Zierenberg stadtgeschichte v1 de 2016

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Stadtgeschichte
Das 20. Jahrhundert lässt sich als „urban century” begreifen. Doch besteht bei aller Forschungsdynamik nicht wirklich ein Konsens darüber, was das Feld jenseits seines Gegenstandsbezugs eigentlich zusammenhält. Warum sind Städte gerade in jüngster Zeit zu immer prominenteren Gegenständen der Forschung geworden? Malte Zierenberg stellt Definitionsansätze vor, die zu klären versuchen, was die Stadtgeschichte eigentlich ausmacht, beschreibt interdisziplinäre Einflüsse, die für die moderne Stadtgeschichtsschreibung von Beginn an wichtig waren, und gibt einen Überblick zu aktuellen Forschungsthemen und Begriffen.
Stadtgeschichte

von Malte Zierenberg

Warum gibt es für das 20. Jahrhundert so viele Stadt- und so wenige Dorfgeschichten?[1] Die Frage mag merkwürdig klingen. Schließlich liegt mindestens eine Antwort auf der Hand: Die Stadt als Lebensraum und Infrastruktur wurde mit der Urbanisierung seit dem 19. Jahrhundert immer wichtiger. Kein Wunder also, dass die Forschung diesem Prozess Rechnung trägt? So einfach liegen die Dinge nicht. Denn auch die stadthistorische Forschung unterlag Konjunkturen, die sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung ihres Gegenstands ableiten lassen. Und erst in den letzten Jahrzehnten hat die Geschichtswissenschaft in Deutschland die Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts als ein eigenständiges Untersuchungsfeld konturiert, in dem sie nicht mehr gewissermaßen als Kulisse für eine vornehmlich an Schichten und Klassen interessierte Sozialgeschichte im Hintergrund herumsteht. Wer zum Beispiel die Arbeiten der großen Bürgertums-Projekte las, der erfuhr zwar eine Menge über die Bürgerinnen und Bürger und ihre Stadt; eine genuin stadthistorische Perspektive war damit aber eher selten verbunden.[2]

Das ist heute anders. Zu sagen, dass sich das Feld der stadthistorischen Forschung in den letzten Jahren gut entwickelt habe, käme einer Untertreibung gleich.[3] Weltweit werden stadthistorische Projekte verfolgt und zum Teil weitreichende Erklärungsversprechen gegeben: Das 20. Jahrhundert, heißt es etwa, ließe sich als „urban century” begreifen und entsprechend aufschlüsseln.[4] Allerdings besteht – bei aller Forschungsdynamik – nicht wirklich ein Konsens darüber, was das Feld jenseits seines Gegenstandsbezugs eigentlich zusammenhält. Stadtgeschichte ist die Beschäftigung mit Formen von Urbanität in historischer Perspektive, mit der Entwicklung der Stadt als einer distinkten „Weise, Raum gesellschaftlich zu organisieren” (Jürgen Osterhammel). Aber es gibt weder eine unumstrittene Definition des Gegenstands, der Stadt, die über formale Größen wie etwa Einwohnerzahl und Dichte, das Vorhandensein eines Marktes oder Heterogenität hinausginge,[5] noch wird ausführlich reflektiert, warum wir uns damit gesondert beschäftigen sollten. Die Common-Sense-Antwort wäre, dass Städte – nicht erst seit dem 19. Jahrhundert, ja nicht einmal erst seit der Neuzeit – wichtige Räume menschlichen Zusammenlebens bildeten, in denen grundlegende zeitgenössische Erfahrungen gemacht und kommuniziert sowie weitreichende politische, soziale und kulturelle Entwicklungen vorgedacht und verhandelt wurden.

Letztlich liegt vielen stadthistorischen Arbeiten zum 20. Jahrhundert die Prämisse zugrunde, dass ihr Gegenstand nicht so arg begründungspflichtig sei, weil sich an der Stadt Phänomene moderner Gesellschaften insgesamt studieren ließen, die Stadt neben ihren spezifischen lokalen Gegebenheiten und Traditionen immer auch so etwas wie die Gesellschaft im Kleinen darstelle.[6] Das ist attraktiv, weil man, indem man Stadtgeschichte schreibt, gewissermaßen beides bekommt: das eingepreiste Relevanz-Angebot sowie die Chance, große Entwicklungen mit jener Anschaulichkeit zu verknüpfen, die die Darstellung der Stadt, ihrer Bewohner und ihrer Geschichten möglich macht. Zugleich gelang es der stadthistorischen Forschung in Deutschland mit der Sozialgeschichte, einer Geschichte des Alltags „von unten” und der Kulturgeschichte mindestens drei wichtige Ansätze aufzunehmen und zu integrieren. Ihr Aufstieg ist vor diesem Hintergrund vielleicht nicht zufällig mit den Namen von Autorinnen und Autoren verknüpft, die mit dem Rüstzeug sozial- oder gesellschaftshistorischer Fragestellungen vertraut waren. Diese fanden in der Stadt einen Gegenstand, der zu neuen Fragen herausforderte, ohne den Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Perspektiven aufzugeben. Insgesamt bildet das Feld heute ein Amalgam unterschiedlicher Forschungstraditionen. Dabei rücken in jüngerer Zeit immer stärker Kooperationen mit anderen gegenwarts- und anwendungsbezogenen Disziplinen in den Fokus, die etwa wirtschaftsgeografische Perspektiven, stadtsoziologische Gentrifizierungsforschungen oder auch die Nähe zu Fragen des Stadt-Marketings nicht scheuen.[7]

Mittlerweile ist nicht nur die Zahl der stadthistorischen Forschungseinrichtungen angewachsen, auch die Ansätze und Fragestellungen haben sich aufgefächert; zudem ist die Vernetzung der Forschung weiter vorangeschritten. Das ist weder zuerst noch allein eine deutsche Entwicklung. Kaum eine nationale Wissenschaftslandschaft, die nicht mindestens ein „Center for Urban History” ihr Eigen nennt, das wiederum mit anderen Zentren oder Instituten kooperiert. Einige Wissenschaftskulturen können dabei als Vorreiter gelten. So hat die Stadtgeschichte in Großbritannien – initiiert von dem 1973 zum Professor for Urban History in Leicester berufenen Harold Dyos – schon früh ein markantes Profil entwickelt, das zunächst die Urbanisierung des 19. Jahrhunderts umfasste, über den bereits seit 1963 herausgegebenen „Urban History Newsletter” (aus dem 1992 die Zeitschrift „Urban History” hervorging) aber allmählich auch andere Zeiträume und Fragestellungen abdeckte. Gleichwohl gibt es nach wie vor ein Ungleichgewicht zwischen dem besser erforschten 19. und dem 20. Jahrhundert.[8]

Dass einige der prosperierenden Stadtgeschichte-Zentren ähnliche Themen in den Blick nehmen und vergleichbare Fragen stellen, ist auch ein Indikator für den Grad internationaler Kooperation der stadthistorischen Forschung, die sich mittlerweile – etwa in der 1989 gegründeten European Association for Urban History (EAUH) – regelmäßig auf internationaler Ebene austauscht und gegenseitig inspiriert.[9] Dabei hat sich die Agenda leicht verschoben: vom Interesse an einem Vergleich unterschiedlicher nationaler Entwicklungen hin zur Frage nach Verflechtungen und Austauschprozessen über Ländergrenzen hinweg. Die Handbücher, Enzyklopädien und „textbooks” über einzelne Städte und stadthistorische Entwicklungen in den jeweiligen Ländern oder die Stadt als Epochen- und Regionen übergreifendes Kulturphänomen gibt es weiterhin.[10] Doch mehren sich die Anzeichen dafür, dass – nicht zuletzt unter dem Eindruck der Gegenwartskultur und wissenschaftsimmanenter Trends – immer stärker transnationale Arbeiten entstehen, die nach Ähnlichkeiten und Abweichungen, nach Transfer und Verknüpfungen auf metropolitaner Ebene, jenseits des Nationalstaats, und nach der Bedeutung solch globaler urbaner Entwicklungen der Vergangenheit für die Gegenwart fragen.[11]

Insgesamt beförderte die Auffächerung der stadthistorischen Forschung nicht nur vereinheitlichende Tendenzen. Im Gegenteil. Die Vielfalt der Forschungslandschaft, die von Großbritannien bis Lettland, von Shanghai bis Sidney, von Toronto bis Buenos Aires und Kapstadt Stadtgeschichte zu einem weithin sichtbaren Feld gemacht hat, kennt weiterhin ein Nebeneinander klassischer sozialhistorischer, stadtbiografischer oder architekturhistoriografischer Ansätze wie auch solche, die man grosso modo dem Cultural Turn seit den 1990er-Jahren zurechnen kann. Aber, noch einmal, warum sind Städte, und Großstädte zumal, gerade in jüngster Zeit zu immer prominenteren Gegenständen der Forschung geworden?

Der vorliegende – bei der immensen Ausweitung der weltweit betriebenen Forschung nur kursorisch zu nennende – Überblick fängt mit dieser Frage an (1). Das erscheint deshalb sinnvoll, weil die Stadtgeschichtsschreibung zum 20. Jahrhundert zum einen auf vielfältige Art und Weise mit urbanen Selbstdeutungen, d.h. mit der Entwicklung des urbanen Lebens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und seiner fortlaufenden Kommentierung, verknüpft ist. Daraus ergibt sich zum anderen, dass die Stadtgeschichte vielleicht noch mehr als andere Felder der Geschichtswissenschaft die methodisch-pragmatischen Voraussetzungen ihres Tuns bedenken sollte. In den darauf folgenden Abschnitten geht es um Definitionsansätze, die zu klären versuchen, was die Stadtgeschichte eigentlich ausmacht (2), um interdisziplinäre Einflüsse, die für die moderne Stadtgeschichtsschreibung von Beginn an wichtig waren (3), sowie um aktuelle Forschungsthemen und Begriffe (4).


Die Faszination der Stadt und die Attraktivität der Stadtgeschichte

Für die Attraktivität der Stadtgeschichte gibt es eine Reihe von Gründen. Der erste liegt, wenn nicht in einer Mode, so doch in einer zeitgenössischen Sensibilität für die Bedeutung der Stadt. Allerdings ist die Faszination am Urbanen schon älter. Die Großstadt war bereits für die „klassische Moderne” ein Inbegriff jener aufregenden Mischung aus Erfahrungs- und Lebenschancen und einem Ort für all das, was an der neuen Zeit gefährlich und abschreckend war: Schnelllebigkeit und Nervosität, Anonymität und Entwurzelung, demonstrativer Reichtum und Verelendung, zwischenmenschliche Gleichgültigkeit und Gewalt.[12] Filme wie Fritz Langs „Metropolis”, Bücher wie „Manhattan Transfer” oder „Berlin Alexanderplatz”, die unzähligen Fotografien urbaner Räume und Lebensumstände, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verbreitet wurden – sie alle haben nicht nur zeitgenössisch Einfluss genommen, sondern wirken bis in unsere Zeit hinein mit an den Darstellungen und Deutungen des Urbanen. Die Topoi moderner Stadtwahrnehmung haben sich zwar leicht gewandelt, erstaunlich ist aber die immer noch gültige Verwendung urbaner Semantiken für die Beschreibung und Verarbeitung von Kontingenzen der Gegenwart.[13]

Die Stadt als Raum neuer Technologien und moderner Architektur – hier das 1958 neu eröffnete Postgebäude in Vancouver, Kanada.
Interior - Main Post Office (1958), 5. Mai 2012. Fotograf/Urheber: Heritage Vancouver Society, Quelle: [https://www.flickr.com/photos/heritagevancouver/7150651999/in/album-72157629983077053/ Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/ CC BY-NC-ND 2.0])
Die Stadt als Raum neuer Technologien und moderner Architektur – hier das 1958 neu eröffnete Postgebäude in Vancouver, Kanada. Interior - Main Post Office (1958), 5. Mai 2012. Fotograf/Urheber: Heritage Vancouver Society, Quelle: Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)


Die aktuelle Attraktivität von Urban Studies und Stadtgeschichte liegt – diese Motive teilweise aufgreifend – auch darin begründet, dass die Auseinandersetzung mit Stadt und Urbanität einen allgemeinen Diskurs berührt, der das Urbane als Projektionsfläche für unterschiedliche Probleme nutzt und darüber hinaus die Bedeutung urbaner Lebensstile an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert verhandelt. TV-Serien, Kinofilme, Internet und einschlägige Magazine – die Stadt ist der Raum für einen Großteil medialer Lebensentwürfe. Und auch der Kampf gegen eine als dominant empfundene westliche Lebensform sucht seinen Gegner genau an jenem Ort zu treffen, der diese Kultur symbolisiert. Die Anschläge des militanten Islam galten seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts nicht umsonst auch westlichen Metropolen.

Die Stadt ist zur Chiffre für einen „way of life” und zur Referenzkultur für nationale und transnationale Publika geworden. Dabei hat sie längst eine globale Strahlkraft entfaltet. Die Fokussierung auf Urbanität als Referenzkultur bildet beileibe keine westliche Spezialität, sondern hat – etwa in China, Indien oder einigen afrikanischen Staaten – bereits um 1900 als „Selbstverwestlichung von Teilen Asiens und Nordafrikas” (Jürgen Osterhammel) eingesetzt und im 20. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen.[14] Etikettierungen wie jene, die das Shanghai der 1920er-Jahre das „Paris des Ostens” nannten, legen davon Zeugnis ab.[15]

Wenn die globalitätsbewusste Kultur unserer Gegenwart auf ähnliche Weise von der Stadt fasziniert ist wie die „klassische Moderne”, dann liegt das einerseits an der Dauerhaftigkeit etablierter Deutungsangebote des Urbanen als Avantgarde zukünftiger Entwicklungen. An der Metropole erkennen wir die Zukunft, so die Annahme, an ihr können wir ablesen, wie Gesellschaften sich entwickeln werden. Zugleich findet die Gegenwart in den Metropolen der Welt ihre wichtigsten Probleme und Selbstdeutungen veranschaulicht: das Nebeneinander und die Verschränkung von lokalen und globalen Prozessen;[16] die Hybridisierung, das Aneignen und Amalgamieren unterschiedlicher Kulturen; die Konflikthaftigkeit, die in diesen Begegnungen angelegt ist; schließlich die Hoffnung auf eine neue, globale Gemeinschaft, die nur die richtigen Verhaltens- und Kommunikationsregeln finden muss, um das Projekt der vernetzt-friedlichen Weltgesellschaft voranzubringen.[17] Wie man unterschiedlich sein und doch am gleichen Ort leben kann – diese Grundfrage menschlicher Koexistenz lässt sich vom urbanen auf den globalen Raum spiegeln und umgekehrt. Mustert man Forschungsvorhaben gerade jüngerer Stadthistorikerinnen und -historiker, dann findet man dieses Grundthema in unterschiedlichen Varianten problematisiert.[18]

Doch solche zeitgebundenen Fragen können das Interesse an der Stadt und ihrer Geschichte nicht allein erklären. Zumal, wie gesagt, das Interesse am Urbanen keineswegs neu ist. Und in der Tat wird man, zweitens, festhalten können, dass Städte deshalb für die Geschichtsschreibung im 20. und 21. Jahrhundert wichtig geworden sind, weil die Stadt selbst seit dem 19. Jahrhundert immer größer und bedeutender wurde. Sofern die Forschung dabei demografische Verschiebungen und das Wachstum der Stadt diskutiert, geschieht das unter dem Stichwort der Verstädterung.[19] Die Zahlen sind beeindruckend: Lebten Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 16 Prozent der Europäer (einschließlich Russlands) in Städten, war es 1914 – bei einer insgesamt um etwa 75 Prozent angewachsenen Gesamtbevölkerung – bereits über ein Drittel.[20] Was das für einzelne Städte und die sie erfassende Dynamik bedeutete – Andrew Lees hat von einer „dramatic story of social change” gesprochen[21] –, kann man sich klar machen, wenn man sich die Zahlen für einzelne Beispiele anschaut. Zwischen 1850 und 1910 erlebten die zehn größten deutschen Städte von Berlin, über Hamburg und Breslau bis Leipzig im Schnitt eine Verfünffachung ihrer Einwohnerzahl, wobei wir wissen, dass damit wiederum ein Vielfaches von temporärer Zu- und Abwanderung verbunden war.[22] Die Wachstumsrate nahm danach zwar ab, wurde aber durch die Kriege in der ersten Jahrhunderthälfte des 20. Jahrhunderts nicht unterbrochen. Um 1950 lebte bereits mehr als die Hälfte aller Europäer in Städten.[23] In den USA verlief die Entwicklung nicht weniger eindrucksvoll. New York versiebenfachte zwischen 1850 und 1900 seine Einwohnerzahl von etwa 500.000 auf rund 3,5 Millionen. In den restlichen neun der zehn größten Städte des Landes verlief der Prozess ähnlich.[24] In Japan, das seit 1920 alle fünf Jahre einen Zensus erhob, wuchs die größte Stadt, Tokio, zwischen 1920 und 1940 noch einmal um 5 Millionen Einwohner auf etwa 12,5 Millionen. In Shanghai, wo 1895 etwas über 400.000 Menschen gelebt hatten,[25] erhöhte sich die Zahl – auch wegen der Umstellung zu einer direkt staatlicher Verwaltung unterstellten Metropolregion – auf über 6 Millionen im Jahr 1953, um sich bis in die 1980er-Jahre noch einmal zu verdoppeln.[26]

In Kontinentaleuropa kam es in den 1960er-Jahren zu einer neuen Wanderungsbewegung vom Land in die Stadt, die mit einem Bedeutungsverlust landwirtschaftlicher Beschäftigung und dem Erstarken des Dienstleistungssektors zusammenhing.[27] Weltweit nahm die Bevölkerung sowohl in ländlichen wie auch in urbanen Räumen seit dem Zweiten Weltkrieg beständig zu. Dabei verlief das Wachstum der städtischen Bevölkerung allerdings ungleich dynamischer, sodass seit 2008 global erstmals mehr Menschen in Städten zu Hause sind als auf dem Land. Nur in Afrika, wo seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gleichwohl eine „rasante Urbanisierung” den „vielleicht bedeutendste[n] sozio-ökonomischen Trend [...] im 20. Jahrhundert” darstellte, ist das Verhältnis einstweilen noch umgekehrt. Dabei hat die afrikanische Stadt eine Geschichte, die weitaus länger zurückreicht als ein westlich geprägter Blick auf die Entwicklung urbaner Regionen in Afrika wahrnimmt.[28] Auch hier lebten 2010 bereits etwa 40 Prozent aller Menschen in Städten. Für die Zukunft rechnen die Vereinten Nationen weltweit mit stagnierenden Zahlen für den ländlichen Raum, während sich das Wachstum urbaner Agglomerationen wahrscheinlich gleichbleibend rapide entwickeln wird.[29]

Diese im 19. Jahrhundert einsetzende Wachstumsdynamik brachte für das urbane Zusammenleben und die städtische Verwaltung enorme Probleme mit sich. Viele der uns heute bekannten kommunalen Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen sind das Ergebnis einer entsprechenden Anpassung lokaler Administration. Die Verstädterung mit all ihren Folgewirkungen hat Politik und Verwaltung mindestens ihren Stempel aufgedrückt; in Teilen ist das, was wir unter Politik verstehen, geradezu ein Kind der Stadt.[30] Damit aber begann die Stadt als wichtige Infrastruktureinheit des modernen Interventionsstaats zugleich eine Fülle von Quellen zu produzieren. Das ist der dritte Grund für die Attraktivität der Stadtgeschichte: Verwaltungen sammelten und verwahrten Schriftgut und andere Quellen. Für Historikerinnen und Historiker ist die Stadt damit gewissermaßen auskunftsfreudiger als der ländliche Raum und hat auf diese Weise ihrer eigenen Historisierung Vorschub geleistet. Indem staatliche und kommunale Archive sowie eine Vielzahl privater Vereine und anderer Körperschaften das für die historische Forschung wichtige Material bewahrten, ermöglichten sie eine Forschungsintensität, die für andere Räume unmöglich ist.[31] In den Hauptstädten der Welt liegen darüber hinaus häufig lokale neben staatlich-nationalen Quellenbeständen bereit, lässt sich mithin anhand einer Stadt der Bogen von der lokalen zur nationalen Geschichte schlagen. Das ist kein kleiner Vorteil für eine zeithistorische Forschung, die es, anders als andere Epochen, häufig mit Massenquellen zu tun hat und ihren Gegenstand nur dann tiefenscharf erfassen kann, wenn sie pragmatische Entscheidungen bei der Materialauswahl trifft.[32]

Zudem, und das ist vielleicht die folgenreichste Entwicklung, geht der enorme Bedeutungsgewinn, den der urbane Raum seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert erfahren hat, nicht allein in Statistiken, in Einwohnerzahlen oder Siedlungsflächenkennziffern auf. Die Stadt bildete nämlich mit der Urbanisierung eine eigene Form der Selbstbeschreibung aus, die das Wachstum und das Leben der Städte fortlaufend kommentierte.[33] Darin findet die aktuelle Forschung, viertens, einen eigenen Forschungsgegenstand und kann zugleich an eine immer noch inspirierende Literatur[34] von Georg Simmel über Max Weber und Walter Benjamin bis hin zu den Pionieren der historisch-soziologischen Forschung um Arthur M. Schlesinger anknüpfen.[35] Die junge Soziologie, das journalistische Feuilleton, zeitgenössische Bücher und Filme, aber auch sozialreformerische Gruppen und Vereine, Architekten, Stadtplaner und Politiker – das Urbane, seine Chancen und Gefahren, die mit ihm verbundenen utopischen und apokalyptischen Entwürfe, das alles bildete kein Außen des historischen Urbanisierungsprozesses, sondern gehörte von Anfang an dazu.[36]

Die Kommunikation über die Stadt stiftete, indem sie sich auf urbane Phänomene in unterschiedlichen Ländern bezog und diese miteinander verglich, einen transnationalen Raum von Urbanitätsimaginationen, der bis heute weiterwirkt und im direkten Abgleich Großstädte und Metropolen näher zusammenbrachte. In mancher Hinsicht machte das Städte wie Berlin, Paris und London vergleichbarer als etwa Berlin und Magdeburg, stach gewissermaßen die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Groß-” oder „Weltstädte” den nationalen Zusammenhang aus.[37] Doch zugleich lag und liegt hierin eine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft, die – zeitgenössischen Engführungen und eigenen Faszinationen folgend – die Hauptstädte und Metropolen für das Ganze einer nationalen Gesellschaft zu halten geneigt ist, wo am Ende vielleicht doch zum Beispiel besser gelten sollte: „Weimar war Weimar” – und nicht das tumultös-schnelllebige Berlin.[38]

Mehr noch: Wichtige Begriffe, mit denen die Geschichtswissenschaft und andere Disziplinen bis heute arbeiten, sind das Produkt einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit urbanen Phänomenen oder sind zumindest mit Blick auf diese Phänomene geprägt. Das gilt sowohl für klassische frühe soziologische Vertreter wie Max Weber oder Georg Simmel als auch für das weite Feld eines nicht-akademischen „soziologischen” Milieus aus Sozialreformern unterschiedlicher Couleur.[39] Begriffe wie Modernität oder Beschleunigung sind ohne die Erfahrung der Stadt nicht zu denken.[40] Zwar haben sie als analytische Werkzeuge nicht ausgedient, harren jedoch in vielen Fällen noch einer Historisierung, die auch ihren spezifisch urbanen Gehalt ins Auge nähme. Wenn wir heute also Städte in irgendeiner Form als fortschrittlich oder modern beschreiben, dann setzen wir Quellenbegriffe mit einer eigenen Begriffsgeschichte ein. Ob es sinnvoll ist, aus diesem Zirkel auszubrechen, indem man die untersuchungsleitenden Begriffe der Stadtgeschichtsforschung als „situiertes Wissen” dekonstruiert und historisiert, ist eine Frage, die aktuell diskutiert wird, ohne dass bereits klar wäre, welches andere „Wissen”, welche anderen Begriffe, die ja prinzipiell dem gleichen Verfahren unterworfen werden müssten, an ihre Stelle treten könnten.[41] Gleichwohl ist der Hinweis wichtig, führt er doch vor Augen, dass die Stadtgeschichte, solange sie sich keine Rechenschaft über ihr Herkommen und ihre Begriffe ablegt, immer dieser Selbstbeschreibungskultur der Stadt verhaftet bleibt. Es scheint, als gehöre das gegenwärtige Interesse am Urbanen – bei allen postmodernen Absetzbewegungen – eigentlich doch zur langen „modernen” Faszinationsgeschichte der Stadt.

Unabhängig von solchen Grundlagenfragen ist die Großstadt als Synonym für Modernität zu einem wichtigen Argument für historische Arbeiten geworden, die einzelne Abschnitte des langen 20. Jahrhunderts, vor allem die Phase zwischen etwa 1880 und 1930, als Modernisierungsgeschichte deuten. Anders gewendet liegt ein weiterer, fünfter, Grund für die Attraktivität der Stadtgeschichte darin, dass sich das Urbane als Protagonist für große Erzählungen eignet. Die Stadt steht dann als Statthalter für eine über sie hinausweisende Entwicklung, die ganze Staaten oder größere Räume umfasste. Dabei fungierte sie als wichtiger Verdichtungsraum, in dem unterschiedliche Modernisierungstrends zusammenkamen und im Zusammenspiel eine eigene Dynamik entfalteten: Die Stadt ist der Ort neuer Verkehrsentwicklungen, technischer Neuerungen, neuer Medien und ihrer Nutzungsweisen, avantgardistischer Kultur, fortschrittlich-modernen Bauens, neuer Lebensgewohnheiten, der Massen-Politik und von vielem mehr.[42] Der damit diagnostizierte Wandel des städtischen Raums veränderte zugleich die Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten urbanen Lebens. Modernität wird deshalb immer auch als Veränderung des Blicks auf das Urbane, als Verbindung von demografischen oder rational-technischen Entwicklungen und ihren Deutungen gelesen.[43]

Doch verschränken sich auch mit Blick auf das gesamte 20. Jahrhundert mittlerweile soziologische und historische Periodisierungsvorschläge, die – ein starres Modernisierungskonzept hinter sich lassend – von unterschiedlichen Phasen und Ungleichzeitigkeiten ausgehen. So greift Friedrich Lenger in seinem Buch zur europäischen Stadtgeschichte seit 1850 soziologische Moderne-Interpretationen von der „liberal-bürgerlichen” über die „organisierte Moderne” bis hin zur „Postmoderne” auf, verweist auf die Bedeutung urbaner Entwicklungen für die soziologische Theoriebildung und nutzt das Konzept zugleich für seine eigene Darstellung, die auf diese Weise eine immense Fülle an Forschungsarbeiten zur europäischen Stadt der letzten 150 Jahre bündelt.[44] Über die Stadt als Ort wie auch als Agens von vielfältigen Modernisierungsprozessen nachzudenken, erweist sich – trotz aller Kritik am Modernisierungsparadigma[45] – weiterhin als attraktiv.

Die Hinwendung zum Urbanen hat überdies, sechstens, einen methodisch-pragmatischen Vorteil für die Geschichtswissenschaft. Der städtische Raum ist auch deshalb ein beliebter Gegenstand, weil sich hier die Mikroebene historischer Akteure mit Entwicklungen auf der Makroebene historischer Prozesse verbinden lässt. Charles Tilly hat darauf hingewiesen, dass Städte einen privilegierten Raum für die Untersuchung der Interaktion zwischen „large social processes and routines of local life” bildeten. Die Zurückhaltung vieler Stadthistorikerinnen und -historiker, sich an den großen Interpretationen der neueren Geschichte zu beteiligen, mochte ihm dabei nicht einleuchten: „[...] urban historians should move to the boldest edge of social history.” Seine Forderung lautete, Urban History als eine Form der Sozialgeschichte zu begreifen, die es erlaube, Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Alltag und politischer Macht auf nationaler und internationaler Ebene zu stellen.[46] Unabhängig vom politischen System werden damit die mannigfaltigen Aushandlungen urbaner Mikropolitik im Kontext politisch-ideologischer Umgestaltungsversuche und ihre Wechselwirkungen sichtbar. So hat Thomas Bohn am Beispiel der „sozialistischen Stadt Minsk” nachvollzogen, „wie skurril, chaotisch und widersprüchlich das vermeintlich allmächtige Kommandosystem der Sowjetunion an der weißrussischen Peripherie” nach 1945 funktionierte.[47] Damit lassen sich an der Stadt die vielfältigen politischen Umbrüche und sozialen Verschiebungen der Zeitgeschichte gewissermaßen aus mittlerer Flughöhe betrachten. Karl Schlögels Arbeiten haben am Beispiel mittel- und osteuropäischer Städte eindrucksvoll gezeigt, wie die Materialität der Stadt und der städtische Raum Zeugenschaft ablegen von den vielfältigen Bewegungsmustern ihrer Bewohner und den Überschreibungsversuchen politischer Systeme. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird in Städten wie Marijampolė, Moskau oder Petersburg im Konkreten fassbar und kann zugleich als Teil eines umfassenderen Prozesses gelesen werden.[48]

So recht Tilly mit seinem Plädoyer haben mochte, stärker als methodische und inhaltliche dürften am Ende im engeren Sinne pragmatische Gründe das Anwachsen der stadthistorischen Literatur erklären. Die Stadt ist die Meso-Ebene par excellence und bietet sich in Form der Lokalstudie für die vielen Qualifikationsarbeiten des historischen Gewerbes geradezu an. Ein letzter Grund dafür, warum Städte für historische Arbeiten zum 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen, liegt schließlich darin, dass die Stadt oftmals den Schauplatz des Geschehens abgibt.[49] Viele Bücher über wichtige politische Wendemarken, Personen und Prozesse könnten ohne Referenz auf den urbanen Raum als Setting gar nicht geschrieben werden. Doch ist das schon Stadtgeschichte – oder nur Kulissenschieberei?


Was ist Stadtgeschichte?

Unter der Überschrift „The Dyos Legacy” veröffentlichte Richard Rodger, einer der profiliertesten Stadthistoriker Großbritanniens, im März 1989 einen Text, der die ersten zehn Jahre des Center for Urban History an der Universität in Leicester würdigte. Darin zitierte er die Aussage eines Kollegen, S.J. Mandelbaum: „A vigorous community of urban historians does not require a single purpose or uniform definition of the field.” Und Rodger fuhr fort, dass das vielleicht nicht die schlechteste Beurteilung darstelle, „since there seems little agreement as to what constitutes ‚urban history’. Definitional problems even surround the term ‚urban’; town scale, functional and social relationships each as crucial variables have had their admirers. At the core of the inquisition into what constitutes urban history is the issue whether towns themselves contributed a dynamic to historical development, or whether they were merely the location where other greater social, political and economic forces were worked through?”[50]

Was man unter Stadtgeschichte versteht, ist demnach alles andere als selbstverständlich. Ein Gutteil der Forschung suspendiert allerdings die Grundsatzfrage nach dem Selbstverständnis der Stadtgeschichte und widmet sich, fast möchte man sagen: fröhlich, den Projekten zu einzelnen Themenfeldern. Dieser pragmatische Ansatz, für den die britische Community das Bonmot bereithält „I know a city when I see one”, hat, das sollte man nicht vergessen, eine ganze Fülle von Studien zur Entwicklung von Städten und urban geprägten Gesellschaften über die Jahrhunderte hinweg möglich gemacht. Und doch bleibt es unbefriedigend, den Gegenstand einfach vorauszusetzen. Auch die von Rodger genannten Eingrenzungskriterien weichen der Kernfrage nach dem Erklärungspotenzial, das darin steckt, wenn man die Geschichte von Städten analysiert, letztlich aus. Versuche, den Gegenstand, die Stadt, über ihre Größe, ihre Funktion, ihre sozialen Wirkungen oder andere mehr oder weniger formale Kriterien („Mauer plus Markt plus städtisches Recht”[51]) zu bestimmen, lösen das Problem nicht. Denn warum sollte man Städte (ab einer bestimmten Größe/mit einer bestimmten Funktion usw.) überhaupt untersuchen und als eigenständiges Feld ausweisen?

Jürgen Osterhammel schlägt vor, „Stadt” zu verstehen als „eine Weise, Raum gesellschaftlich zu organisieren”.[52] Aber was, so könnte man berechtigterweise fragen, unterscheidet die Stadt damit von anderen gesellschaftlichen Raumkonzepten? Auch theoretisch orientierte jüngere Forschungsansätze, die neue Vorschläge zur Konzeptualisierung des Feldes Stadtgeschichte und Metropolitan Studies machen, verfahren weiterhin eher tastend, nähern sich der Komplexität ihres Gegenstandes auf – man könnte sagen – multiperspektivische Weise und überlassen es dem Leser und der Leserin, sich einen Reim darauf zu machen.[53]

Hier soll es nicht darum gehen, eine umfassende Definition zu entwickeln. Vielmehr scheint es angebracht, eine andere von Osterhammel genannte Unterscheidung hervorzuheben. Er hat darauf hingewiesen, dass die Stadt „immer in Spannung zu etwas anderem, zur Nicht-Stadt” stehe und von daher bestimmbar werde.[54] Zwar ist auch dieser Gegensatz für das 20. und das beginnende 21. Jahrhundert in Frage gestellt worden, weil er sich unter dem Einfluss von Suburbanisierung und der gewachsenen Bedeutung medialer Kommunikation verwischt habe.[55] Allerdings hat der „spatial turn” auch in der Geschichtswissenschaft die Vorstellung obsolet gemacht, bei Städten handele es sich, wie bei ihren einzelnen räumlichen „Bestandteilen” auch, um eine Art Container, in dem dann soziale Vorgänge gewissermaßen stattfinden. Vielmehr, so hat etwa die Stadtsoziologin Martina Löw eindrücklich gezeigt, attribuieren Stadtbewohner und andere Beobachter permanent den urbanen Raum mit Sinn, ja, der Stadtraum existiert nicht unabhängig von solchen Formen des alltäglichen „city making”.[56]

Hier treffen sich Osterhammels Beobachtung und die Erkenntnisse der neueren konstruktivistischen Stadtsoziologie: Anstelle eines starren analytischen Vorverständnisses von dem, was die Stadt vermeintlich ist, sollte es vor allem um relationale Bestimmungen des Urbanen im Abgleich mit anderen Räumen im historischen Wandel gehen. Die neuere und zeithistorische Stadtgeschichte versteht sich dann in erster Linie als ein Forschungsprogramm, das sowohl nach den wichtigen Veränderungen urbaner Räume und Praktiken als auch nach dem Urbanen als sich wandelnder zeitgenössischer Deutungskategorie fragt. Akzeptiert man die These, dass ein Gutteil unserer sozialwissenschaftlichen Begriffswelt gewissermaßen urban imprägniert ist, dann folgt daraus, dass der Historisierung der Chiffre „Stadt” und ihrer semantischen Nachbarn besondere Aufmerksamkeit zukommen muss. Richard Rodgers Beobachtung, dass es darauf ankomme, nach dem spezifischen Beitrag der Stadt für andere, allgemeine historische Entwicklungen zu fragen, schließt demnach nicht nur die Rolle der Stadt als spezifischen Raum der Allokation von Macht, Ressourcen, besonderen Kommunikationshierarchien, sozialen Erfahrungen und Konflikten usw. ein, sondern zielt zugleich auf das Urbane als Imaginationsraum und diskurs-strukturierende Größe oder Dispositiv. Es liegt auf der Hand, dass der urbane Raum für das 20. Jahrhundert damit nicht allein in einfachen Stadt-Land-Verhältnissen bestimmbar wird, sondern die Stadt als Untersuchungseinheit immer schon auf mehreren – nationalen wie transnationalen – Bezugsebenen erfahren, gedeutet sowie imaginiert wurde und entsprechend auch befragt werden muss.


Interdisziplinäre Impulse

Die Stadtgeschichte ist stärker als andere Felder der historischen Forschung interdisziplinär ausgerichtet – diese Einschätzung begegnet einem immer wieder. Zuletzt haben in diesem Sinne Dorothee Brantz, Sasha Disko und Georg Wagner-Kyora festgehalten, dass sich das Feld der „metropolitan studies” als ein herausragender Ort erwiesen habe „for advancing interdisciplinary approaches”.[57] Die Frage ist, ob die aktuelle intensive Aufnahme interdisziplinärer Ansätze und Begriffe ertragreich sein kann für historische Fragestellungen.

Ein Teil der gegenwärtig einflussreichen Urban Studies mit ihrem Fokus auf sehr unterschiedliche urbane Phänomene fällt allerdings vor allem durch die Entdeckung immer neuer Stadttypen auf, wie die Stadtgeografen Allen J. Scott und Michael Storper in einer beeindruckenden Liste feststellten: „captive cities, postmodern cities, insurgent cities, cities as entertainment machines, the carceral city, the neoliberal city, the fragmented city, the dual city, the creative city, and the ordinary city.” Schließlich ist auch die Gegenthese schon zur Hand: An die Stelle einer Vielzahl partikularer Städte und Stadttypen tritt dann die Vorstellung, Städte würden sich in einem „planetary amalgam”, einer „extended urbanization” auflösen, in der der Planet zu einer einzigen großen Stadt wird.[58]

Wäre damit viel gewonnen? Letztlich stehen sich hier die altbekannten methodischen Ansätze – Typenbildung mit entsprechend variabler Liste vs. die Stadt als Exemplum für das (Welt-)Ganze – gegenüber. Überhaupt kann man feststellen, dass die grundlegenden Probleme einer theoretisch fundierten und methodisch reflektierten Erforschung der Stadt und ihrer Geschichte immer wiederkehren und auf die Anfänge des modernen Nachdenkens über die Stadt zurückverweisen.

Zu den wichtigsten Disziplinen für die Stadtgeschichte gehörte und gehört zweifellos die Soziologie. Die Geschichte ihrer Wechselwirkung verlief diskontinuierlich und regional disparat. Am Anfang stand die Geburt der modernen Stadtgeschichte aus dem Geist der Soziologie. Genau genommen handelt es sich nämlich bei einigen der interdisziplinären Anregungen für die Stadtgeschichte nicht um später hinzugekommene Fragestellungen und Perspektiven; vielmehr entstand die moderne wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Stadt und ihrer Geschichte, die nicht mehr als Legitimierung lokaler Herrschaft oder einer urbanen „invention of tradition” betrieben wurde, als soziologisches Projekt.[59] Und sie verdankte wesentliche Impulse – wie die Geschichtswissenschaft insgesamt – nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch literarischen und journalistischen Formen und Motiven des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Georg Simmels einflussreicher, international bis heute rezipierter Text „Die Großstädte und das Geistesleben” aus dem Jahr 1903 etwa setzte auf originelle Weise Phänomene des rasanten Städtewachstums in Beziehung zur individuellen Erfahrung und Verarbeitung der Stadt.[60] Simmel diagnostizierte darin den „Widerstand des Subjekts, in einem gesellschaftlich-technischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden”, als notwendige Reaktion auf die großstädtische Überforderung, die für ihn vor allem eine Überforderung der Aufnahme und Verarbeitung von Sinneseindrücken war: „die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfaßt, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen”.[61] Die Stadt war, um mit Simmels Zeitgenossen Ferdinand Tönnies zu sprechen, der Ort, an dem ihre Bewohner als individualisierte Einzelpersonen die Erfahrung von „Gesellschaft” machten, in der Anonymität und die Distanz zum Anderen anders als in vergleichsweise beschaulichen dörflichen „Gemeinschaften” eine wesentliche Rolle spielten.[62]

Indem Simmel den Wechselwirkungen zwischen Individuum und Stadt nachspürte, lieferte er nicht nur Begriffe und Interpretamente, die für die weitere Forschung wichtig werden sollten: den Gegensatz zwischen Stadt und Land, die spezifische Kommunikationssituation der Stadt und vieles mehr; darüber hinaus nahm sein Text auch eine eigene Haltung ein. Indem er eine stellenweise impressionistische Einfühlung vornahm, um die psychologischen Wirkungen der Stadt auf den menschlichen Organismus und seine Anpassungsleistungen, eine Form der „inneren Urbanisierung”, nachzuzeichnen, rückte er in die Nähe einer literarischen Erzählperspektive, um diese dann allerdings gleich wieder auf ein höheres Abstraktionsniveau zu heben. Insgesamt zeichnete er auf diese Weise einerseits ein eher düsteres Bild großstädtischer Lebenswirklichkeit, das nach der Möglichkeit der Bewahrung von Individualität fragte und als Antwort nur die Flucht in die Distanztechnik der „blasierten” Haltung fand. Andererseits wies er aber auch auf die Großstadt als Möglichkeitsraum von Individualitätserfahrungen hin. Das Erleben des „man selbst Seins” wurde gerade dort möglich, wo das Individuum sich zugleich als Teil eines größeren, unüberschaubaren Ganzen, als Teil der Großstadtmasse erleben konnte.[63]

Die frühen soziologischen Einflüsse waren keineswegs auf Deutschland und die deutschsprachige Literatur beschränkt. Denn in Großbritannien und den USA entwickelte sich eine Form von Community-Forschung, die empirisch arbeitete, langfristige Veränderungen in den Lebensweisen der Einwohner/innen von (zumeist kleineren) Städten dokumentierte und von Sozialreformern, soziologischen Amateuren und Philanthropen gestützt wurde. Die Arbeiten, die hier entstanden – von den Armuts-Studien von Charles Booth (1891) und Seebohm Rowntree (1902) über die der British Sociological Society der 1920er-Jahre bis hin zum US-amerikanischen Middletown-Projekt von Robert und Helen Lynd (1929/1937) – interessierten sich sowohl für strukturelle Faktoren, die einen Einfluss auf die Lebensumstände von Stadtbewohnern hatten, als auch für die Wahrnehmung und Verarbeitung des städtischen Lebens selbst. Mit ihren Umfragen und Interviews nahmen sie Methoden und Fragestellungen vorweg, die später die Arbeit der Urban Anthropology prägen sollten.[64] Das thematische und semantische Feld dieser Ansätze erstreckte sich nicht allein auf den engeren Kreis wissenschaftlicher Forschung, sondern verwob sich mit einer Vielzahl journalistischer und fotografischer, literarischer und künstlerischer Deutungen zu einem frühen Nachdenken über das Phänomen der Massengesellschaft, welches im Kern um die Großstadt als Ausdruck einer umwälzenden gesellschaftlichen Dynamik an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kreiste.[65]

In der Stadt wird das Verhältnis von Individuum und Masse zum Problem. Eine typische Situation, in der Nähe und Distanz im öffentlichen Stadtraum ausgehandelt werden: die Bahn-Fahrt.
NYC Subway E Train, New York, 2. Mai 2009. Fotograf: CUrbanScape, Quelle: [https://www.flickr.com/photos/urbangrunge/3496494434/in/photolist-6jYrYN-r4rAap-qTKLt1-ojB911-oH46ax-reFCXn-gqWu2L-LXrbw-eddTTY-r4vYXk-eh3D8k-dSwLjS-kZxh4-fvQK9Y-3DtaiU-6m371r-aq3e4L-FqCoeN-8mxTLz-eddRch-8V7ghn-dBEBxC-yoEiW-rsUzRP-g9nmyb-qJqRtd-5jMbDA-bq97BG-fJyjgy-4GF5Fq-ujsPc-gBLA9s-5intou-hGdfok-9KCBS7-7VQKig-aU3f28-rAqrrm-g48KpD-rAw1ED-pWhSSA-a6yxbj-dzKXLX-2FeMVu-qL6u5j-GEdUwN-gzupQe-GDqegK-dMi6RQ-ESyrq4 Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/ CC BY-ND 2.0])
In der Stadt wird das Verhältnis von Individuum und Masse zum Problem. Eine typische Situation, in der Nähe und Distanz im öffentlichen Stadtraum ausgehandelt werden: die Bahn-Fahrt. NYC Subway E Train, New York, 2. Mai 2009. Fotograf: CUrbanScape, Quelle: Flickr (CC BY-ND 2.0)


Für die wissenschaftliche Arbeit wichtig wurde ein weiterer, in seiner Bedeutung kaum hoch genug einzuschätzender Beitrag: die in typologischer Absicht historisch argumentierende Soziologie Max Webers.[66] Dabei waren auch Webers Versuche, das Proprium der Stadt zu bestimmen, vorsichtig und tastend: „Eine ‚Stadt’ kann man in sehr verschiedener Art zu definieren versuchen.” Auf der Suche nach möglichen idealtypischen Merkmalen diskutierte er in seinem Stadt-Aufsatz unterschiedliche Kriterien: die Geschlossenheit einer Siedlung, die Dichte der Häuser, die Größe der „Ortschaft”, die es mit sich bringt, „daß die sonst dem Nachbarverband spezifische, persönliche gegenseitige Bekanntschaft der Einwohner miteinander fehlt” – das alles waren Kriterien, die Weber diskutierte, aber nicht abschließend gelten lassen wollte. Schließlich ging es seiner Meinung nach im Kern darum, dass Städte wesensmäßig an das Vorhandensein eines Marktes geknüpft sind: „Es ist ursprünglich durchaus das Normale, dass die Stadt, wo sie überhaupt als ein vom Lande unterschiedenes Gebilde auftritt, sowohl Grundherren- oder Fürstensitz wie Marktort ist, ökonomische Mittelpunkte beider Art – Oikos und Markt – nebeneinander besitzt, und es ist häufig, dass neben dem regelmäßigen Lokalmarkt Fernmärkte zureisender Händler im Ort periodisch stattfinden. Aber die Stadt (im hier gebrauchten Sinn des Worts) ist Marktansiedlung.”[67] Webers historisch gewonnene Unterscheidungen stellten eine erste „typology of the city” vor, die bis heute – etwa im Zusammenhang mit unterschiedlichen Entwicklungen in Asien und Europa – diskutiert wird und zudem das Vorbild für eine vergleichende Perspektive auf Städte und Urbanisierung bildete.[68]

Ebenso wichtig und einflussreich wurde spätestens seit den 1920er-Jahren die „Chicago School of Sociology”.[69] Robert E. Park, William I. Thomas, Ernest W. Burgess und Louis Wirth prägten über ihre Schriften und nicht zuletzt auch durch die Vielzahl der von ihnen betreuten Schüler die akademische Diskussion über den urbanen Raum bis in unsere Gegenwart hinein. Ihnen kam „eine weltweit führende und bis heute richtungsweisende Rolle bei der Verbindung von theoretischen Grundpositionen des Interpretativen Paradigmas mit (qualitativer) empirischer Sozialforschung in großstädtischen Kontexten” zu.[70] In Parks programmatischem Aufsatz „The City: Suggestions for the Investigation of Human Behavior in the City Environment” wurde das Untersuchungsdesign umrissen.[71] Deswegen gilt er als Referenztext. Allerdings findet man den Ansatz auf den Punkt gebracht in einer von Parks Arbeiten über Migration und den von ihm sogenannten marginal man. Dort heißt es über Chicago und andere Großstädte: „In these great cities, where all the passions, all the energies of mankind are released, we are in a position to investigate the process of civilization, as it were, under a microscope.”[72] In dieser Formulierung kommen mit dem Anspruch empirischer Exaktheit, der Abgeschlossenheit des Untersuchungsraums der Stadt und dem Hinweis auf das Pars-Pro-Toto-Verhältnis zwischen Stadt auf der einen und Zivilisation oder Gesellschaft auf der anderen Seite wesentliche Merkmale des Ansatzes zur Geltung. Ergänzt man, dass es sich dabei um eine empirische, auf eine Interpretation der im Stadtraum gesammelten Daten zielende Methode handelt, ist das Design komplett. Dabei untersuchten die Chicagoer in der Regel nachbarschaftliche Kleinräume, in denen Integration gelingen konnte – was ihnen als Bild einer „Großstadt aus warmen Nestern” vorgehalten worden ist.[73] Was darin vielleicht aber eher zum Ausdruck kam, war, dass sich das Verhältnis zur Großstadt auch in dem Maße änderte, wie unter den Bedingungen der Mediengesellschaft die Begegnung in der Stadt eine neue Qualität bekam. Die Erfahrung einer Welt, die in zunehmendem Maße als Kommunikation unter Abwesenden funktionierte, konnte die Stadt – selbst die Großstadt – wieder als Community erscheinen lassen.

Die Soziologie sollte auch in der Folgezeit eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere prägte sie seit den 1960er-Jahren eine Sozialgeschichte der Stadt, die auf quantifizierende Methoden setzte, dabei für das 19. Jahrhundert und die Industrialisierungsphase städtische Siedlungs- und Segregationsmuster, Slums, Migrationsströme, die Rolle urbaner Eliten sowie soziale Stratifizierung in den Blick nahm und unter dem Schlagwort einer New Urban History daherkam.[74] Die Identifizierung urbaner Klassen, Gruppen und Milieus und ihrer Konflikte folgte sozialwissenschaftlichen Begriffen und Modellen. Dieser Strang einer an sozialer Ungleichheit in ihrer urbanen Ausprägung interessierten Stadtgeschichte ist nach wie vor höchst aktuell und hat unter den Bedingungen zeitgenössischer sozialer Konflikte unter dem Schlagwort der „gentrification” neue Aufmerksamkeit erfahren.[75] Neuerdings werden Fragen nach dem urbanen Raum als Ort gesellschaftlicher Erfahrungen und Deutungen von Segregations- und Marginalisierungsprozessen auch für die Zeitgeschichte gestellt. So rückt beispielsweise das Leben in und die Deutung von „Problemvierteln” als „Metamorphose der sozialen Frage im 20. Jahrhundert” (Robert Castel) in transnationaler Perspektive in den Fokus.[76]

Daneben blieb der Bezug zur interpretativen Methode der Chicago School langfristig wirksam. Mit den alltagshistorischen Arbeiten der 1980er-Jahre gewann neben der Soziologie die Ethnologie oder Social/Urban Anthropology an Einfluss. Die Wende der anthropologischen Forschung, die sich seit der Jahrhundertmitte zunehmend „westlicher” Gemeinschaften als Untersuchungsgegenständen zuwandte, wurde dabei in gewisser Weise durch die Chicagoer Variante einer „Urban Ecology”, wie sie Louis Wirth in seinem Aufsatz „Urbanism as Way of Life” ausbuchstabiert hatte, bereits vorbereitet.[77] Andere Arbeiten wie William Foote Whytes „Street Corner Society”, die, 1955 ein zweites Mal aufgelegt, zu einem Standardwerk in den USA und später auch an den Universitäten in Europa wurde, legten den Grund für eine ethnologisch inspirierte Alltagsgeschichte menschlichen Handelns in urbanen Räumen.[78]

Auch wenn historischen Studien die „teilnehmende Beobachtung” als Forschungsmethode notwendigerweise verwehrt blieb, orientierte sich in der Folge doch eine ganze Reihe von Arbeiten, angeregt durch die Rezeption von Clifford Geertz, am Ideal einer möglichst „dichten Beschreibung”, die das Handeln der historischen Akteure in ihren urbanen Settings nachzuvollziehen und zu verstehen suchte und urbanen Konfliktlinien und Prozessen der Segregation und Exklusion im Stadtraum nachspürte.[79] Die dabei aufgerufenen Fragen und Themen nahmen überdies nicht allein Bezug auf soziologische oder ethnologische Arbeiten, sondern ließen sich auch von einer immer ausdifferenzierteren stadtgeografischen Literatur inspirieren, die den Logiken und Pfadabhängigkeiten sozialräumlicher Entwicklungen im urbanen Raum nachspürte.[80] Dass man auf überaus gewinnbringende Weise Fragen einer Sozial- und Geschlechtergeschichte mit architekturhistorischen Perspektiven verbinden kann, hat zuletzt Marta Gutman in ihrer Arbeit zur reformorientierten urbanen Kinderpolitik in Oakland gezeigt, die zugleich die damit einhergehenden Verschiebungen und Neubewertungen urbaner Räume zwischen privatem Wohn- und öffentlichen Stadträumen einfing.[81]

Die Geschichte der interdisziplinären Anleihen, die die Stadtgeschichte bei benachbarten Disziplinen genommen hat, ist gekennzeichnet durch den bleibend starken Einfluss bereits als Gesprächspartner etablierter Fächer wie etwa die Soziologie, die zuletzt in Deutschland nach einer sozialwissenschaftlich erkundbaren „Eigenlogik der Städte” gefragt hat,[82] und eine Ausweitung der Forschungsanleihen bei neuen Gesprächspartnern und Stichwortgebern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sicherlich macht die nach wie vor verbreitete Annahme, dass man es bei Städten gewissermaßen mit Gesellschaften im Kleinen zu tun habe, eine solche Ausweitung beinahe zwangsläufig. Körper, Geschlecht, Ethnizität, Medialität oder auch urbane Handlungsfelder der Kommunikation, des Konsums, der Freizeitgestaltung – die Reihe der Forschungsperspektiven ist lang und hat entsprechend interdisziplinäre Übernahmen und Anverwandlungen befördert. Letztlich legt es der Gegenstandsbezug nahe – d.h. die Konzeption des Forschungsfelds, die es, wie Eric Hobsbawm meinte, erlaube, „anything about cities” zu erforschen –, dass mittlerweile ein sehr weites Feld an Themen und Fragen in der Stadtgeschichtsschreibung verhandelt wird.


Aktuelle Forschungsdiskussionen

Der starke Gegenstandsbezug der Stadtgeschichte hat zu einer Reihe von Forschungen geführt, die einer Methode folgen, die man als den „Die Stadt + X-Ansatz” bezeichnen könnte. Letztlich lässt sich fast jeder Aspekt menschlichen Lebens in der Vergangenheit in Relation zur Stadt begreifen und untersuchen. Es ist klar, dass eine solche Agenda nicht schnell an ein Ende kommt.[83] Ein Gutteil der Forschung hat aber auch das im Blick, was Richard Rodger mit dem Spannungsverhältnis zwischen der Stadt als dem bloßen Austragungsort und dem Agens historischen Wandels bezeichnet hat: „[...] whether towns themselves contributed a dynamic to historical development, or whether they were merely the location where other greater social, political and economic forces were worked through.”[84] Mit anderen Worten fragen solche Arbeiten immer auch nach der Wirkmächtigkeit urbaner Entwicklungen für gesellschaftlichen Wandel.

Im Zuge dieser überaus vielfältigen und hier nur in Auszügen vorstellbaren Forschungen haben wir ein genaueres Bild von der Stadt gewonnen: als Ort der Freizeit und des Vergnügens[85] sowie der Konstruktion von Identitäten, Geschlechterrollen und Generationalität,[86] als Raum von Medienproduktion und -aneignung[87] sowie der Bedeutung von urbanen Infrastrukturen,[88] des Wohnens,[89] der städtischen „Straßenpolitik”,[90] von Kriegen,[91] der Stadt als Gewaltraum[92] , als Ort der Aushandlung kollektiver Gedächtnisse,[93] in ihrer Bedeutung für die Migrationsbewegungen im 20. Jahrhundert[94] und ihrer Rolle im Dekolonisierungsprozess,[95] ihrem Gestaltwandel als Ausdruck sozialer Verschiebungen unter dem Stichwort der Suburbanisierung[96] – und vielem mehr. Daneben haben grundlegende Fragen von Stadtplanung und urbaner Politik große Aufmerksamkeit gefunden,[97] gerade auch mit Blick auf den Wiederaufbau europäischer Städte nach dem Zweiten Weltkrieg[98] und die zeitgenössische Kritik am US-amerikanischen „Städte-Sterben”, wie sie prominent im Werk von Jane Jacobs zum Ausdruck kam.[99]

An der Wende zum 21. Jahrhundert verändern Digitalisierungstechniken den urbanen Raum und seine Repräsentation: Das Smartphone wird zum wichtigsten Mittel der Aneignung und medialen Vermittlung des Urbanen.
Adelaide Central, South Australia, 12. April 2014. Fotograf/Urheber: Michelle Robinson mit dem Apple iPhone 5, Quelle: [https://www.flickr.com/photos/michmutters/14138448944/in/photolist-nxnfi7-hyQffG-nwQi67-nY3vcm-o25MxZ-qWrhkt-nLABEQ-p1DE2x-FGrKUH-nm6gZN-roA75e-fP2Ag3-wEPau1-kEkuXL-nEmBep-w3vLFh-o7pNkX-oNine8-pDDraJ-hyPDLU-Ca2TaF-r3uZv9-JGXupq-nrmhmR-Jyeqvp-jvenyU-qC3nA8-qem3BB-nx41WF-nqCFzx-qhrdgP-qy6bhU-rd8RxG-qzKFEw-oWX4TY-kBfmjT-pCtmwR-mXesoZ-nUuxRC-pDSMVz-rqDTC5-cMdZso-yC8zMZ-qoYkSx-wXoEaD-FTtgj1-Bhnsbp-x6KCbm-xzGjpm-xJ9Tc9 Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/ CC BY-NC-ND 2.0])
An der Wende zum 21. Jahrhundert verändern Digitalisierungstechniken den urbanen Raum und seine Repräsentation: Das Smartphone wird zum wichtigsten Mittel der Aneignung und medialen Vermittlung des Urbanen. Adelaide Central, South Australia, 12. April 2014. Fotograf/Urheber: Michelle Robinson mit dem Apple iPhone 5, Quelle: Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)


Aus der Vielzahl der jüngeren Arbeiten und Diskussionen seien hier drei Themenfelder herausgegriffen. Eine Frage, die die historische Forschung weiterhin beschäftigt, ist die nach dem Spezifischen großräumiger unterschiedlicher Stadtentwicklungen. So hat eine breite Diskussion darüber stattgefunden, inwieweit sich – Max Weber eingedenk – so etwas wie die „europäische Stadt” für das 20. Jahrhundert identifizieren und von der Entwicklung in anderen Räumen unterscheiden lasse oder ob innerhalb Europas etwa eine „ostmitteleuropäische Stadt” von anderen Typen abgrenzbar sei.[100] Weber hatte in der städtischen Entwicklung seit dem Mittelalter einen der wesentlichen Faktoren für den Aufstieg der europäischen Gesellschaften auf ihrem Weg in die Moderne und ihre Vormachtstellung in der Welt gesehen. Aber ließe sich der damit beschriebene Entwicklungspfad auch für das 20. Jahrhundert fortschreiben? Und was wären seine Merkmale?

Hartmut Kaelble hat wesentliche Charakteristika der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert skizziert, zeitgenössische Stadtdiskurse nachgezeichnet und im weltweiten Abgleich mit anderen urbanen Räumen Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Dazu gehören die äußerliche Gestalt, ein begrenztes Wachstum, ein relativ scharfer Stadt-Land-Gegensatz, der mindestens noch die erste Jahrhunderthälfte prägte, die inneren sozialen Ungleichheiten, eine spezifische Raumnutzung vor allem des Stadtzentrums, die starke Stellung städtischer Verwaltungen sowie geteilte Stadtplanungsvisionen und -umsetzungen.[101] Kaelble wies zugleich auf die Probleme des Unterfangens hin, die nicht zuletzt darin bestehen, dass die Bestimmung einer gemein-europäischen Entwicklung immer auch die transnationale Beobachtung und Kommunikation der Zeitgenossen berücksichtigen und Transfers aus bzw. in andere als bloß europäische Räume mitbedenken muss.[102]

Hier hat zuletzt Friedrich Lenger angesetzt und zu bedenken gegeben, dass sowohl die „Selbstverwestlichung” asiatischer und afrikanischer Städte als auch der enge transatlantische Konnex und die vielfältigen Wechselbeziehungen mit den Kolonialstädten die „europäische Stadt” nicht als isolierte Einheit per se fassbar machten.[103] Dennoch ließen sich natürlich Unterschiede ausmachen und zum Teil auch als Ergebnisse solcher gegenseitiger Beobachtungen deuten. Insgesamt dürfte das Themenfeld vor dem Hintergrund aktueller Konflikte weiterhin auf der Tagesordnung bleiben oder sogar an Brisanz gewinnen. Fasst man einen der wesentlichen Unterschiede zwischen „europäischen” und „islamischen” Städten ins Auge, nämlich die bauliche und soziale Organisation der letzteren mit Blick auf die „Unsichtbarmachung von Frauen für familienfremde Männer”, dann wird schnell klar, dass die Geschichte der Stadt und die Frage nach ihren kulturell unterschiedlichen Entwicklungspfaden von mehr als nur historischem Interesse ist.[104]

Seit den 1990er-Jahren ist daneben das Forschungsfeld der „urban environmental history” immer prominenter geworden. Inspiriert von technikhistorischen Arbeiten, die der Versorgung der Stadt mit natürlichen Ressourcen durch große Infrastrukturnetze im Bereich etwa der Wasserver- und -entsorgung sowie einer wachsenden Müllwirtschaft nachgingen, hat die „Umweltgeschichte der Stadt” auf die enge Verwobenheit des scheinbar technisch dominierten urbanen Raums mit seiner natürlichen Umwelt hingewiesen und damit eine wesentliche Dimension urbanen Lebens gewissermaßen ans Licht gehoben, der lange zu wenig Beachtung geschenkt worden war.[105] Städte, so die Beobachtung, sind auf vielfältige Weise von den natürlichen Voraussetzungen ihrer Umwelt abhängig, entwickeln unterschiedliche Formen des Umgangs mit ihren Ressourcen und verändern selbst wiederum ihre Umwelt auf langfristig wirkmächtige Art und Weise. So hat William Cronon am Beispiel Chicago gezeigt, wie das Wechselspiel zwischen der Stadt und ihrem Hinterland die Entwicklung des mittleren Westens zu einer Agrarregion und den Aufstieg der Stadt selbst geprägt hat. Nicht zuletzt hat er damit die – vor allem auch für europäische Städte beschriebene – Stadt-Land-Kluft in Frage gestellt.[106] Von Cronon und anderen Vorreitern inspiriert, fragt die neuere Umweltgeschichte der Stadt nach dem Einfluss der Stadt als gebauter Einheit und menschlichem Aktionsfeld auf die natürliche Umwelt, dem gesellschaftlichen Umgang mit den daraus resultierenden Problemen, den Wirkungen der umgebenden Natur auf den städtischen Alltag, den Beziehungen zwischen Städten und ihrem Hinterland sowie nach den Neuverhandlungen von Geschlecht, sozialer Position und Ethnizität im Umgang mit Umweltbeziehungen.[107]

Schließlich sei hier auf das Themenfeld Stadt und Globalisierung hingewiesen, das in letzter Zeit Phänomene wie Metropolen und „Global Cities” in den Fokus gerückt hat und zu den prominentesten Forschungszusammenhängen gehört. Auch wenn insbesondere die Wirtschaftsgeschichte schon seit längerem der globalen Verflechtung von Märkten über urbane Netze nachspürt und etwa die Bedeutung von Häfen und Hafenstädten im Globalisierungsprozess und der Neuordnung von Raumbezügen herausgestellt hat,[108] wird man doch sagen können, dass stadtsoziologische Konzepte mit Blick auf die Entwicklung der Stadt an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert der Diskussion neuen Auftrieb gegeben haben. Kaum ein Aufsatz kommt dabei ohne Referenz auf Saskia Sassens 1991 erschienene Arbeit zur „globalen Stadt” aus. Globale Städte sind für sie Knotenpunkte des seit den 1970er-Jahren wachsenden Finanzkapitalismus und der Kontrollzentren der Weltwirtschaft. In ihnen finde eine neue transnationale Wirtschaftsordnung ihren räumlichen Ausdruck. Zugleich siedeln sich, so Sassen, in „Global Cities” unternehmensorientierte Dienstleistungen an – der Konzentration von Banken, Fonds und anderen Bürokomplexen folgen die entsprechenden niederen Jobs, deren Angebot die Angestellten der Finanzbranche beruflich oder in der Freizeit nutzen.[109] Auch seien die „Global Cities” des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts untereinander viel enger verflochten und einander ähnlicher als etwa New York, Tokyo oder auch Frankfurt es mit kleineren Städten in ihrer unmittelbaren Umgebung wären.[110]

Gegen eine voreilige Übernahme solcher Deutungen und mit Zweifeln bezüglich ihrer historischen Tiefenschärfe sind inzwischen wichtige Einwände formuliert worden. So haben Historiker zum einen darauf hingewiesen, dass die Konzentration auf (wenige) bedeutende Städte und ihre Rolle im Globalisierungsprozess der Bedeutung von „second-order” oder auch „peripheral cities” im historischen Verlauf nicht gerecht werde.[111] Zudem, und das ist der naheliegende andere Einwand, kennen Historikerinnen und Historiker der Stadt ganz ähnliche Phänomene natürlich aus älteren Zusammenhängen – und das nicht nur mit Blick auf westliche Metropolen.[112] Gleichwohl hat Sassen mit ihrer bahnbrechenden Arbeit einen bis dato eher nebulösen Globalisierungsdiskurs lokalisierbar gemacht, indem sie globalen Veränderungstendenzen der jüngeren Vergangenheit eindeutig identifizierbare Räume und Akteure zuordnete. Die globale Stadt wurde so als Austragungsort wie auch als Akteur der Globalisierung sichtbar.

In Deutschland wird die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Globalisierung, Globalität und Stadt in jüngster Zeit mit Blick auf den Begriff der „Metropole” verhandelt. Dabei erscheint die Metropole in vielerlei Hinsicht gewissermaßen als eine gesteigerte Form der Großstadt. Nach Heinz Reif, der bei einer Begriffsklärung die wichtigsten in der Forschung genannten Charakteristika zusammengetragen hat, sind Metropolen „Städte mit ‚unerhört’ großer Bevölkerung” und „Orte strukturellen Reichtums an materiellen wie kulturellen Ressourcen”. Sie zeichneten sich durch eine soziale und politische „Ordnungsmuster repräsentierende materiale Stadtgestalt” aus, etwa „dominierende, sinnfällige, repräsentative Architekturen, die Stadtwahrnehmung im Großen prägenden Skylines”. Zudem wiesen sie „komplexe, technisch extrem aufwändige Infrastrukturen” auf und konzentrierten „alle Kräfte und Aufmerksamkeiten eines weiten Umlands auf sich”, seien mithin „ein hochrangiger Knotenpunkt von Aktivitäten, Entscheidungen und Leistungsangeboten”. Zudem seien sie „Zielpunkte von Migrationsbewegungen” und wiesen eine entsprechende Diversität auf. Die „Multifunktionalität und Mannigfaltigkeit der Metropole”, so eine weit verbreitete Deutung, „kreiert ein Mehr, welches über die Summe städtischer Teilfunktionen deutlich hinausgeht”.[113] Metropolen zeichnete seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert damit ein Set an Eigenschaften aus, das – bei aller Eingebundenheit in spezifische lokale Bedingungen – eine über sich selbst hinausweisende globale Öffnung antizipierte, verwirklichte und gewissermaßen auch ausstellte. Indem solche Prozesse in den Fokus rücken, kann zum einen die zu stark als gegenwartstypisch wahrgenommene Globalisierungsgeschichte historisiert werden; zum anderen erlaubt die Analyse der Metropolen – Sassens Ansatz aufgreifend – eine stärkere Lokalisierung des historischen Globalisierungsprozesses.

Am Ende, so könnte man als Zwischenfazit feststellen, bleiben soziologische und historische Perspektiven auf die Stadt, ihre Geschichte und den Wandel von Gesellschaften weiterhin eng aufeinander verwiesen. Und in Zukunft? Was vermutlich verstärkt in den Fokus der Forschung rücken wird, ist die spezifisch zeithistorische Frage nach dem Wandel der Erfahrung, Deutung und der Reaktion auf neue Kommunikationsarrangements, wie sie seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert im Zuge der Digitalisierung und zunehmenden globalen Vernetzung von Kommunikationsräumen den Alltag auf dem Globus prägen.[114] Daneben dürfte die Stadt als kultureller Referenzraum für globale Publika wie auch als Sehnsuchtsort nicht zuletzt für Millionen von Migranten im Zentrum von Debatten stehen. Da beide Entwicklungen allerdings eine Geschichte haben, in der die Stadt schon länger eine tragende Rolle spielt, werden gerade die Fragen von Historikerinnen und Historikern an die Stadt kaum an Bedeutung verlieren – eher werden sie an Bedeutung gewinnen.


Empfohlene Literatur zum Thema

Clark, Peter, The Oxford Handbook of Cities in World History, Oxford 2013: Oxford University Press 
Lenger, Friedrich, Metropolen der Moderne: eine europäische Stadtgeschichte seit 1850, München 2014: C.H. Beck 
Sassen, Saskia, The Global City: New York, London, Tokyo, Princeton, NJ 1991: Princeton Univ. Press 
Simmel, Georg, Die Großstädte und das Geistesleben [1903], Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Bd. 1, hg. von Rüdiger Kramme/Angela Rammstedt/Otthein Rammstedt, volume 7, Frankfurt a.M. 1995 
Wirth, Louis, Urbanism as a Way of Life, in: The American Journal of Sociology 44, 1, 1939, S. 1-24 

Zitation

Malte Zierenberg, Stadtgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.10.2016, URL: http://docupedia.de/zg/Zierenberg_stadtgeschichte_v1_de_2016?oldid=125414

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  1. Natürlich gibt es Untersuchungen über ländliche Gegenden, Regionen und einzelne Dörfer und Gemeinden – nur eben lange nicht so zahlreich. Zuletzt etwa Sagi Schaefer, States of Division. Border & Boundary Formation in Cold War Rural Germany, New York 2014. Vgl. auch das „Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes“, das vom gleichnamigen Institut in St. Pölten (Österreich) herausgegeben wird. Die Geschichte des ländlichen Raumes wird dabei nicht ausschließlich, aber in erster Linie als Agrargeschichte verstanden, die von einer Vielzahl entsprechender Forschungsinstitutionen in der ganzen Welt getragen wird. Vgl. http://www.ruralhistory.eu/links. Einen guten Überblick über aktuelle Forschungsgegenstände und -fragen der „Rural History“ gibt das entsprechende Subnetzwerk https://networks.h-net.org/h-rural. Zur Geschichte des Wechselverhältnisses beider Räume siehe Franz-Werner Kersting/Clemens Zimmermann (Hrsg.), Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert. Geschichts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Paderborn 2015.
  2. Ein Gutteil der westdeutschen Bürgertums-Forschung der 1990er-Jahre spielte in diesem Sinne bloß in Städten. Vgl. für den Bielefelder SFB „Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums: Deutschland im internationalen Vergleich“ den Band: Klaus Tenfelde/Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Wege zur Geschichte des Bürgertums. Vierzehn Beiträge, Göttingen 1994. Vgl. mit kritischen Hinweisen auch Thomas Mergel, Die Bürgertumsforschung nach 15 Jahren. Für Hans-Ulrich Wehler zum 70. Geburtstag, in: Archiv für Sozialgeschichte 41 (2001), S. 515-538, hier S. 525-527, online unter http://library.fes.de/jportal/receive/jportal_jparticle_00012514. Näher an der spezifisch urbanen Fundierung bürgerlicher Gruppen war das Frankfurter Pendant zum Bielefelder SFB. Hier gehörte der Stadtraum mit seinen Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen gewissermaßen zum Argument. Vgl. Dieter Hein, Stadt und Bürgertum, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2/1998, S. 3-7. Daneben mit wichtigen Beiträgen: Lothar Gall (Hrsg.), Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert, München 1990.
  3. Allerdings lag bereits 1989 ein erster Überblick über die „Moderne Stadtgeschichtsforschung“ vor: Christian Engeli/Horst Matzerath (Hrsg.), Moderne Stadtgeschichtsforschung in Europa, USA und Japan, Berlin 1989.
  4. Vgl. Leif Jerram, Streetlife. The Untold History of Europe’s Twentieth Century, Oxford 2013.
  5. Vgl. die typologischen Ansätze bei Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlass, Teilbd. 5: Die Stadt, Tübingen 1999, sowie Louis Wirth, Urbanism as a Way of Life, in: The American Journal of Sociology 44 (1938), H. 1, S. 1-24. Die Liste der Klagen über die Unschärfe des Stadtbegriffs ist lang und umfasst so wichtige Stimmen wie etwa die Eric Hobsbawms, der meinte, Stadtgeschichte sei nichts anders als ein „large container, with ill-defined, heterogenous and sometimes indiscriminate contents. It includes anything about cities“. Vgl. Eric Hobsbawm, From Social History to the History of Society, in: Daedalus: Historical Studies Today 100 (1971), H. 1, S. 20-45, hier S. 34, online unter https://student.cc.uoc.gr/uploadFiles/1110-BE12K/HOBSBAWM%20-%20From%20social%20history%20to%20the%20history%20of%20society.pdf.
  6. Diese Perspektive geht von jenem exemplarischen Charakter der Großstadtgesellschaft aus, den die Chicago School bereits seit 1915 entworfen hatte und der etwa bei Robert E. Park/Ernest W. Burgess, The City, Chicago 1925, sowie Wirth, Urbanism, deutlich zu erkennen ist. In den Worten von Saskia Sassen war Chicago für diese Arbeiten mehr als nur das Labor, in dem geforscht wurde: „Chicago was not only their laboratory, but also a heuristic space through which to understand larger dynamics in industrial capitalist societies“. Vgl. Saskia Sassen, Cities as Strategic Sites, in: The Future of Urban Sociology, in: Sociology 39 (2005), S. 343-370, hier S. 353. Dazu als historische Arbeit wegweisend: Martin H. Geyer, Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne, München 1914-1924, Göttingen 1998. Cornelia Rauh hat mit Verweis auf ein Gegenbeispiel argumentiert, dass eine solche Darstellung, die die „Stadt als Synekdoche“ begreift und in ihr den Verdichtungsraum allgemein-gesellschaftlicher Entwicklungen entdeckt, in Kauf nimmt, die Eigenlogik des Beispielfalles zu wenig zu berücksichtigen. Vgl. Cornelia Rauh, Rezension zu: Geyer, Martin H.: Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne, München 1914-1924, Göttingen 1998, in: H-Soz-Kult, 2.8.1999, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4137; vgl. daneben das von ihr angeführte Beispiel: Dieter Schott, Die Konstanzer Gesellschaft 1918-1924. Der Kampf um Hegemonie zwischen Novemberrevolution und Inflation, Konstanz 1989. Das damit angesprochene Spannungsverhältnis ist nicht auflösbar. Denn natürlich geht es immer um beides: der einzelnen Stadt mit ihren lokalen Gegebenheiten gerecht zu werden – und übergreifende, gemein-urbane oder gesellschaftliche Prozesse nicht aus dem Blick zu verlieren. Vgl. dazu zuletzt Moritz Föllmer/Mark B. Smith, Urban Societies in Europe since 1945: Toward a Historical Interpretation, in: Contemporary European History 24 (2015), Nr. 4, S. 475-491, Special Issue: Urban Societies in Europe. Vgl. daneben bereits Arthur M. Schlesinger, The City in American History, in: The Mississippi Valley Historical Review 27 (1940), H. 1, S. 43-66.
  7. Ein Trend, der den US-amerikanischen Urban Studies folgt, denen es nicht allein um historische Fragen geht. Die Erforschung der „postmodern city“ beispielsweise mit ihren „creative classes“ ist gegenwartsbezogen und erlaubt die Anwendbarkeit ihrer Ergebnisse. Aus der Analyse von Kreativ-Clustern und ihrer räumlichen Verteilung können so entsprechende politische Programme entwickelt werden. Vgl. Richard Florida, The Rise of the Creative Class, New York 2002. Am Beispiel Münchens als zeithistorische Konstruktion untersucht bei Martina Heßler, Die kreative Stadt. Zur Neuerfindung eines Topos, Bielefeld 2007.
  8. Friedrich Lenger, Einleitung, in: ders./Klaus Tenfelde (Hrsg.), Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion, Köln 2006, S. 1-21, hier S. 1. Lenger selbst hat gleichwohl gezeigt, dass die Forschung auch zum 20. Jahrhundert bereits eindrucksvolle Synthesen ermöglicht. Vgl. ders., Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850, München 2013.
  9. Vgl. http://www.eauh.eu/. Internationale und nationale Zusammenschlüsse stadthistorischer Forschung gibt es vielfach. Vgl. beispielsweise: Société Française d'Histoire Urbaine (http://sfhu.hypotheses.org/), Urban History Group (Leicester, GB) (http://www2.le.ac.uk/departments/urbanhistory/uhg), The Centre for Metropolitan History (London) (http://www.history.ac.uk/cmh/main), Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU) (https://gsu-stadtgeschichte.com/), Institut für vergleichende Städtegeschichte (Münster) (http://www.uni-muenster.de/Staedtegeschichte/), Center for Metropolitan Studies (Berlin) ((http://www.metropolitanstudies.de/), Amsterdam Centre for Urban History (http://acuh.uva.nl), Institute of Urban History, Stockholm (http://www2.historia.su.se/urbanhistory/eng/index.htm), Danish Centre for Urban History (Aarhus) (http://www.byhistorie.dk/home/), Centre for Urban History (Antwerpen) (https://www.uantwerpen.be/en/rg/centre-urban-history/), Associazione Italiana di Storia Urbana (http://www.storiaurbana.org/index.php/it/studi-storia-urbana), Center for Urban History of East Central Europe (http://www.lvivcenter.org/), für Südamerika die Asociación Iberoamericana de Historia Urbana (http://www.historiaurbana.cl/), für Nordamerika: The Urban History Association (USA/Kanada) (http://www.urbanhistory.org/).
  10. Vgl. etwa Jean-Luc Pinol (Hrsg.), Histoire de l’Europe urbaine, 2 Bde., Paris 2003; The Cambridge Urban History of Britain, 3 Bde., Cambridge 2000/2001; Lisa Krissoff Boehm/Steven Hunt Corey (Hrsg.), America’s Urban History, New York 2015; Clive Forster, Australian Cities. Continuity and Change, South Melbourne 2004; einflussreich auch für die universitäre Lehre in den USA: Raymond A. Mohl (Hrsg.), The Making of Urban America, Wilmington ³2011. Aus der Literatur, die das Phänomen Stadt regionen- und epochenübergreifend behandelt, sei genannt: Leonardo Benevolo, Die Geschichte der Stadt, Frankfurt a.M., 5. Aufl. 1990 [zuerst italienisch: Storia della Città, Rom 1975]; daneben: Peter Hall, Cities in Civilization. Culture, Innovation and Urban Order, London 1999. Immer noch lesenswert die älteren Beiträge: Paul M. Hohenberg/Lynn H. Lees, The Making of Urban Europe, 1000-1950, Cambridge, MA 1995 [1985]; aus der deutschsprachigen Forschung: Clemens Zimmermann, Die Zeit der Metropolen. Urbanisierung und Großstadtentwicklung, Frankfurt a.M. 1996; daneben: Richard Rodger, European Urban History, Leicester 1993.
  11. Vgl. Nicolas Kenny/Rebecca Madgin (Hrsg.), Cities beyond Borders. Comparative and Transnational Approaches to Urban History, Farnham 2015. Das vielleicht prominenteste Beispiel: Peter Clark (Hrsg.), The Oxford Handbook of Cities in World History, Oxford 2013. Zum Programm vgl. Clarks „Introduction“, in: ebd., S. 1-29, hier S. 1. Indem die Autorinnen und Autoren urbane Systeme miteinander vergleichen, fragen sie nach der Kommunikation urbaner Räume untereinander. Vgl. ebd., S. 4. Bereits 2008 wurde das erste eigenständige Panel zur transnationalen Geschichte (Transnational Urbanism in the Americas) bei der IX. Konferenz der EAUH in Lyon angemeldet: http://eauh.ish-lyon.cnrs.fr/param/eauh.ish-lyon.cnrs.fr/files/Prog-EAUH.pdf (28.6.2016).
  12. Die Stadt vor diesem Hintergrund als das Labor der Moderne zu begreifen, hat besonders einflussreich die Chicago School in ihren stadtsoziologischen Ansätzen stark gemacht. Vgl. Wirth, Urbanism.
  13. Vgl. für entsprechende Oppositionsbegriffe die Aufstellung normativer Deutungskategorien der Stadtsoziologie seit dem späten 19. Jahrhundert bei Markus Schroer, Stadt als Prozess. Zur Diskussion städtischer Leitbilder, in: Helmuth Berking/Martina Löw (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Städte. Soziale Welt, Sonderband 16, Baden-Baden 2005, S. 327-344.
  14. Vgl. beispielhaft Leo Ou-fan Lee, Shanghai Modern. The Flowering of a New Urban Culture in China, 1930-1945, Cambdrige, MA 1999; Nandini Gooptu, The Politics of the Urban Poor in Early Twentieth-Century India, Cambridge 2005; Andrew Burton (Hrsg.), Urban History in Africa: The Urban Experience in Eastern Africa c. 1750-2000, Nairobi 2002; Laurent Fourchard, Between World History and State Formation: New Perspectives On Africa's Cities, in: Journal of African History 52 (2011), H. 2, S. 223-248, online unter https://halshs.archives-ouvertes.fr/hal-00718973/document. Zur „Selbstverwestlichung“ vgl. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 424ff.
  15. Elizabeth J. Perry, From Paris to the Paris of the East and Back. Workers as Citizens in Modern Shanghai, in: Comparative Studies in Society and History 41 (1999), H. 2, S. 348-373.
  16. Auf den Begriff gebracht bei Roland Robertson, Glocalization. Time-Space and Homogeneity-Heterogeneity, in: Mike Featherstone u.a. (Hrsg.), Global Modernitie's, London 1995, S. 25-44, online unter https://www2.warwick.ac.uk/fac/arts/history/students/modules/hi31v/syllabus/week18/robertson-1995.pdf.
  17. Dahinter steht eine alte Deutung, wie Friedrich Lenger im Rückgriff auf Hannah Arendt feststellt, die verbunden ist mit der „Vorstellung der Stadt als einer politischen Gesellschaft. […] Im gleichen Recht, im öffentlichen Raum zu erscheinen und politisch mitzuwirken, besteht demnach die Voraussetzung der Möglichkeit, Verschiedenheit zu kommunizieren und Differenz auszuhalten.“ Vgl. Friedrich Lenger, Die europäische Stadt in der Moderne – eine Herausforderung für Sozialgeschichte, Stadtgeschichte und Stadtsoziologie, in: Christina Benninghaus u.a. (Hrsg.), Unterwegs in Europa. Beiträge zu einer vergleichenden Sozial- und Kulturgeschichte Europas, Frankfurt a.M. 2008, S. 357-376.
  18. Vgl. etwa die Dissertationsprojekte am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin: http://www.kwhistu.tu-berlin.de/fachgebiet_neuere_geschichte/menue/dfg_graduate_research_program_2012_2016/ (Stand: Sommer 2016).
  19. Vgl. mit Blick auf den Prozess selbst wie die begrifflichen Fallstricke der Diskussion um (sehr) große Städte und urbane Regionen: Dirk Bronger, Metropolen – Megastädte – Global Cities. Die Metropolisierung der Erde, Darmstadt 2004.
  20. Lenger, Metropolen, S. 51.
  21. Andrew Lees, Cities Perceived. Urban Society in American and European Thought, 1820-1940, Manchester 1985, S. 1.
  22. Ebd., S. 78. Vgl. Jürgen Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt a.M. 1992.
  23. Lees, Cities Perceived, S. 51.
  24. Campbell Gibson/U.S. Census Bureau, Population of the 100 largest Cities and other Urban Places in the United States: 1790 to 1990 (Population Division Working Paper No. 27, June 1998). Abrufbar unter: http://www.census.gov/population/www/documentation/twps0027/twps0027.html#citypop (22.6.2016)
  25. Shanghai, in: Encyclopaedia Britannica (11th ed.), New York: Encyclopaedia Britannica Co., 1910, S. 801.
  26. Shanghai Bureau of Statistics: http://www.stats-sh.gov.cn/tjnj/nje11.htm?d1=2011tjnje/E0226.htm.
  27. Lenger, Metropolen, S. 441.
  28. Vgl. Andreas Eckert, Städte und Urbanisierung in Afrika in historischer Perspektive – eine Skizze, in: africa spectrum 37 (2002), S. 81-87. Daneben: David Anderson/Richard Rathbone (Hrsg.), Africa’s Urban Past, Oxford/Portsmouth 2000.
  29. Vgl. UN World Urbanization Prospects. Revision 2014, S. 7f. Abrufbar unter: http://esa.un.org/unpd/wup/Highlights/WUP2014-Highlights.pdf (22.6.2016).
  30. Vgl. zur Ausweitung des Politikbegriffs hin zu einer Problemlagen antizipierenden und steuernden Politik und Verwaltung, die sich teilweise bereits Ende des 18. Jahrhunderts dem Feld der heutigen „Innenpolitik“ zuwandte, sowie zur weiteren Öffnung des Begriffs im 19. und 20. Jahrhundert: Willibald Steinmetz, Neue Wege einer historischen Semantik des Politischen, in: ders. (Hrsg.), „Politik“. Situationen eines Wortgebrauchs im Europa der Neuzeit, Frankfurt a.M. 2007, S. 9-40, hier v.a. S. 33-36. Daneben Jörn Leonhard, Politik – ein symptomatischer Aufriss der historischen Semantik im europäischen Vergleich, in: ebd., S. 75-133, online unter https://www.freidok.uni-freiburg.de/dnb/download/4457. Die Stadt als Bezugsgröße taucht hier – wie in den anderen Beiträgen des Bandes – immer wieder auf. Dazu auch schon: Max Weber, Politik als Beruf [1919], online unter https://www.uwe-holtz.uni-bonn.de/lehrmaterial/weber_politik_als_beruf.pdf, in: Wolfgang J. Mommsen/Wolfgang Schluchter (Hrsg.), Max Weber Gesamtausgabe. Band I/17: Wissenschaft als Beruf 1917/1919, Politik als Beruf 1919, Tübingen 1992, S. 396-450, hier v.a. S. 420f.
  31. Das galt natürlich auch schon für Arbeiten zur Stadt aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Vgl. Roey Sweet, Urban History, http://www.history.ac.uk/makinghistory/resources/articles/urban_history.html.
  32. Hans Mommsens Bemerkung, wonach heute ein einzelnes Landratsamt mehr Quellen hinterlasse als der gesamte preußische Staat zur Zeit Friedrichs des Großen, mag angesichts der Hinwendung der Zeitgeschichte zu anderen als amtlichen Quellen selbst schon etwas überholt erscheinen, illustriert aber nach wie vor treffend das Problem. Vgl. Klaus Arnold, Der wissenschaftliche Umgang mit den Quellen, in: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek ³2007, S. 48-65, hier S. 63.
  33. Vgl. dazu das Standardwerk Lees, Cities Perceived sowie den luziden Überblick bei Heinz Reif, Metropolen. Geschichte, Begriff, Methoden. CMS Working Paper Series, No. 001-2006, S. 8-10, online unter http://www.metropolenforschung.de/download/Mieg_Metropolen_2012.pdf.
  34. Vgl. den Hinweis bei Sweet, Urban History, auf die Aktualität der Weber‘schen Typologie in der Diskussion um „europäische“ und „islamische“ Städte. Vgl. dazu Janet Abu-Lughod, The Islamic City. Historic Myth, Islamic Essence and Contemporary Relevance, in: Intern. Journal of Middle East Studies, 19 (1987), Nr. 2, S. 155-176.
  35. Als Auswahl: Walter Benjamin, Das Passagen-Werk. Aufzeichnungen und Materialien, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt a.M. 1982, S. 79-989, online unter https://monoskop.org/images/3/3e/Benjamin_Walter_Gesammelte_Schriften_Band_5_Das_Passagen-Werk.pdf; Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben [1903], in: Georg Simmel, Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Bd. 1, hg. von Rüdiger Kramme/Angela Rammstedt/Otthein Rammstedt (= Bd. 7 von Georg Simmel Gesamtausgabe, hg. von Otthein Rammstedt), Frankfurt a.M. 1995, S. 116-131; Weber, Die Stadt; Arthur M. Schlesinger, The Rise of the City, 1878-1898, New York 1933; einige klassische Texte der frühen amerikanischen Stadtsoziologie und -geschichte versammelt: Steven H. Corey/Lisa Krissoff Boehm (Hrsg.), The American Urban Reader: History and Theory, New York 2011.
  36. Zu den prominentesten Stimmen gehörten die Schriftsteller, Sozialreformer und Journalisten Charles Booth, George Gissing, Charles Masterman, Patrick Geddes, Emile Zola, Jacob Riis und viele andere. Liste nach: Lees, Cities Perceived, S. 11f. Vgl. Rolf Lindner, Walks on the Wild Side. Eine Geschichte der Stadtforschung, Frankfurt a.M. 2004; für das Kaiserreich am Beispiel des Bürgertums: Maiken Umbach, German Cities and Bourgeois Modernism, 1890-1924, Oxford 2009. Für die Rolle urbaner Eliten in dem damit angesprochenen Transformationsprozess: Miriam R. Levin u.a., Urban Modernity. Cultural Innovation in the Second Industrial Revolution, Cambridge, MA 2010. Zur Selbstbeschreibung mit den Mitteln eines „ethnologischen Blicks“ auf das Eigene vgl. beispielsweise Hansjakob Ziemer, Der ethnologische Blick. Paul Bekker und das Feuilleton zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Hans-Joachim Hahn u.a. (Hrsg.), Kommunikationsräume des Europäischen – Jüdische Wissenskulturen jenseits des Nationalen, Leipzig 2014, S. 113-129.
  37. Vgl. Heinz Reif, Metropolen, S. 8. Zu Orten einer vergleichenden, kompetitiven Selbstbeobachtung gehörten die großen Weltausstellungen, die in London (1851), New York (1853) und Paris (1855) ihren Anfang nahmen. Vgl. Alexander C.T. Geppert, Fleeting Cities. Imperial Expositions in Fin-de-Siècle Europe, Basingstoke 2010; Volker Barth, Mensch versus Welt. Die Pariser Weltausstellung von 1867, Darmstadt 2007. Enger zusammen rücken in dieser Perspektive aber nicht nur die „üblichen Verdächtigen“, sondern auch andere Städte. Vgl. Thomas Bender/Carl E. Schorske (Hrsg.), Budapest and New York: Studies in Metropolitan Transformation, 1870-1930, New York 1994.
  38. So argumentiert überzeugend: Benjamin Ziemann, Weimar was Weimar: Politics, Culture and the Emplotment of the German Republic, in: German History 28 (2010), Nr. 4, S. 542-571. Vgl. kontrastierend: Peter Jelavich, Berlin Alexanderplatz. Radio, Film, and the Death of Weimar Culture, Berkeley 2006. Dabei kann man der Stadtgeschichte selbst nicht vorwerfen, sich allein mit Großstädten, Metropolen oder „global cities“ zu beschäftigen. Vgl. etwa Clemens Zimmermann (Hrsg.), Kleinstadt in der Moderne, Stuttgart 2004.
  39. Vgl. Anm. 35; zum nicht-akademischen Feld vgl. Katharina Neef, Die Entstehung der Soziologie aus der Sozialreform. Eine Fachgeschichte, Frankfurt a.M. 2012.
  40. Vgl. pars pro toto die Beschleunigungsbegriffe in Simmel, Großstädte; Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005.
  41. Solche Fragen stellt eine postkoloniale Stadtsoziologie, die die Modernität oder „Westlichkeit“ von Städten als Effekte „nördlicher“ Theoriebildung begreift und dabei auf Donna J. Haraways Arbeiten zum „situierten Wissen“ Bezug nimmt. Vgl. Christine Hentschel, Postcolonializing Berlin and the Fabrication of the Urban, in: International Journal of Urban and Regional Research 39 (2015), H. 1, S. 79-91.
  42. Vgl. als besten Überblick die entsprechenden Kapitel in Lenger, Metropolen. Als Ort des Einübens liberal-moderner Politik vgl. das Beispiel bei Jennifer Jenkins, Provincial Modernity. Local Culture and Liberal Politics in Fin-de-Siècle Hamburg, Ithaca 2003.
  43. Vgl. Peter Fritzsche, Reading Berlin 1900, Cambridge, MA 1996; David Frisby, Cityscapes of Modernity: Critical Explorations, London 2001; als Vorreiter für die Darstellung des damit angesprochenen Erfahrungswandels vgl. Stephen Kern, The Culture of Time and Space, 1880-1918, London 1983.
  44. Lenger, Metropolen, S. 11-24. Lenger greift zurück auf: Andreas Reckwitz, Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist 2006; Peter Wagner, Soziologie der Moderne, Frankfurt a.M. 1995.
  45. Am einflussreichsten: Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe. Postcolonial Perspectives and Historical Difference, Princeton 2008.
  46. Charles Tilly, What Good is Urban History, in: Journal of Urban History 22 (1996), H. 6, S. 702-719, hier S. 702-704, online unter http://professor-murmann.info/tilly/1996_Good_Urban_History.pdf.
  47. Thomas M. Bohn, Minsk – Musterstadt des Sozialismus. Stadtplanung und Urbanisierung in der Sowjetunion nach 1945, Köln 2008, Zitat: S. 28.
  48. Vgl. u.a. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008; ders., Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte, München 2005; ders., Petersburg: Das Laboratorium der Moderne 1909-1921, München 2002. Vgl. zu Moskau und seinen öffentlichen Räumen: Monica Rüthers, Moskau bauen von Lenin bis Chruscev. Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror und Alltag, Wien 2007.
  49. Vgl. schon Sweet, Urban History, über die Stadt als Kulisse: „[the cities] simply had walk-on parts as the backdrop to major historical events or developments”.
  50. Richard Rodger, The Dyos Legacy: Leicester University and Urban History, 1978-1988, in: The Urban History Newsletter, March 1989, Nr. 1, S. 1.
  51. Osterhammel, Verwandlung, S. 355.
  52. Ebd.
  53. Vgl. Dorothee Brantz/Sasha Disko/Georg Wagner-Kyora, Thick Space. Approaches to Metropolitanism, in: dies. (Hrsg.), Thick Space. Approaches to Metropolitanism, Bielefeld 2012, S. 9-27, hier S. 12.
  54. Ebd.
  55. Vgl. Lenger, Europäische Stadt in der Moderne, S. 309.
  56. Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt a.M. 2001, S. 161ff.
  57. Brantz u.a., Thick Space.
  58. Vgl. Allen J. Scott/Michael Storper, The Nature of Cities. The Scope and Limits of Urban Theory, in: International Journal of Urban and Regional Research 39 (2015), H. 1, S. 1-15, online unter http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1468-2427.12134/pdf. Solche Typenbildungen gehören auch bei der Stadtgeografie zur Forschungstradition. Vgl. die Abgrenzungen beim Pionier der modernen Stadtgeografie Chauncy D. Harris, A Functional Classification of Cities in the United States, in: Geographical Review 33 (1943), S. 86-99.
  59. Vgl. Sweet, Urban History. In Deutschland fand diese Form einer soziologischen Auseinandersetzung mit der Stadt seit den 1930er-Jahren feste institutionelle Anker. Vgl. Ulrike Kändler, Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960, Bielefeld 2016.
  60. Dabei bleibt wichtig festzuhalten, dass Simmel wiederum selber nur eine Stimme in einem Chor aus Autoren bildete, die solchen Formen einer „inneren Urbanisierung“ nachspürten. Vgl. Willy Hellpach, Mensch und Volk der Großstadt, Stuttgart 1939; Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays [1927], Frankfurt a.M. 1977.
  61. Simmel, Großstädte, S. 117.
  62. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie [³1920], Darmstadt 2005.
  63. Vgl. zu den damit möglichen Konstruktionen von Individualität aus historischer Perspektive beispielhaft Moritz Föllmer, Individuality and Modernity in Berlin. Self and Society from Weimar to the Wall, Cambridge 2013.
  64. Vgl. die wichtige Arbeit von Lindner, Walks on the Wilde Side.
  65. Reif, Metropolen. Vgl. in erster Linie den wirkmächtigen visuellen Diskurs, der mit Jacob A. Riis, How the Other Half Lives. Studies among the Tenements of New York, New York 1901, seinen Ausgang nahm. Dazu zuletzt: Bonnie Yochelson/Daniel J. Czitrom (Hrsg.), Rediscovering Jacob Riis. Exposure Journalism and Photography in Turn-of-the-Century New York, New York 2007.
  66. Weber, Stadt.
  67. Ebd., S. 728.
  68. Vgl. Sweet, Urban History.
  69. Dazu Rolf Lindner, Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Frankfurt a.M. 2007.
  70. Reiner Keller, Das interpretative Paradigma. Eine Einführung, Wiesbaden 2002, S. 21.
  71. Robert E. Park, The City: Suggestions for the Investigation of Human Behavior in the City Environment, in: American Journal of Sociology 20 (1915), Nr. 5, S. 577-612, online unter http://web.ics.purdue.edu/~hoganr/SOC%20531/Park_1915.pdf.
  72. Robert E. Park, Human Migration and the Marginal Man, in: American Journal of Sociology 33 (1928), S. 881-893.
  73. Hartmut Häussermann, Die Stadt und die Stadtsoziologie. Urbane Lebensweise und die Integration des Fremden, in: Berliner Journal für Soziologie 5 (1995), H. 1, S. 89-98.
  74. Vgl. beispielhaft die Beiträge in Stephan Thernstrom/Richard Sennett (Hrsg.), Nineteenth-Century Cities. Essays in the New Urban History, New Haven 1969. Am Werk Sennetts lässt sich ein bemerkenswerter Wandel hin zu qualitativen Ansätzen ablesen. Ein innerer Zusammenhang lässt sich am ehesten in einer Kritik an modernen Entfremdungsphänomenen erkennen. Diese findet man nämlich auch in dem ansonsten ganz anders, nämlich körperhistorisch angelegten: Flesh and Stone. The Body and the City in Western Civilisation, London 1994. Vgl. ferner zusammenfassend: Leo F. Schnore, The New Urban History. Quantitative Explorations by American Historians, Princeton 1975.
  75. Vgl. für die Entwicklung seit den 1980er-Jahren bereits Neil Smith, The New Urban Frontier. Gentrification and the Revanchist City, New York 1996.
  76. Vgl. Christiane Reinecke, Localising the Social: The Rediscovery of Urban Poverty in Western European „Affluent Societies”, in: Contemporary European History 24 (2015), H. 4, S. 555-576. Zur Segregation als globalem Merkmal urbaner Räume: Carl H. Nightingale, Segregation. A Global History of Divided Cities, Chicago 2012.
  77. Vgl. Anm. 5.
  78. Vgl. William Foote Whyte, Street Corner Society. The Social Structure of an Italian Slum, Chicago [1943] 1955.
  79. Vgl. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M. 2003 [zuerst englisch: The Interpretation of Culture. Selected Essays, New York 1973, online unter https://monoskop.org/images/5/54/Geertz_Clifford_The_Interpretation_of_Cultures_Selected_Essays.pdf]. Vgl. für den deutschsprachigen Raum mit weiterführender Literatur: Rolf Lindner, Perspektiven der Stadtethnologie, in: Historische Anthropologie 5 (1997), H. 2, S. 319-328.
  80. Vgl. für die beiden älteren Hauptansätze der Urban Geography, die nach den „systems of cities“ bzw. nach „cities as systems“ fragen, und neueren Perspektiven, die erkennbar kulturwissenschaftliche Anregungen aufnehmen, einführend: Andrew E.G. Jonas/Eugene McCann/Mary Thomas, Urban Geography. A Critical Introduction, Chichester 2015.
  81. Marta Gutman, A City for Children. Women, Architecture, and the Charitable Landscapes of Oakland, 1850-1950, Chicago 2014.
  82. Martina Löw, Soziologie der Städte, Frankfurt a.M. 2008, sowie Helmuth Berking/dies. (Hrsg.), Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung, Frankfurt a.M 2008. Die etwas weiter zurückliegende deutschsprachige soziologische Stadtforschung ist erschließbar über Hartmut Häußermann (Hrsg.), Großstadt. Soziologische Stichworte, Opladen 2000.
  83. Ablesbar auch an den entsprechenden Titeln der jeweiligen Themenhefte stadthistorischer Zeitschriften. Vgl. die Titel unter: http://www.difu.de/publikationen/informationen-zur-modernen-stadtgeschichte-ims.html; http://juh.sagepub.com/.
  84. Vgl. Rodger, Dyos Legacy, S. 1.
  85. Daniel Morat u.a. (Hrsg.), Weltstadtvergnügen. Berlin 1880-1930, Göttingen 2016.
  86. Vgl. am Beispiel des viktorianischen London wegweisend: Judith R. Walkowitz, City of Dreadful Delight. Narratives of Sexual Danger in Late Victorian London, London 1992; daneben u.a. Frank Mort, Capital Affairs. London and the Making of the Permissive Society, New Haven 2010; Jennifer Evans, Life Among the Ruins. Cityscape and Sexuality in Cold War Berlin, Basingstoke/New York 2011. Für Jugendliche als Wahrnehmungskategorie: Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.), European Cities, Youth and the Public Sphere in the Twentieth Century, Aldershot 2005.
  87. Karl Christian Führer, Medienmetropole Hamburg. Mediale Öffentlichkeiten 1930-1960, Hamburg 2008; vgl. daneben das Themenheft der „Informationen zur modernen Stadtgeschichte“ (IMS) aus dem Jahr 2002 mit dem Titel „Stadt und Medien“.
  88. Als Fallstudie wegweisend: Martin V. Melosi, The Sanitary City. Urban Infrastructure in America from Colonial Times to the Present, Baltimore 1999; vgl. daneben das Themenheft der IMS 2/2015 „Stadt und Infrastruktur“ mit einem Überblicksartikel desselben Autors. Für die historische Forschung wegweisend: Dirk van Laak, Infra-Strukturgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), H. 3, S. 367-393.
  89. Alena Janatková/Hanna Kozinska-Witt (Hrsg.), Wohnen in der Großstadt 1900-1939. Wohnsituation und Modernisierung im Vergleich, Stuttgart 2006; Adelheid von Saldern, Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute, Bonn 1997.
  90. Thomas Lindenberger, Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900-1914, Bonn 1995.
  91. Jay Winter/Jean-Louis Robert, Capital Cities at War. Paris, London, Berlin 1914-1919, Cambridge 1999; Roger Chickering, Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918, Stuttgart 2009 (zuerst: The Great War and Urban Life in Germany: Freiburg, 1914-1918, Cambridge 2007). Zur urbanen Kultur im Krieg: Martin Baumeister, Kriegstheater. Großstadt, Front und Massenkultur 1914-1918, Essen 2005. Vgl. zum Zweiten Weltkrieg für Europa: Lenger, Metropole, Kap. X: Zerstörung, Vernichtung, Wiederaufbau – Europas Städte und der Zweite Weltkrieg, S. 400-434.
  92. Vgl. mit weiterführender Literatur Friedrich Lenger (Hrsg.), Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890-1939, München 2013. Daneben: Klaus Weinhauer/Dagmar Ellerbrock, Perspektiven auf Gewalt in europäischen Städten seit dem 19. Jahrhundert, in: IMS 2/2013, S. 5-20.
  93. Vgl. M. Christine Boyer, The City of Collective Memory. Its Historical Imagery and Architectural Entertainments, Cambridge Ma. 1996; Simon Ward, Urban Memory and Visual Culture in Berlin. Framing the Asynchronous City, 1957-2012, Amsterdam 2016.
  94. Vgl. zuletzt mit weiterführender Literatur: Panos Hatziprokopiou u.a. (Hrsg.), Migration and the City. Diversity, Migrant Economies and Urban Space. Special Feature of: City. Analysis of Urban Trends, Culture, Theory, Policy, Action 20 (2016), H. 1.
  95. Ein wunderbares Beispiel für die Amalgamierung und gewaltsame Neuformung kolonialer, nationaler und post-kolonialer Selbstverständnisse und Praktiken am Beispiel der Konsumkultur Kairos bis zum Brand von 1952 bietet Nancy Reynolds, A City Consumed. Urban Commerce, the Cairo Fire, and the Politics of Decolonization in Egypt, Stanford, CA 2012.
  96. Vgl. Ruth McManus/Philip J. Ethington, Suburbs in Transition. New Approaches to Suburban History, in: Urban History 34 (2007), H. 2, S. 317-337; Mark Clapson, Review Article: The New Suburban History, New Urbanism and the Spaces in-between, in: Urban History, online article, Feb. 2016, S. 1-6. Angestoßen wurde die Suburbia-Forschung in Großbritannien durch Harold Dyos, Victorian Suburbs. A Study of the Growth of Camberwell, Leicester 1961; in den USA maßgeblich durch Kenneth Jackson, Crabgrass Frontier. The Suburbanization of the United States, New York 1985. Vgl. auch Kevin M. Kruse/Thomas J. Sugrue (Hrsg.), The New Suburban History, Chicago 2006.
  97. Vgl. etwa das IMS-Themenheft „Die Reform der Großstadt“, 2/2014, sowie für Ostmitteluropa die entsprechenden Abschnitte in Martin Kohlrausch, Imperiales Erbe und Aufbruch in die Moderne. Neuere Literatur zur ostmitteleuropäischen Stadt, http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1185. Zur Stadtplanung auch: Lenger, Metropolen, Kap. X und XI. Die Diskussion über Stadtpolitiken ist – ausgehend von den USA – unter dem Begriff der „urban governance“ geführt worden. Dabei hat sich die Forschung auch Prozessen der „re-territorialization“ im Zuge der Globalisierung und einer neuen Kommunikationskultur im digitalen Zeitalter zugewandt. Vgl. Jon Pierre, Can Urban Regimes Travel in Time and Space? Urban Regime Theory, Urban Governance Theory, and Comparative Urban Politics, in: Urban Affairs Review, Jan 2014.
  98. Vgl. Georg Wagner-Kyora (Hrsg.), Wiederaufbau europäischer Städte. Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik, Stuttgart 2014.
  99. Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities, New York 1961. Vgl. dazu Dirk Schubert (Hrsg.), Contemporary Perspectives on Jane Jacobs. Reassessing the Impacts of an Urban Visionary, Farnham 2014; ders., Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt. Diskurse – Perspektiven – Paradigmenwechsel, Stuttgart 2014.
  100. Vgl. zur „ostmitteleuropäischen Stadt“ den großen Literaturüberblick bei Kohlrausch, Imperiales Erbe.
  101. Hartmut Kaelble, Die Besonderheiten der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert, in: Friedrich Lenger/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion, Köln 2006, S. 25-44.
  102. Ebd., S. 26-33.
  103. Vgl. Lenger, Metropolen, S. 14. Zu den Kolonialstädten siehe den Überblick bei Odile Goerg/Xavier Huetz de Lemps, La ville européenne outre-mer, in: Jean-Luc Pinol (Hrsg.), Histoire de l’Europe urbaine, Paris 2003, Bd. 2, S. 277-551.
  104. Zitat Lenger, Metropolen, S. 15.
  105. Vgl. beispielhaft die Pionierarbeiten: Martin Melosi, Garbage in the Cities. Refuse, Reform, and the Environment, Pittsburgh 2004; Joel A. Tarr, The Search for the ultimate Sink. Urban Pollution in Historical Perspective, Akron 1996. Ein erster Überblick für europäische Städte erschien bereits 2001: Christoph Bernhardt (Hrsg.), Environmental Problems in European Cities in the 19th and 20th Century, Münster 2001. Einen sehr guten Überblick gibt Dieter Schott, Urban Environmental History: what Lessons are there to be learned?, in: Boreal Environment Research 9 (2004), S. 519-528, online unter http://www.borenv.net/BER/pdfs/ber9/ber9-519.pdf.
  106. William Cronon, Nature’s Metropolis. Chicago and the Great West, New York 1991.
  107. Vgl. Joel A. Tarr, Urban History and Environmental History in the United States. Complementary and overlapping fields, in: Bernhardt, Environmental Problems, S. 25-39, hier S. 38. Wiedergegeben nach Schott, Urban, S. 521.
  108. Der Bedeutung von Häfen und Hafenstädten gehen laufende Forschungsprojekte u.a. in Oxford und Berlin nach. Vgl. http://www.history.ox.ac.uk/faculty/staff/profile/darwin.html, https://www.kwhistu.tu-berlin.de/fachgebiet_neuere_geschichte/menue/dfg_graduate_research_program_2012_2016/berlin_fellows_2015_2016/toedt_daniel/ sowie http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/mitglieder/Wissenschaftliche_Mitarbeiterinnen_und_Mitarbeiter/Heerten.html.
  109. Saskia Sassen, The Global City. New York, London, Tokyo, Princeton 1991.
  110. Vgl. Peter J. Taylor, World City Network. A Global Urban Analysis, London 2004.
  111. Vgl. James J. Connolly, Decentering Urban History. Peripheral Cities in the Modern World, in: Journal of Urban History 35 (2008), H. 1, S. 3-14.
  112. Vgl. zuletzt Christopher Silver, Globalization and Urbanization in East Asia since the Middle Ages, in: Journal of Urban History 41 (2015), H. 1, S. 165-170.
  113. Reif, Metropolen, S. 3. Dieser Form von Urbanität widmet sich das „Center for Metropolitan Studies“ an der TU Berlin (http://www.kwhistu.tu-berlin.de/fachgebiet_neuere_geschichte/menue/home/).
  114. Dazu schon Saskia Sassen (Hrsg.), Global Networks, Linked Cities, New York 2002.