Materielle Kultur
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 01.10.2020
https://docupedia.de/zg/ludwig_materielle_kultur_v2_de_2020
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1943
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 01.10.2020
https://docupedia.de/zg/ludwig_materielle_kultur_v2_de_2020
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1943
Menschen in post-industriellen Gesellschaften der Gegenwart verfügen in ihrem persönlichen Umfeld über durchschnittlich 10.000 Dinge, in einer westafrikanischen Stammesgesellschaft sind es dagegen 150.[1] Der Mensch lebt also, gesellschafts- und zeitgebunden, mit physisch präsenten Objekten innerhalb einer ihn umgebenden materiellen Kultur,[2] die Handeln und Wahrnehmungen, Möglichkeiten und Zwänge, Erinnerung und Zukunftsoptionen beinhaltet. Dies gilt sowohl für das Individuum wie auch für die verschiedenen sozialen Zusammenhänge, denen es angehört. Dennoch sind die Dinge meist „unauffällige Begleiter“; sie werden nur punktuell wahrgenommen, selten intensiv, eher anlassbezogen als systematisch. Zugleich werden sie innerhalb eines sozialen Felds, einer komplexen Kultur und in ihren jeweils historischen Kontexten als „unhintergehbar“ interpretiert,[3] bilden als materialisierte Kultur einen „Sachkosmos“ oder ein „Sachuniversum“,[4] also im Foucault’schen Sinne ein dispositif, einen Möglichkeitsraum für Erkenntnis.[5]
Dinge stehen in Handlungs- und Kommunikations- sowie Forschungskontexten, in denen sie eine unterschiedliche Funktion wahrnehmen. Sie werden in Beilagen von Tageszeitungen ebenso verhandelt wie in Blogs; das Spektrum reicht von Geschenketipps über aus persönlicher Perspektive verfasste object stories bis hin zu Objekten des Alltags, die über eine mediale Verhandlung Aufmerksamkeit über ihren reinen Zweck hinaus finden.[6] So erklärt sich der Erfolg von Neil McGregors Bestseller „A History of the World in 100 Objects“ wesentlich aus der Ausstrahlung seiner Objektgeschichten im Radioprogramm von BBC 4.[7] Dinge des Alltags wecken aufgrund ihrer Vertrautheit und ihres Bezugs zur Lebenswelt die Neugier des Publikums.
Auf dem Buchmarkt erscheinen in zunehmendem Maße populärwissenschaftliche oder literarisch-feuilletonistische Bücher über die Objekte des Alltags. Sie wollen entweder auf die „ganz gewöhnlichen Dinge“ und ihre Bedeutung in der täglichen Lebensumwelt aufmerksam machen und betreiben damit eine Art dingethnologischer Sensibilisierung[8] oder beschreiben mittels objektgeschichtlicher Miniaturen Dinge, die aus dem Gebrauch gekommen sind, also meist Verlustgeschichten.[9] Alltagsdinge sind deshalb regelmäßig Gegenstand von Veröffentlichungen in Tages- und Wochenzeitungen, wo sie ausschnitthaft eine vergangene Welt in Erinnerung rufen und auf kulturelle Umbrüche im Kleinen verweisen. Die Qualität solcher Darstellungen liegt vor allem in der Sensibilisierung für das „Beiläufige“.[10]
![Zündholzschachtel, Konsum-Zündwarenwerk Riesa, 1967. Foto: Andreas Ludwig, 2011, Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0] <br />
In Zeiten des Einwegfeuerzeugs und des Gasanzünders ist das Zündholz (vulgo: Streichholz) überflüssig geworden und überlebt vor allem als überlanges Exemplar mit Ambiente-Charakter. Als Massenprodukt des 19. und 20. Jahrhunderts diente seine Verpackung als Werbeträger und Markenzeichen. Aufgrund der Vielfalt und der teilweise professionellen grafischen Gestaltung wurden Zündholzetiketten zum beliebten, vergleichsweise billigen Sammelobjekt. Das hier gezeigte Zündholzetikett trägt eine politische Botschaft: Als Teil einer Serie zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution wurden die DDR und der 18. Jahrestag ihres Bestehens zum Anlass genommen, beide Ereignisse im Sinne einer gemeinsamen sozialistischen historischen Tradition zusammenzubinden und damit die Botschaft einer sozialistischen Moderne in Form völkerverbindender Düsenflugzeuge zu transportieren. Ein Blick auf das Etikett verrät auch den Hersteller, das Konsum-Zündwarenwerk in Riesa, und hier setzt eine weitere Verlustgeschichte an. Das 1923 von den Konsumgenossenschaften zur Versorgung der Bevölkerung mit Basisprodukten des täglichen Bedarfs gegründete Werk war Europas größte Zündwarenfabrik. Dies galt auch für die Versorgung der DDR. 1974 beschloss die Regierung, die Riesaer Fabrik mit einer weiteren in Coswig zusammenzulegen und zu verstaatlichen.](sites/default/files/import_images/6342.jpg)
Mit der Entwicklung des Internet ist eine neue Publikationsbasis für diese Objektsammlungen des Alltags entstanden, deren Charakteristik in ihrem enzyklopädischen Charakter sowie in der potenziellen Unendlichkeit einer „Liste“ und der damit verbundenen fehlenden Hierarchisierung liegt.[11] Neben aller Skepsis hinsichtlich der Verlässlichkeit bleibt es doch auffällig, wie stark die materielle Kultur in einer geschichtsbezogenen Medienumwelt präsent ist. Dies gilt nicht zuletzt für Film und Fernsehen, wo die materielle Kultur als Ausstattung selbstverständlich wahrgenommener Hintergrund der Filmhandlung ist und eine eigene spezialisierte Berufsgruppe hervorgebracht hat.
Mit und an den Dingen spielt sich also Konsum-, Technik-, Kultur- und Kommunikationsgeschichte ab, ohne dass dies allerdings im Fokus historiografischen Interesses gestanden hätte. Vielfach wird auf Dinge Bezug genommen, ohne diese selbst zu analysieren; sie werden gleichsam als vorhanden vorausgesetzt oder dienen der exemplarischen Anschaulichkeit. Dinge nehmen in der Hierarchie der Quellen nur einen untergeordneten Platz ein und werden meist erst dann wichtig, wenn schriftliche Quellen fehlen. Ihre Untersuchung ist deshalb oft in die Nachbarwissenschaften ausgelagert, wo das „Machen der Dinge“ (Technikgeschichte, Designgeschichte), der „Erwerb der Dinge“ (Konsumgeschichte) und die „Bedeutung der Dinge“ (Empirische Kulturwissenschaften, Soziologie, Material Culture Studies) verhandelt werden. Seit den 2000er-Jahren ist eine deutliche Dynamisierung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit materieller Kultur auszumachen, sodass von einem material turn gesprochen wird.[12] Er schlägt sich in neueren Handbüchern zur Materiellen Kultur nieder, die das differenzierte Feld der Auseinandersetzung spiegeln und deren Gemeinsamkeit eine dezidierte Transdisziplinarität ist.[13]
Im folgenden Beitrag werden zunächst grundlegende Definitionen problematisiert, um dann auf die Quellenbestände und die Methodologie der Dinganalyse einzugehen. Nach einem Überblick über die interdisziplinäre Forschung und der Herausarbeitung zentraler Forschungsfelder wird am Beispiel der DDR der Vorschlag gemacht, die Erforschung der materiellen Kultur innerhalb der Zeitgeschichte anhand von drei Problemhorizonten zu stärken: die Berücksichtigung der biografischen Dimension für eine erweiterte Alltagsgeschichte, die Bedeutung der lebensweltlichen Dimension der materiellen Kultur für sozialgeschichtliche Fragestellungen und schließlich die Untersuchung von systemspezifischen Produktkulturen im Hinblick auf Machtbeziehungen zwischen Individuen und politischen Systemen und damit Herrschaftsstrukturen.
Einleitend ist der Oberbegriff „Ding“ benutzt worden, um die einzelnen Gegenstände der materiellen Kultur zu bezeichnen. Er steht allerdings in Konkurrenz zu anderen Begriffen wie „Sache“, „Objekt“ oder „Artefakt“. Einigkeit besteht darüber, dass es sich bei der Erforschung der Materiellen Kultur um Gegenstände handelt, die vom Menschen selbst hergestellt oder modifiziert sind. Darüber hinausgehend werden unterschiedliche begriffliche Differenzierungen vorgeschlagen. Susan Pearce definiert Dinge zunächst als alle physischen Erscheinungsformen (lumps, eigentlich Brocken oder Klumpen), um ihre Materialität, Dreidimensionalität und physische Präsenz hervorzuheben. Was sie zu Objekten macht, ist die kulturelle Bedeutung, die wir ihnen beimessen. Damit lassen sich Objekte der Natur, die nicht weiter bearbeitet, benutzt oder kulturell und sozial eingeordnet werden, ausscheiden.
Das Englische, in dem die meisten Untersuchungen zur Dingwelt erschienen sind, kennt die Begriffe „thing“ (als allgemeinsten Oberbegriff), „object“ (ein eher schillernder Begriff, der u.a. auch Subjekt mitdenken lässt), „artefact“ (bei dem die Betonung auf der Herstellung, dem Produktionsvorgang liegt) und „goods“ (den Konsum und die allgemeine ökonomische Dimension hervorhebend).[14] Daniel Miller hat den Begriff stuff vorgeschlagen, um einerseits die Alltäglichkeit und interpretative Offenheit des Materiellen hervorzuheben. Er benutzt den Begriff aber auch, ähnlich wie in der deutschen Debatte, unter Rückgriff auf Martin Heideggers Unterscheidung in ein „Vorhandensein“ und ein „Zuhandensein“, also bezogen auf Dinge, die vorhanden sind, und Dinge, auf die Aufmerksamkeit gerichtet wird.[15]
Auch im deutschen Sprachgebrauch ist die Definition der Dinge vielfältig. Gottfried Korff schlägt vor, den Begriff „Sachen“ auf den Gebrauchswert und „Dinge“ auf den symbolischen Mehrwert von Gegenständen zu beziehen, während er den Begriff des Objekts als psychologisch besetzt ansieht.[16] Ein anderer Vorschlag unterscheidet „Sachen“ als Objekte menschlicher Arbeit von „Dingen“, die naturgegeben sind.[17] Ebenfalls geläufig ist die konsequente Benutzung des Begriffs „Artefakt“ für Dinge, die intentional und durch menschliche Arbeit hergestellt sind, während im Museumsdiskurs meist von Objekten („Ausstellungsobjekte“) oder Artefakten gesprochen wird.[18]
Gemeinsam ist allen Bezeichnungen, dass sie sich auf bewegliche Güter beziehen und damit die gebaute Umwelt weitgehend aus der materiellen Kultur ausschließen. Diese Abgrenzung wird allerdings auch durchbrochen und Materielle Kultur für komplexe Ensembles einer landscape eingesetzt.[19] Insgesamt gesehen wäre es also kaum adäquat, konsequent nur einen dieser Begriffe zu nutzen, denn ihre Bedeutung liegt neben definitorischen Fragen immer auch im Argumentationszusammenhang. Im Folgenden wird im Wesentlichen von „Dingen“ immer dann gesprochen, wenn es um ihr reines Vorhandensein, ihren Gebrauchswert oder den historischen Nutzungskontext geht, von „Objekten“ aber in Zusammenhang mit ihrer kulturellen Codierung und historischen Interpretation.
Die wissenschaftliche Diskussion über Dinge wird unter dem Begriff Materielle Kultur geführt. Er wurde aus dem angelsächsischen Sprach- und Wissenschaftsgebrauch übernommen, wo er als Teilaspekt eines umfassenden Kulturbegriffs dessen physische Seite bezeichnet und seit den 1970er-Jahren in den USA gebräuchlich wurde. James Deetz und Thomas Schlereth sind die bekannten Pioniere der amerikanischen Material Culture Studies. In Großbritannien wurde die Untersuchung der materiellen Kultur in den 1990er-Jahren begrifflich etabliert, vor allem durch den am University College London initiierten Forschungskontext. In Deutschland bezeichnet Materielle Kultur seit den 2000er-Jahren einen breiten, über die volkskundliche „Sachkultur“ hinausgehenden und in verschiedenen Disziplinen aufgegriffenen Zugang.[20] Gemeint ist mit materieller Kultur die Summe aller kulturell besetzten Einzelobjekte, aber auch ihrer Zusammenstellungen und Strukturen, mithin ihre physische Evidenz und Repräsentation als Ergebnis menschlichen Handelns.
Bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts gehörte die Materielle Kultur zum selbstverständlichen Quellenbestand der Geschichtswissenschaft. In Abgrenzung zu den intentionalen „Quellen“ hat Johann Gustav Droysen für das unmittelbar Vorhandene den Begriff der „Überreste“ geprägt und deren Bedeutung für die Forschung hervorgehoben. Seine Beschreibung ihrer Besonderheit ist auch für die aktuelle Forschungsdebatte konstitutiv: „Die Quellen, auch die vorzüglichsten, geben ihm [dem Forscher/A.L.] sozusagen nur polarisiertes Licht. Völlig sicher, bis ins kleine und kleinste, geht er bei den Überresten; je schärfer er sie ergründet, desto ergiebiger werden sie ihm; aber sie sind wie zufällige und zerstreute Fragmente.“[21]
Die Ausdifferenzierung der historischen und (im weitesten Sinne) kulturwissenschaftlichen Disziplinen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und die Durchsetzung politikgeschichtlicher Ansätze in der Geschichtswissenschaft führten jedoch dazu, dass diese sich lange Zeit überwiegend auf schriftliche „Quellen“ stützte, während die „Überreste“ insbesondere in der Archäologie und der Volkskunde ihr wissenschaftliches Interesse fanden. Quellen der Materiellen Kultur, die für die Zeitgeschichte relevant sein können, lassen sich fast überall finden und als „Spur“ identifizieren: als Dinge der Stadt, in Haushalten, selbst im Müll. Sie sind, um den Droysen’schen Begriff zu nutzen, „Überreste“, also nicht mit der Intention eines Überlieferungswillens produzierte Gegenstände, oder aber – um eine Bezeichnung der Designhistorikerin Judy Attfield aufzugreifen – „wild things“, deren Bedeutungen multipel sind.[22]

Von ihnen unterscheiden sich bewusst angelegte Repositorien wie private und wissenschaftliche Sammlungen, archäologisch-denkmalpflegerische Ensembles, vor allem aber Museen. Sie sind als „Sachzeugenarchive“ diejenigen Institutionen, die die materielle Kultur sammeln, erhalten, erforschen sowie darstellen, und damit neben Archiven und Bibliotheken institutionelle Gedächtnisträger.[23] Ihre Gründung, Sammlungspraxis und gesellschaftliche Selbstverortung machen Museen zu, eigens zu untersuchenden, Orten des öffentlichen, kulturellen wie sozialen Gedächtnisses, gerade auch im Bereich der Zeitgeschichte.[24] Ihre Sammlungen sind Ergebnisse eines Musealisierungsvorgangs, der, historiografisch gesprochen, die „Überreste“ zu „Quellen“ macht. Mit der „Mülltheorie“ wurde diese Transformation präziser gefasst. Sie sagt aus, dass die Dinge nach ihrem Gebrauchswert eine Phase völliger Entwertung durchmachen, bevor ihr kultureller Wert identifiziert wird, sie also möglicherweise für das Museum relevant werden.[25]
Diese kulturelle Inwertsetzung ermöglicht vielfältige Perspektiven auf die materielle Kultur, sowohl auf einzelne Objekte wie auch auf ihre Situations- und Nutzungskontexte. Ihre Präsentation und Reflexion findet überwiegend in einzelnen Ausstellungen und ihren Begleitkatalogen statt. In diesen spiegeln sich theoretische Zugriffe der Semiotik, der Ästhetik, der Technik- und Wissenschaftsgeschichte und anderer Fachdisziplinen ebenso wie die mediale Form der Ausstellung als Präsentationsort von Inhalten im Raum,[26] oder der Musealisierungsvorgang[27] wird anhand von konkreten Dingen reflektiert.[28] Da Ausstellungen als Präsentationsform konkrete Ausdeutungen der Materiellen Kultur nur exemplarisch vornehmen können, kommt der schriftlichen Form in der Beschreibung der Materiellen Kultur eine besondere Bedeutung zu. Aktuell scheint sich als adäquate Form die object story anzudeuten: das mehrfache Ausdeuten polyvalenter Objekte und ihrer Kontexte auf Grundlage des Spurenlesens.[29]
Dinganalyse als Methodologie ist ein multidisziplinärer Ansatz zur Beschreibung der materiellen Kultur in mehreren Schichten, die ihren Ausgangspunkt in der Grundannahme sieht, dass die Dinge nicht aus sich selbst „sprechen“ und einen polyvalenten Charakter haben, der je nach dem zu untersuchenden Thema eine andere Kontext- und Bedeutungsebene hervorhebt. Die reine Objektanalyse, Gegenstand der musealen Arbeit, verzeichnet dokumentarisch Materialität, Herstellung, Gestaltung und Gebrauch sowie durch die Provenienz den Musealisierungsvorgang selbst. Sie versucht auf diesem Wege, ein Datengerüst für weitere Forschungen bereitzustellen.
Nach einer Formulierung des ehemaligen Direktors des Museums für Österreichische Volkskunde Klaus Beitl gleicht die museale Forschung am Objekt einem „Rückordnen“[30] des musealisierten Objekts in seinen ursprünglichen Kontext, der in mehreren Schritten erfolgt: Einer ersten Sicherung des historischen Befunds am Gegenstand selbst folgen Ermittlungen über Entstehungszeit, Funktion und Rezeption, mithin zusammenfassend eine sozio-kulturelle Einordnung des Objekts. Ziel dieser Analyse ist nach Beitl eine Einordnung des Objekts sowohl in ein Bedeutungs- und Ausdrucksschema wie auch in den danach strukturierten Sammlungsbestand von Museen. Angesichts der Polyvalenz der Objekte erscheint die museale Ordnung der materiellen Kultur jedoch eher als ein disziplinäres Konstrukt denn als ein „Rück-Ordnen“.
Hier interessieren jedoch vor allem die fachwissenschaftlichen Methoden der Dinganalyse als Erfassung der Bedeutungsschichten des Objekts. In der Regel wird bei der Analyse in einem Dreischritt verfahren, der die Materialität der Dinge, den Umgang mit Dingen sowie die Analyse der Dinge als Bedeutungsträger umfasst. Erste Ansätze entstanden im amerikanischen Forschungskontext aus den folk studies, der Kunst- und der Literaturgeschichte heraus.[31] Nach Judy Attfield kann die Objektforschung nach Materialität, Design, Produktion, Verkauf, Konsum, Gebrauch, Wegwerfen und Recycling differenziert werden, also insgesamt nach dem Vermittlungsprozess zwischen den Dingen und den Menschen.[32] Attfield schließt hier an das Konzept einer methaphorisch gemeinten „Biografie“ der Dinge an.[33]
Während die Analysemethode von Attfield sich eng an die Biografie des Objekts anlehnt, verweisen andere Konzepte stärker auf die Kontexte, etwa einer objektgebundenen Handlungspraxis, von Nutzerbiografien oder räumlichen Dingkonstellationen, um mittels der Dinge etwas über komplexe Sinnzusammenhänge zu erfahren.[34] Neuere Untersuchungen zur Dinggeschichte lehnen sich an die Bildanalyse an, die eine sozialgeschichtlich erweiterte ikonografisch-ikonologische Interpretation beinhaltet und am Beispiel der Fotografie als Quelle entwickelt wurde.[35] Vor allem unter quellenanalytischen Gesichtspunkten erweist sich das an der Fotografie gewonnene Instrumentarium als anregend für die Dinganalyse, also das „Lesen“ der Informationen, die den Dingen anhaften, das als detailorientierte, ergebnisoffene Suchbewegung verstanden wird. Der Begriff der „Spurensuche“[36] verweist dabei zugleich auf mikrogeschichtliche Ansätze in der Geschichtswissenschaft, die vor allem mit der an kriminologische Verfahren angelehnten Arbeit von Carlo Ginzburg verbunden sind.[37] Sie verweist darüber hinaus aber auch generell auf Sensibilisierung und Blickschärfung als Voraussetzungen für die Abkehr vom reinen Belegcharakter der Dinge als Quelle.[38]
![Präsentationskassette „Sozialistische Möbelindustrie“, Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt 2012. Foto: Andreas Ludwig, Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0] <br />
In solchen leinenbezogenen, repräsentativen Präsentationskassetten war ein Bestand von mehreren hundert Fotografien verstaut, der die Möbelproduktion der DDR zwischen Mitte der 1950er- und Anfang der 1970er-Jahre dokumentiert. Es handelt sich um professionelle Aufnahmen, meist wohl des von der Möbelindustrie der DDR beauftragten Fotografen Friedrich Weimer (nur ein Teil der Fotos ist gestempelt), die für die Publikation in der Zeitschrift „Kultur im Heim“ ausgewählt worden waren. „Kultur im Heim“ war 1956 mit dem Ziel einer „Erziehung zum Geschmack“ gegründet worden. Abgebildet sind, teils mit Notizen zum Gegenstand und Druckhinweisen versehen, Möbel, die den damaligen Geschmack idealtypisch repräsentieren sollten und heute als exemplarisch für eine „Nachkriegsmoderne“ interpretiert würden.](sites/default/files/import_images/6340.jpg)
Aus diesen methodologischen Analysezugriffen ergibt sich die Frage nach ihrer Darstellbarkeit im Sinne einer historiografischen Narration. Der Begriff der Objektbiografie beinhaltet dabei eine gleichsam lebensgeschichtliche Darstellungsmöglichkeit des Objekts von der Konzeption und Produktion über die Nutzung bis hin zu seinem Ende als Müll oder museales Objekt. Demgegenüber verfolgt das Konzept der object story ein Ausleuchten der Material-, Funktions- und Bedeutungsdimensionen des Objekts und seine jeweilige Kontextualisierung im Sinne der Polyvalenz. Ausgehend von den materiellen Befunden wird den vorgefundenen Spuren nachgegangen. Es liegt auf der Hand, dass die auf diesem Wege entstehenden Objektgeschichten ganz unterschiedlich ausfallen können. Ihr Erkenntnisgewinn liegt damit auch in der Transparenz einer deduktiven, offenen Suchbewegung.
Erst in den vergangenen Jahren wurde eine Auseinandersetzung mit der Materiellen Kultur im Rahmen eines erweiterten Quellenverständnisses innerhalb der historischen Forschung und der Zeitgeschichte wieder aufgenommen.[39] Bereits in den 1970er-Jahren wurde geschätzt, dass 90 Prozent aller existierenden Dinge das Ergebnis der Arbeit der letzten drei Menschenalter seien.[40] Damit wird bereits rein quantitativ deutlich, dass im Rahmen der Zeitgeschichte die Objekte des Industriezeitalters und der industriellen Massenkultur, bzw. heute bereits der post-industriellen Zeit, im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses stehen.
Vor allem der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert hat sich mehrfach mit der Rolle der Materiellen Kultur und ihrer technischen, sozialen und kulturellen Bedeutung für eine Sozial- und Kulturgeschichte des Industriezeitalters auseinandergesetzt.[41] Als Repräsentationen der sozialen Welt sieht er die materielle Kultur moderner Gesellschaften mit ihrem „selbstverständlichen Verhältnis zu den industriellen Dingen unseres Alltagslebens“[42] als interdisziplinäre Herausforderung zur systematischen Analyse der Konzeption, der Produktion von Dingen sowie von deren Kauf, Nutzung und kultureller Sinnaufladung. Die Untersuchung der materiellen Kultur des Industriezeitalters wird hier weitgehend als eine Erfahrungsgeschichte konzipiert, die sich an mikrogeschichtlichen „Objektgeschichten“ von Dingen festmachen lässt, die eine Umorientierung des sozialen Lebens bewirkten.[43]

Im Sinne einer historiografischen Auseinandersetzung mit materieller Kultur ist darüber hinaus die Überlegung wesentlich, ob Geschichte mit, über oder durch Dinge geschrieben wird.[44] Unterschieden wird also eine Historiografie, die unter anderem Dinge als Quellen berücksichtigt, eine, die die „Geschichte der Dinge“ beabsichtigt, oder eine Geschichtsschreibung, die aus den Dingen heraus argumentiert. Damit werden ältere Ansätze, die die materielle Kultur als ergänzende Quelle interpretieren,[45] differenziert und erweitert. Schließlich richtet sich die Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaft auf ihren Arbeitsort, das Archiv – „history’s material repositories“[46] –, indem die Stofflichkeit der Akten und ihrer Aufbewahrung sowie die materiellen Funde inmitten der Schriftlichkeit des Archivs thematisiert werden.[47]
Impulse zur Beschäftigung mit der materiellen Kultur kamen zunächst jedoch aus der Soziologie, die bereits frühzeitig Erfahrungen mit Dingen in sozialen Kontexten untersucht hat, wie etwa in den Arbeiten von Georg Simmel und Roland Barthes, die über eine phänomenologische Betrachtung der Dinge exemplarische Gesellschaftsanalysen entworfen haben.[48] Hier schließen Untersuchungen an, in denen der „Sachkosmos als histoire totale“[49] begriffen wird und Dinge und ihre Produktion als strukturbestimmende Merkmale der Industriegesellschaft sowie als handlungsbezogene Objektivationen von langfristigen Entwicklungsprozessen moderner Gesellschaften interpretiert werden.[50]
Die Konsumgeschichte widmet sich der materiellen Kultur unter dem Aspekt des Verbrauchs. Neben diachronen und vergleichenden Arbeiten[51] wird dabei zum einen auf die distinktiven Dimensionen des historischen Konsums verwiesen, die eine soziale und kulturelle Verortung des Individuums mittels des Besitzes und des Gebrauchs von Dingen in der Referenzgesellschaft ermöglichen.[52] Um die Begriffe von Bedarf und Bedürfnis gruppiert, erweist sich die Analyse des Konsums in der DDR und der Entwicklung von der Rationengesellschaft[53] zum konsumptiven Versorgungskonzept in der Planwirtschaft,[54] auch im Vergleich mit der Herausbildung der Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik, als ertragreich.[55] Weiter ausgreifend auf die Entwicklung der Konsumgesellschaft seit der Frühneuzeit analysiert Frank Trentmann die sich herausbildende Warenförmigkeit der Dinge, den sich verdichtenden internationalen Handelsaustausch und den individuellen Konsum als Grundlage einer weltweiten „Herrschaft der Dinge“.[56] Er verweist damit, ebenso wie Fernand Braudel, auf die Frühneuzeit als Beginn einer auf gesteigerter und zunehmend massenwirksamer Dynamik von Produktion und Verbrauch beruhenden Gesellschaft. Braudel hatte sich unter dem Begriff der civilisation matérielle auf die Zeit einer dingbasierten Selbstversorgung und des Naturaltauschs vor der Bildung von geldbasierten Märkten bezogen.[57]
Kehrseite der Konsumgesellschaft und ihrer materiellen Kultur ist die Beschleunigung der Nutzungszyklen von Produkten und der damit entstehende Abfall.[58] Reparieren[59] und Praktiken des Eigenbaus verweisen auf einen reflektierten Umgang mit der industriekulturellen Konsum- und Dingwelt. Der Konsumgeschichte angelagert, jedoch stärker auf Konsumbilder und Konsumleitbilder orientiert, sind Forschungen über Werbung. Sie betonen Strategien, Dinge als wünschenswert und erwerbbar erscheinen zu lassen.[60] Die Werbegeschichte richtet dabei ihren Fokus auf konkrete Produkte und die Produktwerbung[61] sowie auf den Zusammenhang von Warenwelt und lebensweltlichem Umfeld.[62]
Der Form der Dinge und ihrer Gestaltung wendet sich besonders die Designgeschichte zu. Die materielle Kultur der industriellen Massenproduktion wurde schrittweise seit Beginn des 20. Jahrhunderts professionell gestaltet, wobei die Formgebung der Produkte immer weniger durch die Imitation handwerklicher und kunstgewerblicher Gestaltung bestimmt, sondern an technische Produktionsprozesse angepasst wurde. Das Industrial Design setzte sich im zweiten Drittel des Jahrhunderts als professionelle Gestaltung von Industrieprodukten durch und bestimmte fortan die Warenwelt der Konsumgesellschaft. Die Erforschung des industriellen Designs verknüpft im besten Falle den Zusammenhang zwischen der Gestaltung der Dinge, ihrer Stilgeschichte, ihrem Konsum und Gebrauch[63] im Rahmen ihrer Abhängigkeit von politischen und gesellschaftlichen Systemen, so wie dies insbesondere für die Designgeschichte der DDR[64] und anderer sozialistischer Gesellschaften[65] erfolgt ist. Eine staatliche Lenkung des Designs gab es ebenso im Nationalsozialismus[66] wie auch im wohlfahrtsstaatlichen Kontext, hier in einer Doppelfunktion von Qualitätssicherung und Industrieförderung.<[67]
Physische Relikte sind Kern der Archäologie als „Wissenschaft des Materiellen“. Sie hat sich in den vergangenen Jahren auch der Zeitgeschichte zugewandt und damit der materiellen Kultur in ihrer Relikthaftigkeit neue Aufmerksamkeit geschenkt, auch dort, wo schriftliche Quellen in ausreichendem Maße überliefert sind. So wurden die Überreste der Protestbewegung gegen das Gorlebener Atommülllager ebenso untersucht wie die des nationalsozialistischen Terrorsystems.[68] Alltagsneugier, teils auch wissenschaftliche Zugriffe, finden sich in der Praxis des Urbex (urban exploration).[69]
Mit der Ausdifferenzierung der Geschichts- und Kulturwissenschaften im 19. Jahrhundert fiel neben der Archäologie besonders der Volkskunde die Aufgabe zu, sich mit den materiellen Hinterlassenschaften der breiten Bevölkerung und damit dem Alltagsleben zu befassen. Im Zentrum standen vor dem Hintergrund der entstehenden modernen Industriegesellschaft zunächst vorindustrielle Lebensformen, wovon heute noch zahlreiche Volkskunde- und Freilichtmuseen in Deutschland zeugen. Den Anschluss an die industrielle Welt fand die Volkskunde seit den 1960er-Jahren, verstärkt noch durch die Ausdifferenzierung in die Fächer Europäische Ethnologie und Empirische Kulturwissenschaft. Trotz deren Hinwendung zu vermittelten Bedeutungsformen wie Zeichen und Symbolen blieb die Beschäftigung mit der Materiellen Kultur weiterhin wichtig, wie Themenschwerpunkte einiger Volkskundekongresse zeigen.[70]
In den letzten Jahren kam es in der Volkskunde zu einer theoretischen Verständigung über die Dinge im Kontext kulturwissenschaftlicher Fragestellungen[71] und zu einer Erneuerung der alten volkskundlichen „Sachkulturforschung“ als Materieller Kultur des Alltags. Die Fokussierung auf vorindustrielle Lebenswelten wurde zugunsten eines Anschlusses an die Materielle Kultur der Gegenwart überwunden, das Konstrukt einer „Volks“-Kunde zugunsten multipler kultureller und gesellschaftlicher Kontexte aufgegeben und damit Anschluss an die Vielfalt der Ansätze in den angelsächsischen Material Culture Studies gewonnen.[72]
Die Unterschiede beider Fachrichtungen beruhen besonders auf deren Genese. Während sich die frühere Volkskunde in Erneuerung der Profession zunehmend als Empirische Kulturwissenschaft begreift und damit einen dezidierten Bezug der materiellen Kultur zu Praktiken des Umgangs und zum gesellschaftlichen Umfeld integriert, waren die im angelsächsischen Wissenschaftsraum entstandenen Material Culture Studies von Anfang an als interdisziplinäres Projekt angelegt, in dem im amerikanischen Kontext Folk Studies, Archäologie und Ethnologie und im britischen dazu noch Anthropologie und Kunstwissenschaften kooperieren. Ein weiteres Charakteristikum ist der breite zeitliche und geografische Horizont der Material Culture Studies.[73] Im Fragenhorizont solcher empirischer Kulturwissenschaft wird die Beschäftigung mit der materiellen Kultur unter anderem mit der lebensweltlichen, alltagsnahen, sinnlichen und suggestiven Qualität der Dinge begründet, deren materielle wie symbolische Bedeutungen im Rahmen ihrer historischen Verankerung „lesbar“ gemacht werden.
Das Selbstverständnis der Material Culture Studies ist ein dezidiert kulturwissenschaftliches;[74] in Einzeluntersuchungen reicht die Spannbreite von Mikrostudien zu Alltagsobjekten über die Beschreibung von Wohnsituationen bis hin zu erkenntnistheoretischen Fragestellungen.[75] Ein gutes Beispiel für ihre Vorgehensweise sind die Studien von Daniel Miller, der sich jüngst mit den Wohnungseinrichtungen einer Londoner Straße auseinandergesetzt hat, um das Leben ihrer Bewohner*innen zu beschreiben.[76] Im deutschen Wissenschaftskontext steht die Rezeption der Material Culture Studies erst am Beginn.[77] Aus der Perspektive der Zeitgeschichte ist vor allem die Nähe der methodologischen und theoretischen Ansätze beider Wissenschaftsdisziplinen entscheidend. Beide begreifen die Materielle Kultur als empirisches Feld ebenso wie als Ausgangspunkt für die Analyse von Kulturen, wobei die Dinge nicht allein als Phänomene übergeordneter Strukturen, sondern als eigenständige Quelle im Kontext von kultureller Interaktion ausgedeutet werden.
Zu den interdisziplinären Anregungen gehört schließlich die Untersuchung von Lebensstilen, die in verschiedenen Wissenschaften betrieben wird und in der die materiellen Ausstattungen einer Zeit als Hintergrundbild wie auch als exemplarische Detailbeschreibungen fungieren. Die Lebensstilforschung als soziologische Bestandsaufnahme entstand aus den Veränderungen beim Konsum, den Wünschen und dem Verhalten der modernen Nachkriegsgesellschaften, die sich im Verlauf der 1950er-Jahre in Europa zeigten. Nach 1990 wurde dieses Konzept noch einmal für die vergleichende Betrachtung Ost- und Westdeutschlands genutzt.[78]
Im Anschluss an die Konsumforschung, aber auch an Bourdieus Konzept der Distinktion[79] wurde „Lebensstil“ in ein breiteres kulturhistorisches Konzept integriert und vor allem auf die Geschichte der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren angewandt.[80] Aus der Perspektive einer Analyse der materiellen Kultur geht es in diesen Untersuchungen letztlich um den stilbildenden Gebrauch der Dinge, also um distinktive Objekte und ihren kulturellen Kontext. In der DDR wurde dem Lebensstilbegriff der Begriff der Lebensweise entgegengesetzt. Mit der Einführung des Adjektivs „sozialistisch“ wurde hier ein normatives Element von Planbarkeit, Gesetzmäßigkeit und Gesellschaftsbezogenheit hinzugefügt, auch wenn nicht übersehen werden darf, dass auf diesem Wege eine partielle soziologische Forschung der Alltagswirklichkeit in der DDR möglich wurde.[81] In neueren geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen wird jedoch eher auf die politik- und gesellschaftsspezifische Form eines DDR-eigenen Lebensstils hingewiesen.[82]
Starken Einfluss auf neuere Forschungen zur materiellen Kultur hat die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ausgeübt, die auf techniksoziologischen Untersuchungen unter anderem von Bruno Latour beruht. Sie geht davon aus, dass sich Gesellschaft als Mensch-Ding-Beziehung analysieren lässt und damit weniger als intentionales soziales Handeln verstanden werden sollte. Mittels der exemplarischen Untersuchung des „Berliner Schlüssels“ wird die historische Dimension deutlich: Als Artefakt determiniert der Schlüssel die Handlungen seiner Nutzer*innen, sozial wirkt er als Kontrollinstanz über den Mikrokosmos Haus.[83]
Die zeitweise strapazierte, von Latour stammende Formulierung einer agency der Dinge ist inzwischen konkreten Untersuchungen von Mensch-Ding-Beziehungen gewichen und erweist sich mit der Hypothese einer prinzipiellen Gleichrangigkeit von materiellen Strukturen und menschlichem Handeln als gewinnbringend für die Untersuchung materieller Kultur im historischen Kontext.[84] Mit dieser Gleichrangigkeit von Dingen und Menschen ist die Vorstellung einer „Koproduktion von Wirklichkeit“[85] verbunden, die eine verstärkte Aufmerksamkeit für materielle Bedingungen menschlichen Handelns fordert. Sie birgt jedoch die Gefahr einer Anthropologisierung des Materiellen (Dinge „handeln“) oder einer Anonymisierung des Sozialen (Dinge determinieren das Handeln, sie haben eine „agency“). Ob der Hervorhebung der Bedeutung des Materiellen bleibt jedoch die Frage, inwieweit materielle Strukturen nicht ebenfalls intentional hergestellt sind.
Die Hinwendung der Geisteswissenschaften zur materiellen Kultur wurde, in Anlehnung an den Begriff des linguistic turn in den 1990er-Jahren, als material turn apostrophiert. Kritisiert wird, dass mit dem Ausrufen eines „Turn“ eine generelle Tendenz behauptet werde,[86] die es in der Geschichtswissenschaft jedoch nicht gegeben habe. Gemeint ist dagegen, dass die eigentliche Materialität der Dinge vermehrt diskutiert wird.[87] Hier geht es um den Umgang mit der Stofflichkeit[88] ebenso wie um Materialwissen[89] und, unter dem Begriff thingness, um Materialität als Authentizitätsnachweis.[90]
Als Forschungsfelder der Materiellen Kultur in der Zeitgeschichte sind alle Objekte, Objektkonstellationen, -kontexte und Lebensbereiche vorstellbar, die ausgehend von den materiellen Hinterlassenschaften Auskunft über die Historizität der Dinge und die Dingbezogenheit historischer Gesellschaften geben können. Damit ist das Feld der Objektforschung extrem offen und eine „Erfassung der Welt“, wie sie in protomusealen Sammlungen der Frühen Neuzeit vorstellbar schien, nicht möglich. Die Forschungspraxis hat jedoch thematische Verdichtungen ergeben, die sich auf den Wohnbereich und die Herausbildung der modernen Konsumgesellschaft richten.
Die sozialgeschichtliche Bedeutung des Wohnens als privatem Lebensmittelpunkt, als Ort der lebensweltlichen Selbstorganisation und seiner Ausstattung ließen das Thema zum gut erforschten Bereich des Sozialen werden. In der breit angelegten, fünfbändigen „Geschichte des Wohnens“ wird dessen materielle Kultur im Sinne eines Top-Down-Verfahrens in eine Geschichte des Bauens integriert und, je nach Autor*in, die Wohnungsausstattungen teils design- und stilgeschichtlich, teils wohnsoziologisch interpretiert.[91]
Unter den zahlreichen Detailuntersuchungen zum Wohnen seien hier drei aufgrund ihrer unterschiedlichen Zugriffe benannt. In der Pionierstudie von Gert Selle und Jutta Boehe „Leben mit den schönen Dingen“ stehen die „Aneignungsbiographien“ und „Gegenstandsbeziehungen gewöhnlicher Leute“ zwischen industrieller Massenkultur und persönlicher Interpretation der Wohnungsausstattungen im Zentrum des Interesses.[92] Bettina Günter dagegen untersucht komplette Haushaltsausstattungen unter der Fragestellung der Integration von Produkten des Massenkonsums im häuslichen Bereich und berücksichtigt dabei Möbel, technische Konsumgüter und Haushaltswaren gleichermaßen.[93] Unter anderem auf Interviews und teilnehmender Beobachtung beruht die Untersuchung von Cortina Gentner über die Veränderungen der Wohnkultur und des häuslichen Lebensstils in Ostdeutschland.[94] Die Wohnungsausstattung mit Möbeln sowie das Arrangement von Möbeln unter dem Einfluss des Fernsehens sind weitere Untersuchungsschwerpunkte, die bis zur Bedeutung von Einzelmöbeln als technische Innovation und als Distinktionsmerkmal reichen.[95]
Unzweifelhaft hat die Mechanisierung des Haushalts als Folge der industriellen Massenproduktion viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An Objekten des Haushalts wird die Mechanisierung und Elektrifizierung einerseits im Sinne einer Innovation in der Ausstattung mit technischen Konsumgütern gezeigt, andererseits werden deren Folgen für das Arbeitsumfeld Haushalt untersucht.[96] Die materielle Kultur des Haushalts schließt dabei sowohl an die Analyse von Objekten unter der Frage ihrer Geschlechterspezifik[97] als auch an die ideologischen Auseinandersetzungen des Kalten Kriegs und die Amerikanisierung nach dem Zweiten Weltkrieg[98] und ihre Bedeutung in realsozialistischen Gesellschaften an.[99]
Ebenfalls auf technische Innovationen und ihre sozialen und kulturellen Folgen bezogen sind Untersuchungen zur materiellen Kultur der Informationsgesellschaft und Mediengesellschaft. Studien in diesem Bereich widmen sich der Beschreibung von Kulturtechniken, dem Hören, insbesondere im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, der Revolution des Fernsehens für die tägliche Lebenswelt, Medien im Kalten Krieg oder aber vermeintlich marginalen Dingen des (Arbeits-)Alltags wie dem Bleistift[100] oder dem Personalcomputer.[101]
Aus der in der Volkskunde verbreiteten Kleidungsforschung hat sich die Erforschung der „zweiten Haut“ und die Modeforschung entwickelt. Im Kontext der neueren Kulturgeschichte werden die detaillierte Ausdeutung von Kleidungsstücken durch ihre historische Kontextualisierung sowie die damit verbundenen kulturellen Praktiken untersucht.[102] Auch die Auswirkungen neuer Materialien auf Mode, Lebenswelt und Popularkultur, wie zum Beispiel in den 1950er-Jahren die vollsynthetische Kunstfaser Nylon,[103] wurden ebenso untersucht wie der Zusammenhang von Mode und Wirtschaftspolitik.[104] Einen stärker geschichtswissenschaftlichen Ansatz verfolgt dagegen Anne Sudrow in ihrer Monografie über den „Schuh im Nationalsozialismus“, in der sie über eine „Produktlinienanalyse“ Herstellung, Verkauf und Gebrauch dieses Alltagsobjekts im Rahmen einer kulturgeschichtlich erweiterten Wirtschafts- und Technikgeschichte analysiert.[105]
Auch andere physische Materialien sind in dinggeschichtlicher Perspektive in den Blick genommen worden. Hier seien unter vielen weiteren Arbeiten jene Studien hervorgehoben, in denen Kunststoffe als Innovationsmaterialien beschrieben werden, die die Lebensweise in den Nachkriegsgesellschaften nachhaltig veränderten – bis hin zur Tupperware als Sinnbild der „Plastikwelten“ der Konsumgesellschaft der 1950er-Jahre.[106] Ebenfalls die konsumptive Seite der Warenwelt beleuchten Studien zum Einkaufen, zu Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs [107] und zur Geschichte des Essens, das sich zu einem umfangreichen Forschungsfeld der food studies erweitert hat.[108]
Ausgehend von der disparaten Forschung zur materiellen Kultur in den Geschichtswissenschaften und den Nachbardisziplinen soll im Folgenden am Beispiel der Alltagsdinge auf vier wesentliche Aspekte aufmerksam gemacht werden, die zentrale Perspektiven für die zeithistorische Forschung bieten und dabei helfen könnten, die Erforschung der materiellen Kultur aus ihrem peripheren Status innerhalb der Geschichtswissenschaften herauszuführen: Dies ist erstens die weitere Erforschung der Beziehung zwischen den Dingen und den Individuen, also die „Biografie der Dinge“; zweitens eine Stärkung kultur- und sozialgeschichtlicher Fragestellungen; drittens die Erforschung systemspezifischer Produktkulturen, die gesellschaftsgeschichtliche Fragen nach dem Zusammenhang von materieller Kultur, gesellschaftlichen Machtbeziehungen und Herrschaftspraktiken in den Vordergrund rücken; sowie viertens die wechselnde Funktionalität der Dinge innerhalb der Gesellschaft.
Dinge sind erstens stets eng mit der Biografie ihrer Nutzer*innen und Besitzer*innen verknüpft, etwa durch den individuellen Gebrauch und den Besitz eines Gegenstands. Hierzu einige Beispiele: Kaufen, horten und tauschen waren Aspekte eines ökonomischen Kreislaufs in der DDR-Planwirtschaft und Teil sowohl offizieller Ökonomie wie auch individueller Netzwerke, ein notwendiges Subsystem mit erheblichen Folgen für die Warenbereitstellung und das Kaufverhalten. Objekte der materiellen Kultur erhielten dadurch eine besondere individuelle Bedeutung, indem sie weniger nach dem Preis als nach ihrer Verfügbarkeit bewertet wurden. Dabei hat allein der Besitz eine distinktive Bedeutung, die nur in einem gesellschaftsbezogenen Interpretationsrahmen auf Grundlage informellen Wissens entschlüsselt werden kann.
In kapitalistischen Gesellschaften wird die Mensch-Ding-Beziehung teilweise anders beschrieben werden müssen. Die seit Jahrzehnten anhaltende Beschleunigung von Produktzyklen bewirkt eine Einübung in eine gesteigerte Konsumption, in der die Dinge tendenziell entwertet werden und vor allem durch Novität und branding sowie andere Formen der Produktkommunikation einen kulturellen Wert erhalten. Mit der fast durchgängigen Globalisierung der Produktionsketten und Warenströme verlieren Dinge auch ihre örtliche Konnotierung, etwa im Sinne einer nationalstaatlichen Zuordnung. Generell werden Dinge durch Gebrauch individualisiert, also ge- und vernutzt, abgearbeitet, repariert, ergänzt, beklebt und umgenutzt. Nicht nur ein Mangel an Konsumgütern hat kreative Lösungen hervorgebracht, sondern auch die systemunabhängige individuelle Aneignung. Ziel ist es, die unterschiedlichen Dimensionen der individuellen Objektnutzung im gesellschaftlichen Kontext zu analysieren und somit Rückschlüsse auf die individuellen Lebensentwürfe zu ziehen sowie soziale Differenzierungen nachzuzeichnen.
Zweitens sind den Objekten sozialgeschichtliche Bedeutungen eingeschrieben, indem sie in Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse, kulturelle Praktiken, Sozialisationskontexte, familiäre Zusammenhänge und geschlechterspezifische Fragen, Milieu- oder generationelle Zugehörigkeiten eingebettet sind. Verwiesen sei hier exemplarisch auf „Generationenobjekte“: Konsumgüter, denen neben ihrer praktischen und distinktiven eine symbolische Bedeutung eingeschrieben ist. Solche „Generationenobjekte“ sind aktuell das Smartphone, der Kassettenrecorder seit den 1970er-Jahren oder die elektrische Küchenmaschine als erstrebte Haushaltsausstattung für junge Familien um 1960. Hier kann die zeithistorische Erforschung der materiellen Kultur an die soziologische Lebensstilforschung anschließen und Perspektiven der kultur- und politikgeschichtlichen Erforschung von „Lebensweisen“ aufgreifen.[109]
Der Blick auf die Materielle Kultur kann dabei insbesondere zeigen, dass die Steuerung, Produktion und Gestaltung von Produkten Ausdruck einer politischen und gesellschaftlichen Vorstellung von sozialer Realität ist, die Aneignung und Integration der Dinge jedoch individuell wie kollektiv in einer spezifisch historischen Lebenspraxis erfolgt. Gleichzeitig kann eine sozialgeschichtliche Untersuchung der materiellen Kultur wichtige Erkenntnisse über soziale Differenzierungsprozesse und damit verbundene Identitätskonstruktionen von Individuen und Gruppen liefern, die einer politisch oder ökonomisch intendierten Normierung der Lebensverhältnisse entgegenstehen.[110]
Drittens verweisen die Hinterlassenschaften der materiellen Kultur auf eine systemspezifische Produktkultur. Mit Bezug auf die DDR als Staat wurden Auszeichnungen und Auszeichnungsmappen, Wimpel, Fahnen und Anstecker, Ausweise, Gastgeschenke, Brigadetagebücher und Plakate in großen Mengen hergestellt, und sie zeugen von einer exzessiven Symbolverwendung im Alltag und systemspezifischen Verteilungsanlässen.[111] Mit diesen Überresten der materiellen Kultur sind deshalb immer auch Praktiken und Rituale verbunden, die auf eine Durchdringung der Gesellschaft mittels konkreter wie symbolischer Handlungsroutinen und deren lebensweltliche Integration verweisen. Während in der DDR im Rahmen einer Produktkultur vor allem der Bezug zum Staat deutlich wird, sind es in der entwickelten Konsumgesellschaft vor allem Ressourcenverbrauch und Mobilität, die die materielle Kultur prägen. Verwiesen sei an dieser Stelle lediglich auf die sogenannten Wegwerfartikel wie den Kaffeebecher aus Karton, der exemplarisch für einen, zeitlich meist befristeten Lebensstil steht. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit diese Objekte als gesellschaftlich konnotierte wahrgenommen oder als Bestandteil eines individuellen Lebensstils interpretiert und inkorporiert wurden.
Viertens schließlich gilt die Aufmerksamkeit den sich wandelnden Gebrauchs- und Verwahrkontexten. Die eingangs erwähnten 10.000 Dinge pro Haushalt sind rein individuell genutzte und verwahrte Dinge, also potenzielle Gebrauchsgüter. Ebenfalls der aktuellen materiellen Kultur gehören auch die öffentlichen Dinge an, etwa im Straßenraum. Sie stehen einer kollektiven Nutzung zur Verfügung. Beide zusammen bezeichnen die Dingausstattung einer Gesellschaft. Davon abzugrenzen sind historisierte, aus dem Gebrauch in einen kulturellen Kontext verbrachte Objekte, die sich vor allem in Museen in Sammlungen befinden. Eine „Zeitgeschichte der Dinge“[112] analysiert deshalb die Transformation der Dingausstattungen in einen Wissens- und Erinnerungskontext, während bedeutungslos erscheinende Dinge weggeworfen werden und als Quelle nicht mehr zur Verfügung stehen.
Zeitgeschichtliche Relevanz gewinnen diese aus der materiellen Kultur gewonnenen Aspekte als Teil einer Gesellschaftsgeschichte, die die Vielfalt ihrer Handlungen, Mittel und Erscheinungsformen berücksichtigt. In einer sozialgeschichtlichen Perspektive verweisen die Dinge auf die spezifische Ausprägung einer auf industrieller Massenproduktion und Konsum beruhenden Nachkriegsmoderne.
Die Erforschung der materiellen Kultur steht insbesondere in der Zeitgeschichte noch am Beginn. Zahlreiche Anregungen bieten die Material Culture Studies mit ihrem multidisziplinären Format, ebenso wie die Empirischen Kulturwissenschaften, die Soziologie, die Kunst- und Mediengeschichte, die Sozial- und Kulturanthropologie, die Technikgeschichte sowie vielfältige museale Annäherungen, die aus einer reflexiven Praxis entwickelt wurden. Noch fehlen in Deutschland jedoch interdisziplinäre, theoretisch fundierte und zusammenfassende Arbeiten wie auch die Etablierung der Materiellen Kultur als akademische Wissenschaftsdisziplin. Mit Blick auf die zeitgeschichtliche Forschung ist deshalb zu konstatieren, dass zwar zahlreiche Detailstudien vorliegen, aber ihre systematische Rezeption ebenso noch nicht erfolgt ist wie eine Integration der „Überreste“ in den professionellen Quellenkanon.
Dabei findet die Materielle Kultur ein zunehmendes Interesse in der Öffentlichkeit, wie der Ausstellungsboom der vergangenen drei Jahrzehnte gezeigt hat. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Dingen und ihrer Historizität steht dem jedoch noch weit nach. Dies geht nicht zuletzt auf die Spezialisierung der historischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Die Erforschung der materiellen Kultur erfordert deshalb eine dezidiert interdisziplinäre Herangehensweise. Die Produkte der industriellen Massenproduktion und die vielfältigen Dokumente ihres individuellen Gebrauchs bieten jedenfalls eine breite Grundlage für die Analyse vergangener materieller Umwelten, ihrer kulturell konnotierten Interpretationen durch die historischen Akteur*innen sowie für eine sozial und kulturell fundierte, erweiterte Alltags- und Gesellschaftsgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts.
Judy Attfield, Wild Things. The Material Culture of Everyday Life, Oxford 2000
Hans Peter Hahn, Materielle Kultur. Eine Einführung, Berlin 2014
Dan Hicks/Mary C. Beaudry (Hrsg.), The Oxford Handbook of Material Culture Studies, Oxford 2010
Andreas Ludwig (Hrsg.), Zeitgeschichte der Dinge. Spurensuchen in der materiellen Kultur der DDR, Wien 2019
Gert Selle, Siebensachen. Ein Buch über die Dinge, Frankfurt a.M. 1997
Stefanie Samida/Manfred K.H. Eggert/Hans Peter Hahn (Hrsg.), Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen, Stuttgart 2014
Christopher Tilley u.a. (Hrsg.), Handbook of Material Culture, London 2006
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