Mediengeschichte
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.10.2012
https://docupedia.de/zg/boesch_vowinckel_mediengeschichte_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.256.v2
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.10.2012
https://docupedia.de/zg/boesch_vowinckel_mediengeschichte_v2_de_2012
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.256.v2
Unter Historikern ist mittlerweile unumstritten, dass Medien in der Zeitgeschichte eine zentrale Rolle spielen. Sie werden nicht einfach als virtueller Spiegel von etwas „Realem” aufgefasst, sondern als integraler Teil sozialer Wirklichkeiten. Das gilt etwa für ihre materielle Dimension, ihre jeweilige alltägliche Nutzung und ihren Einfluss auf Wahrnehmungen und soziale Praktiken. Insofern erscheint es gerade in der Zeitgeschichtsforschung bei den meisten Themen unumgänglich, die jeweilige Bedeutung von Medien analytisch einzubeziehen. Über eine Geschichte der Medien hinaus steht entsprechend die Medialität der Geschichte und damit die Bedeutung von Medien für historische Entwicklungen zunehmend im Vordergrund zeithistorischer Untersuchungen.[1]
Die Mediengeschichte ist ein Forschungsgebiet, das von verschiedenen Disziplinen betrieben wird. Neben der Geschichtswissenschaft wird sie vor allem von der Kommunikationswissenschaft und der Medienwissenschaft untersucht sowie darüber hinaus von der Soziologie und der Politikwissenschaft, wobei die Forschungsansätze bei allen Disziplinen stark differieren. Die akademische Reflexion über Medien und ihre Geschichte hat freilich eine längere Tradition. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts erschienen mehrere Studien (und auch die erste Dissertation) zum damals noch recht neuen Medium Zeitung, die ihre Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung diskutierten.[2] Kulturwissenschaftler mit einem weiten Medienbegriff setzen den Beginn medienhistorischer Texte sogar in der griechischen Antike an.[3] Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen aus verschiedenen Disziplinen Darstellungen vor allem zur Geschichte der Presse und der Flugpublizistik, die häufig die Kraft des gedruckten Worts betonten.[4] Universitär institutionalisiert wurde diese pressehistorische Forschung in Deutschland seit den 1910er/20er-Jahren durch die frühe Zeitungswissenschaft, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Publizistik- und Kommunikationswissenschaften umbenannte und erweiterte. In diesem Fach dominiert dabei bis heute ein enger Medienbegriff, der Medien vor allem als jene technischen Mittel fasst, „die zur Verbreitung von Aussagen an ein potentiell unbegrenztes Publikum geeignet sind (also Presse, Hörfunk, Film, Fernsehen)”.[5] Insofern konzentrieren sich ihre Mediengeschichten vor allem auf die Druckmedien seit dem 16. Jahrhundert und die elektronischen Massenmedien des 20. Jahrhunderts.[6] Bremsend wirkten beim Ausbau dieser Forschung sicherlich kulturkritische Ressentiments gegenüber der Populärkultur in den deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften. Einflussreich waren hierbei besonders die Protagonisten der Frankfurter Schule, die die Begriffe „Masse” und „Kultur” als einander ausschließend begriffen und deshalb Massenmedien per se als kulturlos empfanden. Vor allem das Fernsehen und verschiedene Formen populärer Musik, deren Aufstieg Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im US-amerikanischen Exil verfolgten, wurden in den 1950er- und 60er-Jahren einer systematischen Kritik unterzogen.[7]
Der wachsende sozialwissenschaftliche Einfluss führte in den Kommunikationswissenschaften seit den 1970er-Jahren zu einem Paradigmenwechsel, durch den quantitative Gegenwartsanalysen zunehmend an Bedeutung gewannen, während medienhistorische Arbeiten innerhalb dieses Fachs, gerade im letzten Jahrzehnt, zunehmend an Bedeutung verloren. Aber auch bei medienhistorischen Analysen neigt die Kommunikationswissenschaft häufig dazu, Medieninhalte und deren Organisationsformen quantifiziert zu erfassen. Methodisch und disziplinär davon zu trennen ist die Mediengeschichtsschreibung der Medienwissenschaften, die sich in Deutschland seit den 1980er-Jahren aus den Film-, Theater- und Literaturwissenschaften heraus entwickelte. Ihre Referenzpunkte bilden einerseits die frühen medienbezogenen Reflexionen der deutschen Geisteswissenschaften der 1920/30er-Jahre; vor allem die Texte von Walter Benjamin[8], des Filmkritikers Siegfried Kracauer[9] sowie der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und Aby Warburg.[10] Andererseits knüpft ihr medienhistorischer Zugang stark an die Ansätze von Marshall McLuhan an, der 1964 eine Theorie der Medien vorlegte, die Medien nicht im Hinblick auf ihren Inhalt, sondern auf ihre Form und Funktionsweise für die Weltwahrnehmung und- gestaltung ihrer Zeit betrachtet.[11] An McLuhan schließt auch der weit gefasste Medienbegriff vieler Medienwissenschaftler an, der neben Apparaten wie Telefon oder Computer auch Bewegungsabläufe wie Sport oder Tanz bzw. den Körper[12] selbst einschließt, sofern sie Informationen speichern, Botschaften übertragen und damit im semiotischen Sinne als Zeichen für etwas anderes fungieren.[13] Entsprechend umschließen ihre mediengeschichtlichen Studien auch „Menschmedien” (wie Narren, Boten oder die Frau als gebärendes Wesen),[14] „Körperextensionen”[15] oder so Unterschiedliches wie die Oblate, die Stimme, das Geld, Feuer, Masken, Tafeln oder Archive.[16] Neben ästhetischen Analysen von Einzelmedien (insbesondere einzelner Filme) steht bei den Medienwissenschaften stärker der Wandel von Wissensordnungen und Deutungen im Vordergrund, die über Medien artikuliert wurden.[17] Ihre kulturwissenschaftlich ausgerichtete Forschung analysiert zudem oft zeitgenössische Diskurse über diese Medien oder einzelne Medienprodukte, kaum hingegen deren serielle Inhalte. Auffälligerweise hat diese Trennung in Medien- und Kommunikationswissenschaften kein vergleichbar scharf getrenntes Pendant in den meisten anderen Ländern, wo allenfalls kulturwissenschaftliche „Film Studies” oder die „Cultural Studies” allgemein der deutschen Medienwissenschaft entsprechen.
Die medienhistorischen Forschungen der Geschichtswissenschaft stehen in gewisser Weise zwischen beiden Disziplinen. Einerseits haben Historiker/innen, ähnlich wie die Kommunikationswissenschaftler/innen, in den letzten hundert Jahren zahlreiche inhalts-, akteurs- und organisationsgeschichtliche Arbeiten vorgelegt, die sich vornehmlich auf Printmedien bezogen und deren Interaktion mit der Politik betrachteten, etwa in Form von Propaganda und Zensur oder in der Person parteinaher Verleger.[18] Während die Konzentration auf Massenmedien und deren Inhalte, Organisation und Nutzung an die Tradition der Kommunikationswissenschaft erinnert, bildeten die Historiker/innen dadurch ein eigenes Profil aus, dass sie durch die Medienanalyse einen breiteren historischen Sachverhalt erklären wollten und archivgestützt die interne Einbettung der Medien analysierten. Die Geschichtswissenschaft (wie auch die Mediensoziologie[19]) fragte dabei eher nach der sozialen und politischen Funktion der Medien. Während zeithistorische Studien Medien zunächst meist nur als Quellen für die Erforschung klassischer historischer Felder ansahen, entstanden in den vergangenen Jahren zunehmend geschichtswissenschaftliche Arbeiten, die Medien zum integralen Forschungsobjekt machten. Sie betrachten Medien nicht mehr nur als „Mittler” oder „Träger” von Informationen, sondern als „Akteure” mit eigener Agenda.[20] Der Ansatz der geschichtswissenschaftlichen Mediengeschichte ist damit ein doppelter: Zum einen analysiert sie die historische Entwicklung der Medien und alle damit verbundenen Praktiken (Medienökonomie, -technik, -inhalte, -nutzungen, -wirkungen). Zum anderen steht sie für das Postulat, dass prinzipiell jeder historische Vorgang und auch die Erinnerung daran medial geprägt werden. Diese „Medialität der Geschichte” lässt sich analysieren, indem die eigenständigen Logiken von Medien und ihre Funktionsweise berücksichtigt werden.[21]
Der Begriff „Medien” ist, trotz seiner vielfältigen Verbreitung heute, vergleichsweise jung und fand in Deutschland erst seit den 1950er-Jahren eine öffentliche Verwendung. So gebrauchte das Nachrichtenmagazin der „Spiegel” den Begriff um 1950 noch ausschließlich im Sinne spiritistischer Medien oder in Bezug auf Personen, die Mittler waren.[22] Auch die Erforschung des Begriffs konzentrierte sich bislang besonders auf die Zeit, als der Singular „Medium” noch nicht auf Massenmedien verwies, sondern die Funktion des „Mittlers” im Spiritismus, in der Philosophie oder der Physik bezeichnete.[23] Im 17. Jahrhundert wanderte er aus dem Lateinischen in die deutsche bzw. englische Wissenschaftssprache und bezeichnete auch das „Mittlere”, den „Mittelpunkt” bzw. denjenigen „Ort”, an dem „etwas öffentlich vorgelegt, verhandelt wird, wo jemand öffentlich auftritt”.[24] Seit den 1920er-Jahren bezeichnet der englische Plural „Media” vor allem Massenmedien wie die Zeitung, das Radio, den Film und später das Fernsehen. Seit den 1960er-Jahren differenzierte sich dann, wie dargestellt, der Begriff in der Forschung je nach Disziplin aus. Eine genauere Erforschung der Etablierung des Medienbegriffs in den 1950er- und 60er-Jahren dürfte Auskunft darüber geben, welche Vorstellungen über den Wandel der modernen Kommunikation bestanden und inwieweit der Gebrauch des neuen Worts selbst wirkungsmächtige Vorstellungen über die Rolle der Kommunikationsmittel aufbrachte.
Um die zunehmende gesellschaftliche Durchdringung durch Medien sowie die wechselseitige Interaktion zwischen der Medien- und Gesellschaftsentwicklung zu fassen, hat sich in der deutschen Kommunikations- und Geschichtswissenschaft der Begriff der „Medialisierung” bzw. „Mediatisierung” etabliert.[25] Zudem untersuchten zahlreiche Historiker/innen Medien als Teil einer breiteren Geschichte der Öffentlichkeit, um diese in andere kommunikative Praktiken zu integrieren.[26] Nicht allein die kritische Abarbeitung an Jürgen Habermas' Postulaten zum Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit, sondern auch die Forschungsansätze der französischen Annales-Schule zur Geschichte des Lesens und des Drucks im 18. Jahrhundert dürften dabei wichtige Impulse gegeben haben.[27]
Eine große Zahl mediengeschichtlicher Untersuchungen konzentriert sich auf Einzelmedien. Ein starker Schwerpunkt liegt dabei im Bereich der Massenkommunikationsmedien Buch,[28] Bild,[29] Presse,[30] Radio,[31] Fernsehen[32] oder Film.[33] Grundsätzlich lässt sich die Geschichte der Einzelmedien aus unterschiedlichen Perspektiven schreiben: Im Vordergrund stehen entweder die Historizität der Form und Funktion eines Mediums oder die Inhalte bzw. deren Rezeption in verschiedenen historischen Kontexten, wobei in der Praxis Mischformen üblich sind. So kann eine Geschichte des Fernsehens unter besonderer Berücksichtigung der technischen und ästhetischen Veränderungen des Mediums,[34] aber auch als nationale Fernsehgeschichte,[35] als Programm-[36] oder Personengeschichte,[37] als Rezeptionsgeschichte,[38] als Geschichte verschiedener Fernsehgenres (wie Nachrichtenmagazin, Krimi, Serie etc.) oder als Institutionengeschichte (z.B. eines Fernsehsenders[39]) geschrieben werden. Dabei hängt es von der jeweiligen Fragestellung ab, ob eher die Entwicklung des Mediums oder diejenige einzelner Protagonisten im Vordergrund steht. Obgleich die Analyse von Einzelmedien seit langem eine Domäne der Kommunikationswissenschaft war, sind die zeithistorischen Forschungsdesiderate unübersehbar. So verfügen wir beispielsweise über keine quellenfundierte Geschichte zentraler Medien wie der „BILD”-Zeitung oder des „Spiegels”, obwohl in beiden Fällen deren zentrale Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik unübersehbar ist.[40] Biografische Studien zu herausragenden Verlegern und Journalisten liegen nur vereinzelt vor, neuerdings etwa für Axel Springer und Gerd Bucerius, wobei deren verlegerische Arbeit hier nicht im Mittelpunkt steht.[41] Gruppenbiografische Studien zum Journalismus, wie es sie für das 19. Jahrhundert gibt,[42] fehlen für das 20. Jahrhundert. Ebenso liegen nur über wenige herausragende Journalisten Arbeiten vor.[43] Vernachlässigt wurde, auch von der Geschichtswissenschaft, zudem die Erforschung von Medien, die der Einzelkommunikation dienen. So ist etwa die zentrale Rolle, die die Verbreitung des Telefons in den 1960/70er-Jahren hatte, bisher kaum als Teil der Zeitgeschichte analysiert worden. Denn während sich das Telefon in der Bundesrepublik in diesem Zeitraum massenhaft verbreitete, blieben sein Besitz und seine Verwendung in der DDR eng mit der Übernahme von politischen Aufgaben verbunden. Ebenso fehlen wirtschaftshistorische Untersuchungen zum Telefax, das in den 1970er-Jahren dem Aushandeln von internationalen Verträgen eine neue Grundlage gab und damit den Prozess der Globalisierung beschleunigte. Ähnlich geringe Aufmerksamkeit fanden Medien und mediale Techniken, die nicht der Information, sondern eher der Unterhaltung dienten, wie die Schallplatte[44] oder der Kassettenrekorder.[45]
Eine integrale Mediengeschichte untersucht nicht eine reine Abfolge oder Summe von Einzelmedien, sondern die historische Entwicklung komplexer intermedialer Konstellationen. In den jeweils neuen Kombinationen der Basismedien Schrift, Bild, Ton und Zahl treten neue Medien „als Katalysatoren des Wandels der Basismedien” auf.[46] Derartige Mediengeschichten versuchen, das Erhaltene jeweils als Weiterentwicklung des Bekannten zu deuten und so eine gestufte Geschichte zu konstruieren, in der bestimmte mediale Neuerungen sukzessive aufeinander aufbauen, aber eben auch das Nicht-Speichern bzw. das Löschen von Vorgängen einschneidende und irreversible Veränderungen nach sich ziehen: Das Buch folgt auf die Schrift, der Film auf die Fotografie, der Computer ersetzt die Lochkarte, das Video speichert Programme, die in der Frühzeit des Fernsehens nur live übertragen wurden und der Nachwelt damit verloren gingen,[47] das Internet eröffnet neue Möglichkeiten, digitale bzw. digitalisierte Daten auf öffentlich zugänglichen Servern abzulegen.
Warum neue Medien überhaupt entstehen oder sich durchsetzen, wurde auf diverse Bedürfnisse zurückgeführt: nach neuen Geschwindigkeiten als Machtressource (Paul Virilio), neuen Kriegstechniken (Friedrich A. Kittler), einer stärkeren Sinnesfokussierung (Jochen Hörisch) oder nach einer verbesserten Funktion der bisherigen Medien.[48] Tatsächlich gibt es Etappensprünge, die eine Rückkehr zu den vorhergehenden Stadien quasi unmöglich machen. Von elementarer Bedeutung ist dabei der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, den Walter Ong (im Anschluss an Arbeiten von Eric A. Havelock) als Wandel von einer Welt der Töne zu einer Welt der (visuellen) Zeichen beschreibt – wobei er allerdings auch darauf hinweist, dass noch in der Gegenwart orale und literale Kulturen nebeneinander existieren.[49] Medienwissenschaftliche Studien leiten aus diesen Sprüngen entsprechende kulturelle und soziale Veränderungen ab.[50] Gerade die Geschichte des Buchdrucks liefert starke Indizien dafür, dass nicht nur die technische Neuerung einen Umbruch erzeugt, sondern dass umgekehrt neue Bedürfnisse und Weltsichten technische Neuerungen hervorrufen.[51] Ähnlich lässt sich auch die Einführung visueller, akustischer und audiovisueller Speichermedien im 19. Jahrhundert als ein Versuch beschreiben, dem wachsenden Bedarf bürgerlicher Schichten an Bildern (stillen und bewegten) sowie Tönen (Musik) zu begegnen. Auch hier handelt es sich um einen Prozess der Pluralisierung der Medienproduktion und -rezeption, die einerseits als popularisierend und überreizend abgewertet, andererseits aber auch als unterhaltsam empfunden wurde und der man grundsätzlich auch demokratisierende Effekte unterstellte. So erstaunt es kaum, dass der Übergang in das Computerzeitalter von ähnlichen Hoffnungen und Bedenken begleitet wird wie frühere Medienumbrüche. Diese jüngste „Medienrevolution” ist gekennzeichnet durch die Umwandlung von Text in Hypertext, von der Umstellung eines Buchstabensystems auf Algorithmen und von der Integration von Text, Bild, Ton und Zahl in einem einzigen Medium. Es scheint dies eine Reaktion darauf zu sein, dass die Welt als zunehmend komplexe Netzwerkstruktur wahrgenommen wird: Dies gilt für Verkehrsnetze ebenso wie für soziale und kommunikative Vernetzungen oder die Umstellung von linear zu lesenden Büchern auf Hypertexte, in denen der Rezipient von Information zu Information springt.[52] Offen bleibt auch hier die Frage, ob wir es mit einem „Fortschritt” der Medien zu tun haben, die neue Wissens- und Kommunikationsformen produzieren und dadurch neue Bedürfnislagen schaffen, oder doch eher mit einer Modifikation älterer Medien, die auf neue Bedürfnisse reagieren (Mobilität, Schnelligkeit, Erreichbarkeit, Vernetzung, Reproduzierbarkeit etc.).
Eine integrale zeithistorische Mediengeschichte steht bisher noch aus. So liegt für die Mediengeschichte der DDR bislang nur eine unzureichende Gesamtdarstellung vor, die sich in überzogener Weise auf die Durchherrschung der Medien durch die SED-Führung beschränkt und die Umsetzung der Vorschriften und verschiedene Praxen der Mediennutzung ausblendet.[53] Aber auch für die Bundesrepublik finden sich derzeit nur Arbeiten zu Teilaspekten, die weniger integrale Mediengeschichte bieten als Untersuchungen zur Kulturgeschichte insgesamt[54] oder zur Rolle unterschiedlicher Medien in spezifischen historischen Kontexten.[55] Und während für viele andere historische Felder bereits erste Synthesen in gesamteuropäischer Perspektive vorliegen, steht die Mediengeschichte hier noch ganz am Anfang.[56] Für die transnationale und globale Ebene liegen bislang erste Überblicksdarstellungen vor, jedoch nicht mit einem Schwerpunkt auf der Zeitgeschichte.[57]
Innerhalb der Geschichtswissenschaft verbindet sich Mediengeschichte – im Anschluss u.a. an die Arbeiten von Jürgen Habermas[58] und Niklas Luhmann[59] – mit der Untersuchung von Öffentlichkeit(en) in historischer Perspektive.[60] Öffentlichkeit gilt als prinzipiell zugänglicher Kommunikationsraum, in dem Informationen und Meinungen ausgetauscht und soziale, politische oder kulturelle Fragen so verhandelt werden, dass die interessierte Bevölkerung daran zumindest passiv teilhaben kann. In der neueren und neuesten Geschichte wird die Medienöffentlichkeit – oft durchaus normativ – als integraler Bestandteil demokratischer Staaten und Gesellschaften behandelt, während umgekehrt die staatliche Kontrolle öffentlicher Diskurse (z.B. in Form von Zensur oder Verknappung von Ressourcen wie Druckpapier, Verfolgung Oppositioneller, Zentralisierung des Pressewesens) als Indiz für die Abwesenheit von Demokratie gewertet wird. Dies gilt vor allem für die faschistischen und totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Arbeiten zur Mediengeschichte des Nationalsozialismus, die hier beispielhaft genannt seien, verweisen darauf, dass die Kontrolle der Medien ein integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Herrschaftssystems war.[61] Die Medienkontrolle betraf die Produktion (Gleichschaltung der Presse, Einführung des Fernsehens) ebenso wie die Rezeption (Verbot des Hörens von „Feindsendern”, Bücherverbrennung etc.). Gerade im Zeitalter der Diktaturen, aber auch für Demokratien erwies sich die Erforschung von Öffentlichkeiten als produktiv, um Medien in Verbindung mit situativen Öffentlichkeiten (Gespräche in Warteschlangen, Kneipengespräche u.Ä.) oder Versammlungsöffentlichkeiten (Proteste u.Ä.) zu fassen und damit nicht nur auf die offiziellen Medien zu beschränken.
Neben jüngeren Forschungen zur Bedeutung medialer Öffentlichkeit(en) in ausgewählten Nationalstaaten, die in diachroner Perspektive Übergänge von der Demokratie zur Diktatur bzw. umgekehrt untersuchen,[62] nehmen vergleichende Arbeiten zu, die die Medien(systeme) von Demokratien und Diktaturen perspektivisch aufeinander beziehen, wobei der Vergleich westlicher Demokratien mit sozialistischen Diktaturen in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg besonders prominent ist.[63] Auch hier wird generell angenommen, dass die jeweiligen Mediensysteme entscheidend den Charakter der Gesellschaft und der politischen Institutionen prägten. Allerdings verweisen jüngere Arbeiten zunehmend auf Ähnlichkeiten in der Medienentwicklung, vor allem im Bereich der populären Medien. Dies gilt für Massenmedien wie Film und Fernsehen, aber auch für die Medien der Popkultur (die, so Jürgen Danyel und Árpád von Klimó, populäre Kulturen oft auch ironisch verfremdet haben[64]) bzw. der verschiedenen Sub- und Jugendkulturen. Während letztere in westlichen Demokratien vor allem eine Kritik der vermeintlichen Dekadenz bürgerlicher Gesellschaften formulierten, konfrontierten sie sozialistische Gesellschaften mit ihrer tendenziellen Unfähigkeit, moderne Bedürfnisse in den Bereichen Konsum und Medienrezeption (Schallplatten, Zeitschriften, Radioprogramm) zu befriedigen – eine Unfähigkeit, die möglicherweise entscheidend zum Scheitern des Staatssozialismus in Osteuropa beitrug. Neuere Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass Medien nicht nur Subsysteme verschiedener Herrschaftsformen sind, sondern dass der Prozess der Medialisierung aller Lebensbereiche das Potenzial entfaltet, Diktaturen von innen zu zersetzen.[65] Einen Sonderfall im Bereich des Systemvergleichs bildet die deutsch-deutsche Mediengeschichte, die es erlaubt, die Entwicklung einer Nation in zwei Staaten und Systemen vergleichend zu untersuchen.[66] Dabei gilt es indes zu berücksichtigen, dass der Systemkonflikt nicht nur die beiden deutschen Staaten bzw. die politisch, militärisch und ökonomisch zusammengehörigen Blöcke trennte, sondern auch quer durch die jeweiligen Gesellschaften verlief.[67] Werden freie Medien von Diktaturen tendenziell als Bedrohung empfunden bzw. Medien von Seiten des Staats als Propagandainstrument genutzt, dienen sie in demokratischen Gesellschaften in so starkem Maß einem Prozess öffentlicher Meinungsfindung, dass bereits die Frage in den Raum gestellt wurde, ob von der Aufwertung der Medien zur „Vierten Gewalt” bzw. von der Entstehung einer „Mediokratie” als neuer Staatsform die Rede sein kann.[68]
Unabhängig von der Untersuchung solcher „Systemfragen” werden verschiedene Teilbereiche der historischen Forschung um eine mediengeschichtliche Perspektive erweitert, zum Beispiel die Erforschung von Geschlechterverhältnissen,[69] Protestbewegungen,[70] dem Wandel der Religion[71] und nicht zuletzt der Bereich der Erinnerungskultur und Geschichtsaufarbeitung.[72] Diese Entwicklung verläuft analog zu früheren Entwicklungen, in denen jeweils neue Perspektiven (z.B. der Sozialgeschichte, der Geschlechtergeschichte oder der postkolonialen Geschichte) zunächst innerhalb eines Teilbereichs erprobt wurden, um dann sukzessive auf weite Teile der Forschung auszustrahlen und von diesen integriert zu werden.
Zuweilen löst die Erweiterung der Fragen und Methoden der Mediengeschichte Kontroversen aus, die sich in erster Linie um den jeweiligen Gegenstand, in zweiter Linie aber auch um Sinn und Nutzen der Mediengeschichte drehen. Ein Beispiel hierfür ist die Debatte über die sogenannte RAF-Ausstellung, in der die Berliner Kunst-Werke 2005 Bilder, Skulpturen und Installationen präsentierten, die sich mit dem Linksterrorismus in der Bundesrepublik auseinandersetzen. Während Kritiker/innen befürchteten, im Schatten der Ausstellung werde die RAF zum „Mythos” stilisiert und ihre historische Bedeutung in unangemessener Weise aufgewertet, nahmen Befürworter/innen die Kunstschau zum Anlass, in die Auseinandersetzung um den Terrorismus auch medienhistorische und -theoretische Aspekte einzubeziehen bzw. überhaupt eine medienhistorische Perspektive auf den Terrorismus der 1970er-Jahre zu entwickeln.[73] Seither ist eine ganze Reihe von Publikationen erschienen, die diesen Fragen mit den Methoden der Diskursforschung, der Medienwissenschaft, der Geschichts-, Literatur- und Bildwissenschaft nachgehen.[74] Ob dies der Ausstellung zu verdanken ist oder ob umgekehrt die Ausstellung einen bereits vorhandenen Trend zur Mediengeschichte aufgriff, sei dahingestellt.
In der deutschsprachigen Zeitgeschichtsforschung setzten sich medienhistorische Perspektiven zwar später als im angelsächsischen Raum durch, sie nehmen aber mittlerweile im europäischen Vergleich eine avancierte Stellung ein. In Ost- und Südeuropa spielt die Berücksichtigung von Medien in der Zeitgeschichtsforschung bisher noch kaum eine Rolle, sodass auch dichte Analysen zur europäischen Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts bislang noch nicht vorliegen. Dagegen zeichnen sich im westeuropäischen und amerikanischen Raum vielfältige Erweiterungen der Ansätze ab. Seit den 1990er-Jahren ist neben der „ästhetischen” und der „soziopolitischen” Mediengeschichte eine starke kulturwissenschaftliche Erweiterung des Felds zu beobachten. Eine wachsende Zahl von Publikationen verbindet Mediengeschichte (als Geschichte medialer Öffentlichkeit/en) mit kulturhistorischen Ansätzen wie der historischen Emotionsforschung,[75] der Raumforschung[76] oder der Performativitätsforschung.[77]
Besonders stark nimmt seit Beginn des Iconic Turn – mit dem seit Mitte der 1990er-Jahre eine paradigmatische Wende von der Schrift zum Bild als kulturellem Leitmedium diagnostiziert wurde –[78] das Interesse an der Visual History zu, die die historische Erforschung von statischen und bewegten Bildern als neues Feld an der Schnittstelle zwischen Geschichts- und Medienwissenschaft etabliert. So waren „Geschichtsbilder” das Thema des Historikertags 2006 in Konstanz – wobei als Geschichtsbilder indes nicht nur Visualisierungen, sondern auch nicht-visuelle „Vorstellungen” fungieren können.[79] Gefördert wurde dies durch Kontroversen um den Umgang mit Bildern als historischen Quellen. Eine von ihnen wurde durch eine Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung entfacht, die 1995 unter dem Titel Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 eröffnet und nach massiver Kritik am Umgang mit fotografischen Quellen in den Jahren 1999 bis 2001 gründlich überarbeitet wurde.[80] Deutlich wurde, dass das „Lesen” von Bildern andere Kompetenzen und Methoden erfordert als das Lesen von Texten und dass Fehldeutungen fatale Folgen haben können. Insbesondere die umstrittene Visualisierung der Irak-Kriege dürfte dazu geführt haben, dass auch zahlreiche medienhistorische Arbeiten über die Visualisierung von Krieg und Gewalt entstanden,[81] die durch Arbeiten zur Rolle journalistischer Akteure[82] oder zur Organisation von Kriegspropaganda ergänzt wurden.[83] Damit zeigt sich erneut, wie stark historische Forschungen gerade in der Mediengeschichte durch gegenwärtige Erfahrungen geprägt werden.
Darüber hinaus besteht enormer Nachholbedarf im Bereich der historischen Rezeptionsforschung. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in der Kommunikationswissenschaft eine ausgefeilte Medienwirkungsforschung, die mit vielfältigen theoretischen Modellen und empirischen Erhebungen arbeitet.[84] Künftige Zeithistoriker/innen werden diese Rohdaten sicherlich als Quellen neu heranziehen können und zugleich die Wirkung der Daten selbst herausarbeiten. So sehr Historiker/innen an der Rezeption von Medien interessiert sind, so schwierig ist jedoch die Erhebung eigener repräsentativer Quellen, je weiter die zu erforschenden Rezeptionsvorgänge in der Vergangenheit liegen. Die historische Medienrezeptionsforschung ist deshalb wie bei anderen Themen auch auf schriftliche Quellen wie Leserbriefe, Briefe und Tagebücher, Observations- und Stimmungsberichte, aber auch auf nachträgliche Interviews mit Zeitzeugen angewiesen.[85] Diese Form der Rezeptionsforschung untersucht vor allem die unmittelbare Wirkung von Medien (etwa für das Wahlverhalten, für Vorstellungswelten, Meinungsbildung oder Gewalttaten). Darüber hinaus wäre in künftigen historischen Analysen die indirekte Wirkung von Medien stärker zu erforschen. Denn die eigentliche Wirkung von Medien besteht oft darin, dass sie Handlungen auslösen, weil Menschen von der Wirkung von Medien überzeugt sind und darauf vorab reagieren. Politiker oder soziale Gruppen verhalten sich z.B. anders, wenn eine Kamera dabei ist, weil sie mögliche Wirkungen von übertragenen Bildern vorab mit einkalkulieren.[86] Auch Formen von Zensur, die ausgeübt werden, weil etwa von bestimmten Medien eine Wirkung auf Jugendliche erwartet wird, sind selbst als eine indirekte Wirkung aus Wirkungsannahmen zu fassen.
Medienwirkungen lassen sich zudem sozialhistorisch ausmachen. Wichtige Impulse gaben medienhistorische Ansätze im Kontext der Stadtgeschichte. So wurde einerseits mit Blick auf die Mediennutzer herausgearbeitet, wie Massenmedien die Erfahrung und Orientierung in Großstädten prägten und Sensationen schufen, an denen die Stadtbewohner aktiv partizipierten und ihnen eigene Deutungen verliehen.[87] Andererseits entstanden in letzter Zeit vermehrt Studien zur Angebotsseite, die akteursbezogen Medien als zentralen Bestandteil der großstädtischen Geschichte analysierten – vor allem am Beispiel der Medienmetropole Hamburg.[88] Dies verweist generell auf Ansätze der Mediengeschichte, die sozialhistorische Entwicklungen diskutieren – etwa zur Bedeutung von Massenmedien für die Veränderung von Klassen,Schichten und Milieus.[89] In Verbindung mit sozialgeschichtlichen Ansätzen stehen auch Studien, die den medialen Wandel im Kontext von Jugendkulturen oder der Freizeitgestaltung im weiteren Sinne betrachten.[90] Entsprechend wird künftig zu untersuchen sein, welche Rolle Medien im Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft spielten, insbesondere mit der Einführung des dualen Rundfunks und der Computerisierung.[91] Die Mediengeschichte ist durch diesen Medienumbruch der letzten Jahrzehnte expandiert – und selbst zum Gegenstand der Zeitgeschichte geworden. Da die Einführung neuer Medien im digitalen Zeitalter fast alle gesellschaftlichen Bereiche folgenreich veränderte – von der Arbeit über Konsum und Freizeit bis hin zur Verwaltung und Wissenschaft –, wird auch künftig die Mediengeschichte als integraler Bestandteil der Zeitgeschichte an Bedeutung gewinnen.
Frank Bösch, Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Fernsehen, 1. Auflage. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2011, ISBN 978-3-593-39379-7.
Lorenz Engell, Joseph Vogl (Hrsg.), Mediale Historiographien, Universitätsverlag, Weimar 2001, ISBN 3-86068-142-7.
Christina von Hodenberg, Konsens und Krise: Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973, Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 978-3-8353-0029-3 (online).
Jochen Hörisch, Eine Geschichte der Medien. Von der Oblate zum Internet, 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004, ISBN 978-3-518-45629-3.
Helmut Schanze, Gerd Steinmüller (Hrsg.), Handbuch der Mediengeschichte, Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3520360012.
Jochen Schulte-Sasse, Medien/medial, in: Karlheinz Barck u.a (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe. 4, Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01658-7.
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