkehr vom BGB, das sich an einem patriarchalischen Geschlechterrollenverständnis orientierte. Darüber hinaus wurde im FGB argumentiert, dass die Interessen der Familie und ihrer Mitglieder deckungsgleich mit denen der Gesellschaft seien. Demnach mussten sich die Individualinteressen der Familienmitglieder den staatlichen Interessen unterordnen.[155]

Die familienrechtlichen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland zeigen, dass die 1960er- und 1970er-Jahre eine „diskursive und juristische Zäsur“[156] waren, da sich nicht nur das Sprechen über Familie, sondern auch die gesetzlichen Bestimmungen grundlegend veränderten. Dies lässt sich auch anhand der 1979/80 umgesetzten Reform des Sorgerechts in der Bundesrepublik belegen. Mit der Gesetzesänderung verschwand der traditionelle Begriff von der „elterlichen Gewalt“ aus dem BGB und wurde durch die „elterliche Sorge“ ersetzt. Das neue Gesetz stärkte nicht nur die Rechte der Kinder, sondern trug auch einer sprachlichen Verschiebung Rechnung: Familie sei kein Herrschaftsverhältnis mehr, das durch Gehorsam und Unterordnung geprägt sei, vielmehr basiere sie auf einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern.[157]

Zeitgenössisch hatten die Familienrechtsreformen in beiden Teilen Deutschlands erhebliche Folgen für Familien. Zudem entfalteten insbesondere die westdeutschen Reformen auch eine Langzeitwirkung: Sie prägen das Verständnis von Familie bis heute, da die gesetzlichen Bestimmungen nach der Wiedervereinigung auch in den neuen Bundesländern galten.

 

6. Ausblick

Die Familie bleibt auch in der jüngsten Zeitgeschichte ein eminent wichtiges Forschungsfeld. Ein Schwerpunkt soziologischer und historischer Studien liegt erstens auf der Frage, inwiefern sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts Familienformen bzw. das gesellschaftliche Zusammenleben pluralisierten. Zweitens wird die Entwicklung der Geschlechterrollen untersucht; dabei wird in der Regel betont, dass weiterhin mehrheitlich eine traditionelle Rollenverteilung insofern vorliege, als Ehefrauen und Mütter wesentlich mehr häusliche Aufgaben übernehmen als ihre Partner.[158] Drittens ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie seit den 1980er-Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt, weil die Erwerbsquote von Müttern mit minderjährigen Kindern erheblich angestiegen ist. In diesem Zusammenhang bestimmen Fragen nach der Ausgestaltung von Kinderbetreuung, Unterstützungsleistungen (Erziehungsgeld, Elterngeld) und nach der beruflichen und finanziellen Benachteiligung von Müttern (Gender Pay Gap) die wissenschaftlichen und politischen Debatten. Warum sich – trotz der rechtlichen Gleichberechtigung – in den sozialen Praktiken Ungleichheiten gehalten haben (Verteilung der Hausarbeit, der Kindererziehung, der Entlohnung), wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen und inwiefern migrantische Familien zum Wandel von Familienbildern und familialen Praktiken beitragen werden, wird weiterhin rege diskutiert und beforscht.

 

Anmerkungen

[1] Andreas Gestrich, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München ³2013 (1. Aufl. 1998), S. 2 [Hervorhebung im Original; C.N.].

[2] Vgl. Christopher Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken, Berlin, Boston 2019, S. 17; Norbert F. Schneider, Familie und private Lebensführung in West- und Ostdeutschland. Eine vergleichende Analyse des Familienlebens 1970-1992, Stuttgart 1994, S. 14-16; Norbert F. Schneider, Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Familienforschung. Einführende Betrachtungen, in: ders. (Hrsg.), Lehrbuch Moderne Familiensoziologie. Theorien, Methoden, empirische Befunde, Opladen 2008, S. 9-21, hier S. 12f.; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) (Hrsg.), Familienleitbilder. Vorstellungen. Meinungen. Erwartungen, Wiesbaden 2013, S. 10, online https://www.bib.bund.de/Publikation/2013/Familienleitbilder-Vorstellungen-Meinungen-Erwartungen.html?nn=127496 [10.04.2026].

[3] Vgl. Paul B. Hill/Johannes Kopp, Zum Stand der Dinge, in: dies. (Hrsg.), Handbuch Familiensoziologie, Wiesbaden 2015, S. 9-17, hier S. 9f.; Norbert F. Schneider, Familie in Westeuropa, in: Oliver Arránz Becker/Karsten Hank/Anja Steinbach (Hrsg.), Handbuch Familiensoziologie, Wiesbaden ²2023, S. 157-186, bes. S 160.

[4] Schneider, Grundlagen, S. 13.

[5] Vgl. René König, Familiensoziologie. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rosemarie Nave-Herz, Opladen 2002; Paul B. Hill/Johannes Kopp, Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven, Wiesbaden, 5. Aufl. 2013; Johannes Huinink/Dirk Konietzka, Familiensoziologie. Eine Einführung, Frankfurt a.M./New York 2007; Rosemarie Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim/Basel ³2013; Rüdiger Peuckert, Familienformen im sozialen Wandel, Wiesbaden, 9. Aufl. 2019; Dirk Konietzka/Michaela Kreyenfeld, Nichteheliche Mutterschaft und soziale Ungleichheit im familialistischen Wohlfahrtsstaat. Zur sozioökonomischen Differenzierung der Familienformen in Ost- und Westdeutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 57 (2005), H. 1, S. 32-61; Ina Berninger, Welche familienpolitischen Maßnahmen fördern die Arbeitsmarktpartizipation von Müttern?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 61 (2009), H. 3, S. 355-385; Gesche Brandt, Elternzeit von Vätern als Verhandlungssache in Partnerschaften, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 69 (2017), H. 4, S. 593-622. Für unterschiedliche fachliche Zugriffe im Feld der „Familienwissenschaft“ vgl. Astrid Wonneberger/Katja Weidtmann/Sabina Stelzig-Willutzki (Hrsg.), Familienwissenschaft. Grundlagen und Überblick, Wiesbaden 2018. Zudem rückte in den 1970er-Jahren die Familie in den Fokus der Psychologie, als die in den USA entwickelten Konzepte der Familientherapie in Deutschland rezipiert wurden. Vgl. Jens Elberfeld, „Patient Familie“. Diskurs und Praxis der westdeutschen Familientherapie der „langen 1970er“, in: Pascal Eitler u.a. (Hrsg.), Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den „langen“ Siebzigern, Bielefeld 2011, S. 97-136; Jens Elberfeld, Horst-Eberhard Richter oder die Entdeckung der Familie als psychosozialer Krankheitsfaktor, in: Alexa Geisthövel/Bettina Hitzer (Hrsg.), Auf der Suche nach einer anderen Medizin. Psychosomatik im 20. Jahrhundert, Berlin 2019, S. 349-360; Jens Elberfeld, Ambivalenzen der Kritik. Familientherapie und die Debatte um Schizophrenie in den 1970er Jahren, in: Viola Balz/Lisa Malich (Hrsg.), Psychologie und Kritik. Formen der Psychologisierung nach 1945, Wiesbaden 2020, S. 187-219; Jens Elberfeld, Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. u.a. 2020.

[6] Vgl. Norbert F. Schneider/Michaela Kreyenfeld, Introduction, The Sociology of the Family. Towards a European Perspective, in: Norbert F. Schneider/Michaela Kreyenfeld (Hrsg.), Research Handbook on the Sociology of the Family, Cheltenham, Northampton 2021, S. 2-20, hier S. 2; Dirk Konietzka u.a., Family and Intimate Relationships, in: Betina Hollstein u.a. (Hrsg.), Soziologie – Sociology in the German Speaking World, Berlin, Boston 2020, S. 99-115, hier S. 100f., online https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/48429 [10.04.2026].

[7] Vgl. Hill/Kopp (Hrsg.), Handbuch; Arránz Becker/Hank/Steinbach (Hrsg.), Handbuch.

[8] Vgl. Schneider, Familie in Westeuropa, S. 160.

[9] Vgl. Reinhard Sieder, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt a.M. 1987; Monika Wienfort, Verliebt, verlobt, verheiratet. Eine Geschichte der Ehe seit der Romantik, München 2014; Isabel Heinemann, Wert der Familie. Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts, Berlin/Boston 2018; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert.

[10] Für den ersten Zuschnitt vgl. exemplarisch Isabel Heinemann, Familie in den Vereinigten Staaten. Zwischen Hegemonie der Kernfamilie und Wandel der Familienwerte, in: Hill/Kopp (Hrsg.), Handbuch, S. 91-122; Elizabeth D. Heineman, What Difference Does a Husband Make? Women and Marital Status in Nazi and Postwar Germany, Berkeley, Los Angeles/London 1999; Lisa Pine, Nazi Family Policy, 1933-1945, Oxford/New York 1997; Michelle Mouton, From Nurturing the Nation to Purifying the Volk. Weimar and Nazi Family Policy, 1918-1945, Cambridge u.a. 2007; Ute Schneider, Hausväteridylle oder sozialistische Utopie? Die Familie im Recht der DDR, Köln u.a. 2004; Klaus-Jörg Ruhl, Verordnete Unterordnung. Berufstätige Frauen zwischen Wirtschaftswachstum und konservativer Ideologie in der Nachkriegszeit (1945-1963), München 1994; Robert G. Moeller, Geschützte Mütter. Frauen und Familien in der westdeutschen Nachkriegspolitik. Aus dem Amerikanischen von Heidrun Homburg, München 1997; Merith Niehuss, Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945-1960, Göttingen 2001, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00048352?page=,1; Christiane Kuller, Familienpolitik im föderativen Sozialstaat. Die Formierung eines Politikfeldes in der Bundesrepublik 1949-1975, München 2004, online https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1524/9783486594621/html. Für den zweiten Zuschnitt vgl. exemplarisch Dirk Blasius, Ehescheidung in Deutschland 1794-1945. Scheidung und Scheidungsrecht in historischer Perspektive, Göttingen 1987, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb00051645 [alle 10.04.2026]; Lukas Rölli-Alkemper, Familie im Wiederaufbau. Katholizismus und bürgerliches Familienideal in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1965, Paderborn u.a. 2000; Sybille Buske, Fräulein Mutter und ihr Bastard. Eine Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland 1900-1970, Göttingen 2004; Michael Mitterauer, Ledige Mütter. Zur Geschichte illegitimer Geburten in Europa, München 1983.

[11] Vgl. exemplarisch Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989; Karen Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik, Bonn 1990; Birthe Kundrus, Kriegerfrauen. Familienpolitik und Geschlechterverhältnisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Hamburg 1995, online https://zeitgeschichte-hamburg.de/files/public/FZH/Publikationen_digital/Birthe%20Kundrus%20Kriegerfrauen.pdf; Gunilla-Friederike Budde, Frauen der Intelligenz. Akademikerinnen in der DDR 1945 bis 1975, Göttingen 2003, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb00040360 [beide 10.04.2026]; Donna Harsch, Revenge of the Domestic. Women, the Family, and Communism in the German Democratic Republic, Princeton/Oxford 2007.

[12] Vgl. Claudia Kemper/Kirsten Heinsohn, Geschlechtergeschichte, in: Frank Bösch/Jürgen Danyel (Hrsg.), Zeitgeschichte – Konzepte und Methoden. Unter Mitarbeit von Christine Bartlitz, Karsten Borgmann, Christoph Kalter und Achim Saupe, Göttingen 2012, S. 329-351; Kirsten Heinsohn/Claudia Kemper, Geschlechtergeschichte, Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.12.2012, https://www.docupedia.de/zg/heinsohn_geschlechtergeschichte_v1_de_2012 [10.04.2026]; Julia Paulus/Eva-Maria Silies/Kerstin Wolff, Die Bundesrepublik aus geschlechterhistorischer Perspektive, in: dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt a.M./New York 2012, S. 11-27; Claudia Opitz-Belakhal, Geschlechtergeschichte, Frankfurt a.M./New York ²2018; Jürgen Martschukat/Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, Frankfurt a.M./New York ²2018.

[13] Vgl. Verena Limper, Flaschenkinder. Säuglingsernährung und Familienbeziehungen in Deutschland und Schweden im 20. Jahrhundert, Wien u.a. 2021; Christiane Dienel, Kinderzahl und Staatsräson. Empfängnisverhütung und Bevölkerungspolitik in Deutschland und Frankreich bis 1918, Münster 1995; Malte König, Geburtenkontrolle. Abtreibung und Empfängnisverhütung in Frankreich und Deutschland, 1870-1940, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 38 (2011), S. 127-148; Wiebke Kolbe, Elternschaft im Wohlfahrtsstaat. Schweden und die Bundesrepublik im Vergleich 1945-2000, Frankfurt a.M./New York 2002.

[14] Vgl. Gunilla-Friederike Budde, Familie im Fokus der Geschichtswissenschaften, in: Wonneberger/Weidtmann/Stelzig-Willutzki (Hrsg.), Familienwissenschaft, S. 149-174, bes. S. 160; Jürgen Kocka u.a., Familie und soziale Plazierung. Studien zum Verhältnis von Familie, sozialer Mobilität und Heiratsverhalten an westfälischen Beispielen im späten 18. und 19. Jahrhundert, Opladen 1980.

[15] Vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familiensoziologie. Historische Entwicklung, theoretische Ansätze, aktuelle Themen, in: Wonneberger/Weidtmann/Stelzig-Willutzki (Hrsg.), Familienwissenschaft, S. 119-147, hier. S. 124; Rosemarie Nave-Herz, Familiensoziologie, in: Günter Endruweit/Gisela Trommsdorff (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart ²2002, S. 148-152, hier S. 149.

[16] Schneider, Grundlagen, S. 12.

[17] Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005, S. 179; Dirk Konietzka/Michaela Kreyenfeld, Familie und Lebensformen, in: Steffen Mau/Nadine M. Schöneck (Hrsg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Bd. 1, Wiesbaden ³2013, S. 257-271, hier S. 257.

[18] Schneider, Grundlagen, S. 12.

[19] Vgl. exemplarisch Moeller, Geschützte Mütter; Niehuss, Familie; Rölli-Alkemper, Familie; Buske, Fräulein.

[20] Robert G. Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig. Die Familie in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: Karen Hagemann/Jean H. Quataert (Hrsg.), Geschichte und Geschlechter. Revisionen der neueren deutschen Geschichte, Frankfurt a.M. 2008, S. 317-346, hier S. 320.

[21] Vgl. ebd., S. 320; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 11.

[22] Für diese Forderung vgl. Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig, S. 320.

[23] Vgl. Dieter Schwab, Familie, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2: E-G, Stuttgart 21992 (1. Aufl. 1975), S. 253-301, hier S. 266-270; Gestrich, Geschichte, S. 4f. Zur Entstehung der „modernen“ Familie vgl. Heidi Rosenbaum, Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1982.

[24] Für dieses Zitat vgl. Manfred Hettling/Stefan-Ludwig Hoffmann, Der bürgerliche Wertehimmel. Zum Problem individueller Lebensführung im 19. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), S. 333-359; dies. (Hrsg.), Der bürgerliche Wertehimmel. Innenansichten des 19. Jahrhunderts, Göttingen 2000. Für einen Überblick zu „Werten“ und deren Veränderung vgl. exemplarisch Isabel Heinemann, Wertewandel. Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012, https://docupedia.de/zg/heinemann_wertewandel_v1_de_2012 [10.04.2026].

[25] Vgl. Christopher Neumaier, Familie. Version 1.0, 18.12.2024, in: Ernst Müller/Barbara Picht/Falko Schmieder (Hrsg.), Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland, Basel, Berlin 2024, online https://doi.org/10.31267/Grundbegriffe_55498968 [10.04.2026].

[26] Vgl. Schwab, Familie; Schneider, Familie und private Lebensführung, S. 14-16; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 17; Neumaier, Familie, S. 1f. Zur Debatte um den Begriff „Haus“ bzw. „ganzes Haus“ vgl. Otto Brunner, Das „ganze Haus“ und die alteuropäische „Ökonomik“, in: ders., Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte, Göttingen ²1968, S. 103-127; Claudia Opitz, Neue Wege der Sozialgeschichte? Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des „Ganzen Hauses“, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), H. 1, S. 88-98.

[27] Vgl. Neumaier, Familie, S. 46-48.

[28] Vgl. exemplarisch Gunilla-Friederike Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien, 1840-1914, Göttingen 1994, online https://www.digitale-sammlungen.de/en/details/bsb00049951 [10.04.2026]; Ute Frevert, Bürgerliche Familie und Geschlechterrollen: Modell und Wirklichkeit, in: Lutz Niethammer (Hrsg.), Bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, Frankfurt a.M. 1990, S. 90-98; Josef Mooser, Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970. Klassenlagen, Kultur und Politik, Frankfurt a.M. 1984, S. 80-103; Josef Mooser, Arbeiterfamilien im katholischen und sozialdemokratischen Milieu Deutschlands. Verflechtungen und Entfremdungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Andreas Holzem/Ines Weber (Hrsg.), Ehe – Familie – Verwandtschaft. Vergesellschaftung in Religion und sozialer Lebenswelt, Paderborn u.a. 2008, S. 421-435; Gerhard A. Ritter/Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914, Bonn 1992, S. 537-675; Klaus Tenfelde, Arbeiterfamilien und Geschlechterbeziehungen im Deutschen Kaiserreich, in: Geschichte und Gesellschaft 18 (1992), S. 179-203.

[29] Vgl. Josef Ehmer, Vaterlandslose Gesellen und respektable Familienväter. Entwicklungsformen der Arbeiterfamilie im internationalen Vergleich, 1850-1930, in: Helmut Konrad (Hrsg.), Die deutsche und die österreichische Arbeiterbewegung zur Zeit der Zweiten Internationalen, Wien 1982, S. 109-153, hier S. 115-127; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1998, S. 47f.; Rosenbaum, Formen. Für einen Überblick der Forschungsliteratur vgl. u.a. Gestrich, Geschichte, S. 132-155.

[30] Für einen Überblick vgl. Jürgen Kocka, Das lange 19. Jahrhundert. Arbeit, Nation und bürgerliche Gesellschaft, Stuttgart 2002; Michael Schäfer, Geschichte des Bürgertums. Eine Einführung, Köln u.a. 2009; Manfred Hettling, Bürger, Bürgertum, Bürgerlichkeit. Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.09.2015, https://docupedia.de/zg/hettling_buerger_v1_de_2015 [10.04.2026].

[31] Exemplarisch zur Geschichte der Arbeiterfamilie vgl. Richard J. Evans, Politics and the Family. Social Democracy and the Working-Class Family in Theory and Practice Before 1914, in: ders./William Robert Lee (Hrsg.), The German Family. Essays on the Social History of the Family in Nineteenth- and Twentieth-Century Germany, London 1981, S. 256-288; Ehmer, Gesellen; Klaus Saul u.a. (Hrsg.), Arbeiterfamilien im Kaiserreich. Materialen zur Sozialgeschichte in Deutschland 1871-1914, Düsseldorf 1982; Mooser, Arbeiterleben, S. 80-100; Heidi Rosenbaum, Proletarische Familien. Arbeiterfamilien und Arbeiterväter im frühen 20. Jahrhundert zwischen traditioneller, sozialdemokratischer und kleinbürgerlicher Orientierung, Frankfurt a.M. 1992; Tenfelde, Arbeiterfamilien. Exemplarisch zur Geschichte der bürgerlichen Familie vgl. Richard J. Evans, Family and Class in the Hamburg Grand Bourgeoisie 1815-1914, in: David Blackbourn/Richard J. Evans (Hrsg.), The German Bourgeoisie. Essays on the Social History of the German Middle Class from the Late Eighteenth to the Early Twentieth Century, London, New York 1991, S. 115-139; Frevert, Familie; Budde, Weg. Exemplarisch zur Frauen- und Geschlechtergeschichte vgl. Irene Stoehr, „Organisierte Mütterlichkeit“. Zur Politik der deutschen Frauenbewegung um 1900, in: Karin Hausen (Hrsg.), Frauen suchen ihre Geschichte. Historische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, München ²1987 (1. Aufl. 1983), S. 225-253; Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt a.M. 1986; Yvonne Schütze, Die gute Mutter. Zur Geschichte des normativen Musters „Mutterliebe“, Bielefeld 1986; Ann Taylor Allen, Feminismus und Mütterlichkeit in Deutschland 1800-1914. Aus dem Amerikanischen von Regine Othmer, Weinheim 2000; Hagemann, Frauenalltag; Cornelie Usborne, Frauenkörper – Volkskörper. Geburtenkontrolle und Bevölkerungspolitik in der Weimarer Republik. Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Gräbener-Müller und Cornelie Usborne, Münster 1994; Christoph Sachße, Mütterlichkeit als Beruf. Sozialarbeit, Sozialreform und Frauenbewegung 1871-1929, Wiesbaden ²1994.

[32] Vgl. Stefan Bajohr, Uneheliche Mütter im Arbeitermilieu. Die Stadt Braunschweig 1900-1930, in: Geschichte und Gesellschaft 7 (1981), H. 3/4, S. 474-506; Mitterauer, Mütter.

[33] Vgl. Sieder, Sozialgeschichte, S. 125-149, S. 183-191; Renate Kastorff-Viehmann, Kleinhaus und Mietskaserne, in: Lutz Niethammer (Hrsg.), Wohnen im Wandel. Beiträge zur Geschichte des Alltags in der bürgerlichen Gesellschaft, Wuppertal 1979, S. 271-291, hier S. 271; Franz-Josef Brüggemeier/Lutz Niethammer, Schlafgänger, Schnapskasinos und schwerindustrielle Kolonie. Aspekte der Arbeiterwohnungsfrage im Ruhrgebiet vor dem Ersten Weltkrieg, in: Jürgen Reulecke/Wolfhard Weber (Hrsg.), Fabrik – Familie – Feierabend. Beiträge zur Geschichte des Alltags im Industriezeitalter, Wuppertal 1978, S. 135-175, bes. S. 152f.

[34] Gestrich, Geschichte, S. 5.

[35] Für diesen Begriff vgl. Brüggemeier/Niethammer, Schlafgänger, S. 153.

[36] Vgl. Tenfelde, Arbeiterfamilien, S. 179; Rosenbaum, Formen, S. 476-483; Gunilla-Friederike Budde, The Family in Imperial Germany, in: Lisa Pine (Hrsg.), The Family in Modern Germany, London u.a. 2020, S. 27-58, hier S. 28.

[37] Vgl. Heidi Rosenbaum, Typen väterlichen Verhaltens. Der Vater in deutschen Arbeiterfamilien am Ausgang des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik, in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie 8 (1988), H. 4, S. 246-263, hier S. 260; Rebecca Heinemann, Familie zwischen Tradition und Emanzipation. Katholische und sozialdemokratische Familienkonzeptionen in der Weimarer Republik, München 2004, S. 136-138.

[38] Sieder, Sozialgeschichte, S. 185 [Hervorhebung des Originals entfernt; C.N.].

[39] Karin Hausen, Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hrsg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 363-393.

[40] Vgl. Sieder, Sozialgeschichte, S. 125-149, S. 183-191; Frevert, Frauen-Geschichte, S. 88.

[41] Vgl. Rosenbaum, Familien; dies., Typen.

[42] Für einen Forschungsüberblick vgl. Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig; Gunilla-Friederike Budde, Alles bleibt anders. Die Institution „Familie“ zwischen 1945 und 1975 im deutsch-deutschen Vergleich, in: Maria Oppen/Dagmar Simon (Hrsg.), Verharrender Wandel. Institutionen und Geschlechterverhältnisse, Berlin 2004, S. 69-98.

[43] Hierbei handelt es sich um eine Beziehungsform, in der Kriegswitwen mit einem neuen Partner zusammenlebten, ohne diesen zu heiraten, um so den Verlust der Kriegswitwenrente zu vermeiden. Daher wurden diese Konstellationen auch „Rentenkonkubinate“ genannt.

[44] Vgl. Buske, Fräulein.

[45] Vgl. exemplarisch Schneider, Familie und private Lebensführung; Niehuss, Familie; Kuller, Familienpolitik; Rosemarie Nave-Herz, Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Darmstadt, 4. Aufl. 2009; Schneider, Hausväteridylle; Budde, Frauen.

[46] Vgl. Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980, Göttingen 2002.

[47] Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 25., völlig neu bearbeitete und erweiterte Aufl., hrsg. von der Dudenredaktion, auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Rechtschreibregeln, Mannheim u.a. 2009, S., 889.

[48] Vgl. Neumaier, Familie, S. 6-8. Siehe auch Schneider, Familie (1994), S. 14f.; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 17; Mitterauer, Mütter; Buske, Fräulein; Benno Gammerl, Anders fühlen. Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte, München 2021, S. 231 u. S. 263; Michael Homberg/Christopher Neumaier, Die Grenzen der Beziehungen. Nichteheliche Lebensgemeinschaften in Ost- und Westdeutschland, 1970er bis 1990er Jahre, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 3, S. 483-513, hier S. 504-507.

[49] Vgl. Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland. Dritter Familienbericht. Bericht der Sachverständigenkommission der Bundesregierung, Bonn 1979, S. 153; Wolfgang Seifert, Migration. Vom Gastarbeiter zum Menschen mit Migrationshintergrund, in: Stefan Hradil (Hrsg.), Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde. In Zusammenarbeit mit Adalbert Hepp, Bonn 2012, S. 67-94, bes. S. 72; Peuckert, Familienformen, S. 164-171; Helen Baykara-Krumme, Migrantenfamilien, in: Arránz Becker/Hank/Steinbach (Hrsg.), Handbuch, S. 757-782; Bundeszentrale für politische Bildung, kurz&knapp: Bevölkerung mit Migrationshintergrund, 07.07.2025, https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61646/bevoelkerung-mit-migrationshintergrund/ [10.04.2026].

[50] Vgl. Christoph Lorke, Liebe verwalten. „Ausländerehen“ in Deutschland 1870-1975, Paderborn 2020; ders., Binationale Paarbeziehungen und Eheschließungen im geteilten Deutschland. Praktiken, Deutungen und Agency, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 3, S. 394-427; Lauren Stokes, Fear of the Family. Guest Workers and Family Migration in the Federal Republik of Germany, New York 2022; Peuckert, Familienformen, S. 43-53. Zur Geschichte der Migranten und deren Familien in Deutschland vgl. exemplarisch Maria Alexopoulou, Deutschland und die Migration. Geschichte einer Einwanderungsgesellschaft wider Willen, Ditzingen 2020; Monika Mattes, „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik“. Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren, Frankfurt a.M./New York 2005; Jennifer A. Miller, Turkish Guest Workers in Germany. Hidden Lives and Contested Borders, 1960s-1980s, Toronto, Buffalo, London 2018.

[51] Alois Herlth/Franz-Xaver Kaufmann, Zur Einführung. Familiale Probleme und sozialpolitische Intervention, in: Franz-Xaver Kaufmann (Hrsg.), Staatliche Sozialpolitik und Familie, München 1982, S. 1-22, hier S. 5 [Entfernung d. Hvh. im Original, C.N.].

[52] Kurt Lüscher, Moderne familiale Lebensformen als Herausforderung der Soziologie, in: Burkart Lutz (Hrsg.), Soziologie und gesellschaftliche Entwicklung. Verhandlungen des 22. Deutschen Soziologentages in Dortmund 1984, Frankfurt a.M./New York 1985, S. 110-127, hier S. 110.

[53] Peuckert, Familienformen, S. 228.

[54] Norbert F. Schneider, Pluralisierung der Lebensformen. Fakt oder Fiktion?, in: Zeitschrift für Familienforschung 13 (2001), H. 2, S. 85-90, S. 88, online https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/29101 [10.04.2026].

[55] Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 488.

[56] Vgl. Homberg/Neumaier, Grenzen, S. 487-495.

[57] Ferdinand Mößmer, Eherecht (1. Teil: Eheschließung und Ehescheidung), München 1931, S. 3.

[58] Vgl. Johannes Hürter/Andreas Wirsching, Editorial, in: Annemone Christians, Das Private vor Gericht. Verhandlungen des Eigenen in der nationalsozialistischen Rechtspraxis, Göttingen 2020, S. 7-9 [Zitat S. 7].

[59] Gabriele Czarnowski, Das kontrollierte Paar. Ehe- und Sexualpolitik im Nationalsozialismus, Weinheim 1991.

[60] Vgl. Arno Klönne, Widersprüche der HJ-Sozialisation, in: Ulrich Herrmann (Hrsg.), „Die Formung des Volksgenossen“. Der „Erziehungsstaat“ des Dritten Reiches, Weinheim, Basel 1985, S. 206-215; André Postert, Die Hitlerjugend. Geschichte einer überforderten Massenorganisation, Göttingen 2021; Gisela Miller-Kipp, „Totale Erziehung“ im nationalsozialistischen Deutschland. Die Hitler-Jugend, in: Klaus-Peter Horn u.a. (Hrsg.), Pädagogik im Militarismus und im Nationalsozialismus. Japan und Deutschland im Vergleich, Bad Heilbrunn 2006, S. 207-226.

[61] Vgl. Mouton, Nurturing, S. 48; Hester Vaizey, Surviving Hitler΄s War. Family Life in Germany, 1939-48, Basingstoke 2010, S. 22-35; Heineman, Difference, S. 73.

[62] Gestrich, Geschichte, S. 8.

[63] Zur NS-Familien- und NS-Bevölkerungspolitik und zum NS-Familienrecht vgl. Dieter Schwab, Entwicklungen im Familienrecht vor und nach 1945, in: Manfred Görtemaker/Christoph Safferling (Hrsg.), Die Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Vergangenheit – eine Bestandsaufnahme, Göttingen 2013, S. 296-326; Werner Schubert, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Familienrechtsausschuß. Unterausschuß für eheliches Güterrecht, Berlin/New York 1989, S. 1-54; Pine, Nazi Family Policy; Claus Mühlfeld/Friedrich Schönweis, Nationalsozialistische Familienpolitik. Familiensoziologische Analyse der nationalsozialistischen Familienpolitik, Stuttgart 1989; Lisa Pine, „The Germ Cell of the Nation“. The Family in the Third Reich, in: dies. (Hrsg.), The Family in Modern Germany, London u.a. 2020, S. 91-116.

[64] Vgl. Pine, Germ Cell, S. 94; Gisela Bock, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik, Münster 22010 (1. Aufl. 1986), S. 153-158, online https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/23087/Zwangssterilisation_im_Nationalsozialismus.pdf [10.04.2026].

[65] Kundrus, Kriegerfrauen, S. 232.

[66] Vgl. Mühlfeld/Schönweis, Familienpolitik, S. 161-186; Merith Niehuss, Familie und Geschlechterbeziehungen von der Zwischenkriegszeit bis in die Nachkriegszeit, in: Anselm Doering-Manteuffel (Hrsg.), Strukturmerkmale der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner, München 2006, S. 147-165, hier S. 151; Lothar Gruchmann, „Blutschutzgesetz“ und Justiz. Zu Entstehung und Auswirkung des Nürnberger Gesetzes vom 15. September 1935, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 31 (1983), H. 3, S. 418-442, hier S. 432, online https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1983_3_3_gruchmann.pdf [10.04.2026]; Bock, Zwangssterilisation, S. 82-104; Gabriele Czarnowski, „Der Wert der Ehe für die Volksgemeinschaft“. Frauen und Männer in der nationalsozialistischen Ehepolitik, in: Kirsten Heinsohn/Barbara Vogel/Ulrike Weckel (Hrsg.), Zwischen Karriere und Verfolgung. Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland, Frankfurt a.M./New York 1997, S. 78-95, hier S. 80f.; Dorothee Klinksiek, Die Frau im NS-Staat, Stuttgart 1982, S. 72-76; Pine, Germ Cell, S. 104.

[67] Gestrich, Geschichte, S. 8.

[68] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 199f.

[69] Klinksiek, Frau, S. 35.

[70] Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 334-341; Pine, Germ Cell, S. 105-107.

[71] Vgl. Dagmar Herzog, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer und Anne Emmert, München 2005.

[72] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 202, 250f.

[73] Christians, Das Private vor Gericht, S. 107.

[74] Vgl. Blasius, Ehescheidung, S. 208; Lothar Gruchmann, Das Ehegesetz vom 6. Juli 1938. Entstehung und Beurteilung, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 11 (1989), S. 63-83, hier S. 66f.

[75] Vgl. Czarnowski, Wert, S. 86 [Zitat], 88; Gruchmann, Ehegesetz, S. 79; Blasius, Ehescheidung, S. 207-209; Schwab, Entwicklungen, S. 305-309.

[76] Blasius, Ehescheidung, S. 208.

[77] Czarnowski, Wert, S. 84.

[78] Vgl. Gisela Bock, Frauen und ihre Arbeit im Nationalsozialismus, in: Annette Kuhn/Gerhard Schneider (Hrsg.), Frauen in der Geschichte, Bd. 1: Frauenrechte und die gesellschaftliche Arbeit der Frauen im Wandel. Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Studien zur Geschichte der Frauen, Düsseldorf 1979, S. 113-149, hier S. 117f.; Bock, Zwangssterilisation, S. 158-160; Klinksiek, Frau, S. 87-90; Pine, Germ Cell, S. 93.

[79] Vgl. Czarnowski, Paar, S. 103-105; Mouton, Nurturing, S. 57-62, S. 139-149.

[80] Frevert, Frauen-Geschichte, S. 226. Siehe auch Nicole Kramer, Haushalt, Betrieb, Ehrenamt. Zu den verschiedenen Dimensionen der Frauenarbeit im Dritten Reich, in: Marc Buggeln/Michael Wildt (Hrsg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014, S. 33-58, bes. S. 43.

[81] Vgl. Mouton, Nurturing, S. 116-139; Frevert, Frauen-Geschichte, S. 226f.; Irmgard Weyrather, Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die „deutsche Mutter“ im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1993, S.18-39; Klaus-Jörg Ruhl, Brauner Alltag. 1933-1939 in Deutschland, Düsseldorf 1990, S. 60f.

[82] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 219f.; Mouton, Nurturing, S. 124-130; Birthe Kundrus, Frauen und Nationalsozialismus. Überlegungen zum Stand der Forschung, in: Archiv für Sozialgeschichte 36 (1996), S. 481-499, hier S. 496f., online https://collections.fes.de/archiv-fuer-sozialgeschichte/periodical/titleinfo/1388930 [10.04.2026]; Pine, Germ Cell, S. 94.

[83] Vgl. Pine, Germ Cell, S. 101-103; Bock, Zwangssterilisation, S. 126f.; Klinksiek, Frau, S. 96-98.

[84] Vgl. Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig, S. 318f.; Nicole Kramer, Volksgenossinnen an der Heimatfront. Mobilisierung, Verhalten, Erinnerung, Göttingen 2011, S. 22f.

[85] Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig, S. 318. Für die Argumentation in der Auseinandersetzung vgl. Claudia Koonz, Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich. Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder von der Tann, Reinbek bei Hamburg 1994; Bock, Zwangssterilisation; Gisela Bock, Die Frauen und der Nationalsozialismus. Bemerkungen zu einem Buch von Claudia Koonz, in: Geschichte und Gesellschaft 15 (1989), H. 4, S. 563-579; Claudia Koonz, Erwiderung auf Gisela Bocks Rezension von „Mothers in the Fatherland“, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1992), S. 394-399; Gisela Bock, Ein Historikerinnenstreit?, in: Geschichte und Gesellschaft 18 (1992), H. 3, S. 400-404; Gisela Bock, Gleichheit und Differenz in der nationalsozialistischen Rassenpolitik, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 277-310.

[86] Vgl. Atina Grossmann, Feminist Debates about Women and National Socialism, in: Gender & History 3 (1991), H. 1, S. 350-358, hier S. 350-353; Dagmar Reese/Carola Sachse, Frauenforschung und Nationalsozialismus. Eine Bilanz, in: Lerke Gravenhorst/Carmen Tatschmurat (Hrsg.), Töchter-Fragen. NS-Frauen-Geschichte, Freiburg im Breisgau 1990, S. 73-106; Elizabeth Harvey, „Der Osten braucht dich!“. Frauen und nationalsozialistische Germanisierungspolitik, Hamburg 2010; Franka Maubach, Die Stellung halten. Kriegserfahrungen und Lebensgeschichten von Wehrmachthelferinnen, Göttingen 2009; Kramer, Volksgenossinnen.

[87] Buske, Fräulein, S. 174.

[88] Vgl. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 233, 362f.; Cornelia Essner/Edouard Conte, „Fernehe“, „Leichentrauung“ und „Totenscheidung“. Metamorphosen des Eherechts im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44 (1996), H. 2, S. 201-227, hier S. 208-221, online https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1996_2_2_essner.pdf 10.04.2026]; Buske, Fräulein, S. 173f.

[89] Christian Packheiser, Heimaturlaub. Soldaten zwischen Front, Familie und NS-Regime, Göttingen 2020, S. 12.

[90] Vgl. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 369-373; Mouton, Nurturing, S. 63f.; Packheiser, Heimaturlaub, S. 392.

[91] Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 259.

[92] Vgl. Vaizey, Surviving, S. 77f.

[93] Mouton, Nurturing, S. 63.

[94] Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 274. Siehe auch Budde, Alles bleibt anders, S. 73f.

[95] Svenja Goltermann, Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg, München 2009, S. 129-162. Zur Herleitung vgl. Vera Neumann, Nicht der Rede wert. Die Privatisierung der Kriegsfolgen in der frühen Bundesrepublik. Lebensgeschichtliche Erinnerungen. Mit einem Vorwort von Lutz Niethammer, Münster 1999.

[96] Für diese Argumentation vgl. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 369-373; Sibylle Meyer/Eva Schulze, Auswirkungen des II. Weltkriegs auf Familien. Zum Wandel der Familie in Deutschland, Berlin 1989, S. 203, S. 257-273; Sibylle Meyer/Eva Schulze, Krieg im Frieden. Veränderungen des Geschlechterverhältnisses untersucht am Beispiel familiärer Konflikte nach 1945, in: Jutta Dalhoff/Uschi Frey/Ingrid Schöll (Hrsg.), Frauenmacht in der Geschichte. Beiträge des Historikerinnentreffens 1985 zur Frauengeschichtsforschung, Düsseldorf 1986, S. 184-193, bes. S. 185; Sibylle Meyer/Eva Schulze, „Als wir wieder zusammen waren, ging der Krieg im Kleinen weiter“. Frauen, Männer und Familien im Berlin der vierziger Jahre, in: Lutz Niethammer/Alexander von Plato (Hrsg.), „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960. Bd. 3, Bonn 1985, S. 305-326, bes. S. 306f.; Niehuss, Familie, S. 106; Hanna Schissler, „Normalization“ as Project. Some Thoughts on Gender Relations in West Germany During the 1950s, in: Hanna Schissler (Hrsg.), The Miracle Years. A Cultural History of West Germany, 1949-1968, Princeton, Oxford 2001, S. 359-375, bes. S. 361f.; Frank Werner, „Es ist alles verkehrt in der Welt“. Eine Ehe als Leistungsgemeinschaft im Krieg, in: Klaus Latzel/Elissa Mailänder/Franka Maubach (Hrsg.), Geschlechterbeziehungen und „Volksgemeinschaft“, Göttingen 2018, S. 175-196.

[97] Vgl. Lu Seegers, „Vati blieb im Krieg“. Vaterlosigkeit als generationelle Erfahrung im 20. Jahrhundert – Deutschland und Polen, Göttingen 2013, S. 9-11. Zu den Erfahrungen der Kriegerwitwen vgl. Anna Schnädelbach, Kriegerwitwen. Lebensbewältigung zwischen Arbeit und Familie in Westdeutschland nach 1945, Frankfurt a.M./New York 2009.

[98] Vgl. Moeller, Mütter, S. 12-19; Gunilla-Friederike Budde, How Long Did „Women’s Finest Hour“ Last? German Women’s Situation and Experiences between 1945 and 1995, in: Sue Bridger (Hrsg.), Women and Political Change. Perspectives from East-Central Europe. Selected Papers from the Fifth World Congress of Central and East European Studies, Warsaw 1995, Basingstoke, Hampshire 1999, S. 43-59; Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig, S. 325. Rassismen bestanden gleichwohl auch nach 1945 fort, wie Heide Fehrenbach am Beispiel „farbiger Besatzungskinder“ aufzeigt. Vgl. Heide Fehrenbach, „Ami-Liebchen“ und „Mischlingskinder“. Rasse, Geschlecht und Kultur in der deutsch-amerikanischen Begegnung, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 178-205; Heide Fehrenbach, Of German Mothers and „Negermischlingskinder“. Race, Sex, and the Postwar Nation, in: Hanna Schissler (Hrsg.), The Miracle Years. A Cultural History of West Germany, 1949–1968, Princeton, Oxford 2001, S. 164-186; Heide Fehrenbach, Race after Hitler. Black Occupation Children in Postwar Germany and America, Princeton/Oxford 2005.

[99] Vgl. Rölli-Alkemper, Familie; Schneider, Hausväteridylle; Matthias Daufratshofer, Das päpstliche Lehramt auf dem Prüfstand der Geschichte. Franz Hürth SJ als „Holy Ghostwriter“ von Pius XI. und Pius XII., Freiburg u.a. 2021, S. 57-306.

[100] Vgl. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 26, S. 417.

[101] Vgl. Daniel, Arbeiterfrauen, S. 256-272.

[102] Andreas Gestrich, Neuzeit, in: Andreas Gestrich/Jens-Uwe Krause/Michael Mitterauer (Hrsg.), Geschichte der Familie, Stuttgart 2003, S. 364-652, hier S. 521.

[103] Vgl. John E. Knodel, The Decline of Fertility in Germany, 1871-1939, Princeton 1974; James Woycke, Birth Control in Germany 1871-1933, London/New York 1988; Adelheid Gräfin zu Castell Rüdenhausen, Die demographischen Konsequenzen des Ersten und Zweiten Weltkriegs für das Deutsche Reich, die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik, in: Waclaw Długoborski (Hrsg.), Zweiter Weltkrieg und sozialer Wandel. Achsenmächte und besetzte Länder, Göttingen 1981, S. 117-137; Peter Marschalck, Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1984, S. 148; Richard Bessel, Germany after the First World War, Oxford 1995, S. 224-228. Zur demografischen Entwicklung allgemein vgl. Dienel, Kinderzahl; Josef Ehmer, Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1800-2010, München ²2013; Rainer Mackensen (Hrsg.), Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik vor 1933. Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft und der Johann Peter Süßmilch-Gesellschaft für Demographie, mit Unterstützung des Max Planck-Instituts für demographische Forschung, Rostock, Opladen 2002; Rainer Mackensen (Hrsg.), Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik im „Dritten Reich“, Opladen 2004; Rainer Mackensen/Jürgen Reulecke/Josef Ehmer (Hrsg.), Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Wiesbaden 2009; Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München ³2000.

[104] Daniel, Arbeiterfrauen, S. 265.

[105] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 72-76, S. 151-154; Blasius, Ehescheidung, S. 157f.; Daniel, Arbeiterfrauen, S. 259-265.

[106] Vgl. Ritter/Tenfelde, Arbeiter, S. 598-603, S. 636f.; Hagemann, Frauenalltag, S. 307; Adelheid von Saldern, Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute, Bonn 1996, S. 85, 133f.

[107] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 96-98.

[108] Isabel Heinemann/Martina Steber, Geschlecht und Demokratie. Deutungskämpfe und die Ordnung der Gesellschaft in der Bundesrepublik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 69 (2021), H. 4, S. 669-678, hier S. 669, online https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2021_4_4_heinemann.pdf [10.04.2026].

[109] Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig, S. 322.

[110] Merith Niehuss, Kontinuität und Wandel der Familie in den 50er Jahren, in: Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hrsg.), Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1998, S. 316-334, bes. S. 334.

[111] Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme, Stuttgart ³1955 (1. Aufl. 1953), S. 13 [Hervorhebung des Originals entfernt; C.N.].

[112] Vgl. Schissler, Normalization.

[113] Vgl. Moeller, Mütter; Niehuss, Familie; Budde, Alles bleibt anders; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 285, S. 312-317.

[114] Vgl. Elizabeth D. Heineman, The Hour of the Woman. Memories of Germany΄s „Crisis Years“ and West German National Identity, in: The American Historical Review 101 (1996), H. 2, S. 354-395; Elizabeth D. Heineman, Die Stunde der Frauen. Erinnerungen an Deutschlands „Krisenjahre“ und westdeutsche nationale Identität, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 149-177.

[115] Vgl. Heinemann/Steber, Geschlecht; Paulus/Silies/Wolff (Hrsg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte.

[116] Vgl. Heinemann, Familie als Keimzelle; Buske, Fräulein; Schnädelbach, Kriegerwitwen; Seegers, Vati; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 300-312.

[117] Vgl. Peuckert, Familienformen, S. 2; Trutz von Trotha, Zum Wandel der Familie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 42 (1990), H. 3, S. 452-473, hier S. 453; Sieder, Sozialgeschichte, S. 243; Christopher Neumaier, Der Niedergang der christlichen Familien? Das Wechselspiel zwischen zeitgenössischen Wahrnehmungen und Praktiken der Lebensführung, in: Claudia Lepp/Harry Oelke/Detlef Pollack (Hrsg.), Religion und Lebensführung im Umbruch der langen 1960er Jahre, Göttingen 2016, S. 213-236, bes. S. 217f.; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 329-356; Eva-Maria Silies, Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960-1980, Göttingen 2010. Bisweilen wird auch vom „golden age of the family“ gesprochen. Vgl. Heinemann, Familie in den Vereinigten Staaten, S. 110.

[118] Vgl. Raphael Rössel, Behinderung, Version 1.0 (08.07.2025], in: Müller/Picht/Schmieder (Hrsg.), Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen, https://doi.org/10.31267/Grundbegriffe_58293635 [10.04.2026]; Raphael Rössel/Pia Schmüser, Krise, Prüfung, Selbstfindungschance? Kindliche Behinderung als Herausforderung ost- und westdeutscher Paarbeziehungen in den langen 1970er Jahren, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 3, S. 367-393; Raphael Rössel, Belastete Familien? Eine Alltagsgeschichte westdeutscher Haushalte mit behinderten Kindern (1945-1990), Frankfurt a.M./New York 2022.

[119] Zur Geschichte der Familienpolitik vgl. v.a. Kuller, Familienpolitik. Zur Ergänzung vgl. Ursula Münch, Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Maßnahmen, Defizite, Organisation familienpolitischer Staatstätigkeit, Freiburg im Breisgau 1990; Astrid Joosten, Die Frau, das „segenspendende Herz der Familie“. Familienpolitik als Frauenpolitik in der Ära Adenauer, Bamberg 1990; David Schumann, Bauarbeiten am Fundament der Gesellschaft. Christdemokratische Familienpolitik in der Ära Kohl (1973-1998), Hamburg 2014.

[120] Vgl. Gesine Obertreis, Familienpolitik in der DDR 1945-1980, Opladen 1986, S. 2-5; Michael Schwartz, Emanzipation zur sozialen Nützlichkeit. Bedingungen und Grenzen von Frauenpolitik in der DDR, in: Dierk Hoffmann/Michael Schwartz (Hrsg.), Sozialstaatlichkeit in der DDR. Sozialpolitische Entwicklungen im Spannungsfeld von Diktatur und Gesellschaft 1945/49-1989, München 2005, S. 47-87, bes. S. 51-65; Heike Trappe, Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik, Berlin 1995, S. 37-39; Susanne Diemer, Patriarchalismus in der DDR. Strukturelle, kulturelle und subjektive Dimensionen der Geschlechterpolarisierung, Opladen 1994, S. 109f.

[121] Vgl. Budde, Frauen, S. 308-311.

[122] Vgl. Kuller, Familienpolitik, S. 76-78; Christopher Neumaier, Hausfrau, Berufstätige, Mutter? Frauen im geteilten Deutschland, Berlin 2022, S. 14. Zur Entwicklung der Berufsarbeit von ledigen Frauen sowie von Ehefrauen und Müttern vgl. Gunilla-Friederike Budde (Hrsg.), Frauen arbeiten. Weibliche Erwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland nach 1945, Göttingen 1997, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00049348?page=,1; Christine von Oertzen, Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen. Geschlechterpolitik und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland 1948-1969, Göttingen 1999, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00046503?page=,1 [beide 10.04.2026].

[123] Thomas Großbölting, Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013, S. 93. Ähnlich bei Rölli-Alkemper, Familie, S. 237.

[124] Vgl. Till van Rahden, Demokratie und väterliche Autorität. Das Karlsruher „Stichentscheid“-Urteil von 1959 in der politischen Kultur der frühen Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen 2 (2005), H. 2, S. 160-179, online https://zeithistorische-forschungen.de/2-2005/4645 [10.04.2026]; Till van Rahden, Wie Vati die Demokratie lernte. Religion, Familie und die Frage der Autorität in der frühen Bundesrepublik, in: Daniel Fulda u.a. (Hrsg.), Demokratie im Schatten der Gewalt. Geschichten des Privaten im deutschen Nachkrieg, Göttingen 2010, S. 122-151.

[125] Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Leitsätze und Grundsätze, in: Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Hrsg.), Familienpolitik der SPD. Zweiter Entwurf vorgelegt vom Familienpolitischen Ausschuß der SPD, Bonn 1975, S. 5-6, hier S. 5.

[126] Vgl. Kuller, Familienpolitik, S. 124; Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 424f.

[127] Vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 372f.; Ursula Münch, Familienpolitik, in: Martin H. Geyer (Hrsg.), Bundesrepublik Deutschland 1974-1982. Neue Herausforderungen, wachsende Unsicherheiten, Baden-Baden 2008, S. 640-666, bes. S. 658f.

[128] Vgl. Budde, Alles bleibt anders, S. 83-86; Budde, Frauen, S. 311-317; Schneider, Familie und private Lebensführung, S. 51; Anja Schröter, Ostdeutsche Ehen vor Gericht. Scheidungspraxis im Umbruch 1980-2000, Berlin 2018, S. 45-47; Eva Schäffler, Paarbeziehungen in Ostdeutschland. Auf dem Weg vom Real- zum Postsozialismus, Wiesbaden 2017, S. 111f., S. 279-284; Gisela Helwig, Familienpolitik, in: Christoph Boyer/Klaus-Dietmar Henke/Peter Skyba (Hrsg.), Deutsche Demokratische Republik 1971-1989. Bewegung in der Sozialpolitik, Erstarrung und Niedergang, Baden-Baden 2008, S. 474-507, hier S. 490-492.

[129] Vgl. Tim Schanetzky, Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Expertise und Gesellschaft in der Bundesrepublik 1966 bis 1982, Berlin 2007; Alexander Nützenadel, Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974, Göttingen 2005, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00049950?page=,1 [10.04.2026].

[130] Rüdiger Graf, Einleitung. Ökonomisierung als Schlagwort und Forschungsgegenstand, in: ders. (Hrsg.), Ökonomisierung. Debatten und Praktiken in der Zeitgeschichte, Göttingen 2019, S. 9-25, hier S. 9.

[131] Vgl. Richard Swedberg, Economics and Sociology. Redefining their Boundaries: Conversations with Economists and Sociologists, Princeton 1990, S. 27-29; Norman Braun/Tobias Wolbring, Ende der Ökonomisierung?, in: Soziale Welt 63 (2012), H. 4, S. 379-400, hier S. 386; Shoshana Grossbard, The New Home Economics at Columbia and Chicago, in: Shoshana Grossbard (Hrsg.), Jacob Mincer. A Pioneer of Modern Labor Economics, Boston 2006, S. 37-49; Paul B. Hill/Johannes Kopp, Gary S. Becker – Zur Bedeutung seiner familienökonomischen Beiträge, in: Rosemarie Nave-Herz (Hrsg.), Die Geschichte der Familiensoziologie in Portraits, Würzburg ²2016, S. 335-356.

[132] Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a.M., 6. Aufl. 2016 (1. Aufl. 2007), S. 86-88; Edward P. Lazear, Economic Imperialism, in: The Quarterly Journal of Economics 115 (2000), H. 1, S. 99-146.

[133] Christopher Neumaier, Die ökonomische Erklärung familialen Verhaltens. Gary Beckers Ansatz der New Home Economics und seine Kritiker, in: Graf (Hrsg.), Ökonomisierung, S. 337-359, bes. S. 346.

[134] Vgl. exemplarisch Gary S. Becker, An Economic Analysis of Fertility, in: Conference of the Universities-National Bureau Committee for Economic Research (Hrsg.), Demographic and Economic Change in Developed Countries, Princeton 1960, S. 209-240; Gary S. Becker, A Theory of the Allocation of Time, in: The Economic Journal 75 (1965), H. 299, S. 493-517; Gary S. Becker, A Theory of Marriage: Part I, in: Journal of Political Economy 81 (1973), H. 4, S. 813-846; Gary S. Becker, A Theory of Marriage: Part II, in: Journal of Political Economy 82 (1974), H. 2, S. 11-26; Gary S. Becker, A Treatise on the Family, Cambridge, Mass./London 21993 (1. Aufl. 1981); Gary S. Becker, Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen 1982.

[135] Vgl. Hill/Kopp, Familiensoziologie, S. 94-98; Christina Boll, Die Familie aus der Perspektive der Wirtschaftswissenschaften, in: Wonneberger/Weidtmann/Stelzig-Willutzki (Hrsg.), Familienwissenschaft, S. 315-349, bes. S. 316.

[136] Vgl. exemplarisch Christina Boll u.a., Geburten und Kinderwünsche in Deutschland. Bestandsaufnahme, Einflussfaktoren und Datenquellen. Gutachten für die Prognos AG, Mannheim 2013, S. 55-100, online https://www.zew.de/fileadmin/FTP/gutachten/TeilstudieFertilitaet2013.pdf [10.04.2026].

[137] Vgl. Neumaier, Erklärung, S. 339-341; Boll, Familie, S. 338-343.

[138] Zur Quantifizierung vgl. Steffen Mau, Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Berlin 2017.

[139] Vgl. exemplarisch Valerie K. Oppenheimer, Women’s Employment and the Gain of Marriage. The Specialization and Trading Model, in: Annual Review of Sociology 30 (1997), S. 431-453; Julie A. Nelson, Feminism and Economics, in: The Journal of Economic Perspectives 9 (1995), H. 2, S. 131-148; Alan S. Blinder, The Economics of Brushing Teeth, in: Journal of Political Economy 82 (1974), H. 4, S. 887-891; Barbara Bergmann, Becker’s Theory of the Family: Preposterous Conclusions, in: Feminist Economics 1 (1995), H. 1, S. 141-150; Richard A. Berk/Sarah Fenstermaker Berk, Supply-Side Sociology of the Family: The Challenge of the New Home Economics, in: Annual Review of Sociology 9 (1983), S. 375-395; Paula England/Michelle J. Budig, Gary Becker on the Family. His Genius, Impact, and Blind Spots, in: Dan Clawson (Hrsg.), Required Readings. Sociology’s Most Influential Books, Amherst 1997, S. 95-111; Daniela Klaus/Anja Steinbach, Determinanten innerfamilialer Arbeitsteilung. Eine Betrachtung im Längsschnitt, in: Zeitschrift für Familienforschung 14 (2002), H. 11, S. 21-43, online https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28252 [10.04.2026]; Julie Brines, Economic Dependency, Gender, and the Division of Labor at Home, in: American Journal of Sociology 100 (1994), H. 3, S. 652-688; Florian Schulz/Hans-Peter Blossfeld, Wie verändert sich die häusliche Arbeitsteilung im Eheverlauf? Eine Längsschnittstudie der ersten 14 Ehejahre in Westdeutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 58 (2006), H. 1, S. 23-49; Klaus Haberkern, Zeitverwendung und Arbeitsteilung in Paarhaushalten, in: Zeitschrift für Familienforschung 19 (2007), H. 2, S. 159-185; Notburga Ott, Intrafamily Bargaining and Household Decisions, Berlin u.a. 1992; dies., Der familienökonomische Ansatz von Gary S. Becker, in: Ingo Pies/Martin Leschke (Hrsg.), Gary Beckers ökonomischer Imperialismus, Tübingen 1998, 63-90.

[140] Vgl. Neumaier, Erklärung, S. 342-349; Boll, Familie, S. 325-327.

[141] Vgl. exemplarisch Blasius, Ehescheidung; Dieter Schwab, Familienrecht, München 1980; ders., Familienrecht, München, 31. Aufl. 2023.

[142] Vgl. hierzu ebenfalls Tanja-Carina Riedel, Gleiches Recht für Frau und Mann. Die bürgerliche Frauenbewegung und die Entstehung des BGB, Köln, Weimar ua. 2008; Dieter Schwab, Gleichberechtigung und Familienrecht im 20. Jahrhundert, in: Ute Gerhard (Hrsg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, S. 790-827.

[143] Vgl. Wienfort, Geschichte, S. 93; Gestrich, Geschichte, S. 29f; Tenfelde, Arbeiterfamilien, S. 183f.; Buske, Fräulein, S. 32f.

[144] Wienfort, Geschichte, S. 248.

[145] Vgl. BGB (1900), in: William H. Hubbard (Hrsg.), Familiengeschichte. Materialien zur deutschen Familie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, München 1983, S. 51-53; Ute Gerhard, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Unter Mitarbeit von Ulla Wischermann, Reinbek bei Hamburg 1991; Ute Gerhard, Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, München ²2012; Barbara Greven-Aschoff, Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland 1894-1933, Göttingen 1981, online https://digitale-sammlungen.de/de/details/bsb00052495; Regina Illemann, Katholische Frauenbewegung in Deutschland 1945-1962. Politik, Geschlecht und Religiosität im Katholischen Deutschen Frauenbund, Paderborn 2016; Riedel, Recht; Rosemarie Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Opladen, 4. Aufl. 1994. Gegen die emanzipatorischen Ziele der Frauenbewegung richtete sich im Kaiserreich ein rigoroser „antifeministische[r] Diskurs“. Vgl. Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität, Göttingen 1998, S. 12, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00044389?page=,1 [beide 10.04.2026].

[146] Vgl. Buske, Fräulein, S. 328-345; Werner Schubert (Hrsg.), Die Projekte der Weimarer Republik zur Reform des Nichtehelichen-, des Adoptions- und des Ehescheidungsrechts, Paderborn u.a. 1986; Werner Schubert (Hrsg.), Die Reform des Nichtehelichenrechts (1961-1969). Entstehung und Quellen des Gesetzes über die Rechtsstellung der nichtehelichen Kinder vom 19.8.1969, Paderborn u.a. 2003, online https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00045369?page=,1 [10.04.2026].

[147] Vgl. Christopher Neumaier, Ringen um Familienwerte. Die Reform des Ehescheidungsrechts in den 1960er/70er Jahren, in: Bernhard Dietz/Christopher Neumaier/Andreas Rödder (Hrsg.), Gab es den Wertewandel? Neue Forschungen zum gesellschaftlich-kulturellen Wandel seit den 1960er Jahren, München 2014, S. 201-225; Christopher Neumaier, Jenseits eines Kompromisses? Kontroversen um das Familienrecht und die Ordnung der westdeutschen Gesellschaft (1975-1985), in: Martin Löhnig (Hrsg.), Scheidung ohne Schuld? Genese und Auswirkungen der Eherechtsreform 1977, Tübingen 2019, S. 39-59.

[148] Vgl. Ute Frevert, Umbruch der Geschlechterverhältnisse? Die 60er Jahre als geschlechterpolitischer Experimentierraum, in: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 642-660, bes. S. 643f.; Schwab, Gleichberechtigung, S. 810f.; Ruhl, Unterordnung, S. 259f. Insbesondere auch Heinemann/Steber, Geschlecht.

[149] Vgl. Hannah Catherine Davies, Rechtsstaat und Patriarchat. Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997, Hamburg 2025.

[150] Vgl. Obertreis, Familienpolitik, S. 2-6; Trappe, Emanzipation, S. 37-39; Budde, Frauen, S. 309f.; Harsch, Revenge, S. 133.

[151] Vgl. exemplarisch Moeller, Mütter; Ruhl, Unterordnung.

[152] Vgl. Schneider, Hausväteridylle; Schröter, Ehen, S. 53f.

[153] Vgl. Obertreis, Familienpolitik, S. 134; Budde, Alles bleibt anders, S. 70-72, S. 80; Gisela Helwig, Gleiche Rechte – doppelte Pflichten, in: Gisela Helwig (Hrsg.), Rückblicke auf die DDR. Festschrift für Ilse Spittmann-Rühle, Köln 1995, S. 197-207, bes. S. 198; Harsch, Revenge, S. 199.

[154] Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik vom 20. Dezember 1965, in: Kanzlei des Staatsrates der DDR (Hrsg.), Ein glückliches Familienleben – Anliegen des Familiengesetzbuches der DDR. Familiengesetzbuch der DDR und Einführungsgesetz zum Familiengesetzbuch der DDR sowie Auszüge aus der Begründung und der Diskussion zum Familiengesetzbuch in der 17. Sitzung der Volkskammer der DDR vom 20. Dezember 1965 und der 22. Sitzung des Staatsrates der DDR vom 26. November 1965, Berlin (Ost) 1965, S. 113-169, bes. S. 117.

[155] Für eine Zusammenfassung der Forschung zum Familiengesetzbuch vgl. Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert, S. 359-372.

[156] Ebd., S. 19.

[157] Vgl. ebd., S. 404-409.

[158] Vgl. Peuckert, Familienformen, S. 429-466.