Unternehmensgeschichte
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 23.09.2019
https://docupedia.de/zg/ahrens_unternehmensgeschichte_v2_de_2019
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1704
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 23.09.2019
https://docupedia.de/zg/ahrens_unternehmensgeschichte_v2_de_2019
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1704
Unternehmen gehören zu den wichtigsten Akteuren der modernen Geschichte: Sie bilden die Basiseinheiten volkswirtschaftlicher Wertschöpfung, sind sowohl Schrittmacher als auch Objekte ökonomischen und technischen Strukturwandels, fungieren als Arbeitgeber für einen großen Teil der Bevölkerung, bilden als arbeitsteilige Organisationen soziale Hierarchien aus und sind Schauplatz materieller Verteilungskonflikte, prägen geografische und gesellschaftliche Räume ebenso wie kulturelle Wahrnehmungsmuster, und nicht zuletzt üben sie politischen Einfluss aus. Es gibt also nicht nur für Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker/innen gute Gründe, sich für Unternehmensgeschichte zu interessieren.[1]
Die inhaltliche und methodische Breite, die diese Subdisziplin mittlerweile erreicht hat, kann hier nicht annähernd abgebildet werden.[2] Stattdessen fokussiert der Beitrag vor allem ihren Standort zwischen Wirtschafts- und „allgemeiner“ Geschichte. Dazu werden zunächst einige Grundfragen der theoretischen Diskussion über den Forschungsgegenstand „Unternehmen“ angeschnitten, um danach knapp die Institutionalisierung des Fachs in der deutschen Wissenschaftslandschaft zu skizzieren. Abschließend soll auf aktuelle inhaltliche Schwerpunkte der Forschung, thematische Perspektiven und ihre Anschlussmöglichkeiten an andere historische Forschungsbereiche hingewiesen werden. Wo dabei auf einzelne Unternehmensgeschichten verwiesen wird, verstehen diese sich nur als ausgewählte Beispiele. Der Schwerpunkt liegt schon aus Platzgründen auf der deutschen Unternehmenshistoriografie, und hier vor allem auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – in dem Bewusstsein, dass damit höchst differenzierte internationale Forschungslandschaften ausgeblendet bleiben.[3]
Das Spannungsverhältnis zwischen Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften, zwischen induktiver und deduktiver Herangehensweise ist für die wissenschaftliche Unternehmensgeschichte seit ihren Anfängen charakteristisch.[4] Wie in der Wirtschaftsgeschichte insgesamt verweist dies auf das interdisziplinäre Potenzial des Fachs, aber auch auf methodische und theoretische Probleme. Unternehmen sind „gleichermaßen ökonomisch-funktionale und soziale Organisationen“: Sie produzieren Güter und Dienstleistungen für Märkte, sie tun dies auf arbeitsteilige Weise in einer funktional differenzierten Gesellschaft, und beide Dimensionen sind eng miteinander verknüpft.[5] Dabei unterliegen Unternehmen jedoch seit ihrer allmählichen Ausbildung in der frühen Neuzeit und vor allem seit der Entstehung des modernen kapitalistischen Großbetriebs in der Industrialisierung einem permanenten historischen Wandel, der sich mit dem Instrumentarium der systematischen Wirtschaftswissenschaften nur begrenzt erfassen lässt.
Das gilt auch für das häufig als Analyserahmen herangezogene Theorienset der „Neuen Institutionenökonomik“. Institutionenökonomisch betrachtet, dienen Unternehmen der Senkung von Transaktionskosten; darunter werden Kosten zusammengefasst, die beim Austausch von Gütern und Produktionsfaktoren auf Märkten anfallen, weil Informationen gesammelt, Vertragsverhandlungen durchgeführt und Leistungserbringungen überwacht werden müssen. Unternehmen können solche Kosten vermindern, indem sie einen Teil der Transaktionen nicht auf Märkten durchführen, sondern sie in die Hierarchie des eigenen Betriebs verlagern – also eigenen Beschäftigten und eigenen Produktionsstätten überantworten, die zu entsprechenden Leistungen verpflichtet werden. Dadurch drohen aber wiederum neue Kosten, weil Kapitaleigner/innen, Manager/innen und andere Beschäftigte jeweils unterschiedliche Interessen verfolgen und dafür Informationsvorsprünge einsetzen. Ein Unternehmen lässt sich daher auch als System von Verträgen interpretieren, in dem mittels Arbeitsverträgen, Bonusregelungen, Satzungen etc. die Folgen ungleicher Informationsverteilung reduziert werden sollen.[6]
Das institutionenökonomische Paradigma bietet zugleich Möglichkeiten, das traditionelle, insbesondere von Joseph Schumpeter geprägte Bild des Unternehmers als „kreativer Innovator“[7] in die Theorie des Unternehmens zu integrieren: Unternehmer/innen sind Spezialisten für die kosteneffiziente Zusammenführung von Informationen und bringen diese Schlüsselqualifikation sowohl in der Organisation des Unternehmens als auch in der Nutzung sozialer Netzwerke zur Geltung.[8] Die Konzentration auf prominente Unternehmerfiguren hat gerade in der deutschen Geschichtsschreibung eine starke Tradition.[9] Eine theoretisch reflektierte Unternehmergeschichte muss nicht unbedingt als klassische Biografie angelegt sein, sondern kann die sozialen und politischen Aspekte unternehmerischen Handelns hinreichend erfassen[10] und gleichzeitig die unreflektierte Überhöhung ihrer „Helden“ vermeiden. Sie ist dennoch zu unterscheiden von der Unternehmenshistoriografie als Untersuchung arbeitsteiliger Organisationen, in denen sich Entscheidungen erst aus der mehr oder minder konflikthaften Interaktion von Eigentümern, Beschäftigten auf verschiedenen Hierarchieebenen und anderen Beteiligten ergeben.[11]
![Patriarch im Kontext: Alfred-Krupp-Denkmal in Essen mit der Krupp'schen Konsumanstalt im Hintergrund, Ansichtskarte vor 1888. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred-Krupp-Denkmal,_Konsumanstalt_Krupp1.JPG Wikimedia Commons], gemeinfrei](sites/default/files/import_images/5156.jpg)
Institutionenökonomische Ansätze können den Bedarf an Unternehmen und Unternehmern erklären, aber nur begrenzt deren konkrete Entwicklung; sie müssen historische Kontingenz ausblenden, können Akteursverhalten nur als Ausdruck ökonomischer Rationalität verarbeiten und sind grundsätzlich auf Generalisierung angelegt. In der historischen Realität aber ist jedes Unternehmen ein Einzelfall, dessen Scheitern oder Überleben am Markt sich nicht hinreichend aus Transaktionskostenmodellen ableiten lässt.[12] Überdies tendiert auch dieses vergleichsweise realistische Paradigma dazu, politische und soziale Dimensionen des Wirtschaftens zu vernachlässigen. Dennoch ist aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Theorienspektrum gerade der institutionenökonomische Zugang nützlich, weil er in der Forschungspraxis nicht nur an andere wirtschaftswissenschaftliche Theoriestränge anschlussfähig ist, sondern auch prinzipiell offen für eine Erweiterung um Konzepte wie Mikropolitik, Unternehmenskultur oder Corporate Governance,[13] auf die weiter unten zurückzukommen ist.
Einen allgemeinen Theorieansatz der Unternehmensgeschichte gibt es also nicht – sondern zahlreiche, mehr oder weniger in sich schlüssige Theorieangebote aus den Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften, deren Nutzen von der jeweiligen Fragestellung abhängt. In der empirischen Forschung führt ohnehin kaum ein Weg an einer pragmatischen, am Einzelfall orientierten Kombination von „ökonomischen“ und „historischen“ Zugängen zum Unternehmen vorbei, auch wenn der Werkzeugkasten der Wirtschaftswissenschaftler/innen etwa bei der Analyse von Bilanzen oder Rationalisierungsstrategien natürlich ein unverzichtbares Hilfsmittel ist. Dem Plädoyer für Theoriebezug mittels eines „reflektierten Eklektizismus in heuristischer Absicht“[14] ist daher sicher zuzustimmen, solange man es nicht als Freibrief für die Ausblendung der spezifischen Rationalitätskriterien missversteht, denen Unternehmen folgen müssen, um zu überleben. In diesem Sinne lässt sich auch die häufig verwendete Metapher vom „ökonomischen Kern“ des Unternehmens verstehen, die nicht unbedingt auf thematische Einschränkungen des Forschungsfelds zielen muss: Die verschiedenen im Unternehmen tätigen Akteure befinden sich zwar in steter Interaktion nicht nur mit anderen Marktteilnehmern, sondern auch mit einer gesellschaftlichen und politischen Umwelt. Um sinnvoll auf die Anforderungen dieser Umwelten reagieren zu können, müssen sie Informationen aber so filtern und reformulieren, dass diese mit ihrer eigenen Handlungslogik kompatibel werden.[15]
Nicht nur die deutsche Unternehmensgeschichte hat eine lange „vorwissenschaftliche“ Traditionslinie, die wiederum seit dem 19. Jahrhundert deutlich vom wachsenden Interesse der Wirtschaft an kommerziellen Festschriften beeinflusst wurde. Den Beginn einer eigenständigen akademischen Institutionalisierung markierte 1927 die Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Business History an der Harvard University.[16] An der Harvard Business School entstand auch ein Teil der international besonders einflussreichen Studien Alfred D. Chandlers über „Strategie und Struktur“ amerikanischer Großunternehmen, die er später zu internationalen Vergleichen ausbaute.[17] Unter der Devise „Structure follows Strategy“ rückte Chandler die Unternehmensorganisation ins Zentrum der Analyse und beschrieb sie „als bewusste Schöpfung des Managements infolge der ökonomischen Expansion und der Durchsetzung des Großunternehmens“.[18] Sein Ansatz stellte einen handhabbaren Rahmen für die analytische Verknüpfung der Entwicklung von Märkten und Unternehmen bereit, der systematische Vergleiche von Einzelfällen – auch über verschiedene Branchen hinweg – erlaubte. Die Verallgemeinerung der Fallstudien führte zu einer Art Musterlösung historisch erfolgreicher Unternehmensorganisation, die letztlich vor allem auf die Voraussetzungen einer erfolgreichen Nutzung von Größenvorteilen und Synergieeffekten abhob.
Die allzu schematische Generalisierung der Geschichte einzelner Großunternehmen und die einigermaßen schlichte Vorstellung, solche arbeitsteiligen Organisationen ließen sich einfach nach dem Belieben eines langfristig rationalen Managements durchstrukturieren, wird der Vielfalt der realen Unternehmensformen und -größen sowie der Vielzahl von Einflussfaktoren jedoch nicht gerecht. Schon in den 1990er-Jahren konnte daher auch in Deutschland ein Trend zur Ausdifferenzierung der Forschung „beyond Chandler“ konstatiert werden, indem Unternehmen nicht mehr nur als bewusst gesteuerte „Black Box“ konzeptualisiert wurden, sondern auch als Kommunikations- und (Aus-)Handlungsräume.[19]
Mittlerweile ist Unternehmensgeschichte auch nicht mehr als reines Teilgebiet der Wirtschafts- und Sozialgeschichte einzuordnen, obwohl sie überwiegend an wirtschaftshistorischen Lehrstühlen betrieben wird (allerdings nicht, wie in den USA oder Großbritannien, an spezialisierten Forschungszentren oder Business Schools). Die starke Fixierung auf Unternehmerbiografien und das geringe Interesse an methodischer Innovation und Theoriebezug, die nach 1945 lange Zeit charakteristisch waren und durch einen hohen Anteil an Auftragsarbeiten gefördert wurden,[20] sind überwunden.[21]
Das 1956 unter dem bezeichnenden Titel „Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie“ begründete wichtigste Fachorgan erhielt bereits 1977 den nüchternen Namen „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte“. Hintergrund war die ein Jahr zuvor erfolgte Gründung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG), die seitdem ebenfalls einen Prozess der Verwissenschaftlichung gemäß internationalen Standards durchlief.[22] Noch 1989 signalisierte allerdings die Gründung des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte (AKKU), wie groß der Nachholbedarf an theoriegeleiteter, interdisziplinärer und unabhängiger Forschung war.[23] Ausdruck der fortschreitenden Institutionalisierung wissenschaftlicher Unternehmenshistoriografie war die erste, im Jahr 2000 vorgelegte Studieneinführung, die noch vor allem auf die Verortung im ökonomisch-wirtschaftshistorischen Umfeld abhob,[24] der aber vier Jahre später eine stärker gesellschaftsgeschichtlich angelegte Einführung folgte.[25]
Zu dieser Zeit hatte sich das Feld nicht nur erheblich ausdifferenziert, sondern sich auch stärker der Gegenwart angenähert. Während bis in die 1980er-Jahre der wichtigste zeitliche Forschungsschwerpunkt das Zeitalter der Industrialisierung war,[26] hat sich das Gewicht seitdem eindeutig auf das 20. Jahrhundert verlagert.[27] Einen erheblichen Anteil daran hatte ein in den 1990er-Jahren einsetzender regelrechter Boom der „Aufarbeitung“ des Verhaltens deutscher Großunternehmen in der NS-Zeit, dessen Vorgeschichte und Hintergründe mittlerweile selbst historisiert werden.[28] Diese wesentlich von außerwissenschaftlichen Faktoren, nämlich von den Debatten um Entschädigungen für Zwangsarbeit und die „Arisierung“ jüdischen Eigentums mitverursachte Sonderkonjunktur bescherte der Unternehmensgeschichte plötzlich ein enormes Interesse der Öffentlichkeit und der Zeithistoriker/innen. Die Studien konzentrierten sich in der Regel auf die „politische und moralische Ökonomie unternehmerischen Handelns“[29]: Sie stellten Handlungsspielräume in der Diktatur und die Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen in den Vordergrund, die bis dahin von Unternehmenshistorikern schon wegen des beschränkten Zugangs zu den Archiven wenig bearbeitet worden waren. Sie leisteten dadurch zwar zentrale Beiträge sowohl zum besseren Verständnis des NS-Regimes als auch zur Unternehmensgeschichte des „Dritten Reichs“, interessierten sich aber oft nicht für die Anschlussfähigkeit an epochenübergreifende, eher ökonomisch inspirierte Analyseansätze.[30]
Die Jahre der Weimarer Republik gerieten dabei deutlich in den Hintergrund, und die Nachkriegszeit war eher unter der Fragestellung personeller Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Interesse. Parallel dazu nahm jedoch bald die Zahl der Arbeiten zu, die sich speziell oder in epochenübergreifenden Darstellungen mit den Jahren des „Wirtschaftswunders“ und seiner krisenhaften Ausläufer beschäftigten.[31] Seit geraumer Zeit ist die Forschung auch jenseits des Festschriften-Genres im Umbruchsjahrzehnt der 1970er-Jahre angekommen[32] und beginnt die folgenden Jahrzehnte einschließlich der Transformation der ostdeutschen Kombinate zu kapitalistischen Unternehmen zu erschließen.[33] Nach dem Abflauen der NS-Konjunktur bietet die Diskussion über Strukturwandel und Wirtschaftskrisen, Wertewandel und Wissensgesellschaft dabei neue Anknüpfungspunkte für eine ernsthafte Rezeption unternehmenshistorischer Arbeiten in der allgemeinen zeithistorischen Forschung.[34] Die Quellenprobleme werden dabei freilich nicht geringer, weil sich die Untersuchungszeiträume den Archivsperrfristen annähern – ganz davon abgesehen, dass Unternehmensarchive (sofern überhaupt vorhanden) in Privatbesitz sind und es vielfach keinen freien Zugang gibt.
Zumindest dieses Quellenproblem stellte sich nicht mehr, als die in der Bundesrepublik erreichten Standards in den 1990er-Jahren auch auf die Geschichte der ostdeutschen Kombinate und Betriebe angewandt wurden.[35] Noch weit deutlicher als die frühe bundesdeutsche Unternehmergeschichte war die „Betriebsgeschichte“ ostdeutscher Provenienz von Anfang an und im wörtlichen Sinne parteiisch. Mehr als 2000 solcher Arbeiten wurden produziert, deren wissenschaftlicher Wert auch unabhängig von allem ideologischen Ballast oft fragwürdig blieb. Nach dem Scheitern früher politischer Bemühungen, die Geschichte des eigenen Betriebs mit eindeutigem ideologischen Auftrag als „Geschichte von Arbeitern für Arbeiter“ schreiben zu lassen, fand in späteren Jahrzehnten zwar eine gewisse Versachlichung und Verwissenschaftlichung statt. Doch ebenso wie die ostdeutschen Studien zu Unternehmen in der NS-Zeit sind die Arbeiten zur eigenen Betriebsgeschichte heute insgesamt eher als Quellen von Interesse denn als Forschungsliteratur, an deren Erkenntnisse die aktuelle Diskussion anknüpfen könnte.[36]
Unternehmensgeschichte ist durch ihren Gegenstand, aber nur teilweise durch ein daran geknüpftes Methodenarsenal definiert. So wenig es methodische oder theoretische Königswege gibt, so wenig lässt sich eine allgemein verbindliche Aufgabenstellung zukünftiger Forschungen begründen. „Forschungslücken“ tun sich schon deshalb laufend neu auf, weil das Fach dem Wandel des Gegenstands gerecht werden muss, und der globalisierte wirtschaftliche Strukturwandel verändert Branchen, Unternehmen und Beschäftigungsverhältnisse heute schneller denn je.
Die folgenden Bemerkungen zu Themen und Trends erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie weisen vor allem auf Forschungsfelder hin, die Anknüpfungspunkte für andere historische Arbeitsbereiche bieten. Entsprechende Anregungen hat die Unternehmensgeschichte immer wieder geboten. Auf der Quellenebene geschah dies beispielsweise durch den frühen Einsatz der Oral History (beginnend mit einem Großprojekt über die Ford Motor Company in den 1950er-Jahren, bei dem 150 Lebensgeschichten von Managern und „einfachen“ Beschäftigten gesammelt wurden)[37] oder die Nutzung von Unternehmensarchiven für andere Forschungsfelder. Der Blick auf Unternehmen kann nicht nur das Verständnis wirtschaftlicher Krisen und Konjunkturen vertiefen, sondern auch den Wandel von gesellschaftlichen Leitvorstellungen, sozialer Ungleichheit oder Konsummustern miterklären. Umgekehrt schlagen sich natürlich die „turns“ der allgemeinhistorischen Forschung in neuen unternehmenshistorischen Fragestellungen nieder.[38]
![Ikone des Scheiterns: Denkmal für den Automobilunternehmer Carl F. W. Borgward in Bremen-Sebaldsbrück, 2. April 2007. Foto: Jürgen Howaldt, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BorgwardDenkmal.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en CC BY-SA 2.0]](sites/default/files/import_images/5157.jpg)
Ein großer Teil des „Angebots“ an unternehmenshistorischem Expertenwissen wird indes weiterhin von der Nachfrage der Unternehmen abhängen. Die Hoffnung, gegenwärtige Akteure könnten aus Fehlern ihrer Vorgänger lernen, sollte man als Historiker/in sicher nicht aufgeben. Unternehmensgeschichte tatsächlich als Managementleitfaden zu empfehlen,[39] unterschätzt aber den permanenten Wandel der Umwelt, in der kontingente unternehmerische Entscheidungen getroffen werden müssen, ebenso wie die Tatsache, dass erfolgreiche „Traditionen“ eines Unternehmens zum guten Teil semantische Konstrukte der Unternehmer selbst sind (während die wissenschaftliche Perspektive auch an deren häufiges Scheitern zu erinnern hat)[40].
Das Festschriftengenre schließt jedoch keineswegs einen (impliziten) Theoriebezug und die kritische Durchleuchtung der Vergangenheit aus; insbesondere die NS-Studien scheinen bei manchen Unternehmen und ihren Archivaren die Bereitschaft gefördert zu haben, in Publikationen auf wissenschaftlichem Niveau zu investieren. Zudem sichern Auftragsarbeiten die häufig prekäre Existenz von Unternehmensarchiven, die für so manchen Controller schlicht Kostenfaktoren ohne messbare Erträge darstellen. Der Markt umfasst ein sehr breites Spektrum von der historisch unterfütterten Werbebroschüre über unreflektierte Erfolgsgeschichten „genialer“ Unternehmer auf monopolisierter Aktenbasis bis hin zu gründlich recherchierten Jubiläumsschriften, die sich auf der Höhe der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion bewegen.[41]
Dass sich die Forschung wie in anderen Ländern traditionell stark auf die Großindustrie und die Großbanken konzentriert, obwohl diese stets nur einen kleinen Teil der Unternehmenslandschaft darstellten,[42] mag auch ein Nebeneffekt des Festschriftenmarktes sein. Es hat aber zum einen ganz pragmatische Gründe, denn die bekannteren (und der Forschung überhaupt zugänglichen) Unternehmensarchive werden von Großunternehmen insbesondere der Automobil-, Stahl- und Chemiebranche unterhalten. Zum anderen wirkte hier der nicht nur marxistisch inspirierte, sondern auch von Chandler genährte Irrtum nach, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) müssten gegenüber der Marktmacht und Kapitalstärke der großindustriellen Konkurrenz zwangsläufig ins Hintertreffen geraten. Diese Prognosen haben sich spätestens mit den Anpassungskrisen vieler Industriekonzerne seit den 1960er-Jahren als falsch erwiesen. Das Forschungsinteresse an den häufig wegen ihrer Flexibilität und Innovationsstärke gerühmten Mittelständlern stößt freilich leicht an Quellengrenzen, im Fokus stehen daher eher größere familiengeführte Unternehmen.[43]
Die 1960er-Jahre markieren insofern den Beginn einer unternehmenshistorischen Umbruchphase, als mit dem Abflauen des „Wirtschaftswunders“ die Konkurrenz um die Absatzmärkte schärfer und die rechtzeitige Reaktion auf Veränderungen der Nachfrage nicht nur im Konsumgütersektor zusehends wichtiger wurde; die deutsche Wirtschaft musste darauf mit neuen Produkten, aber auch mit einer organisatorischen und verkaufsstrategischen Modernisierung reagieren. Das wachsende Interesse an gegenwartsnahen Untersuchungszeiträumen hat daher die Forschung zunehmend auf die „nicht produzierenden“ Bereiche der Industrie wie Marketing und Werbung,[44] das Personalmanagement oder die Folgen gesellschaftlichen Wertewandels[45] gelenkt. Dies sind offenkundig nicht nur Spezialthemen der Unternehmensorganisation; die dahinter stehende Ausdifferenzierung von Konsummustern und Erwerbsbiografien verweist vielmehr unmittelbar auf den Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Ungleichheiten. Hinzu kommt, auch wenn das Schlagwort von der „Dienstleistungsgesellschaft“ der empirischen Prüfung nur begrenzt standhält,[46] eine wachsende gesamtwirtschaftliche Bedeutung des tertiären Sektors. Neben Banken und Versicherungen geraten dadurch beispielsweise auch Unternehmen aus dem Tourismus oder der Gesundheitsbranche in den Blick, die ebenso zahlreiche sozial- und kulturhistorische Anknüpfungspunkte bieten wie die Hersteller von Konsumgütern, die unseren Alltag prägen.[47]
Ähnliches gilt für die Erweiterung der institutionenökonomischen Binnenperspektive um Aspekte der Unternehmenskultur und Unternehmenskommunikation.[48] Kulturgeschichte im Sinne der „kulturalistischen Wende“, also die Beschäftigung mit Lebenspraktiken und Sinnkonstruktionen historischer Subjekte, die gesellschaftliche Regelsysteme herstellen,[49] kann gerade in Unternehmen ein reichhaltiges Arbeitsfeld beackern, das die Bedeutung von Loyalitäten für die Streikfreudigkeit der Beschäftigten ebenso umfasst wie die Konstruktion unternehmerischer Selbstbilder und Führungsstile oder die Imagepolitik nach außen. Dabei ist allerdings an die soziale Komplexität von Unternehmen mit all ihren „eigensinnigen“ Akteuren zu erinnern: Unternehmenskultur lässt sich nicht beliebig verordnen, ist also nicht nur ein Managementproblem im Sinne der betriebswirtschaftlichen Ratgeberliteratur. Eine reflektierte Kulturgeschichte des Unternehmens handelt auch nicht von nachrangigen Faktoren, die den „ökonomischen Kern“ irgendwie umschwirren; sondern von Kommunikationsakten, in denen auf der Grundlage von Wahrnehmungsmustern betriebsinterne Maßnahmen und Marktstrategien ausgehandelt, integrierende „Sinndeutungsgemeinschaften“ konstruiert und Deutungskonflikte ausgetragen werden.[50]
In der sozialen Organisation „Unternehmen“ kommunizieren und handeln konkrete Akteure, die unterschiedlichen sozialen Schichten angehören; die Geschichte jedes Unternehmens hat mithin eine sozialhistorische Dimension. Von der langen Tradition der Unternehmerbiografie war bereits die Rede. Dass der Buchmarkt ein erhebliches Interesse an der plastischen Erzählung von Unternehmerleben zeigt, kann man auch als Unternehmenshistoriker/in zunächst nur begrüßen; der größere Teil dieses Marktsegments wird allerdings von eher journalistischen Arbeiten bedient, die historische Komplexität oft stark reduzieren. Das wissenschaftliche Potenzial von Unternehmerbiografien liegt hingegen eher darin, die Aktivitäten der Zentralakteure stets an die jeweiligen Unternehmen zurückzubinden, zugleich aber ihre gesellschaftlichen und politischen Funktionen ernst zu nehmen. Wichtige Beiträge zu einer solchen Einbettung hat die Forschung zum Wirtschaftsbürgertum sowie zu unternehmerischen Netzwerken geleistet.[51] Nicht zuletzt hat die Unternehmer(innen)geschichte eine geschlechtergeschichtliche, immer noch wenig beleuchtete Dimension.[52]
Neben der Unternehmergeschichte hat sich das Feld der Arbeits- und Arbeiter/innengeschichte (Labour History) erheblich ausdifferenziert.[53] Der Blick auf den „Betrieb als soziales Handlungsfeld“[54] eröffnet eine Komplexität, die in der schlichten Gegenüberstellung von Arbeit und Kapital oder den Chandlerschen Vorstellungen einer zentralen Steuerbarkeit des Unternehmens nicht aufgeht. So wurde etwa mit dem soziologischen Konzept der Mikropolitik versucht, das Geflecht von Machtbeziehungen und Aushandlungsprozessen zwischen den betrieblichen Hierarchieebenen aufzuhellen.[55] Arbeiten zur betrieblichen Sozialpolitik oder zum Arbeitsschutz demonstrieren die Aushandlung von Management- und Belegschaftsinteressen auf verschiedenen Handlungsebenen inner- und außerhalb des Unternehmens.[56]
Viele der bislang erwähnten Aspekte bilden gleichzeitig Bausteine einer „Unternehmensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte“, die die historischen „Basisdimensionen“ Wirtschaft, soziale Ungleichheit, Herrschaft und Kultur auf die Mikroebene eines Unternehmens und seines lokalen Umfelds herunterbricht.[57] Die Vorteile dieses Zugangs liegen nicht nur in der Integration ganz unterschiedlicher Felder durch den Fokus auf ein Unternehmen, sondern auch in der Anschaulichkeit und in der Anschlussfähigkeit an die Lokal- und Milieugeschichte, sofern eine hinreichende Quellenlage gegeben ist. Wirtschaftshistorisch stellen Unternehmensgeschichten zugleich eine unverzichtbare Grundlage von Branchengeschichten dar, die dadurch die Entstehung von Märkten oder den Niedergang von Branchen im Strukturwandel nicht nur als anonyme Prozesse beschreiben, sondern solche Phänomene zum Akteursverhalten auf der Mikroebene in Beziehung setzen können.[58]
Gesellschaftlich eingebunden sind Unternehmen schon durch ihre eigene Corporate Governance, d.h. die teils gesetzlich vorgegebenen Führungs- und Kontrollstrukturen. Sie haben nicht nur „Shareholder“, also Anteilseigner, die primär am finanziellen Ertrag ihrer Kapitalanlage interessiert sind. Darüber hinaus gibt es mit Politik, Gewerkschaften, Arbeitnehmern, Gläubigern oder Geschäftspartnern etliche weitere „Stakeholder“, die den Kurs eines Unternehmens mitbestimmen, in seine „Governance“ eingreifen.[59] Die Begrenzung unternehmerischer Aktivitäten durch den Staat schließt dabei nicht aus, dass Unternehmer/innen und Manager/innen zugleich die Nähe zur Politik suchen, um – nicht immer mit rechtlich oder moralisch einwandfreien Mitteln – von vorteilhafteren Angebotsbedingungen oder konkreten Aufträgen zu profitieren.[60] In diesem Kontext spielen nicht zuletzt Unternehmerverbände eine zentrale Rolle, die sich ebenfalls mit unternehmenshistorischen Ansätzen untersuchen lassen, weil sie selbst „ökonomische Kerne“ besitzen.[61]
Corporate Governance und Unternehmensfinanzierung bieten zugleich Ansatzpunkte für die neuerliche Frage nach der „Amerikanisierung“ der deutschen Wirtschaft. Nachdem zunächst vor allem die selektive Wahrnehmung und Anwendung amerikanischer Management- und Produktionsmethoden in deutschen Unternehmen der ersten Nachkriegsjahrzehnte herausgearbeitet wurde,[62] stehen inzwischen deren Internationalisierungsstrategien bis hin zur Entstehung multinationaler Konzerne im Vordergrund.[63] Die zunehmende Internationalisierung oder Globalisierung von Märkten und Wertschöpfungsketten wirkt freilich auch auf die deutsche Wirtschaft zurück. Die „Deutschland AG“, das traditionelle Geflecht aus Industriekonzernen und ihren Hausbanken mit engen Verbindungen zu Gewerkschaften und Politik,[64] zeigt seit den 1990er-Jahren deutliche Auflösungserscheinungen. Das historisch gewachsene Modell einer vergleichsweise kooperativen Unternehmenslenkung im „Rheinischen Kapitalismus“[65] scheint jedenfalls in bestimmten Segmenten einem „Finanzmarktkapitalismus“ zu weichen, der die Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt und die kurzfristige Entwicklung des Aktienkurses (Shareholder Value) zur handlungsleitenden Maxime aufwertet und anderen Stakeholder-Interessen wenig Raum lässt.[66] Erste historische Studien dazu relativieren und differenzieren freilich solche sozialwissenschaftlichen, aus Strukturanalysen gewonnenen Befunde.[67] Ähnlich differenzierungsbedürftig erscheinen die in gewisser Hinsicht analogen soziologischen Befunde einer Erosion gesellschaftlicher Bindungskräfte durch marktradikale Ideologien, die soziale Wesen flächendeckend in Nutzenmaximierer aller Lebenslagen verwandeln und jedem Einzelnen die Risiken der „Entrepreneurship“ aufbürden,[68] oder einer allgemeinen „Ökonomisierung“.[69]
Es kann hier nur kursorisch erwähnt werden, dass es nach wie vor Non-Profit-Unternehmen gibt und weiter geben wird, die sich solchen Verwertungslogiken zu entziehen versuchen und deren Analyse mit unternehmenshistorischen Interpretamenten deshalb einen eigenen Reiz hat.[70] Im Hinblick auf die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft hat sich aber vor allem das Interesse an Themen der Umweltgeschichte deutlich verstärkt, die ihrerseits Unternehmen zunächst kaum anders denn als Verschmutzungsemittenten konzeptualisieren konnte, während die Unternehmensgeschichte ökologische Faktoren oder die Rolle von Umweltbewegungen lediglich als Randbedingungen betrachtete.[71] Gerade Umweltthemen bieten wiederum Verbindungen zur Technikgeschichte, die sich zum guten Teil in Unternehmen abspielt.[72]
Diese kurze Tour d`Horizon zeigt, dass sich die unternehmenshistorische Forschung kaum auf ein zusammenfassendes Fazit bringen lässt. Man muss jedenfalls kein/e Wirtschaftshistoriker/in sein, um von der Beschäftigung mit Unternehmensgeschichte zu profitieren. Unternehmen lassen sich wie andere historische Organisationsformen analysieren, indem ihre Akteure bei der Arbeit beobachtet werden. Nur ist dabei eben zu berücksichtigen, dass es sich um Organisationen mit ökonomischer Zwecksetzung handelt: Unternehmen „funktionieren“ nun einmal, indem sie ihre Umwelt in Zahlen verwandeln, sich selbst und ihre Beschäftigten anhand von Kennziffern bewerten. Gerade weil sie diesen Prozess ernst nimmt, bietet Unternehmensgeschichte grundlegende Einblicke in die Entwicklung moderner Gesellschaften.
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