Faschismus – Begriff und Theorien
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.05.2016
https://docupedia.de/zg/esposito_faschismus_v1_de_2016
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.701.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.05.2016
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Angesichts des europaweiten Erfolgs rechtspopulistischer oder -extremer Parteien und Bewegungen wie der AfD, der FPÖ, dem Front National oder Jobbik, des Ukrainekonflikts und des IS-Terrors erlebt der Faschismus-Begriff derzeit eine Renaissance. Seine Verwendung als Kampfbegriff droht indes seine analytische Schärfe zu schwächen. Das war schon einmal der Fall. So stellte Karl Dietrich Bracher 1976 fest, dass „wichtige historisch-politische Begriffe […] nicht selten das Schicksal [haben], im Laufe der Zeit gegenüber ihrem ursprünglichen Inhalt und Sinn so erheblich verändert, in der konkreten Anwendung so unterschiedlich gehandhabt und bei der Benutzung als politische Kampfbegriffe derart ausgeweitet zu werden, dass ihr wissenschaftlicher Wert höchst problematisch erscheinen muss. Das trifft in besonderem Maß auf den so viel benutzten Begriff des Faschismus zu.”[1] Bracher wandte sich damit gegen den inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs, der sich im Zuge der „westlichen Marxismusrenaissance” im Umfeld von 1968 etabliert hatte. Im Anschluss an Max Horkheimers Sentenz, „wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen”, war Faschismus für die Studentenbewegung zum „Allerweltsbegriff” geworden.[2]
Die in der Bundesrepublik geführten Grabenkämpfe zwischen Linken und Rechten, zwischen Jungen und Alten sowie der Gebrauch des Faschismusbegriffs seitens der DDR-Führung und -Wissenschaft waren der vergleichenden Faschismusanalyse abträglich, stellten letztere doch die Bundesrepublik in eine direkte Kontinuitätslinie mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Die Beantwortung der Frage, was denn der Faschismus sei, stand also lange im Schatten der ideologischen Konflikte des Kalten Kriegs.
Die ehemaligen Lagerkämpfe zwischen Marxisten und Antimarxisten gehören (vorerst) der Vergangenheit an. Das sorgte zunächst im anglo-amerikanischen Raum und dann zum Teil auch in Deutschland für einen Auftrieb der Faschismusforschung. In deren Zentrum stehen weiterhin die Fragen, was denn der Faschismus überhaupt sei und ob der generische, sprich Gattungsbegriff Faschismus eine Berechtigung habe: Ist der Nationalsozialismus ein Faschismus und, wenn ja, bleibt die Singularität der von den Nationalsozialisten verübten Menschheitsverbrechen auch dann ersichtlich, wenn der NS unter den Gattungsbegriff Faschismus subsumiert wird? Wie nützlich sind Neologismen wie Parafaschismus, um die „faschistisierten” autoritär-konservativen Regime – etwa im Baltikum oder Salazars Estado Novo – von den eigentlichen Faschismen zu differenzieren?[3] Ist der Faschismus-Begriff nur auf Europa zu begrenzen oder vermag er, auf vergleichbare Phänomene weltweit angewandt zu werden? Ist es gerechtfertigt, im Falle rechtspopulistischer, -extremer und -terroristischer Bewegungen in der Zeit nach 1945 von Neofaschismus zu sprechen?[4] Ist es sinnvoll, den Faschismus-Begriff auf Intellektuelle und ihre Schriften aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anzuwenden?[5]
Diese und eine ganze Reihe weiterer Fragen lassen sich weder an dieser Stelle noch überhaupt abschließend klären. Es lässt sich aber zeigen, dass der Faschismus-Begriff sinnvolle Fragen und Vergleiche ermöglicht und somit einen wissenschaftlichen Mehrwert generiert. In diesem Sinne versucht dieser Beitrag, eine Antwort auf die Frage zu geben, welches Phänomen die zahlreichen Faschismusanalysen, die seit den 1920er-Jahren erarbeitet wurden, sichtbar gemacht und schärfer konturiert haben.
Wenngleich die italienischen Faschisten und die deutschen Nationalsozialisten die einzigen faschistischen Bewegungen waren, denen es aus eigener Macht gelang, ein faschistisches Regime zu errichten, so war die Zwischenkriegszeit doch die Geburtsstätte zahlreicher weiterer faschistischer Bewegungen: Die spanische Falange,[6] die ungarischen Pfeilkreuzler[7] sowie die rumänische Legion Erzengel Michael[8] wuchsen zwar im Windschatten der Erfolge des italienischen und deutschen Faschismus heran, doch sie bedurften im Gegensatz beispielsweise zur kroatischen Ustascha[9] oder der norwegischen Nasjonal Samling[10] nicht der deutschen militärischen Besetzung, um in ihren jeweiligen Ländern eine gewisse Bedeutung zu erlangen. Jedes europäische Land, so Robert Paxton, „indeed all economically developed nations with some degree of political democracy including the United States, Argentina, Brazil and Japan, had some kind of fascist movement and at least a rudimentary fascist organisation or two in the twenty years after 1919”.[11]
Die „Krise des liberalen Systems” (Nolte), die Überforderung der eben erst erschaffenen Demokratien und der antibourgeoise wie antimarxistische Affekt erfassten das gesamte Europa der Zwischenkriegszeit. Auch in den etablierten Demokratien Großbritannien und Frankreich kam es zur Gründung faschistischer Bewegungen: Croix de Feu, Chemises vertes und die British Union of Fascists.[12] Zudem wurden auch zahlreiche konservativ-autoritäre Regime, beispielsweise Francos Spanien oder Salazars portugiesischer Estado Novo, einer partiellen „Faschistisierung” unterzogen.[13]
Der folgende Überblick über Faschismusbegriff und -theorien nimmt seinen Ausgangspunkt vom italienischen Faschismus. Von dieser ersten faschistischen Bewegung wurde nicht nur der generische Begriff abgeleitet, der zur Bezeichnung und zum Verständnis ähnlicher Bewegungen herangezogen wird. Vielmehr diente der italienische Faschismus den vergleichbaren Bewegungen, die sich europaweit bildeten, zunächst als Vorbild:[14] „Auch wenn die Anziehungskraft des italienischen Vorbildes in den dreißiger Jahren zurückging”, so Arnd Bauerkämper, „spiegelte die semantische Ausweitung des ‚Faschismus’ zu einem Gattungsbegriff letztlich die zeitgenössische Erkenntnis wider, dass sich die damit bezeichneten Bewegungen und Gruppen auf das Modell des italienischen Faschismus bezogen, wenngleich in variierendem Ausmaß.”[15] Diese Vorreiterrolle, so wird am Ende des Beitrags argumentiert, sollte im Verlauf der 1930er-Jahre der radikalere Nationalsozialismus einnehmen.
Der Beitrag ist auf den „historischen” Faschismus beschränkt. Das heißt, er nimmt jene Ideologie in den Blick, welche den europäischen faschistischen Bewegungen in den etwa drei Dekaden vor 1945 zugrunde lag und sie antrieb. Mit diesen Einschränkungen sind allerdings bereits einige Entscheidungen gefällt, die keineswegs von allen Faschismusforschern geteilt werden. Einerseits bestreiten beispielsweise Vertreter eines „praxeologischen” Zugriffs auf den Faschismus, dass derselbe überhaupt sinnvollerweise ideologisch gefasst werden kann. Sie begreifen den Faschismus vielmehr als einen das politische Handeln bestimmenden Lebensstil und Habitus der Gewalt.[16] Andererseits sind die räumliche Einengung auf Europa, die Konzentration auf Italien und Deutschland sowie die zeitliche Beschränkung auf den „zweiten Dreißigjährigen Krieg” nicht zwingend, weisen doch heutige antisemitische, ausländerfeindliche und homophobe Schlägertrupps oder etwa das imperiale Japan ab den 1930er-Jahren und der argentinische Peronismus der Jahre 1946-55 diverse Gemeinsamkeiten mit den faschistischen Bewegungen auf, die im Europa der Zwischenkriegszeit aus dem Boden schossen.[17]
Im Folgenden wird erstens die Entstehung des italienischen Faschismus kursorisch beleuchtet und ein Einblick in das Selbstverständnis der italienischen Faschisten gegeben. Denn in der Aufladung des Begriffs durch dieselben wird jene Urform sichtbar, die fortan abgewandelt wurde. Daraufhin wird, zweitens, vom Faschismus-Verständnis der zeitgenössischen marxistischen, liberalen, aber auch konservativen Gegner desselben ausgehend, die Faschismusforschung im Zeichen des Kalten Kriegs vorgestellt. Es werden dann, drittens, die Ansätze der neueren Faschismusforschung erörtert und eine Übersicht über aktuelle empirische Themenfelder gegeben, um dann in einem abschließenden Fazit den Mehrwert des Faschismusbegriffs vor Augen zu führen.
Ein Blick in das postunitarische Italien erhellt, dass im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts fascio schlichtweg ein politisches Bündnis bedeutete.[18] In den frühen 1890er-Jahren hatten sich beispielsweise sizilianische Landarbeiter zu den Fasci siciliani zusammengeschlossen, um mit Streiks und Protesten gegen die Latifundienbesitzer und die unhaltbaren Arbeitsbedingungen vorzugehen.[19] 1914 gründeten dann national-revolutionär gesinnte Sozialisten und Syndikalisten den Fascio d'azione rivoluzionaria, um für Italiens Kriegseintritt auf Seiten der Entente zu agitieren. In diesem wie in weiteren ähnlich gelagerten interventionistischen Bündnissen lagen die Ursprünge der 1919 ins Leben gerufenen faschistischen Bewegung, die zusätzliche Aspekte des Begriffs fascio zum Vorschein bringen sollte.
![Im Dezember 1926 wurde das Liktorenbündel zum italienischen Staatsemblem. Der Sinnspruch, den man den Italienern mit der Münze mit auf dem Weg gab, lautet: „Besser ein Tag als Löwe, denn hundert Jahre als Schaf leben.“ Foto: Sailko (14. Juli 2011), Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Italia,_20_lire_di_vittorio_emanuele_III,_1928.JPG?uselang=de Wikimedia Commons] ([https://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation GNU]).](sites/default/files/import_images/1917.jpg)
Letzterer stammt vom lateinischen fascis ab: ein Rutenbündel, das ein Beil umgab und das den römischen „Obermagistraten (consul, praetor) als ein Zeichen ihrer Amtsgewalt (imperium) von Amtsdienern (lictores, lictor) vorangetragen” wurde.[20] Diente das Liktorenbündel in der Antike als „Zeichen der Amtsgewalt/der Amtswürde” und verkörperte es in der neueren Geschichte – nicht zuletzt in der Ikonografie der Französischen Revolution, aber auch in den USA – vornehmlich Einheit und Macht, so galt es den Faschisten, die es 1926 zum Staatsemblem machten, zudem als Zeichen von Disziplin und Ordnung sowie des Neuanfangs und der gleichzeitigen Wiederanknüpfung an die römische Vergangenheit.[21]
Unter den nationalistischen Renegaten, die dazu beitrugen, dass Italien im Mai 1915 auf Seiten der Entente in den Weltkrieg trat, befand sich auch der ehemalige Sozialist Benito Mussolini (1883-1945).[22] Gemeinsam mit diversen Futuristen, Syndikalisten, ehemaligen Arditi (Sturmtruppen) und weiteren Veteranen rief er am 23. März 1919 auf der Mailänder Piazza San Sepolcro die Fasci italiani di combattimento, eine linksnationalistische Antipartei ins Leben.[23] Diesen äußerst disparaten Zusammenschluss einte der nationalistisch motivierte, kämpferische Aktionismus, eine durch den Krieg radikalisierte Gewaltbereitschaft, eine antibourgeoise wie antimarxistische Haltung und die Verachtung der althergebrachten politischen Kaste und Praxis.
Die – zunächst noch geringe – Faszination, welche die Faschisten ausübten, gründete in der Aura der Erneuerung, in dem weder rechten noch linken „dritten Weg”, den sie proklamierten, sowie in der Vorstellung von der Einheit und Macht der Nation, die sie anstrebten.[24] Letztere galt es, gegebenenfalls mit Gewalt (wieder)hervorzubringen. Diese Vision einer „(Volks-)Gemeinschaft“, in der die sozialen Konflikte zwischen Arbeitern und Bourgeoisie sowie das Unbehagen an der Industriemoderne überwunden sein würden, erweist sich als eine der zentralen Ähnlichkeiten, die sich zwischen den unterschiedlichen Faschismen erkennen lassen.[25]
Bereits an dieser Stelle lässt sich ein zentraler Mehrwert des Faschismus-Begriffs festhalten: Er dient dazu, das ultra- oder radikalnationalistische, nebst Liberalismus, Konservatismus und Kommunismus bestehende, vierte Ordnungsmodell zu fassen zu bekommen, das sich in der Zwischenkriegszeit zunächst in Italien etablierte. Die diversen Ansätze der Faschismusforschung helfen, dieses auf der Vorstellung einer verabsolutierten Nation oder eines Volkes gründende Ordnungsmodell moderner Gesellschaften schärfer zu konturieren und von den konkurrierenden Ordnungsmodellen liberaler, marxistischer, aber auch konservativ-autoritärer Natur zu unterscheiden. Zudem hilft das Konzept, die spezifischen Lösungsvorschläge, mit denen den Herausforderungen der Moderne begegnet werden sollte, zu vergleichen. Es dient darüber hinaus dazu, die Unterschiede herauszuarbeiten, die zwischen der Vielzahl national spezifischer Varianten bestanden.[26]
In Italien wurde der anvisierte „dritte” Weg zunächst von dem schillernden Dichter, Kriegshelden und comandante Gabriele D'Annunzio verkörpert, der gegen den von Italiens liberaler politischer Kaste und den Alliierten „verstümmelten Sieg” agitierte.[27] Doch nach der Ende 1920 gescheiterten, von ihm geführten Annexion der kroatischen Hafenstadt Fiume (Rijeka) scharten sich die Schwarzhemden und ihre lokalen Führer zunehmend um Mussolini. Nach dem Wahlsieg der Sozialisten im November 1919 war es nämlich zu einer etwa zwei Jahre andauernden Phase intensivierter Klassenkonflikte, dem biennio rosso, gekommen. Das von den Kriegsanstrengungen und der nachfolgenden Demobilisierung überforderte politische wie ökonomische System war mit einer wachsenden Anzahl an Streiks und Landbesetzungen konfrontiert. Um das Gespenst einer bolschewistischen Revolution abzuwehren, aber auch um gegen die nationalen Minderheiten im Osten des Landes vorzugehen, hatten sich squadre d'azione, paramilitärische Kampfmannschaften formiert, die dem Faschismus eine wachsende Schar an Anhängern bescherten.[28] Mit sogenannten Strafexpeditionen gingen die Squadristen insbesondere in der Po-Ebene brutal gegen die Landarbeiter und die lokalen sozialistischen Institutionen vor.
Im Zuge dieser gewalttätigen squadristischen Praxis und ideologischen Rechtswende der Jahre 1920 bis 1922 bildete sich jener fascismo heraus, der zur Grundlage aller späteren Mutationen wurde. Daher gilt es, die Aufmerksamkeit auf das Selbstverständnis der Faschisten zu richten, die im November 1921 eine milizionäre Partei, den Partito Nazionale Fascista (PNF) gründeten und im Laufe der 1920er-Jahre das erste faschistische Regime etablierten. Denn sie waren es, die den Faschismus erstmals definierten.
Im April 1927 beendete der zeitweilige faschistische Kultusminister Giovanni Gentile seine Schrift Die Essenz des Faschismus: „Der erste, in einer Definition des Faschismus festzuhaltende Punkt”, heißt es dort, sei „der totalitäre Charakter seiner Doktrin, welche nicht allein die Ordnung und die politischen Ziele der Nation betrifft, sondern ihren gesamten Willen, Geist und ihre Gesinnung.”[29] Der „totalitäre Charakter” gründete nicht zuletzt darin, dass der Faschismus, um ein anderes, großes Italien hervorzubringen, einen neuen Menschen schaffen wollte.[30] Er zielte also auf eine „anthropologische Revolution”: Durch eugenische Bevölkerungspolitik einerseits sollte die „italienische Rasse” physisch gestärkt und kriegstüchtig gemacht werden. Andererseits galt es, die Mentalität der Italiener durch Erziehung und Indoktrination grundlegend zu verändern und die „Römer der Moderne” zu erschaffen – ein kriegerisches, diszipliniertes Volk, das die Interessen der Gemeinschaft vor die des Individuums stellte.[31]
In einer Rede in Perugia am 30. August 1925 hielt Alfredo Rocco, von 1925 bis 1932 italienischer Justizminister, fest, dass sich die faschistische Doktrin antithetisch zum „liberal-demokratisch-sozialistischen Konzept der Gesellschaft und des Staates” verhalte. Denn der Staat sei für den Faschismus „Zweck und das Individuum das Mittel”.[32] Der Faschismus suchte an die Stelle der von Klassenkonflikten geprägten, „atomistischen und mechanischen Gesellschaft” eine „organische und geschichtlich” gewachsene Gemeinschaft zu setzen, in der das Individuum der Gemeinschaft diene und sich derselben durch „ein gegebenenfalls totales Opfer” unterzuordnen habe. Das nationalsozialistische Schlagwort „Du bist nichts, dein Volk ist alles!” war hier bereits vorweggenommen.
Die Antithesen – Antimarxismus, Antiliberalismus und Antikonservatismus – waren nebst dem Führerprinzip, der Parteiarmee und dem Totalitätsanspruch, laut Ernst Nolte, zentrale Kennzeichen des Faschismus.[33] Doch was bestimmte ihn jenseits dieses Anspruchs auf eine totale Umwälzung der Gesellschaft durch die Schaffung eines neuen Menschen, seiner Gegnerschaften und organisatorischen Spezifika? Mussolini legte sich nicht fest und führte im März 1921 aus: „[…] wir erlauben uns den Luxus aristokratisch und demokratisch, konservativ und fortschrittlich, reaktionär und revolutionär, legal und illegal zu sein, je nach Umständen der Zeit, des Ortes, der Umgebung.”[34] In seiner Rede auf dem faschistischen Kongress im November 1921, auf dem der PNF gegründet wurde, weigerte sich Mussolini, „ein bartloser Moses zu sein, der euch sagt: ‚Hier sind die Gesetzestafeln, schwört darauf!’ […] Wir gehen vom Konzept der ‚Nation’ aus, das für uns ein Faktum ist, das weder auslöschbar noch überwindbar ist.”[35] Wenngleich also etwa antiklerikale, antimonarchistische Überzeugungen oder korporatistische Visionen einer anderen Wirtschaftsordnung in den Hintergrund traten, abgemildert oder zur Disposition gestellt wurden, der Radikal- oder Ultranationalismus, das Ziel der Erneuerung der Nation waren unverrückbar.
In den Bemühungen der ersten Faschisten, den synkretistischen, also aus unterschiedlichen weltanschaulichen Versatzstücken zusammengefügten Faschismus zu beschreiben, wird zweierlei deutlich: Zum einen erwiesen sich die Faschisten als flexibel, denn es galt, die Macht zu erobern, und das erforderte zeitweiliges Paktieren und das Räumen etablierter Positionen. Daher verkündete Mussolini am 20. September 1922 in Udine: „Unser Programm ist einfach: Wir wollen Italien regieren.”[36] Dieses Zitat wird häufig angeführt, um die Ideologiearmut der Faschisten zu belegen. Indes zeigt der Rest der Rede, dass es nicht allein um die Macht um ihrer selbst willen ging. Sie wurde angestrebt, um ein großes Italien wiedererstehen zu lassen, jenes „unsterbliche Vaterland”, das sich im alten Rom, aber auch im Risorgimento und eben erst im Krieg gezeigt habe.
Im Einklang mit dem Wissenschaftspathos der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich der Marxismus des Etiketts „wissenschaftlich” bedient, um sich im politischen Konfliktfeld zu positionieren. Doch gerade dieser „wissenschaftliche” Geist mutete einer wachsenden Schar politisch Suchender nur wenige Jahrzehnte später seltsam „blutleer” und fruchtlos an. Als Reaktion auf diesen „zersetzenden”, den Menschen seines Transzendenzbezugs beraubenden, historistischen Geists der Moderne entstand in Anlehnung an die Philosophie Nietzsches, aber auch unter dem Einfluss der Lehren Georges Sorels und vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs eine dezidiert entgegengesetzte Ideologie, in der Glaube und Mythos, Stil und Ästhetik und die Tat eine zentrale Rolle einnahmen.[37] Dies geschah zudem im Kontext einer Transformation des Politischen im Zeichen der fortgeschrittenen Industriemoderne, und das heißt der gewachsenen Bedeutung der „Massen”, die es zu mobilisieren galt und deren Partizipationsbedürfnis gestillt werden sollte. An die Stelle politökonomischer Theoriedebatten, Wahlen und Streiks sowie dem Parlament setzten die Faschisten auf Riten und Kulte, auf Mythen und (Gewalt-)Taten auf der Straße.
Im Verbund mit dem Urteil der zeitgenössischen kommunistischen Gegner/innen des Faschismus, dass dieser „nichts als Terror, Gewalt, und zwar bourgeoiser Reflex der Gewalt”[38] sei, führte diese Verwandlung des politischen Felds dazu, dass auch die spätere Forschung die Analyse der faschistischen Ideologie vernachlässigte. Im Falle des Nationalsozialismus wurde diese entweder – von den Funktionalisten – als „propagandistische Simulation” abgetan oder – von den Intentionalisten – auf Hitlers Weltanschauung und die Ideen seiner Entourage Goebbels, Himmler, Rosenberg beschränkt.[39] Bezogen auf den italienischen Faschismus fragte erst jüngst Wolfgang Schieder, „ob es sich bei dem Konglomerat politischer Ideen des Faschismus nicht eher um nachgelagerte Begründungen für eine jeweils vorausgehende Praxis handelte”?[40]
Dieser Zweifel an der Existenz einer faschistischen Ideologie gründet(e) auch darin, dass der „wissenschaftliche Marxismus” stets als Maßstab für Ideologie galt. Bei genauerer Betrachtung wird indes ersichtlich, dass auch derselbe kein konsistentes, widerspruchsfreies, statisches Gedankengebäude war.[41] Denn trotz des vermeintlich festen Fundaments, das Marx' und Engels' Schriften bildeten, brachte auch er zahlreiche Mutationen hervor und wies eine Vielzahl von Interpretationen und Häresien auf, deren Bekämpfung nicht zuletzt von Moskau aus vorgenommen wurde. Daher erscheint es heuristisch sinnvoll, sich von einem Ideologieverständnis zu verabschieden, das sich an der Chimäre des „wissenschaftlichen Marxismus” und seines vermeintlich statischen Lehrgebäudes orientiert, und stattdessen Ideologien im Anschluss an Michael Freeden als Cluster von dynamischen, sich gegenseitig bedingenden politischen Konzepten zu verstehen.[42]
Die Kombination dieser politischen Konzepte – etwa das der Nation, des Volkes, des Staates, des Führerprinzips, der Gemeinschaft, des Rassismus/Antisemitismus und der Gewalt sowie der antagonistischen Begriffe der politischen Gegner wie Individuum, Klasse und Freiheit – weist eine bestimmte Anordnung auf. Diese ist einerseits spezifisch und stabil genug, um eine Unterscheidung zu konkurrierenden Ideologien mit ihren jeweiligen Konzeptclustern zu ermöglichen. Andererseits vermag man sich diese Anordnung so dynamisch vorzustellen, dass sowohl eine diachrone Entwicklung beziehungsweise Anpassung der Ideologie an die jeweils vorherrschenden Umstände denkbar ist als auch ein synchroner „Pluralismus”: Bei einem BDM-Mädchen an der „Heimatfront” rief das Wort „Volksgemeinschaft” andere Vorstellungen hervor als bei einem Einsatzgruppenführer aus der „kämpfenden Verwaltung” des Reichssicherheitshauptamts. Unterschiedliche Faschisten stellten sich zum gleichen Zeitpunkt Divergierendes und teils auch Widersprüchliches darunter vor. Zudem konnten zentrale Begriffe, etwa Nation oder Gewalt, für ein und denselben Faschisten eine variierende Bandbreite an Bedeutungen annehmen, je nachdem, ob die Bewegung gerade versuchte, eine Anhängerschaft zu gewinnen, die Macht im Staat zu erringen, die errungene Macht zu konsolidieren, oder einen Vernichtungskrieg führte.[43] Diese ideologische „Fluidität” und die Offenheit zentraler Konzepte sollten sich als wichtige Faktoren für den Erfolg der faschistischen Bewegungen erweisen.
Aufgrund dieses synchronen wie diachronen Pluralismus lässt sich der Faschismus – wie auch die anderen Ismen – nicht essentialistisch in starre Definitionen zwingen. Mit einem statischen Verständnis von Ideologien kann weder der Marxismus, der im Gegensatz zum Faschismus über dezidierte „Bibeln”, Fibeln und Theoretiker verfügte, noch der Faschismus, der sich von Anfang an als eine antiintellektualistische Ideologie der Tat entwarf, begriffen werden. Kriterienkataloge und idealtypische Definitionen, von denen unten einige vorgestellt werden, sind heuristisch unverzichtbar. Doch man sollte sich von deren Statik nicht davon abhalten lassen, den Faschismus fluide und dynamisch zu denken.
Die frühesten Analysen des Faschismus stammten von seinen kommunistischen sowie sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Widersachern.[44] Die Kommunisten sahen in den Faschisten „Handlanger des Kapitals”.[45] Sie konstatierten zwar, dass die klassenmäßige Zusammensetzung „sehr bunt” sei, reiche sie doch von der Bauernschaft über den (deklassierten) Kleinbürger bis zur Arbeiterklasse. Trotz dieser sozialen Basis betreibe der Faschismus aber eine „Politik der Großbourgeoisie”. Als besonders verhängnisvoll erwies sich die Sozialfaschismusthese, gemäß derer, so Stalin 1924, die Sozialdemokratie als „gemäßigte[r] Flügel des Faschismus” und die Sozialdemokraten als „Zwillingsbrüder” der Faschisten aufzufassen seien.[46]
![Bereits im Auftreten und Stil der faschistischen Bewegungen und ihrer „Führer” sind zahlreiche Gemeinsamkeiten erkennbar. Benito Mussolini bei seinem „Marsch auf Rom” (Marcia su Roma), 28. Oktober 1922. Fotograf unbekannt, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Benito_Mussolini?uselang=de#/media/File:March_on_Rome.jpg Wikimedia Commons] / [http://s1201.photobucket.com/user/Dimesius/media/COM02/w10_21028037.jpg.html Photobucket] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinfreiheit?uselang=de gemeinfrei]).](sites/default/files/import_images/1919.jpg)
Während man die Sozialfaschismusthese 1935, als es in Deutschland bereits zu spät war, offiziell verwarf, blieb die im Dezember 1933 vom Vorsitzenden der Komintern, Georgi Dimitroff, formulierte Faschismusdefinition auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs Grundlage der offiziellen Doktrin und Forschung: „Der Faschismus an der Macht” sei „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals”.[47] Die These vom Faschismus als Agenten des „Staatsmonopolkapitalismus” (Stamokap) gerann in der DDR-Forschung zum unumgänglichen Dogma. Und wenngleich die westlichen „materialistischen” Faschismusinterpretationen – etwa jene der Frankfurter Schule mit ihren psychoanalytisch und kulturkritisch inspirierten Deutungen – nicht darauf reduziert werden sollten, so gründeten und mündeten auch sie in den anfangs angedeuteten, für die Faschismusforschung hinderlichen Nexus von Kapitalismus und Faschismus.[48]
Eine Gleichsetzung anderer Art nahmen liberale, sozialdemokratische und konservative Antifaschisten in den 1920er- und 1930er-Jahren vor, als sie auf die Analogien zwischen Faschismus und Bolschewismus aufmerksam machten. In Italien waren es zunächst Giovanni Amendola, Lelio Basso, Francesco Saverio Nitti und Luigi Sturzo, in Deutschland unter anderen Waldemar Gurian und Paul Tillich, aber auch die Marxisten Herbert Marcuse, Franz Borkenau und Richard Löwenthal, die den Totalitarismus-Begriff prägten.[49] Beide „totalitären” Systeme würden gleichermaßen die Freiheit bedrohen, den Rechtsstaat und das parlamentarische System untergraben. Sie würden die Macht in den Händen einer Partei monopolisieren, die Gewalt entfesseln und sich sowohl in ihrem Führerkult als auch in ihrem Bestreben gleichen, jegliche gesellschaftliche Nische zu durchdringen.
Die sowohl kommunistischen als auch sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Gegneranalysen erwuchsen aus der Auseinandersetzung mit einem neuartigen Widersacher, der die politische Landschaft Europas umgestaltete und die althergebrachten Kategorien unterlief. Im Sinne der Komplexitätsreduktion lässt sich resümierend festhalten, dass in der Phase des Aufstiegs der faschistischen Bewegungen und der Etablierung der Regime in Italien und dann in Deutschland zwei Perspektiven die Analyse des Faschismus bestimmten, die auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vorerst prägend bleiben sollten:
Erstens, sei es, dass der Faschismus seitens orthodoxer Kommunisten als Konterrevolution im Namen der Bourgeoisie und als Agent des Kapitals, sei es, dass er als Bonapartismus (etwa von den Dissidenten Franz Borkenau, August Thalheimer und Leo Trotzki oder dem Sozialdemokraten Otto Bauer)[50] oder als „Klassenkampf des Kleinbürgertums” (etwa von dem Liberalen Luigi Salvatorelli) interpretiert wurde, gemein war diesen Deutungen stets das Denken in den Kategorien von Klasse und Klassenkampf sowie die Fragen nach dem cui bono und der sozialen Zusammensetzung. Zweitens entwickelten Liberale, Sozialdemokraten sowie jene Konservative, die nicht mit dem Faschismus liebäugelten oder kollaborierten, den Totalitarismus-Begriff vor dem Hintergrund einer doppelten Bedrohung des „Freiheitsprinzip[s] oder besser der bürgerlichen und politischen Freiheiten”[51] durch den Bolschewismus und Faschismus. Durch diesen wurden die dezidiert politischen Charakteristika der neuen Regime betont: ihre terroristische, diktatorische und kriegsförmige Herrschaft sowie der expandierende, in alle gesellschaftliche Bereiche zumindest dem Anspruch nach eindringende Hyperstaat.
Das Paradigma für diesen „Leviathan im Ausnahmezustand” oder „Behemoth” bildete jenes radikalfaschistische Regime, das sich gut zehn Jahre nachdem Mussolini im Oktober 1922 von den konservativen Eliten des Landes flankiert an die Macht gekommen war, auf den Trümmern der Weimarer Republik etablierte.[52] Seit dem 30. Januar 1933 war der „Führer” der NSDAP, Adolf Hitler, Reichkanzler des Deutschen Reichs. Innerhalb von etwa 18 Monaten „nationaler Revolution” vermochten es Hitler und die NSDAP, die Gewerkschaften aufzulösen, die gegnerischen Parteien zu verbieten, die staatliche Organisation und das gesellschaftliche Leben in erheblichem Maße zu durchdringen und sich ihrer konservativen Bündnispartner wie auch der „Revolutionäre” innerhalb der Parteiarmee SA gewaltsam zu entledigen. Es war diese „radikalfaschistische Beschleunigung” sowie das bereits erreichte Maß an gesellschaftlicher Gleichschaltung, durch welche Hitler sein italienisches Vorbild schon zu Beginn seiner Diktatur überbot.[53]
Mit Ernst Fraenkels „The Dual State” und Franz Leopold Neumanns „Behemoth” entstanden während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil zwei wegweisende Analysen des Nationalsozialismus, in deren Zentrum die Umformung des Staats seitens der NSDAP zu einem „Un-” (Neumann) beziehungsweise „Doppelstaat” (Fraenkel) stand.[54] Wenngleich die faschistische Bedrohung durch die totale Niederlage überwunden und nun eine größere Distanz zum Phänomen gegeben war, blieb der zeitgenössische politische Kontext bestimmend für die Analysen des Faschismus, die nun entstanden. Der Kalte Krieg und der Stalinismus als „Haupt-Anschauungsobjekt” waren maßgeblich für die Totalitarismustheorien, die Hannah Arendt, Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzeziński sowie Raymond Aron hervorbrachten.[55] Aufgrund ihres exkulpierenden und relativierenden Nebensinns wurde die Totalitarismustheorie, wie Wolfgang Wippermann 1976 feststellte, zur quasi-offiziellen Theorie der Bundesrepublik und geriet zugleich ins Visier der Kritik.[56] Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte der Totalitarismus-Begriff eine Renaissance. Er bildet insbesondere für Emilio Gentiles Faschismusinterpretation ein zentrales Interpretament: Der Totalitarismus stelle ein „Experiment politischer Herrschaft” dar, weshalb es nicht auf den tatsächlich erreichten Grad an „Gleichschaltung” und hegemonialer Durchdringung der Gesellschaft durch das Regime ankomme, sondern auf den Anspruch.[57]
In diesem Zusammenhang gewann auch das Konzept der „politischen Religion” erneut an Relevanz, das unter anderem von Eric Voegelin bereits Ende der 1930er-Jahre entwickelt worden war.[58] Nicht zuletzt wegen des zugrunde liegenden Religionsverständnisses sowie der Beziehungen der faschistischen Regime zu den überkommenen Religionen hat das Deutungsmuster reichlich Kritik erfahren.[59] Gleichwohl wurden durch die Betonung der von den Faschisten betriebenen „Sakralisierung der Politik” wichtige Aspekte des faschistischen politischen Stils, seiner Gewaltlegitimation und des von ihm gestifteten Konsenses sichtbar – nicht zuletzt dank der Übertragung religiöser Topoi wie jener der Erlösung und Wiedergeburt auf Immanentes/Säkulares wie die Nation und das Volk.[60]
Vor der Renaissance des Totalitarismus-Begriffs stand freilich die Kritik daran, wie sie unter anderem von Ernst Nolte formuliert wurde: „Die Abwandlung ist nicht begriffen, wenn sie unter den generellen Begriff gebracht wird.”[61] Konsequent weitergedacht, gilt das naturgemäß auch im Falle der Subsumierung beispielsweise des Nationalsozialismus unter den generischen Faschismus-Begriff. Der Nutzen dieser generischen Begriffe liegt jedoch in der Erweiterung der Perspektive, erlauben sie es doch, den nationalen Rahmen zu überschreiten. In seinem 1963 erstmals veröffentlichtem Buch „Der Faschismus in seiner Epoche” tat Ernst Nolte genau das und nahm nebst italienischem Faschismus und Nationalsozialismus auch die Action Française in den Blick. Nolte definierte den Faschismus als „Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie”. Im Anschluss entwickelte Nolte sein „faschistisches Minimum”: Antimarxismus, Antiliberalismus und tendenzieller Antikonservativismus sowie das Führerprinzip, die Parteiarmee und der Totalitätsanspruch bildeten die zentralen Merkmale des Faschismus.[62] Noltes Versuch, einen kleinsten gemeinsamen Nenner der nationalen Faschismus-Varianten zu finden, wurde immer wieder aufgegriffen, verwandelt und ergänzt, unter anderen von Stanley Payne, Roger Griffin und Roger Eatwell.[63]
Mit seinem 1980 erschienenen Buch „Fascism. Comparison and Definition” und mit dem 1995 nachfolgenden, erheblich erweiterten „A History of Fascism” versuchte Stanley G. Payne, der sich seit den frühen 1960er-Jahren als Spezialist für den spanischen Faschismus hervortat, zu einer präziseren typologischen Beschreibung des generischen Faschismus zu gelangen. Er erweiterte Noltes „faschistisches Minimum” um etliche Kategorien und stellte einen umfassenden Katalog von Attributen zusammen. In seiner bündigen Definition war der Faschismus „[…] a form of revolutionary ultranationalism for national rebirth that is based on a primarily vitalist philosophy, is structured on extreme elitism, mass mobilisation, and the Führerprinzip, positively values violence as an end as well as means and tends to normative war and/or the military virtues”.[64] Diese Arbeits-Definition ergänzte Payne, indem er zusätzlich die Kontexte erhellte, aus denen gewichtige faschistische Bewegungen hervorgegangen seien. Zu den notwendigen Bedingungen für das Heranwachsen einer faschistischen Bewegung gehörten: „[…] strong influence from the cultural crisis of the fin de siècle in a situation of perceived mounting cultural disorientation; the background of some form of organized nationalism before World War I; an international situation of perceived defeat, status humiliation, or lack of dignity; a state system comparatively new that was entering or had just entered a framework of liberal democracy; a situation of increasing political fragmentation; large sectors of workers, farmers, or petit bourgeois that were either not represented or had lost confidence in the existing parties; and an economic crisis perceived to stem in large measure from foreign defeat or exploitation”.[65]
Diese Versuche, ein faschistisches Minimum zu bestimmen beziehungsweise einen Merkmalskatalog aufzustellen, wurden häufig kritisiert, genügte doch die Nicht-Erfüllung eines Kriteriums durch eine nationale Faschismusvariante, um die Definition zu falsifizieren. So lehnte etwa der italienische Mussolini-Biograf Renzo De Felice den generischen Faschismusbegriff auf der Grundlage ab, dass der Rassismus/Antisemitismus offensichtlich zu den Wesensmerkmalen des Nationalsozialismus gehöre, dem italienischen Faschismus aber „wesensfremd” sei?[66] Letzteres ist, wie weiter unten nochmals verdeutlicht werden wird, seit den 1990er-Jahren als italienische Nachkriegslegende enttarnt worden, ging es doch nicht nur De Felice darum, Italien aus dem „sengenden ‚Lichtkegel des Holocaust’” herauszuhalten.[67] Trotz dieser apologetischen Haltung war De Felice aufgrund seiner monumentalen Mussolini-Biografie, die bei ihrem Abschluss 1997 acht Bände aufwies, von großer Bedeutung für die italienische Faschismusforschung:[68] zum einen weil er das „konsensuale” Verhältnis zwischen Diktator/Regime und Bevölkerung in Erinnerung rief und den revolutionären Antrieb der faschistischen Bewegung – im Gegensatz zum faschistischen Regime – betonte; zum anderen weil er eine Reihe informativer Studien initiierte, insbesondere jene Emilio Gentiles.[69]
Dieser Meisterschüler wies bereits 1975 auf die Zentralität der mythischen Konzepte der Erneuerung sowie auf die Bedeutung der Schaffung eines Neuen Menschen für die faschistische Ideologie hin.[70] 1993 legte Gentile eine Synthese seiner bisherigen Forschungen vor.[71] Auf der Grundlage einer Analyse diverser Symbole (zum Beispiel der fasces), Riten (wie der leva fascista oder faschistischen Firmung), Mythen (der Wiedergeburt des antiken Roms), Kulte (des Duces), öffentlicher Feiern (der Jahrestag des Marschs auf Rom) und Bauten (u.a. den case del fascio, den lokalen Parteihäusern) wies Gentile auf die Sakralisierung der Politik im faschistischen Italien hin und zeigte auf, inwiefern der Faschismus als totalitäres Experiment und politische Religion zu verstehen sei.
Gentiles Arbeiten waren ihrerseits auch von George L. Mosses Studie zur „Nationalisierung der Massen” inspiriert.[72] Mosse, der sich bereits Mitte der 1960er-Jahre den völkischen Ursprüngen des Nationalsozialismus zugewandt hatte,[73] lenkte den Blick auf die religiöse Dimension der faschistischen Ideologie sowie auf seinen Stil und seine Ästhetik, durch welche er die Massen mobilisierte.[74] Wie Nolte, der den Faschismus als „transpolitisches” Phänomen zu fassen suchte, plädierte Mosse in seinem 1990 veröffentlichten, eine Reihe früherer Aufsätze enthaltenden Buch „The Fascist Revolution” dafür, den Faschismus nicht ausschließlich auf das politische Feld zu beschränken. Er sei vielmehr als kulturelle Bewegung und Revolution zu begreifen. Im Mittelpunkt der Faschismusforschung hatten für Mosse, erstens, die Wahrnehmung der Menschen und die Selbstrepräsentationen des Faschismus als Reflex dieser Wahrnehmungen zu stehen sowie, zweitens, der Nationalismus und der Rassismus als Glaubenssystem, drittens, die Geburt des Faschismus aus dem Ersten Weltkrieg und die Betonung der Kriegserfahrung, der Kameradschaft und der Männlichkeit und schließlich, viertens, die Dialektik von Führertum und Bevölkerung.[75]
In Mosses Werk liegen die Wurzeln der „kulturalistischen” Hinwendung zum Faschismus, die in den 1990er-Jahren erfolgen sollte. Jener – so paradox es klingen mag – entpolitisierte Faschismus-Begriff, der die folgende dritte Phase der Faschismusforschung prägt, gründete in den Theoretisierungs-, Konkretisierungs- und Historisierungsleistungen, die von der „zweiten Welle” erbracht worden waren.[76] Insbesondere Mosse, Payne und Gentile, aber auch etwa Walter Laqueur,[77] Juan Linz[78] und Zeev Sternhell[79] kommt zwischen diesen beiden Phasen eine wichtige Brückenfunktion zu.
Durch den Fall der Berliner Mauer 1989 und das Ende der Sowjetunion 1991 verebbten einige jener Konflikte zwischen links und rechts, welche den Gebrauch des Faschismus-Begriffs für eine Analyse des nunmehr abgeschlossenen „Zeitalters der Extreme” erschwert hatten. Im Zuge des linguistic turn und der darauf basierenden cultural turns bahnte sich in der Wissenschaftslandschaft zudem eine Pluralisierung der Perspektiven und Methoden an. Vor diesem Hintergrund zeichnete sich alsbald jene dritte Welle der vergleichenden Faschismusforschung ab, die unter anderem mit den Namen Roger Griffin, Roger Eatwell, Robert Paxton sowie Michael Mann verbunden wird.
In seinem 1991 erschienenen Buch „The Nature of Fascism” definierte Roger Griffin im Anschluss an George L. Mosse, Stanley Payne und Emilio Gentile den Faschismus als „a genus of political ideology whose mythic core in its various permutations is a palingenetic form of populist ultra-nationalism”.[80] Zum Kern dieses radikal entschlackten, heuristischen Idealtypus gehörten nach Griffin also der Ultranationalismus und das Streben nach Palingenese, das heißt nach Wiedergeburt und Erneuerung der nationalen oder „rassisch-völkischen” Gemeinschaft. Griffins synthetisierende Definition hat zum einen den Vorteil, dass sie gewissermaßen mit Ockhams Rasiermesser, also gemäß dem Ökonomieprinzip operiert: Sie enthält weit weniger Variablen als bisherige Definitionen. Zudem gründet ihr Mehrwert darin, dass der Ultra- oder Radikalnationalismus an die Stelle der Antihaltungen tritt.
Über Griffins Definition und den von ihm ausgerufenen new consensus ist ausführlich und kontrovers diskutiert worden. Kritisiert wurden der generische Begriff an sich, die idealtypische Definition und ihre Statik, die Berechtigung eines auf der Basis der faschistischen Ideologie gebildeten Modells.[81] Die Kritik teilweise aufgreifend, doch an der differentia specifica der Palingenese festhaltend, fasste Griffin in seinem 2007 erschienenen „Modernism and Fascism” den Faschismus als Form des programmatischen Modernismus, „that seeks to conquer political power in order to realize a totalizing vision of national or ethnic rebirth. Its ultimate end is to overcome the decadence that has destroyed a sense of communal belonging and drained modernity of meaning and transcendence and usher in a new era of cultural homogeneity and health.”[82]
Ein Jahr nach Griffin schlug Roger Eatwell vor, den Faschismus als eine „spectral-syncretic ideology” zu verstehen: [83] Der Faschismus stelle unter den Ideologien einen Nachkömmling dar. Um sich im etablierten politischen Feld – und das heißt innerhalb des tradierten Links-Rechts-Spektrums – zu positionieren, habe er dasselbe transzendiert und eine Synthese aus linken wie rechten Ideologemen geschaffen. „Amongst the most important were: between a conservative view of man constrained by nature and the more left-wing view of the possibilities of creating a ‚new man’; between a commitment to science, especially in terms of understanding human nature, and a more anti-rationalist, vitalist interest in the possibilities of the will […]; between the faith and service of Christianity and heroism of Classical thought; between private property relations more typical of the right and a form of welfarism more typical of the left.”[84] Zudem betonte Eatwell die Anpassungsfähigkeit des Faschismus, der zwar eine fundamentalistische Ideologie sei, aber eben auch ein pragmatisch-opportunistisches Programm. Seine vielen Gesichter gründeten daher zum einen nach Eatwell darin, dass der Faschismus aus unterschiedlichen nationalen Kontexten erwachsen sei, auf deren Spezifika er bezogen blieb. Zum anderen habe er sich als flexibel und damit als diachron wandlungsfähig erwiesen.
Diese diachrone Wandlungsfähigkeit steht auch im Zentrum von Robert O. Paxtons fünfstufigem Modell des Faschismus, das mit Wolfgang Schieders drei- bzw. vierstufigem Modell vergleichbar ist.[85] Paxton schlägt vor, Prozessen gegenüber Essenzen den Vorzug zu geben, den Faschismus also in Bewegung zu verstehen, und den Kontexten, aus denen er hervorging und innerhalb derer er sich weiterentwickelte, ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Zudem plädiert Paxton dafür, jene Form- und Wandelbarkeit des Faschismus, die statische Definitionen stets sprenge, für den Vergleich nutzbar zu machen: Bewegungen in ihrer Formationsphase sollten nur mit Faschismen, die einen ähnlichen „Entwicklungsstand” aufweisen würden, verglichen werden. Paxtons Fünf-Stufen-Modell sieht folgende Stadien vor: „(1) die ursprüngliche Initiierung faschistischer Bewegungen; (2) ihre Etablierung im politischen System als Parteien; (3) die Übernahme der Macht; (4) die Machtausübung; und schließlich, langfristiger gesehen, (5) die Radikalisierung oder Entropie.”
Paxtons dynamisches Faschismusverständnis wie auch die „antiideologische” Annahme, dass sich „die Ideen, die den faschistischen Taten zugrunde liegen, [...] am besten aus den Taten selbst herleiten” ließen, lagen Sven Reichardts Studie zu den „Faschistischen Kampfbünden” aus dem Jahr 2002 zugrunde.[86] In einem empiriegesättigten Vergleich der italienischen Squadre d'Azione und der deutschen SA wurde die zentrale Stellung herausgearbeitet, die der Praxis der Gewalt im Faschismus zukam: „Die Präsenz von Gewalt brauchte in der faschistischen Vorstellungswelt gar nicht mehr gerechtfertigt zu werden – schließlich war sie ein positiv besetzter Wert. […] Die Ubiquität dieser sich selbst begründenden, selbstreferentiellen Gewalt stellt ein zentrales Merkmal des Faschismus dar.” Für Reichardt ist es die „praktische Umsetzung”, „das alltägliche, freiwillige Leben in der Gewalt”, die faschistisch war.[87] Durch den innovativen „praxeologischen” Zugriff gelang es Reichardt, die Diskussion um den Mehrwert des Faschismus-Begriffs in Deutschland wiederzubeleben. Nicht als konsistente Ideologie sei der Faschismus zu begreifen, sondern als Habitus, als Lebensstil und als eine spezifische gewalttätige Praxis. Der Faschismus werde in actu konstituiert: nicht antikommunistische Einstellungen, sondern antikommunistische Taten seien das spezifisch Faschistische.
Ein synthetisierender Neuansatz wurde 2004 von dem Soziologen Michael Mann vorgelegt.[88] Mann sucht das Schisma zwischen Materialismus (also dem klassentheoretischen Ansatz der Marxisten) und Idealismus (also dem Zugang über die Ideologie) zu überwinden, indem er darauf aufmerksam macht, dass der Faschismus nur dann als soziale Bewegung verständlich würde, wenn alle „vier Quellen der Macht” in Betracht gezogen würden. Soziale Bewegungen suchten stets „die Deutungshoheit über entscheidende Begriffssysteme zu erlangen (ideologisch), Produktion und Handel zu beherrschen (wirtschaftlich), organisierte physische Gewalt einzusetzen (militärisch) und die staatlichen Vorgaben im territorialen Rahmen zu kontrollieren (politisch)”.[89] Mann definiert den Faschismus als „das Bestreben, eine transzendente und säubernde Nationalstaatlichkeit durch paramilitärische Organisation zu schaffen”.
Im Zentrum von Manns Analyse steht die Frage, wer in Italien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien und Spanien weshalb zum Faschisten wurde. Er beleuchtet also den jeweiligen sozialen Hintergrund derselben, wenngleich er diesen eben nicht wie die materialistischen Theorien auf die Klassenzugehörigkeit oder den beruflichen Hintergrund beschränkt. Vielmehr fragt Mann auch nach Alter, Geschlecht, nach einem militärischen oder eher zivilen, urbanen oder ruralen, religiösen oder säkularen Hintergrund sowie danach, ob es sich um ökonomische Gewinner oder Verlierer handelte und aus welcher Region sie stammten. Generalisierungen sind angesichts eines solchen Fragenkatalogs und bei sechs analysierten Ländern mit jeweils variierenden Datenlagen natürlich schwierig, und es ist gewissermaßen eine Ironie der Geschichte, dass sich Manns generische Aussagen dann doch auf ideologische Aspekte beziehen: Die größte Attraktivität des Faschismus sei „the intensity of its message” gewesen, die junge, nationalistisch und militant gesinnte Männer angezogen habe, denen die paramilitärische Organisationsform mit ihren klaren Hierarchien, ihrer Kameradschaft und Vergemeinschaftung mittels Gewalt zusagte.[90] Der Erfolg der jeweiligen Bewegung sei dabei insbesondere von der Stärke und Stabilität des konservativen alten Regimes abhängig gewesen. War es stark genug, wie im Falle Spaniens, Portugals, Bulgariens, Griechenlands, dem serbischen Kern Jugoslawiens, der baltischen Republiken, Polens und Albaniens, so wurden autoritär-konservative Lösungen der Nachkriegskrisen den faschistischen vorgezogen, wenngleich in einigen Fällen faschistische Elemente integriert wurden.
Die Phase seit den 1990er-Jahren war nicht allein von einer intensiven Arbeit am generischen Begriff geprägt. Sie zeichnete sich vielmehr auch durch ertragreiche empirische Einzelforschung aus. Einige empirische Themenfelder und repräsentative Studien sollen im Folgenden daher Erwähnung finden.[91] Da an vergleichenden empirischen Studien weiterhin Mangel herrscht, muss indes einschränkend festgehalten werden, dass sie in zahlreichen Fällen auf den italienischen Faschismus beschränkt bleiben.
Als Renzo De Felice 1974 bezüglich der Jahre 1929 bis 1936 einen Konsens zwischen italienischer Bevölkerung und dem faschistischen Regime konstatierte, war die italienische Öffentlichkeit gezwungen, das in der Nachkriegszeit entstandene Bild der Diktatur und ihrer Beteiligung an derselben zu revidieren.[92] Das faschistische Regime fußte auf Zwang, Gewalt und Exklusion, aber es beruhte darüber hinaus auf einem zuweilen hohen Maß an Zustimmung und Beteiligung von unten, die aus den disparatesten Gründen motiviert war. Der Konsens wurde also nicht allein durch Repression und die „fabbrica del consenso” (Propagandafabrik) erzeugt, sondern er erwuchs eben auch aus dem grass roots-Faschismus zahlreicher Italiener sowie beispielsweise aus der Attraktivität der Aufstiegsmöglichkeiten, die er bot.[93]
Diesem „real existierenden” Faschismus vor Ort hat sich Paul Corner kürzlich zugewandt und verdeutlicht, dass sich zwischen den Anliegen der PNF in Rom und der Praxis vor Ort in den Provinzen weite Klüfte auftaten.[94] Durch die faschistische Revolution wurden persönliche Bereicherung und Nepotismus keineswegs beseitigt, nur das nutznießende Personal wurde ausgetauscht. Die Glaubwürdigkeit und Popularität des Regimes seien demnach bereits in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre deutlich im Sinkflug begriffen gewesen. Ein komplexes Bild des Verhältnisses zwischen einem sich wandelnden Regime und vielschichtigen Bevölkerungsgruppen mit ihren ebenfalls dynamischen Interessen und Maßen an Agency zeichnet auch der im selben Jahr erschienene Sammelband Giulia Albaneses und Roberta Perghers. Hier wird für die Überwindung der unterkomplexen Dichotomie von Konsens auf der einen Seite und Repression/Gewalt auf der anderen plädiert.[95]
Konsens konnte, so die provokante These Götz Alys im Hinblick auf die deutsche Diktatur, auch durch Raub erkauft werden und, so Michael Wildt wiederum, durch rassistische Exklusion und mörderische Gewalt herbeigeführt werden, indem die „Volksgenossen” die vom Regime eröffneten Gewalträume wahrnahmen.[96] Es wäre insofern zu wünschen, dass die neuen Perspektiven auf den „Konsens” im faschistischen Italien ebenso wie auf den als Analysekategorie geschärften Volksgemeinschaftsbegriff künftige Forschungen zu den faschistischen Mobilisierungsdiktaturen informieren und anregen.[97] Die „soziale Praxis” des Faschismus, seine Objektivierung im Alltag[98] und seine Einschreibung in die Körper und Köpfe der Menschen beispielsweise in den vielfältigen Massenorganisationen gilt es noch nachdrücklicher vergleichend zu erforschen.[99]
Eine ganze Reihe italienischer Künstler war aus Überzeugung wie auch aus Opportunismus an der Herstellung des Konsenses beteiligt. Sie fungierten als wichtige Rädchen in der Propagandamaschinerie des faschistischen Regimes und erzeugten das Bild eines neuen, modernen, faschistischen Italiens. Die S„Ästhetisierung des politischen Lebens”[100] und die Rolle des Modernismus, im engeren kulturellen Sinn, im italienischen Faschismus haben im Zuge des cultural turns eine breite Aufmerksamkeit erfahren.[101] In jüngster Zeit lag der Schwerpunkt insbesondere bei der architektonischen Selbstinszenierung des italienischen Regimes durch den Bau neuer Städte etwa in der Pontinischen Ebene und die Sichtbarmachung der traditionsstiftenden und zukunftsweisenden romanità in der „ewigen Stadt”.[102]
Aufgrund dieses Rückbezugs auf eine römische oder germanische Vergangenheit, aber auch wegen der von ihm entfalteten „atavistischen” Gewalt war ein faschistischer Modernismus oder gar eine faschistische Moderne lange Zeit höchstens als Oxymoron und Paradoxon, sprich als „reaktionärer Modernismus” denkbar.[103] Vor dem Hintergrund der Modernisierungstheorie setzten in den 1960er-Jahren Debatten um die modernisierende Wirkung des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft sowie um den italienischen Faschismus als „developmental dictatorship” ein.[104] Die Diskussion flammte in den späten 1980er-Jahren angesichts des revisionistischen Versuchs Rainer Zitelmanns, Hitler als Revolutionär darzustellen, nochmals auf, erwies sich aber ex post als anachronistisch, stand doch die positive Konnotation von Moderne und Modernisierung längst zur Debatte.[105]
Relevanter war die aus der kritischen Auseinandersetzung mit den normativen Grundlagen der Modernisierungstheorie erwachsende neue Perspektive auf die Moderne, in der unterschiedlichste multiple modernities ersichtlich wurden.[106] Von diesem modernekritischen Blickwinkel aus betrachtet, erschien der millionenfache Mord an den europäischen Juden keineswegs, so Zygmunt Bauman, als „das irrationale Hervorbrechen nicht überwundener Relikte prämoderner Barbarei”, sondern als Produkt einer der Moderne eigenen „Dialektik der Ordnung” und eines spezifisch modernen „Gärtnerstaats”.[107]
Unter Verzicht auf einen liberal-demokratischen Idealtypus (im zweifachen Sinn) von Moderne als Vergleichsmaßstab geriet das lange fin de siècle als „Laboratorium” in den Fokus.[108] „Hier entwarfen”, so Lutz Raphael, „Sozialexperten und Intellektuelle, Künstler und Politiker, Ingenieure und Unternehmer neue Ordnungsmuster, Politikformen, Lebensentwürfe und Umwelten. Planung und Utopie wurden wichtige Ausdrucksformen dieser intensiven Wechselwirkung zwischen den anonymen Entwicklungstrends und den modernen Ordnungsentwürfen.”[109] Der Faschismus ist aus diesem Kontext der „Explosion von Modernität” und der daraus resultierenden Sehnsucht nach Ordnung heraus zu verstehen.[110] Aus dieser Perspektive erwuchs der Faschismus aus dem Empfinden, dass die vorhandene Ordnung brüchig, starr, unzeitgemäß und dekadent sei.[111] Daher galt es, sie mittels revolutionärer Gewalt zu zerstören und, wie Roger Griffin immer wieder betont hat, die Wiedergeburt des „Ewigen”, sei es des alten Roms, des germanischen Volkes oder des legionären Rumäniens, einzuleiten.[112] Durch eine bonifica (Melioration, Aufwertung) der eigenen Bevölkerung beziehungsweise durch jene bereits erwähnte anthropologische Revolution würde die Grundlage gelegt werden für die ersehnte dauerhafte, „wahrhaft” stabile Ordnung, die im Mythos einer verabsolutierten Nation oder eines Volkes gründete.[113]
Hinsichtlich der Folgen der Verabsolutierung des „deutschen Volkes” oder der „arischen Rasse” steht eines fest: Der Mord an etwa 5,7 Millionen europäischen Juden ging vom nationalsozialistischen Deutschland aus. Er wurde von den Nationalsozialisten geplant, koordiniert und brutal in die Tat umgesetzt. Sie betrieben eine Vernichtungspolitik, der darüber hinaus etwa 200.000 Sinti und Roma zum Opfer fielen sowie „etwa eine Million nichtjüdische polnische Zivilisten, etwa 2,8 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, etwa drei bis vier Millionen sowjetische Zivilpersonen sowie etwa eine halbe Million nichtjüdische Zivilisten in den anderen von Deutschland besetzten Ländern sowie in Deutschland selbst”.[114] Zugleich muss konstatiert werden – und zwar bei aller Vorsicht angesichts der Möglichkeit apologetischer und revisionistischer Instrumentalisierungen von derlei Aussagen –, dass social engineering, eugenische Biopolitik,[115] Gewalt, „ethnische Säuberung” und Massenmord keine ausschließlich deutschen Phänomene waren.[116] Die hochmodernistische Ideologie eines „jätenden” Gärtnerstaats war ein Signum der Epoche und mörderische, ultranationalistische, ethnisch-rassistisch motivierte Gewalt seit dem Ersten Weltkrieg in Europa allgegenwärtig.[117]
Insofern mag es nicht verwundern, dass in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden ist, welches Ausmaß an Gewalt und Mord auch von den anderen faschistischen Bewegungen sowie von den faschistisierten autoritären und von den mit den Deutschen kollaborierenden Regimen ausgegangen ist.[118] Nebst der gewalttätigen Repression politischer Gegner in Italien selbst waren es insbesondere die Kriegsführung und Besatzungspraxis des faschistischen Italiens in Europa, die im Zentrum einiger Untersuchungen standen.[119] Zudem hat das tödliche koloniale Regime des italienischen Faschismus einige Aufmerksamkeit erfahren: Geht man in Libyen von etwa 100.000 Opfern aus, so forderte die zur Wiederbelebung des Faschismus entfesselte rassistische Gewalt in Äthiopien zwischen 350.000 und 760.000 Menschenleben. An die Stelle der Nachkriegslegende von den „italiani brava gente” (Italiener, gute Leute) ist insofern zu Recht die Rede von einem „ersten faschistischen Vernichtungskrieg” getreten.[120]
Doch welche Rolle spielten Rassismus und Antisemitismus im italienischen sowie in den weiteren Varianten des Faschismus?[121] Die zentrale Rolle des „völkischen” und „rassebiologischen”, des „eliminatorischen” (Goldhagen) oder „Erlösungs”-Antisemitismus (Friedländer) im Nationalsozialismus sowie der von ihm entfesselte Vernichtungskrieg und millionenfache Mord an den europäischen Juden führten dazu, dass seine Subsumtion unter den generischen Faschismusbegriff fragwürdig erschien – und zwar sowohl in Deutschland als auch in Italien.[122] In der Folge – nicht zuletzt von Renzo De Felices exkulpierender Lesart – betrachtete man den Antisemitismus des italienischen Faschismus, der sich im Manifesto della razza (Manifest der Rasse vom Juli 1938) und dann in den leggi razziali (Rassengesetze vom November 1938) niederschlug, lange Zeit allein als Ergebnis einer Annäherung an und Emulation des nationalsozialistischen Deutschlands.[123] Auch die eifrige Unterstützung der Deutschen bei der Deportation der Juden aus der Repubblica Sociale Italiana, dem seit September 1943 „besetzten Verbündeten” des „Dritten Reichs”, wurde vornehmlich als rein reaktiv verstanden.[124]
Doch seit etwa den 1990er-Jahren hat sich das Bild des italienischen Faschismus gewandelt, denn es zeigte sich, dass biopolitisches und eugenisches Denken auch in der italienischen Wissenschaftslandschaft des fin de sìecle bereits fest verankert waren. Auch der italienische Rassismus – sowohl jener, der sich gegen die slawischen Minderheiten im Osten des Landes richtete, als auch insbesondere der gegen die afrikanischen Bewohner des italienischen Kolonialreiches – erwies sich als mörderisch.[125] Vor allem wurde die These vom Antisemitismus als reinem Import falsifiziert:[126] Der Blick Mussolinis zum nunmehr radikaleren und totalitäreren Nachzügler im Norden spielte zwar eine Rolle, doch die antisemitische Politik des Regimes war intrinsich motiviert, diente sie doch wie auch schon der im Oktober 1935 entfachte, rassistische Abessinienkrieg einer Wiederbelebung des nunmehr in die Jahre gekommenen revolutionären/antibourgeoisen Geistes des italienischen Faschismus. Ultra- oder Radikalnationalismus musste zwar nicht zwingend von Antisemitismus begleitet werden, die Herausbildung oder Eingliederung dieses Elements fiel Ultranationalisten indessen stets leicht, konnte doch „der Jude” in ihrer Vorstellungswelt sehr schnell zur Verkörperung des ganz Anderen der Nation mutieren.[127]
Bleibt die exzeptionelle Rolle des nationalsozialistischen Deutschlands im Holocaust auch dann sichtbar, wenn die Beteiligung etwa der italienischen Faschisten, der kroatischen Ustascha oder der ungarischen Pfeilkreuzler und ihr autochtoner Antisemitismus thematisiert werden?[128] Wird die Radikalität des Nationalsozialismus geschmälert, wenn er unter den generischen Faschismusbegriff subsumiert wird? Verabschiedet man sich von einem essentialistischen Verständnis des Faschismusbegriffs und bedient man sich des oben erwähnten flexiblen und dynamischen morphologischen Ideologiemodells Michael Freedens erscheint es durchaus möglich, der herausragenden Bedeutung des Antisemitismus im Nationalsozialismus Rechnung zu tragen, ohne den generischen Faschismusbegriff preiszugeben.[129] Innerhalb des nationalsozialistischen Begriffsclusters nahm der Antisemitismus eben eine zentralere Stellung ein als etwa im italienischen Faschismus. Zudem wies er andere und stärkere Verknüpfungen etwa zum Marxismus/Bolschewismus, Liberalismus, zum Konzept der „Volksgemeinschaft” und zum „Lebensraum” auf. Der generische Begriff impliziert ja nicht, dass zwei unter diesem Begriff gefasste Phänomene, die ja stets aus ihrem jeweiligen nationalkulturellen Kontext erwachsen, sich genau gleichen, sondern eben (Familien-)Ähnlichkeiten aufweisen, deren Erkenntnis heuristisch sinnvoll ist.
Auf der Grundlage eines solchen Faschismusverständnisses erscheint es darüber hinaus auch möglich, den Nationalsozialismus als Radikalfaschismus zu bezeichnen, ohne in die politisch fragwürdigen Fallstricke einer „kausalen Nexus”- These zu geraten.[130] Wie Aristotle Kallis verdeutlicht hat, war das NS-Regime „not just more extreme in its ideological synthesis between national-racial ‚rebirth’ and ‚cleansing’, but also unscrupulous and fanatical in its praxis”.[131] Im Zuge der „kumulativen Radikalisierung” des Nationalsozialismus und im Verbund mit den sich ergebenden militärischen, politischen und wirtschaftlichen Gestaltungsspielräumen und -zwängen des kriegsführenden Regimes wuchsen also die Bedeutung des Antisemitismus sowie die Möglichkeiten zu seiner praktischen Umsetzung: Nach und nach wurde aus dem Undenkbaren das Denk- und Sagbare und aus dem Sagbaren das Machbare.[132] Durch die vom NS-Regime im Zuge des von ihm entfesselten Kriegs entfaltete Vernichtungspolitik wurde der Nationalsozialismus, so Kallis weiter, zu einem Katalysator der Radikalisierung auch der anderen faschistischen Bewegungen. Hatte der italienische Faschismus in den 1920er- und teils auch noch in den frühen 1930er-Jahren als Vorbild und Vorlage anderer Faschismen fungiert, so nahm nunmehr der weit radikalere Nationalsozialismus diese Rolle ein. In diesem Sinne haben Thomas Schlemmer und Hans Woller kürzlich postuliert, dass der Nationalsozialismus die notwendige Bedingung dargestellt habe und es des von ihm entfesselten Kriegs als Katalysator bedurfte, dass aber alle Faschisten im Krieg „ihr wahres Gesicht als rabiate Rassisten und gewalttätige Antisemiten [gezeigt hätten], denen es bis dahin vielfach lediglich an Entfaltungsmöglichkeiten gefehlt hatte”. Unter der Führung der als Motor fungierenden Nationalsozialisten hätten sie sich (erneut) radikalisiert, an der Vernichtung der europäischen Juden bereitwillig beteiligt und eine übernationale faschistisch-rassistische Neuordnung Europas angestrebt.[133] Die Transferprozesse zwischen den europäischen Faschismen, ihre „entangled history” gilt es noch näher zu beleuchten.[134]
Seit über neunzig Jahren wird über Inhalt und Reichweite des Faschismus-Begriffs gerungen. Kein anderer „Ismus”, so konstatierte Roger Eatwell, habe derart widersprüchliche Deutungen hervorgebracht wie der Faschismus.[135] Die teils heftig geführten Debatten gründeten in zeitgenössischen politischen Konflikten, zuweilen auch im Narzissmus einzelner Wissenschaftler sowie in einem essentialistischen Verständnis des Faschismusbegriffs. Wird der generische Begriff als eine platonische Universalie gedacht, führt das unweigerlich zu dogmatischen Nominalismusstreitigkeiten. Daher scheint es sinnvoller, ihn als heuristische Konstruktion zu verwenden, die das Erkennen von „Verwandtschaftsbeziehungen” gewährleistet. Welche „Familienähnlichkeiten” etwa synchron zwischen den jeweiligen nationalen Faschismen, aber auch diachron zwischen den Faschismen innerhalb eines Landes jeweils sichtbar werden, hängt von der gewählten idealtypischen Arbeitsdefinition ab.[136] Da idealtypische Definitionen naturgemäß immer nur bestimmte Aspekte eines Phänomens zum Vorschein kommen lassen und andere in den Hintergrund drängen, gilt es, ein Bewusstsein für diese Einschränkung zu bewahren und unterschiedliche Idealtypen und sich ergänzende Ansätze miteinander zu kombinieren.[137]
Der Mehrwert des Faschismus-Begriffs liegt schließlich darin, jene politischen Hybride analysierbar und fassbar zu machen, die in der Zwischenkriegszeit nicht nur die althergebrachten Links-Rechts-Schemata sprengten, sondern den aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Sinn einer Vielzahl politischer Kategorien transzendierten. Ähnliches gilt für die politische Praxis, die durch die paramilitärischen Kampfbünde und den Maßnahmenstaat der Einparteiendiktatur grundlegend transformiert wurde. Mittels des Faschismus-Begriffs ist es möglich, diese Veränderungen, aber eben auch die Kontexte deutlicher zu erhellen, innerhalb derer sie sich ereigneten: die Explosion von Modernität; der Erste Weltkrieg; die bolschewistische Revolution; die Krise des liberalen Systems und die daraus resultierende Suche nach einer vermeintlich stabilen Ordnung; das weitverbreitete „Unbehagen an der Kultur” (S. Freud) und die Suche nach alternativen Lebens- und Ordnungsmodellen, die einen ihrer deutlichsten Ausdrücke in der Reform- und Jugendbewegung fand; die Radikalisierung und Ethnisierung des Nationalismus im Ersten Weltkrieg und die hasserfüllte Vehemenz, mit der die „neuen Nationalisten” gegen ihre Gegner und das „Versailler System” agitierten und vorgingen; die Überforderung des bestehenden politischen Systems angesichts der Vielzahl an Problemen, für die keinerlei bewährte Lösungsstrategien vorlagen.
Vergleichbare Situationen herrschten in zahlreichen europäischen Ländern vor. Nicht nur in Italien und Deutschland, sondern auch in den aus der Konkursmasse des österreichisch-ungarischen Imperiums hervorgegangenen Nationen sah man sich vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Die verheißungsvollen Erwartungen an die reinigende, einende und erlösende Wirkung des Kriegs waren allerorts enttäuscht worden, und der Liberalismus vermochte die an ihn herangetragenen Hoffnungen nicht zu erfüllen. Zurück blieben eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, Orientierung und Ordnung und eine Bereitwilligkeit, radikale Lösungen auf die drängenden Fragen der Moderne zu erproben. Der Faschismus war eine Antwort darauf und suchte die Sehnsucht nach einem Aufbruch in eine Neue Zeit, nach einem Neuen Menschen und nach einer alternativen Moderne zu befriedigen, die er wie auf einem Zeichentisch, auf einer durch millionenfachen Mord hergestellten tabula rasa zu schaffen trachtete.
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