Antifaschismus. Begriff, Geschichte und Forschungsfeld in westeuropäischer Perspektive
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.02.2019
https://docupedia.de/zg/spaeth_antifaschismus_v1_de_2019
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1323
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.02.2019
https://docupedia.de/zg/spaeth_antifaschismus_v1_de_2019
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1323
„Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen!“ Mit diesen Worten beginnt die als „Schwur von Buchenwald“ bekannte Ansprache zum Totengedenken am 19. April 1945 im gerade befreiten Konzentrationslager vor den Toren Weimars. Die aus 16 Ländern stammenden Lagerinsassen schworen in fünf Sprachen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“[1]
In diesem konkreten Fall wurde Antifaschismus als organisierte, überparteiliche und transnationale Sammelbewegung gegen den Nationalsozialismus und sein Erbe sowie für eine friedliche und freiheitliche Welt verstanden. Dagegen gestalten sich Definitionsversuche, die das Phänomen in den folgenden Jahrzehnten bis heute greifen können, zunehmend schwieriger. Genügt es, Antifaschismus als „alle soziale Bewegungen und Ideologien“ zu bezeichnen, „die sich in Theorie und Praxis gegen jede Erscheinungsform von Faschismus wenden“?[2] Ignoriert eine solch allgemeine Definition nicht die Vielschichtigkeit des Begriffs in unterschiedlichen Zeiten und Orten, die positive Konnotation als „Verteidigung westlicher Kultur und Demokratie“ sowie die Tatsache, dass der Begriff durch kommunistische Instrumentalisierungen kontaminiert ist?[3] Schließlich versammelten sich unter dem Dach des Antifaschismus so widersprüchliche Gruppen wie Kommunisten und Konservative. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner, ihr „antifaschistisches Minimum“ bestand darin, die faschistische Regierung in Italien und die nationalsozialistische in Deutschland zu stürzen und deren Fremdherrschaft in den besetzten Ländern zu beenden. Ansätze, Vorstellungen und Strategien hierzu divergierten beträchtlich, je nachdem ob sie aus demokratischer, antikapitalistischer, antimilitaristischer, religiöser oder pazifistischer Perspektive kamen.[4]
Antifaschismus scheint also zunächst kein Wert an sich zu sein, sondern ein vorwiegend linkes, wenn auch uneinheitliches Phänomen gegen faschistische Bewegungen. Der britische Historiker Nigel Copsey hat vorgeschlagen, das „antifaschistische Minimum“, verstanden als universelle Konzepte der Aufklärung (Menschen- und Bürgerrechte, Demokratie, Freiheit), über aktive Oppositions- und Widerstandshandlungen gegen den „wahren“ Faschismus hinaus auf die Vielfalt liberaler und gewaltfreier antifaschistischer Erscheinungsformen auszudehnen. Die Stimme der historischen Akteure sei entscheidend – ob sie Faschismus zutreffend definierten oder nicht. Dementsprechend differenzierter definiert Copsey Antifaschismus als „einen Gedanken, eine Haltung oder ein Gefühl von Feindschaft zur faschistischen Ideologie und ihren Propagandisten“, gegen die man aktiv oder passiv in verschiedenen Formen etwa mittels der Legislative, der Medien, Regierungsorganen und NGOs vorgehen könne.[5] Dieses breitere Verständnis von Antifaschismus, das die Gestalt einer Haltung oder einer Ideologie annehmen kann und das deutlich über organisierte Bewegungen hinausgeht,[6] soll als Arbeitsgrundlage für die folgenden Ausführungen dienen.
Wie bei allen „Ismen“ besteht eine der grundlegenden Herausforderungen im Falle des Antifaschismus darin, zwischen dem Quellenbegriff als historischer Kategorie und der Instrumentalisierung als politischem Kampf- und Sammelbegriff zu unterscheiden. Dies zeigt sich auch am „Antifaschistischen Handbuch“ des amerikanischen Historikers Mark Bray, der, gegen die Trump-Regierung gerichtet, keinen Hehl daraus macht, dass sich seine Studie als „ungeniert parteiischer Ruf zu den Waffen“ gegen die erstarkende extreme Rechte weltweit versteht. Demzufolge bietet er trotz zahlreicher guter Gedanken nur eine bedingt differenzierende historische Analyse und erteilt lieber historische Lektionen und konkrete Handlungsempfehlungen für gegenwärtige Antifaschisten.[7]
Welche Rolle Antifaschismus als politischer Kampfbegriff bis in die Gegenwart zu spielen vermag, wird an aktuellen Debatten um Rechtspopulismus und Rechtsextremismus überall auf der Welt deutlich. In Italien zum Beispiel spaltet er nach wie vor militante Befürworter/innen und Gegner/innen, wie die Entwicklung eines Graffitos auf der Tafel einer römischen Bushaltestelle exemplarisch veranschaulicht: Zuerst stand dort nur „ANTIFA“. Später setzten Gegner dieser Parole ein „ANTI“ davor, ehe schließlich wieder die Befürworter aktiv wurden und das „ANTI-ANTIFA“ in „TANTI ANTIFA“ änderten.
Mit den „vielen Antifaschismen“ verweist das Graffito auf das bereits skizzierte Definitionsproblem. Die wissenschaftlichen Erklärungsmuster sind vielschichtig: Paradigma, transnationale Bewegung gegen den gemeinsamen Feind in den 1930er-Jahren, Mythos, Propagandainstrument der Kommunisten, Machtpolitik, zivile Religion, legitime politische Tradition eines hundert Jahre währenden globalen Kampfes, Demokratisierungsbewegung, alltäglich gelebter Habitus oder Ausdruck von Humanismus. Antifaschismus ist demnach zuallererst ein historisches Problem und eine offene Forschungsfrage, die keine einfachen Definitionen zulässt. Ausgangspunkt jeder Form und Definition von Antifaschismus muss das dazugehörige Faschismusverständnis sein. Ähnlich wie der Artikel Faschismus von Fernando Esposito geht auch dieser Beitrag, trotz der definitorischen Komplexität, von der These aus, dass der Antifaschismus-Begriff als historische Kategorie „sinnvolle Fragen und Vergleiche ermöglicht“ und eine valide wissenschaftliche Diskussion hervorbringen kann.[8]
Im Kontrast zu dieser Gemeinsamkeit steht die deutlich geringere Anzahl an Arbeiten über den Antifaschismus im Vergleich zur unüberschaubaren Fülle an Studien über den Faschismus. Anhand von Recherchen im nationalen italienischen Bibliothekskatalog lässt sich beispielsweise ablesen, dass auf eine Arbeit über „antifascismo“ etwa sechs Studien zum „fascismo“ kommen.[9] Gewiss existieren teils erhebliche Unterschiede in den nationalen Wissenschaftskulturen, die auf verschiedene historisch-politische Konjunkturen beider Begriffe zurückgehen.
Der folgende Beitrag bietet einen Überblick über die Begriffsgeschichte des Antifaschismus und das dazugehörige Forschungsfeld im 20. und 21. Jahrhundert. Ziel der Ausführungen ist es, anhand ausgewählter Aspekte – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – einige qualitative Schneisen in die Literatur über Antifaschismus zu schlagen. Räumlich konzentriert sich der Beitrag aus Interessens- und Kompetenzgründen auf Westeuropa. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die historischen Ursprungsländer Italien und Deutschland ein, in denen sich zuerst Gegenbewegungen zu den faschistischen Regierungen ausbildeten. Zugleich öffnen Blicke nach Frankreich, Spanien und Großbritannien vergleichende und beziehungsgeschichtliche Perspektiven.[10] Der Beitrag thematisiert in einem ersten Schritt den Entstehungskontext des Begriffs in Italien und seine Verbreitung in andere Länder bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In einem zweiten Schritt unterscheidet er mehrere Phasen des Phänomens seit 1945. Anschließend nimmt er die vergleichende Antifaschismus-Forschung seit den 1970er-Jahren in den Blick, vor allem aktuelle Ansätze transnationaler Historiografie wie Verflechtung, entanglements und histoire croisée. Das Fazit fragt nach dem Mehrwert dieses transnational turn in Bezug auf die Erforschung des Antifaschismus.
Die historischen Ursprünge des Begriffs Faschismus und seines Gegenbegriffs Antifaschismus liegen südlich der Alpen. Bezeichnete letzterer ab 1921 eine politische Gegenbewegung zum italienischen Faschismus, so wurde er bald auf die Bekämpfung rechtsgerichteter Diktaturen im Allgemeinen – in erster Linie den deutschen Nationalsozialismus – übertragen. Diese Entwicklung ist parallel auch für theoretische Arbeiten über den Faschismus bzw. die Faschismen zu beobachten: Es häufen sich Studien, die den Faschismus nicht nur als spezifisch italienisches, sondern als europäisches, wenn nicht gar globales Phänomen begreifen und dieses zudem mit anderen totalitären Strukturen, insbesondere marxistisch-leninistischen Systemen vergleichen.[11] Wie Nigel Copsey jüngst am Beispiel des indischen Dichters Rabindranath Tagore und dessen Unterstützung für ein internationales antifaschistisches Komitee 1927 gezeigt hat, existierten transnationale Reaktionen auf den Faschismus bereits deutlich vor dem Spanischen Bürgerkrieg. Zudem erstreckte sich dieser länderübergreifende Antifaschismus auch schon in der Frühphase über Europa hinaus.[12] Das politische Spektrum der selbsternannten Gegner des Faschismus reichte dabei von der breit gefächerten politischen Linken über Republikaner und katholische Kräfte bis weit hinein ins liberale und konservative bürgerliche Lager.
Am Anfang stand der von Argo Secondari gegründete paramilitärische Kampfbund Arditi del Popolo. Er vereinte anarchistische, kommunistische, sozialistische und republikanische Weltkriegsveteranen und Soldaten landesweit in rund 140 dezentralen Milizen mit bald 20.000 Mitgliedern. Als erste antifaschistische Organisation in Italien setzte er bereits ab 1921 der Bewegung um Benito Mussolinis rund 250.000 Personen umfassende Fasci italiani di combattimento entschiedenen Widerstand entgegen. Dessen Regierungsübernahme im Oktober 1922 konnte der Kampfbund aber aufgrund zahlenmäßiger und finanzieller Unterlegenheit sowie innerer Konflikte nicht verhindern und löste sich bald auf.[13]
Die Ereignisse in Italien rezipierend, diskutierte das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1923 erstmals über den Umgang mit dem Faschismus. Während Clara Zetkin mittels einer teils gewaltbereiten proletarischen Einheitsfront den Faschismus als höchsten Ausdruck von Klassenherrschaft überwinden wollte und dabei auf die Integration sozialer Schichten bis hin zur bürgerlichen Intelligenz setzte,[14] engte die „Resolution über den Faschismus“ ein Jahr später die antifaschistische Strategie erheblich ein.[15] Da besonders die SPD die liberal-demokratische Weimarer Republik stützte und auf einen strikt legalen Antifaschismus pochte, galten der Komintern zufolge Faschismus und Sozialdemokratie als „die beiden Seiten ein und desselben Werkzeuges der großkapitalistischen Diktatur“ und der Stalin’schen Formulierung zufolge als „Zwillingsbrüder“.[16] Mit dieser „Sozialfaschismusthese“ definierten die Kommunisten Antifaschismus als Kampfbegriff gegen faschistische und den bürgerlichen Staat tragende politische Kräfte gleichermaßen.[17]
Auch wenn die Komintern auf der Führungsrolle der kommunistischen Parteien im antifaschistischen Kampf beharrte, beteiligten sich zahlreiche weitere Parteien und Gruppen an diesem. Zwar engagierten sich etwa die italienischen Kommunisten mit am stärksten in der unmittelbar nach Mussolinis Ernennung zum Ministerpräsidenten einsetzenden antifaschistischen Untergrundpresse. Doch auch die Sozialisten warnten als Oppositionspartei während der Anfangsjahre vehement vor den Gefahren für die liberale Demokratie und verwendeten den Antifaschismusbegriff unmittelbar ab 1922 als Aufruf zum Widerstand gegen die faschistischen Gewaltaktionen im ganzen Land.[18] Verfechter eines proletarischen Liberalismus wie Piero Gobetti mit seiner programmatischen Zeitschrift „La Rivoluzione Liberale“, bürgerliche Liberale wie Benedetto Croce als Mitinitiator des 1925 erschienenen „Manifests antifaschistischer Intellektueller“[19] oder katholische Politiker wie der Priester und Mitbegründer des Partito Popolare Italiano Luigi Sturzo mit seiner Schrift „Antifaschistischer Gedanke“ aus demselben Jahr unterstreichen die äußerst heterogene Zusammensetzung des italienischen Antifaschismus.[20] Der junge Turiner Intellektuelle Gobetti beschrieb „unseren Antifaschismus“ schon einen Monat nach Mussolinis Amtsantritt eher als „Instinkt“ denn als „Ideologie“ und als „Nobilität des Geistes“ gegen die freiheitstötende Bewegung des Faschismus und fasste dementsprechend „unsere Arbeit als geistige Übung“ auf.[21]
Alle unterstützten aktiv den Widerstand, besonders nachdem die Ermordung des führenden sozialistischen Politikers Giacomo Matteotti nach einer flammenden antifaschistischen Parlamentsrede Ende Mai 1924 den Übergang Italiens in die Diktatur eingeleitet hatte.[22] Die Erkenntnis, dass die bisherige monolithische Strategie der Komintern diese Ereignisse nicht hatte verhindern können, veranlasste den führenden und zugleich internationalistischen Kopf der italienischen Kommunistischen Partei Antonio Gramsci 1926 zum Umdenken. Er plädierte für ein pluralistisches Konzept, in dem alle antifaschistischen Bündnispartner eigenständig agieren konnten.[23] Obwohl sich auch französische Kommunisten zur selben Zeit dagegen aussprachen, alles bürgerliche und sozialdemokratische Regierungshandeln als faschistisch zu brandmarken,[24] ließ sich die Komintern davon nicht beeindrucken.
In Deutschland taucht der Begriff Antifaschismus erstmals in den Schriften der von der Komintern und der Roten Gewerkschaftsinternationale 1923 gegründeten transnationalen „Antifaschistischen Weltliga“ auf. Dabei übersetzte die Komintern den Begriff in mehrere Sprachen und wandte ihn auf alle nationalistisch-autoritären Bewegungen in Europa – darunter auch den Nationalsozialismus – an. Ohne diesen Schritt wäre die Transnationalisierung des Antifaschismus sicher erst deutlich später erfolgt.[25] Ab 1924 versuchten die Kommunisten, mit der „Sozialfaschismusthese“ die deutsche Sozialdemokratie als linken Flügel des Faschismus zu bekämpfen. Umgekehrt setzten führende Sozialdemokraten wie Otto Wels und Rudolf Breitscheid Faschismus und Kommunismus gleich oder bezeichneten in den Worten Kurt Schumachers die KPD als „rotlackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten“.[26]
Umfassender mit dem Begriff Antifaschismus setzte sich 1926 der österreichische Sozialdemokrat und Leiter der antifaschistischen Kommission der Sozialistischen Arbeiterinternationale Julius Deutsch auseinander, der darunter den gemeinsamen transnationalen Kampf der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus verstand.[27] Eine ähnliche Konzeption – obgleich natürlich stets unter Führung der Komintern – schwebte auch dem französischen Kommunisten Henri Barbusse vor, der mit seinem „Appell an die freien Geister“ 1927 zahlreiche internationale Intellektuelle, darunter den erwähnten indischen Dichter Rabindranath Tagore, um Unterstützung im Kampf „gegen die barbarische Flut des Faschismus“ bat.[28]
Zunächst ließen sich weder deutsche Sozialdemokraten noch Kommunisten auf solche Angebote ein. Sie gründeten ihrerseits Massenorganisationen, die auf die Bildung einer überparteilichen Einheitsfront der Arbeiterbewegung gegen die NSDAP abzielten. Auf sozialdemokratischer, gewerkschaftlicher und vereinssportlicher Seite war dies die 1931 gegründete Eiserne Front zur Verteidigung der Demokratie und der Weimarer Republik, auf kommunistischer Seite vor allem ab 1930 der Kampfbund gegen den Faschismus sowie die Antifaschistische Aktion ab 1932 um Ernst Thälmann, die den Kampfbund als militante Teilgruppe integrierte und für Revolution und Diktatur des Proletariats eintrat.[29] Der italienische Sozialist Pietro Nenni ermahnte zwar beide Seiten, „die antifaschistische Kampffront so zu erweitern, dass alle Kräfte, die aus diesen oder jenen Gründen mit dem Faschismus in Konflikt sind, in diese Kampffront einbezogen werden“.[30] Doch die Tatsache, dass die Kommunisten 1931 bei einem Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags gemeinsame Sache mit den Nationalsozialisten machten, diskreditierte alle Bemühungen um eine gemeinsame antifaschistische Linie.
Nach dem Verbot sämtlicher Oppositionsparteien und dem Einsetzen massiver Verfolgung durch das Regime Mussolinis ab 1926 in Italien sowie nach der Regierungsübernahme durch Hitler 1933 und dem Umbau zur totalitären Diktatur bis 1935 in Deutschland verlagerten sich antifaschistische Tätigkeiten zunehmend ins Exil. Damit trat der Antifaschismus in eine neue Phase in der Ära Hitlers und Stalins ein. Neben den Parteien kam hierbei länderübergreifenden gewerkschaftlichen Organisationen eine große Rolle zu.[31] Angesichts der existenziellen Gefahr sahen nun alle linken und linksliberalen Gruppen die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit gegen den Faschismus gegeben. Auf italienischer Seite führten diese Bemühungen 1927 im Pariser Exil zur Gründung der Concentrazione d’azione antifascista, ein Bündnis von fünf links-demokratischen Parteien und Organisationen unter Führung des Sozialisten Pietro Nenni – allerdings ohne die Kommunisten. Nach deren Auflösung 1934 folgte ein Aktionsbündnis der italienischen Sozialisten und Kommunisten.[32]
Auf deutscher Seite strebte die Auslandsleitung der verbotenen SPD in ihrem Prager Manifest im Januar 1934 „eine Front aller antifaschistischen Schichten“ an.[33] Als die Komintern auf ihrem VII. Weltkongress 1935 die Sozialfaschismusthese zurücknahm, schienen die Chancen für die Realisierung einer deutschen Volksfrontbewegung nicht schlecht.[34] Letztlich scheiterten aber sämtliche Versuche, eine italienische oder deutsche Einheits- oder Volksfront zu bilden, an der Konkurrenz zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, weil erstere an der Diktatur des Proletariats, letztere am demokratischen Sozialismus festhielten.
In Frankreich und Spanien hingegen gelang es Mitte der 1930er-Jahre, Volksfrontregierungen zu etablieren, die unter Einschluss linksliberaler und demokratischer bürgerlicher Kräfte den Kampf gegen den Faschismus im eigenen Land aufnahmen.[35] Allerdings folgten die französischen Kommunisten zuerst einmal der Vorgabe der Komintern, Antifaschismus als transnationale politische Kategorie mit mobilisierender Funktion anzuwenden. In diesem anfänglich sehr restriktiven Konzept stand ein maximaler Feindeskreis (alle außer den Kommunisten) einem minimalen Kreis von potenziellen Bündnispartnern (nur die Kommunisten) gegenüber. Die Dominanz der kommunistischen Deutung des Antifaschismus endete in Frankreich erst am 6. Februar 1934 nach dem gescheiterten Versuch der rechtsextremen Feuerkreuzler (Croix-de-Feu), die Abgeordnetenkammer in Paris zu stürmen.[36] In den folgenden „republikanischen Tagen“ vom 7. bis 12. Februar gelang es der vereinten politischen Linken aus Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaften, dank eines Generalstreiks die drohende Machtübernahme der sich offen am Modell des italienischen Faschismus orientierenden nationalistischen Veteranen zu verhindern. Damit war der Antifaschismus als politisches Massenphänomen in Frankreich geboren, der sich in den folgenden Jahren der Volksfrontregierung unter der Führung des Sozialisten Léon Blum nicht nur im Verbot der Feuerkreuzler und anderer rechtsextremer Organisationen, sondern auch in einer Feier- und Massenkultur manifestierte.[37]
Nahezu zeitgleich erwies sich die Mobilisierung breiter Gesellschaftsschichten auch als Erfolgsmodell des Antifaschismus in Großbritannien. 1936 gelang es einem breiten Bündnis in der Schlacht in der Londoner Cable Street, Oswald Mosleys British Union of Fascists (BUF) erfolgreich in die Knie zu zwingen und zum Scheitern des Faschismus im Vereinigten Königreich beizutragen. Die Faschisten waren den Antifaschisten dabei nicht nur zahlenmäßig in einem Verhältnis von etwa 1:3 unterlegen. Sie standen zudem einer Allianz von Aktivisten der Arbeiterbewegung (darunter viele Juden wegen des stärker werdenden Antisemitismus), einer entschiedeneren Labour-Regierung (1936 Public Order Act gegen Extremismus, 1940 Verbot der BUF) und liberaldemokratischen Medien gegenüber, die den Druck der Straße, der Regierungsorgane und der Presse zusammenführten und den Faschismus störten und diskreditierten.[38]
Die von Léon Blum geprägte Formel „Le fascisme ne passera pas“ wurde nach dem Putsch Francos 1936 im Spanischen Bürgerkrieg übernommen.[39] Dabei verteidigten Sozialisten, Republikaner, Kommunisten und liberale Katalanen mit Waffen die Demokratie. Nur hier stellten sich Kommunisten und Sozialisten gemeinsam als Regierungsparteien den rechten Feinden der Republik entgegen. Der Spanische Bürgerkrieg bildete den ersten Höhepunkt sowohl des transnationalen Faschismus als auch des transnationalen Antifaschismus. Auf der einen Seite kämpften italienische Faschisten mit deutschen Nationalsozialisten für eine Diktatur der spanischen Franquisten, auf der anderen Seite mehrere Zehntausend Freiwillige aus 50 Ländern mit den spanischen Republikanern.[40] Für letztere bot Spanien nach der schmerzlichen Niederlage in Deutschland die Hoffnung, den Faschismus doch noch besiegen und endlich ihre Revolution zur Befreiung der Arbeiterbewegung durchführen zu können.[41]
Mindestens drei Faktoren führten jedoch dazu, dass die antifaschistische Handlungseinheit 1936 bis 1939 alles andere als konfliktfrei verlief und gelebtes Engagement parallel mit zynischer Machtpolitik existieren konnte. Erstens unterbrachen die Moskauer Schauprozesse gegen Stalins Kritiker zwischen August 1936 und März 1938 die gerade begonnene Wiederannäherung von Kommunisten und Sozialisten. Zweitens ließen Verfolgungen linker Abweichler durch sowjetische Agenten im Spanischen Bürgerkrieg bei vielen Sozialisten Zweifel aufkommen, ob die Kommunisten wirklich an einer ernsthaften Zusammenarbeit und demokratisch verfassten Gesellschaften in der Zukunft interessiert waren. Und drittens machte die strikte Neutralitäts- und Nichtinterventionspolitik der französischen Volksfrontregierung unter Léon Blum alle Hoffnungen der antifaschistischen Spanienkämpfer zunichte, dass Frankreich den Republikanern gegen die Franquisten beistehen könnte. Gleiches gilt für die Politik der britischen Labour-Regierung, die unter allen Umständen die Demokratie bewahren und einen Krieg vermeiden wollte.[42] Der Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 unterbrach dann gemeinsame antifaschistische Handlungspraktiken im Sinne einer Volksfrontpolitik endgültig. Zu groß schienen die Widersprüche, um eine effektive politische Bewegung am Leben zu erhalten.[43]
Zwar konnte die Zersplitterung innerhalb der Antifaschisten ab etwa 1941 nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit einem teilweise gemeinsam geführten Kampf in den Widerstandsbewegungen in ganz Europa gegen die Achsenmächte überwunden werden. Hierzu zählen insbesondere die bewaffneten Massenbewegungen der französischen Résistance und der italienischen Resistenza, aber auch Teile des eher in Kleingruppen organisierten deutschen Widerstands.[44] Zudem setzten kleine transnationale Netzwerke linker Politiker und Intellektueller ihre antifaschistische Arbeit fort, blieben aber in ihrer Wirkung auf die Führungen der Arbeiterparteien begrenzt.[45] Die zunächst über das Kriegsende hinaus bestehende gemeinsame antifaschistische Position[46] löste sich mit dem Kalten Krieg zusehends auf und schloss grundlegende soziale und politische Vorkriegsfragen aus. Sie wurde vom Antikommunismus überlagert, der beide Großsysteme, also Faschismus und Kommunismus, als Totalitarismen geißelte und jede Art von willkürlicher Gewalt und Unterdrückung als Mittel auf dem Weg zur Errichtung sozial oder liberal verfasster westlicher demokratischer Gesellschaften ablehnte.[47]
![„Antifaschisten bekennt Euch und kommt zur Christlich-Demokratischen Union Deutschlands“, CDU-Plakat SBZ 1946. Während der Begriff „Antifaschismus“ in den Westzonen bald diskreditiert war, bezog er im Osten weiterhin seine Legitimität durch den Kampf gegen den Nationalsozialismus. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KAS-Antifaschismus-Bild-11517-1.jpg Konrad-Adenauer-Stiftung KAS/ACDP 10-024 / Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC-BY-SA 3.0 DE]](sites/default/files/import_images/4177.jpg)
Während der heroische Antifaschismus der 1920er- und 1930er-Jahre weitaus populärer und stärker mit der institutionellen Linken verbunden war als der marginalisierte Antifaschismus der Nachkriegszeit, verschwanden faschistische Ideen und Bewegungen nicht einfach mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zudem entwickelten sich ab 1945 in Europa unterschiedliche Formen des Umgangs mit der Vergangenheit bzw. der Übersetzung des Antifaschismus in positive Inhalte beim Wiederaufbau der Nachkriegsgesellschaften. Die historische Aufarbeitung des Antifaschismus blieb, wie auch die jeweiligen Erinnerungskulturen, nationalen Kategorien verhaftet.[48] Analog zum vorangegangenen Kapitel werden im Folgenden Italien und die beiden deutschen Staaten näher betrachtet und ergänzende Blicke auf Frankreich, Spanien und Großbritannien geworfen. Sieht man von den über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus bestehenden Diktaturen in Südeuropa ab, kann man Antifaschismus auch als „Generationenprojekt“ der „45er“ verstehen, deren persönliche Bindekräfte deutlich stärker ausgeprägt waren als die nachfolgender Generationen.[49]
In Italien konzentrierten sich die neu oder rekonstituierten Parteien nach Ausscheiden des Landes aus dem Achsenbündnis mit Berlin 1943 auf den heroischen Widerstand der „guten Italiener“ gegen den nazifascismo der „bösen“ deutschen Besatzer.[50] Entsprechend der zahlreichen Resistenza-Institute mangelt es nicht an oft auf lokale und regionale Situationen beschränkte Erinnerungen aktiver Widerstandskämpfer, während die gut zwanzig Jahre von Mussolinis Regierungsübernahme bis zur Besetzung Italiens 1943 meist ausgespart bleiben.[51] Die Allparteienregierungen des sogenannten Verfassungsbogens (arco costituzionale), der sich von den Kommunisten bis zu den Christdemokraten erstreckte, nur Postfaschisten und Monarchisten ausschloss, und dem Italien 1948 seine erste demokratische Verfassung des 20. Jahrhunderts verdankt, sahen sich allesamt als Antifaschisten in der Tradition der nationalen Widerstandsbewegung 1943-1945.[52]
![Plakat des römischen Provinzkomitees der Associazione Nazionale dei Partigiani Italiani (ANPI) für die Feiern zum 70. Jahrestag des 25. April in Rom 2015. Quelle: [http://www.frontepalestina.it/sites/default/files/manifesto%2025%20aprile%20roma.jpg Associazione Nazionale dei Partigiani Italiani]](sites/default/files/import_images/4178.jpg)
Sie begründeten diese Haltung mit dem 25. April 1945, als das Land sich selbst vom Joch der Deutschen und vom (Nazi-)Faschismus befreit habe. Der „Tag der Befreiung“ avancierte schon 1946 zum nationalen Feiertag und Erinnerungsort, wird als solcher aber seit den 1990er-Jahren zunehmend kritisch hinterfragt. Dennoch lässt sich an den jährlichen Feiern zum 25. April ein gelebter Antifaschismus in historischer Kontinuität exemplifizieren, der bis weit in den Alltag hinein für viele Italiener der politischen Linken bis heute zum normalen Habitus gehört. Neben den staatsoffiziellen Handlungen prägen hierbei das Tragen und Zeigen antifaschistischer Symbole auf Kleidung und Fahnen, das Entrichten des Grußes der erhobenen Faust, das Anwenden entsprechender Parolen wie „No pasarán!“ oder „Nie wieder!“ auf aktuelle rechtsgerichtete Forderungen, das Verkaufen antifaschistischer Souvenirs, die Lektüre einschlägiger Literatur und Presseerzeugnisse und viele andere Verhaltensweisen die populären Feste.[53] Als besonders einschlägiges Medium hat sich zudem die Musik erwiesen. Man denke nur an Lieder wie „Bella ciao“ oder „Die Moorsoldaten“, die beide zu „internationalen Hymnen der Antifaschisten“ avancierten und sich weltweit bis heute gehalten haben.[54]
Die politische Eintracht in Italien endete zunächst 1948, als die Verfassung in Kraft trat und ihre Inhalte in konkrete Politik umgesetzt werden mussten. Im Zuge der globalen Ost-West-Konfrontation repräsentierten künftige Mitte-Rechts-Regierungen einen „leisen“ Antifaschismus der Institutionen hinter verschlossenen Türen, während die oppositionelle Linke einen lautstarken Antifaschismus der Straße propagierte. Die Stilisierung des Antifaschismus zum Gründungsmythos der „Ersten“ Italienischen Republik konnte seine volle Wirkmächtigkeit erst mit Beginn der Mitte-Links-Regierungen aus Christdemokraten und Sozialisten unter Aldo Moro 1963 entfalten, als man die leise und die laute Erinnerung für nahezu drei Jahrzehnte wieder zusammenführte.[55]
Schon in den 1980er-Jahren begann der antifaschistische Grundkonsens zu erodieren. Die Krise der Republik und der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems in den frühen 1990er-Jahren läuteten dann eine neue Phase innerhalb des bestehenden politischen Gefüges ein. Seitdem muss sich der Antifaschismus verstärkt einem Anti-Antifaschismus widersetzen. Diese Konkurrenzsituation ist eng mit dem Namen Silvio Berlusconi – und in geringerem Maße auch Gianfranco Fini – verbunden. Sie wird charakterisiert von einem tiefgreifenden Wandel der politischen Kultur Italiens, in der die Gesellschaft weiter nach rechts rückte. Dabei wurde die konsensuale antifaschistische Erinnerungskultur immer stärker durch eine revisionistische Geschichtspolitik infrage gestellt und der Faschismus in einzigartiger Weise aufgewertet. Kalkulierte Tabubrüche in Gestalt von Verharmlosungen, Relativierungen und ein allgemeines „Heroentum“ der Italiener, wonach sie alle gegen die deutschen Besatzer gekämpft haben sollen, kennzeichneten fortan die Politik von Berlusconis Rechtsbündnis mit den Postfaschisten um Fini. Beide schreckten nicht davor zurück, aktive Faschisten moralisch mit antifaschistischen Widerstandskämpfern gleichzusetzen, wie der Schweizer Zeithistoriker Aram Mattioli eindrücklich gezeigt hat.[56]
Neben ihm haben Filippo Focardi und Philip Cooke diesen „Krieg der Erinnerung“ und das „Erbe der Resistenza“ am umfassendsten untersucht.[57] Lutz Klinkhammer hat neben seinen Studien zum Bürgerkrieg in Italien zwischen 1943 und 1945 auch den „Antifaschismus“ des Postfaschisten Gianfranco Fini analysiert.[58] Manuela Consonni hat kürzlich eine Studie über den Umgang mit und die Rolle der italienischen Juden in diesem Diskurs veröffentlicht und einen Finger in eine wichtige offene Wunde des Antifaschismus gelegt: seine moralische Oberflächlichkeit in Bezug auf die alliierte Rettung von Juden aus Europa.[59] Trotz dieser verdienstvollen Arbeiten fehlt nach wie vor eine wirkliche Synthese, eine Gesamtgeschichte des italienischen Antifaschismus von seinen Ursprüngen bis heute. Ansätze hierzu finden sich in einem längeren Interview „Discorso sull’antifascismo“ mit Alberto De Bernardi aus dem Jahr 2007, einem der besten Kenner der Materie.[60] Gemeinsam mit weiteren Historiker/innen hat er zudem eine frei zugängliche „Bibliografia dell’antifascismo italiano“ herausgegeben, die als Datenbank für historische Texte der Jahre 1926 bis 1943 und für die Historiografie von 1945 bis 2005 dient.[61] Ein vergleichbares Rechercheinstrument existiert meines Wissens in keinem anderen Land, was die Bedeutung des Antifaschismus als Gründungsmythos der italienischen Republik unterstreicht.
In Deutschland währte der antifaschistische Konsens der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie er im eingangs zitierten „Schwur von Buchenwald“ zum Ausdruck kam, in Gestalt antifaschistischer Ausschüsse und parteiübergreifender Zusammenarbeit unter Einbezug der Kommunisten nur kurz, da er in seiner rätedemokratischen Ausprägung nicht mit den Vorstellungen der Alliierten konform ging. Einerseits hatte man den Faschismus als regierende politische Kraft in wichtigen Ländern besiegt, andererseits fiel der Rest des antifaschistischen Programms (mehr Rechte für Arbeiter und ethnische Minderheiten, mehr Demokratie) dem bald ausbrechenden Kalten Krieg zum Opfer.[62] Gewiss existierte neben dem letztmals gemeinsam von den Siegermächten verordneten Antifaschismus des Potsdamer Abkommens (Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung und Reparationen) gerade bei vielen jungen Menschen, Intellektuellen und Remigranten die Hoffnung auf einen wirklichen Neubeginn, ein pluralistisches Miteinander und eine von Humanismus, Toleranz und Repressionslosigkeit geprägte politische Kultur.[63]
![Transparent: „Das war die Neuordnung Europas. 4,5 Millionen Antifaschisten wurden allein im KL Auschwitz grausam ermordet! Darum Ausrottung des Nazismus mit allen Wurzeln“, Berlin-Neukölln, Hermannstraße, Ecke Warthestraße, 21. Juni 1945. Foto: Kurt Ochlich, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0901-517,_Berlin-Neuk%C3%B6lln,_Anti-NS-Transparent.jpg#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0901-517,_Berlin-Neuk%C3%B6lln,_Anti-NS-Transparent.jpg Bundesarchiv Bild 183-2005-0901-517 / Wikimedia-Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en CC BY-SA 3.0]](sites/default/files/import_images/4179.jpg)
Bald schon entwickelten sich in Deutschland aber mit Beginn des Kalten Kriegs zwei unterschiedliche Erinnerungskulturen. Die DDR-Regierung verordnete auf Druck der Sowjetunion den Antifaschismus erneut und funktionierte ihn zum staatsoffiziellen Gründungsmythos und Erinnerungsort der sozialistischen Republik um. Sie geißelte in klassenkämpferischer Manier den Kapitalismus und Imperialismus des Westens und transformierte den Antifaschismus – wie es Jürgen Danyel ausdrückt – „von der konkreten Erinnerung zu einer entdifferenzierten Bekenntnisideologie“, in die sich Mitläufer der NS-Diktatur problemlos integrieren konnten.[64]
Dabei sollte aber nicht übersehen werden, dass gerade in zivilgesellschaftlichen Kreisen humanistische Antifaschismusideen weiter bestanden, die ihre Vertreter/innen nicht selten in Konflikt zum herrschenden System brachten.[65] Sie verstanden unter der emotionalen und moralischen „Botschaft des Antifaschismus“ Aspekte wie „Zivilcourage, Toleranz, mitmenschliche Solidarität, selbständiges Denken und natürlich auch Eintreten für demokratische Rechte“.[66] Zwar verengte die SED den Antifaschismus immer mehr auf die Legitimation ihrer führenden Rolle im System, wetterte gegen die „faschistische“ Adenauer-Regierung, pries die Mauer als „antifaschistischen Schutzwall“ und ließ fast ausschließlich den Widerstand der Arbeiter gegen das NS-Regime erforschen. Dennoch blieben die meisten Antifaschisten aufgrund der traumatischen Erfahrungen 1933-1945 loyal und setzten sich in vielfältiger künstlerischer Weise, in Mahn- und Gedenkstätten sowie bei der Umbenennung von öffentlichen Räumen mit dem Thema auseinander.[67]
Eine wesentliche Komponente des Antifaschismus in der DDR bildeten zudem Erfahrung und Mythos des Spanischen Bürgerkriegs, der hier in Gestalt von antifaschistischen Vaterfiguren und „lebenden Wächtern des antifaschistischen Erbes“ kultiviert wurde wie nirgendwo sonst.[68] Mit zunehmender Distanz schwand die Prägekraft des Antifaschismus bis in die 1980er-Jahre, wurde dann aber von Bürgerrechtsgruppen wiederbelebt, die sich gegen Rechtsextremismus in der DDR und die monopolistische Deutung des Antifaschismus durch die SED stellten.[69]
In der Bundesrepublik hingegen verdrängten selbst aktive Widerstandskämpfer ihre antifaschistischen Erfahrungen und Traditionen und ordneten sich meist der Staatsdoktrin des Antikommunismus unter.[70] Als Beispiel mag die SPD als größte parteipolitische Organisation der Arbeiterbewegung in Westdeutschland dienen, denn auch sie war trotz der bis heute tätigen „Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten“ (AvS) keine prominente Verfechterin des antifaschistischen Diskurses.[71] In den Jahren der Adenauer-Regierung war es wichtiger, gegen den Bolschewismus Stellung zu beziehen, als an den nur oberflächlich verheilten Wunden der jüngsten Vergangenheit zu rühren.[72] In bürgerlichen Kreisen existierte maximal ein „Antifaschismus der Phrase“, der sich nicht wissenschaftlich mit den sozioökonomischen Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen wollte, wofür der marxistische Philosoph und Publizist Wolfgang F. Haug den Begriff des „hilflosen Antifaschismus“ prägte.[73]
Erst der gesellschaftliche Wandel in der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren und die zunehmende Kritik der heute allseits als „68er“ bezeichneten Protestbewegung ermöglichten ein Wiederanknüpfen an antifaschistische Konzepte im Rahmen eines kritischen Umgangs mit der eigenen Zeitgeschichte. In den folgenden beiden Jahrzehnten entstanden zahlreiche zivilgesellschaftliche Forschungsinitiativen zu Nationalsozialismus und Widerstand sowie Gedenkstätten. Auch Künstler und Intellektuelle wie der Schriftsteller Peter Weiss verarbeiteten die Defizite des deutschen Antifaschismus.[74] Als dann Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 den 8. Mai als „Tag der Befreiung […] vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete[75] und damit ein „Zeichen eines liberalen Antifaschismus“ setzte,[76] schien dieser auch in der Bundesrepublik in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.
Bedingt durch den weiterhin dominierenden Antikommunismus spielte Antifaschismus in Wort und Tat dennoch fast ausschließlich bei Bündnissen eine Rolle, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Neofaschismus wandten, weshalb nicht wenige Mitglieder solcher antifaschistischer Gruppen vom Verfassungsschutz beobachtet wurden.[77] Auch seit dem Fall der Mauer scheint Antifaschismus in Deutschland lediglich ein Anliegen linker und teils linksextremer Splittergruppen wie der Autonomen, von Opferverbänden (VVN etc.) und der Partei „Die Linke“ zu sein. Während die Opferverbände teils noch auf den historischen parteiübergreifenden Antifaschismus rekurrieren, nutzen erstere und seltener auch letztere Antifaschismus als „entdifferenzierte Bekenntnisideologie“ für alles, was nicht in ihre Weltsicht passt.[78] Hier setzt sich fort, was die Ambivalenz des Antifaschismusbegriffs seit seiner Entstehung in den 1920er-Jahren ausmacht: Überzeugte Demokraten stehen immer in Opposition zu faschistischen Bewegungen, während Antifaschisten nicht zwangsläufig überzeugte Demokraten sein müssen.
Schon unmittelbar nach dem Mauerfall und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1989/90 setzte ein kleiner Boom über Arbeiten zum Antifaschismus in Deutschland ein. Eine Neubewertung des Begriffs versuchte etwa die Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg in ihrem Essay „Antifaschismus – ein deutscher Mythos“. Freilich gestand sie selbst im Vorwort zu, lediglich wieder einmal über das Thema nachdenken zu wollen, ohne den Anspruch zu erheben, eine Geschichte des deutschen Antifaschismus zu schreiben.[79] Auf diese Synthese warten wir bis heute. Angesichts des vermeintlichen „End of History“ ohne weltgeschichtliche Widersprüche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion[80] bot sich nun die Gelegenheit, frei von ideologischen Barrieren u.a. über den „verordneten“ Antifaschismus der DDR kritisch nachzudenken.[81] Doch Vorwürfe, die meisten Autorinnen und Autoren hätten versucht, „sich des Antifaschismus zu entledigen, ihn zu kriminalisieren […] oder ihn als Mythos allein auf seine Fehler und historischen Versäumnisse zu reduzieren“,[82] sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Viele Arbeiten konzentrierten sich tatsächlich eindimensional auf die Dekonstruktion des staatlich instrumentalisierten Antifaschismus der DDR, ohne die Möglichkeit parallel existierender Antifaschismus-Stränge im zivilgesellschaftlich-humanistischen Sinne zu berücksichtigen.[83]
Eine differenzierende Verwendung des Begriffs im deutschen Diskurs ist heute immer noch selten anzutreffen.[84] Dies erscheint einerseits verständlich angesichts der Einzigartigkeit des Holocaust und der instrumentalisierenden, mythisch überhöhten Verwendung des Antifaschismus in der DDR. Andererseits ist es für eine Historisierung aber gewiss hilfreicher, den Nationalsozialismus als eine Variante des Faschismus zu begreifen, um Vergleiche rechtsgerichteter Diktaturen und autoritärer Regime mit einem übersteigerten, teils völkischen Nationalismus sowie den entsprechenden Gegenbewegungen zu ermöglichen. Diesen Weg, den die angelsächsische Forschung seit den 1960er-Jahren beständig weiterentwickelt hat, beschreiten zunehmend auch deutsche, italienische, französische, spanische und andere Historiker/innen, ohne dabei die Unterschiede zwischen nationalen Kontexten und Ausprägungen des Faschismus zu nivellieren.[85]
Im Gegensatz zu Italien und Deutschland liegt für Frankreich seit 2009 eine zwar auf den nationalen Rahmen begrenzte, aber doch in internationalen Bezügen (Spanischer Bürgerkrieg, Münchner Abkommen, Algerien-Krieg) konzipierte Gesamtdarstellung vor.[86] Der Lyoneser Historiker Gilles Vergnon durchschreitet in seinem Buch „L’antifascisme en France de Mussolini à Le Pen“ den kompletten Zeitraum von der ersten Erwähnung des Wortes in Frankreich bis hin zum Neofaschismus Jean-Marie Le Pens und des Front National bis 2002. Er gliedert seine Analyse in vier Phasen, beginnend mit der Vorgeschichte des Antifaschismus in Frankreich zwischen 1922 und 1928. Dann schildert er dessen historische Geburt im Land selbst im Februar 1934 und die zentrale Position, die er in der Volksfrontregierung einnahm. Ferner analysiert er den Zusammenhang von Antifaschismus, Krieg und Widerstand zwischen 1935 und 1945. In der dritten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg konzentriert sich Vergnon auf drei Ereignisse: die begrenzte Mobilisierung gegen die von de Gaulle gegründete oppositionelle Sammelbewegung gegen die Vierte Republik Rassemblement du peuple français (RPF) 1947-1951, gegen den Poujadismus 1956/57, eine populistisch-kleinbürgerliche Bewegung mit teils antisemitischen Zügen, und die ungleich stärkere Präsenz des Antifaschismus in der Endphase des Algerien-Kriegs 1958-1962.
Was in den vierzig Jahren danach bis 2002 folgte, bezeichnet er als „Metamorphosen des Antifaschismus“, die sich u.a. im Antirassismus und im Kampf gegen den 1983 gegründeten Front National manifestierten. Hierbei sieht er zwar noch Kontinuitäten mit dem historischen Antifaschismus bezüglich Parolen, Sprache und Handlungsrepertoire gegeben. Doch die Brüche hinsichtlich abnehmender historischer Bezüge und Erinnerungsmomente sowie eine Verschiebung der Inhalte hin zum Antirassismus lassen ihn von einem „Neo-Antifaschismus“ sprechen, der ab den 1960er-Jahren den Antifaschismus aus seinem Gründungskontext gelöst, seine republikanischen Wurzeln abgeschnitten und keine wirkliche Strahlkraft für ein Zukunftsprojekt mehr geliefert habe.[87] Diesen Befund könnte man mit einigen Differenzierungen auch auf Italien und Deutschland übertragen.
Anders hingegen stellt sich die Situation in Großbritannien dar. Nigel Copsey beschreibt in seiner Gesamtgeschichte des Antifaschismus von den 1920ern bis in die Gegenwart diesen als „kontinuierliches Phänomen“, der in zyklischer Aktivität seine Höhen in den 1930er-, 1970er- und frühen 1990er-Jahren durch die Unterstützung von Zehntausenden von Menschen hatte und dabei radikale mit gemäßigten Gruppen zusammenbrachte.[88] Obwohl der Zweite Weltkrieg von den meisten Briten als ein Krieg für Demokratie und gegen Faschismus empfunden und Antifaschismus fortan ein Teil der nationalen Identität wurde, erstarkte der Nachkriegsfaschismus mit Oswald Mosleys Union Movement im Vereinigten Königreich – ein Phänomen, das sich in vielen europäischen Gesellschaften der 1950er-Jahre fand. Zugleich, so Dave Renton in seiner Studie über die 1940er-Jahre, sorgten ein breiter antifaschistischer Konsens und entschiedenes Handeln als Teil einer multikausalen Kette für das erneute Scheitern und die weitere Marginalisierung des britischen Faschismus bis in das folgende Jahrzehnt.[89]
Waren die Ereignisse bis dato vor allem auf London begrenzt, so entwickelte sich Antifaschismus in den 1970ern wieder zu einem Massenphänomen auf nationaler Ebene, als der nationalistische Faschismus in Gestalt der National Front (NF) auch in der Mitte der Gesellschaft hoffähig zu werden schien. Mit der Anti-Nazi League stellte sich 1977 eine von radikalen und gemäßigten Linken gemeinsam getragene Organisation diesen Bestrebungen erfolgreich entgegen. Seither sind antifaschistische Aktivitäten eher punktuell bei Wahlerfolgen der British National Party in den frühen 1990ern und späten 2000ern festzustellen.[90] Ob sich in Großbritannien im Zuge des EU-Referendums und der Brexit-Planungen ein neuer Zyklus antifaschistischer Massenbewegung herausbilden wird, bleibt abzuwarten.[91]
Neben Italien und der DDR wurde der Antifaschismus auch in weiteren sozialistisch geführten Ländern vor allem Mittel- und Osteuropas als Gründungsmythos der Nachkriegsstaaten propagiert.[92] Hingegen sahen sich die antifaschistischen Kräfte in Spanien, Portugal und Griechenland auch nach 1945 in der Pflicht, gegen die dortigen autoritären Regime – meist aus dem Exil – bis zum Ende der Diktaturen Mitte der 1970er-Jahre weiterzukämpfen.[93] Die Ungleichzeitigkeit im Vergleich zum übrigen Westeuropa setzte sich mit der verspätet beginnenden historischen Aufarbeitung der Diktaturen in den folgenden Jahrzehnten in Südeuropa fort.[94] Die teils vehement geführten Diskussionen über das faschistische Erbe in den mittlerweile gefestigten Demokratien dauern bis heute an, wie beispielsweise das „Gesetz der historischen Erinnerung“ aus dem Jahr 2007 oder die Debatte über die Umbettung von Francos Leichnam in Spanien zeigen.[95] Insgesamt jedoch spielt Antifaschismus in den südeuropäischen Varianten der Vergangenheitsbewältigung eine geringere Rolle als die personenbezogenen Debatten um Franco, Salazar und die Obristen.
Schon 1926 verglich der Schriftsteller Kurt Tucholsky den „Fascismus in Frankreich“ mit demjenigen in Deutschland.[96] 1930 entlarvte der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner in einer fulminanten Rede im Reichstag die Vorbildfunktion des italienischen Faschismus für die deutschen Nationalsozialisten und forderte alle Demokraten auf, „das Selbstbestimmungsrecht des Volkes […] gegen [die] faschistische Führertyrannei“ zu verteidigen.[97] 1963 legte schließlich der Historiker Ernst Nolte über die drei Länder Frankreich, Italien und Deutschland seine grundlegende Studie „Der Faschismus in seiner Epoche“ vor und verglich erstmals die faschistischen Bewegungen miteinander.[98]
Während die vergleichende Faschismusforschung seit den 1970er-Jahren in Deutschland maßgeblich von Wolfgang Schieder vorangebracht wurde, setzten vergleichende, nationale Perspektiven übersteigende Arbeiten zum Antifaschismus in Deutschland, Italien und anderswo erst in den späten 1990er-Jahren und vor allem seit 2000 ein.[99] Zunächst rückte die Forschung dabei die Erinnerungskulturen der drei Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan in den Mittelpunkt des Vergleichs,[100] ehe neuerdings konkrete antifaschistische Gruppen in Italien und Deutschland auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht wurden.[101] Die Fragen hingegen, ob man die deutschen und italienischen Erinnerungskulturen seit 1945 als Verflechtungsgeschichte verstehen kann oder inwiefern deutsche Sozialdemokraten und italienische Aktionspartei im Austausch miteinander standen, wurden bisher nicht detailliert untersucht. Verflechtung und Austausch sind nun diejenigen Begriffe, die im letzten Teil dieser historiografischen Betrachtungen zur Sprache kommen sollen.
Transnationale Ansätze beschäftigen sich mit Dimensionen von Transfer, Verflechtung und entanglements zwischen Menschen, Ideen und Institutionen. Zwar gehen sie meist nach wie vor von einem nationalen Referenzrahmen aus, versuchen aber, diesen aufzubrechen und im Idealfall zu überwinden. Analog zu einem allgemeinen transnational turn der Geschichtswissenschaften haben solche Ansätze auch hinsichtlich der Geschichte des Antifaschismus zu Innovationen und neuen Erkenntnissen geführt. Eine wachsende Zahl von internationalen Forschungsprojekten widmet sich Themen wie den antifaschistischen Aktivitäten internationaler Organisationen, den Netzwerken und Zirkulationen antifaschistischer Exilanten und Ideen, aber auch der räumlichen Dimension des Antifaschismus im Verhältnis zu Anti-Globalisierungstendenzen.[102]
Einer der Pioniere solcher Arbeiten, Gerd-Rainer Horn, stellte schon 1996 überzeugend heraus, dass das „transnationale Bewusstsein“ der europäischen Linken eine der Hauptantriebskräfte sozialistischer Reaktionen auf den Faschismus in den 1930er-Jahren gewesen sei.[103] Mittlerweile gehen Studien auch über eine rein europäische Geschichte hinaus, wie das Buch von Michael Seidman über transatlantische Antifaschismen zwischen Spanischem Bürgerkrieg und dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt.[104]
Internationale Tagungen haben jüngst vergleichende und verflechtungsgeschichtliche Ansätze für eine Geschichte des Antifaschismus erprobt und weiterentwickelt.[105] Die teilweise daraus hervorgegangenen Publikationen spiegeln einerseits den derzeitigen Forschungsstand im transatlantischen Raum wider.[106] Andererseits bilden die beteiligten Autorinnen und Autoren die ganze Breite individueller und internationaler antifaschistischer Erfahrungen und Entwicklungen ab und beschreiben stärker die Unterschiede zwischen den beteiligten Gruppen. Das trägt der historischen Komplexität sicher besser Rechnung, als weiter – aussichtlos? – nach einem konsensfähigen „antifaschistischen Minimum“ zu suchen.[107] Indem sie versuchen, über rein revisionistische Ansätze hinauszugelangen, unterstreichen sie die offensichtlich bestehende Nachfrage nach einem neuen, explizit transnationalen „antifaschistischen Paradigma“ in den Geschichtswissenschaften.
Ausgangspunkt für künftige Forschungen über eine europäische Geschichte des Antifaschismus wird dabei die 1985 erschienene erste große Synthese über die Jahre ab 1923 von Jacques Droz bleiben. Er vertritt darin die These, dass der europäische Antifaschismus mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 ein (vorläufiges) Ende gefunden habe und erst wieder nach 1942 zu einem wichtigen Faktor europäischer Politik geworden sei, als die nationalen Widerstandsbewegungen und die ein Jahr zuvor überfallene Sowjetunion erneut gemeinsam gegen Faschismus und Nationalsozialismus kämpften.[108] Bezüglich der italienischen Geschichtsschreibung zum Thema ist es zutreffend, wie Christof Dipper unlängst konstatiert hat, dass sich viele Vertreter/innen des italienischen Historikernachwuchses nach wie vor den Themen Antifaschismus und Resistenza widmen.[109] Darunter befinden sich auch erfreulich viele Vertreter/innen transnationaler europäischer oder gar globaler Ansätze wie Silvia Madotto, Enrico Acciai oder Simone Duranti – um nur einige Namen zu nennen, die sich alle für den transnational turn in Bezug auf den Antifaschismus geöffnet haben.[110] An diesen Beispielen oder an dem bereits 2004 von Alberto De Bernardi herausgegebenen Band zu „Antifascismo e identità europea“ zeigt sich, dass die italienische Geschichtswissenschaft internationale Forschungstrends erfolgreich aufgreift und mit eigenen Studien bereichert.[111]
Warum können transnationale Ansätze vielleicht sogar erfolgreicher sein, um den Antifaschismus und weniger seinen Antagonisten, den Faschismus, zu erklären? Hierzu drei abschließende Thesen:
Erstens erscheint der historische Antifaschismus in seiner „Blüte“ inner- wie außerhalb Europas zwischen 1933 und 1945 aufgrund der etablierten internationalen Organisationen und Kommunikationskanäle seiner Hauptverfechter in Politik-, Gewerkschafts- und Intellektuellenkreisen als Idealtypus einer transnationalen Bewegung. Dass Antifaschismus vor allem eine „culture of exile“ in Metropolen wie Paris, Moskau, Barcelona, London und New York war, darauf hat bereits Enzo Traverso hingewiesen.[112] In dieselbe Richtung verweisen Anson Rabinbachs Überlegungen zu Paris als „Hauptstadt des Antifaschismus“.[113] Doch bei allen kulturellen und habituellen Gemeinsamkeiten in Parolen, Gesten, Ästhetik, Liedern und Symbolen blieb Antifaschismus ein äußerst heterogenes Phänomen und Kristallisationspunkt unterschiedlichster Strategien und Visionen.[114] Diesen widersprüchlichen Elementen kann man nur begegnen, indem man die lokale, nationale und globale Rückkoppelung der Entwicklung gründlich berücksichtigt.[115]
Zweitens kann sich der Antifaschismus für Fallstudien eignen, um den Wert transnationaler Geschichte an sich zu überprüfen, die ja durchaus nicht unumstritten ist.[116] Hierbei ließe sich argumentieren, dass Antifaschismus in Theorie und Praxis vor allem von denjenigen Aktivisten und Organisationen geprägt wurde, die in der retrospektiv sogenannten Zwischenkriegszeit die Verbreitung faschistischer Ideen vermindern wollten. Und dennoch spielten Nationalstaaten wie die Sowjetunion mit ihrem „revolutionären Antifaschismus“ sowie Frankreich, Großbritannien und die USA mit ihrem „konterrevolutionären Antifaschismus“ (Seidman) eine wichtige Rolle. Ersterer, 1936 im Spanischen Bürgerkrieg geboren, avancierte auch über 1945 hinaus zur offiziellen Ideologie des Ostens gegen den „faschistischen“ Westen. Den „konterrevolutionären Antifaschismus“ hingegen unterstützten Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, um – basierend auf den Ideen der Aufklärung – liberale Demokratien, konservative Republiken oder konstitutionelle Monarchien nach dem Zweiten Weltkrieg wiederherzustellen.[117] Deswegen blieben trotz aller kosmopolitischen Selbstzuschreibungen auch nationale Identitäten und Traditionen prägend.[118]
Drittens vermögen transnationale Ansätze zu einer Geschichte des Antifaschismus dazu beizutragen, die Entstehung einer zunehmend vernetzten Zivilgesellschaft mit globalen Institutionen und einer supranationalen Öffentlichkeit als zentralen Prozess transnationaler Geschichte zu verstehen. Die 1920er- und 1930er-Jahre als Laboratorium zahlreicher transnationaler Bewegungen wie Pazifismus, Antikolonialismus, Feminismus und Antikapitalismus sowie eben Antifaschismus zu betrachten, ermöglicht auch, das rasche Wiederaufkommen dieser Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu erklären.[119]
Als vorläufige Bilanz lässt sich festhalten, dass es noch zahlreicher profunder und auch blockübergreifender Studien von der lokalen bis zur nationalen Ebene bedarf, bevor sich hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit jemand an eine gesamteuropäische oder gar globalgeschichtliche Synthese des Antifaschismus wagen wird, die über die ersten Überlegungen von Nigel Copsey hinausgeht.[120]
Alle künftigen Arbeiten tun sicher gut daran, den Begriff zu historisieren und ihn weder von vornherein zu verteufeln noch zu glorifizieren, sondern differenzierend positive wie negative Aspekte des Phänomens in gebotener kritischer Distanz zu analysieren. Dabei mag die Erkenntnis helfen, dass die Suche nach einer möglichst einfachen Definition oder einem „antifaschistischen Minimum“ nicht Sinn und Zweck der Forschung sein kann, sondern Antifaschismus vielmehr in seiner ganzen Bandbreite, in all seinen Ambivalenzen, weder als simple Negation noch als rein positives Phänomen untersucht werden sollte. Als nützliche Methode haben sich dabei in der jüngsten Zeit integrierte vergleichende und transnationale Ansätze erwiesen. So bleibt die Hoffnung, dass die 1985 geschriebene und im Jahr 1939 endende Geschichte des Antifaschismus in Europa von Jacques Droz eines Tages fortgesetzt und über den hiesigen Kontinent hinaus ausgedehnt werden kann. Ob es dabei gelingt, „Geschichte ohne die ideologische Last des 20. Jahrhunderts zu schreiben“, bleibt abzuwarten.[121]
↑ So die Aufforderung von Rabinbach, Begriffe, S. 73.
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