Moderne

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Christof Dipper, Moderne,
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.08.2010
Miroslaw Balka, How It Is, Tate Modern, London 2009 - Die Moderne als "stählernes Gehäuse" (Max Weber), Foto: fairlybuoyant [https://www.flickr.com/photos/fairlybuoyant/4050310769 Flickr] ([https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ CC BY-SA 2.0])
Miroslaw Balka, How It Is, Tate Modern, London 2009 - Die Moderne als "stählernes Gehäuse" (Max Weber), Foto: fairlybuoyant Flickr (CC BY-SA 2.0)
Moderne

Definition

Das Wort Moderne spielt seit den 1980er-Jahren in vielen Disziplinen eine wichtige Rolle, während es bis dahin fast ganz auf die Kunst- und Literaturwissenschaft beschränkt war. Der Begriff meint aber keineswegs überall dasselbe. Gegenwärtig lassen sich wenigstens drei verschiedene Bedeutungen ausmachen: Ihrem Ursprung nach meint Moderne eine Stilrichtung in Literatur, Musik, Kunst oder Architektur, die sich gegenüber dem Bestehenden als das absolut Neue, Präzedenzlose, als radikaler Bruch mit jeglicher Konvention ausgab. Das hat aber nicht verhindert, dass, abgesehen von der Architektur, alle Spielarten „modernen” Stils inzwischen längst der Vergangenheit angehören. Nicht viel jünger ist die zweite Bedeutung. Hier meint Moderne die Verbindung von Zeitdiagnose und Weltverhalten: Rationalismus gilt als die wichtigste Errungenschaft der Moderne, nach seinem Rezept soll die Welt umgestaltet werden. In diesem Verständnis ist Moderne eine universal gedachte Norm, ein Wert, der überwiegend positiv besetzt ist. Soziologen/innen, Politologen/innen und Philosophen/innen neigen sehr zu dieser Vorstellung von Moderne. Die jüngste Bedeutung von Moderne meint eine geschichtliche Epoche. Zwar sind auch die beiden anderen Moderne-Versionen in der Zeit verortet, aber es fehlt ihnen der Epochencharakter, d.h. eine Zeiteinheit, die unterschiedlichste Merkmale sinnstiftend zusammenfasst. Weil bei Historiker/innen Anfang und Ende einer Epoche immer umstritten sind, gibt es in der Geschichtswissenschaft mehrere Varianten einer Epoche dieses Namens. Die einen verlegen ihren Beginn auf 1500 – dann handelt es sich einfach um ein anderes Wort für Neuzeit –, andere dagegen (wie auch die Sozialwissenschaften) auf die Zeit um 1800. Im Folgenden wird ein Vorschlag unterbreitet, der die Selbstaussagen der Zeitgenossen ernst und diese beim Wort nimmt. Deshalb ist auch die Datierung eine andere.

Die Entstehung des Begriffs „Moderne”

„Moderne” wurde im Jahre 1886 in Berlin von einer bis dahin unbekannten Schriftstellergruppe[1] geprägt.[2] Das Wort sollte das absolut Neue, Vorbildlose, den vollständigen Verzicht auf ästhetische Traditionen bezeichnen. Damals war schon seit zwei Jahrhunderten die ästhetische Debatte mit den Stichworten „antiqui/moderni” geführt worden, was den Neologismus erklärt; es gibt ihn nur im Deutschen. Der Begriff brachte offensichtlich das Zeitgefühl einer erreichten Kulturschwelle derart perfekt zum Ausdruck, dass ihn schon 1895 der „Brockhaus” aufnahm und damit zur allgemeinen Verwendung freigab. „Moderne: Bezeichnung für den Inbegriff der jüngsten socialen, litterarischen und künstlerischen Richtungen.”[3] Tatsächlich machte der Begriff eine wechselhafte, bis heute anhaltende Karriere, während seine Erfinder längst vergessen sind.

Der „Brockhaus” sah durchaus zu Recht, dass der Begriff zunächst vor allem von Schriftstellern und bildenden Künstlern verwendet wurde. Dort rang man heftig um das Etikett, weil sich die ästhetischen Vorstellungen voneinander unterschieden und man sich nicht dem Berliner Diktat unterwerfen wollte. Der bekannte Wiener Kritiker und Schriftsteller Hermann Bahr unternahm schon 1890 einen ersten Versuch der Klärung: Mit Moderne komme einerseits die Gegenwart zu ihrem Recht, andererseits sei die Gegenwart nur ein Moment „im ewigen Werden und Vergehen aller Dinge”, sodass es künftig keine ästhetischen Vorschriften im „näselnden Gouvernantenton” mehr geben dürfe.[4] Moderne ist jetzt, morgen ist die Moderne anders, aber immer bleibt sie modern, das ist Bahrs Botschaft, der damit eigentlich nur eine in der Kunst seit Baudelaire diskutierte These in Erinnerung gerufen[5] und damit den Absolutheitsanspruch der Neuerer relativiert hat. Andere Autoren waren radikaler. Samuel Lublinski zog 1904 eine „Bilanz der Moderne” und wollte damit signalisieren, dass sie inzwischen schon wieder zu Ende gegangen sei.[6]

In den Diskursen über zeitgenössische Kunst blieb der Begriff trotzdem präsent, und immer neue Richtungen beriefen sich auf ihn. Das hatte zur Folge, dass „Moderne” ein umstrittener Kampfbegriff blieb und mit erklärenden Adjektiven wie z.B. „klassisch” näher bezeichnet, d.h. verteidigt werden musste. Auf die Dauer half das aber nichts. Wer sich dem ewigen Streit entziehen wollte, konnte entweder wie das Bostoner Institute of Modern Art die neutrale Bezeichnung Institute of Contemporary Art wählen oder die jeweils neue Stilrichtung als „postmodern” bezeichnen.[7] Dass beides in den 1950er-Jahren geschah, deutet darauf hin, dass der Zweite Weltkrieg weithin ein neues kulturelles Selbstverständnis hervorbrachte. Nur in Deutschland, das wegen der nationalsozialistischen Kunstpolitik einen Nachholbedarf hatte, erlebte „modern” nach 1945 eine Renaissance. Inzwischen hat sich der Sprachgebrauch synchronisiert, und „postmodern” bestimmt auch hierzulande Kunst und Zeitgefühl.

Wege in die Wissenschaft

Theologie

Eigentlich kamen nur zeitdiagnostisch orientierte Wissenschaften für die Übernahme jenes Neologismus in Frage, der „fast über Nacht”[8] Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hatte. Umso mehr mag es überraschen, dass die protestantische Theologie den Begriff zuerst bei sich einbürgerte. Das geschah wohl, um den Reformkatholiken das Feld nicht kampflos zu überlassen, die seit den 1890er-Jahren ihre verschiedenen Vorhaben unter dem neuen Begriff „Modernismus” bündelten. Im selben Jahr, in dem der Vatikan diese Bewegung als Häresie verurteilte, entfaltete der Wiener Universitätstheologe Karl Beth einen ausführlichen Merkmalskatalog der Moderne, deren geschichtliche Wurzeln er in die „Renaissancemoderne”[9] mit ihrer bahnbrechenden Leistung, die Autonomie der menschlichen Vernunft zu behaupten, zurückverlegte, während er Luthers Reformation in dieser Hinsicht als, wie man heute sagen würde, „vormodern” qualifizierte. Zwei Jahre später berichtete sein Kieler Kollege Baumgarten von derzeit zu beobachtenden vielfältigen Versuchen zur „Modernisierung” des Christentums, die sämtlich die Überzeugung teilten, dass die „moderne Geisteskultur nicht ohne weiteres dem Christentum entgegengesetzt”, sondern „ihm vielmehr kongenial” sei.[10] Die Zuversicht in eine Synthese von Christentum und Moderne währte jedoch nur kurz, denn empirische Befunde schienen das Gegenteil zu besagen. Ein Spannungsverhältnis zwischen beiden ist jedenfalls unübersehbar.

Soziologie

In der Soziologie verwendete nach der Jahrhundertwende lediglich Georg Simmel den Neologismus. Seine erfahrungsorientierte (freilich umrisshaft gebliebene) Moderne-Theorie, die sich auf den neurasthenischen Stadtmenschen kaprizierte und temporal an Baudelaires These vom Transitorischen festhielt, fand eher außerhalb des sich erst etablierenden Faches Zuspruch, vor allem bei Walter Benjamin.[11] Max Weber benutzte „Moderne” dagegen niemals. Er sprach stattdessen vom „okzidentalen Rationalismus”, dessen Ursachen als eines weltgeschichtlich einmaligen Vorgangs ihn zunehmend interessierten, und erlangte damit für die Moderne-Theorie überragende Bedeutung. Dafür fand er, anders als die Theologen, keinen punktartig festzumachenden historischen Bruch, sondern eine Fülle kontingenter Umstände, die sich im Verlauf der Zeit zu einem Bewusstseins- und Verhaltenswandel verbanden und die, einmal in der Welt, sich nun auch auf andere Kulturen – und Weber meinte damit zunächst die katholische – übertragen ließen.[12] Dieser Rationalismus hatte Weber zufolge jedoch seinen Preis. Statt der von den Puritanern erhofften Heiligung des Alltags setzte nämlich ein das Gegenteil bewirkender Prozess ein, den, als „Säkularisierung” bezeichnet, die Forschung alsbald zu den wichtigsten Triebkräften der europäischen Geistesgeschichte der Neuzeit erhob.

Da die Soziologie überhaupt ein Kind der Moderne ist, konnte es nicht ausbleiben, dass sich auch konkurrierende Denkschulen mit Entstehung und Deutung der modernen Welt befasst haben. Ihre Antworten fielen oft noch kulturkritischer aus als bei Weber und suchten daher zugleich nach Auswegen aus der Moderne. Etliche ihrer Vertreter – Hans Freyer und Arnold Gehlen, um wenigstens die prominentesten zu nennen – gerieten so bzw. begaben sich deshalb ins Schwerefeld des Nationalsozialismus, dem ebenfalls eine Art Hassliebe zur Moderne eigen war und der eine beispiellose Gewaltorgie zur Rettung dessen entfesselte, was er als erhaltenswert klassifizierte. Nach 1945 überarbeiteten sie ihr „Rettungsnarrativ”. Freyer etwa schlug vor, die von der industriellen Moderne verursachten Verluste mit dem vordem undenkbaren Zuwachs an Freiheit im Sinne unbegrenzter Möglichkeiten zu verrechnen, und hatte damit eine Zeit lang Erfolg.[13] Das ist hier nur deshalb von Interesse, weil sich inzwischen die Erkenntnis breitmacht, dass auch Kulturkritik ein „Reflexionsmodus der Moderne” ist.[14] Weil sie in der Regel viel mit historischem Material arbeitet, führt von ihr ein direkter Weg zur Historie.

Geschichtswissenschaft

Die deutsche Geschichtswissenschaft nahm von „Moderne” lange keine Notiz. Erstens verfügt sie über eine jahrhundertealte und auch international akzeptierte Einteilung in die drei Epochen Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Diese Epochenbezeichnungen sollten außerdem wertneutral sein, was sich im Falle des „finsteren” Mittelalters als mühsam genug erwies. Damit eng verbunden ist, zweitens, als Erbe des Historismus die Vorstellung vom historischen Kontinuum. Tatsächlich wurde – im Gegensatz zu heute – bis ins 20. Jahrhundert hinein die deutsche Geschichte als bruchlos gedeutet: 1789 war kein deutsches Datum, 1806-15 im Blick auf Preußen ein Höhepunkt der borussischen Sendung, 1848 nichts als ein „tolles Jahr”, schließlich 1866-71 die Vollendung jahrhundertealten deutschen Strebens. Drittens hatten sich im 19. Jahrhundert die Historiker im Zuge ihrer Professionalisierung von den Universalhistorien der Aufklärung verabschiedet, obwohl die Frage nach der auffallenden Sonderentwicklung des Okzidents im Alltag eine zunehmende Rolle spielte: Jedenfalls wirkten die theorielastigen Globalentwürfe Webers und anderer Kultursoziologen für die meisten abschreckend, während die geschichtsphilosophischen Antworten Oswald Spenglers und später Arnold Toynbees die disziplinären Standards verletzten.

Dennoch gab es seit dem Ende des Ersten Weltkriegs eine Einfallsstelle. Entscheidend war, dass sich der Wind drehte, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum Ersten hatte Deutschland erstmals eine erfolgreiche Revolution erlebt, und allein dieses Faktum machte das Denken in Diskontinuitäten plausibler denn je. Einen Aufschwung erfuhr deshalb, zweitens, ein alternatives Erkenntnisprogramm in den Geisteswissenschaften, und zwar in Reaktion auf die von der Niederlage und ihren Folgen verursachte politisch-kulturelle Moderne: der auf die Tradition des Idealismus zurückgehende Versuch, der ungeliebten Gegenwart ein geistig-werthaftes Wirklichkeitsverständnis und entsprechend normatives Geschichtsbild entgegenzusetzen. Diese Kampfansage an das rationalistische Wissenschaftsverständnis wurde, drittens, erleichtert durch die unerwarteten Todesfälle etlicher prominenter Vertreter dieses Verfahrens (Simmel, Weber, Ernst Troeltsch), die allesamt keinen Schülerkreis hervorgebracht hatten.[15] Wenig Spuren hinterließen auch, viertens, sozialistisch geprägte Wissenschaftler, deren gleichfalls auf Diskontinuität („Revolution”) und Wertaussagen („Entfremdung”) angelegtes Geschichtsbild die Gegenwart im Lichte einer wünschbaren Zukunft kritisierte.

Aus der Sicht der schulmäßigen Historiker musste man jedenfalls auch in der Zwischenkriegszeit Außenseiter sein, wenn man ein alternatives, nämlich dichotomes Bild vom Gang der neueren Geschichte entwickelte. Hilfreich war paradoxerweise eine politische Grundeinstellung, die die Moderne radikal ablehnte, womit in erster Linie Völkische – eine schon um die Jahrhundertwende als direkte Antwort auf die Moderne entstandene Bewegung – und der „konservativen Revolution” Zuzurechnende in den Blick kommen. Beide hielten die Gegenwart für das Ergebnis einer 1789 begonnenen Weltverschwörung und prägten damit einen außerordentlich erfolgreichen Denkstil. Rettung versprachen sich beide Gruppierungen von einem revolutionären Gewaltakt. Die Ähnlichkeiten mit dem Geschichtsbild ihres schärfsten politischen Gegners, dem Marxismus, sind daher kein Zufall, auch wenn die politischen Vorzeichen ausgetauscht sind, denn es gab einen gemeinsamen Feind, den Liberalismus.

Aus wirkungsgeschichtlicher Perspektive sind vor allem Otto Brunner[16] und Werner Conze[17] zu nennen, die als Nachwuchshistoriker in den 1930er-Jahren völkische Ideen vertraten und damit einen anderen Blick auf die Vergangenheit: Diese dachten sie radikal anders als die Gegenwart, nämlich als statisch, geordnet und darum gut, bis ihr die Revolution ein Ende machte. Indirekt war das dann doch ein Beitrag zur Theorie der Moderne, und insofern wies diese Alternative zum damaligen historiografischen mainstream weit in die Zukunft. Denn so normativ der Blick auf die Gegenwart war und so unerklärt letztlich der Übergang in die Moderne blieb, so hatten sich die Völkischen doch zum Sprachrohr eines verbreiteten Bewusstseins gemacht, in einer neuartigen, von der Vergangenheit radikal unterschiedenen Epoche zu leben. Politisch gesäubert, erwies sich darum dieses Geschichtsbild nach 1945 als modernisierungsfähig. Dann erst erhielten auch die beiden konträren Großepochen brauchbare Benennungen: Entsprechend ihren Hauptinteressensgebieten zeichnete Brunner für die vorrevolutionäre Zeit verantwortlich, die er schließlich „Alteuropa” nannte,[18] während Conze die darauf folgende Epoche als „industrielle Welt” bezeichnete, damit aber weit mehr als nur die Wirtschafts- und Sozialgeschichte meinte, weshalb er seinen Zugriff, zeitweilig jedenfalls, „strukturgeschichtlich” nannte.[19]

Es sind dies die „braunen Wurzeln” der geschichtswissenschaftlichen Moderne-Theorie. Doch es gibt noch eine weitere Quelle, die ein Jahrzehnt später in diese Disziplin einfloss, und zwar vor allem über die Soziologie, seit den 1960er-Jahren die neue Leitwissenschaft: die aus den USA importierte Modernisierungstheorie. Sie liest Max Weber anders als oben skizziert und enthält nicht dessen skeptisch-resignative Einsicht in den Preis des Fortschritts, sondern benutzt Webers Fragestellung, um zeigen zu können, was die westliche Welt in die Moderne geführt hat: eine bestimmte Kombination von Entwicklungsprozessen, der normative Geltung zugesprochen wurde. Die Modernisierungstheorie wurde die einflussreichste (und protestantisch getönte) Meistererzählung unserer Zeit, weil sie der Selbstverständigung des „Westens” auf dem Höhepunkt seiner Weltgeltung die maßgeblichen Argumente zur Verfügung stellte. Der Geschichtswissenschaft lieferte sie außerdem eine Erklärung, weshalb einige der westlichen Gesellschaften „verzögerte” oder gar „abweichende” Entwicklungspfade beschritten hatten, die in dieser Sichtweise als „Sonderwege” bezeichnet wurden. Für das Verständnis der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erlangte dieser Begriff zeitweise geradezu kanonische Geltung.

Diese immer wieder mit der Universität Bielefeld in Verbindung gebrachte – von dort gingen in der Tat viele Anstöße aus, aber die Vertreter/innen dieses Ansatzes waren auch an vielen anderen Universitäten zu finden[20] –, als „Historische Sozialwissenschaft”, später als „Gesellschaftsgeschichte” bezeichnete modernisierungstheoretische Version der Geschichtswissenschaft[21] benutzte jedoch den Begriff Moderne allenfalls ganz beiläufig, denn die in ihm durchscheinende Selbstwahrnehmung der Menschen spielte für sie eine untergeordnete Rolle. Wie die anderen Gesellschaftswissenschaften bevorzugte sie darum objektivistische Termini wie „bürgerliche Gesellschaft”, „Kapitalismus”, „industrielle Welt” oder Bewegungsbegriffe wie „Rationalisierung”, neuerdings abgelöst von „Kommunikation” (als Form der Rationalitätskonstruktion), und „Ausdifferenzierung”. Damit beanspruchte sie, die maßgebliche Version geschichtswissenschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit geschaffen zu haben, jedenfalls was die Neuzeit betrifft, und in der Tat waren die Erkenntnisfortschritte enorm. Denn das auf Diskontinuität angelegte Geschichtsbild und das makrohistorische Verlaufsmodelle anbietende Verfahren forderten Fragen heraus, die mit dem traditionellen Werkzeug der Historiker nicht beantwortet werden konnten. Die Antworten hatten jedoch, wie methodisch nicht weniger versierte Kritiker/innen bemängelten, sehr schablonenhafte Verlaufsformen der geschichtlichen Entwicklung zur Folge.

So war es gerade das Unbehagen an der zunehmend als schematisch und blutleer empfundenen, aber auch die Selbstwahrnehmung der Menschen ignorierenden historischen Modernisierungstheorie, das – zusammen mit anderen Ursachen – in den 1980er-Jahren den cultural turn als Gegenmittel hervorbrachte und damit die Geschichtswissenschaft schließlich doch noch für das Thema „Moderne” empfänglich machte.[22] Zu Hilfe kam auch eine erneuerte Lektüre Max Webers, bei der dessen Nähe zum Fin de Siècle mit seinem typischen Gespür für die Ambivalenz der mit dem Datum 1900 verbundenen Kulturschwelle entdeckt wurde.

Die Annäherung an das Thema Moderne hatte freilich auch noch einen weiteren Grund. Er liegt in dem, was man vereinfachend Sachgeschichte, in diesem Fall die zeitgeschichtlichen Umstände, zu nennen pflegt. Denn eben damals wurden die Deutschen – und natürlich nicht nur sie – gewahr, dass offensichtlich (erneut) eine Epoche zu Ende ging: das klassische Industriezeitalter. „Nach dem Boom”,[23] dem wenig später die Implosion des kommunistischen Systems folgte, geriet die Gesellschaft in eine tiefe, bis heute andauernde Orientierungskrise, in deren Verlauf nicht nur nach Reparaturmöglichkeiten für die Industriewelt, den Sozialstaat und andere vertraut gewordene Hervorbringungen gesucht wurde und noch immer wird, sondern auch nach neuen Zeitdiagnosen, die auf das Ende kultureller Gewissheiten eine Antwort zu geben imstande sein würden. Der bisher eigentlich nur in der Literaturwissenschaft heimische Begriff „Postmoderne” breitete sich plötzlich wie ein Lauffeuer aus, weil er dem Unbehagen Ausdruck verschaffte, und damit war auch der Rezeption von „Moderne” durch die Historiker/innen wenigstens die Hintertür geöffnet.

Umrisse einer Geschichte der Moderne

Moderne als geschichtliche Epoche

„Moderne”, wie sie im Folgenden verwendet wird, ist nicht einfach ein anderer Begriff für „Neuzeit”, sondern hat etwas mit Zeitdiagnose zu tun.[24] Der Begriff war das, wie erinnerlich, von allem Anfang an. Nicht um andere Tatsachen geht es also, sondern um eine spezifische Erzählperspektive. Sie respektiert die Selbstwahrnehmung der Erlebenden als „Moderne”, was eine andere Periodisierung zur Folge hat. Wir haben uns zwar seit langem angewöhnt, die historischen Großepochen nach Jahrhunderten einzuteilen, doch diese mechanische Zählweise, ursprünglich ein didaktischer Kunstgriff, trifft weder die gemeinten Sinneinheiten genau, noch bestimmt sie unser Zeitempfinden. Der Streit der Geschichtswissenschaft um „lange” und „kurze” Jahrhunderte beweist das ebenso wie unser Gefühl, dass Jahre wie 1945 oder 1989 mehr bedeuten als 1900 oder 2000.

Die Moderne ist deshalb eine Epoche, die sich von allen vorangehenden dadurch unterscheidet, dass sie von den Mitlebenden sogleich als solche erkannt und benannt worden ist. Das ist neu. Für die als „Altertum” oder „Mittelalter” bezeichneten Epochen ist das offensichtlich, aber selbst bis das sehr früh, im 16. Jahrhundert, sich einstellende Bewusstsein, man lebe in „neuen Zeiten”, zum bündigen Begriff „Neuzeit” wurde, in der man nun lebe, dauerte es rund vierhundert Jahre: 1838 ist er zum ersten Mal nachgewiesen, in der Geschichtswissenschaft taucht er 1855 auf,[25] erst ab 1870 gilt er als gebräuchlich,[26] alltagssprachlich ist er also fast gleich alt wie „Moderne”.

Methodische Anforderungen: Basisprozesse und Ordnungsmuster

Die Rede von der Moderne setzt den Gedanken eines gerichteten Verlaufs der Geschichte voraus, was nur heißen soll, dass die Vorstellung eines „Rückfalls”, wie er beispielsweise gerne als Attribut des Nationalsozialismus herangezogen wird, nicht in Frage kommt. Schon hier zeigt sich, dass Moderne nicht mit Fortschritt gleichgesetzt werden darf. Wie dieser Verlauf im Einzelnen zustande kam, ist umstritten. Als inspirierend hat sich Max Webers Verfahren bei der Suche nach den Ursachen für die Sonderentwicklung des Okzidents erwiesen. Er sah sie als Ergebnis einer Verkettung kontingenter Umstände und nicht als Werk des (Hegelschen) „Weltgeistes” oder der (Marxschen) „Gesellschaft”, ganz zu schweigen von einer naturgesetzlichen Entwicklung ursprünglicher Anlagen. Auch ein wie immer beschaffenes „Projekt der Moderne”, von dem in Soziologie und Philosophie gegenwärtig viel die Rede ist, erfüllt schwerlich die Anforderungen, die Historiker/innen auch nach dem linguistic turn an Ursachenkomplexe für die Erklärung geschichtlichen Wandels richten.

Die Rekonstruktion des gerichteten Verlaufs in die Gegenwart bedarf zweier Annahmen, um die zahllosen historischen Antriebskräfte zu identifizieren, zu sortieren und ihnen ihre je spezifische Rolle zuzuweisen. Zum einen hat man davon auszugehen, dass die Gesellschaft durch die Heraufkunft der Moderne einem grundlegenden Wandel ausgesetzt ist. Dabei sind langfristige evolutionäre Vorgänge, Trends, im Spiel, die durchaus eigengesetzliche Verlaufsformen aufweisen. Sie werden im Folgenden als Basisprozesse bezeichnet und betreffen verschiedene Ebenen: die institutionelle Formenbildung (Bürokratisierung), die Form wirtschaftlicher Entwicklung (industrielles Wachstum innerhalb konjunktureller Schwankungen), die Einbettung Europas in die Welt als Ganzes (Globalisierung), die Ebene der Vergemeinschaftung (Klassen, Nationen), des Wissens (Verwissenschaftlichung und Technisierung) und des Weltverhaltens (Säkularisierung), die Trends gesellschaftlicher Entwicklung (demografischer Wandel, Urbanisierung, Alphabetisierung und Bildungsexpansion sowie Medialisierung) und endlich die Ebene des Persönlichen (Individualisierung). Insoweit gibt es wesentliche Berührungspunkte zur herkömmlichen Modernisierungstheorie.

Die zweite Annahme korrigiert aber deren zumindest lange Zeit prägende Annahme einer starren und einheitlichen Entwicklung als Folge der Verknüpfung aller Basisprozesse miteinander, in der der handelnde Mensch nicht eigentlich vorkommt. Dem setzt die kulturwissenschaftlich geprägte Theorie der Moderne die Auffassung entgegen, dass sich im Zeitverlauf auch Selbstwahrnehmung und -beschreibung der Gesellschaften ändern und dass genau dieser Prozess einen sehr aussagekräftigen Indikator dafür abgibt, wann eine Gesellschaft modern wird. Wahrnehmungsmuster, Erfahrungen, Diskurse und Sprache sind nämlich nicht nachgeordnete Phänomene strukturellen Wandels, sondern stehen mit den Basisprozessen in Wechselwirkung. In ihrer Gesamtheit als Ordnungsmuster bezeichnet, beobachten sich die Gesellschaften mit ihrer Hilfe und steuern ihre Entwicklung. Deshalb sind diese Ordnungsmuster epochenspezifisch und erreichen in einem bestimmten Moment die Grenzen ihrer Erklärungskraft. Dann verursacht die Suche nach besseren Mustern eine Kulturschwelle, die in eine neue Epoche hinüberführt. In der Moderne nimmt diese Steuerungsfähigkeit außerordentlich zu, und das bedeutet zugleich, dass die Varianten moderner Erscheinungsformen ebenfalls zunehmen. Die Kultursoziologie spricht neuerdings von „multiple modernities”,[27] aber die Vielfalt beschränkt sich nicht nur auf die von Shmuel Eisenstadt untersuchten Beispiele Europa, Nordamerika und Japan, sondern Europa selbst weist ebenso viele Varianten der Moderne auf wie Gesellschaften.

Die Epoche der Moderne im zeitlichen Kontinuum

Wenn man sich nun an den historischen Durchgang macht, ist es hilfreich, bei der Selbstverständigung einer Gesellschaft (oder maßgeblicher Teile von ihr) anzusetzen, weshalb dieser Artikel mit einem kurzen Blick auf die Karriere des Schlagwortes „Moderne” begann. Es entstand am Beginn und ist Ausdruck einer Kulturschwelle, die zwei Zeitabschnitte voneinander trennt; sie werden hier als „Epoche der Revolution” und „Moderne” bezeichnet. An diese schließt unsere Gegenwart an. Sie pflegt sich häufig die Bezeichnung „Postmoderne” zu geben. Ordnungsmuster und Handlungsmöglichkeiten unterscheiden sich jeweils erheblich und verleihen den Basisprozessen ganz verschiedenartige Gestalt.

Der Rückblick auf die Gesellschaftsgeschichte der Epoche der Revolution muss notgedrungen holzschnittartig ausfallen. Er kann darum nur solche Gesichtspunkte aufgreifen, die auch für die nachfolgende Epoche von Bedeutung sind. In dieser Hinsicht ist ihr mit Abstand wichtigster Beitrag – man kann sagen, von weltgeschichtlicher Bedeutung – jene Kulturschwelle, die zu einem grundlegenden Sprach- und Diskurswandel führte und damit einen bis in die Antike zurückreichenden Modus der Selbstbeobachtung beendete. Koselleck gab ihr den Namen „Sattelzeit”, weil sie, einem Bergsattel gleich, den Übergang vom alteuropäischen Sprachgebrauch zu dem der „modernen Welt” markiert. Der Kern der modernen, bis in die Gegenwart wirksamen Semantik besteht in der Selbstermächtigung des (europäischen) Menschen, dem Weltenlauf eine neue Richtung zu geben. Denn massiver Erfahrungswandel brachte eine Theorie der Neuzeit hervor, die die Menschen in die Lage versetzte, anders als bisher in den Geschehnisablauf steuernd einzugreifen, und zwar, das ist das „Neuzeitliche”, im Lichte einer antizipierten Zukunft.[28] Revolution ist die spektakulärste der neuen Möglichkeiten, die man planen, bekämpfen oder der man reformierend zuvorkommen konnte.

Konsens über einen Epochenbegriff hat dieser um 1770 einsetzende Zeitabschnitt erst im neuen Jahrhundert herzustellen vermocht, nämlich als sich herausstellte, dass die 1799 von Napoleon für beendet erklärte Revolution periodisch wiederkehrte. Barthold Georg Niebuhr hielt 1829 seine Vorlesungsankündigung „Geschichte des Zeitalters der Revolution” noch für einen Notbehelf,[29] aber rund vierzig Jahre später, im November 1871, eröffnete Jacob Burckhardt seine Vorlesung mit den Worten, gerade die Ereignisse des vergangenen Jahres hätten wieder einmal gezeigt, „daß eigentlich alles bis auf unsere Tage im Grunde lauter Revolutionszeitalter ist”. Das mache, dass der jüngste Zeitabschnitt „im Gegensatz zu aller bekannten Vergangenheit unseres Globus steht”.[30] Eben deshalb hatten ja die Revolutionäre 1792/93 mit einer Kalenderreform den Anbruch eines neuen Zeitalters zu sanktionieren versucht.

Jede Zeit hat ihre Ordnungsmuster. Da diese sprachlich vermittelt sind, unterwarf die Epoche der Revolution auch diese ihrer neuartigen Dynamik. Die Kirchenspaltung der Vormoderne hatte trotz allem Streit die politisch-soziale Semantik unangetastet gelassen, erst die Revolution zerstörte diese Einheit. Das Zentralereignis machte diskursiven Frieden künftig undenkbar und stellte die Menschen vor die Alternative, für oder gegen sie zu sein; ein Drittes gab es nicht (mehr). Folglich standen den Menschen des 19. Jahrhunderts zwei diametral entgegengesetzte Ordnungsmuster zur Verfügung: Bewegung und Beharrung bzw., ins Parteipolitische übersetzt, Liberalismus[31] und Konservatismus. Aber anders als die Parteigänger des Konservatismus behaupteten (und dafür das Schlagwort „Restauration” schufen), enthielt der Konservatismus keine realistische Option zur Rückkehr nach Alteuropa. Er war selbst ein Kind der Revolution, und seine Entwürfe waren demzufolge strukturell ebenfalls modern. Auf lange Sicht sollten sich die Gegner der Liberalen sogar als die Moderneren erweisen und dem Liberalismus eine Niederlage beibringen, von der er sich nie wieder wirklich erholt hat: Bonapartismus und Reformkonservatismus italienischer, preußischer oder englischer Prägung fanden auf den stürmischen Lauf der Basisprozesse und den von ihm verursachten gesellschaftlichen Wandel, in erster Linie die „soziale Frage”, die überzeugenderen Antworten als der in Dogmatik erstarrte Liberalismus.

Die Epoche der Revolution hat gleich zu ihrem Beginn mit der Trias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” ihr von der Vormoderne radikal geschiedenes Programm formuliert, nach dem die Welt umgeschaffen werden sollte. Man glaubte, dass, sobald einmal die feudalzeitlichen Barrieren beiseite geräumt wären, diese Trias sich von alleine durchsetzen würde, da sie das „Haupttriebrad der Weltgeschichte” sei.[32] Es schien also nur darauf anzukommen, der „Bewegung” den Weg frei zu machen, und das erklärt die Zeitorientiertheit der beiden Ordnungsmuster. Die tatsächlich epochengestaltenden drei Hauptmerkmale spiegeln dagegen die Zwänge wider, die sich aus dem Zusammenprall mit der Wirklichkeit ergaben. Denn diese war keine tabula rasa wie in Nordamerika, wo die Menschen in vieler Hinsicht einfach „frei” waren, sodass in Europa Freiheit nicht anders als durch Gesetz und Verordnung hergestellt werden konnte. Das erste Merkmal ist daher die Verrechtlichung der naturgesetzlichen Verheißungen. Modalitäten, Grenzen und Inhalte mussten jeweils ausgehandelt werden, und so unterschied sich die konkrete Freiheit nicht nur von Fall zu Fall, sondern überdies grundsätzlich von der gedachten „Freiheit überhaupt”. Der Streit um Freiheit gehört also wesensmäßig zum Freiheitsprogramm. Nicht anders verhielt es sich mit Gleichheit.

Ähnlich paradox ist das zweite Merkmal. Der europäische Staat wurde nicht überflüssig, wie die radikalsten Anhänger des Prinzips der Bewegung behaupteten, sondern immer wichtiger, weil die konkurrierenden Herrschaftsträger Adel und Kirche entmachtet waren, vor allem aber, weil die Lebensbedingungen immer komplexer wurden und der Kontrolle bzw. Steuerung bedurften. Herrschaft konnte sich daher nicht mehr mit der Kontrolle strategischer Zentren begnügen, sondern musste sich territorialisieren, d.h. sich flächendeckend und dauerhaft organisieren. Der die Freiheit schützende Rechtsstaat wurde so zugleich zum Verwaltungsstaat mit Gewaltmonopol und einer Bürokratie, die, fachgelehrt, vielfach privilegiert und hierarchisch gegliedert, nach einheitlichen Gesichtspunkten schriftlich handelte bzw. Recht sprach und jetzt bis ins letzte Dorf reichte. Mehr Schutz und Versorgung der Bürger gingen einher mit Verlust an Autonomie, wachsender Steuerlast und Militärpflicht, während der Staat mehr Kontrolle und Repressionsmöglichkeit erlangte. Noch paradoxer gestaltete sich die Realisierung der dritten revolutionären Verheißung. Brüderlichkeit bestimmte zu keiner Zeit das Handeln, vielmehr entstand gerade im Zuge der Durchsetzung revolutionärer Ziele im kontinentalen Maßstab der Nationalstaat – zunächst in Frankreich und als Reaktion darauf, jedenfalls als Idee, überall dort, wo die Revolutionäre hinkamen. Die Etablierung dieses neuen Staatstyps zog sich allerdings über Jahrzehnte hin. Das neue Ordnungsmodell Nation war deshalb so erfolgreich, weil es ein doppeltes Angebot enthielt, Partizipation und Aggression, und weil es sich mit älteren Identitäten, Religion bzw. Konfession und Monarchie, sowie mit der neuen Errungenschaft des Rechtsstaats mühelos verbinden ließ. Selbst die weiterhin existierenden Reiche kamen um nationalisierende Konzessionen (Wehrpflicht, Amtssprache, Inszenierungen) nicht herum. So unerwartet der Einbau der neuen Nationalstaaten in das 1815 errichtete Mächtekonzert gelang, wies doch die Entstehung des Königreichs Italien und des Deutschen Reichs eindeutig revolutionäre Züge auf. Deshalb sei nochmals an Burckhardt erinnert, der 1871 davon sprach, „daß eigentlich alles bis auf unsere Tage im Grunde lauter Revolutionszeitalter ist”.[33] Burckhardt konnte nicht ahnen, dass schon zwanzig Jahre später das Gespenst der Revolution von einer anderen Zeiterfahrung verdrängt sein sollte.

Man kann die nun anhebende Moderne als jene Epoche verstehen, in der die von der Revolution denk- und sagbar gemachten Entgrenzungen dank gesteigerter Möglichkeiten radikal erweitert, machbar geworden sind. Wenn Burckhardt das entscheidend Neue, das mit der Revolution in die Welt kam, 1869 als die „Freiheit, alles Mögliche zu postuliren, als wäre die Welt eine tabula rasa” bezeichnete,[34] so wollte er damit keineswegs sagen, dass es damit nun vorbei sei. Das Gegenteil war bekanntlich der Fall, und Burckhardt selbst trug eine Menge Belege für den potenzierten Fortgang des einmal Angestoßenen vor. In der Tat führten schon in den 1880er-Jahren die technisch-naturwissenschaftlichen Innovationen und die industrielle Produktionsdynamik, sodann die Europa förmlich nach vorne katapultierenden Prozesse der Unterwerfung der Welt, deren Kosten vorderhand noch kaum spürbar waren, aber auch die Strukturveränderungen des Politischen durch die Medien, den Eintritt der Massen in die Politik und den Auftritt der ersten Berufspolitiker, schließlich die alltäglich spürbaren Folgen gesellschaftlicher Ausdifferenzierung und nicht zuletzt der Ausbruch der Künste aus dem Kanon der Ästhetik zu einem neuerlichen Wandel der Zeiterfahrung. Sie bestand, so könnte man mit Niklas Luhmann sagen, in einem „Möglichkeitsüberschuss” an Handlungsoptionen,[35] der die zeitorientierten Denkfiguren der Epoche der Revolution durch akteurszentrierte ersetzte. In Gestalt der Experten für das Soziale standen die Akteure nunmehr auch bereit; sie lösten mit ihren wissensbasierten Urteilen, Prognostiken und Handlungsentwürfen die eher meinungsgebundenen oder reflexionsorientierten Rezepturen der bislang tonangebenden Gebildeten ab. Lutz Raphael registriert daher mit guten Argumenten einen strukturellen Wandel der Ordnungsentwürfe und benennt sie mit Planung und Utopie.[36] Diese beiden sollten das Handeln in der Epoche der Moderne maßgeblich bestimmen.

Wenn „Moderne” nicht nur eine modische Bezeichnung sein soll, sondern eine Lesart, die dem um 1880 anhebenden und rund hundert Jahre dauernden Zeitraum zu spezifischer Gestalt verhelfen möchte, also nicht die überlieferte Jahrhundertrechnung als Sammeltaxi für Vorkommnisse aller Art benutzt, dann müssen sich die alternativ zur Verfügung stehenden Ordnungsentwürfe in epochengestaltenden Merkmalen niedergeschlagen haben. Mit Raphael kann man vier solcher Merkmale festmachen.

Erstens weist die Geschichte der Intellektuellen und der Expertenkulturen in Europa Besonderheiten auf (innerhalb Europas wiederholen sich die Differenzen). Die folgenreichste ist deren Nähe zum Staat – darin zeigt sich eine nicht zufällige Wechselwirkung, denn auch der europäische Staat ist im weltweiten Vergleich eine Besonderheit –, aber auch ihre Verzahnung mit Wirtschaft und Gesellschaft ist auffallend eng. Man beobachtet in Europa deshalb signifikant mehr als in anderen Modernen Versuche der Realisierung expertengesteuerter Ordnungsvorstellungen: Die Netze der Rechtsvorschriften, Daseinsvorsorge, Marktregulierungen, aber auch der Auslese und Ausmerze sind hier deutlich engmaschiger als irgendwo sonst.

Zweitens besiegelt diese Staatszentriertheit die im Übergang zur Moderne stattgefundene Niederlage des Liberalismus, wie ihn die Englische und Atlantische Revolution hervorgebracht haben; erst nach 1945 gibt der Liberalismus dem Trend zur Staatsintervention ein Stück weit nach und sichert so sein (in Prozent gemessen bescheidenes) Wiedererstehen. Inzwischen hatten allerdings die meisten europäischen Gesellschaften oft über Jahrzehnte einen totalitären, autoritären oder sozialdemokratischen Staatsinterventionismus erlebt und sich in ihm einzurichten gelernt. Man sollte nicht vergessen, dass am Beginn der Moderne gerade die fortschrittlichsten Kommunen die ersten Schritte zu einer wohlfahrtsorientierten Interventionspolitik gewagt hatten und dabei den Wünschen einer breiten Öffentlichkeit nachgaben.

Die seit 1880 uns begegnenden spezifisch modernen Ordnungsentwürfe sind aber drittens nicht nur antiliberal, sondern als Folge der Eigenlogik wissensbasierter Planung tendenziell totalitär, denn social engineering erweist sich als interventionsfreudig und selbst zur Repression bereit, wenn seine rationale Utopie auf Widerstand stößt bzw. wenn es gar nicht erst mit Zustimmung der Betroffenen rechnet. Für faschistische und kommunistische Regime, die mehr als liberaldemokratische ihren Experten zur Sicherung der Herrschaftsziele freie Hand ließen, ist dies seit jeher bekannt. Neuerdings sind jedoch auch sozialdemokratische und sozialliberale Varianten solcher Übergriffe bekannt – typischerweise im Umgang mit Familien, da diese vom Bürgerlichen Recht in der Epoche der Revolution gegen staatliche Intervention erstmals überhaupt wirksam abgeschottet worden waren. Inklusion und Exklusion erweisen sich damit als wesentliche Steuerungselemente der Moderne.

Das gilt auch für das vierte Merkmal, denn entgegen verbreiteter Forschungsmeinung verliert auch nach 1945, als infolge von Massenmord und Vertreibungen viele europäische Nationen homogener waren als je zuvor, das Ordnungsmodell Nation keineswegs an Bedeutung. Allerdings wird durch den Rückzug des Ideologischen nach 1945 das Institutionelle dieses Ordnungsmusters deutlicher sichtbar. Die Beispiele reichen von Industrienormen über die sogenannten nichttarifären Handelshemmnisse und Maßnahmen zum Schutz der Freien Berufe bis zur Sozial- und Rentenversicherung, nicht zu vergessen den je nach Land bzw. Geldwertstabilität unterschiedlich ausgeprägten Währungsnationalismus. In allen diesen Fragen war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft so gut wie machtlos, und das ist natürlich kein Zufall.

Die Verzeitlichung des Denkens und die Beschleunigung der Zeit sind dagegen ein durchgehendes Phänomen moderner Zeiten, es empfiehlt sich deshalb eine zusammengefasste Betrachtung. Weshalb sie beständig zunehmen und es sich nicht nur um ein Phänomen der Wahrnehmungsebene handelt,[37] hat Hartmut Rosa kürzlich erklärt.[38] Nicht von den Betroffenen, wohl aber zumeist von der Forschung unterschätzt werden ihre unterschiedlichen Grade. Sie bringen einerseits Klassen unterschiedlicher Zeitverbraucher, andererseits Räume unterschiedlicher Entwicklung hervor. Das führt in Verbindung mit dem seit der Aufklärung populären Fortschrittsgedanken zu einem neuartigen Ordnungsmuster, das die Herstellung von Gleichzeitigkeit zur Aufgabe erklärt. Raumbezogener Entwicklungspolitik begegnen wir darum im jungen italienischen Nationalstaat, der sich im Süden mit einer Rückständigkeit ohnegleichen konfrontiert sah, schon seit den 1870er-Jahren. In der Bundesrepublik hat die Herstellung einheitlicher bzw. gleichwertiger Lebensverhältnisse seit 1949 gar Verfassungsrang mit subjektiver Rechtsqualität; sie kann also eingeklagt werden. Im Ganzen gesehen handelt es sich bei diesen Beispielen um ein mehr oder minder pragmatisches Konzept nachholender Beschleunigung.

Etwas anderes ist darum der unter dem Stichwort der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” seit den 1920er-Jahren verhandelte Versuch, das gesellschaftliche, moralische und politische Leben dem strikten Gebot der Normalzeit zu unterwerfen, wie sie das tägliche Leben wegen der Eisenbahn schon seit langem bestimmte. Linke wie Rechte entwarfen damals – möglicherweise nachdem der Entwicklungsfuror der Bolschewiki dafür den Blick geschärft hatte – auffallend viele politisch-soziale Utopien gewaltsamer Herstellung von Gleichzeitigkeit.[39] Ernst Bloch machte diese Differenzbestimmung zur Grundlage seiner Faschismustheorie. Letzten Endes laufen alle diese Vorstellungen eines Gleichgewichts der Modernitätsmerkmale auf eine normative Vorstellung von „Moderne” im Gesellschaftlichen hinaus, die Beschleunigung in ihren Pflichtenkanon aufgenommen hat und entsprechend unverzagt die für die Moderne typischen grands projets einfordert. Daran haben sich alle politischen Systeme gehalten, unterschiedlich war allerdings der Grad der Gewaltsamkeit. Gewalt muss hier nicht unbedingt mit einem repressiven Machtapparat gleichgesetzt werden, Gewaltsamkeit verströmen auch die korporatistische Vision einer neuen Ordnung des Gemeinwesens durch Rathenau, die Stadtprojekte eines Le Corbusier, die Industrialisierungsversuche in „rückständigen” Regionen, die „restlose Erfassung” der Bürger/innen im Zuge von Volkszählungen oder neuerdings die nationsweite Ermittlung des Erbguts.

Das letzte Beispiel stammt aus dem Baltikum unserer Tage und beweist, dass es in Europa nach wie vor erhebliche Ungleichzeitigkeiten gibt. Zwar entwerfen Expert/innen, und in ihrem Schlepptau Politiker/innen, noch immer „große Projekte” – der Kampf gegen den Klimawandel ist wegen seines globalen Ansatzes wahrscheinlich das größte aller „großen Projekte” überhaupt –, aber beim Publikum hat sich längst Skepsis breitgemacht. Pluralisierung, Instabilität und als Folge Ungewissheit breiten sich aus und ließen Jürgen Habermas 1985 von der „neuen Unübersichtlichkeit” sprechen.[40] Dahinter steckt eine reale Erfahrung, die man in der europäischen Moderne mit ihrer auffallend starken industriewirtschaftlichen Prägung besonders intensiv erlebte. Hier muss nicht die jüngste Zeitgeschichte rekapituliert werden, denn es ist inzwischen weitgehend anerkannt, dass das sich Anfang der 1970er-Jahre abzeichnende Ende des Booms nicht nur ein konjunktureller Abschwung war, sondern neben der Wirtschaft auch die Gesellschaftsordnung und das Wertesystem deutlich verändert hat.[41] Rasch war der Begriff „Postmoderne” zur Hand und wurde „zum Schlüsselwort eines Zeitempfindens”,[42] das vor allem im Verlust vertrauter Sicherheiten zu suchen ist. Weil sich mit „Postmoderne” aber irreführende Vorstellungen verbinden lassen, bieten einige Kultursoziolog/innen Alternativen dazu an. Ulrich Beck spricht von „zweiter Moderne”,[43] Peter Wagner von der „erweiterten liberalen Moderne”,[44] Wolfgang Welsch von der „postmodernen Moderne”.[45] Diese Begriffe enthalten zugleich jedoch Elemente normativer Fixierung, wie sie in der Kultursoziologie geläufig sind, vor der aber Historiker/innen zurückschrecken, wenn es sich um Epochenbezeichnungen handelt. Deshalb werden sie hier nicht übernommen.

Es spricht nämlich viel dafür, dass wir Zeitzeugen einer neuerlichen Kulturschwelle geworden sind, die von der industriellen zur postindustriellen Moderne führt. Die Moderne ist damit keineswegs zu Ende,[46] sie nimmt allerdings neue Gestalt an, folgt neuen Ordnungsmustern und neuen Leitbegriffen. Statt weit ausholender Erklärungen sei nur darauf verwiesen, dass „Modernisierung” und „Fortschritt” seit rund vierzig Jahren in die Kritik geraten sind. So irrig die Einzelprognosen von Dennis Meadows im Bestseller „Die Grenzen des Wachstums” von 1972 waren,[47] so sicher ist, dass dieses Buch einem Unbehagen an der Wertordnung der industriellen Moderne Ausdruck verlieh. Dieses Unbehagen eint wertkonservative Ökolog/innen und linke Kapitalismuskritiker/innen und sorgt dafür, dass in der Politik der klassische Rechts-Links-Gegensatz seine Geltung zu verlieren beginnt, auch wenn er als rhetorische Mobilisierungstechnik immer noch verwendet wird. Viel spricht dafür, dass das neue, zeitgemäße und alle anderen übergreifende Ordnungsmuster „Nachhaltigkeit” ist: Im 18. Jahrhundert von der entstehenden deutschen Forstwissenschaft geprägt und 200 Jahre im Wortschatz der Fachsprache eingeschlossen, hielt die naturbezogene Vokabel nach dem Alarmruf des Club of Rome, der die Endlichkeit aller natürlichen Ressourcen ins Bewusstsein hob, Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch und ist heute allgegenwärtig.[48] Was für ein Kontrast zum Triumphalismus jener Berliner Literaten, die 1886 „Moderne” aus der Taufe gehoben hatten.

Zusammenfassung

Das Besondere an „Moderne” ist die Vielfalt ihrer Merkmale oder Bedeutungen. Mit ihr ist erstens eine Stilrichtung gemeint, zweitens bezeichnet das Wort eine normativ aufgeladene Sichtweise auf die Gegenwart, drittens handelt es sich um eine Epoche, die quer zu den herkömmlichen Periodisierungsvorschlägen der Historiker/innen steht. Diese vielen Dimensionen machen verständlich, weshalb „Moderne” schon bald nach ihrer Schöpfung den Bereich der literarischen Diskussion verlassen hat. Mit dem Schlagwort konnte ganz allgemein die Rolle der Gegenwart und ihrer Errungenschaften samt Bewertung auf den Begriff gebracht und entsprechend gestritten werden. Die Konflikte ließen sich an ihm leichter festmachen als an anderen. Es war, mit anderen Worten, der Inbegriff von Zeitdiagnose, ganz so wie das der „Brockhaus” schon sehr früh erkannte. Deshalb griffen es auch jene Wissenschaften auf, die für Zeitdiagnose zuständig sind, jahrzehntelang allerdings, ohne auf den Begriff selbst zurückzugreifen. Das war im Allgemeinen erst der Fall, als die hier als Moderne bezeichnete Epoche zu Ende ging und man im Rückblick ihre Eigenarten besser zu sehen begann.

Abschließend fünf Gründe für die hier vertretene historische Theorie der Moderne. Erstens handelt es sich um eine Periodisierung nach inhaltlichen statt nach den üblichen schematisch-chronologischen Gesichtspunkten. Dabei wird zweitens große Rücksicht auf die Zeitgenossen genommen, auf ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen. Sie vermitteln wichtige Argumente für Abgrenzung und Benennung. Damit sind methodische Kontrollen eingebaut, die drittens sicherstellen, dass nicht jene Verwirrung entsteht, die in der Germanistik durch freihändigen Gebrauch von „Moderne” herrscht. Sie sollte Historiker/innen eine Warnung sein.[49] Viertens emanzipiert sich die Geschichtswissenschaft auf diese Weise von der einflussreichen, gleichwohl oft unhistorischen Diskussion in Soziologie und Philosophie, wo prominente Fachvertreter/innen mit „Moderne” normative Vorstellungen verbunden wissen wollen: geschichtspessimistische bei den Gründern der Frankfurter Schule (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno), optimistische bei ihrem derzeitigen Haupt (Habermas). Weder „gut” noch „böse” sind aber historische Urteilskategorien, und auch Habermas' Rede vom unvollendeten „Projekt der Moderne” ist wegen ihres geschichtsphilosophischen Gehalts mit den heutigen disziplinären Standards der Geschichtswissenschaft unvereinbar.[50] Fünftens schließlich schärft die hier vorgestellte alternative Periodisierung das Bewusstsein für den hochdramatischen Bruch der geschichtlichen Kontinuität um 1800, dem nur die sogenannte neolithische Revolution an die Seite gestellt werden kann. Unter seinem Druck hat sich seither Denken, Sprechen und Handeln radikal gewandelt, ohne dass sich damit, das sei nochmals wiederholt, ein Werturteil verbinden ließe.

Anmerkungen

  1. Die Gruppe nannte sich „Freie litterarische Vereinigung Durch!“, ihr Manifest erschien zuerst unter dem Titel Eugen Wolff, Die Moderne. Zur „Revolution“ und „Reform“ der Litteratur, in: Deutsche academische Zeitschrift 3 (1886), Nr. 33, 26.9.1886, Erstes Beiblatt, S. *4 u. Zweites Beiblatt, S. *1-2. Wiedergabe unter: http://www.uni-duisburg-essen.de/lyriktheorie/texte/1886_wolff.html. Es folgten noch anonym (aber ebenfalls von Wolff) zehn Thesen, in: Karl Bleibtreu (Hrsg.), Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes. Wochenschrift der Weltlitteratur 55 (1886), Nr. 51, 18.12.1886, S. 110, Wiedergabe unter http://www.uni-duisburg-essen.de/lyriktheorie/texte/1886_anonym.html.
  2. Dieser Beitrag beschränkt sich auf die deutsche Sprache und Wissenschaft. Hinweise auf den westeuropäischen Sprachgebrauch, vor allem in der ästhetischen Theorie, bei Cornelia Klinger, Modern/Moderne/Modernismus, in: Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden, Bd. 4, Stuttgart u.a. 2002, S. 121-160.
  3. Brockhaus Konversationslexikon, 14. vollst. neubearb. Aufl., Bd. 11, Berlin u.a. 1895, S. 959 (Stichwort „modern“). Meyers Konversationslexikon folgte 1897 mit einem Eintrag: 5., gänzlich neubearb. Auflage, Bd. 12, Leipzig 1897, S. 411.
  4. Hermann Bahr, Zur Kritik der Kritik (1890), in: ders., Zur Kritik der Moderne, hrsg. v. Claus Pias, Weimar 2004, S. 268 f.
  5. Baudelaires bekannte Formulierung lautet: „La modernité, c’est le fugitif, le transitoire, le contingent, la moitié de l’art, dont l’autre moitié est l’éternel et l’immuable“. Charles Baudelaire, Le peintre de la vie moderne [1859], in: Œuvres complètes, Paris 1954, S. 892 f.
  6. Samuel Lublinski, Die Bilanz der Moderne, Berlin 1904 (Nachdruck Tübingen 1974).
  7. Belege zu „postmodern“ bei Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, 6. Aufl., Berlin 2002, S. 12 ff.
  8. Klinger, Modern/Moderne/Modernismus, S. 139.
  9. Karl Beth, Die Moderne und die Prinzipien der Theologie, Berlin 1907, S. 61.
  10. Otto Baumgarten, Christentum. Seine Lage in der Gegenwart, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, Tübingen 1909, Sp. 1688.
  11. S. David Frisby, Die Ambiguität der Moderne. Max Weber und Georg Simmel, in: Wolfgang J. Mommsen/Wolfgang Schwentker (Hrsg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen 1988, S. 580-594; ferner ders., Georg Simmel, Chichester 1984.
  12. Sofern man nicht auf Webers Werk selbst zurückgreifen will, bietet ein niveauvolles Rundfunkgespräch erste Information: Dieter Henrich, Claus Offe, Wolfgang Schluchter, Max Weber und das Projekt der Moderne, in: Christian Gneuss/Jürgen Kocka (Hrsg.), Max Weber. Ein Symposion, München 1988, S. 155-183. Sehr hilfreich ist auch Stephan Kalberg, Max Webers historisch-vergleichende Untersuchungen und das Webersche Bild der Neuzeit: eine Gegenüberstellung, in: Max Weber heute. Erträge und Probleme der Forschung, Frankfurt a. M. 1989, S. 425-444.
  13. Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1955.
  14. So die Leitthese von Georg Bollenbeck, Eine Geschichte der Kulturkritik. Von J.J. Rousseau bis G. Anders, München 2007. Der Begriff „Rettungsnarrativ“ ebd., S. 233.
  15. Zwar wurde Webers Protestantismusthese schon vor dem Krieg allgemein diskutiert, aber sein dafür entwickeltes Verfahren des systematischen Kulturvergleichs fand keine Nachahmer, weder in der Soziologie noch, von Otto Hintze abgesehen, bei den Historikern. Troeltschs vergleichendes Projekt blieb Versprechen.
  16. Otto G. Oexle, Soziageschichte, Begriffsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte. Anmerkungen zum Werk Otto Brunners, in: Vierteljahrsschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 71 (1984), S. 305-341; Christof Dipper, Otto Brunner aus der Sicht der frühneuzeitlichen Historiographie, in: Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts 13 (1987), S. 73-96.
  17. Zuletzt Jan Eike Dunkhase, Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010.
  18. Zu diesem Konzept Reinhard Blänkner, Spät-Alteuropa oder Frühe Neuzeit?, in: Geschichte und Gesellschaft 13 (1987), S. 559-564; ferner Luise Schorn-Schütte (Hrsg.), Alteuropa oder Frühe Moderne? Deutungsmuster für das 16. bis 18. Jahrhundert aus dem Krisenbewußtsein der Weimarer Republik in Theologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft, Berlin 1999 (= Zeitschr. f. Hist. Forschung, Beih. 23).
  19. Werner Conze, Die Strukturgeschichte des technisch-wissenschaftlichen Zeitalters als Aufgabe für Forschung und Lehre, Köln 1957. Siehe Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001, S. 160 ff.
  20. Um nur die Namen der auch konzeptionell wichtigsten Vertreter/innen zu nennen: Gisela Bock, Ute Frevert, Jürgen Kocka, Hans und Wolfgang J. Mommsen, Gerhard A. Ritter, Reinhard Rürup, Wolfgang Schieder, Winfried Schulze, Klaus Tenfelde, Hans-Ulrich Wehler. In wohlüberlegter Distanz dazu Reinhart Koselleck.
  21. Die Zahl der Überblicke, vielfach Selbstdarstellungen, ist immens. Verwiesen sei deshalb lediglich auf Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft, Frankfurt a. M. 1972; Jürgen Kocka, Sozialgeschichte. Begriff, Entwicklung, Probleme, Göttingen 1977 (erw. Auflage 1986); Jürgen Osterhammel/Dieter Langewiesche/Paul Nolte (Hrsg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006.
  22. Auch die modernisierungskritische Literatur ist unüberblickbar. Aus kulturhistorischer Sicht gegen das, was man Bielefelder Orthodoxie nennen könnte, Ute Daniel, Clio unter Kulturschock. Zu den aktuellen Debatten der Geschichtswissenschaft, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997), S. 195-218, 259-278.
  23. Ein erster, aber vorzüglicher Überblick ist Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
  24. Ich verdanke wichtige Anregungen den Gesprächen mit Lutz Raphael, die dieser systematisiert hat in: Ordnungsmuster der „Hochmoderne“? Die Theorie der Moderne und die Geschichte der europäischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert, in: Ute Schneider/Lutz Raphael (Hrsg.), Dimensionen der Moderne. Festschrift für Christof Dipper, Frankfurt a. M. 2008, S. 73-91.
  25. Carl Wernicke, Die Geschichte der Neuzeit, 2 Teile, Berlin 1855-57 (= Die Geschichte der Welt, zunächst für das weibliche Geschlecht bearbeitet, Bd. 3), dürfte zu den Erstbelegen im Historiker-Sprachgebrauch zählen.
  26. Reinhart Koselleck, „Neuzeit“. Zur Semantik moderner Bewegungsbegriffe, jetzt in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a. M. 1979, S. 303, Anm. 3.
  27. Shmuel Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000.
  28. Koselleck, „Neuzeit“ (Anm. 25). Dieser Artikel entstand ursprünglich für den von Koselleck verantworteten Sammelband: Studien zum Beginn der modernen Welt, Stuttgart 1977. Dort ist das Feld des von Koselleck und seinen Mitautoren in den Blick genommenen „Neuzeitlichen“ erkennbar, was im Wiederabdruck notwenig unterbleibt.
  29. Barthold Georg Niebuhr, Geschichte des Zeitalters der Revolution, Bd. 1, Hamburg 1845, S. 41; zit. n. Reinhart Koselleck, Geschichte, Historie, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 664 f.
  30. Jacob Burckhardt, Geschichte des Revolutionszeitalters. Aus dem Nachlass hrsg. v. Wolfgang Hardtwig u.a., Basel u.a. 2009, S. 14.
  31. Die ihn weitertreibenden Oppositionsrichtungen Radikalismus, Sozialismus und Kommunismus blieben demselben Antagonismus verpflichtet.
  32. So Karl von Rotteck 1838 im Artikel „Freiheit“ seines Staatslexikons; zit. n. Christof Dipper, Freiheit, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, S. 499.
  33. Wie Anm. 29.
  34. Ebd., S. 10. Vgl. S. 19 und 25, wo derselbe Gedanke formuliert wird.
  35. Referiert von Hans-Ulrich Gumbrecht, Modern, Modernität, Moderne, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4, Stuttgart 1978, S. 131.
  36. Raphael, Ordnungsmuster, S. 86. Auch im Folgenden stütze ich mich auf diesen wegweisenden Beitrag, weiche aber in der Zählung der Merkmale der Ordnungsmuster ab.
  37. Reinhart Koselleck, Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte?, in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a. M. 2000, S. 150-176; ders., Zeitverkürzung und Beschleunigung. Eine Studie zur Säkularisation, in: ebd., S. 177-202.
  38. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, Frankfurt a. M. 2005. Ein Inventar der Beschleunigungstatbestände in Langzeitperspektive liefert Peter Borscheid, Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt a. M. u.a. 2004.
  39. Martin Geyer, „Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Zeitsemantik und die Suche nach Gegenwart in der Weimarer Republik, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900 bis 1933, München 2007, S. 165-187.
  40. Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt a. M. 1985.
  41. Vgl. Anm. 23.
  42. Ebd., S. 116.
  43. Sich selbst zusammenfassend: Ulrich Beck, Moderne, in: Sina Farzin/Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon der Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2008, S. 199 f. Andernorts spricht Beck von „reflexiver Modernisierung“, ein deshalb ungeeigneter Begriff, weil die Moderne von Anfang an reflexiv ist. Nur deshalb konnte sie sich selbst benennen.
  44. Peter Wagner, Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin, Frankfurt a. M. u.a. 1995, Kap. IV f.
  45. Welsch, Unsere postmoderne Moderne.
  46. Sehr umsichtig argumentierend, allerdings einen anderen Epochenbeginn vertretend, Dieter Langewiesche, „Postmoderne“ als Ende der Moderne? Überlegungen eines Historikers in einem interdisziplinären Gespräch, in: Wolfram Pyta/Ludwig Richter (Hrsg.), Gestaltungskraft des Politischen. Festschrift für Eberhard Kolb, Berlin 1998, S. 331-347.
  47. Dennis Meadows/Donella Meadows/Erich Zahn/Peter Milling, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Reinbek 1972. Auch das englische Original erschien 1972.
  48. Ausführlich dazu Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München 2010.
  49. Einen Reparaturversuch unternimmt das Internationale Archiv für Sozialgeschichte der Literatur 34 (2009), H. 2, in dem Vertreter/innen unterschiedlicher Disziplinen den Umgang mit dem in der Germanistik schon länger etablierten Moderne-Begriff kommentieren.
  50. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt a. M. 1985. Im strengen Sinne historische Belege finden sich in diesem Buch, abgesehen von Verweisen auf die Begriffsgeschichte, nicht. Historisch arbeitende Soziolog/innen bleiben zu diesem Entwurf ebenfalls auf Distanz.

Empfohlene Literatur zum Thema

Christof Dipper, Die deutsche Geschichtswissenschaft und die Moderne, in: Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 37, 2012, ISSN 1612-0442, S. 37-62.

Walter Grasskamp, Ist die Moderne eine Epoche?, in: Merkur. 52, Nr. 9/10, 1998, ISSN 0026-0096, S. 757-65.

Hans-Ulrich Gumbrecht, Modern, Modernität, Moderne, in: Reinhart Koselleck, Werner Conze, Otto Brunner (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch zur politisch-sozialen Sprache. Bd. 4, Klett-Cotta, Stuttgart 1978, ISBN 3129038809, S. 93-131.

Cornelia Klinger, Wann war Moderne - wo war Moderne? Überlegungen zur Datierungsproblematik von Moderne im Lichte ihres möglichen Endes, in: Heidemarie Uhl, Antje Senarclens de Grancy (Hrsg.), Moderne als Konstruktion. Debatten, Diskurse, Positionen um 1900. (= Studien zur Moderne 14). Passagen, Wien 2001, ISBN 9783851654554, S. 19-43.

Cornelia Klinger, Modern / Moderne / Modernismus, in: Karlheinz Barck (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden, Bd. 4. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 9783476016553, S. 121-60.

Dieter Langewiesche, "Postmoderne" als Ende der "Moderne"? Überlegungen eines Historikers in einem interdisziplinären Gespräch, in: Ludwig Richter, Wolfram Pyta (Hrsg.), Gestaltungskraft des Politischen. Festschrift für Eberhard Kolb. Duncker & Humblot, Berlin 1998, ISBN 9783428087617, S. 331-47.

August Nitschke (Hrsg.), Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880-1930, 2 Bde., Rowohlt, Reinbek 1990, ISBN 9783499185755.

Paul Nolte, Modernization and Modernity in History, in: Neil J. Smelser (Hrsg.), International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences. Bd. 15, Pergamon Press, Amsterdam 2001, ISBN 9780080430768, S. 9954-61.

Detlev J. K. Peukert, Max Webers Diagnose der Moderne, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 9783525335628.

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Christof Dipper, Die deutsche Geschichtswissenschaft und die Moderne, in: Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 37, 2012, ISSN 1612-0442, S. 37-62.

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Cornelia Klinger, Modern / Moderne / Modernismus, in: Karlheinz Barck (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden, Bd. 4. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 9783476016553, S. 121-60.


Online-Artikel

Cord Arendes, Auf der Suche nach dem roten Faden. Jürgen Habermas‘ Lesarten der europäischen Moderne in unübersichtlichen Zeiten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Bd. 7, Nr. 1, 2010 (online).



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