Technikgeschichte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.12.2018
https://docupedia.de/zg/heine_zumbraegel_technikgeschichte_v1_de_2018
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1319
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.12.2018
https://docupedia.de/zg/heine_zumbraegel_technikgeschichte_v1_de_2018
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1319
Unsere Welt ist von Alltagsgegenständen bevölkert, die auf das Funktionieren technischer Systeme angewiesen sind: Autos brauchen Straßen, Tankstellen, Ölfelder, Fahrschulen, Werkstätten und Schrottplätze; fließendes Wasser braucht Wasserleitungen und Kläranlagen; das Mobiltelefon globale Lieferketten und vernetzte Funktürme; und damit die Passagiere im Flugzeug weder erfrieren noch ersticken, ist eine ausgeklügelte Kabinentechnik erforderlich. Ob „Fliegerass“ oder „Hausfrau“, immer war Handeln in der Moderne auch technisches Handeln, das die soziale Ordnung und das Verhältnis der Geschlechter mitbestimmte. Sei es der Abbau seltener Erden oder die Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko 2010 – Technik hatte beharrlich intendierte und nicht-intendierte Auswirkungen für Umwelt und Gesellschaft.
Natürliche und gesellschaftliche Abläufe sind eng mit technischen Prozessen und Infrastrukturen verwoben und von diesen oftmals gar nicht mehr abzugrenzen. Die Technikgeschichte erklärt, wie Gesellschaften jene technisierten Umwelten geschaffen haben bzw. warum unsere technische Kultur die Formen angenommen hat, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Sie interessiert sich dafür, wie technische Dinge und Infrastrukturen erfunden und produziert, wie sie genutzt und irgendwann außer Dienst gestellt wurden. Die Disziplin nutzt das reflexive Wissen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, um die Bedingungen, Begleiterscheinungen und Folgewirkungen unserer technischen Kultur historisch einzuordnen.
![Ob „Fliegerass“ oder „Hausfrau“, immer war Handeln in der Moderne auch technisches Handeln, das in das Verhältnis der Geschlechter eingebunden war und diese mitbestimmte: Werbeanzeige eines Kühlschrankherstellers sowie Fotografie eines US-amerikanischen Testpiloten im Jahr 1942. BBC-Elektrogeräte, Quelle: [http://www.inventingeurope.eu/daily-lives/making-room-for-the-european-fridge&object Inventing Europe] mit freundlicher Genehmigung des Archivs des Deutschen Museums in München; Fotografie des US-amerikanischen Testpiloten Lieutenant „Mike“ Hunter vor einem Bomber A-20 Havoc 1942, Foto: Foto: Alfred T. Palmer, Long Beach, Kalifornien 1942. Quelle: [https://www.loc.gov/item/2017878926/ Library of Congress], Lizenz: public domain](sites/default/files/import_images/4168.jpg)
Im ersten Teil werden zentrale Perspektiven, Begriffe und Theorien vorgestellt, die die Technikgeschichte im Laufe des 20. Jahrhunderts prägten: von den Anfängen einer Ingenieursgeschichte zur kritischen Technikgeschichte, wie sie uns heute vertraut ist. In einem zweiten Abschnitt nähern wir uns zentralen Themen der aktuellen Forschung mit dem Ansatz des „Lebenszyklus“, d.h. wir verfolgen die Themen von der Innovation und Produktion über Konsum und Nutzung bis hin zur Reparatur und Entsorgung. Anschließend stellen wir Querbezüge zur Infrastrukturforschung und Umweltgeschichte her. Ausgewählt wurden diese beiden Schnittpunkte, weil die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung bei der zeitgleichen Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen eines der drängendsten Gegenwartsprobleme darstellt. Zum Abschluss werden wir jene technikhistorischen Themen benennen, die uns aus zeitgeschichtlicher Perspektive besonders zukunftsträchtig erscheinen.
Die Technikgeschichte hat sich im letzten Jahrhundert von einer Geschichte des Ingenieursberufs zu einer international etablierten Disziplin im historischen Fächerkanon gewandelt. Die Anfänge als universitäres Fach gehen in Deutschland auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Mit Geschichten von großen „Männern der Technik“ und ihren Erfindungen standen anfangs hagiografische Erzählungen im Mittelpunkt, die Technikern positive Identifikationsfiguren bescherten. Sie wurden als heroische Erfinder und Entwickler gezeichnet, was in der standespolitischen Absicht der Ingenieursbewegung um 1900 begründet lag, technischen Errungenschaften kulturelle Wertschätzung zu verschaffen und zu den Bildungs- und Funktionseliten des Kaiserreichs aufzuschließen.[1]
Als deutschsprachiger Technikhistoriker der ersten Stunde lieferte Conrad Matschoß wichtige Ansätze für die affirmative Selbstvergewisserung von Technikern. „Unsere Geschichtsschreiber“, so notierte er in seiner „Geschichte der Dampfmaschine“ von 1901, hätten „zu viel von Kriegen und Helden, von Königen und Kaisern, von hoher Staatspolitik und allenfalls noch von Künsten und Wissenschaften zu berichten [...], von all den Schöpfungen, den Werkzeugen und Maschinen, die [...] die Grundlage unserer Kultur erleichtern und zum Teil erst ermöglicht haben, erzählen sie uns wenig oder nichts“.[2] Verschrieben sich Matschoß und andere Ingenieurshistoriker den Entstehungsgeschichten technischer Neuerungen, so dominieren heute – wie auch in anderen historischen Teildisziplinen – sozial- und kulturhistorische Zugänge, durch die sich die „moderne“ Technikgeschichte von den traditionellen Technikerzählungen unterscheidet.[3] Sie beschränkt sich längst nicht mehr auf die Rekonstruktion technischer Veränderung, sondern fragt auch nach ihrer kulturellen Bedingtheit, Konstituierung und Wirkmächtigkeit.
Geprägt wurde dieser Übergang hin zu sozial- und später kulturgeschichtlichen Perspektiven im Umfeld der sozialwissenschaftlichen Technikforschung. Mit dem Ansatz der „Social Construction of Technology“ gingen Autoren wie Wiebe Bijker, Trevor Pinch oder Thomas P. Hughes in den 1980er-Jahren der gesellschaftlichen Konstruktion von Technik nach und arbeiteten in Fallstudien heraus, dass historische Diskurse und Praktiken die Entwicklung, Nutzung und Bedeutung von Technik mitbestimmten (Sozialkonstruktivismus).[4] Damit wandten sie sich gegen die Überzeugung, dass Technikgenese rationalen Eigenlogiken gehorche (Technikdeterminismus).[5] Die Vorstellung, Technik sei sozial und kulturell gestaltet, schließt auch die Fragen mit ein, „wie Wissenschaft und Technologie in einer demokratischen Gesellschaft zu handhaben wären und wie der Versuchung widerstanden werden kann, von der Technokratie direkt in den Populismus abzurutschen“.[6]
In der Folge dieser konzeptionellen Neuausrichtung entwickelte sich eine ausdifferenzierte Konsum- und Nutzerforschung. Demgegenüber schenkten Technikhistorikerinnen und Technikhistoriker anderen Perspektiven wie der Produktionsgeschichte und der Wirtschafts- Sozialgeschichte ab den 1990er-Jahren zunehmend weniger Beachtung. Im Anschluss an Ruth Schwartz Cowan, die 1987 gefordert hatte, die „Schnittstelle Verbraucher“ (consumption junction) zu untersuchen, zeigten immer mehr Arbeiten, wie wichtig das Konsumverhalten für die Entwicklung und Verbreitung von Alltagstechniken war.[7] Dabei waren es zu Anfang vor allem Studien seitens der Geschlechterforschung, die die lange dominierende Vorstellung eines der Technik ausgelieferten Verbrauchers hinterfragten. Nutzerinnen, so lautete das Argument, hätten die Entwicklung technischer Dinge mitgestaltet, indem sie sich diese in ihren alltäglichen Handlungen aktiv aneigneten oder sich ihnen verweigerten.[8]
In den letzten Jahren sind mehrere Überblickswerke erschienen, die diese methodische Neuausrichtung widerspiegeln. Das Fach habe, wie der Historiker Matthias Heymann notiert, „einen Erkenntnisstand, eine methodische Reife [...] entwickelt“, die es ihm erlaube, sich der allgemeinen Geschichte und anderen Fächern selbstbewusst zu präsentieren.[9] Dank des Themenspektrums dieser Werke ist der Einstieg in die Forschungslage zur europäischen Technikentwicklung in der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte mittlerweile recht einfach. Wie die meisten jüngeren Überblicksdarstellungen legt auch Martina Heßlers Einführung in die „Kulturgeschichte der Technik“ ihren thematischen Schwerpunkt auf den technischen Wandel seit der Industrialisierung.[10] Eine Verlagerung des Untersuchungszeitraums bieten die Einführungen von Joachim Radkau, Karl Heinz Metz und Marcus Popplow an, die Technikentwicklungen in vorindustriellen Zeiten nachgehen.[11] Gesamtdarstellungen zur Technikgeschichte der Frühen Neuzeit, wie sie für die Umweltgeschichte vorliegen, stehen bis heute aus.[12]
Innerhalb der Technikgeschichte lässt sich zum Übergang ins 21. Jahrhundert auch ein verstärktes Interesse an transnationalen Forschungsperspektiven feststellen. Ein wichtiger Ausgangspunkt war das 1999 von Technikhistorikerinnen und -historikern gegründete Netzwerk „Tensions of Europe“.[13] Das europäische Netzwerk verschreibt sich dem Ziel, über die in der Technikgeschichte einst tief verwurzelte nationalstaatliche Perspektive hinauszugehen und stattdessen Prozesse des transnationalen Techniktransfers und der grenzüberschreitenden Zirkulation von Technikwissen zu untersuchen. Zu einer wichtigen Forschungsleistung des Netzwerks gehört die Buchreihe „Making Europe“. Die Reihe argumentiert, dass der Technik für die europäische Integration seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle zugekommen sei.[14]
Von der Innovation und Produktion über Gebrauch und Nutzung bis hin zur Entsorgung oder dem Recycling: Technische Dinge und Infrastrukturen erfahren im Lauf ihrer Lebenszyklen vielseitige Nutzungsgeschichten. Die technikhistorische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Stationen entlang dieser Lebenszyklen in den Blick genommen. Lange beschäftigte sich die Disziplin fast ausschließlich mit den frühen Phasen der Technikentwicklung und fragte danach, wie technische Neuerungen erfunden, entwickelt, produziert und vermarktet wurden. Mit den nutzerzentrierten Perspektiven verlagerte sich der Schwerpunkt technikhistorischen Arbeitens zu den mittleren Abschnitten der Konsumtion und des Technikgebrauchs. In den letzten Jahren wurden zudem Ansätze entwickelt, um auch die späteren „Lebensphasen“ einer Technik zu erforschen, also die Zeitspanne, wenn Technik instandgesetzt oder aktiv entsorgt wird.
Der Zugang über die Lebenszyklen des Technischen sensibilisiert dafür, wie die Disziplin ihre Untersuchungsgegenstände ausgeweitet hat. Zugleich lassen sich entlang dieser Lebensphasen wichtige Schwerpunkte zeithistorischer Technikgeschichtsforschung herausarbeiten. Dabei gilt es zu betonen, dass die Unterscheidungen zwischen einzelnen Technikphasen analytisch sind und in der Forschung verstärkt integrativ gedacht werden. Jüngere Studien zur Instandhaltung und Reparatur von Technik betonen etwa, dass diese Aspekte oft schon in der Produktgestaltung mitgedacht wurden.
Die frühen Phasen der Technikentwicklung in Gestalt innovativer Produkte oder Produktionsverfahren gelten nicht nur als Motor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels, sie werden auch als prägend für unseren technisierten Alltag wahrgenommen.[15] Zwischen Technikdeterminismus und Sozialkonstruktivismus wurde die Frage nach den Bedingungen, die die Entwicklung technischer Neuerungen anstoßen, immer wieder neu verhandelt. Anstelle von Erzählungen des technischen Fortschritts, einschlägigen Erfindungen und ihren meist männlichen Erfindern haben kulturwissenschaftliche Ansätze die vielfältigen politischen, gesellschaftlichen, naturräumlichen oder wirtschaftlichen Bedingungen untersucht, in denen Technikgenese stattfand.[16]
Eine pragmatische und im besten Falle konsensfähige Definition von Innovation stammt aus den volkswirtschaftlichen Überlegungen Joseph Schumpeters.[17] Innovation ist demnach jener Moment, in dem eine Invention zur wirtschaftlichen Verwertung übergeht und sich in ihrem Marktumfeld durchsetzt. In den 1980er-Jahren entwickelten Technikgeschichte und Innovationsforschung das Denkmodell des nationalen Innovationssystems, das Erkenntnisse zu institutionellen Rahmenbedingungen gelungener Innovationsprozesse in modernen Industriestaaten hervorbrachte.[18] Dabei konzentrierten sich die Forschungsperspektiven auf das Handeln von Organisationen und die institutionellen Strukturen, Interaktionen und funktionalen Verschränkungen zwischen industriellen, wissenschaftlichen und staatlichen (Groß-)Forschungseinrichtungen. Untersuchungen zu Innovationen in der Rüstungsforschung machten ergänzend deutlich, dass in vielen Technikfeldern Marktprozesse nur sehr eingeschränkt wirksam waren.[19] In den folgenden Jahrzehnten nahm die historische Innovationsforschung immer stärker Anregungen der kulturgeschichtlichen Technikforschung auf. Deutlich wird dies etwa im Konzept der Innovationskultur. Hier werden auch die kulturellen Einflussfaktoren von Innovation – etwa Handlungen regionaler Akteure und Unternehmen – ebenso wie kulturelle Prägungen, Werte und Mentalitäten berücksichtigt.
Die technikhistorische Innovationsforschung interessierte sich dabei überwiegend für „erfolgreiche“ Innovationspfade.[20] Die Rahmenbedingungen von Technikentwicklung werden aber gerade in Momenten des Scheiterns sichtbar.[21] Das innovative Scheitern der DDR ist zeithistorisch wichtig, weil die daraus resultierende ökonomische Schwäche zur Delegitimierung des ostdeutschen Staats beigetragen hat. Ein Themenheft der Zeitschrift „Technikgeschichte“ von 2012 untersucht verschiedene Aspekte dieses Problems.[22] Die ostdeutsche Automobilindustrie – die mit dem Trabant zum Symbol der Innovationsschwäche geworden ist – scheiterte etwa daran, dass Angebot und Nachfrage in der „Zentralverwaltungswirtschaft“ nicht effizient aufeinander abzustimmen waren. Ein einmal aufgebautes Produktionssystem konnte trotz seiner Unwirtschaftlichkeit nicht mehr verändert werden.[23]
Die Geschichte der Produktionstechniken ist der zweite klassische Kernbereich einer technikhistorischen Auseinandersetzung mit Prozessen der Technikgenese. Dies erklärt sich auch aus der frühen Verbindung der Technik- zur Wirtschaftsgeschichte sowie dem vorrangigen Interesse am Zeitraum der Industrialisierung. Bis in die 1980er-Jahre war eine Art Standarderzählung verbreitet, die von den großen produktionstechnischen Umwälzungen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts berichtete. Der Weg zum mechanisierten Spinnen und Weben, Neuerungen im Werkzeug- und Antriebsmaschinenbau, die Transportrevolution durch die Eisenbahn sowie die Herausbildung komplexer Systeme und Strukturen bildeten die technische Basis für den umfassenden industriellen Strukturwandel, der von Großbritannien ausgehend im 18. Jahrhundert immer mehr Länder und Sektoren zu umfassen begann.[24] Dabei stand die Untersuchung von Großbetrieben und von Massenproduktion meist im Vordergrund, während die anhaltende Bedeutung von Handwerk und Produktion in kleinen und mittleren Betrieben nur am Rande thematisiert wurde.[25]

„Erst in jüngerer Zeit finden sich Ansätze und Publikationen“, so Martina Heßler in einem Forschungsüberblick zur Automatisierungsgeschichte, „die die Geschichte der Arbeit und der industriellen Produktion neu betrachten.“[26] Hatten traditionelle Darstellungen vor allem nach den Besitz- und Machtverhältnissen gefragt, die Produktionsbedingungen und Arbeitsvorgänge rahmen, so werden jetzt Aspekte behandelt, für die Entwicklungen in der Geschlechter-, Körper- und Sinnesgeschichte die Stichworte liefern. David E. Nye legte eine Arbeit vor, in der er mit neuem Blick – jenseits des traditionellen Verständnisses von Taylorismus und Fordismus als universell gültige Verwirklichungen des Rationalitäts- und Effizienzparadigmas – die amerikanische Fließbandproduktion untersucht und die „Assembly Line“ zum Ausgangspunkt einer Kulturgeschichte der Massenproduktion im 20. Jahrhundert macht. Karsten Uhl lenkt die Aufmerksamkeit auf die Räume der Fabrik, in denen gearbeitet wurde, und Sonja Petersen oder Stefan Krebs fragen in Fallstudien zum Klavierbau bzw. der Papierindustrie, wie die Zeitgenossen Veränderungen im Arbeits- und Produktionsprozess erlebten und deuteten.[27] Auch national und regional unterschiedlichen Produktionsregimen schenkten Historikerinnen und Historiker mehr Beachtung. In der Phase der Industrialisierung, die üblicherweise durch dampfende Schlote, Maschinisierung und das unaufhaltsame Wachsen großer Fabriken charakterisiert wird, gelang traditionellen Produktionssystemen wie dezentralen Manufakturen, Verlagssystemen und Heimarbeit mancherorts, etwa im sächsischen Textilexportgewerbe, ein neuer Aufschwung.[28]
Die Aktualität der Produktionsgeschichte ist sicher im Zusammenhang mit gegenwärtigen Diskussionen etwa um die Digitalisierung zu sehen. Das macht sich in Arbeiten bemerkbar, die klassische produktionsorientierte Themen weniger aus einer rein technikgeschichtlichen als vielmehr aus einer gesellschafts- und zeitgeschichtlichen Perspektive erarbeiten. Sie untersuchen Prozesse wie Fordismus, Computerisierung und Automatisierung als gesellschaftliche Phänomene und sozialtechnische Regulierungsstrategien.[29]
In den letzten Jahren zeichnete sich in energiegeschichtlichen Bezügen eine Perspektivverschiebung ab: Statt sich mit Erfinderingenieuren wie Thomas Alva Edison oder Werner von Siemens und ihren Basisinnovationen zu beschäftigen, verlagern jüngere Arbeiten ihren Betrachtungsschwerpunkt auf die Nutzerseite. In ihrer Dissertation zum Energiekonsum in westdeutschen Haushalten nach dem Zweiten Weltkrieg weist Sophie Gerber auf den bis heute zutreffenden paradoxen Zusammenhang hin, dass sich der private Stromverbrauch trotz deutlich höherer Energieeffizienz elektrischer Geräte kontinuierlich erhöht (Rebound-Effekt).[30] Jüngere Arbeiten betonen politische und kulturelle Konzeptionen von Energie im zeithistorischen Kontext. Sie unterstreichen die Bedeutung der Energiefrage seit den Energiekrisen der 1970er-Jahre, die die Endlichkeit vieler Energieträger und die mit ihnen verbundenen Risiken ins Bewusstsein gerückt haben.[31] Studien wie der Sammelband „Past and Present Energy Societies“ nehmen eine kritische Einschätzung des Verhältnisses von Energie und Gesellschaft vor, wenn sie historisch nachzeichnen, wie die Abhängigkeit von Elektrizität entstand und hoher Energieverbrauch im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Selbstverständlichkeit wurde.[32]
Energie spielt unter alltags-, nutzer-, geschlechts- und konsumhistorischen Fragestellungen auch in Studien der Technisierung des Haushalts durch Kühlschrank, Waschmaschine, Staubsauger oder Elektroherd eine Rolle.[33] Es ist vor allem Technikhistorikerinnen zu verdanken, dass die Haushaltstechnik seit den 1980er-Jahren zu einem intensiv beforschten Bereich zählt.[34] Sie zeigen, wie die Haushaltstechnisierung im 20. Jahrhundert in die Geschlechter- und Konsumgeschichte, die Zeit des Nationalsozialismus sowie in die Geschichte des Kalten Kriegs eingebunden war.[35] Die Küche war der zentrale Ort, an dem die großtechnischen Versorgungssysteme mit Haushaltsgeräten zusammentrafen und sich Geschlechterbilder von Hausfrauen und erwerbstätigen Männern festschrieben. Dass nicht nur Militär- oder Weltraumtechnik, sondern auch Küchendesign und -ausstattung zum Emblem des Systemgegensatzes im Kalten Krieg wurden, verdeutlicht etwa der Sammelband „Cold War Kitchen“.[36]
Die Konsumgeschichte ist mittlerweile ein zentrales Feld der kulturgeschichtlichen Technikforschung. Technikhistorikerinnen untersuchten, inwiefern „Portables“ wie Kofferradio, Walkman und Handy neue Formen des mobilen Technikgebrauchs hervorbrachten, oder sie gingen Alltagsgegenständen wie dem „Schuh im Nationalsozialismus“ nach, um die politische Seite eines scheinbar unschuldigen Massenkonsumguts zu verdeutlichen, das Gegenstand von Menschenversuchen im Konzentrationslager wurde und später „effektiver Bestandteil“ deutscher Wirtschaftserfolge der Nachkriegszeit war.[37] Im „Wirtschaftswunder“ avancierten in Westdeutschland – in den USA bereits in der Zwischenkriegszeit – diverse Technikfelder zu Sphären des Massenkonsums: Der ubiquitäre Verzehr industriell hergestellter Nahrungsmittel, die Bekleidung mit modischer Massenkonfektion, das Wohnen im technisierten Haushalt oder neue Mobilitäts- und Freizeitformen beförderten die heute charakteristische konsumintensive Lebensweise.[38]
Technische Gegenstände werden nicht nur erfunden, produziert und konsumiert. Auf dem „middle ground“ (Kevin Borg) zwischen Produktion und Konsumtion schließen weitere Dimensionen des Technikumgangs an, die gerade erst historisch erforscht werden: Technik muss immer auch gewartet, repariert oder mit Ersatzteilen ausgestattet werden.[39] Demnach waren Eingriffe, die den Betrieb und Erhalt garantierten, für den alltäglichen Technikumgang langfristig sehr prägend.[40] Darauf weisen Arbeiten hin, die sich mit Praktiken des Selber-Reparierens in der Automobilkultur oder den Instandhaltungsarbeiten an Wasserkraftanlagen auseinandersetzten.[41] Ein wesentlicher Impuls zur Beschäftigung mit solchen Themen dürfte von der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte inspiriert sein: Stand das Reparieren lange für eine Tätigkeitsform, die allein in Mangelsituationen zur Anwendung kam, so hat das Thema ein neues Image erhalten – und findet damit auch historiografisches Interesse.[42]
Am Ende ihres Nutzungszyklus verschwinden technische Dinge nicht einfach. Sie werden ausgebessert, erneuert, aussortiert oder entsorgt.[43] Wie Konsumgüter und veraltete Infrastrukturen wie zum Beispiel Haus- und Atommüll aktiv aus dem Verkehr gezogen wurden, wird in der Technikgeschichte erst seit Kurzem systematisch untersucht. Heike Weber prägte für die Umgangsformen mit veralteter Technik den Begriff des „Entschaffens“.[44] Diese Alltagserfahrungen im Umgang mit alten Techniken nehmen beispielsweise Studien zu Recyclingpraktiken beim Fahrrad oder zur Einführung des Glaspfandsystems in den Blick.[45]
Da die Massenkonsumgesellschaft immer mehr Ressourcen verbraucht und Reststoffe freisetzt, geht die Frage des Entsorgens auch mit enormen technischen und ökologischen Herausforderungen einher: Bauflächen und Deponien werden knapp, sodass ein Großteil (toxischer) Abfälle inzwischen in weltumspannenden Netzen um den Globus zirkuliert. Dies verdeutlichten in technikhistorischer Perspektive zuletzt Arbeiten zur Entsorgung von Altreifen oder toxischen Stoffen wie Asbest.[46] Die globale Dimension des „Entschaffens“ von technischen Resten betrachtet eine Münchener Forschergruppe am Beispiel von Giftmüll oder ausrangierten Überseetankern, die von den westlichen Industrieländern in ärmere Küstenregionen Asiens exportiert werden, wo das Abwracken der Schiffe auf dem Rücken der Anwohnerinnen und Anwohner ausgetragen wird sowie auf Kosten lokaler Umwelten geschieht.[47]
Angesichts zunehmend kürzerer Lebenszyklen von technischen Artefakten in der Massenkonsumgesellschaft und eines stetig steigenden Ressourcenverbrauchs rücken Fragen von Ressourcenkonflikten und eines verantwortungsbewussten Stoffumgangs auf die Agenda. Hier bleibt auch für die Technikgeschichte noch viel zu erforschen, will die Disziplin zu Themen wie Kreislaufwirtschaft, Abfallwissenschaften, Stoffstrommanagement, AKW-Rückbau oder dem Umgang mit Gefahrstoffen Orientierungswissen bereitstellen.
Die Schnittstelle von Technik- und Umweltgeschichte ist eines der dynamischsten Untersuchungsfelder der letzten zwei Jahrzehnte. Jüngst konstatierte Melanie Arndt eine „sehr fruchtbare Annäherung“ zwischen Technik- und Umweltgeschichte, an deren Schnittstelle Historikerinnen und Historiker inzwischen auf explizite Forschungsansätze zurückgreifen könnten.[48] Diese disziplinären Verflechtungen reichen weit zurück. 1991 zeigte William Cronon in seiner Pionierstudie „Nature’s Metropolis“, wie Chicago in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Zentrum eines Transformationsprozesses rückte, bei dem ein großtechnisches Konglomerat aus intensiver Landwirtschaft, Eisenbahnen, Kühltechnik, Schlachthäusern und Warenbörsen die natürlichen Verhältnisse des Mittleren Westens der USA tiefgreifend technisierte. Diesen „Brückenschlag“ zwischen Technik und Umwelt kennzeichnet Cronon mit dem Begriff der „zweiten Natur“, die die vom Menschen unberührte Wildnis – der „ersten Natur“ – sukzessive in eine Kulturlandschaft transformierte.[49]
In den letzten Jahren haben sich sowohl Technik- als auch Umwelthistorikerinnen und -historiker verstärkt darum bemüht, die aktive Rolle der Umwelt in Technisierungsprozessen zu untersuchen und Umwelt als wirksamen Faktor für die Entwicklung von Technik zu berücksichtigen.[50] Diese Perspektivverschiebung wird bis heute von Richard Whites Studie „Organic Machine“ (1995) geprägt.[51] In seiner Beschreibung des eingehegten Columbia River betont er die Wechselwirkungen zwischen technischen Eingriffen und naturalen Prozessen. Vor allem Flussgeschichten stellten die Produktivität dieser Perspektivverschiebung unter Beweis, um Eigendynamiken der biophysischen Umwelt und nichtintendierte Folgen technischer Eingriffe sichtbar zu machen.[52] Fallstudien finden sich in der Geschichte der Wasserkraft, wenn sich ein Strom unterhalb eines Staudamms ein neues Bachbett gräbt und Ackerflächen sowie Gebäude überflutet, oder wenn Flussbegradigungen und Kanalbauten für Zeitgenossen überraschende Folgen wie Hochwasser oder Versandung produzierten, auf die Menschen wiederum technikvermittelt reagierten.[53]
In einer Mischung aus überschwänglichem Fortschrittsglauben und instrumenteller Praxis avancierte Technik im letzten Jahrhundert verstärkt zu einem Vehikel der Weltbeherrschung. Der Medienwissenschaftler Markus Krajewski bringt das Phantasma der lückenlosen technischen Aneignung des Globus um 1900 mit dem Begriff der „Restlosigkeit“ auf den Punkt.[54] Studien zur Geschichte der Tiefsee-, Ballon-, Luft- oder Raumfahrttechnik weisen auf diese „Eroberung“ unbekannter Räume hin, die sich dem technischen Zugriff aufgrund extremer naturräumlicher Bedingungen lange entzogen hatten. Gerade das Vordringen in diese Grenzräume war stets mit Mythenbildung und einem „heroischen“ Technikgebrauch verknüpft.[55] Die Erschließung des Weltalls als Vision und Praxis wurde von der Forschungsgruppe um Alexander C.T. Geppert und Tilmann Siebeneichner untersucht und etwa von Daniel Brandau in den Zusammenhang mit der phantastischen Literatur gebracht.[56]
Ob Vermessungsarbeiten am Grund der Ozeane, die Verlegung von Tiefseekabeln, der Tiefseebergbau oder die Technisierung der marinen Umwelt zur Steigerung der Fangerträge in der industriellen Hochseefischerei: Die Weltmeere wurden im 20. Jahrhundert als unerschöpfliche Ressourcenräume imaginiert, deren Erschließung nur das Zusammenspiel von politischen Kräften, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischem Know-how ermöglichte.[57] Unter technik-, wissenschafts- und umwelthistorischen Fragestellungen erwies sich die „Maritime History“ zuletzt als ein besonders fruchtbares Forschungsfeld, da der Umgang mit den naturalen Kräften der Meere die Menschen immer wieder zu innovativen Leistungen anregte, um ungenutzte Meeresregionen und Meerestiefen zu erschließen.
![Im Kalten Krieg wurden extreme und lebensfeindliche Umwelten mit Hilfe von Technik erforscht und militärisch erschlossen. Auf der Fotografie wird das Bathyscaph „Archimède“, ein Tiefsee-U-Boot der französische Marine, zu Wasser gelassen (1961). Foto: Georges Houot, 28. Juli 1961. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bathyscaphe_Archimede.jpg?uselang=fr Wikimedia Commons], Lizenz: public domain](sites/default/files/import_images/4170.jpg)
Eng verbunden mit der maritimen Geschichte ist auch die technische Durchdringung und Erforschung der Pole im Kalten Krieg. Bei der Erschließung der Antarktis und Arktis spielten Polarforschungs- und Versorgungsschiffe wie die deutsche „Polarstern“ eine wesentliche Rolle.[58] Für die infrastrukturelle Beherrschung Grönlands waren im Kalten Krieg US-amerikanische Militärbasen von strategischer Bedeutung und erleichterten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Zugang zu unerforschten Regionen und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, was wiederum auf die Technisierung dieser extremen Umwelten zurückwirkte.[59] Christian Kehrt zeigt am Beispiel der westdeutschen Antarktispolitik, dass sich die Gründe für Aufbau und Erhalt technischer Infrastrukturen an den Polen während der späten 1970er-Jahre wandelten: Aus dem Ressourcenraum Antarktis wurde ein „Weltnaturpark“. Technik war nicht mehr allein ein Mittel geopolitischer Zielsetzungen oder zur Ausbeutung von Ressourcen, sondern sie diente dem Unterhalt einer bis heute wachsenden Forschungsinfrastruktur.[60] Insgesamt zeichnen sich hier neue Schnittstellen zwischen Technik- und Umwelt-, aber gerade auch der Wissensgeschichte ab.
Die rege Forschungsaktivität in den Grenzbereichen von Technik- und Umweltgeschichte speist sich auch aus der zeithistorisch aktuellen Frage, wie die unauflösbare Verflochtenheit von Technik und Umwelt historisch entstanden ist. Produktionsfortschritte und Massenkonsum haben im 20. Jahrhundert einschneidende ökologische Veränderungen im globalen Ausmaß hervorgebracht. Pestizideinsatz, neue Agrartechniken des Aberntens, neue Mobilitätsformen oder veränderte Konsumgewohnheiten zerstören Biodiversität und bedrohen menschliche Lebensgrundlagen.[61] Für die Zeit ab den 1950er-Jahren sprechen Technik- und Umwelthistorikerinnen und -historiker von der „großen Beschleunigung“ (Great Acceleration), die auf den gewaltigen Anstieg im Ressourcen- und Energieverbrauch und die davon ausgelösten Umweltfolgen hinweist.[62]
Unter dem Schlagwort des „Anthropozäns“ wird seit einigen Jahren eine neue Epochenfrage verhandelt. In dieser von den Geowissenschaften angestoßenen Debatte beziehen auch technik- und umweltgeschichtliche Forschungen Position zu der Frage, ob es aufgrund der vom Menschen verursachten globalen Veränderungen seit der Industrialisierung berechtigt sei, eine neue geologische Ära auszurufen.[63] Helmuth Trischler hat die Herausforderungen und Chancen des Konzepts Anthropozän für die Technik-, Wissenschafts- und Umweltgeschichte diskutiert. Seiner Meinung nach bietet diese Kontroverse die Möglichkeit für interdisziplinäre Kooperationen zwischen kultur- und naturwissenschaftlichen Fächern.[64] Betont Trischler das produktive Moment einer transdisziplinären Zusammenarbeit, so macht Sabine Höhler auf das kritische Potenzial historischer Forschungen aufmerksam, um Metaphern der Naturwissenschaft und technische Machbarkeitsideen in ihrer Ambivalenz zu verstehen und herauszufordern.[65]
Vielleicht mehr noch als der Schnittpunkt von Umwelt- und Technikgeschichte stellen Infrastrukturen den in zeithistorischen Bezügen aktuell am intensivsten untersuchten Forschungsgegenstand der Technikgeschichte dar. Dirk van Laak argumentiert, dass sich der Begriff „Infrastruktur“ im Verlauf des 20. Jahrhunderts zu einem Schlüsselbegriff wandelte: Im Zuge von Fortschrittsenthusiasmus und Planungseuphorie wurden technische Infrastrukturen vermehrt – und letztlich bis heute – als Voraussetzungen für positive Entwicklungen aller Art angesehen.
Die infrastrukturelle Durchdringung unseres Alltags wurde zunehmend dichter und der Grad der Vernetzung einzelner Techniken immer ausgeprägter. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Überzeugung durch, dass Infrastrukturen – mit dem Wort bezeichneten französische Ingenieure ursprünglich den Unterbau von Eisenbahnen – wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Fortschritt produzieren. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kollidierte dieser technische Machbarkeitsglaube zusehends öffentlich mit ökologischen und politischen Realitäten.[66] Zugleich kennzeichneten Bau, Betrieb und Erhalt infrastruktureller Projekte zu jedem Zeitpunkt eine Vielfalt von Bedeutungen, die ihnen verschiedene Akteure zuschrieben: Erdarbeiter, Ingenieure, Politiker, Unternehmer, Militärvertreter oder Umweltschützer deuteten solche Großvorhaben und interagierten mit ihnen auf individuelle Art und Weise.[67]
In vielen Bereichen geht die Errichtung großtechnischer Infrastrukturen auf die Phase der Hochindustrialisierung zurück. Einen zentralen Referenzpunkt markiert Thomas P. Hughes' transnationale Geschichte über den Aufstieg moderner Energiesysteme aus dem Jahr 1983.[68] Darin beschreibt Hughes die Entstehung der Elektrizitätsversorgung in den USA, Großbritannien und Deutschland mit dem Konzept des „technological system“. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf voneinander abhängige Erfindungen, die Voraussetzung für die elektrische Beleuchtung von Großstädten ab den 1880er-Jahren waren, untersucht diese im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kräften und fragt nach den Modifikationen, die die Ausweitung dieser Systeme in andere Regionen bedingten. Die von Hughes entwickelten Fragestellungen wurden vielfach aufgegriffen, kritisiert und weitergedacht.[69] Sie geben Konzepte zur Genese jener großtechnischen Systeme an die Hand, die heute unsere gesamte Lebenswelt überformen.[70]
Die Entwicklungspfade einzelner Infrastrukturen folgten aber auch anderen Zeitlichkeiten. Im Transport- und Kommunikationssektor beginnt die zentrale Rolle von Infrastrukturen beispielsweise deutlich früher. Bereits zum Übergang in die Frühe Neuzeit – somit weit vor dem Aufkommen von Eisenbahn- und Telegrafenverbindungen – beförderte der systematische Ausbau der Chausseen und des Postwesens den Überlandtransport von Gütern und Personen und beschleunigte den Austausch von Ideen und technischem Wissen.[71] Die Zusammenführung von Einzelinfrastrukturen zum hochkomplexen Gesamtsystem wurde in europäischen Metropolen um 1900 zur kritischen Voraussetzung, um die Funktionsfähigkeit von Produktions- und Dienstleistungsbereichen aufrechtzuerhalten.[72] Andere Infrastrukturen entwickelten sich hingegen erst in zeithistorischen Bezügen, etwa die Energiebereitstellung durch Erdgas sowie die Systeme der Organtransplantation oder der Sondermüllentsorgung.[73]
Dass hinter der heute selbstverständlichen Bereitstellung von Energie und Wasser komplexe und anfällige Infrastrukturen stehen, wird oft erst sichtbar, wenn diese Versorgungssysteme ausfallen, wie David E. Nye für die Geschichte der Blackouts in den USA festhält: „People notice electricity only in its absence.“[74] Für die historische Forschung bieten Katastrophen und Unfälle allerdings wichtige Einsichten. In diesen „moments of mismatch“ kommunizierten die beteiligten Akteure Wissen über funktionelle Technikzusammenhänge, die bei reibungslosen Abläufen selbstverständlich erscheinen und somit verborgen bleiben.[75]
Der gesellschaftliche Umgang mit technischen Katastrophen ist nicht selten von mythischen Figuren beherrscht, zu deren Verständnis und Kritik Technikgeschichte ihren Teil beiträgt: Einerseits wurde und wird Scheitern in den Begriffen von Hybris und Nemesis gedeutet, als Überschreitung einer göttlichen beziehungsweise natürlichen Ordnung und die darauf folgende Strafe; andererseits war der Unfall in der Moderne ein Argument dafür, dass der technische Fortschritt noch nicht weit genug vorangetrieben sei.[76] Zugleich haben technische Katastrophen in unserer Zeit eine qualitativ neue Dimension. Angesichts von Reaktorkatastrophen oder der möglichen atomaren Vernichtung der Welt sind die Folgen technischer Störungen eine zugleich weltumspannende und „unsichtbare“ Bedrohung für Gesundheit und Überleben aller Menschen gleichermaßen.[77]
![Technikunfälle beschäftigten die europäische Öffentlichkeit: „Tand, Tand, ist das Gebild‘ von Menschenhand“, dichtete Theodor Fontane, als 1879 die Eisenbahnbrücke über den Firth of Tay vor der schottischen Ostküste mit einem Personenzug einstürzte. Der 1890 eröffnete Neubau einer Brücke entlang der gleichen Bahnstrecke musste deshalb auch technische Sicherheit demonstrieren. Auf der Fotografie illustrieren der Ingenieur Benjamin Baker und seine Mitarbeiter das Konstruktionsprinzip ihrer Brücke über den Firth of Forth bei Edinburgh.
Quelle: [https://publicdomainreview.org/collections/the-forth-bridge-building-an-icon/ National Library of Scotland, Fotosammlung], Lizenz: public domain](sites/default/files/import_images/4171.jpg)
Ingenieure tendierten im 20. Jahrhundert dazu, ressourcenverschlingende Planungsruinen hervorzubringen.[78] Die zeitgenössischen Diskussionen um solche „Weißen Elefanten“, die entweder gar nicht realisiert wurden oder aufgrund ihrer Ausmaße von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, sagen viel über Herrschaftsphantasien oder überschwängliche Erwartungen an Technik aus. Von einem der spektakulärsten „Weißen Elefanten“ berichtet Alexander Gall in seiner Analyse der Atlantropa-Pläne. Der Architekt Herman Sörgel wollte in den 1930er-Jahren an der Straße von Gibraltar einen Riesendamm hochziehen, der das Mittelmeer absenken, neue Siedlungsflächen freilegen und den europäischen Energiebedarf decken sollte.[79] Gerade zu den autoritären Regimen des 20. Jahrhunderts lässt sich eine Fülle aktueller Arbeiten zur Infrastrukturgeschichte finden, die großtechnische Bauten nicht nur als Mittel der Herrschaftsinszenierung nutzten.[80] Am Beispiel stalinistischer Großbauten zeigten Klaus Gestwa oder Arnošt Štanzel, wie in der Geschichte der Sowjetunion Ideologie und Herrschaft mit der infrastrukturellen Überformung labiler Naturräume verknüpft waren.[81] Infrastrukturelle Großprojekte waren hier durch Zielsetzungen motiviert, um von oben gewollte Modernisierungsprozesse in Gang zu setzen, wie Lino Camprubí und Erik Swyngedouw für das franquistische Spanien verdeutlichten.[82] Aus Sicht der Ingenieure bedeuteten autoritäre Strukturen oftmals, dass ansonsten schwer realisierbare Bauvorhaben plötzlich umsetzbar wurden, weil Protestbewegungen fehlten und Zwangsmaßnahmen Widerstände auflösen konnten.
Zugleich wurden Projekte von kontinentalem oder sogar globalem Maßstab realisiert. Die zunehmende Vernetzung der Telegrafen- und Eisenbahnverbindungen, Kanalbauten wie Suez oder Panama oder große Staudammprojekte wie der Assuan-Staudamm drückten der „High Modernity“ ihren Stempel auf.[83] Diese Epoche zwischen etwa 1880 und 1970 – auch als „technokratische Hochmoderne“ bezeichnet – war durch die Überzeugung gekennzeichnet, dass auf den technischen auch der soziale Fortschritt folgen werde.[84] Westliche Prozesse von Techniktransfer und Technikaneignung entpuppten sich aber globalgeschichtlich keinesfalls als universalhistorisch. Jüngere Forschungen betonen, dass westliche Infrastrukturen selten eins zu eins auf andere kulturelle Kontexte übertragen wurden. Beispielsweise erzielten deutsche und französische Ingenieure mit der einfachen Adaption westlicher Wasserbautechniken in Istanbul völlig unzureichende Ergebnisse. Hier kam es zu einer Art „Nacherfindung“ in Anpassung an die spezifischen kulturellen und naturräumlichen Erfordernisse, so Noyan Dinçkal.[85]
Da Infrastrukturen gebaut und genutzt werden, haben sie immer auch alltägliche Dimensionen. Das gilt für den Alltag auf Baustellen, wo neue Techniken wie Stahlbetonbau oder maschinenbetriebene Hebewerkzeuge selten zu grundsätzlichen Umwälzungen führten, eher wurden alte Praktiken um neue Elemente ergänzt. Arbeit war dabei spätestens ab 1900 durch das Nebeneinander traditioneller und neuer Berufe sowie durch Arbeitsmigration gekennzeichnet.[86] Hier deutet sich die Perspektivverschiebung hin zum erwähnten „middle ground“ an: Die Untersuchung von Wartung, Reparatur und Nutzungsweisen erklärt, wie Infrastrukturen über lange Zeiträume funktionsfähig gehalten wurden.[87] Die Vertiefung solcher Aspekte erlaubt eine historisch-kritische Einordnung der affirmativen Rhetoriken von Modernisierung und Modernität, die historische Darstellungen wie auch die Selbstinszenierung von Architekten und Infrastrukturapologeten bis heute noch allzu oft prägen.
Infrastrukturen werden genutzt. Verkehrsinfrastrukturen sind etwa Vorbedingung von Mobilität und spannen einzelne Mobilitätsformen in ein Netz sozialer und technischer Komponenten ein, die es im Zusammenhang zu betrachten gilt: Weder Auto noch Motorrad funktionieren ohne Straßen, Reparaturwerkstätten oder auch Tankstellen.[88] Die Geschichte der Mobilität hat im Zeitalter von innerstädtischen Fußgängerzonen, Malls am Stadtrand, Diesel-Fahrverboten, Protesten gegen den Aus- und Neubau von Eisenbahnstrecken nichts von ihrem Konfliktpotenzial verloren.[89]
Im Feld der historischen Mobilitätsforschung ließen sich zuletzt Forschungstendenzen feststellen, die sich um Querbezüge zu anderen historischen Teildisziplinen wie der Sinnes-, Körper- oder Geschlechtergeschichte bemühen. Kurt Möser oder Anne-Katrin Ebert analysieren etwa die historische „Materialität und Funktionsweise“ des Fahrrads als körpervermittelte Praxis.[90] Von der Geschlechtergeschichte inspiriert zeigt sich Anke Hertlings Arbeit über Frauen in der Automobilgeschichte; unter Eindrücken der Sinnesgeschichte fragt der Sammelband „Sound and Safe“ danach, wie das Fahrgefühl von Automobilen gestaltet wurde und neue Mobilitätspraktiken hervorbrachte.[91]
Hierbei zeigen sich direkte Bezüge zu verkehrspolitischen Auseinandersetzungen unserer Gegenwart: der „autogerechte Umbau“ der Innenstädte nach dem Zweiten Weltkrieg,[92] der Autobahnbau,[93] die Etablierung von Verkehrsplanung als Disziplin oder die von der Verkehrspolitik gesetzten Rahmenbedingungen, die sich etwa mit dem „Ölschock“ änderten.[94] All das sind technik- und zeithistorische Forschungsgegenstände, die gegenwärtige Mobilitätsformen und -infrastrukturen fundamental mitbestimmen und dabei vorherrschende Vorstellungen von Raum und Zeit prägen.[95] Die erste Hochphase von Elektroautos um 1900 bietet etwa eine notwendige Vergleichsfolie für die informierte Auseinandersetzung mit dem Versprechen von Elektromobilität in heutiger Zeit.[96] Technische Mobilitätsutopien verweisen mit fliegenden und selbstfahrenden Autos, mit Zeppelinen und Cargoliftern, mit Transrapid und Hyperloop auf die wichtige Rolle von Technikeuphorie und phantastischer Literatur. Fortschrittsdystopien und -utopien schwankten zwischen Wirkmächtigkeit, Spinnerei, Sachzwanglogik und Protestbewegung, wirkten aber auch in die zukünftigen mobilitätstechnischen Entwicklungspfade hinein.[97]
Zu den zeithistorisch drängenden Themen der Technikgeschichte zählt ohne Zweifel die Geschichte der Computer. Generell hat die Debatte über die Digitalisierung zu einem Hype der Computergeschichte geführt und auch in den Medienwissenschaften oder der Zeitgeschichte eine Auseinandersetzung mit vergangenen Computerwelten stimuliert. Jüngst berichtete David Gugerli davon, „Wie die Welt in den Computer kam“.[98] Er wendet kulturgeschichtliche Fragestellungen der historischen Technikforschung auf die Geschichte des Digitalen an und verfolgt, wie die Interessen von Entwicklern, Unternehmen, Behörden, Militär und anderen Anwenderinnen und Anwendern in der Nachkriegszeit zusammenfielen oder kollidierten. In ihren Aushandlungsprozessen schufen sie schrittweise eine neue technisierte und digitale Umwelt.[99]
Ein jüngerer Forschungsbericht schließt hier an und versteht unter „Digitalgeschichte eine neue Perspektive auf die fundamentale Umwälzung klassischer historischer Kategorien wie beispielsweise Raum, Zeit, Identität oder Nationalstaat seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Dabei schlagen die Autorinnen und Autoren vor, dass Digitalgeschichte mehr als die Geschichte des Artefakts Computer sei, da sie „alle auf binärdigitaler Codierung basierenden, elektronischen Technologien, beispielsweise auch Kommunikationsnetzwerke oder Mensch-Maschinen-Hybride“ umfasse.[100]
Als vergleichsweise junge Forschungsfelder sollten die Geschichte des Computers oder des Digitalen dabei aber nicht zunächst die Blindstellen reproduzieren, die die Technikgeschichte als Ganzes zu lange übersehen hat. Denn zu oft interessierte sich die Forschung zu Unrecht allein dafür, wie technische Neuerungen entwickelt, hergestellt und vermarktet wurden. David Edgerton gehört zu denjenigen, die fordern, weniger auf das technisch Neue zu schauen, sondern stärker Prozessen alltäglicher Technikaneignung nachzugehen: Wende man sich Gebrauch, Betrieb und Erhalt bestehender Techniken zu, so werde deutlich, dass das Nebeneinander von heterogenen Produktions- und Organisationsformen für den alltäglichen Technikumgang langfristig viel bedeutender gewesen sei, als es in der Rückschau oft erscheine.[101]
Diese Perspektivverschiebung zur „Fortdauer und Wiederkehr des Alten“ in der Technikentwicklung ist für einige Bereiche – etwa für die Themen Energie oder Mobilität – bereits angestoßen.[102] Die Übernahme konstruktiver Merkmale und eiserner Bauteile der modernen Dampfschifffahrt verschaffte der traditionellen Segelschifffahrt am Ende des 19. Jahrhunderts einen gewissen Entwicklungsschub.[103] Durch Neuerungen wie dem Glühstrumpf konnte die traditionelle Gasbeleuchtung nach 1900 noch einige Zeit mit dem modernen elektrischen Licht konkurrieren.[104] Die als modern wahrgenommenen frühen Talsperren entstanden in den westdeutschen Mittelgebirgen mit dem primären Ziel, die seit Langem etablierten Drahtrollen und Hammerwerke mit altem Wasserradantrieben betriebsfähig zu halten. Letztlich waren die kleinen Anfänge des Talsperrenwesens aber auch eine wichtige Voraussetzung, um neue Energie- und Antriebsformen zu etablieren: die Erzeugung von Hydroelektrizität, die wiederum den Absatz der modernen Turbinentechnik ankurbelte.[105]
Für die meisten Technikfelder ist aber bis heute seltsam unerforscht, wie sich althergebrachte und vermeintlich weniger spektakuläre Techniken und Produktionssysteme über lange Zeiträume halten konnten und unter Innovationsdruck weiterentwickelt wurden. Mit Blick auf das 20. Jahrhundert interessiert sich die Technikgeschichte etwa für wirkmächtige Prozesse wie die Einführung der fordistischen und tayloristischen Produktionssysteme oder für die mit der Computerisierung und Automatisierung einhergehenden technischen und sozialen Veränderungen. Allerdings haben neue Fertigungsabläufe und Produkte nicht in allen Bereichen zu einer Dequalifikation handwerklicher Berufe und seit Langem etablierter Produktionsverfahren geführt.[106] Alfred Lüdtke wies bereits in den 1990er-Jahren darauf hin, dass Transformationsprozesse die körpergebundenen Alltagspraktiken von Arbeitern selten von Grund auf änderten.[107] Gerade kulturhistorische Zugänge der Technikgeschichtsschreibung, die beispielsweise der Beständigkeit körpervermittelter Praktiken in sich wandelnden technisierten Umwelten nachgehen, werfen vielfältige, widersprüchliche und überraschende Perspektiven auf klassische Modernisierungsvorstellungen.[108] Kommen wir noch einmal auf die Geschichte des Digitalen zurück, so wäre in diesem Zusammenhang etwa zu fragen, inwiefern sich Digitalisierungsbestrebungen in generelle Tendenzen der technischen Moderne oder Diagnosen moderner Normalisierungsgesellschaften einreihen.[109]
Hinzu kommt, dass bislang vor allem Innovationen untersucht wurden, die Techniker und Konstrukteure in „High-Tech“-Branchen wie Maschinenbau und Elektrotechnik entwickelten. Über viele „Low-Technologien“ ist indes weit weniger bekannt.[110] Wir wissen viel über die Entwicklungspfade technisch komplexer Transport- und Mobilitätsmaschinen wie Eisenbahn, Auto oder Flugzeug, aber nur wenig über Low-Technologien wie Pferdekarren, Packesel, Schubkarren und Schaufeln, die im globalen Blick nicht verschwanden, sondern sich räumlich in den Globalen Süden verlagerten. Es gilt, technischen Wandel nicht mehr allein mit dem Fokus auf symbolisch bedeutsame Innovationen zu rekonstruieren, sondern die Rolle althergebrachten Know-hows und wohlbekannter Verfahren und Artefakte mitzudenken. Denn die Überlagerung und Hybridisierung von Techniken, die gemeinhin unterschiedlichen Entwicklungsstufen zugeordnet werden, stellte in vergangenen Technikkulturen den Normalfall dar und prägte den technisierten Alltag langfristig.
Ob Forschungsarbeiten an der Schnittstelle zwischen Technik und Umwelt, zu technischen Infrastrukturen oder anderen Technikfeldern: Weitaus am meisten Aufmerksamkeit finden die Epoche der Industrialisierung und die „technische Moderne“ ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ergänzt werden diese Arbeiten in zeithistorischen Bezügen um die Frage, ob mit der ökologischen Wende oder der sich beschleunigenden Vernetzung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Epoche begonnen habe. Da nur vereinzelte Detailstudien zur Techniknutzung und -entwicklung in der Vormoderne vorliegen, hat sich ein Narrativ eingeschlichen, das abrupte Brüche und radikale Übergänge zwischen vormodernen, modernen und zuletzt auch zeithistorischen Technikvarianten, Wissensformen und Expertenkulturen vermuten lässt.[111] Wenngleich aktuelle Großgeschichten der Technik immer auch auf die fließenden Momente der Technikentwicklung über politische Zäsuren hinweg verweisen, lässt sich der Eindruck abrupter zeitlicher Übergänge schon dadurch kaum verwehren, dass neue Technikerzählungen wiederholt mit dem Industrie- und Elektrizitätszeitalter beginnen.
Die fortwährende Wirkung dieser Narrative demonstrierten in den vergangenen zwei Jahrzehnten Studien, die sich mit der Herausbildung der modernen Stadt beschäftigten. Konzepte wie „Urban Machinery“, „Networked City“ oder die „vernetzte Stadt“ beziehen sich allein auf die städtischen Entwicklungen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[112] Die infrastrukturelle Durchdringung wird in der Forschung als ein Merkmal der Moderne beschrieben.[113]
Das bedeutet jedoch nicht, dass vormoderne Metropolen nicht auch technisiert waren oder die Bereitstellung von Ressourcen vor der Industrialisierung unvernetzt oder gar chaotisch verlief. Joachim Radkau verdeutlicht dies am Beispiel der Systemeigenschaften vorindustrieller Wasserbau- und Transporttechniken, mit denen urbane Zentren auf das Umland ausgriffen.[114] Ähnliche Vernetzungsprozesse lassen sich für das vorindustrielle London mit den an der London Bridge installierten „Waterworks“ beschreiben, an die sich ein weitläufiges Netz aus Kanälen und Wasserreservoirs zur Versorgung der städtischen Bevölkerung anschloss; oder für die Metropole Wien, um die sich im 18. Jahrhundert ein „großtechnisches System“ der Holzversorgung entwickelte.[115] Im Sinne einer Technik-Zeitgeschichte muss es also darum gehen, historische Brüche – sei es zwischen Vormoderne und Moderne, sei es zwischen klassischer Moderne und Postmoderne oder bei Periodisierungen innerhalb der Zeitgeschichte – in ihrer Reichweite zu hinterfragen; nicht, um zu zeigen, dass Innovationen historisch nicht wirkmächtig waren, sondern um die Relevanz und Tiefe dieser Umbrüche genauer bestimmen zu können.
In den vergangenen Jahren haben sich technikhistorische Arbeiten zunehmend globalen Betrachtungsweisen zugewendet, wenngleich die Technikgeschichte andere Weltregionen noch lange nicht so aktiv erkundet wie etwa die Wirtschafts- oder Umweltgeschichte. Transnationale Perspektiven spielen innerhalb der Disziplin allerdings seit Längerem eine Rolle. Sie verfolgen beispielsweise Prozesse des Wissens- und Techniktransfers zwischen einzelnen Industriestaaten.[116]
In (post-)kolonialen Technikzusammenhängen orientierte sich die Forschung lange an Daniel Headricks Buch „Tools of Empire“, in dem er Anfang der 1980er-Jahre ein eurozentriertes Geschichtsbild vertrat: Technische Infrastrukturen seien als Mittel zur Ausbeutung und Unterwerfung nichteuropäischer Gesellschaften und Umwelten in andere Kulturräume transferiert worden.[117] Jüngere Forschungen stellen die Übertragbarkeit westlicher Narrative in Frage und betonen, dass die ursprünglich aus Europa oder Nordamerika stammende Technik selten in eine Richtung – „From the West to the Rest“ – diffundiert und in kolonialen Räumen passiv entgegengenommen worden sei. Stattdessen hätten die Gesellschaften der nichtwestlichen Welt Techniken aktiv angeeignet oder eigene technische Lösungen entwickelt, die keinesfalls immer dem europäischen Muster gefolgt seien oder den Vorstellungen imperialer Machthaber entsprochen hätten.[118]
Die (post-)koloniale Technik- und Infrastrukturforschung steckt ein attraktives Forschungsfeld ab, das gleichwohl erst am Anfang steht. Dies hat einerseits forschungspragmatische Ursachen und hängt mit dem beschwerlichen Zugang zu lokalen Quellenbeständen ebenso zusammen wie mit der fortwährenden Dominanz westlicher Institutionen. Eine Ausnahme ist das von Mikael Hård initiierte Projekt einer Globalgeschichte der Technik, in dem Forschende unterschiedlicher Kontinente zusammenarbeiten.[119] Andererseits liegt dies darin begründet, dass jüngere Forschungsansätze zunächst eigene Begriffe und Zugänge entwickeln müssen, um lokale Aneignungsprozesse und Deutungen von Technik in nicht-westlichen Regionen systematisch erforschen zu können.[120] Lange hat die Technikgeschichte Konzepte zur Analyse von technischen Strukturen nämlich in erster Linie an westlichen Fallbeispielen erarbeitet. Jüngere Begriffe wie „creole technologies“ oder „pirate infrastructures“ werden analytisch dann wirksam, wenn technische Grundversorgungen wie Elektrizität, Kanalisation und Trinkwasserversorgung fehlten, scheiterten oder stillstanden. Lokale Gesellschaften waren dann dazu veranlasst, alternative – dezentrale – Techniklösungen zu entwickeln und über lange Zeiträume aufrechtzuerhalten.[121]
![Postkarte aus der deutschen Kolonie Tsingtau (heute Qingdao) in China, ca. 1914. Die Rikscha kann in Anschluss an David Edgerton als eine „creole technology“ gedeutet werden, die lokale Technikanpassung und Techniknutzung erschließen lassen. Hier macht die Bildunterschrift „Unsere ‚Taxameter‘“ deutlich, wie koloniale Machtverhältnisse in technische Alltagsnutzungen eingeschrieben waren. Quelle: [https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Tsingtau_Taxameter_1914.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: public domain](sites/default/files/import_images/4172.jpg)
Wie sich dieses Forschungsfeld angesichts der erwähnten methodischen Herausforderungen, einer schwierigen Quellensituation und allen praktischen Problemen globaler Zusammenarbeit entwickeln wird, lässt sich schwer prognostizieren. Unbestritten ist jedoch, dass sich die Technikgeschichte globalen Fragestellungen verstärkt stellen muss. Wenn die Geschichte „nomadischer“ werden müsse, wie es Monika Dommann fordert, dann kann auch die technikgeschichtliche Forschung ihren Teil dazu beitragen.[122] Denn wie technische Dinge Herrschaftsansprüche symbolisieren und unterlaufen, wie sie durch die Gesellschaft wandern und dabei in den Händen unterschiedlicher Menschen anders benutzt, an andere Bedürfnisse angepasst oder entsorgt werden, dazu hat die Technikgeschichte ein Methodenrepertoire und Reflexionsniveau erreicht, das es in Richtung einer Globalgeschichte weiterzuentwickeln gilt.
Technikgeschichte wird vorrangig an Technischen Universitäten betrieben, was nicht nur für den Austausch mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften Vorteile mit sich bringt.[123] Dies fördert auch Kooperationen zu ebenfalls geisteswissenschaftlich geprägten Technikfächern wie der Technikphilosophie, der Techniksoziologie oder den Science and Technology Studies.[124] Die einseitige institutionelle Verankerung hat aber auch zur Folge, dass sich andere Hochschulen für diesen Teilbereich der Geschichtswissenschaft oft weniger zuständig fühlen.[125] Vor diesem Hintergrund muss sich die Technikgeschichte darum bemühen, einer „institutionellen Inselbildung“ entgegenzuwirken. Sie muss im Austausch mit anderen – und vor allem gegenwartsbezogenen – Fächern neue Fragen entwickeln.[126] Zuletzt äußerten sich innerhalb des Fachs kritische Stimmen, die Technikhistorikerinnen und Technikhistorikern eine „gewisse Zufriedenheit“ mit ihren Instrumentarien attestierten und zur kritischen Reflexion ihrer Narrative und Konzepte ermunterten.[127] Auch in Bereichen wie den Umweltwissenschaften oder der sozialwissenschaftlichen Technikfolgenabschätzung kamen Forderungen auf, die Technikgeschichte müsse ihre Forschungen in Beziehung zu politischen Entscheidungen stellen, ihre Fragestellungen nach den großen Herausforderungen der Gegenwart ausrichten, um auf diese Weise gesellschaftliche Kontroversen aktiv mitzugestalten.[128]
Die Meinungen mögen auseinandergehen, wie sich die Technikgeschichte, die Zeitgeschichte sowie der geisteswissenschaftliche Fächerkanon solchen Ansprüchen gegenüber zu verhalten haben. Denn selbstverständlich gibt es exzellente Arbeiten jenseits von Relevanzdebatten und -wünschen, und bei allen Drittmittelzwängen des Universitätsalltags bleibt die Freiheit der Forschung glücklicherweise grundrechtlich verbrieft. Das Potenzial der Technikgeschichte, historisch-kritisch über Technikentwicklungen zu reflektieren, wird für das Fach zukünftig aber wohl noch wichtiger werden. Technik als vielfältiger Gegenstand war prägendes Merkmal unserer Kultur und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Das Wissen um die Ambivalenz technischer Entwicklungen, von ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und ihren ökologischen Konsequenzen bietet wichtige Ressourcen, Ingenieurinnen und Ingenieuren, Technikanwenderinnen und -anwendern eine historisch-kritische Selbstvergewisserung zu ermöglichen, die nicht geschichtsvergessen ist, sondern um die Zusammenhänge und Ambivalenzen von Technikentwicklung und Technikhandeln weiß.
↑ Vgl. Johan Schot, Confronting the Second Deep Transition Through the Historical Imagination, in: Technology and Culture 57 (2016), S. 445-456; Peter Haff, Humans and Technology in the Anthropocene. Six Rules, in: The Anthropocene Review 1 (2014), H. 2, S. 126-136.
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