Heimat
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 09.11.2017
https://docupedia.de/zg/jaeger_heimat_v1_de_2017
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.1113.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 09.11.2017
https://docupedia.de/zg/jaeger_heimat_v1_de_2017
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.1113.v1
Schon wieder Heimat? Heimat hat zweifellos Konjunktur. Allenthalben wird darüber im deutschsprachigen Raum reflektiert. Zudem ist das Interesse daran kein akademisches Phänomen: Das Wort ist alltäglich und kommt in Medien, Werbung, Public Relations und Politik gleichermaßen vor. Die deutsche Geschichte ist seit dem 19. Jahrhundert über Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit, Geschichte der Nachkriegszeit, der Bundesrepublik Deutschland wie der DDR (aber auch Österreichs und der Schweiz) von dem Wort gleichsam durchzogen. Es findet sich bei völkisch-chauvinistischen Bewegungen als Abwehrbegriff gegen Moderne und alles „Fremde”,[1] aber auch im Vokabular der Linken, etwa auf lokalen Wahlplakaten der KPD aus den frühen 1950er-Jahren, auf denen es hieß: „Münchner schützt die Heimat vor neuer Zerstörung”.[2] In seiner Regierungserklärung vom 18. Januar 1973 erwähnte Willy Brandt Heimat mehrfach und hob darauf ab, dass die Bürger „eine Heimat in der Gesellschaft, die allerdings nie mehr ein Idyll sein kann – wenn sie es je war”, suchten. Als Voraussetzung verwies er auf die „Freiheit im Alltag”; in ihr „soll der Bürger seine soziale und seine geistige Heimat finden”.[3] Brandt nutzte den Begriff in Verbindung mit Alltag und Selbstbestimmung, Geborgenheit und Nachbarschaft, setzte den Staat aber nicht mit Heimat gleich, wie die Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus 1979 betonte: Er habe „von einer zu schaffenden Heimat der Bürger im Staat, in der Gesellschaft gesprochen und nicht die affirmative Besetzung Heimat gleich Staat benutzt”.[4] So zeigt sich das Wort als Alltagsbegriff, politisch und ideologisch besetzbar und umstritten mit einer wechselvollen und nicht abschließbaren Geschichte.

Die KPD nutzt einerseits den Begriff „Heimat“, andererseits ruft sie mit der Fotografie der Frauenkirche kurz nach 1945 ein urbanes Münchener Symbol auf, welches durch lokale Barackenwohnungen ergänzt wird. Unten zeigt eine Fotografie die Berliner Karl-Marx-Allee, ein Vorzeigeprojekt urbaner Architektur der frühen DDR. Heimat wird hier mit urbanen Räumen verknüpft und die untere Fotografie steht im Einklang mit dem sozialistischen Heimatbegriff, der die aktive Gestaltung des Raumes durch die Arbeiterklasse hervorhebt.
KPD-Plakat: „Münchner schützt die Heimat“, KPD (München) 1953/54. Quelle: Bundesarchiv Plak 005 - Bundesrepublik Deutschland I (1949-1966), Plak 005-026-035 © mit freundlicher Genehmigung
Das Konzept „Heimat” beanspruchen politische Gruppierungen von links bis rechts für sich. „Heimat” lässt sich als scheinbar genauere Bestimmung vor viele Phänomene setzen. Es scheint, als verkleinere sich damit der Gegenstand oder Sachverhalte würden zugänglicher, vorstellbarer, sympathischer und menschlicher. In der Unbestimmtheit des Begriffs zeigt sich seine prominente emotionale Seite, die ihn für Marketingzwecke jeder Art – und damit sind auch politische Absichten eingeschlossen – attraktiv macht. Warum ist das so? Warum hat der Begriff Konjunkturen und wurde oftmals von konservativen Kräften ins Feld geführt? Aber auch im politisch linken bis linksextremen Spektrum gab und gibt es Auseinandersetzungen damit. Aus dem Alltagsgebrauch verschwand der Begriff ohnehin nie.
Offenbar bildet Heimat einen Kristallisationspunkt von Identitätsprozessen, die angesichts von Modernisierung, Krisen und Globalisierung eine stabile Verortung des Individuums in einer komplexen und dennoch als überschaubar gedachten soziokulturellen und räumlichen Konstellation anboten und bis heute anbieten. Heimat markiert eine lokale Identifizierung, die andere Identifikationen nicht ausschließt, ob es sich nun um regionale, nationale oder transnationale Institutionen, Ideologien oder Glaubensgemeinschaften handelt.
Heimat wird so zu einer Grundeinheit, die sofort wieder abgerufen werden kann, wenn größere Einheiten zerbrechen oder gefährdet sind. Das ist im deutschen Sprachraum eklatant sichtbar nach 1945: Nicht nur wurde nolens volens die unmittelbare Lebensumgebung neu mit Bedeutung gefüllt, sondern durch die massiven Bevölkerungsverschiebungen und politischen Umwälzungen auch mehrfach herausgefordert – der Erfolg des Heimatfilms in Westdeutschland ist ein gutes Indiz dafür.[5] Ebenso zeigt sich, dass in der Deutschen Demokratischen Republik entgegen einer zunächst fundamentalen Ablehnung des Konzepts von Heimat, das als konservativ und bourgeois galt, ein sozialistischer Heimatbegriff entwickelt wurde.[6]
Doch ist das, was im deutschen Sprachraum unter den Begriff Heimat gefasst wurde (und wird), kein rein deutsches Phänomen. Das Fehlen eines analogen Begriffs in anderen Sprachen ist oft als Indiz für das spezifisch Deutsche herangezogen worden. Doch wird dies zunehmend kritisch gesehen.[7] In der Psychologie wie in Teilen der Kulturanthropologie beispielsweise gilt „Heimat” als ein Grundprinzip menschlicher Identität.[8] Es beschreibt ein Geflecht von Beziehungen, welches die Position von Individuen in Gruppen und Gesellschaft lokal, regional, national und global verortet. Letztlich ließe sich damit ein Grundkonzept moderner Vergesellschaftung fassen, unabhängig davon, um welche Kultur und welchen Sprachraum es sich handelt. In der Forschung hingegen scheint dieses Grundkonzept fast ausschließlich auf den deutschen Sprachraum bezogen zu sein, weil nur hier ein Wort – „Heimat” – als Kristallisationspunkt besteht.
Es geht also im Folgenden nicht allein um den Begriff und seine wechselnden Bedeutungen – wenngleich dies forschungshistorisch sehr bedeutsam ist und daher hier viel Raum beansprucht. Es geht eben auch um das grundsätzliche Verhältnis zwischen Individuen zu sozialen und geografischen Räumen, welches den Ort des Einzelnen im gesellschaftlichen Gefüge bestimmt, seiner engeren Umgebung Wert beimisst und ihn gleichzeitig in größere Einheiten einzubinden vermag. Es ist ein Konzept, das für Modernisierungsprozesse insgesamt bedeutsam ist, weil es unterschiedliche Loyalitätsanforderungen integrieren kann.
Es gilt daher, über den deutschen Sprachraum hinaus in der Auseinandersetzung mit den historischen Konjunkturen nachzuforschen, ob der Begriff (oder besser: das Phänomen) nicht einen strukturierenden und heuristischen Wert hat, der ein konstituierendes subnationales und subregionales Phänomen der Moderne bezeichnet, das auf eine kleinräumige, integrative und emotional ansprechende Weise größere Gruppen über längere Zeiträume zu integrieren vermag und dem Einzelnen einen Ort von Individualität und Sicherheit gewährt. Ob das Wort „Heimat” dafür als Begriff brauchbar ist, muss zunächst eine offene Frage bleiben. Ina-Maria Greverus spricht von „Territorialität”[9], Alon Confino hat „Heimatism”[10] ins Spiel gebracht, wenngleich er es auf die moderne deutsche Geschichte bezog, und David Blackbourn und James Retallack haben sich für „Localism”[11] als Leitbegriff entschieden. Der deutschsprachige Diskurs über „Heimat” könnte demnach als ein spezifischer Fall verstanden werden, das grundsätzliche Konzept (Territorialität oder Heimatism) aber als ein grundlegendes Phänomen der Moderne. Dabei ist die Forschung zum deutschen Sprachraum zwar besonders ergiebig, doch können die hier gewonnenen Erkenntnisse grundsätzlich die lokale, regionale oder globale Geschichtsschreibung fruchtbar erweitern.

Die Karte zeigt ein typisches Postkartenmotiv. Eine Ortsansicht mit Kirche im Bildzentrum eingebettet in eine Landschaft, die Wald, Felder, Hügel, Gewässer abbildet. Die Kolorierung unterstreicht nach zeitgenössischer Auffassung den ästhetischen und naturgemäßen Charakter der Ansicht. Keineswegs sind solche Ansichten eine Spezialität deutscher Postkarten, sondern um 1900 weltweit gängig. Da die Postkarte ein alltägliches Kommunikationsmittel war, ist sie keineswegs nur für touristische Zwecke hergestellt und verkauft worden, sondern erfreute sich auch im Nahbereich großer Beliebtheit.
Bildpostkarte, koloriert: „Ratzeburg v. Drei Linden“ ca. 1905 /1906, Verlag Ottmar Zieher, München 8,8 x 14 cm, postalisch gelaufen, 18. Juli 1906. Quelle: Privatbesitz J. Jäger mit freundlicher Genehmigung
Es kann nicht darum gehen, einen Heimatbegriff zu definieren, der für die historische Forschung ein für alle Mal klärt, was sich dahinter verbirgt – dazu ist das Konzept zu sehr an historisch-kulturelle Konstellationen gebunden. Daher ist erstens die Rede über Heimat zu historisieren, und es sind Grundlagen dafür zu schaffen, den Gebrauch des Begriffs in spezifischen Zeitabschnitten und kontextabhängig nachvollziehen zu können.[12] Zweitens gilt es, unabhängig vom Begriff das Phänomen zu erfassen. Hierbei sind Bezüge zu spezifischen Räumen mit topografischen Eigenheiten (Landschaft, Natur), als einzigartig gekennzeichneten sozialen und kulturellen Formen, emotionalen wie rationalen Komponenten ebenso wichtig wie der Wunsch nach Stabilität und Ordnung. Dies muss nicht notwendigerweise konservativ sein oder im Widerspruch zu Veränderungen und Modernisierung stehen, sondern drückt vielmehr den Wunsch aus, Veränderungen nicht passiv zu erleiden, sondern aktiv mit gestalten zu können.
Das Wort „Heimat” ist auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt und findet sich in je unterschiedlicher Schreibweise in mittel-, alt- und mittelniederdeutschen Sprachquellen.[13] Der Bedeutungsgehalt lässt sich in etwa mit „Stammsitz” eingrenzen. Es steht in unmittelbarer Beziehung zu dem Wort „heim”, das Wohnort, Haus bezeichnet. Ferner bezeichnet es auch einen rechtlichen Status, der mit dem Begriff „Heimatrecht” verbunden ist und sich auf Ansässigkeitsrechte bezieht, erworben durch Geburt, Ansässigkeit oder Heirat, und auch die gemeindliche Verpflichtung auf Fürsorgeleistungen einschließt.[14] „Heimweh” wurde schon seit dem späten 17. Jahrhundert als Krankheit beschrieben, hier vor allem als Syndrom, von dem insbesondere Schweizer Söldner befallen würden.[15] Der Begriff fand 1765 unter dem Eintrag „Hemvé” – nun aber nicht mehr exklusiv auf Schweizer bezogen – auch Eingang in die Enzyklopädie Diderots und d'Alemberts.[16] Heimat, wenn man so will, wurde damit auch im französischen Sprachraum thematisiert.
In deutschsprachigen Lexika findet sich das Lemma „Heimath” beispielsweise 1781 in Krünitz' „Oekonomischer Encyklopädie”; dort als „Ort, das Land, wo jemand daheim ist, d. i. sein Geburtsort, sein Vaterland”, definiert.[17] Im „Deutschen Wörterbuch” von Jakob und Wilhelm Grimm wird für „Heimat” die Grundbedeutung, „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat”,[18] angegeben. Deutschsprachige Konversationslexika, ob „Brockhaus Enzyklopädie” oder „Meyers Konversationslexikon”, enthalten das Lemma seit ihren Erstausgaben, ohne die Grundbedeutungen groß zu variieren, und hoben daneben vor allem auf den Rechtsbegriff ab. Vielleicht ein Indiz dafür, wie umstritten das Konzept jenseits seiner semantischen und rechtlichen Bedeutung war.[19] Gegenwärtige deutschsprachige Lexika halten sich hier nicht zurück, stellen den Bedeutungswandel breit dar und verweisen auf widerstreitende Konzepte. Doch als Grundbedeutung heißt es im „Brockhaus”: Heimat sei „eine teils vorgestellte, teils real angebbare Gegend (Land, Landschaft oder Ort), zu der – aufgrund tatsächlichen Herkommens oder vergleichbarer ‚ursprünglicher’ Verbundenheitsgefühle – eine unmittelbare und für die jeweilige Identität konstitutive Vertrautheit besteht”.[20]
Entscheidend für die Herausgeber jedweder Lexika waren Textquellen (hoch-)literarischer, juristischer oder religiöser Provenienz. In der Hochliteratur spiegelte sich eine zunehmende Aufladung und damit Erweiterung des Begriffsinhalts ab dem 18. Jahrhundert.[21] Gleichzeitig tauchte „Heimat-/heimat-” vermehrt als Vorsilbe auf, die oftmals topografische Begriffe genauer bestimmte, Heimatland, Heimathaus, Heimatgewässer, oder Gefühle oder Zustände beschrieb, z.B. heimatsüchtig, heimatlos usw. Seit der Aufklärung wurde also im deutschen Sprachraum – und nicht nur dort – über „Heimat” und deren Bedeutung für Individuen und Gruppen reflektiert, zunehmend in Bezug auf Identifikationsprozesse des Einzelnen mit Räumen, Werten, sozialen und kulturellen Normen, wobei die emotionalen Aspekte betont wurden. Damit begann auch die Auseinandersetzung mit „Heimat” als einem Grundbegriff, der das Verhältnis zwischen Individuum und unmittelbar erlebtem soziokulturellen Raum angesichts größerer Gesellschaftsformationen und abstrakter Loyalitätsforderungen beschreibt. Heimat rückte gleichsam als eine weitere Grundinstanz der Vergemeinschaftung neben die Familie. Die Reflexionen über Heimat bewegten sich im Spannungsfeld zwischen den Polen eines eher „offenen” und eines „geschlossenen” Heimatbegriffs; offen im Sinne von Wandel, Anpassung, Aufnahme von Impulsen aus der „Fremde”, geschlossen im Sinne eines möglichst nicht in seiner Substanz zu verändernden soziokulturellen Raumes, der seine Entwicklung gleichsam weitgehend autonom entfalten soll.[22] Gemeinsam ist den Positionen indes immer, dass Heimat, wenn nicht a priori vorhanden, doch stets einen Bezugspunkt darstellt. Alon Confino hat dies prägnant an Aussagen von Wilhelm II., Ernst Jünger und Kurt Tucholsky aus der Zeit nach 1918 illustriert: „[T]he idea of heimat was one thing they shared as Germans”.[23]
Dieser sehr knappe begriffsgeschichtliche Abriss verdeutlicht, dass „Heimat” in zwei Jahrhunderten zu einem der zentralen Begriffe geworden ist, der lokal basierte Identitätsprozesse auf individueller Ebene im Verhältnis zu größeren Einheiten zu erfassen versucht. Bezugspunkte bilden die Verortung des Einzelnen in ein Beziehungsgeflecht, das zunächst zwar räumlich begrenzt ist, aber auch weit über die eigene Lebenswelt hinaus Verknüpfungen zulässt. Das kann, philosophisch und theologisch, über die diesseitige Welt hinaus in transzendentale Gemeinschaften reichen. Deutlich wird auch, dass das Wort ein überaus fruchtbarer Assoziationsgenerator[24] geworden ist, der eine weite Spanne von Disziplinen gleichermaßen anregt. In der Medizin, Psychologie über Anthropologie, Soziologie, Politologie, Philosophie, Literaturwissenschaft bis hin zur Geschichtswissenschaft – um nur eine Auswahl aufzuzählen – finden sich daher Untersuchungen und Studien zu „Heimat”, die ein nahezu undurchdringliches Dickicht an Überlegungen, Definitionen und Theoretisierungen des Begriffs erzeugt haben; nicht zu sprechen von den vielfältigen politischen Instrumentalisierungen. Einige wichtige ideologisch-politisch fundierte Heimatbegriffe werden im Abschnitt zur Historischen Forschung skizziert.
Die Überlegungen zum deutschen Begriff „Heimat” können an dieser Stelle nicht nach allen Seiten entfaltet werden. Es gilt, mit dem Fokus auf Geschichtswissenschaft und Zeitgeschichte, das Phänomen „Heimat” nach zwei Aspekten hin zu untersuchen. Zum einen stellt sich die Frage nach dem Phänomen an sich. Hierbei ist der geografische Raum der Lebenswelt zwar grundsätzlich als begrenzt definiert, er kann aber auch in den Hintergrund treten, wenn Gemeinschaften sich vor allem über den Glauben – nach theologischen Vorstellungen liegt die wahre Heimat des christlichen Menschen im Jenseits[25] –, durch Überzeugungen und/oder Ideologien verbunden sehen. Dann steht „Heimat” für einen transzendenten Wert und Bezugspunkt, der das Individuum gleichwohl immer mit einer Gemeinschaft verknüpft.
So verfuhren philosophische Einlassungen zum Begriff Heimat: Georg Wilhelm Friedrich Hegel etwa verortete Heimat in der Welt des Geistes.[26] Für Karl Marx standen Produktionsbedingungen und Entfremdungsaspekt im Vordergrund; das Wort Heimat hat er – vielleicht signifikanterweise – wenig verwendet, aber gemeinsam mit Friedrich Engels im „Kommunistischen Manifest” verkündet, dass Arbeiter kein Vaterland besäßen.[27] Den Proletariern wurden später Arbeiterbewegung und politische Überzeugung als Heimat zugewiesen, die an sich keiner räumlichen Bindung bedurften. Und nach Ernst Bloch (1885-1977), um ein jüngeres Beispiel aufzugreifen, ist Heimat vor allem etwas Utopisches, Potenzielles, „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war”.[28] Heimat erhält hier eine mythische Komponente. Es ist unschwer zu erkennen, dass das Phänomen an sich kaum ausschließlich an den deutschen Sprachraum geknüpft sein kann, es aber dort mit dem Wort Heimat einen spezifischen und seit zwei Jahrhunderten kontinuierlich diskutierten Schlüsselbegriff besitzt.
Während die Frage nach dem Phänomen explizit und implizit vor allem in der Philosophie, den Sozialwissenschaften sowie der Anthropologie und Ethnologie gestellt wird, richtet sich das Interesse der Literaturwissenschaft[29] und insbesondere der Geschichtswissenschaft auf die zeit-, raum- und kulturspezifischen Ausprägungen des Verhältnisses. Damit ist der zweite Aspekt angesprochen: Er kennzeichnet die spezifischen Ausprägungen dieses Identitätskonzepts. Sie erfolgen jedoch nicht allein unter dem Etikett „Heimat”, sondern beschäftigen sich mit der Entfaltung regionaler und lokaler Identitätsangebote, mit Formen der Nationsbildung und finden sich in transnationalen und globalhistorischen Studien. Darunter fallen auch Arbeiten zu migrantischen Gruppen und deren Verhältnis zu aufnehmenden Gesellschaften sowie zu Minderheiten in Nationalstaaten. Historische Forschungen, die sich explizit mit „Heimat” oder Heimatlosigkeit (Exilerfahrung und Zwangsmigration[30]) befassen, beschränken sich indes auf den deutschen Sprachraum, namentlich Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Deutschland, Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik und das wiedervereinigte Deutschland. Für diese Arbeiten sind neben anderen Reflexionen aus Philosophie und Soziologie vor allem anthropologische/volkskundliche Überlegungen maßgeblich, die besonders intensiv rezipiert worden sind.
Bevor eingehender auf anthropologisch/volkskundliche Ansätze eingegangen wird, gilt es, einige Schneisen in das theoretische Dickicht zu schlagen. Seit dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff im deutschen Sprachraum in Literatur, Medizin und Philosophie zunehmend gebraucht, freilich ohne ausführlicher das spezifische Phänomen selbst zu ergründen. Die Literatur, die romantische zumal, verarbeitete das Motiv von Heimatliebe, Heimatverlust und Heimweh.[31] Gleichzeitig erfolgte zunehmend die „Entdeckung” oder Aufwertung lokaler Kultur durch Aufklärer wie Johann Gottfried Herder (1744-1803), die eine enge Verbindung zwischen Mensch und Geburtsort für dessen Sein konstatierten. Dazu kamen Überlegungen aus der Geografie, die den lokalen Grundbedingungen des Lebens ebenfalls entscheidende Bedeutung für das Wesen der dort lebenden Bevölkerung beimaßen. In den Worten des Geografen Carl Ritter von 1806 habe „[…] Lokalität den entscheidenden Einfluß auf alle drei Reiche der Natur […], auf Gewinn der Naturprodukte, Verarbeitung und Verbreitung derselben, ebenso wie auf den Körperbau und die gemütliche Anlage der Menschen, auf ihre mögliche oder wirkliche Vereinigung als Völker, Staaten […]”.[32]
Dachte Ritter auch in größeren Kategorien, wenn er von „Lokalität” sprach, so eignete sich der Ansatz dennoch, den lokalen Bezug auch sehr kleinräumig zu denken. Dies alles entfaltete sich angesichts von sozioökonomischer Wandlung und entstehenden Nationskonzepten, die die staatliche Ordnung nicht mehr als (rein) politisch geschaffen, sondern als Organisation gleichsam natürlich zusammengehörender Gesellschaften dachten. Das bedingte eine Auseinandersetzung zwischen den Besonderheiten lokaler „Kulturen” und übergeordneter Strukturen, die aber aufgrund gemeinsamer, „urwüchsiger” Merkmale vermeintlich natürliche Einheiten bildeten. Später setzte sich die Bezeichnung als „Kulturnation” durch. Solche Argumentationen beschränkten sich kaum auf den deutschen Sprachraum, sondern fanden sich zumindest europaweit, wenn nicht darüber hinaus.
In kulturanthropologischen Überlegungen wird verschiedentlich auf soziologische Ansätze u.a. von Georg Simmel (1858-1918), Wilhelm Brepohl (1893-1975) und René König (1906-1992) verwiesen. Gerade die deutsche Soziologie der 1950er- und 1960er-Jahre antwortete auf die gesellschaftliche Problematik der immensen erzwungenen Migrationsbewegungen durch den Nationalsozialismus und nach 1945. Heimat wurde auch in der Soziologie vor allem als ein Beziehungsgeflecht in einem spezifischen, subjektiv erlebten Raum verstanden,[33] das in der Moderne durch Anpassung und Wandlung bestimmt, in „alten Gesellschaften” aber als stabil gedacht worden sei.[34] Für René König bildete die Gemeinde das Zentrum für die emotionale Bindung und das Geborgenheitsgefühl des Menschen in einem spezifischen Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgebilde. Diese Bindung sei umso größer, je länger ein Mensch sich dort aufhalte, und drücke sich in symbolischer Identifikation aus: Ein Teil könne pars pro toto für die gesamte Gemeinde stehen.[35] An der grundsätzlichen Auffassung, dass Heimat ein Identitätskonzept darstelle, das wesentlich für die Integration eines Menschen in einen sozialen Kontext mit lebensweltlicher Grundlage sei, entfalten sich nach wie vor soziologische Überlegungen zum Konzept Heimat. Hierbei bleiben Bezüge zu Werten, Traditionen und Gemeinschaftserfahrungen wichtige Bezugspunkte soziologischer Annäherung an den Begriff. Wie in der anthropologischen Forschung ist aber auch hier weder eine Beschränkung auf den deutschen Sprachraum noch ein statisches Bezugssystem gemeint.
In der Geschichtswissenschaft bilden anthropologische Ansätze den wichtigsten Anknüpfungspunkt für die Auseinandersetzung mit „Heimat”. Für die geschichts- und kulturwissenschaftliche Forschung der vergangenen Jahrzehnte sind die Arbeiten von Hermann Bausinger und Ina-Maria Greverus wichtige Impulsgeber. Beiden gemeinsam ist die intensive Untersuchung der Begriffsgeschichte von Heimat, die bei Bausinger vor allem das 19. und 20. Jahrhundert abdeckt,[36] bei Greverus weiter in die Vergangenheit ausgreift und auf einer überaus materialreichen literaturanthropologischen Untersuchung fußt.[37]
Wie Greverus hat Bausinger immer wieder Bestimmungen des Begriffs vorgenommen; häufig zitiert wird die folgende: „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist – Heimat also als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung, als Bereich der Aneignung, der aktiven Durchdringung, der Verlässlichkeit.”[38] Ein anderes Schlagwort, das von Bausinger geprägt ist, bezeichnet Heimat als „Kompensationsraum”, also als Ort des Rückzugs vor Veränderung, Bedeutungsverlust und des Ausgleichs von Unsicherheiten.[39] Gleichwohl ist Heimat nach Bausinger nicht etwas, das einfach existiere, sondern es erfordere „aktive Aneignung”, was auch bedeute, sich der historischen Dimension von Heimat bewusst zu sein, sie als „etwas Gewordenes” zu begreifen.[40] In jedem Fall sei Heimat eine Bezugsgröße, an die sich neben Grundbedürfnissen auch Wünsche und Vorstellungen gegenüber Gegenwart und Zukunft knüpfen lassen. Das sei der Raum, der den politischen und ideologischen Gebrauch des Begriffs Heimat ermögliche. Bausinger plädiert dafür, Heimat als „Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung, die nicht an äußeren Symbolen und Emblemen des Heimatlichen Halt macht”, zu denken und nicht auf einen bestimmten Gebrauch oder bestimmte ideologische Instrumentalisierungen zu reduzieren.[41]
Ina-Maria Greverus führt das Phänomen noch stärker auf eine anthropologische Konstante zurück, die sie mit dem Begriff der „Territorialität” beschreibt.[42] Das bezeichne den notwendigen Bezug des Individuums zu einem Raum, der Bedürfnisse nach Stimulation, Sicherheit und Identität befriedige und Verhaltenssicherheit ermögliche,[43] da sich der Einzelne „als anerkanntes und sich erkennendes Mitglied eines sozio-kulturell gegliederten Raumes” erleben könne.[44] Die Bindung an ein Territorium oder der Wunsch nach einem solchen bilde indes keine unauflösliche Verknüpfung mit einem bestimmten geografischen Raum, sondern die Vorstellung eines Reviers stünde bei dieser Konzeption Pate.[45] Ein solches Territorium lässt sich nach Greverus als „Satisfaktionsraum” verstehen, als jenen soziokulturellen Raum, in dem Individuen subjektiv-emotional Sicherheit, Identität und Handlungsfreiraum erleben.
Greverus hat Territorialität ausführlich am Beispiel von „Heimat” im deutschen Sprachraum untersucht. Dennoch hat sie immer wieder betont, dass zwar „Heimat” als Wort dem deutschsprachigen Raum zugehöre, die Prinzipien von Territorialität und Satisfaktionsraum hingegen als anthropologische Konstanten aber jeder menschlichen Gesellschaftsform eigen seien.[46] Wichtig bei der Konzeption ist, dass territoriales Verhalten/Heimat kulturell determiniert ist.[47] Die Ausdrucksformen sind daher immer in spezifische historische Kontexte eingebettet.
Der Begriff Heimat zerfällt nach Greverus somit in einen terminus technicus, der unabhängig von Sprache ein Phänomen beschreibe (Territorialität), und einen alltags- und hochsprachlichen Begriff im Deutschen (Heimat), dessen Bedeutungsgehalt historisch bedingt und der mit spezifischen kulturbedingten Konnotationen versehen worden sei. Vor allem die räumliche Festlegung wie auch die emotionale Aufladung von Heimat seit dem 19. Jahrhundert verdeutlichten die kulturelle Determinierung. Sie würden darauf verweisen, dass die Auseinandersetzung mit Heimat eine Reaktion auf tatsächliche wie vermutete Modernisierungsprozesse, auf Nationalstaatsplanungen und -bildung mit allen dazu gehörenden gesellschaftlichen Veränderungen sowie auf gesteigerte Mobilität darstelle. Auch philosophische und theologische Überlegungen, die den Gehalt des Begriffs in transzendente Richtungen verschieben würden, zeigten das.[48] Reflexionen über die eigene Territorialität/den eigenen Satisfaktionsraum erfolgen nach Greverus also zumeist dann, wenn diese als bedroht oder herausgefordert verstanden werden. Es sind diese Auseinandersetzungen mit „Heimat”, die das Phänomen geschichtswissenschaftlich zugänglich machen.
Ein Überblick über die historische Forschung zum Themenkomplex Heimat macht mehrere Schwerpunkte deutlich: erstens das Kaiserreich und die Identitätspolitiken (auch bezüglich der Kolonien); zweitens die Radikalisierung des Heimatdiskurses in Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Deutschland; drittens der Heimatdiskurs der 1950er- und 1960er-Jahre sowie ansatzweise die Veränderungen des Diskurses seit den 1980er-Jahren. Der Begriff Heimat ist der historischen Forschung keineswegs fremd. Schon die systematische Erfassung lokaler Bräuche, Traditionen, von Dichtung und Kultur erfolgte seit dem 18. und 19. Jahrhundert auch aus einem historischen Blickwinkel. Heimat kam in der deutschen akademischen Geschichtswissenschaft ebenso vor, wenn es um lokale Zugehörigkeiten ging. Auch Untersuchungen zu völkischen Bewegungen oder Natur- und Umweltgeschichte verweisen auf einschlägige Tätigkeiten von Heimatvereinen und -verbänden. Das Phänomen „Heimat” ist indes erst relativ spät zu einem eigenständigen Thema in der Geschichtswissenschaft geworden.
Wichtige Impulse kamen in den 1990er-Jahren von Celia Applegate und Alon Confino aus den USA, die den Diskurs um „Heimat” im 19. und 20. Jahrhundert zentral in ihre Überlegungen zu deutscher nationaler Identität seit dem Kaiserreich einbanden.[49] Beide entwickelten ihre Thesen anhand regionaler Beispiele; Applegate untersuchte die Pfalz, Confino Württemberg. In beiden Fällen wurde das Konzept von Heimat dahingehend interpretiert, dass es die jeweilige Region in das 1871 gegründete Staatswesen zu integrieren versuchte, indem regionale Loyalitätsgefühle auf die Nation übertragen worden seien. Dazu sei es freilich notwendig gewesen, diese Gefühle teils erst zu wecken, teils zu verstärken und zu kanalisieren. Träger dieser Bewegung waren laut Applegate und Confino liberale bis liberal-konservative bürgerliche Kreise, lokale Honoratioren.[50] Das Konzept von Heimat erlaubte, die regionalen Besonderheiten und Spezifika als Varianten eines übergeordneten Ganzen zu begreifen und somit Loyalitätskonflikte zwischen Region und Nation aufzulösen oder abzuschwächen.
Beide Untersuchungen befassen sich mit der Begriffsgeschichte und den politischen und ideologischen Instrumentalisierungen von Heimat. Sie verweisen auch auf die Umsetzung der Konzepte in Heimatvereinen, Heimatforschung, Heimatmuseen, lokaler und regionaler Festkultur. Hinter der Idee spezifischer heimatlicher Identität würde aber, wie Confino schreibt, etwas ganz anderes stehen, und zwar Erfindung, Mythos, Nostalgie und Sentimentalität:[51] „Heimat […] became the ultimate metaphor in German society for roots, for feeling at home wherever Heimat was.”[52] Wo Heimat gewesen sei, sei auch – für eine Reihe von Protagonisten – die Nation gewesen, trotz aller erkennbaren Unterschiede. Confino bettet seine Überlegungen in die Forschungen zu kollektiven Erinnerungen (nach Maurice Halbwachs) ein: Die Idee der (deutschen) Nation sei als Prozess des kollektiven Aushandelns und des Austausches von Erinnerungen, in Texten, Bildern und Praktiken, zu verstehen.[53] Beide Arbeiten von Applegate und Confino zeigen, wie sich die Heimatbewegungen den Zeitläuften anpassten, nach dem Untergang des Kaiserreichs in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus jeweils an ihre Traditionen aus dem 19. Jahrhundert anknüpften, sich aber an den Gegebenheiten orientierten und teils – im NS – auch politisch-ideologisch andienten.
Für das Deutsche Kaiserreich ist auffällig, dass eine Reihe von Institutionen, die sich der Pflege von Heimat verschrieben hatte, sich immer stärker an konservativen, völkischen, chauvinistischen und rassistischen Vorstellungen orientierte. Sichtbar wurde das in den nationalen Dachverbänden wie zum Beispiel im Dürerbund (gegründet 1902 in Dresden) und im Bund Deutscher Heimatschutz[54] (gegründet 1904 ebenfalls in Dresden). Beide zielten auf die Bewahrung und den Schutz dessen, was zwar lokal als spezifisch, aber dennoch als deutsch galt – in Kunst, Kultur oder Natur. Im Grundsatz kritisch bis ablehnend gegenüber der Moderne und der Industriegesellschaft eingestellt, sahen sie in der Verwurzelung des Menschen in einer Landschaft ein Gegenmittel: Heimat als „Ausgleich in der Befriedigung der körperlichen und seelischen Bedürfnisse”, wie es Ferdinand Avenarius, Mitbegründer des Dürerbundes, 1904 ausdrückte.[55] Es ginge darum, „Heimaten um uns zu fühlen”, statt „vergewaltigter Natur”,[56] womit er durch wirtschaftliche Interessen geprägte Veränderungen von Feld, Gewässern und Wäldern meinte. Einher ging eine Abwehrhaltung gegenüber allem „Fremden” und die Idealisierung einer organischen Verknüpfung von Volkstum, Landschaft und Natur. Fluchtpunkt der Heimatschutzbewegung und des frühen Naturschutzes war also stets die „Landschaft”, und zwar die deutsche Landschaft, die durch die jeweils siedelnden, „stammlich” differenzierten Landsmannschaften unverwechselbar geformt worden sei.[57] Damit ergaben sich zahllose Anknüpfungspunkte an die völkische Ideologie. Heimat ließ sich an die dort geborenen und lange ansässigen Menschen binden und bildete so auch die Grundlage der „Blut und Boden”-Ideologie, wie sie in den 1920er-Jahren entstand. Diese Ausprägung des Heimatdiskurses und dessen Verknüpfung mit nationalen Bewegungen, die sich zunehmend radikalisierten und auf ethnisch und kulturell homogene Bevölkerung setzten, ist in der Geschichtswissenschaft deutlich herausgearbeitet worden, wie es Hans-Ulrich Wehler ebenso knapp wie prägnant am Beispiel des Deutschen Ostmarkenvereins dargelegt hat.[58]

Das Motiv vereint Bildmotive, namentlich Dorf, ländliche Umgebung, Kirchturm und Landbevölkerung, die zum Standardrepertoire von Heimatikonografie gehören. Dunkle Wolken symbolisieren die Bedrohung, der Regenbogen Hoffnung.
Plakat: „Kriegsanleihe Den Feinden zum Trutz / Der Heimat zum Schutz“ ca. 1916, Grafiker: Wilhelm Schulz (*1865), Verlag Oskar Leiner (Leipzig), 23 x 33,5 cm. Quelle: Bundesarchiv Plak 001-005-060-T2 mit freundlicher Genehmigung
Damit ist indes immer nur der Teil der Heimatbewegung (oder des Heimatdiskurses) in den Blick geraten, der nationale oder chauvinistische Bewegungen mit lokal basierten Argumenten versorgte. Entsprechend wird auch die Heimatbewegung der Weimarer Republik betrachtet; ihre – so Willi Oberkrome – „Fundamentalpolitisierung”[59] besaß einen konservativen bis zuweilen rechtsradikalen Anstrich. Sie entfaltete auch deswegen Wirkung, weil Heimatkunde stärker in den schulischen Lehrplänen verankert wurde und damit als Teil staatsbürgerlicher Erziehung galt, dort freilich nicht in radikaler Form. Einer der gewichtigsten Vertreter der konservativen Heimatbewegung, der Pädagoge Eduard Spranger, betonte, dass Heimat erworben werden müsse: „Es ist eine ganz falsche Vorstellung, dass man schon in eine Heimat hineingeboren werde. Zur Heimat wird diese gegebene Geburtsstätte erst dann, wenn man sich in sie hineingelebt hat. Deshalb kann man sich auch fern von dem Orte des Geborenwerdens eine Heimat schaffen.”[60] Im Heimatdiskurs der 1920er-Jahre findet sich teilweise aber auch eine weniger ablehnende Sicht auf Moderne, Urbanisierung und Industrialisierung, verbunden mit der Forderung, dass sich moderne Infrastruktur oder Produktionsstätten in eine Landschaft einfügen sollten und gegebenenfalls auch mit lokalen Baumaterialien zu errichten seien.[61]
Im NS-Deutschland zielten die Machthaber darauf, auch die Heimatbewegung zu zentralisieren, „gleichzuschalten” und den ideologischen Vorgaben des Regimes entsprechend umzuwandeln. Zwar ließ sich mit Verweis auf „Heimat” trefflich im Sinne der NS-Ideologie argumentieren, doch deckungsgleich waren die Konzepte der organisierten Heimatbewegung und der NSDAP keineswegs. Die Heimatbewegung basierte auf einem föderalistischen, lokalen Prinzip,[62] während die Idee einer übergreifenden, ethnisch homogenen „Volksgemeinschaft”[63] einen Kern der NS-Ideologie darstellte. Eine gemeinsame Formel hob auf das Prinzip ab, dass erst Heimatliebe zur Vaterlandsliebe befähige. Es wertete Heimat (und Region) auf, weil dort wichtige Elemente der gemeinsamen National- bzw. Volkskultur verortet wurden, die der gedachten Gemeinschaft eigen und eigentümlich sein sollten.[64] Obwohl die kulturkonservative, nationale und zuweilen auch rassistische Ausrichtung der bestehenden Vereine und Verbände Anknüpfungspunkte zu den neuen Machthabern bot, ließ sich der Eigensinn der Heimatbewegung nicht einfach ausschalten und überformen. Führende Köpfe der Heimatvereine und -verbände biederten sich zwar dem Regime an und mochten teils auch überzeugte Nationalsozialisten sein; es blieb aber bei einem gewissen Freiraum, der im Übrigen nach 1945 als Zeichen von Politik- und Ideologieferne gedeutet werden konnte.
Zudem existierte keine einheitliche Strategie auf Seiten der NSDAP, wie mit den zumeist bürgerlich geführten Vereinen und Verbänden umzugehen sei. Dazu kam die für die NS-Zeit typische Konkurrenz verschiedener Organisationen: Alfred Rosenbergs „Kampfbund für deutsche Kultur” befand sich in Konkurrenz mit dem „Reichsbund Volkstum und Heimat”, der von Werner Georg Haverbeck geleitet wurde. Diese Situation bot für die Heimatbewegung gewisse Handlungsfreiheiten, denn die NS-Dachorganisationen waren oft nicht in der Lage, die bestehenden Vereine zu durchdringen und ideologisch auf Linie zu bringen. Auch entwickelten sich in einzelnen Gauen separate Initiativen. So etwa in Sachsen unter Gauleiter Martin Mutschmann, der mit der Gründung des „Heimatwerks Sachsen” ab 1936 das Ziel verfolgte, alle regionalen kulturellen Bestrebungen zu zentralisieren. Aber auch hier zeigte sich, dass „sich den traditionellen Kräften der Heimatbewegung zunehmend die Möglichkeit [eröffnete], die neu geschaffenen Strukturen des ‚Heimatwerkes’ zu nutzen, um eigene Interessen durchzusetzen”.[65] Das macht aus der Heimatbewegung keineswegs einen Ort des Widerstands, verdeutlicht aber die Grenzen nationalsozialistischer Gleichschaltung und zeigt Beharrungskräfte auf lokaler und regionaler Ebene gegenüber NS-Organisationen und Vereinnahmungen. Mit dem Zusammenbruch 1945 lokalisierten sich die Heimatbewegungen erstaunlich problemlos wieder.[66]
In der neueren Zeitgeschichte sind vor allem die 1950er- und frühen 1960er-Jahre untersucht worden. Die massiven Bevölkerungsverschiebungen durch Flucht und Vertreibung haben die frühe Bundesrepublik Deutschland wie die Deutsche Demokratische Republik geprägt. Etwa 12-14 Millionen Menschen waren gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen und sich neu anzusiedeln. Die Bevölkerung musste sich mit den Neuankömmlingen arrangieren, und alle hatten die Veränderungen der eigenen Lebenswelt zu verarbeiten. Heimat spielte daher in den gesellschaftlichen Diskursen eine große Rolle: Die „Heimatvertriebenen” suchten ihren Platz in der jeweiligen Nachkriegsgesellschaft in Ost- und Westdeutschland und hofften teilweise auf eine Rückkehr in die verlorenen Gebiete. Die Bestandsbevölkerung stand vor der Aufgabe, mit dieser Situation umzugehen und die eigene Identität gegebenenfalls neu zu definieren. Neben die bestehenden und sich wieder neu bildenden lokalen (kulturellen) Vereinigungen traten nun die Vereine der Migranten, die sich schon bald nach Kriegsende organisierten.
In der Bundesrepublik wurde mit dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) im Januar 1950 von Waldemar Kraft (1898-1977) eine politische Interessenvertretung gegründet (zunächst in Schleswig-Holstein), die auf der Ebene der Länder und der Bundesregierung agierte, um einerseits die Integration in die Bundesrepublik zu erleichtern und andererseits das Recht auf Rückkehr politisch zu vertreten.[67] In den 1950er-Jahren war der BHE an Länder- und Bundesregierungen beteiligt, bevor die Partei an Bedeutung verlor. Während der BHE durchaus schon frühzeitig das Interesse der Forschung geweckt hat, so ist dies für Vertriebenenvereine oder -verbände oder solche Institutionen, die sich dieser Gruppe annahmen, auf regionaler und lokaler Ebene erst später erfolgt.[68] Die Gründung von Vereinen entsprechend der landsmannschaftlichen Herkunft[69] oder aufgrund der gemeinsamen Erfahrung von (Zwangs-)Migration erfolgte direkt ab 1945, zahllose dieser Vereine bestehen auch gegenwärtig noch.
Wenngleich die wohl vor allem von der Politik der 1950er- und 1960er-Jahre gepflegte Erzählung von der raschen und gelungenen Integration der Flüchtlinge/Vertriebenen seit längerer Zeit wesentlich differenzierter gesehen wird,[70] bleibt doch zweierlei bislang eher wenig untersucht: die soziokulturelle Erfahrung der Ankommenden und die Identifikationsprozesse (oder deren Ausbleiben) mit der neuen lokalen und regionalen Umgebung.[71] Dort trafen sie auf lokale Heimatvereine und -verbände, die an ihre Tätigkeiten vor 1933 anknüpften und gleichzeitig ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus bagatellisierten – wenn diese überhaupt zur Sprache kam. Hier wäre eingehender zu betrachten, wie sich Zugewanderte und Einheimische mit der Situation arrangierten.[72] In jedem Fall scheint das ausgeprägte Interesse für Heimat in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten ein entscheidendes Feld gewesen zu sein, das die Erfahrung intensiven Wandels produktiv verarbeiten ließ. Somit boten „[h]eimatkulturelle und geschichtspolitische Sinnstiftungen […] in der langen Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre einen weitgespannten Integrationsraum”, vermutet Habbo Knoch.[73] Dieser Integrationsraum umspannte nicht nur die Zugewanderten, sondern eben auch die Einheimischen. Hier ließe sich auf die reichhaltige soziologische Forschung zurückgreifen,[74] die dem Themenkomplex Heimat, Fremde, Flüchtlinge und Vertriebene viel theoretische und empirische Aufmerksamkeit schenkte.[75]
Die Auseinandersetzung in der DDR gestaltete sich anders als in der Bundesrepublik. Die Ostberliner Regierung lehnte das Konzept „Heimat” zunächst ab, denn es galt als Hort unausrottbarer romantisierender (Klein-)Bürgerlichkeit.[76] Gleichwohl ließen sich die regionalen Kulturvereinigungen nicht einfach in die sozialistischen Massenorganisationen eingliedern und auf den politisch gewollten Internationalismus einschwören. Stattdessen entwickelte man einen sozialistischen Heimatbegriff, der die Rolle des Einzelnen im Kollektiv für seine unmittelbare Lebenswelt hervorhob: Heimat gehöre nicht mehr dem Bürgertum, sondern den Werktätigen, die ihre Lebenswelt nach den Prinzipien des Sozialismus gemeinsam gestalteten und damit gleichzeitig eine Verwurzelung dieser Prinzipien gewähren sollten.[77] Bindung an die sozialistische Heimat sollte auch ein Mittel gegen die Massenflucht nach Westen sein, zielte aber ebenso gegen (kulturelle) Einflüsse aus dem kapitalistischen Ausland generell.[78] Es war der Versuch, eine positive Setzung gleichzeitig mit der Abwehr von Einflüssen aus der Vergangenheit und dem Westen (namentlich der Bundesrepublik) zu verbinden, die als negativ galten, wie die Einhegung bestehender lokaler und regionaler Traditionen.

Die SED Thüringen wirbt um Stimmen mit einem fotografischen Bildmotiv, welches genau so auch auf Plakaten für westdeutsche Heimatfilme hätte genutzt werden können. Eine jüngere Frau in trachtenähnlicher Kleidung sitzt auf einem Holzzaun oberhalb eines sonnenüberfluteten Tales, welches frei von modernen Einflüssen zu sein scheint. Hier offenbart sich, dass ältere (bürgerliche) Heimatvorstellungen durchaus noch gängig waren. Erst in den 1950er Jahren entstand mit der Idee der „sozialistischen Heimat“ ein Alternativprogramm.
SED-Plakat: „Für Frieden, Recht und Heimat“, SED Landesvorstand Thüringen, September/Oktober 1946ca. 42 x 58 cm. Quelle: Bundesarchiv Plak 100-015-038 mit freundlicher Genehmigung
Fluchtpunkte der lokalen Identitätsbildung sollten einerseits der sozialistische Staat[79] insgesamt sowie der Internationalismus sein, andererseits war die Überwindung bürgerlich-kapitalistischer Besitzverhältnisse notwendig, weil sie letztlich zu einer Instrumentalisierung von Heimat führen würden. Als Kontrast galt der Umgang mit „Heimat” in der Bundesrepublik Deutschland.[80] Träger des offiziellen Heimatgedankens war im Prinzip der 1945 gegründete Kulturbund, der aber nur bedingt die Agenda der angegliederten Vereine bestimmen und so deren praktische Tätigkeit bisweilen nur gering beeinflussen konnte. So entfaltete sich auch in der DDR ein vielfältiges Netzwerk regionaler und lokaler Kulturvereine, die je nach politischer Maßgabe aus Berlin mehr oder weniger bedrängt ihren Tätigkeiten nachgehen konnten, sofern sie nicht in direkte Opposition zum Regime gerieten. Thomas Schaarschmidt bilanziert daher: „[kaum etwas] erleichterte […] die Integration der Gesellschaft in das politische System so sehr wie die systemwidrige, zumeist nur taktisch motivierte Tolerierung gesellschaftlicher Freiräume”.[81] Damit aber, so ließe sich zuspitzen, wurden kulturelle lokale und regionale Organisationen zu einem wichtigen Stabilisator des Staates.

Ein kleines Dorf inmitten einer kleinteiligen landwirtschaftlich geprägten leicht hügeligen Landschaft. Eule und Tanne deuten Wald an. Die Moderne hat in diesem Bild keinen Platz – aufgerufen werden auch 1952 in der DDR noch die ikongrafischen Muster der Heimatschutzbewegung des Kaiserreichs.
Ausstellungsplakat: „Natur und Heimat“, Gera 1952, Ausstellung im Rahmen der Sommerferienlager-Aktion/Kulturbund. Grafiker: Lienert und Schirner, Druck: Gerth & Oppenrieder, Gera. Quelle: Bundesarchiv B 285 Plak-042-015 mit freundlicher Genehmigung
Im Rahmen kulturhistorischer Forschung ist für die Bundesrepublik Deutschland das Phänomen des großen Erfolgs von Heimatfilmen ab 1950 bis in die 1960er-Jahre hinein besonders beachtet worden.[82] Zunächst als flache Unterhaltungsware gebrandmarkt, schien der Erfolg des Genres – das allerdings bereits spätestens in den 1920er-Jahren entstanden war – einem verbreiteten Eskapismus geschuldet zu sein. Neuere Forschungen haben indes ein differenzierteres Bild hervorgebracht: Im Heimatfilm wurden – auf spezifische Weise zwar – grundlegende gesellschaftliche Probleme angesprochen: Modernisierung, Vertreibung und Migration, Stadt-Land. Zudem nutzte er die Bildersprache vertrauter Heimatikonografien und vermittelte Eindrücke einer stabilen, dem ästhetischen Empfinden entsprechenden Ordnung, die sich in der Moderne behaupten konnte. Wenngleich die Heimatideen hier offensichtlich an das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert anknüpfen und damit durchaus konservativ aufgeladen sind, ist die Heimat der Heimatfilme dennoch nicht vom Zeitgeschehen abgekoppelt, sondern integriert bei allem Konservatismus dennoch Moderne, Mobilität und Technologie auf eine nach damaliger Auffassung versöhnliche Art. Heimatfilme wurden nicht nur in Westdeutschland produziert, sondern auch in Österreich und in der DDR, wenngleich dort die politische Ausrichtung im Sinne des Systems wichtig war und die Filme eine „progressive”, sozialistische und durchaus nationale Botschaft vermitteln sollten.[83]
Wenngleich die Bedeutung visueller Kommunikation für Heimat schon verschiedentlich erwähnt worden ist,[84] besonders bei Alon Confino – „We should think of national memory also as an iconographic process” [85] – und, wenig überraschend, bei Arbeiten zum Heimatfilm, ist das Thema aber kaum eingehender behandelt worden. Dabei ist die Entdeckung der lokalen Umgebung, Landschaft, Architektur und Natur und ihrer spezifischen Bedeutung ein wichtiger Schritt für lokale Identitätsbestrebungen. Für Confino steht zwar im Vordergrund, dass die Bilder austauschbar in Form, Ästhetik und Motivik waren und daher als universale Zeichen und Symbole für „Heimat” stehen können.[86] Auf individueller Ebene ist es indes nicht belanglos, ob der eigene Ort im Bild repräsentiert ist oder ein anderer in weiter Entfernung. Generell lässt sich die Visualisierung der eigenen Lebenswelt als Versuch lesen, eben diese Welt als gleichwertig zu begreifen: im regionalen, nationalen, aber auch globalen Vergleich.
Das kann als Effekt der im Kaiserreich entstandenen Heimatkunstbewegung betrachtet werden, die von der kunstwissenschaftlichen Literatur als konservativ und traditionell bezeichnet und von der historischen Forschung kaum beachtet, bestenfalls gestreift wird, aber, wie Jennifer Jenkins nachweisen kann, wesentlich komplexer ist. Die Wendung hin zu lokalen und vergleichsweise undramatischen oder im Sinne akademischer Kunstauffassung unwürdigen Motiven besaß neben einem eher traditionellen auch ein sehr modernes Moment: „The local environment was the terrain upon which new visual languages were thought out.”[87] Zudem war auch dies keinesfalls eine auf Deutschland beschränkte Bewegung, sondern ein zumindest europaweites Phänomen. Wendet sich der Blick auf alltägliche ästhetische Praktiken, so wird sofort deutlich, dass beispielsweise die amateurfotografische Bewegung in den Industriestaaten um 1900 sehr stark lokal orientiert war, gleichzeitig international vernetzt und durchaus wirkmächtig ihr „Bildprogramm” verbreiten konnte,[88] das wiederum in die angewandte Kunst ausstrahlte. Elizabeth Edwards sieht die englische amateurfotografische Bewegung, die seit den späten 1880er-Jahren mehr oder weniger systematisch lokale und regionale Ansichten produzierte, als „entangled with the tension between local and national desires and imagination, between the local negotiation of dominant structures and the translation of the local within a visual discourse of the national”.[89] Nicht zuletzt die Postkartenästhetik bis in unsere Gegenwart hinein wurzelt unter anderem in diesen Bewegungen.
Es zeichnet sich in der Forschung ab, dass mit den 1970er-Jahren ein neues Kapitel im Umgang mit „Heimat” aufgeschlagen wurde: „Im Kontext der Umweltbewegung der 1970er-Jahre wurde Heimat neu definiert und regionale Zugehörigkeit rehabilitiert”, diagnostiziert Axel Goodbody.[90] Ina-Maria Greverus verortet als unmittelbare Zeitzeugin die Rehabilitierung des Begriffs in der neuen zivilgesellschaftlichen Protestbewegung: eine politische Vereinnahmung und wissenschaftliche Konjunktur, die sich in „Denkmalpflege, Altstadtsanierung und Dorferneuerung, neue[m] Geschichtsbewusstsein, Altstadtfeste[n], Jubiläen, Nostalgie, Dialekt, Volkslied, kulturgeschichtliche[n] Museen” ebenso niedergeschlagen habe wie in Werbung und Public Relations.[91] Der museale Heimatboom der 1970er-Jahre[92] steht damit in Zusammenhang – wenngleich Heimatmuseen schon weit länger bestanden. Die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Identitätsdiskussionen der 1980er-Jahre sowie die Auseinandersetzung mit Globalisierung[93] und nicht zuletzt die deutsche Einigung erfolgten auch immer wieder im Rückgriff auf Heimatkonzepte, Regionalismus und lokale Identifikationspolitiken, unabhängig ob ländlich oder städtisch geprägt. Bei der Geschichte von Naturschutz und Umweltbewegungen sind die Wurzeln auf die Heimatbewegung des Kaiserreichs zurückgeführt und Kontinuitäten herausgearbeitet worden.[94] Schutz der Natur und Sorge um die Umwelt setzten zumeist mit einem Engagement für die unmittelbare Lebenswelt ein, da hier die Kenntnisse der Situation vor Ort und die sozialen und kulturellen Gegebenheiten wichtig waren, um dem Engagement den notwendigen Rückhalt zu verschaffen.
Ein besonderes Feld der neueren historischen Forschung bildet die Kolonialgeschichte, die teils angeregt durch den cultural turn, teils durch die postcolonial studies die Frage nach dem Selbstverständnis von kolonialen Siedlern neu gestellt hat. Überhaupt können in diesem Zusammenhang Migrationsgeschichte und Globalgeschichte als weitere Impulsgeber benannt werden.
Im Kaiserreich galt es für Siedler wie koloniale Verbände, die Kolonien in ein nationales Narrativ zu integrieren, und dies erfolgte mithilfe der zeitgenössischen Rede von Heimat. So hat Krista O'Donnell beispielsweise argumentiert, dass das Prinzip Heimat auf die Kolonien übertragen worden sei: Deutsche Siedler wurden zur heimatschaffenden Gemeinschaft, die in Übersee nach den gleichen Prinzipien wie im Kaiserreich ihre Lebensumwelt durch schöpferische Tätigkeit und Verwurzelung, emotionale Bindung und Abgrenzung gegenüber dem Fremden gestaltete. Zentral für dieses Heimatkonzept sei die Zugehörigkeit zur Nation gewesen: „The ideal of Heimat, with all its domestic connotations, is particularly important in the German case because of its centrality to popular conceptions of German nationalism.”[95] Nur wenn es gelungen sei, in den Kolonien durch Aufbau von Siedlergemeinschaften „Heimat” zu schaffen, sei die Kolonie als gleichwertig – bezogen allerdings nur auf die Siedler, nicht auf die indigene Bevölkerung – zu anderen Teilen des Kaiserreichs angesehen worden.

Die Illustrierte „Kolonie und Heimat“ war das Organ des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft. Sie versuchte, die Kolonien in Deutschland zu popularisieren und als Siedlungsgebiet attraktiv zu machen. Die afrikanische Frau im Korbsessel und europäischer Reformkleidung steht im Kontrast zum Titelbild der Ausgabe, die sie in den Händen hält, deutet aber an, dass auch in den Kolonien eine „Heimat“ möglich war. Das Bild dürfte allerdings zeitgenössisch eher irritiert haben, verband man mit Heimat kaum die Bevölkerung in den Kolonien und mit afrikanischen Frauen noch weniger eine gediegene, gebildet-bürgerliche Häuslichkeit.
„Kolonie und Heimat“ ca. 1911, s/w Fotografie 18 x 18 cm. Name der Frau und Fotograf unbekannt. Quelle: Bundesarchiv Bild 146-2014-0007 mit freundlicher Genehmigung
Ausgeblendet wurde freilich, dass die Identifikation mit und die Loyalität zur „neuen Heimat” möglicherweise auch zu einer politischen Loslösung vom Mutterland führen konnte. Letzteres galt auch für Kolonialenthusiasten nach 1918, die in den ehemaligen deutschen Kolonien ein gleichsam besseres Deutschland zu finden meinten. Wie Willeke Sandler am Beispiel der Fotografin Ilse Steinhoff herausgearbeitet hat, sollte auch im Bild festgehalten werden, wie sich deutsche Siedler in den 1930er-Jahren ihre „Heimat” bewahrten.[96] Das variiert das Thema von Heimat als „Kompensationsraum” (Hermann Bausinger), indem die deutschen Siedler als Beispiel für eine „gesunde” Beziehung zwischen Natur, Lebenswelt und Mensch galten und die koloniale Gemeinschaft als potenzieller Quell der Regeneration für die deutsche Gesellschaft und als integraler Teil eben dieser Gesellschaft gesehen wurde.[97] Die Studie von Sandler ist zudem bemerkenswert, weil sie den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Heimat thematisiert – ein Forschungsdesiderat.
Untersuchungen zum Phänomen „Heimat” gehen nicht über die deutschen Grenzen hinaus; selbst Österreich und die Schweiz werden selten betrachtet. Transnationale Überlegungen fehlen mit Ausnahme der kolonialgeschichtlichen Auseinandersetzung mit Heimatkonzepten. Ebenso sind die verschiedentlich angesprochenen bildhistorischen Aspekte (Visual History von „Heimat”) wenig untersucht. Auch abweichende, „linke” oder liberale Heimatkonzepte sowie geschlechterspezifische Fragen sind in der geschichtswissenschaftlichen Forschung eher marginal.
Heimat wird als ausgesprochen deutsches Thema wahrgenommen. Vergleiche mit analogen Bewegungen – mit Ausnahme von Natur- und Umweltschutz[98] – werden nicht angestellt. Die Forschung „klebt” am Wort und nimmt das Phänomen nur in den Blick, wenn es im Diskurs mit „Heimat” verbunden wird. So erklärt sich auch, dass vor allem Organisationen untersucht wurden, die das Wort prominent im Namen oder Programm führ(t)en. Einigkeit herrscht mit Blick auf den konservativ-chauvinistischen und rassistisch geprägten Teil der Heimatbewegung, dass diese Entwicklungen nicht verharmlost werden dürfen.[99] Will Cremer und Ansgar Klein betonten bereits 1990 das konservative Element, das sich auf einen „reflexiv gewordenen Traditionalismus”[100] stütze und in dem chauvinistische Elemente sowie völkisches Denken angelegt seien.[101] Es muss aber angemerkt werden, dass dieses Bild aufgrund von Forschungslücken besteht: Es wurden bislang weder die Texte und Institutionen genauer auf die tatsächliche Spannweite des Diskurses hin überprüft, noch gibt es hinreichend Arbeiten zum Heimatdiskurs der 1920er- und 1930er-Jahre. Auch fehlen alltagsgeschichtliche Studien zur urbanen, lokalen und regionalen Ausgestaltung und Wirkung jenseits der antimodernen bis chauvinistischen Heimatkonzepte. Dabei zeigen neuere begriffsgeschichtliche Analysen, dass sich im 19. Jahrhundert mehrere Heimatkonzepte bildeten: „offene”, die Heimat dynamisch sahen und nicht unbedingt ausgrenzend, und „geschlossene”, die Heimat gegenüber fremden Einflüssen abzuschotten gedachten.[102]
Bei der Beschreibung von Diasporagemeinschaften fällt die Dynamik und Dehnbarkeit des Heimatbegriffs besonders ins Auge: Da hier Herkunft, Loyalitäten, Zugehörigkeiten und emotionale Bindungen sowie Zuschreibungen durch die Gesellschaft vor Ort ausgedrückt werden, ist aus überseeischer Perspektive der gesamte Nationalstaat gleichsam „Heimat”.[103] Innerhalb einer Diasporagemeinschaft kann das anders aussehen: Mit Heimat kann dann sowohl die gegenwärtige Lebensumwelt gemeint sein wie auch die ursprüngliche lokale Heimat bis hin zum Herkunftsstaat. Diese Differenzierungen müssten stärker beachtet werden. Die vielfältigen Beziehungen zu Heimat schon innerhalb einer Region sind wichtig: Wie verhielt es sich mit Heimat bezogen auf ein subnationales, politisches oder verwaltungstechnisches Gebilde, etwa einen Bundesstaat im Kaiserreich? Gab es Widerstände dagegen? Wie passt es ins Bild, wenn ein lokaler Heimatdiskurs die Einordnung in Nation oder Bundesstaat nicht thematisierte, ideologische Vereinnahmung ablehnte und sich politischer Instrumentalisierung zu entziehen suchte?
Diesen Rahmen gilt es aufzubrechen. Zum einen sollte stärker vom Wort Heimat abstrahiert und im Sinne eines anthropologischen Begriffs eher nach dem Phänomen geschaut werden. Zum anderen ist der Heimatdiskurs in Hinblick auf Abweichungen zu differenzieren. Wie schon angesprochen, gibt es seit dem 19. Jahrhundert auch eine Auseinandersetzung der politischen Linken mit Heimat. Auch die Bezugsgrößen sollten neu überprüft werden, wie das Verhältnis von Heimat zur Region (unabhängig von den sie durchtrennenden Staatsgrenzen). Ebenso gilt es, die Beziehungen zwischen Lokalität und Globalität intensiver zu durchleuchten. So könnten die widerstreitenden Heimatkonzepte nochmals „gegen den Strich” gelesen werden. Bedurften alle Konzepte einer lokalen Anbindung oder wurde „Heimat” schlicht als Schlagwort für chauvinistisch-nationales Denken verwendet? Bedurften sie der Fiktion einer unveränderlichen Volkskultur und überzeitlicher lokaler Charaktereigenschaften der Menschen, die durch Natur und Landschaft geformt waren?
Die spezifische Ausprägung des dominanten Heimatdiskurses zum Beispiel im späteren Kaiserreich hin zum Nationalsozialismus stellt sich anders dar, wenn auf liberale und „linke” Heimatdiskurse geschaut wird. So brachte der spätere Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried 1908 in einem Aufsatz über Patriotismus das Heimatgefühl gegen überzogenen Nationalismus in Stellung. Er argumentierte: „Die Gewohnheit an Personen, Dinge, und Einrichtungen, soweit diese mit den Sinnen wahrgenommen werden können, bilden das ursprüngliche und eigentliche patriotische Empfinden, das Heimatgefühl.”[104] Und dieses Gefühl bilde, so fügte er hinzu, die Grundlage für einen reflektierten Patriotismus, der als positive Konkurrenz der Völker wahrzunehmen sei. So galt Fried Bindung an die jeweilige Heimat – ganz offenbar auch außerhalb Deutschlands – als Gegenmittel zu radikaleren nationalistischen Tendenzen.
Band Alfred Fried Heimat noch an „Personen, Dinge, Einrichtungen”, war im linken Diskurs Heimat ein ortloser Begriff, der auf sozialistische Gemeinschaft zielte, unabhängig davon, wo diese Gemeinschaft verwirklicht würde: „Unsere Heimat ist die Welt: Ubi bene ibi Patria – wo es uns wohl geht, das heißt, wo wir Menschen sein können, da ist unser Vaterland”, formulierte es Wilhelm Liebknecht 1871 – und widersprach damit im Übrigen gewissermaßen dem Manifest der Kommunistischen Partei.[105] Das Konzept der „sozialistischen Heimat”, wie es in den 1950er-Jahren in der DDR entwickelt wurde, fußte auf dieser Tradition. Heimat hing nicht primär an einer Nation oder dem Geburtsort, sondern blieb einerseits kleinräumig ganz auf das Aneignen und schöpferische Gestalten der Lebenswelt bezogen, freilich im sozialistischen Sinne.[106] Andererseits bildete das sozialistische Vaterland und die internationale sozialistische Gemeinschaft das Ziel: eine Gemeinschaft, die des herkömmlichen bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaats nicht bedurfte.
Ein weiterer wichtiger Aspekt wäre eine geschlechterhistorische Perspektive: So hat Louise Otto beispielsweise 1843 die emotionale Bindung an Heimat – „Heimath! wie ist dieses Wort gerade dem weiblichen Geschlechte so theuer!” – besonders von Frauen zum Argument für deren Recht und Pflicht auf politische Partizipation erhoben.[107] Später wurden auch Forderungen nach verstärktem kolonialen Engagement von Frauen damit begründet, dass nur mit ihrer Hilfe in den Kolonien so etwas wie „Heimat” in Übersee entstehen könne, und zwar nicht nur mit rassistisch geprägten oder biopolitischen Argumenten, sondern eben auch durch die Betonung von kulturellen und emotionalen Bindungen an das Land, wie es der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft beschrieb[108] – eine Vorstellung über die koloniale Aufgabe der Frau, die sich im Übrigen auch in Großbritannien findet.[109] Überhaupt kam weiblichen Rollenzuschreibungen oder Konnotationen im konservativen Diskurs eine besondere Rolle im Heimatkonzept zu, wie Peter Blickle betont: „[…] male notions of the feminine are formative in the idea of Heimat.”[110]
Ferner gilt es, Heimatdiskurse zur Globalisierung ins Verhältnis zu setzen, um die Nation als privilegierten Rahmen zu relativieren. Ist Heimat transnational? Bei einem anthropologischen Zugriff im Sinne von Greverus' „Territorialität” sind viele Phänomene, die im deutschen Sprachraum unter „Heimat” subsumiert werden, Ausdruck von Modernisierungsprozessen, die wohl kaum auf den deutschsprachigen Raum beschränkt werden können. Es stellt sich die Frage, ob eine spezifische emotionale Aufladung und eine Überbetonung von Landschaft das Unterscheidungsmerkmal zwischen deutscher „Heimat” und anderen lokalen Identitätsprozessen darstellt oder ob es andere Kriterien gibt. Heimat wird verstärkt als urbanes Phänomen diskutiert. Außerdem sind lokale Identitätsprozesse generell ohne emotionale Komponenten und spezifische ästhetische Raumbezüge kaum vorstellbar. Der Appell an das Gefühl erscheint damit kaum als deutschsprachige Spezialität, worauf Rolf Petri schon 2001 verwiesen hat.[111]
Die Hinweise auf Modernisierungsprozesse, Ähnlichkeiten bei der Entwicklung von Nationalstaaten, bei der Aufwertung lokaler Räume und der Hinwendung zur Natur verdeutlichen, dass „Heimat” nichts spezifisch Deutsches sein kann.[112] Spezifisch deutsch bleibt zwar das Wort selbst.[113] Doch lässt sich eine Subjektzentrierung des territorialen Identitätsdiskurses nicht auch in anderen Gesellschaften finden, einschließlich eines emotional aufgeladenen Bezugs zu Landschaft bzw. topografisch-architektonischen Besonderheiten? Verbreitert sich die Perspektive hin zu globalhistorischen Referenzpunkten, kann das Konzept von Territorialität/Heimat zu einem besseren Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse herangezogen werden. So wird debattiert, ob Nationalisierung und Globalisierung eben gerade nicht „zwei Etappen einer konsekutiven Entwicklung” sind, sondern sich gegenseitig bedingten.[114] Hier muss das Verhältnis zwischen Globalität and Lokalität genauer austariert werden. Lokalität, so Angelika Epple, sei ein vielversprechendes Konzept, weil Globalisierung letztlich immer lokal eingebettet sei:[115] „What historians have to do is to show how the local is formed globally and, at the same time, how the global is put together locally.”[116] Als eine quer dazu angelegte Kategorie verknüpft Territorialität/Heimat Lokalität, Regionalität und Globalität mit individuellen Erfahrungen. Heimat wäre hierbei aber anders als „Lokalität” oder „Regionalität” vor allem als modernes Konzept zu verstehen zwischen Mensch, Lebensumfeld und Welt. Ein deutscher Sonderweg ist das nicht. Gleiches gilt auch für das Verhältnis von Heimat und Nation. Erst im Geflecht Heimat – Nation – Welt erschließt sich die Positionierung des Individuums in der Moderne. Gerade hier können Erkenntnisse und Ansätze der historischen Forschung zum deutschen Sprachraum als Muster dienen, solche Prozesse zu untersuchen.
Abschließend sei auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, ob das Wort „Heimat” sinnvoll ist, um eine historische Kategorie zu bezeichnen. Lokalität, Localism, Regionalität oder Territorialität erscheinen neutraler und übertragbarer. Dennoch gibt es Argumente dafür, auch jenseits des deutschen Sprachraums von Heimat zu sprechen. Schon auf sprachlicher Ebene ist die vorgebliche Unübersetzbarkeit des Wortes kritisch zu sehen.[117] Zunächst beinhalten Lokalität und Regionalität einen stärkeren geografischen Bezug, sie sind eingeschränkter, wobei Lokalität das engere Lebensumfeld (Gemeinde) und Regionalität die unmittelbare geografische und zuweilen administrative Bezugsgröße darstellt. Beide kommen ohne emotionale Komponenten aus, die aber für Identitätskonzepte unverzichtbar sind. Territorialität ist die übergreifende Kategorie, Heimat oder Heimatism das umgesetzte Konzept in der Moderne, das die kulturell formierte und historisch gewachsene Ausprägung von Territorialität ausdrückt.
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