Zeitgeschichte

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Die Zeitgeschichte ist ein Kind des „Zeitalters der Extreme“. Über die aktuellen Probleme einer zeitlichen und definitorischen Einordnung des Begriffs der Zeitgeschichte schreibt Gabriele Metzler und weist dabei gleichzeitig auf die andauernde Hochkonjunktur zeithistorischer Themen in den Medien und der Öffentlichkeit hin. Die Autorin plädiert für eine unbedingt nötige Neupositionierung der Disziplin. Denn die Zeitgeschichte sieht sich angesichts technischer Neuerungen, der Verfügbarkeit neuer Ressourcen für die Forschung sowie von gewandelten trans- und interdisziplinären Verflechtungen mit neuen Herausforderungen konfrontiert.
Zeitgeschichte: Begriff - Disziplin - Problem

von Gabriele Metzler

Das „Zeitalter der Extreme”[1] hat die Geschichtswissenschaften geprägt. Historiker/innen haben sich von den Großideologien des Zeitalters beeinflussen lassen, haben ideologische Grundannahmen in Themen der Forschung und Theorien der Geschichte umformuliert und sich ein ums andere Mal auch von den Machthabern vereinnahmen lassen, sie haben Politik und Herrschaft legitimiert und Diktaturen wie Demokratien historischen Sinn gestiftet.[2]

Die Zeitgeschichte ist ein Kind des „Zeitalters der Extreme”, ihre Etablierung und Existenz als anerkannte historische Teildisziplin verdankt sie den Zeitläuften. Sie bildeten den Gegenstand zeithistorischer Forschung, waren aber immer zugleich auch Anlass, Ressourcen zu mobilisieren und zeithistorische Forschung zu institutionalisieren. Nur vor diesem Hintergrund ist erklärbar, dass ein so unbestimmtes Feld wie die Zeitgeschichte, die keine eindeutige Epochenzuschreibung ist und nicht einmal begrifflich in allen Wissenschaftskulturen einheitlich gefasst wird, heute, nach dem Ende des „extremen Zeitalters” in Europa, in der Ausrichtung des Fachs wie in der öffentlichen Wahrnehmung eine so dominierende Rolle spielt. Zeitgeschichte ist, so will es scheinen, omnipräsent: In jedem Fernsehkanal sind zeithistorische Dokumentationen oder andere Produktionen des „Histotainments” zu sehen, jede Bahnhofsbuchhandlung hält zeithistorische Literatur vorrätig; keine politische Festrede kommt ohne zeithistorische Referenzen aus, politische Debatten zitieren aus der Zeitgeschichte gewonnene Mahnungen und Einsichten; jedes Universitätsinstitut bietet zeithistorische Themen in der Lehre an oder verfügt über entsprechend ausgerichtete Lehrstühle, und an Forschungsgeldern und Drittmitteln haben zeithistorische Projekte einen enormen Anteil.

Die Erfolgsgeschichte der Zeitgeschichte mag über vieles hinwegtäuschen, etwa über die Stellenkürzungen in historischen Instituten, unter denen diese Teildisziplin weit weniger gelitten hat als andere. Vor allem aber kann die positive Bilanz der Zeitgeschichte überdecken, dass sie selbst sich aktuell in einer Umbruchsituation befindet; dass sie sich, nachdem das „Zeitalter der Extreme” in Europa und der atlantischen Welt an sein Ende gelangt ist, neu ausrichten muss, ihre Gegenstände neu definieren, ihre Perspektiven neu justieren, ja die Frage nach ihrer Eigenschaft als historische (Teil-)Disziplin neu beantworten muss.


Begriff

Was ist überhaupt „Zeitgeschichte”? In den gängigen Selbstbeschreibungen des Fachs sind, wie es scheint, Verweise auf die antiken Vorläufer, auf Herodot und Thukydides, unverzichtbar. Haben nicht sie bereits Zeitgeschichte geschrieben, indem sie die Geschehnisse ihrer unmittelbar zurückliegenden Vergangenheit erforschten und darstellten? Für das 17. Jahrhundert lässt sich auch der Begriff „Zeitgeschichte” im deutschsprachigen Raum nachweisen, allerdings blieb er marginal.[3] Die Historiker des 19. Jahrhunderts schließlich, Leopold von Ranke, Heinrich von Sybel, Heinrich von Treitschke: Waren nicht auch sie bereits „Zeithistoriker”, wenn sie über ihre gegenwartsnahe Geschichte schrieben, zu tagesaktuellen Fragen Stellung bezogen und historisches Wissen um die jüngste Vergangenheit in die Waagschalen der Politik warfen? Freilich blieben sie bei Politikberatung und historisch informiertem, politischem Feuilleton; zeithistorische Forschung im engeren Sinne betrieben sie nicht.[4]

Auch einen Begriff von „Zeitgeschichte” hatten diese Historiker nicht, und von einer „Disziplinierung” war die Zeitgeschichte noch weit entfernt – umso mehr, als das Denken des Historismus es für lange Zeit ja viel eher erschwerte, sich wissenschaftlich, und das hieß: nach den Regeln der Historischen Methode, mit der Geschichte der eigenen Zeit zu beschäftigen. In die gängigen Lehrbücher fand die „Zeitgeschichte” keinen Eingang.[5] Vor diesem Hintergrund ließe sich sogar sagen, dass die unumgänglichen Referenzen an Ranke und andere viel eher dazu dienten, den aus der Dominanz des Historismus geborenen Minderwertigkeitskomplex der Zeithistoriker zu kompensieren, indem sie auf die stolze Tradition ihres Fachs verwiesen, zumindest in der westdeutschen community waren solche Tendenzen unübersehbar.

Auf einen Begriff gebracht wurde „Zeitgeschichte” in Deutschland erst im und nach dem Ersten Weltkrieg. Es war der lange vergessene Justus Hashagen, der 1915 ein Lehrbuch über das „Studium der Zeitgeschichte” vorlegte, in dem er Begrifflichkeiten und methodische Besonderheiten problematisierte, dann aber doch auf vielfältige Möglichkeiten verwies, Zeitgeschichte als „nähere Vorgeschichte des gegenwärtigen Zustandes” zu erforschen.[6] Begrifflich vollends etabliert hat sich Zeitgeschichte indes erst nach 1945. Hans Rothfels als Gründungsherausgeber der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte”, deren Erscheinen einen ganz wesentlichen Schritt zur Disziplinbildung markierte, gab in seinem „in den Rang einer Ikone erhoben(en)”[7] Aufsatz für lange Zeit die Richtung vor. Die in der englischen oder französischen Wissenschaftssprache etablierten Begriffe „contemporary history” bzw. „histoire contemporaine” taugten nicht für eine deutsche Übersetzung, behauptete Rothfels, sondern „Zeitgeschichte” sei terminologisch geeigneter. „Zeitgeschichte”, so schrieb er, sei zu verstehen als „die Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung”, was er nicht allein generationell, sondern erfahrungsgeschichtlich verstanden wissen wollte. Denn er gab im selben Satz die Deutung mit, „dass es sich für uns um ein Zeitalter krisenhafter Erschütterung und einer eben darin sehr wesentlich begründeten universalen Konstellation handelt”.[8] Indem er die Jahre 1917/18 als „Beginn einer neuen universalhistorischen Epoche”[9] markierte, setzte er nicht Ereignisse der deutschen Geschichte an den Beginn von „Zeitgeschichte”, sondern die von der Russischen Revolution und die mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg verbundene Abkehr der USA vom Isolationismus. Beides begründete das „Zeitalter der Extreme”. Von dort ausgehend, fanden die Zeithistoriker im Scheitern der Weimarer Demokratie und im Nationalsozialismus ihre über Jahre bestimmenden Themen.

Mochte sich Rothfels auch bewusst gewesen sein, dass zeithistorische Forschung sowohl nationalstaatliche Beschränkungen als auch die „,Sektorengrenzen’ des Politischen, des Wirtschaftlich-Sozialen und des Geistigen” überwinden müsse, um der neuen, der „,globalen’ Situation” gerecht zu werden, so gab er doch auch zu bedenken, dass zunächst „Ereignisgeschichte wesentlich politischer und wirtschaftlich-sozialer Art, insbesondere aus dem Bereich der deutschen Geschichte, das Rückgrat bilden” würde für die neue Zeitschrift wie für die junge Disziplin.[10] Und in der Tat haben die Zeithistoriker (es waren bis weit in die 1980er-Jahre hinein Männer, die den Ton angaben) zunächst vornehmlich politikgeschichtlich gearbeitet; noch Anfang der 1990er-Jahre mussten sie sich den Vorwurf erheblicher sozialgeschichtlicher Defizite – methodisch wie thematisch – gefallen lassen.[11] Mit der Konzentration auf politikgeschichtliche Themen, Fragestellungen und Methoden handelten sich die Zeithistoriker nicht nur den Ruf ein, traditionalistisch orientiert und nicht auf der Höhe dessen zu sein, was in der Zunft gerade en vogue war; sondern die Ausrichtung auf die Politik bestimmte auch ganz wesentlich die Diskussionen über Zäsuren in der Zeitgeschichte. Über zwei Jahrzehnte bestimmte die wissenschaftliche Aufarbeitung der Weimarer Republik und der NS-Zeit die Debatten.

Die Bundesrepublik selbst wurde Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre zunehmend zu einem Thema der zeithistorischen Forschung, was aus den Aktensperrfristen erklärt werden kann, aber auch aus generationellem Wandel und entsprechenden Verschiebungen der Interessen. Karl Dietrich Bracher schlug 1984 vor, von einer „doppelten Zeitgeschichte” zu sprechen, geteilt in eine ältere, welche die Zeit von 1917/18 bis 1945 umfasse, und eine jüngere, in der die Jahrzehnte seit 1945 aufgehoben waren. Beide Teile seien nicht hermetisch voneinander zu trennen, sondern „ständig [mit]einander konfrontiert und zugleich konfliktreich verbunden”.[12] Bracher trug mit diesem Vorschlag nicht nur dem generationellen Wandel Rechnung, in dessen Zuge die zeithistorischen Lehrstühle an den Universitäten neu besetzt wurden und sich die Frage, was denn eigentlich die „Epoche der Mitlebenden” sei, neu stellte, sondern er hatte die grundlegenden globalen Veränderungen – Ost-West-Konflikt und Entspannung, Dekolonisierung und Nord-Süd-Konflikt – wie auch den Struktur- und Wertewandel in den westlichen Demokratien und, damit teils verknüpft, veränderte wissenschaftliche Kommunikationsbedingungen im Blick, als er sein Plädoyer abgab. Freilich wurde zur selben Zeit die scharfe Zäsurensetzung „1945” dadurch bereits relativiert, dass nun doch neue theoretische und methodologische Einflüsse auf die Zeitgeschichte zu wirken begannen, Forschungen zur Sozialgeschichte beispielsweise durchgeführt wurden, die auf eine längere Übergangsperiode „zwischen Stalingrad und Währungsreform” verwiesen,[13] oder Oral-History-Untersuchungen, die auf die erfahrungsgeschichtliche Einheit der Periode zwischen Weltwirtschaftskrise und Ende der 1950er-Jahre abhoben.[14]

Vollends neu stellte sich die Frage, wie „Zeitgeschichte” begrifflich zu fassen sei, nach dem Ende des „extremen Zeitalters”. Was bedeutete der Umbruch von 1989/90 für die Bestimmungen von „Zeitgeschichte”? In der (Zeit-)Historikerzunft sahen viele die vordringliche Aufgabe der Zukunft darin, die Geschichte der DDR zu integrieren und auf diese Weise eine „gesamtdeutsche” Nachkriegsgeschichte zu schreiben. Doch auch der Diktaturenvergleich galt als fruchtbares Feld, das nun zu bestellen sei.[15] Damit knüpften die Zeithistoriker einerseits an die vorangegangene intensive Beschäftigung mit der NS-Geschichte an. Andererseits trugen sie dem Umstand Rechnung, dass sie selbst die Geschichte der DDR jahrzehntelang weitgehend ignoriert und einer ganz kleinen Gruppe von DDR-Spezialisten, die meist in der Politikwissenschaft verankert blieben, überlassen hatten; und die in der DDR selbst durchgeführten historischen Arbeiten waren im Westen kaum rezipiert worden. Das große Interesse an der DDR war nach 1990 also in gewissem Sinne „nachholende” zeithistorische Forschung, die durch privilegierten Zugang zu den Akten auch von staatlicher Seite gefördert wurde.

Freilich wurde rasch deutlich, dass es mit einer bloßen Fixierung auf DDR-Themen nicht getan sein würde, sondern dass die gesamtdeutsche Zeitgeschichte neu zu überdenken sei. Hans Günter Hockerts fasste diese Debatten 1993 in seinem Plädoyer für eine „dreifache deutsche Zeitgeschichte” zusammen, in welcher der Geschichte der DDR angemessenes Gewicht einzuräumen sei. Dieser Vorschlag war mehr als bloß additiv gedacht, verwies er doch auf Unterschiede in der Wirkmächtigkeit politischer Traditionen, auf Kontinuitäten von Problemlagen über vermeintlich scharfe Epochengrenzen hinweg und darauf, dass die „Mitlebenden” immer in Strukturen handelten, die längerfristig vorgeprägt waren.[16] In eine ähnliche Richtung wies der Vorschlag von Hans-Peter Schwarz, zwischen einer älteren (ab 1917), jüngeren (ab 1945) und jüngsten (ab 1990) Zeitgeschichte zu unterscheiden.[17] Wie das Verhältnis der beiden deutschen Staaten und Gesellschaften konzeptionell zu greifen wäre, war damit freilich noch nicht geklärt. In den auf diese Frage bezogenen Debatten fand das Plädoyer Christoph Kleßmanns die stärkste Resonanz, die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte als „asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte” zu begreifen.[18]

Die Diskussionen der (west-)deutschen Historiker/innen über den Begriff der Zeitgeschichte und die Bestimmung der Zeitgeschichte als Epoche verdient besondere Aufmerksamkeit, weil diese Diskussionen hier auffallend intensiv geführt wurden, was mit der starken Tradition des Historismus einerseits zu tun hat, andererseits aber immer auch der Tatsache geschuldet war, dass die Zeitgeschichte mehr als anderswo politisch-pädagogische Aufgaben wahrnahm. Indem sich die zeithistorische Forschung nach 1945 zunächst vor allem auf die Zeit zwischen 1917/18 und 1933 konzentrierte, trug sie zur Legitimierung und Stabilisierung des westdeutschen Staats als (wehrhafte) Demokratie bei, was durch die Abgrenzung vom Nationalsozialismus verstärkt wurde. Als sie dann über die Schwelle von 1945 hinaus die Geschichte dieses Staats selbst zum Gegenstand machte, leistete sie einen Beitrag zur kritischen Selbstvergewisserung.

In anderen Ländern mit anderen historiografischen Traditionen, vor allem aber anderen historischen Erfahrungen konnten in den Diskussionen über die Epochengrenzen der Zeitgeschichte weiter zurückreichende Kontinuitäten stärker betont werden. So wird immer wieder darauf verwiesen, dass die contemporary history in Großbritannien die erste Wahlrechtsreform von 1832 als Beginn der Zeitgeschichte setze, in Frankreich die histoire contemporaine bis zur Französischen Revolution von 1789 zurückreiche.[19] In der französischen Forschung trug die Dominanz der Annales-Schule über lange Jahre dazu bei, dass Perioden längerer Dauer im Mittelpunkt des Interesses standen; weitere Faktoren wie die Besonderheiten der französischen Forschungslandschaft und vor allem die integrierende und legitimierende Funktion der „republikanischen Synthese” während der IV. und V. Republik kamen hinzu und sorgten dafür, dass die Werte von 1789 über lange Jahrzehnte den Kern der histoire contemporaine bildeten. Im Hinblick auf die jüngste Vergangenheit speiste der Résistance-Mythos den gesellschaftlichen und politischen Konsens der IV. und auch noch weithin der V. Republik. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren begann er zu erodieren; nun rückte auch in Frankreich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Kollaboration in den Vordergrund. Neben den Begriff der histoire contemporaine, der gerade auch in den Lehrstuhldenominationen weithin erhalten blieb, trat jener der histoire du temps présent, was dem deutschen begrifflichen Verständnis von „Zeitgeschichte” weit eher entspricht.[20] Vergleichbare Breitenwirkung und der Ehrgeiz politischer Aufklärung verband sich damit freilich in Frankreich lange Zeit weniger als in der Bundesrepublik; als Beispiel wäre die zögerliche historische Aufarbeitung des Algerienkriegs zu nennen, die in kritischer Absicht erst um 1999 in Gang kam.

Auch in Großbritannien erfuhr der Begriff contemporary history einen Wandel. Neue Begriffe setzten sich zwar nicht durch, doch verdeutlichte die Forschungspraxis, dass unter contemporary history vornehmlich die Geschichte des 20. Jahrhunderts, und hier wiederum besonders die Geschichte der Diktaturen verstanden wurde. Die Referenz „1832” war forschungspraktisch kaum relevant, sondern stellte eher „eine politische Willensbekundung als [...] die systematisch begründete Abgrenzung einer historischen Epoche” dar.[21] Aus der Erfahrung, einen historischen Sieg über die faschistischen Diktaturen im Zweiten Weltkrieg errungen zu haben, speiste sich das britische Selbstverständnis nach 1945 lange Zeit. Erst in den 1980er-Jahren begann man auch hier, sich verstärkt der Nachkriegsgeschichte zuzuwenden, wobei der Orientierungsmarke „1945” nie der Charakter einer tiefen Zäsur oder gar einer „Stunde Null” zugesprochen wurde.[22] Es ist offensichtlich, dass in Ländern mit längerer Demokratietradition der Begriff von Zeitgeschichte weiter gefasst war als in der Bundesrepublik. Man kann ähnliche Zusammenhänge etwa in den Niederlanden beobachten oder in den USA, wo sich Zeitgeschichte als eigenständige, erkennbare Teildisziplin gar nicht etabliert hat.

Ähnlich, wenngleich aus gänzlich anderen Gründen, verhielt es sich in der Sowjetunion, wo die Zäsur des Jahres 1917 nicht nur als bloße Epochengrenze begriffen wurde, sondern als Beginn eines neuen Zeitalters galt. In den Jahren nach 1991 veränderte sich die Situation jedoch, als in den einzelnen Nachfolgestaaten des zerfallenen Imperiums auf ganz unterschiedliche Art und Weise damit begonnen wurde, „nationale” Geschichten zu verfassen. Die Zeit seit der Unabhängigkeit gilt vielfach als „neueste” Geschichte, während die Jahrzehnte zwischen 1917 und 1991 als „neue” Geschichte apostrophiert werden. Doch mit solchen „neuesten” Nationalgeschichten sind keine eigenständigen methodischen Konzeptionen verbunden, die es erlauben würden, von einer dezidierten „Zeitgeschichte” im postsowjetischen Raum zu sprechen. Dies gilt im Übrigen auch für die Historiografie über die Sowjetunion, in der der Begriff der Zeitgeschichte gleichfalls keine Rolle spielt. Die Rückkehr der Nationalgeschichte ist auch in anderen mittelost- und osteuropäischen Gesellschaften nach 1991 zu beobachten, wenngleich es mancherorts, anders als in der Sowjetunion, auch schon vor dem Ende des Kommunismus zu ersten Debatten über Zäsuren und innersystemische Veränderungen gekommen war, häufiger geführt freilich von Intellektuellen und Künstlern als von Zeithistorikern.[23]


Zeitgeschichte als Disziplin

In der Zeit nach 1945 weist die Entwicklung der Zeitgeschichte Muster auf, die eng jenen entsprechen, die die Wissenschaftsforschung traditionell als konstitutiv für wissenschaftliche Disziplinen definiert hat. Demnach konstituiert sich eine wissenschaftliche Disziplin auf der Grundlage eines gemeinsamen Kommunikationsraums, in dem Konsens herrscht über leitende Fragestellungen, anerkannte Methoden und Paradigmen. Disziplinierung führt immer auch zu Institutionalisierung, d.h. es existieren erkennbare Forschungsverbünde und -institute, Publikationsorgane, Lehrbücher, über die wissenschaftliches Wissen in der Lehre weitervermittelt wird; Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs werden stärker formalisiert.[24]

„Disziplinäre Gemeinschaften”, definiert Rudolf Stichweh, „sind angewiesen auf wissenschaftliche Institutionen, die als organisatorische Infrastruktur der disziplinär restrukturierten Wissenschaft fungieren können.”[25] In diesem institutionellen Sinne etablierte sich die Zeitgeschichte als (geschichtswissenschaftliche Teil-) Disziplin erst nach 1945. Ansätze lassen sich freilich in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, zumal in Deutschland, zurückverfolgen.[26] Hier begannen Historiker während des Kriegs darüber nachzudenken, wie eine gegenwartsnahe historische Forschung konzeptionell und methodisch wissenschaftlichen Maßstäben genügen könne. In der 1921 eingerichteten „Zentralstelle für die Erforschung der Kriegsursachen” und den großen Akteneditionen bildete sich schon bald nach Kriegsende ein institutioneller Kern, 1928 kam die Historische Reichskommission hinzu, 1934 die Zentralstelle für Nachkriegsgeschichte, deren „Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte” unter der Leitung Theodor Schieders besondere Bedeutung gewann. Dass über 1945 hinaus nicht nur personelle Kontinuitäten, sondern auch partielle methodische Kontinuitäten bestanden, wurde vor gut einem Jahrzehnt erstmals in einer breiteren Öffentlichkeit thematisiert und hat in der zeithistorischen Community der Bundesrepublik für jahrelange, mitunter heftige Kontroversen gesorgt.[27]

Die außeruniversitäre Organisationsform setzte sich nach 1945 fort, wurde doch auch das Institut für Zeitgeschichte bewusst als Institut außerhalb der Universitäten gegründet, zunächst, 1947/49, als „Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit”. 1952 erhielt es seinen heutigen Namen, der zugleich andeutete, dass das Institut seine Forschungsarbeit über die NS-Zeit hinaus ausweiten wollte.[28] Das Bestreben, die Erfahrung des Nationalsozialismus bzw. der Besatzung und des Widerstands sowie die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wissenschaftlich aufzuarbeiten, führte auch in anderen europäischen Ländern zur Einrichtung zeithistorischer Institute und Kommissionen, die ebenfalls zunächst außerhalb der Universitäten etabliert wurden, so etwa das Comité d'Histoire de la Deuxième Guerre Mondiale, 1951 in Frankreich gegründet, das Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie in Amsterdam, das bereits am 8. Mai 1945 gegründet wurde,[29] oder die zahlreichen lokalen Institute zur Geschichte der Resistenza, die in Italien nach Kriegsende entstanden.[30]

Man kann in der Ausrichtung solcher Institute unterschiedliche Zugangsweisen zur Zeitgeschichte erkennen, einen eher moralisierenden Zugriff in den Niederlanden etwa oder das Bemühen um nüchterne Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte in der Bundesrepublik, die Pflege der Erinnerung an den Widerstand in Italien – in jedem Fall aber waren es die verstörenden Erfahrungen, wie sie das „Zeitalter der Extreme” mit seinem Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg mit sich gebracht hatte, die diese erste Welle der Institutionalisierung auslösten. Dazu lassen sich auch „verspätete” Gründungen zählen, wie sie das erst 1961 eingerichtete Österreichische Institut für Zeitgeschichte darstellt.

In einer zweiten, zeitlich verzögerten Institutionalisierungswelle entstanden an den Universitäten zeitgeschichtliche Lehrstühle oder Universitätsinstitute für Zeitgeschichte. Die junge Forschungsrichtung wurde nun in das bestehende universitäre System der Lehrstühle und disziplinären Zuordnungen eingebaut. Dieser Prozess vollzog sich in den europäischen Ländern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, seine Richtung war indes überall gleich. „Zeitgeschichte” wurde dadurch in disziplinärer Hinsicht zu einer Normalwissenschaft, „Zeithistoriker” etablierten sich auf diesem Wege als „Spezialisten, die auf die gemeinsame disziplinkonstituierende Problemstellung verpflichtet sind und in der Regel keiner anderen Disziplin angehören”.[31] Erkennen lässt sich dieser Umbruch sehr gut in der Bundesrepublik, in der sich die Zeitgeschichte von der Politikwissenschaft abkoppelte, oder in Frankreich, wo sich ähnliche Prozesse der Loslösung aus der Literaturwissenschaft vollzogen.

Im Laufe der 1980er-Jahre lassen sich institutionelle Veränderungen beobachten, die die Schwerpunktverlagerung der Zeitgeschichte widerspiegelten und sie zugleich mit vorantrieben. Die beiden wichtigsten Neugründungen im europäischen Kontext, die diesen Wandel dokumentieren, sind das Institut d'Histoire du Temps Présent (gegr. 1978) und das Institute of Contemporary British History (gegr. 1986). Beide Institute legten den Schwerpunkt ihrer Arbeit ausdrücklich auf die Zeit nach 1945. Aber auch die bereits bestehenden Institute öffneten sich zunehmend der Nachkriegsgeschichte, wie etwa die wachsende Zahl von Publikationen dazu in den zeithistorischen Zeitschriften, etwa in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte”, belegen.

Die Zeitschriften können als wesentliche Elemente des Disziplinierungsprozesses angesehen werden. Sie ermöglichen im Sinne der Wissenschaftsforschung die Bildung von „Disziplinen” als „Sozialsysteme, d.h. Kommunikationsgemeinschaften von Spezialisten”. Publikationsorgane entstanden, die sich ganz ausdrücklich der Zeitgeschichte als Geschichte der jüngsten Vergangenheit verschrieben, allen voran die „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte” oder die französische, stärker militärgeschichtlich ausgerichtete „Revue d'histoire de la Deuxième Guerre mondiale”, die ab 1987 ihren Fokus dezidiert erweiterte und fortan unter dem Titel „Guerres mondiales et conflits contemporains” erschien. Andere folgten diesen frühen Gründungen, vor allem etwa das 1966 in den Druck gehende britische „Journal of Contemporary History” oder die seit 1973 erscheinende österreichische „Zeitgeschichte”, aber auch an die thematisch engere „Kirchliche Zeitgeschichte” (seit 1988) wäre in dieser zweiten Welle der zeithistorischen Zeitschriftengründungen zu denken. Eine dritte Welle folgte nach 1990, mit der britischen „Contemporary European History” (seit 1992), dem erstmals 2003 herausgegebenen „Journal of Modern European History” oder den seit 2004 erscheinenden „Zeithistorischen Forschungen/Studies in Contemporary History“. Dieses Ensemble, das nur einen Ausschnitt aus einer überaus reichen Publikationslandschaft präsentiert, bietet der zeithistorischen Forschung ein disziplinäres Forum zur Selbstverständigung.


Aktuelle Problemfelder

Die Problematisierung der eigenen Arbeit war der zeithistorischen Forschung von Beginn an eingeschrieben. So hat die Frage, ob eine wissenschaftlich valide Erforschung der gegenwartsnahen Geschichte überhaupt möglich ist – gleichsam eine Nachwehe des Historismus –, die Etablierung der Zeitgeschichte als anerkannte geschichtswissenschaftliche Teildisziplin lange hinausgezögert und dazu geführt, dass zeithistorische Forschung bis in die 1990er-Jahre ihre Fragestellungen an den 30-Jahres-Fristen der Aktenfreigabe orientierte. Heute kann diese Frage als erledigt gelten, stellt doch niemand mehr ernsthaft in Abrede, dass die Regeln geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis auch in der zeithistorischen Forschung gültig sind, und obendrein hat die Abkehr von der Dominanz einer staatszentrierten Politikgeschichte es auch ermöglicht, Themen wissenschaftlich zu bearbeiten, die zeitlich sehr nah an unserer Gegenwart liegen.

Gleichwohl lässt sich eine Reihe von Problemen identifizieren, die sich für die Zeitgeschichte anders und vielleicht auch drängender stellt als für andere Epochen. Die folgende Aufreihung beansprucht nicht Vollständigkeit, was bei einem so ausdifferenzierten und pluralisierten Feld wie der zeithistorischen Forschung gar nicht möglich ist, sondern umrissen werden fünf Problemfelder, die in den aktuellen Debatten besonders hervortreten.

Quellen und Methoden

Die Frage der Quellenproblematik hat sich nicht erledigt, aber sie stellt sich heute anders als vor sechzig Jahren. Damals galt die Sorge der Zeithistoriker der Frage, ob sie überhaupt über eine hinreichende Quellenbasis verfügten, eine Sorge, die sich vornehmlich auf den Zugang zu staatlichen Akten bezog. Heute stehen Zeithistoriker/innen eher vor dem Problem, zu viele Quellen zur Verfügung zu haben, Quellen, die obendrein disparat und zunehmend flüchtig sind. Ein Beispiel: Während Historiker/innen, die Themen aus dem 19. Jahrhundert bearbeiten, zwar unter Umständen einigen Aufwand treiben müssen, um die Tagespresse der Zeit angemessen auszuwerten, so haben es zeithistorische Forschungsprojekte neben der Druckpresse mit Rundfunk- und vor allem Fernsehsendungen zu tun, die einerseits längst nicht vollständig überliefert sind und deren Auswertung andererseits höchst aufwendig ist. Bürokratisierung und moderne Vervielfältigungstechniken haben auch den Umfang staatlicher Überlieferungen stark anwachsen lassen, ohne dass sich damit zwangsläufig eine größere Aussagekraft dieser Quellen verbindet. Dies gilt erst recht für digitale Medien. Sie sind schwer zu konservieren und zu archivieren, weil die heute bekannten Datenträger nicht lange haltbar sind und weil Hard- und Software rasch veralten und überlieferte Dateien nicht mehr lesbar sind. Allerdings macht die Digitalisierung große Quellenbestände selbst aus weit entfernten oder entlegenen Archiven bequem zugänglich, was die Archivarbeit erheblich vereinfachen und beschleunigen kann.

Das Internet schließlich, das für die Geschichte des 21. Jahrhunderts wohl die wichtigste Quelle darstellen wird, verfügt noch über keine Speicherorte, an denen nach klassischen archivalischen Kriterien Überlieferungen selektiert und konserviert werden. Ob man es deshalb als „riesige(n) Datenpool ohne Langzeitspeicher” bezeichnen und ihm bescheinigen muss, „das Memorieren [sei] nicht seine Sache”,[32] lässt sich in dieser Absolutheit noch nicht entscheiden. Sicher ist jedoch, dass Speicherkapazitäten erheblich erweitert werden, ohne dass die Verfügbarkeit der Daten über längere Zeiträume sichergestellt ist. Welche Folgen dieser grundlegende Wandel des Quellenbestands und des Zugangs zu Quellen für die zeithistorische Forschung haben wird, ist heute noch nicht abzusehen. Zeithistoriker/innen haben gerade erst begonnen, sich über die Auswirkungen dieser neuen Überlieferungssituation, auch im Hinblick auf ihre methodischen Konsequenzen und die Formen historischen Erzählens, bewusst zu werden.[33]

Fragen der Speicherung betreffen auch die vielfältigen audiovisuellen Quellen, deren Qualität von Zeithistorikern ein anderes methodisches Know-how erfordert als von Historikern, die über die Vormoderne arbeiten. Das gilt nicht unbedingt für bildliche Quellen, die ja auch für andere Epochen verfügbar sind. Vielleicht erscheint der Umgang mit Fotografien problematischer, weil sie, so meinen viele, unmittelbar zeigen, wie es gewesen ist. Von solcher Naivität hat sich die Geschichtsschreibung des „Jahrhunderts der Bilder” mittlerweile wohl entfernt, und dass auch für den Umgang mit ihnen die Regeln der Quellenkritik gelten müssen und Fotografien nichts zeigen, was nicht erklärt werden müsste, hat zuletzt das vielzitierte Beispiel der Hamburger „Wehrmachtsausstellung” gezeigt. Auch daran wird deutlich: Zeitgeschichte ist nicht einfach „da” und kann besichtigt werden, sondern sie wird durch die historische Forschung erst „gemacht”. Zeitgeschichte ist die Geschichte der ubiquitären (bewegten) Bilder, aber auch des Klangs. Anders als für andere Zeiten stehen vielfältige Tondokumente der Zeitgeschichte zur Verfügung, deren Auswertung ganz eigene methodische Anforderungen stellt. Man mag die Reflexion von Standortgebundenheit und Vorprägungen für jeden Historiker und jede Historikerin für selbstverständlich halten, aber über ihre besondere Vorprägung von Hör- und Sehgewohnheiten durch die audiovisuellen Medien nachzudenken, erscheint für Zeithistoriker/innen doch besonders angebracht und notwendig.[34]

Deutungskonkurrenzen

Rundfunk, Fernsehen und Internet werfen indes nicht nur neue Fragen nach dem Umgang von Zeithistoriker/innen mit den Quellen auf, sondern diese Medien sind immer auch mächtige Produzenten historischer Deutung. Besonders das Fernsehen hat in den vergangenen rund vier Jahrzehnten eine zentrale Rolle in der Vermittlung zeithistorischen Wissens und in der Produktion zeithistorischer Deutungen eingenommen. Anders als Historiker/innen in ihrem Leitmedium, dem Buch oder dem wissenschaftlichen Aufsatz, kann das Fernsehen als wirkmächtige Bildermaschine Anschaulichkeit bieten, es kann Emotionen evozieren, wo die wissenschaftliche Publikation auf Rationalität und Kognition setzt, und es kann vollständige Authentizität suggerieren, wo die wissenschaftliche Quellenkritik und das Vetorecht der Quellen komplexe Differenzierungen verlangen. Wer in den modernen westlichen Mediengesellschaften die Menschen danach fragt, woher sie historisches Wissen beziehen, wird in aller Regel auf das Fernsehen verwiesen. Nicht zwangsläufig sind Historiker/innen auf der einen, das Fernsehen auf der anderen Seite antagonistische Konkurrenten, aber sie müssen sich über ihre unterschiedlichen Handlungslogiken im Klaren sein. Die Auseinandersetzung mit audiovisuellen Medien muss sich auf ihre Nutzung als Quellen ebenso beziehen wie auf ihre Auswirkungen auf die kommunikative Praxis von Zeithistorikern.[35]

In Fernsehsendungen können Bilder das historische Argument ersetzen: So führen etwa alte Aufnahmen von Marschkolonnen und jubelnden Massen die Anziehungskraft der NS-Herrschaft jedem Zuschauer unmittelbar vor Augen und machen längere Erklärungen vermeintlich überflüssig. Diese Erkenntnis, so banal sie für die Geschichtswissenschaften insgesamt ist, verweist für die Zeitgeschichte noch auf ein weiteres Problem. Zeithistorische Forschungen konkurrieren mit anderen Formen, in denen der Vergangenheit Sinn gegeben wird: Menschen, die die unmittelbar zurückliegende Zeit miterlebt haben, erzählen Geschichten darüber, sie teilen ihre Erfahrungen und Erinnerungen mit. Diese unterliegen, anders als die Forschung, nicht den Geboten der Quellenkritik und der Historischen Methode, aber sie sind deshalb in privaten Gesprächen und im öffentlichen Diskurs nicht weniger wirkmächtig. Dabei ist, entgegen einem geläufigen Diktum, der „Zeitzeuge” nicht „der Feind des Historikers”,[36] sondern die Erzählungen der „Mitlebenden” können die zeithistorische Forschung bereichern, wenn sie methodisch sensibel damit umgeht.[37] Dazu hat die Oral-History-Forschung ebenso Wesentliches gesagt wie die neuere Erinnerungsforschung.[38]

Die neue Gedächtnisforschung, wie sie, anknüpfend an Maurice Halbwachs, vor allem von Jan und Aleida Assmann entwickelt wurde, hat Klarstellungen und präzisere Abgrenzungen zwischen kommunikativem bzw. kulturellem Gedächtnis und Zeitgeschichte ermöglicht. So hat Hans Günter Hockerts „Quellenkritik, Standpunktreflexion” und den prozessualen Charakter historischer Forschung als konstitutiv für die Zeitgeschichte als Wissenschaft hervorgehoben, was sie grundsätzlich von Formen des kommunikativen Gedächtnisses wie auch der kulturellen Erinnerung unterscheidet. Aber er hat mit Recht auch darauf verwiesen, dass dies nicht hermetisch voneinander getrennte Bereiche sind, sondern dass zeithistorische Forschung immer auch im kollektiven Gedächtnis mitwirkt und gegebenenfalls als kritisches Korrektiv fungieren kann und muss.[39]

Geschichtspolitik und Identität

Berlin 1980, Unter den Linden, Museum für Deutsche Geschichte. Originaltext ADN: „ADN-ZB Reiche 31.1.1980 Berlin: Unter den Augen antiker Schönheiten - auch im Januar ist ein Bummel Unter den Linden reizvoll. Hier vor dem Museum für Deutsche Geschichte.” Fotograf: Hartmut Reiche, Quelle ([http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0 DE]): [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-W0131-0030,_Berlin,_Unter_den_Linden,_Museum_f%C3%BCr_Deutsche_Geschichte.jpg?uselang=de Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 183-W0131-0030].
Berlin 1980, Unter den Linden, Museum für Deutsche Geschichte. Originaltext ADN: „ADN-ZB Reiche 31.1.1980 Berlin: Unter den Augen antiker Schönheiten - auch im Januar ist ein Bummel Unter den Linden reizvoll. Hier vor dem Museum für Deutsche Geschichte.” Fotograf: Hartmut Reiche, Quelle (CC BY-SA 3.0 DE): Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 183-W0131-0030.


Ohne ein solches Korrektiv, wie es nur in freien pluralistischen Gesellschaften existiert, wäre auch Geschichtspolitik bloße Propaganda im Interesse des Machterhalts. Zeithistorische Forschung kann geschichtspolitische Argumente validieren, sie kann sie aber auch delegitimieren, wenn sie den empirischen Tatsachen widersprechen. So haben Zeithistoriker/innen etwa in Gesellschaften, die aus den Erinnerungen an die Résistance während des Zweiten Weltkriegs ihre Nachkriegsidentität gewonnen hatten, mit ihren Forschungen zur Kollaboration intensive öffentliche Debatten ausgelöst, wie das Beispiel Frankreichs oder der Niederlande zeigt;[40] auch identitätsstiftende Erzählungen von guter Kolonialherrschaft und friedlicher, vernünftiger Dekolonisation haben sich im Lichte zeithistorischer Erkenntnis aufgelöst, wie die britischen und französischen Fälle belegen,[41] oder auch der Widerspruch französischer Historiker gegen die loix de mémoire, die die Erinnerung an Kolonialismus und Algerienkrieg offiziell regeln sollten.[42] Als „Geschichtssachverständige” haben Zeithistoriker/innen nicht nur in Gerichtsverfahren eine Rolle zu spielen, sondern auch und gerade in den history wars unserer Gegenwart, in denen Geschichtsbewusstsein geregelt und eindeutige, identitätsstiftende Deutungen etabliert werden sollen.

Stärker als die Geschichtsschreibung zu weiter zurückliegenden Epochen trägt die zeithistorische Forschung zur Identitätsbildung bei, weil sie die Erinnerung der „Mitlebenden” unmittelbarer anspricht, die Menschen unmittelbarer berührt. Der Kalte Krieg ist uns näher als das karolingische Reich, so sehr auch von dessen Erforschung und Darstellung identitätsstiftende Impulse ausgehen. Die Frage nach dem Beitrag der zeithistorischen Forschung zur (politischen) Identität stellte sich schon in den ersten Anläufen zur Institutionalisierung der Zeitgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg, als Akteneditionen und Studien zur Vorgeschichte des Kriegs ganz unmittelbar geschichtspolitische und identitätsbildende Interessen bedienten. Nach 1945/49 hat die Erforschung des Nationalsozialismus zunächst wesentlich die Herausbildung einer eigenen bundesrepublikanischen Identität gefördert, die dann durch das Narrativ von der „Erfolgsgeschichte” gefestigt wurde. Ähnliche „Erfolgsgeschichten”, die das gute Bestehen der Herausforderungen des „extremen Zeitalters” betonen, finden wir auch in der Zeitgeschichtsschreibung anderer Länder. Die britische Erzählung vom „post-war consensus” etwa ist strukturell nichts anderes als die bundesdeutsche „Erfolgsgeschichte”.[43]

Interdisziplinäre Herausforderungen

Heute erscheinen uns solche nationalen Erzählungen, die durch die Verankerung der Zeitgeschichte in den jeweiligen nationalen Wissenschaftskulturen mit gefördert wurden, zunehmend als unbefriedigende Engführungen. Tendenzen des Wandels, die neue Probleme aufwerfen, lassen sich darin erkennen, dass das etablierte System wissenschaftlicher Disziplinen im Begriff ist, sich neu auszurichten. Forschung organisiert sich mehr und mehr entlang von Themen und Problemstellungen und transzendiert dabei die Grenzen zwischen den Disziplinen. „Disziplinbestimmende Problemstellungen” (Rudolf Stichweh), von denen die „klassische” Wissenschaftsforschung spricht, lösen sich auf. Dabei bilden sich nicht stabile neue Verbünde, sondern Forschungsgruppen, und die an ihnen beteiligten Wissenschaftler/innen richten sie immer wieder neu aus, je nachdem, welches Problem zu lösen ist. Wenn heute Zeithistoriker/innen mit Soziologen zusammenarbeiten, um das Problem sozialer Ungleichheit zu erforschen, kooperieren sie morgen mit Medizinern, weil sie sich für die Entwicklung von Reproduktionstechnologien interessieren. Noch ist freilich nicht absehbar, ob künftig auch Karrierewege zunehmend zwischen den angestammten Disziplinen verlaufen und Kommunikationsnetzwerke sich neu strukturieren werden. Denn zu beobachten sind schließlich auch gegenläufige Tendenzen schärferer Abgrenzungsbemühungen.

Für die Zeitgeschichte folgt daraus zweierlei: Zum einen, dass Zeithistoriker/innen sich des spezifischen Charakters ihres Arbeitens klarer bewusst sein müssen, was beispielsweise für das Verhältnis zu den Sozialwissenschaften relevante methodische Fragen aufwirft. Zum anderen dürfte dann aber auch das Profil der Zeitgeschichte nicht mehr das einer geschichtswissenschaftlichen Teildisziplin sein, sondern sich in der Hauptsache aus ihren spezifischen methodischen und theoretischen Zugangsweisen und Perspektiven ergeben. Man kann das bereits an den aufbrechenden aktuellen Diskussionen über Periodisierungsfragen erkennen, die für die disziplinäre Konstitution der Zeitgeschichte so wichtig gewesen sind. Heute wird dafür plädiert, feste Epochenbestimmungen aufzugeben und das Arbeitsfeld der Zeitgeschichte danach zu bestimmen, welche Fragen die jeweiligen Historiker/innen in ihren Projekten stellen und welche, aus den Problemlagen der Gegenwart gewonnenen, Erkenntnisinteressen sie verfolgen. „Studieren Sie die Probleme und nicht die Perioden” – das alte Plädoyer Lord Actons scheint in den aktuellen Debatten wieder durch.[44] Damit wäre eine Neuentdeckung der Rothfels'schen Konzeption einer „Epoche der Mitlebenden” und seines zentralen Begriffs des „Betroffenseins” ohne weiteres vereinbar.[45] Zeitgeschichte wird dann obendrein weniger als „Nachgeschichte” (des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs usw.) erforscht, sondern stärker als unmittelbare „Vorgeschichte” unserer Gegenwart, deren Problemlagen unterschiedlich weit zurückreichende Wurzeln haben können, sodass nicht mehr in den Kategorien fester Epochengrenzen, sondern eher in flexibleren zeitlichen Abschichtungen zu denken wäre. Historiker/innen der gegenwartsnahen Geschichte brauchen zudem ein „Hinterland”, um einschätzen zu können, ob die Phänomene, die sie untersuchen, ganz neu sind, älteren Ursprungs oder wiederkehrend.[46] Prinzipiell ist dann der Untersuchungszeitraum der Zeitgeschichte nicht nur zur Gegenwart hin offen, sondern auch zur Vergangenheit, richtet er sich doch ganz schlicht danach, was für die Klärung des jeweiligen Themas historisch relevant ist.

Jenseits des Nationalstaats

Eine größere Offenheit hinsichtlich der Periodisierungsfragen erlaubt es, ein anderes Problem konstruktiv zu diskutieren. Zwar ist die Zeitgeschichte als (Teil-)Disziplin überall im jeweiligen nationalen Kontext entstanden, hat sich an nationalen historiografischen Traditionen abgearbeitet oder sich in sie eingefügt, hat sich in nationalem Rahmen institutionalisiert und ihre zentralen Fragen allzu häufig aus der Auseinandersetzung mit der eigenen nationalen Vergangenheit gewonnen. Seit einigen Jahren mehren sich indes die Plädoyers für transnationale oder globalgeschichtliche Forschungen, die zusammen mit der Rezeption postkolonialer Ansätze die Konturen nationaler Zeitgeschichte weicher werden lassen, und das gilt für Themen und Forschungspraxis gleichermaßen. Davon ist die Zeitgeschichte bei weitem nicht als einziger geschichtswissenschaftlicher Bereich betroffen. Aber gerade in der zeithistorischen Forschung, die in ihrer thematischen und methodischen Ausrichtung sowie in ihrer institutionellen Verankerung nicht nur stark nationalstaatlich geprägt war, sondern auch die Blockbildung des „extremen Zeitalters” in sich aufgenommen und widergespiegelt hat, sind besonders wirkmächtige Prägungen zu überwinden. Das kann nur gelingen, wenn Zeithistoriker/innen an Offenheit und Kompetenz für andere Nationalgeschichten und andere historiografische Traditionen gewinnen, und wenn sie ein höheres Maß an Sensibilität ausprägen für nationenübergreifende, binationale, europäische oder globale Problemlagen. Damit dies gelingt, müssen sie ihre Fixierung auf feste Epochengrenzen aufgeben.

Die konsequente Adaption transnationaler und internationaler, transfer- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektiven und vergleichender Methoden verändert am Ende auch das Qualifikationsprofil von Zeithistoriker/innen, lässt sie neue Fragen formulieren und wird sich auch auf geschichtspolitische Debatten und Erinnerungskultur auswirken.[47]


Ausblick

Zeitgeschichte ist nach dem Ende des „extremen Zeitalters” im Begriff, sich neu zu positionieren. Verdankte sie den Erfahrungen von Diktatur und Krieg zu weiten Teilen ihre Legitimation als geschichtswissenschaftliche Teildisziplin, die Mobilisierung von Ressourcen für die Forschung und ihre Institutionalisierung, so muss die Zeitgeschichte heute neue Themen formulieren, neue Ressourcen erschließen und sich in veränderten trans- und interdisziplinären Zusammenhängen einrichten. Von den Narrativen des „Erfolgs” hat sich die Zeitgeschichte nach dem Ende des „Zeitalters der Extreme” zunehmend entfernt. Die Rückkehr des Kriegs nach Europa, die Erfahrung von Gewaltexzessen und Genoziden in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in Afrika und Asien, aber auch das Erstarken des globalen Terrorismus haben die kurzzeitig vereinzelt aufflackernden triumphalistischen Gesten, mit denen das „Ende der Geschichte” und der Sieg des westlichen Liberalismus verkündet wurde,[48] rasch hinfällig werden lassen. Es ist kein Zufall, dass sich die zeithistorische Forschung in den vergangenen Jahren verstärkt der Gewaltforschung zugewendet hat, dass sie den prekären Charakter von Ordnung untersucht oder die Brüchigkeit von Gesellschaftsverträgen. Die Selbstgewissheit der westlichen Gesellschaften, welche durch die zeithistorischen Meistererzählungen im „Zeitalter der Extreme” nach 1945 mit fundiert worden war, erodiert. Fragen nach der Konstitution von Sicherheit rücken stattdessen ins Blickfeld, Fragen aber auch nach Gewalterfahrungen und Traumata, für die Zeithistoriker besondere Sensibilität ausgeprägt haben – und weiterhin aufbringen müssen.[49] Es wird sich erst noch erweisen, ob wir heute an den Anfangsgründen eines neuen „Zeitalters der Extreme” stehen, in dem die Konfliktlinien zwar anders verlaufen, in ihrer Fundamentalität freilich nicht weniger wirkmächtig sind.

Dass quantitativ wie qualitativ neue Quellen verfügbar sind, erleichtert die zeithistorische Forschung im selben Maße, wie dies neue methodische Fragen aufwirft. Ältere Fragen des Quellenzugangs, wie sie die Prozesse der disziplinären Selbstvergewisserung bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein bestimmt haben, stellen sich heute in veränderter Form. Gleiches gilt für die Frage nach der identitätsstiftenden Bedeutung der Zeitgeschichte, die in den westlichen Gesellschaften nach 1945 eine zentrale Rolle gespielt hat, unter den eindeutigeren ideologischen Maßgaben auch in den östlichen. An die Stelle ideologischer Differenz sind heute stärker politische, religiöse und ethnische Identitäts- und Alteritätskonstruktionen getreten, die ihrerseits der historischen Kontrolle bedürfen. Mag die Zeitgeschichte ihre Etablierung dem „Zeitalter der Extreme” verdanken, so ist sie nach dessen Ende keineswegs obsolet geworden, im Gegenteil: Es gibt viel zu tun.

Empfohlene Literatur zum Thema

Beer, Matthias, Hans Rothfels und die Traditionen der deutschen Zeitgeschichte, in: Hürter / Woller (Hrsg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte, München 2005: Oldenbourg 
Koselleck, Reinhart, Begriffsgeschichtliche Anmerkungen zur ‚Zeitgeschichte’, in: Conzemius, Victor / Greschat, Martin / Kocher, Hermann (Hrsg.), Die Zeit nach 1945 als Thema der Zeitgeschichte, München 2003 
Möller, Horst / Wengst (Hrsg.), Einführung in die Zeitgeschichte, München 2003: Beck 
Zitation
Gabriele Metzler, Zeitgeschichte: Begriff - Disziplin - Problem, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 7.4.2014, URL: http://docupedia.de/zg/Zeitgeschichte?oldid=125873

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Gabriele Metzler





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  1. Ich folge hier dem (europäisch-transatlantisch ausgerichteten) Epochenbegriff von Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995.
  2. Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München 2003 (der im Übrigen die Zeitgeschichte nicht in einem eigenen Kapitel problematisiert).
  3. Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichtliche Anmerkungen zur ‚Zeitgeschichte’, in: Victor Conzemius/Martin Greschat/Hermann Kocher (Hrsg.), Die Zeit nach 1945 als Thema der Zeitgeschichte, Göttingen 1988, S. 17-31.
  4. Peter Catterall, What (if anything) is Distinctive about Contemporary History?, in: Journal of Contemporary History 32 (1997), S. 441-452, hier S. 448.
  5. Vgl. das Standardwerk von Ernst Bernheim, Lehrbuch der historischen Methode, Leipzig 1889 (sechs Auflagen bis 1908). Dazu auch Kristina Spohr Readman, Contemporary History in Europe: From Mastering National Pasts to the Future of Writing the World, in: Journal of Contemporary History 46 (2011), S. 506-530, hier S. 510.
  6. Matthias Beer, Hans Rothfels und die Traditionen der deutschen Zeitgeschichte, in: Johannes Hürter/Hans Woller (Hrsg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte, München 2005, S. 159-190, Diskussion Hashagens S. 166-172. Zitat: Justus Hashagen, Das Studium der Zeitgeschichte, Bonn 1915, S. 19.
  7. Beer, Hans Rothfels, S. 161.
  8. Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 1-8, hier S. 2, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1953_1.pdf.
  9. Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, S. 6.
  10. Ebd., S. 7f.
  11. Paul Erker, Zeitgeschichte als Sozialgeschichte. Forschungsstand und Forschungsdefizite, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 202-238.
  12. Karl Dietrich Bracher, Doppelte Zeitgeschichte im Spannungsfeld politischer Generationen – Einheit trotz Vielfalt historisch-politischer Erfahrungen?, in: Bernd Hey/Peter Steinbach (Hrsg.), Zeitgeschichte und Politisches Bewußtsein, Köln 1981, S. 53-71, hier S. 57.
  13. Martin Broszat/Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hrsg.), Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland, München 1988; vgl. auch bereits: Werner Conze/M. Rainer Lepsius (Hrsg.), Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Beiträge zum Kontinuitätsproblem, Stuttgart 1983.
  14. Vgl. v.a. die Bände des LUSIR-Projekts: Lutz Niethammer (Hrsg.), „Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll“. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin/Bonn 1983; ders. (Hrsg.), „Hinterher weiß man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist“. Nachkriegs-Erfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin/Bonn 1983; ders./Alexander von Plato (Hrsg.), „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern, Berlin/Bonn 1985. Vgl. auch Anselm Doering-Manteuffel, Deutsche Zeitgeschichte nach 1945. Entwicklung und Problemlagen der historischen Forschung zur Nachkriegszeit, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41 (1993), S. 1-29, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1993_1_1_doering-manteuffel.pdf.
  15. Doering-Manteuffel, Zeitgeschichte nach 1945, S. 27-29.
  16. Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 98-127, hier S. 127.
  17. Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), S. 5-28, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2003_1.pdf.
  18. Vgl. Christoph Kleßmann, Konturen einer integrierten Nachkriegsgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 18/19 (2005), S. 3-11, hier S. 10. Siehe auch ders., Spaltung und Verflechtung – Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: ders./Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2006, S. 20-37.
  19. So etwa Rainer Hudemann, Neueste Geschichte, in: Richard van Dülmen (Hrsg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt a.M. 1990, S. 406-426, hier S. 407; Horst Möller, Was ist Zeitgeschichte?, in: ders./Udo Wengst (Hrsg.), Einführung in die Zeitgeschichte, München 2003, S. 13-51, hier S. 15.
  20. Rainer Hudemann, Histoire du Temps Présent in Frankreich. Zwischen nationalen Problemstellungen und internationaler Öffnung, in: Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven in Europa, Göttingen 2004, S. 175-200.
  21. Detlev Mares, Too Many Nazis? Zeitgeschichte in Großbritannien, in: Nützenadel/Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem, S. 128-148, hier S. 144.
  22. Catterall, Contemporary History, S. 441.
  23. Für Hinweise zur Sowjetunion danke ich Robert Kindler, Felix Schnell und Jörg Baberowski. Vgl. auch Stefan Plaggenborg, Sowjetische Geschichte in der Zeitgeschichte Europas, in: Nützenadel/Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem, S. 225-256; Martin Schulze Wessel, Zeitgeschichtsschreibung in Tschechien. Institutionen, Methoden, Debatten, in: ebd., S. 307-328; Rafał Stobiecki, Die Zeitgeschichte in der Republik Polen seit 1989/90, in: ebd., S. 329-346; alle Beiträge auch online unter der Kategorie „Länder“ in Docupedia-Zeitgeschichte http://docupedia.de/zg/Kategorie:L%C3%A4nder.
  24. Rudolf Stichweh, Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen. Physik in Deutschland 1740-1890, Frankfurt a.M. 1984, S. 7-93.
  25. Stichweh, Entstehung, S. 62.
  26. Ich folge in diesem Abschnitt Beer, Hans Rothfels, passim.
  27. Über „Deutsche Historiker im Nationalsozialismus“ wurde auf dem Frankfurter Historikertag von 1998 intensiv und kontrovers diskutiert. Die Referate (und weitere Beiträge) sind abgedruckt in: Winfried Schulze/Otto Gerhard Oexle (Hrsg. unter Mitarbeit von Gerd Helm und Thomas Ott), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1999. Für die Debatten über Kontinuitäten in der Zeitgeschichte besonders relevant sind die Kontroversen um Hans Rothfels. Vgl. aus der Fülle der Literatur: Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten, Göttingen 2000; Heinrich August Winkler, Hans Rothfels – ein Lobredner Hitlers? Anmerkungen zu Ingo Haars „Historiker im Nationalsozialismus“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 643-652, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2001_4_4_winkler.pdf; Ingo Haar, Quellenkritik oder Kritik der Quellen? Replik auf Heinrich August Winkler, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 497-505, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2002_3_6_haar.pdf; Heinrich August Winkler, Geschichtswissenschaft oder Geschichtsklitterung? Ingo Haar und Hans Rothfels: Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 635-652, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2002_4_4_winkler.pdf; Karl Heinz Roth, Hans Rothfels: Geschichtspolitische Doktrinen im Wandel der Zeiten. Weimar – NS-Diktatur – Bundesrepublik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), S. 1061-1073; ders., „Richtung halten“: Hans Rothfels und die neo-konservative Geschichtsschreibung diesseits und jenseits des Atlantik, in: Sozial.Geschichte 18 (2003), S. 41-71; Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003; Jan Eckel, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005, sowie die Beiträge in: Hürter/Woller (Hrsg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte.
  28. Horst Möller, Das Institut für Zeitgeschichte und die Entwicklung der Zeitgeschichtsschreibung in Deutschland, in: ders./Udo Wengst (Hrsg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999, S. 1-68, hier S. 42.
  29. Hudemann, Histoire du Temps Présent, S. 179; Christoph Strupp, „Nieuwste geschiedenis“, „Contemporaine geschiedenis“ oder „Historia hodierna“? Zeitgeschichte in der niederländischen Geschichtswissenschaft, in: Nützenadel/Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem, S. 201-224, S. 210. Siehe auch die (aktualisierten) Wiederabdrucke in der Kategorie „Länder“ in Docupedia-Zeitgeschichte http://docupedia.de/zg/Kategorie:L%C3%A4nder.
  30. Jens Petersen, Der Ort der Resistenza in Geschichte und Gegenwart Italiens, in: QFIAB 72 (1992), S. 550-571; vgl. auch Lutz Klinkhammer, Novecento statt Storia contemporanea? Überlegungen zur italienischen Zeitgeschichte, in: Nützenadel/Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem, S. 107-127.
  31. Stichweh, Entstehung, S. 50.
  32. Aleida Assmann, Zur Mediengeschichte des kulturellen Gedächtnisses, in: Astrid Erll/Ansgar Nünning (Hrsg.), Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität – Historizität – Kulturspezifität, Berlin/New York 2004, S. 45-60, insb. S. 55, 57.
  33. Vgl. Kiran Klaus Patel, Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderungen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 331-351; ähnliche Probleme sprechen die Beiträge an in dem Themenheft der Revue d’Histoire Moderne et Contemporaine: Le métier d’historien à l’ère numérique: nouveaux outils, nouvelle épistémologie? (Supplement 2011/4).
  34. Thomas Lindenberger, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004), H. 1, online unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Lindenberger-1-2004.
  35. Lindenberger, Vergangenes Hören und Sehen.
  36. So etwa die vielzitierte Formulierung von Wolfgang Kraushaar, Der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Neuerscheinungen zur 68er Bewegung, in: Mittelweg 36 (1999), S. 49-72.
  37. Catterall, Contemporary History, S. 448f.; Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: APuZ B28/2001, S. 15-30, hier S. 19f. Zum Wandel des Zeitzeugen, seinem verstärkten Aufkommen Ende der 1970er-Jahre, der Verschiebung vom Sprecher einer Elite, der die Geschichte insgesamt bezeugt, hin zum persönlichem Erlebnis, auch Martin Sabrow/Norbert Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012.
  38. Vgl. die gleichermaßen konzise wie luzide Auseinandersetzung mit dem Problem der Zeitzeugenschaft von Aleida Assmann, Die Last der Vergangenheit, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 3, online unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Assmann-3-2007; vgl. auch Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt a.M. 2002. Aus der breiten Literatur zur Oral History: Alexander von Plato, Zeitzeugen und historische Zunft. Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives Gedächtnis in der qualitativen Geschichtswissenschaft – ein Problemaufriß, in: BIOS 13 (2000), S. 5-29.
  39. Hockerts, Zugänge, S. 26 u. 30.
  40. Vgl. für Frankreich paradigmatisch: Henry Rousso, Le syndrome de Vichy, Paris 1987; ders., Vichy. L’événement, la mémoire, l’histoire, Paris 2001; für die Niederlande vgl. etwa die kritische Studie von Nanda van der Zee, Om erger te voorkomen. De voorbereiding (voorgeschiedenis) en uitvoering van de vernietiging van het Nederlandse jodendom tijdens de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 1997. Dazu auch: Krijn Thijs, Niederlande – Schwarz, Weiß, Grau. Zeithistorische Debatten seit 2000, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, (3.6.2011).
  41. Vgl. etwa die Debatten über spätkoloniale Gewalt und Dekolonisation: Caroline Elkins, Imperial Reckoning. The Untold Story of Britain’s Gulag in Kenya, London 2004; David Anderson, Histories of the Hanged. The Dirty War in Kenya and the End of Empire, New York 2005; aus der seit ca. 2000 erscheinenden, mittlerweile breiten Literatur zum Algerienkrieg und zur Erinnerung vgl. v.a. die Arbeiten von Benjamin Stora; eine Summe der Forschung zieht der Sammelband: ders./Mohammed Harbi (Hrsg.), La guerre d’Algérie. 1954-2004, la fin de l’amnésie, Paris 2004.
  42. Vgl. Manifeste du Comité de Vigilance face aux usages publics de l’histoire, 17. Juni 2005, online unter http://cvuh.blogspot.de/p/le-manifeste-du-cvuh-version-multi.html (6.3.2014).
  43. Die britische Forschung hat in den 1990er-Jahren den „Konsens“ als „Mythos“ charakterisiert, wobei dieser „Mythos“ in der Aufarbeitung der Thatcher-Jahre eine wichtige Rolle spielte. Vgl. etwa Harriet Jones/M.D. Kandiah (Hrsg.), The Myth of Consensus, Basingstoke 1996.
  44. Zit. nach Carlos Navajos Zubeldia, El regreso dela “verdadera“ historia contemporánea, in: Rivista di Historia Actual 1 (2003), S. 143-162, hier S. 151; vgl. auch Spohr Readman, Contemporary History in Europe, die auf problemorientierte Bestimmungen von „Zeitgeschichte“ durch Geoffrey Barraclough verweist. Für die deutschen Debatten maßgeblich: Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland.
  45. Andreas Wirsching, „Epoche der Mitlebenden“ – Kritik der Epoche, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 8 (2011), H. 1, online unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Wirsching-1-2011.
  46. Catterall, Contemporary History, S. 450, mit Verweis auf Fernand Braudel.
  47. Eine allgemeine Skizze der „Geschichtswissenschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts“ bietet Raphael, Geschichtswissenschaft, S. 266-271.
  48. Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man, New York 1992.
  49. Henry Rousso, Der Historiker als Therapeut und Richter. Was ist Zeitgeschichte in Frankreich zu Beginn des 21. Jahrhunderts?, in: Norbert Frei (Hrsg.), Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?, Göttingen 2006, S. 50-57, hier S. 53.