Bauerkaemper neue mensch v1 de 2017

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Der Neue Mensch
Geschichtswissenschaftliche Studien zum „Neuen Menschen“ beziehen sich auf übergreifende Fragestellungen und breitere Forschungsfelder. Dabei sind die neuen totalitären Ideologien und modernen Diktaturen des 20. Jahrhunderts besonders beachtet worden. Allerdings wurden Utopien eines Neuen Menschen auch in Demokratien entwickelt, die deshalb in diesem Beitrag ebenfalls berücksichtigt werden. Abschließend wird auf Defizite der Geschichtsschreibung hingewiesen.
Der Neue Mensch

von Arnd Bauerkämper

In Alexander Medwedkins Film „Das neue Moskau” wurde 1938 die rasante Umgestaltung der sowjetischen Hauptstadt nach dem Generalplan, den die Partei- und Staatsführung verabschiedet hatte, dargestellt und kreativ inszeniert. Der Film spiegelte damit die Erfahrung schwindelerregenden Wandels in der Sowjetunion unter Stalins Diktatur wider. Immer neue, gigantische Bauvorhaben schufen eine „neue[n] Ikonographie des Städtischen”, welche gewohnte soziale Beziehungen und Lebenszusammenhänge zu sprengen schien.[1] Nichts wirkte mehr stabil, und alles schien möglich. In dieser Gesellschaft verkörperte der „Neue Mensch” die industrialisierte, technisierte und urbane Sowjetunion, die – so die offizielle Propaganda – unter Führung der kommunistischen Partei in eine lichte Zukunft emporstieg. Damit hob Medwedkins Film auf die weit gespannten Zukunftsutopien ab, welche die sowjetische Politik in den 1930er-Jahren kennzeichneten. Sie gipfelten in dem Leitbild eines neuen Menschentyps, der sich durch Selbsterziehung und -konditionierung selbst optimierte und sich zugleich den Gestaltungsansprüchen der Machthaber unterwarf. Allerdings zeigte Medwedkin auch den Verlust des alten Moskau. Zudem deutete er die Probleme, Konflikte und Brüche an, die sich in diesem Laboratorium sowjetischer Moderne herausbildeten. Diese Ambivalenz der kommunistischen Utopie widersprach aber der zukunftsgewissen Propaganda der Machthaber, die den Film deshalb verboten. Er konnte erst Jahrzehnte später aufgeführt werden.[2]

Wie hier dargelegt, waren Konzepte des Neuen Menschen schon Gegenstand der zeitgenössischen Auseinandersetzung, bevor sie von Historikerinnen und Historikern untersucht worden sind.[3] Vor diesem Hintergrund beziehen sich viele einschlägige geschichtswissenschaftliche Studien auf übergreifende Fragestellungen und breitere Forschungsfelder. Dazu gehören besonders die Historiografie zur Ambivalenz von Kulturpessimismus und Utopien an der Wende zum 20. Jahrhundert und Arbeiten zum Social Engineering in unterschiedlichen Kontexten und politischen Systemen. Dabei sind die neuen totalitären Ideologien und modernen Diktaturen des 20. Jahrhunderts besonders beachtet worden. Diese werden auch im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen. Allerdings kennzeichneten Utopien eines Neuen Menschen keineswegs ausschließlich diktatorische Regimes. Vielmehr wurden sie auch in Demokratien entwickelt, die deshalb in diesem Beitrag ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Zunächst aber soll das zu behandelnde Themen- und Problemfeld skizziert werden.


Das Themen- und Problemfeld

Das Ziel, sich selbst zu überwinden und neu zu schaffen, hat die Menschheitsentwicklung durchweg begleitet. Alle Weltreligionen haben das Neu-Werden als Heilsziel verkündet. Damit war die Vorstellung von der Vergöttlichung des Menschen verbunden, der in seinem Erscheinen als Gott seine Endlichkeit überwindet. So hat das Christentum die Vorstellungen eines Neuen Menschen in einen eschatologischen Horizont gestellt. Der Glaube an das Leitbild war bestimmt von der apokalyptischen Naherwartung eines „neuen Himmels” und einer „neuen Erde”. Die Entstehung eines Neuen Menschen bleibt in dieser Vorstellung Teil der eschatologischen Zukunft Gottes und ist deshalb menschlicher Verfügbarkeit entzogen. Seit Augustinus hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Endlichkeit und „Sünde” des Menschen unaufhebbar ist. Er kann sich damit nicht autonom erneuern. Christen wurde deshalb auferlegt, nicht nach Vergöttlichung zu streben, sondern sich entschieden als Menschen zu verstehen.[4]

Konzepten einer bewussten und gezielten Herausbildung oder sogar Zurichtung und Selbstkonditionierung zum Neuen Menschen fehlte deshalb im Mittelalter und in der Frühen Neuen Zeit die Legitimationsgrundlage. Erst die Aufklärung, die damit verbundene Entstehung eines säkularen Weltverständnisses und die Genese einer rationalistischen Wissenschaftsauffassung verliehen Überlegungen zur Schaffung eines Neuen Menschen kräftig Auftrieb. Damit waren Verunsicherungserfahrungen im Übergang zur Moderne verbunden. Die Entstehung der kapitalistischen Marktwirtschaft, die Herausbildung der Klassengesellschaft und die Zunahme der politischen Partizipation führten neben der Urbanisierung und Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert in allen Industriestaaten tiefe Umbrüche herbei, die nachhaltig in Lebensverläufe und biografische Entwürfe eingriffen. Die Erfahrungen neuer Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ambivalenz und Kontingenz, die den Weg in die Moderne kennzeichneten, widersprachen aber den weit reichenden Ordnungsvorstellungen der Moderne und den umfassenden Regelungs- und Regulierungsansprüchen der Eliten. Die multiplen Herausforderungen, die sich z.B. im Deutschen Kaiserreich stellten, waren auch deshalb von den Zeitgenossen nur schwer zu bewältigen.[5]

An der Wende zum 20. Jahrhundert dementierten neue Spannungslinien, Gegensätze und Konflikte nahezu permanent sozialromantisch verklärende Deutungen der ständisch-agrarischen Gesellschaft und die damit verbundenen Erwartungen von Stabilität und Sekurität. Aus der Sicht vieler (hinsichtlich ihrer weltanschaulichen Überzeugungen unterschiedlicher) Zeitgenossen wurde „fundamentale Unsicherheit zum Signum der Moderne”, die sich als „Bewegung in eine unbekannte Zukunft” entpuppte.[6] Angesichts der sich beschleunigenden Industrialisierung und ihrer Krisen erwiesen sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert überlieferte Erwartungen und neue Erfahrungen als vollends unvereinbar. Diese Divergenz schlug sich in (positiven oder negativen) Erfahrungen von Kontingenz nieder.[7]

Angesichts dieser sich überlagernden Problemlagen und Ungleichzeitigkeiten gewann die Vision des Neuen Menschen, der den Durchbruch zur industriellen Moderne erzwingen, zugleich jedoch die damit einhergehenden Konflikte überwinden sollte, an der Wende zum 20. Jahrhundert erhebliche Attraktivität. Hier vertraten nicht nur Rechtskonservative und Nationalisten, sondern auch Sozialisten und Kommunisten Erziehungskonzepte, die mit rassistischen Utopien der Auslese bzw. mit weitgreifenden sozialpolitischen Eingriffen verbunden waren. So sollten Maßnahmen der Wohlfahrtsfürsorge eine konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen – vor allem in den dicht bevölkerten Städten – herbeiführen. Letztlich zielte diese spezifische Programmatik des Social Engineering auf eine Formierung, Homogenisierung und Egalisierung der Individuen in Gesellschaften, die sich viele Zeitgenossen noch als kohärente Einheiten vorstellten.[8]

Geschlossenheit anstelle von Konflikten, idealistisches Engagement für die Gemeinschaft anstelle von Hedonismus und Kampfbereitschaft anstelle von bürgerlicher Saturiertheit kennzeichneten im 20. Jahrhundert Konzepte des Neuen Menschen vor allem in den modernen Mobilisierungsdiktaturen der Faschisten, Nationalsozialisten und Kommunisten. Ihre führenden Politiker nahmen die für Utopien grundlegende Vorstellung einer Ordnung auf, die frei von Unsicherheiten und Zukunftsungewissheit sein sollte. Dabei beanspruchten sie selbstbewusst, den Parteienwettbewerb und die damit verbundenen Auseinandersetzungen der Demokratie überwunden zu haben. Dazu etablierten sie eine Einparteienherrschaft, die auf die Beseitigung des gesellschaftlichen Pluralismus zielte. Obgleich sie sich hinsichtlich der von ihnen jeweils konkret vertretenen Ziele und der jeweiligen Voraussetzungen unterschieden, teilten die Machthaber in diesen Regimes das Konzept umfassender Um- und Selbsterziehung, jeweils mit einem totalitären Regelungs-, Kontroll- und Steuerungsanspruch. Dabei verletzten sie systematisch und gezielt Menschen- und Bürgerrechte.[9]

Dieser Beitrag nimmt die skizzierten Interpretationen partiell auf, argumentiert aber, dass Visionen des Neuen Menschen Projektionsflächen unerfüllter Wünsche nach Sicherheit waren, die in der Historiografie allgemein bereits behandelt worden sind, besonders in der neueren Geschichtsschreibung zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft”, zum italienischen Faschismus und zur Sowjetunion. In diesen Diktaturen sind weit gespannte Utopien der Zurichtung und (Selbst-)Konditionierung der Menschen entwickelt worden, die jeweils als Beiträge zur Vervollkommnung in Staat und Gesellschaft verherrlicht und propagiert wurden. Allerdings hat sich die diesbezügliche Forschung bislang weitgehend auf die Ideengeschichte beschränkt und dabei vorrangig die jeweiligen politischen Intentionen und Ziele behandelt. Über Leitbilder und Absichten hinaus müssen Untersuchungen zum Neuen Menschen aber die Formen der Durchsetzung in der politisch gesellschaftlichen Praxis und die Wirkungen der politischen Eingriffe einbeziehen, die aus Visionen abgeleitet wurden.[10]

Nach einem Überblick über die Ambivalenz von Krisendiskursen und Fortschrittsutopien um 1900 werden im Folgenden Visionen des Neuen Menschen und daraus resultierende Maßnahmen im italienischen Faschismus, im deutschen Nationalsozialismus und in den kommunistischen Diktaturen dargelegt. Im Anschluss vermittelt die Darstellung einen Überblick über Konzeptionen zum Neuen Menschen in Demokratien und zu den Maßnahmen, mit denen die Vorstellungen jeweils durchgesetzt werden sollten. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zu Grenzen und Perspektiven der historischen Forschung zum Themenfeld.


Der Resonanzboden: Krisen- und Kontingenzerfahrungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im fin de siècle um 1900 wurden überkommene Überzeugungen, politische Ordnungen und gesellschaftliche Strukturen von der globalisierten Ökonomie, gesellschaftlichen Verwerfungen und politischen Umbrüchen erschüttert. Damit avancierte „fundamentale Unsicherheit zum Signum der Moderne”, die sich als „Bewegung in eine unbekannte Zukunft” entpuppte.[11] Zur Jahrhundertwende erreichten vor allem in den europäischen Monarchien „unter dem Anprall eines erneuten Modernisierungsschubes die Unsicherheit und Verstörung über die Gegenwart und Zukunft der eigenen Gesellschaft” einen ersten Höhepunkt".[12] Die im Folgenden detailliert erläuterten Visionen vom Neuen Menschen waren damit in einen internationalen Diskurs eingebunden, an dem bereits um 1900 auch radikale Sozialreformer teilgenommen hatten.[13]


Logo der zweiten Internationalen Eugenik-Konferenz, 1921 in New York: „Eugenics is the Self Direction of Human Evolution“. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eugenics_congress_logo.png Wikimedia Commons], Lizenz: public domain
Logo der zweiten Internationalen Eugenik-Konferenz, 1921 in New York: „Eugenics is the Self Direction of Human Evolution“. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: public domain


Die zeitgenössischen Ängste unterwarfen staatliche Akteure einem erheblichen Handlungsdruck. Besonders der Sozialdarwinismus, Rassismus und die Eugenik zielten auf eine zivilisatorisch-biologische Revitalisierung. Dabei wurden durch die Übernahme der von Thomas Robert Malthus (1766-1834) in seiner pessimistischen Entwicklungslehre vertretenen Auffassung von der Unveränderlichkeit eines permanenten „Kampfes ums Dasein” in der menschlichen Gesellschaft soziale und biologische Entwicklungsvorstellungen verschmolzen. Dazu trug maßgeblich auch das von Herbert Spencer (1820-1903) schon 1852 entwickelte Konzept des „Survival of the Fittest” bei, das Charles Darwin (1809-1882) mit dem von ihm formulierten Prinzip der „natürlichen Auslese” für die Evolution von Tieren und Pflanzenarten zusätzlich auflud. Mittels einer Steigerung der Geburtenzahlen und der Förderung der Fortpflanzung von Bevölkerungsgruppen, deren Erbgut als positiv eingestuft wurde, sollte im vorgestellten Kampf der Völker die Vorherrschaft der Weißen im Allgemeinen und die Dominanz der eigenen Nation gesichert werden.

Aus der Sicht der Sozialdarwinisten konnte nur eine aktive Eugenik, die nach der Lehre des britischen Anthropologen Francis Galton (1822-1911) die menschliche „Rasse” verbessern sollte, die befürchtete „Degeneration” aufhalten. 1889 begründete Galton in England die Eugenik als Wissenschaft, die sich schnell auch in anderen Ländern ausbreitete, so in den Vereinigten Staaten und in Deutschland, wo Rassenhygieniker wie Wilhelm Schallmayer (1857-1919) und Alfred Ploetz (1860-1940) im Kaiserreich restriktive Maßnahmen vorschlugen, um die Fortpflanzung unerwünschter Bevölkerungsgruppen zu verhindern. Dazu gehörten staatliche Gesundheitszeugnisse und eine Beamtenbesoldung nach der Kinderzahl ebenso wie Eheverbote und Sterilisation. Letztlich handelte es sich um ein bürgerliches Konzept des Neuen Menschen, das die Unterschichten ausschloss oder allenfalls als Objekt bevölkerungspolitischer Eingriffe verstand.[14]

Extreme Varianten dieser politischen Programmatik sahen sogar eine anthropologische Revolution vor. Damit waren weitreichende Gestaltungsansprüche definiert, die weit gespannte Zukunftsutopien nach sich zogen. Vorstellungen einer umfassenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erneuerung begründeten in nahezu allen Industriestaaten nach dem Ersten Weltkrieg unterschiedliche Formen des Social Engineering. Regierungen intervenierten deshalb im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zunehmend in gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, um ihre jeweilige Herrschaft zu legitimieren.[15] Dabei war das Spektrum der Eingriffe beträchtlich: Es reichte von der Wohlfahrtspolitik bis zur Eugenik. Zudem beschränkte sich der Einsatz von Sozial- und Biotechnologien zur Herausbildung des Neuen Menschen keineswegs auf diktatorische, autoritäre und autokratische Regimes, sondern er kennzeichnete auch Demokratien.[16]

Ausschließlich und entschieden auf das Kollektiv bezog sich das Ideal des Neuen Menschen nach 1918 aber in faschistischen und kommunistischen Diktaturen. Diesem Konzept lagen letztlich Entfremdungserfahrungen und Zukunftsängste in der Moderne zugrunde. Sie hatten sich an der Jahrhundertwende herausgebildet, waren durch den Ersten Weltkrieg radikalisiert worden und schienen die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus ebenso zu belegen wie die Verdorbenheit der bürgerlichen Gesellschaft, die aus der Sicht vieler Angehöriger der jungen Generation zu überwinden war.[17]

Nur in den modernen, auf Massenmobilisierung zielenden Diktaturen, die totalitäre Herrschaftsansprüche vertraten, war die utopische Vision eines Neuen Menschen an das Ziel geknüpft, eine umfassende politische Durchherrschung in einer hierarchischen Ordnung herbeizuführen, die auf Führerschaft, gesellschaftlicher Akklamation und wirtschaftlicher Kontrolle basierte.[18] Hier sollte ein neuer, vermeintlich überlegener Menschentyp herangebildet werden, der seine individuellen Wünsche und Ziele willig den – von der politischen Führung festgelegten – Bedürfnissen des jeweils übergeordneten Kollektivs unterordnete. Auch wurde er von den Machthabern gedrängt, sich permanent selbst zu erziehen und zu optimieren. Selbstzweifel waren die Kehrseite dieses Konditionierungsprogramms, das auch die Politik hoher Partei- und Staatsfunktionäre beeinflusste.


Die anthropologische Revolution in Italien: Ziele und Wirkungen

In Italien deckten die demütigende Niederlage italienischer Truppen bei Adua 1896, die Auseinandersetzungen über den – schließlich im Mai 1915 vollzogenen – Kriegseintritt Italiens, der „verstümmelte Sieg” (vittoria mutilata) im Ersten Weltkrieg und die Streiks in den biennio rosso 1919/20 die Grenzen und Schwächen der nationalen Einigung (Risorgimento) auf, die sich in den Jahren von 1861 bis 1871 mit der Staatsbildung nur formal vollendet hatte. Im Innern blieb das Königreich fragil und in regionale Kulturen zersplittert.[19] Der Irredentismus, der auf den nachträglichen Anschluss der Italien im Geheimvertrag von London 1915 zugesagten, aber in den Friedensverträgen von Saint-Germain und Sèvres 1919/20 vorenthaltenen Gebiete zielte, war deshalb eng mit der Forderung radikaler italienischer Nationalisten verknüpft, endlich die ersehnte innere Einheit Italiens herbeizuführen. Um dieses Ziel zu erreichen und den außenpolitischen Aufstieg Italiens zu erzwingen, sollten die Italiener zu Geschlossenheit und bedingungslosem Einsatz für die Nation erzogen werden. Darüber hinaus hatten Wissenschaftler wie der Anthropologe und Psychiater Enrico Morselli bereits vor dem Ersten Weltkrieg, von dem die Nationalisten sich eine fundamentale Erneuerung Italiens erhofften, eugenische Utopien eines „Zukunftsmenschen” (Metanthropos) entworfen.[20]

Das Ideal des Neuen Menschen trug nach 1918 zum Aufstieg des italienischen Faschismus bei, bevor es ab Oktober 1922 von den neuen Machthabern gezielt genutzt und umgeformt wurde. Nachdem Benito Mussolini im Januar 1925 seine Einparteiendiktatur proklamiert und sie darauffolgend durchgesetzt hatte, avancierte das Leitbild zu einem öffentlich erklärten Ziel der neuen Machthaber. Im faschistischen Italien sollte der Neue Mensch vor allem „glauben, gehorchen, kämpfen” (Credere, Obbedire, Combattere), wie der Duce unablässig propagierte.[21]

Der „neue” Italiener sollte mutig und risikofreudig, stolz und diszipliniert sein, um die nationale Einheit zu sichern und das Volk zu vermehren und zu stärken. Dazu hatten Eugeniker wie Ettore Levi und Corrado Gini bereits im späten 19. Jahrhundert Programme für eine pronatalistische Politik bzw. zur Geburtenkontrolle entwickelt. Hohe Geburtenquoten, gute Lebensumstände und günstige wirtschaftliche wie auch gesellschaftliche Bedingungen sollten die angestrebte Verbesserung der „Rasse” herbeiführen, die als Wurzelgrund des Neuen Menschen galt. Politiker wie Giovanni Gentile, der im Oktober 1922 zum Bildungsminister unter Mussolini ernannt worden war, traten darüber hinaus mit einem umfassenden Erziehungsprogramm hervor. Als Bezugsgröße des nuovo homo propagierten die italienischen Faschisten abwechselnd den Staat oder die Partei. Ausgehend von der Selbsterziehung und -ertüchtigung, sollte der Neue Mensch sein Handeln auf die nationale Gemeinschaft ausrichten und gegenüber der Bevölkerung in den Kolonien die zivilisatorische Überlegenheit verkörpern und absichern. Nachdem zunächst die Übernahme staatlicher Institutionen anvisiert worden war, stilisierten jüngere Aktivisten die 1921 konstituierte faschistische Partei (Partito Nazionale Fascista) in den frühen 1930er-Jahren zur Trägerin einer universellen faschistischen Mission. Alles in allem überlagerten sich in der vagen Vision des „faschistischen Menschen” Propaganda, Politik und Repräsentationsformen. Dabei wurde der Neue Mensch ästhetisiert und als Akteur in einer Zeit inszeniert, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eng aufeinander bezogen waren.[22]

Dem Mythos des uomo nuovo waren im italienischen Faschismus von Beginn an rassistische Überlegenheitsvorstellungen einerseits und Visionen der Ausmerze andererseits eingeschrieben. Zwar grenzten Anthropologen wie Morselli bis zu den frühen 1930er-Jahren eine „römische” von der „nordischen” Eugenik ab. Auch Mussolini selbst forderte vorrangig nur ein nachhaltiges und umfassendes Wachstum der italienischen Bevölkerung, wohingegen er genetisch begründete Eingriffe – so Sterilisation und Abtreibung – zumindest bis zu den 1930er-Jahren ablehnte. Er zielte aber auf eine umfassende Zurichtung der Italiener auf die Ziele seines Regimes, um die Vorherrschaft der Italiener im Mittelmeerraum und damit das Überleben der „Weißen” zu sichern. Damit sollten zugleich Ambivalenz und Kontingenz als Erbe der Aufklärung beseitigt werden.[23]

Aber besonders nach dem italienischen Angriff auf Abessinien 1935 färbte sich die Vision des Neuen Menschen auch in der Propaganda und Politik des faschistischen Regimes zusehends rassistisch ein. Wissenschaftler wetteiferten mit immer radikaleren Kolonialprojekten um die Gunst Mussolinis, indem sie vor allem in Nordafrika umfassende Siedlungen für Italiener planten. Dagegen sollte die einheimische Bevölkerung ausgesiedelt und – so in Libyen 1930 – in Lager deportiert werden. Wie die Umgestaltung der Stadt Asmara in Eritrea zeigt, gingen rationalistische Konzepte der modernen Avantgarde in den 1930er-Jahren in rassistische Planungen über, die den Italienern besonders günstige Wohn- und Lebensbedingungen sichern sollten. Diese Politik war dem Kampf um machtpolitische Vorherrschaft geschuldet und von der Mitte der 1930er-Jahre zunehmenden Rivalität mit dem schnell aufsteigenden deutschen Nationalsozialismus beeinflusst.[24]

Insgesamt wurden Afrikaner scharf vom „faschistischen Menschen” abgegrenzt. Die kolonialen „Rassengesetze” von 1937 und 1939 sowie das 1940 erlassene „Mischlingsgesetz” sind deshalb von Wolfgang Schieder und Gabriele Schneider zu Recht als „Apartheidsrassismus” gekennzeichnet worden. Darüber hinaus waren in Italien schon seit der Jahrhundertwende die Slawen stigmatisiert worden.[25]

Außer diesen Völkern waren nach Ansicht der führenden Faschisten auch die Juden unversöhnliche Feinde des Neuen Menschen. Der Antisemitismus, der mit dem „Manifest rassistischer Wissenschaftler” (Manifesto degli scienzati razzisti oder kurz Manifesto della razza) vom 14. Juli 1938 schließlich offen proklamiert wurde, kann keineswegs ausschließlich auf den Einfluss des deutschen Nationalsozialismus – wie Hitlers Besuch in Italien im Mai 1938 – zurückgeführt werden.[26] Vielmehr verweisen das Manifest und die am 5. September 1938 nach einem königlichen Dekret eingerichtete Generaldirektion „Demographie und Rasse” (Demografia e razza – Demorazza) auf die spezifisch italienischen Wurzeln des Rassismus, der auf der Apenninhalbinsel tief im politischen und wissenschaftlichen Diskurs verankert war. Die neue Generaldirektion sollte „Maßnahmen zu demographischen und Rassefragen” erarbeiten und durchführen. Von dem „faschistischen Menschen”, der ausschließlich der italienischen Nation als Abstammungsgemeinschaft angehören sollte, wurden Juden, Afrikaner und Slawen scharf abgegrenzt. Das Leitbild des Neuen Menschen diente aber nicht nur der Exklusion, sondern auch der Inklusion und Integration. Der Rassismus war damit eng an das Umerziehungsprojekt geknüpft, mit dem im faschistischen Italien der Neue Mensch geformt werden sollte. Da ihn vor allem die Jugendlichen verkörperten, konzentrierten sich die Initiativen der Faschisten auf diese Gruppe.[27]

Dazu diente besonders die Opera Nazionale Balilla (ONB), die 1926 als Jugendorganisation der faschistischen Partei gegründet worden war. Die ONB führte u.a. Aufmärsche, Schulungen und Zeltlager durch, die Mädchen und Jungen in verschiedenen Altersgruppen Gemeinschaftserlebnisse boten und Zusammenhalt schaffen sollten. Darüber hinaus wurde Überlegenheitsbewusstsein vermittelt, besonders gegenüber Juden, Afrikanern und Slawen. Wichtig war auch die vormilitärische Ausbildung, die den Neuen Menschen zu der ihm zugeschriebenen imperialen Expansion befähigen sollte. Dazu arbeitete die ONB auch mit der nationalsozialistischen „Hitler-Jugend” (HJ) zusammen, besonders im Anschluss an einen spektakulären Besuch von „Hitlerjungen” in Rom 1936. Allerdings verschärften sich im Zweiten Weltkrieg Differenzen und Konflikte, vor allem wegen des Vormachtstrebens der HJ. Damit verbunden waren Auseinandersetzungen über das rassistische Leitbild des „nordischen Ariers”, das die deutsche „Reichsjugendführung” propagierte, die ONB aber ablehnte.[28]


Im faschistischen Italien sollte der Neue Mensch vor allem von Jugendlichen verkörpert werden. Benito Mussolini 1935 in Rom inmitten von jugendlichen Anhängern. Fotograf: unbekannt, Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Has_seven_1_a.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: gemeinfrei
Im faschistischen Italien sollte der Neue Mensch vor allem von Jugendlichen verkörpert werden. Benito Mussolini 1935 in Rom inmitten von jugendlichen Anhängern. Fotograf: unbekannt, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei


Sogar in Italien selbst konnten die faschistischen Machthaber das Leitbild nur unzureichend im Selbstverständnis und Handeln der Italiener verankern. Die italienische Erbgesundheitspolitik war sozial diskriminierend, und die Lebensbedingungen breiter Gesellschaftsschichten blieben auf der Apenninhalbinsel auch unter der faschistischen Diktatur schlecht. Das Regime verfügte überdies nur über begrenzte Ressourcen für das Umerziehungsprogramm, mit dem die Italiener zu gläubigen, gehorsamen und kämpfenden Menschen umgeformt werden sollten. Vor allem im Süden Italiens (Mezzogiorno) erwiesen sich paternalistische Bindungen an die Landbesitzer und der Klientelismus der Mafia als resistent.

Obgleich Mussolini die katholische Kirche mit den Lateranverträgen vom 11. Februar 1929 an sein Regime gebunden hatte und die faschistische Sakralisierung die kirchliche Jenseitsverheißung keineswegs ersetzte, stand auch der Vatikan dem Erziehungs- und Züchtungsprogramm, das auf die Herausbildung des Neuen Menschen zielte, distanziert gegenüber. So blieben traditionale Werte im Lebensalltag einflussreich. Besonders die Bindung an Familie, Vaterland und Gott erwies sich als zählebig. Nicht zuletzt waren die vom Regime verbreiteten geschlechterspezifischen Ideale widersprüchlich. Einerseits wurden Frauen mit den Tugenden der Reinheit und Jungfräulichkeit deutlich von den Männern abgehoben; andererseits sollten sie aber vor allem im Zweiten Weltkrieg auch eine Kampfbereitschaft zeigen, die zuvor Männern zugeschrieben worden war. Alles in allem blieb das Ideal des Neuen Menschen im faschistischen Italien eng auf die Familie, die Nation, den Staat und die katholische Kirche bezogen.[29]

Trotz der dargelegten Grenzen und Widersprüche war die Propaganda für den neuen „faschistischen Menschen” aber keineswegs wirkungslos. Der Faschismus kann deshalb nicht einfach als „exterior cult of form […] without any serious moral imperative” abgetan werden.[30] Vielmehr wurde die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre partiell beseitigt, indem das Regime die Italiener zur Partizipation an den politischen Inszenierungen aufrief und dabei zumindest bis 1941 auf eine erhebliche Resonanz traf. Viele Italiener ließen sich für öffentliche Rituale mobilisieren, die kulturelle Identitäten durchaus umformten. Das Regime führte einen eigenen Festkalender ein und inszenierte die Ausstellung zum zehnten Jahrestag des „Marsches auf Rom” im Oktober 1932 (Mostra della Rivoluzione Fascista) ebenso spektakulär wie die Feiern, die es 1937/38 zur Erinnerung an den zwei Jahrtausende zuvor geborenen Imperator Augustus ausrichtete. Überhaupt wurde das römische Kaiserreich mit dem soldatischen Heldentum assoziiert, das auch den faschistischen uomo nuovo kennzeichnen sollte. In dem Leitbild fielen damit Rekurse auf die Antike mit weit gespannten Zukunftsvisionen zusammen.[31]

Darüber hinaus nutzte Mussolinis Regime Reden, Aufmärsche, Paraden, Staatsbesuche und feierliche Begräbnisse mit symbolbehafteten Aufrufen wie „Presente” (militärischer Appell) zur Repräsentation und Verbreitung faschistischer Ideale und Tugenden. Der Neue Mensch sollte aus einer „revolution of mentalites, values, and will” hervorgehen.[32] Dazu dienten auch der Liktorenkult, die Einführung neuer Feiertage wie dem 23. März (Gründung der Fasci di Combattimento) und die Zeremonie der leva, mit der faschistische Jugendliche öffentlich in eine höhere Organisationsebene der faschistischen Partei befördert wurden. Nicht zuletzt konstituierte die Gewalt der paramilitärischen faschistischen Kampfbünde verschworene Gemeinschaften. Performative Praktiken, die auch darüber hinaus die Diktatur des Duce kennzeichneten, verfestigten jeweils die symbolische Repräsentation und plebiszitäre Inszenierung des uomo nuovo. Mythen, Rituale und Symbole sollten die Erziehung der Italiener zu faschistischen Neuen Menschen vorantreiben, um Ordnung und Einheit als Voraussetzungen imperialer Expansion herbeizuführen.[33]


„Wer die Jugend hat, hat die Zukunft”: Der Neue Mensch im „Dritten Reich”

Auch die nationalsozialistische Ideologie und die Politik im „Dritten Reich” zielten auf den Neuen Menschen. Das Leitbild war hier aber schon früh rassistisch aufgeladen. Dabei verbanden auch die führenden Nationalsozialisten eine Romantisierung der Vergangenheit mit einer ausgeprägten Zukunftsorientierung. Schon der Germanenkult und die Konstruktion des „Ariers”, die schon die völkische Ideologie der Jahrhundertwende geprägt hatten, gingen mit einem Umerziehungsprogramm einher. Bewegungen wie der 1919 gegründete „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund” und die „Deutsche Arbeiterpartei”, die 1921 Adolf Hitler zum „Führer” ernannte, hatten aus dem „Ideenschutt” (Joachim Fest) des 19. Jahrhunderts – vor allem Houston Chamberlains Vorstellung der Notwendigkeit „rassischer Reinheit” im vermeintlich unausweichlichen Kampf zwischen Juden und „Ariern” – eklektisch eine Vorstellungswelt konstruiert, die überspannte Utopien politisch-kultureller und gesellschaftlicher Erneuerung umfasste. Sie sollte nicht nur die deutsche Nation stärken, sondern den Sieg der „arischen Rasse” im vermeintlich ewigen „Kampf ums Dasein” sichern. Andererseits wurden Menschen, die dem vagen Leitbild des „Ariers” nicht entsprachen, rücksichtslos ausgemerzt, wie das schon im Juli 1933 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” zeigt. Die Propaganda und das Programm zur „Tötung lebensunwerten Lebens” wurden im nationalsozialistischen Deutschland mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zwar offiziell eingestellt; die Machthaber setzten die „Euthanasie” aber fort, so in der „Aktion 14f13” in Konzentrationslagern.[34]

Die Rassendoktrin war aber vorrangig gegen die Juden gerichtet, mit denen die Nationalsozialisten Kommunismus, Liberalismus, Demokratie und Pazifismus assoziierten. Nach der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 wurde der Rassismus zur Grundlage einer weit gespannten Herrschaftspolitik, die auf Repression und Vernichtung ebenso basierte wie auf Integration und „Züchtung”. Nach dieser radikalen Utopie musste der Neue Mensch eine „arische” Herkunft aufweisen, für seine „Rasse” kämpfen und damit der geschlossenen „Volksgemeinschaft” den angeblich unabdingbaren „Lebensraum” sichern. Für diese Vision wurden besonders die SS-Männer in Dienst genommen, die den Typ des „rassereinen”, „nordischen” Menschen verkörpern sollten. Von ihnen wurde erwartet, dass sie durch vorbildliches Verhalten und eine gezielte Reproduktion (mittels einer kontrollierten Partnerwahl) die „arische” Gemeinschaft stärken und den Kämpfertyp hervorbringen sollten, den die Nationalsozialisten anstrebten. Unter dem Druck einer Politik, die in der gezielten Züchtung von Nachwuchs im „Lebensborn” eine radikale Ausprägung fand, waren im „Dritten Reich” individuelle Bedürfnisse aufzugeben. Die Leitbegriffe dieser radikalen Utopie waren „Volk”, „Rasse” und „Nation”.[35]

Im nationalsozialistischen Deutschland sollte der Neue Mensch nach dem Konzept des „Reichsjugendführers” Baldur von Schirach „gesund, kräftig, stark, wenn möglich blond […] und selbstverständlich arisch sein”. Von diesem Leitbild ausgehend, wurde ein ausgefeiltes Programm der Auslese und Erziehung geschaffen, in dem auch Frauen eine wichtige, wenngleich den Männern deutlich untergeordnete Rolle zugewiesen wurde. Sie sollten Kinder gebären, die dem erwähnten Ideal des „nordischen Ariers” entsprachen. Zu diesem Zweck wurde die Partnerwahl gesteuert, vor allem durch „Ariernachweise”, die bei Heiraten vorzulegen waren. Angehörige der SS mussten vor Eheschlüssen sogar die Zustimmung des „Reichsführers” Heinrich Himmler einholen.[36]

Aber auch alle anderen „Volksgenossen” waren umfassend für das nationalsozialistische Erneuerungsprojekt zu mobilisieren. Dazu entwickelten die Machthaber des „Dritten Reichs” ebenso wie die italienischen Faschisten Propagandatechniken, die Nation und Volk, Macht und Größe symbolisieren sollten. Sie spiegelten den Anspruch auf totale Erfassung und Kontrolle der Menschen wider. Das Spektrum der performativen Praktiken umfasste rassistisch motivierte Gewalt und einen Körperkult, der sich beispielsweise in Anweisungen zur „Rassenhygiene” und in den vielfältigen sportlichen Inszenierungen manifestierte. Im Hitler-Kult und in Ritualen wie Totenehrungen, den inszenierten Feierstunden sowie in Appellen und Massenaufmärschen wurde unablässig das Leitbild des „nordischen”, „rassereinen” Menschen beschworen.[37]

Der Herrschafts- und Erneuerungsanspruch der Nationalsozialisten richtete sich vor allem auf die Jugendlichen, die im „Dritten Reich” umfassend vom Regime vereinnahmt wurden. Unter dem Motto „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft” entfachten die NS-Machthaber ab 1933 einen Jugendkult, der nahtlos an die Mobilisierungsstrategien der Partei und Bewegung in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren anknüpfte. Die 1925/26 gegründete „Hitler-Jugend” wies Anfang 1933 rund 100.000 Mitglieder auf. Schon am Jahresende hatten sich der Organisation insgesamt zwei Millionen Jungen und Mädchen angeschlossen, und bis Dezember 1936 stieg die Mitgliederzahl sogar auf 5,4 Millionen. Die „neuen nationalsozialistischen Menschen” waren in „Lager und Kolonne” heranzubilden, wie Erziehungsminister Bernhard Rust Ende 1934 das Konzept der Machthaber kennzeichnete.[38]

Der Appell an die Begeisterungsfähigkeit und den paramilitaristischen Aktionismus der Jugendlichen wies eine beträchtliche Verführungskraft auf, sodass die HJ erhebliche Mobilisierung erzielte und sich dynamisch entwickelte. Dabei wurde die emotionale Vergemeinschaftung des Neuen Menschen kräftig vorangetrieben. In der Organisation knüpften Geländespiele, Fahrten und Lagerromantik durchaus an Bedürfnisse der Jugendlichen an, die zugleich aber umfassend für das Regime vereinnahmt wurden. Die NS-Machthaber nutzten ihre Bereitschaft zu idealistischem Engagement besonders für die Kriegsvorbereitung rigoros aus, zu der die paramilitärischen Übungen in der HJ maßgeblich beitrugen.

Zugleich kennzeichneten Zwang und Repression die nationalsozialistische Jugendpolitik. So wurde die „Hitler-Jugend” im März 1939 zur „Staatsjugend” erklärt, der sich Mädchen und Jungen kaum noch entziehen konnten. Damit einhergehend führten die nationalsozialistischen Machthaber schließlich eine allgemeine Dienstpflicht für alle Jugendlichen von 10 bis 18 Jahren ein. Im Zweiten Weltkrieg verwandelte sich die „Lebendigkeit des Jugendkultes” jedoch vollends in den „Einheitsrhythmus der Marschkolonnen”, als im November 1942 harte Regeln zur Jugenddienstpflicht eingeführt wurden.[39]

Im Vernichtungskrieg, der 1941 mit dem Angriff auf die UdSSR eskalierte, aber bereits zuvor in Polen geführt worden war, trat schließlich vollends der rassistische Kern des Leitbilds vom Neuen Menschen hervor, der seit der Machtübertragung an Hitler gezielt gefördert worden war. So sollten Einheiten der SS im „Rassenkrieg” gegen die Sowjetunion die angeblich überlegenen „arischen” Kämpfer formen. 1944/45 entpuppte sich das Konzept des neuen, fanatisch für den Nationalsozialismus kämpfenden „Volksgenossen” aber letztlich als grandiose politische Manipulation. Gleichwohl beeinflusste das Leitbild des nationalsozialistischen Neuen Menschen Deutsche, die im „Dritten Reich” sozialisiert worden waren, auch nach der totalen Niederlage Deutschlands und dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945. So haben Meinungsumfragen in der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren gezeigt, dass die Idee der „Volksgemeinschaft” durchaus noch populär war.[40]


Die „sozialistische Persönlichkeit” als Leitbild in den kommunistischen Diktaturen

Auch in den kommunistischen Regimes, die unter dem Einfluss der russischen Oktoberrevolution und nach dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg etabliert wurden, avancierte der Neue Mensch zu einem Ideal, das die Politik vor allem in der Erziehung der Jugend und der Mobilisierung für Arbeit bestimmte. Das Leitbild basierte auf der Rezeption des französischen utopischen Sozialismus (vor allem der Schriften Henri de Saint-Simons und Charles Fouriers), der Genossenschaftskonzeption Robert Owens und des deutschen Idealismus im russischen Zarenreich. Im Konflikt zwischen den „Slawophilen” und den „Westlern” hatten Gruppen der Intelligenzija, die im 19. Jahrhundert auf eine Modernisierung Russlands zielten, auch die Lehren anderer einflussreicher west- und mitteleuropäischer Intellektueller wie Charles Darwin und Friedrich Nietzsche aufgenommen. Von diesen waren Utopien des Neuen Menschen verbreitet und dazu Lehren wie die Eugenik und die Rassenhygiene begründet worden, die Züchtungskonzepte wissenschaftlich zu untermauern schienen. Mit dem wachsenden Nationalismus und der damit einhergehenden forcierten Russifizierungspolitik gewannen diese Konzepte im Zarenreich um 1900 an Relevanz, wurden dabei aber ethnisch aufgeladen. Dieser Prozess entkleidete die Konzepte des Neuen Menschen zusehends ihres universellen Anspruchs, der auf den Fortschritt für alle Völker abhob.[41]

Auf dieser Grundlage propagierten die Bolschewiki, die sich 1903 auf dem zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands von den Menschewiki getrennt hatten, eine anthropologische Revolution, die gleichermaßen soziale Verbesserungen und Ausmerze einschloss. Im Gegensatz zu den weitreichenden Utopien der Nationalsozialisten und Faschisten waren die Visionen des Neuen Menschen im Kommunismus aber nicht rassistisch und nationalistisch aufgeladen. Vielmehr nahm das Leitbild zumindest hinsichtlich des Anspruchs eine humanistische Tradition auf. Die kommunistische Zukunftsgesellschaft versprach letztlich eine „Erlösung von allen negativen Begleiterscheinungen der Industriemoderne westlichen Zuschnitts […]”.[42]

Damit sollten vor allem die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft und der bürgerlichen Gesellschaft beseitigt werden, die Marxisten wie Karl Marx und Friedrich Engels bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts diagnostiziert hatten. Darüber hinaus wies Lenins Ideologie der „Avantgarde des Proletariats” Führungspersonen erstmals eine besonders wichtige Erziehungs- und Vorbildrolle bei dem Durchbruch zur ersehnten Zukunftsgesellschaft zu. Zugleich wurde vor allem den jungen Sowjetbürgern auferlegt, sich gezielt zu Vorkämpfern der neuen Gesellschaftsordnung zu entwickelt.[43]

Nach der Oktoberrevolution von 1917 vollzog sich in der Sowjetunion aber über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg ein deutlicher Wandel des Konzepts vom Neuen Menschen. Im Rahmen des leninistischen Proletkults wurde in den 1920er-Jahren zunächst der „Maschinenmensch” propagiert, der in der neuen UdSSR die Industrialisierung vorantreiben und das Land aus der Rückständigkeit befreien sollte. Dabei rekurrierten die Bolschewiki auf die Visionen des russischen Philosophen und Schriftstellers Aleksandr Bogdanov. Er hatte 1907 verlangt, Menschen körperlich auf Maschinen auszurichten, um damit Handlungsabläufe im Erwerbsleben und in der Freizeit zu optimieren. Mit Bewegungsstudien, die industrielle Arbeitsprozesse rationell organisieren sollten, knüpfte der Dichter und Gewerkschaftsaktivist Aleksej Gastev, der 1920 das Zentralinstitut für Arbeit gründete, an diese Vorstellung an.[44]

Besonders elaboriert war die Konzeption Leo Trotzkis, der 1923 in seiner Schrift „Literatur und Revolution” forderte: „Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonieren. […] Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner, sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. […] Der durchschnittliche Mensch wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe oder Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.” Der Neue Mensch war nach Trotzkis Auffassung ein Produkt der Oktoberrevolution. Er musste sich aber kontinuierlich weiterentwickeln.[45]

Davon ausgehend, betrieben die neuen bolschewistischen Machthaber schon in den 1920er-Jahren ein umfassendes soul engineering. Im darauffolgenden Jahrzehnt verdichtete sich diese Politik zu einer ambitionierten Propagandakampagne, in der dem Neuen Menschen auferlegt wurde, die Natur zu beherrschen und den Übergang von der Rückständigkeit zur Kultiviertheit (Kulturnost') zu erzwingen. Der homo sovieticus – ein Ausdruck, mit dem der russische Dissident Alexander Sinowjew 1978 Passivität und Verantwortungslosigkeit in der sowjetischen Gesellschaft der 1970er-Jahre kritisierte – sollte vor allem die bürgerliche Gesellschaft beseitigen. Dazu gehörten die Entmachtung der orthodoxen Kirche und die Lösung aus der Abhängigkeit von gesellschaftlichen Honoratioren wie den Gutsherren und Eltern.[46]

Besonders in der stalinistischen Sowjetunion propagierten Partei- und Staatsleitungen das Ideal des willensstarken Neuen Menschen. Dazu unterwarfen Stalin, der in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren seine Diktatur durchsetzte, und die ihm ergebenen Sowjetfunktionäre die Bevölkerung einem umfassenden Umerziehungsprogramm. Damit sollte erreicht werden, dass die offiziell propagierten Leitbilder verinnerlicht wurden. Die „sozialistische Persönlichkeit” hatte sich selbstlos in das Kollektiv aller „Sowjetmenschen” einzufügen und die Entwicklung zum Kommunismus voranzutreiben. Damit sollte der Durchbruch der UdSSR in eine Moderne erzwungen werden, in der die Krisen und elementaren Unsicherheiten des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft angeblich vermieden werden konnten.[47]

Diese voluntaristische Programmatik schlug sich in politischen Kampagnen nieder, die auf die Mobilisierung aller Leistungsreserven zielten. Offizielle Vorbilder wie der „Bestarbeiter” Alexei Stachanow schienen das Ideal des „Sowjetmenschen” zu verkörpern. Im Zweiten Weltkrieg sollten vor allem die Angehörigen der Roten Armee zu Helden geformt werden. Schon zuvor waren auch stigmatisierte „Volksfeinde” (so „Kulaken”) rücksichtslos verfolgt worden. Umgekehrt strebten Jugendliche wie der aufstrebende Geologiestudent Leonid Potemkin nach Vervollkommnung. Auch internalisierten offenbar viele Bürger der UdSSR die offiziell propagierten Feindkonstruktionen. Der Erlösungsglaube, den die Machthaber in der stalinistischen Sowjetunion verbreiteten, zog nicht nur Politiker und Intellektuelle wie den Schriftsteller Maxim Gorki an, sondern auch junge Menschen wie den 1914 geborenen Stepan Podlubnyi, der als Sohn eines enteigneten „Kulaken” in den 1930er-Jahren in Moskau nach Selbsterneuerung strebte, da er sich als gescheiterter Mensch verstand. Die Erwartung, in der Sowjetunion zu einem „besseren” Menschen geformt zu werden, verpflichtete Podlubnyi zu unbedingter Loyalität gegenüber dem stalinistischen Regime – auch noch, als er Opfer dieser Diktatur wurde.[48]

Der Neue Mensch blieb in den 1930er- und 1940er-Jahren keineswegs nur Propaganda, sondern das Leitbild entfaltete eine beträchtliche Wirkung. Es verursachte eine erhebliche gesellschaftliche Mobilisierung und individuelle Konditionierung. Darüber hinaus prägte das Ideal die Politik der Umgestaltung, welche die revolutionäre Utopie einzulösen versprach. Die radikale Kollektivierung, die den Kolchosbauern an die Stelle des „Kulaken” setzen sollte, und die enorm forcierte Industrialisierung nach dem ersten Fünfjahresplan (1928-1933) sind ebenso wenig ohne das Leitbild des Neuen Menschen vorstellbar wie die gewaltigen Projekte, die auf die Zurichtung der Natur abzielten. Dazu gehörten der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals von 1931 bis 1933 und der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg begonnene, aber erst 1952 fertiggestellte Wolga-Don-Kanal ebenso wie die Bewässerungsprojekte, die Wüsten in fruchtbares Ackerland verwandeln sollten. Allgegenwärtige Begriffe wie „Umbau”, „Umschmieden”, „Umgraben”, „Umkrempelung” und „Umerziehung” verwiesen auf diese Programme, die alle Sowjetbürger zur Selbsterziehung und -perfektionierung nutzen sollten.[49] Allerdings beseitigte Stalin mit seiner radikalen Kampagne, die auf den Neuen Menschen zielte und sich spiegelbildlich gegen „Volksfeinde” und „Saboteure” richtete, zugleich ungewollt die Grenze zwischen rationaler Ordnung und destruktivem Chaos.[50]

Das Ideal des starken „Sowjetmenschen” war nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest bis in die 1950er-Jahre in modifizierter Form auch in den kommunistischen Diktaturen verbreitet, die in Ostmittel- und Südosteuropa etabliert worden waren. So propagierte der Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei, Walter Ulbricht, in der DDR das Leitbild der „allseitig entwickelte[n] sozialistische[n] Persönlichkeit”. Sie sollte nicht nur den Weg vom „Ich zum Wir” gehen und sich damit in das „Kollektiv” einordnen, sondern auch Loyalität und Treue zur kommunistischen Führung über Zweifel und Kritik stellen. Zudem wurde die Bereitschaft zu Opfern und zur Pflichterfüllung erwartet, nicht zuletzt bei der Arbeit. Diese Werte erhob Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 in seinem Katalog der „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik” schließlich zur Richtschnur der Erziehung und Selbsterziehung. Außer dem Engagement für den „Sozialismus”, der Bindung an das „Vaterland” und der Solidarität mit den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Völkern (in der „Dritten Welt”) sollte der Neue Mensch sparsam sein, die Arbeitsdisziplin stärken, „sauber und anständig” leben und seine Kinder zu „allseits gebildeten, charakterfesten und körperlich gestählten Menschen erziehen”.[51]

Das Wandmosaik von Walter Womacka „Der Mensch, das Maß aller Dinge“ nach seiner Umsetzung Berlin, Friedrichsgracht; ursprünglich am Ministerium für Bauwesen, Breite Straße. Fotograf: Achim Bodewig, Berlin 13. Dezember 2013. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wandmosaik_womacka_der_mensch_das_mass_aller-dinge.jpg?uselang=de Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0]
Das Wandmosaik von Walter Womacka „Der Mensch, das Maß aller Dinge“ nach seiner Umsetzung Berlin, Friedrichsgracht; ursprünglich am Ministerium für Bauwesen, Breite Straße. Fotograf: Achim Bodewig, Berlin 13. Dezember 2013. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0


Seinen Höhepunkt erreichte das politische Leitbild eines Neuen Menschen in der DDR in den 1960er-Jahren, als die Ideologie der Zwangsmodernisierung mit einem haltlosen Zukunftsoptimismus und Überlegenheitsillusionen einherging. Noch im März 1969 hielt Ulbricht in einer Rede auf dem Kongress der „Nationalen Front des Demokratischen Deutschland” unbeirrt an der „sozialistischen Menschengemeinschaft” fest, die er 1967 erstmals verkündet hatte. Sie bedeutete nicht nur „Hilfsbereitschaft, Güte, Brüderlichkeit, Liebe zu den Mitmenschen”, wie er betonte. Vielmehr umfasste sie nach dem Ersten Sekretär der SED „sowohl die Entwicklung der einzelnen zu sozialistischen Persönlichkeiten als auch der vielen zur sozialistischen Gemeinschaft im Prozeß der gemeinsamen Arbeit, des Lernens, der Teilnahme an der Leitung und Planung der gesellschaftlichen Entwicklung […] und an einem vielfältigen, inhaltsreichen und kulturvollen Leben”. Die angestrebte neue Persönlichkeit sollte dabei als Instrument der umfassenden Transformation zur kommunistischen Zukunftsgesellschaft fungieren.[52]

Das Spektrum der zu diesem Zweck durchgesetzten Maßnahmen reichte von der vormilitärischen Ausbildung über die Integration der Frauen in das Erwerbsleben bis zur Erziehungs- und Bildungsreform, die im Februar 1965 in dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem” kulminierte.[53] Darüber hinaus sollte der Neue Mensch in der „klassenlosen” Gesellschaft überkommene Gegensätze und Konflikte beilegen. So zielten die „Schiedskommissionen” auf die Erziehung zu einem einvernehmlichen Zusammenleben in der „sozialistischen Gesellschaft”.[54] Nach der Verordnung zur „Errichtung von Sühnestellen” vom 24. April 1953 etabliert, sollten diese Gremien zunächst geringfügige Streitigkeiten und Konflikte in staatlichen Betrieben schlichten. In den späten 1950er-Jahren weitete die SED-Führung die Kompetenzen der „Schiedskommissionen” auf die Wohngemeinschaften aus. Insgesamt kennzeichnete ein enger Nexus von Disziplinierung und (Selbst-)Erziehung die Konzepte zur Herausbildung des Neuen Menschen in den kommunistischen Regimes, vor allem in den stalinistischen Diktaturen.

Ebenso radikale Maßnahmen ergriffen die Machthaber im kommunistischen China, zumindest bis zum Tod Mao Zedongs. Als der „Große Vorsitzende” 1976 starb, brach auch die von ihm angezettelte Kulturrevolution ab. Vor allem in ihrer ersten Phase in den Jahren von 1966 bis 1968 hatte die radikale Mobilisierung zu der schrankenlosen Gewalt der Roten Garden geführt, die auf die staatliche Propaganda zur Selbsterziehung zurückgeführt werden kann. Dabei nahm der Mao-Kult eine herausragende Stellung ein. Darüber hinaus waren in der Propaganda der chinesischen Kommunisten schon seit 1963 Aktivisten wie der Soldat Lei Feng (1940-1962) zu Helden stilisiert worden, um die Jugendlichen gegenüber „bürgerlichen” und „revisionistischen” Einflüssen zu „immunisieren” (Mao Zedong). Lei Fengs postum veröffentlichtes Tagebuch, das auch Fotos aus seinem Leben enthält, stellt ihn beim Studium der Werke Maos und beim selbstlosen Einsatz für Bauern, Kinder und die Armee dar. Im kommunistischen China sollte der Neue Mensch, den Lei Feng verkörperte, nicht nur der Partei- und Staatselite und besonders Mao total ergeben sein, sondern auch „Klassenfeinde” hassen und brutal ausmerzen. Auch unter dem Regime des „Großen Vorsitzenden” gingen damit überspannte Erneuerungsutopien mit der radikalen Repression von „Feinden” einher.[55]


Der Neue Mensch in Demokratien

Konzeptionen des Neuen Menschen waren aber keinesfalls auf die modernen Weltanschauungsdiktaturen begrenzt. Vielmehr wurden sie auch in Demokratien entwickelt und vertreten, oft mit sozialfürsorgerischem bzw. sozialpolitischem Anspruch. Im amerikanischen Progressivism, in dem sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert das Leitbild der modernen Industriegesellschaft mit Forderungen nach Sozialreformen und erweiterter politischer Partizipation verband, hob das Ideal des Neuen Menschen vor allem auf rationales, effizientes Verhalten ab. Das in den USA geprägte Konzept des Social Engineering richtete sich hier gegen Darwins Lehre, indem eine umfassende Verbesserung der menschlichen Lebensumstände verlangt wurde.[56]

Oskar Schlemmer: Bauhaustreppe 1932. Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson. Schlemmer war ein Visionär und glaubte wie viele zu dieser Zeit, dass die Kunst einen neuen Menschen und eine humanere Welt hervorbringen könne. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oskar_Schlemmer_-_Bauhaustreppe_1932.jpg Wikimedia Commons], Lizenz: public domain
Oskar Schlemmer: Bauhaustreppe 1932. Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson. Schlemmer war ein Visionär und glaubte wie viele zu dieser Zeit, dass die Kunst einen neuen Menschen und eine humanere Welt hervorbringen könne. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: public domain


Im Rahmen weit gespannter Entwürfe technokratischer Rationalisierung wurden im frühen 20. Jahrhundert Konzepte Henry Fords und Frederick Taylors zur Optimierung von Arbeits- und Produktionsprozessen breit rezipiert, auch über die USA und die westliche Welt hinaus. Durch eine industrialisierte, standardisierte Massenproduktion und -konsumtion sollte der Wohlstand der Menschen gesteigert werden. Der von 1908 bis 1927 gebaute Ford T („Tin Lizzie”) repräsentierte dieses Fortschrittsversprechen. Zugleich erhofften sich Taylor und seine Anhänger, dass prozessgesteuerte Arbeitsläufe die Alltagsarbeit der Menschen erleichtern würden. Kritiker wiesen aber schon im frühen 20. Jahrhundert auf die Gefahr hin, dass die neuen Sozialtechniken die ihnen unterworfenen Menschen entmündigten und individuelle Freiheiten beseitigten oder zumindest bedrohten.[57]

Eugenische Konzepte, die in Demokratien angewendet wurden, sind im Allgemeinen vom Lamarckismus ausgegangen. Anders als Charles Darwin (1809-1882), der die Entwicklung aller Organismen und ihre Aufspaltung in verschiedene Arten durch die Anpassung an den Lebensraum durch Variation und natürliche Selektion erklärte, ging der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) davon aus, dass die Evolution durch einen in der Regel langsamen und schrittweisen Wandel der Umgebung verursacht werde. Dieser verändere die Gewohnheiten und das Verhalten der darin lebenden Organismen und damit diese selbst. Die somatischen Modifikationen würden – so die Vorstellung des Lamarckismus – an die folgenden Generationen vererbt. Zwar stellte diese Theorie vor allem August Weismann (1834-1914) in Frage, der sich ab 1882 gegen die Vorstellung von der Vererbung erworbener Eigenschaften wandte und das Keimplasma, die Gesamtheit der damals noch unbekannten materiellen Träger der Vererbung, als unveränderlich verstand. Dennoch hat das Konzept, Menschen durch eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu optimieren, bis in das 20. Jahrhundert sozialreformerische Eingriffe in Gesellschaften, aber auch in das Leben einzelner Menschen begründet.[58]

Schon im späten 19. Jahrhundert war die Eugenik damit politisch polyvalent. Nicht nur rechtskonservative Politiker und Intellektuelle, sondern auch Sozialisten und Liberale schlugen Konzepte zur Verbesserung der Erbanlagen vor. Diese waren allerdings nicht rassistisch grundiert, sondern zielten auf gesellschaftliche Veränderung, um die individuellen Erbanlagen zu verbessern und damit auch die Leistungsfähigkeit des gesamten Volks zu erhöhen.[59]

Die Ambivalenz dieser Konzepte zur Hervorbringung des Neuen Menschen zeigt die Debatte über die „National Efficiency” in England um 1900. Hier hatten drei aufeinanderfolgende Niederlagen in der ersten Phase des Burenkriegs, die bedrohlich erscheinende deutsche Flottenrüstung und Invasionsszenarien, die besonders in der populären Literatur verbreitet wurden, eine akute „Niedergangsangst” ausgelöst. Nur eine Steigerung der „National Efficiency” schien den Abstieg Großbritanniens und den Zerfall des Empire verhindern zu können.[60] Angesichts der zunehmenden Fortschrittsskepsis und der Herausbildung einer rassistischen Legitimationsgrundlage des britischen Imperialismus im späten 19. Jahrhundert steigerten sich die Zweifel an der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit der Briten nach dem Burenkrieg zu einer Hysterie, die 1902 die Bildung eines Inter-Departmental Committee on Physical Deterioration herbeiführte. Der im August 1904 veröffentlichte Abschlussbericht der Kommission empfahl regelmäßige medizinische Untersuchungen und verschiedene, staatlich initiierte und gesteuerte Sozialreformen. Demgegenüber verlangte die 1907 gegründete Eugenics Education Society staatliche Eingriffe in das Erbgut, um letztlich leistungsfähigere Menschen herauszubilden. Sozialpolitische Maßnahmen sollten ausschließlich auf den Grundsätzen der Eugenik basieren, die gleichermaßen auf Förderung und Ausmerze zielten. Diese Forderung schien im Juli 1908 der Abschlussbericht der Royal Commission on Care and Control of the Feebleminded zu bestätigen. Das Gremium hatte eine Zunahme der Zahl psychisch Gestörter festgestellt, die in gesonderten Heimen untergebracht und damit an der Fortpflanzung gehindert werden sollten. Insgesamt verweist die Debatte über „National Efficiency” in Großbritannien um 1900 damit auf die Virulenz und politischen Wirkungen von Leitbildern des Neuen Menschen in Demokratien.[61] Eugenisch gefärbte [[Crisis|Krisendiagnosen] begründeten eine gesellschaftliche Reformpolitik ebenso wie die illiberale und antiparlamentarische Programmatik innenpolitischen und imperialen Zusammenschlusses.[62]

Auch in Schweden lösten radikale Krisendiagnosen eine Erneuerungsideologie aus, die im Rahmen eines „enabling welfare state” konkrete politische Eingriffe herbeiführte.[63] Die neue Dynamik der sich herausbildenden Industriegesellschaft schien um 1900 die Gemeinschaft, die der nationalistisch-konservative Politiker Rudolf Kjellén im frühen 20. Jahrhundert mit dem Begriff „Volksheim” (Folkhemmet) idealisierte, zu unterminieren. Deshalb sollten staatliche Eingriffe durch Fachleute die soziale Entwicklung steuern. Expertenkult, Planung und das Leitbild der Ordnung konstituierten in Schweden nach dem Ersten Weltkrieg schließlich ein Social Engineering, das in der Weltwirtschaftskrise zum Modell erhoben wurde. Es umfasste zwar besonders eine umfassende Sozialpolitik, um die Auswirkungen der wirtschaftlichen Krisen einzudämmen, schloss aber auch Konzepte der (Selbst-)Konditionierung des Menschen ein. So gründete Herman Lundborg 1921 in Uppsala das weltweit erste Institut für Rassenbiologie, und in den 1920er-Jahren drang die Sozialhygiene in alle Lebensbereiche ein. Ebenso wie in Dänemark, Norwegen und Finnland mündete die Furcht, dass in der Industriegesellschaft der Prozess der „natürlichen Auslese” außer Kraft gesetzt worden sei und sich „minderwertige” Menschen deshalb überproportional vermehren und ihre Defekte vererben würden, schließlich in die Legalisierung der Zwangssterilisation. Von 1935 bis 1975 wurden in Schweden daraufhin mehr als 60.000 Personen sterilisiert, davon etwa 20.000 gegen ihren Willen.[64]

Ebenso trafen eugenische Konzepte in anderen europäischen Demokratien wie in Großbritannien auch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg auf beträchtliche Unterstützung. Allerdings war die Politik hier überwiegend sozialreformerisch orientiert. Dennoch wurde im Vereinigten Königreich 1935 eine Voluntary Euthanasia Legislation Society gegründet, die eine Kampagne für den freiwilligen „Gnadentod” initiierte. Der Evolutionsbiologie Julian Huxley (1887-1975) unterstützte eine Sterilisierung, wenn die Betroffenen zustimmten, denn er verstand die Eugenik als „evolutionären Humanismus”. Der Neue Mensch sollte sich rational verhalten und zur Gestaltung der modernen Gesellschaft auch technische Innovationen nutzen, wie der schwedische Literaturkritiker Fredrik Böök – ein Sympathisant des „Dritten Reiches” – anhand seiner Überlegungen zu einer rationalen Stadtplanung ausführte. Deutsche Vorbilder beeinflussten auch den freiwilligen Arbeitsdienst, der den Neuen Menschen im Rahmen der skandinavischen Demokratie formen sollte. Er sollte ein „gesunder, kollektiver Mitbürger” sein, „der sich auf subjektiv harmonische und objektiv optimale Weise dem sozialen Leben der Gesellschaft einzupassen vermochte”.[65]

Allerdings war der nationalsozialistische Reichsarbeitsdienst nur für die schwedischen Faschisten ein Vorbild. Demgegenüber lehnten die Demokraten, die sich auf die Beschäftigungspolitik der Regierungen in der späten Weimarer Republik beriefen, eine Arbeitspflicht ab. Dies gilt auch für das Civil Conservation Corps, das der neue amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 gründete, um junge Amerikanerinnen und Amerikaner zu ertüchtigen und damit die physischen und psychischen Folgen der Weltwirtschaftskrise zu beseitigen. Eine Optimierung des Menschen strebte vor dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt der britische Premierminister Neville Chamberlain an, der mit seiner National Fitness Campaign ab 1937 die Kriegsvorbereitungen verstärken wollte und zugleich anhaltende Niedergangsängste im Vereinigten Königreich aufnahm. Beeindruckt von der physischen Stärke der deutschen Sportler bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936, propagierte er das Leitbild eines ertüchtigten Menschen, der fähig sein sollte, die parlamentarische Demokratie Großbritanniens auch in einem Krieg zu verteidigen.[66]

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten Modernisierungsutopien und Reformbewegungen in vielen westlichen Demokratien von den späten fünfziger bis zu den frühen 1970er-Jahren einen erheblichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss. So vollzog sich in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Zeit eine „Neujustierung der Gesellschaft”, die sich im Aufstieg von Protestbewegungen niederschlug.[67] Die Wandlungsprozesse verdichteten sich von 1967 bis 1969 und zielten nicht nur auf grundlegende politische und soziale Reformen, sondern auch auf die Befreiung des Menschen aus Unmündigkeit, von autoritären Mentalitäten und illiberalen Strukturen. Erstmals forderten auch Frauen spezifische Rechte, so in Westdeutschland in der Debatte über die Abtreibung (nach Paragraph 218 des Strafgesetzbuchs). Das neue Menschenbild wirkte sich identitätsstiftend und generationsbildend aus. Dazu trugen Praktiken wie neue Wohnformen („Kommune”), eine legere Kleidung und Haartracht maßgeblich. bei. Obwohl Ideale des Neuen Menschen in der gesellschaftlichen Diskussion zurücktraten, als die Reform- und Modernisierungseuphorie mit dem Ende der Hochkonjunktur 1973/74 in Westeuropa und in den USA abbrach, blieben in westlichen Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland und Italien bis zu den 1980er-Jahren alternative Lebensformen in Milieus attraktiv, die sich gegen die Atomkraft richteten, auf gesellschaftliche Probleme wie die Belastung der natürlichen Umwelt hinwiesen und für die Erhaltung des Friedens eintraten. Damit ging im Allgemeinen eine Kritik des „Kapitalismus” und US-amerikanischen „Imperialismus” einher.[68]

In den 1980er- und 1990er-Jahren verlagerte sich die Debatte in die Wissenschaft, wo die biotechnologische Entwicklung neue Chancen eröffnete, aber auch Risiken schuf. Wiederholt wurde auch in öffentlich-politischen Auseinandersetzungen über Möglichkeiten einer gezielten „Züchtung” Neuer Menschen gestritten. So löste die Geburt des Schafes „Dolly” 1996 eine heftige Auseinandersetzung über die Reproduktionsmedizin aus. Eingriffe in das Erbgut der menschlichen Keimzellen zur biologischen Verbesserung des Menschen sind überaus umstritten geblieben. Auch über die ethnische Bewertung biomedizinischer und biotechnologischer Interventionen zum Zweck des Human Enhancement, mit denen natürliche Grenzen menschlichen Lebens überwunden werden sollen, hat sich bislang kein Konsens gebildet. Noch deutlichere Einwände sind bis zur Gegenwart gegen die „negative” Eugenik erhoben worden, besonders in Deutschland, wo das Problemfeld wegen der Zwangssterilisierungen und der Ermordung von Behinderten im Nationalsozialismus weitestgehend tabuisiert ist.[69]

In den letzten Jahren ist demgegenüber vor allem der Druck zur Selbstoptimierung kritisch diskutiert worden. So hat Ulrich Bröckling mit dem Konzept des „unternehmerischen Selbst” – das an Michel Foucaults theoretische Überlegungen zur „Gouvernementalität” anknüpft – auf eine neoliberale Politik verwiesen, die Menschen mit Programmen und Praktiken auf marktorientiertes Handeln ausrichte. Nach Bröckling sollen sie damit für eine eigenständige und aktive Beteiligung am globalen Wettbewerb konditioniert und dem Zwang permanenten ökonomischen Wachstums unterworfen werden. Insgesamt hat sich die Debatte in demokratischen Staaten in den letzten Jahrzehnten damit auf Selbstkonditionierung und biomedizinische Reproduktionstechniken konzentriert. Darüber hinaus sind Schreckbilder des konditionierten Neuen Menschen im Zusammenhang mit Verfahren der Informationskontrolle diskutiert worden, so 1983/84 in der Bundesrepublik über die Volkszählung und dem diesbezüglichen Urteil des Bundesverfassungsgerichts über „informationelle Selbstbestimmung” vom 15. Dezember 1983. Jüngst ist auch George Orwells 1949 veröffentlichter dystopischer Roman „1984” in der Kontroverse über Möglichkeiten der Meinungslenkung und Beeinflussung des Menschen durch „alternative Fakten” erneut zu einem wichtigen Referenzwerk geworden.[70]


Der Neue Mensch in der Geschichtsschreibung: Tendenzen der Forschung und Ausblick

Die historische Forschung zum Neuen Menschen hat sich erstens lange auf die neuen, auf Massenmobilisierung und plebiszitäre Akklamation abzielenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts konzentriert. Dazu sind überdies oft nur einzelne Politikfelder untersucht worden, vor allem die Erziehung der Jugend. Demgegenüber sind gerade in der neueren Geschichtsschreibung die unterschiedlichen Politikfelder, der jeweils spezifische Stellenwert und die beträchtliche Spannbreite herausgearbeitet worden, die Leitbilder des Neuen Menschen in unterschiedlichen politisch-institutionellen, sozialen und kulturellen Kontexten und Konstellationen aufwiesen. Unstreitig lösten Utopien des Neuen Menschen vor allem in modernen Diktaturen jeweils weitreichende Eingriffe aus, die sich keineswegs ausschließlich auf das Erziehungswesen bezogen, sondern auch Probleme gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgriffen. So haben neuere Arbeiten zum Umgang mit Kriminalität im Nationalsozialismus belegt, wie die Machthaber des „Dritten Reichs” die Verbrechensbekämpfung nutzten, um ihre Utopie des selbstlosen, in die „Volksgemeinschaft” integrierten Neuen Menschen zu propagieren und durchzusetzen.[71]

Dabei sind Vorstellungen menschlicher Konditionierung aufgegriffen worden, die zuvor in der Weimarer Republik erprobt und angewendet worden waren. Umgekehrt haben Politiker und Experten in der Bundesrepublik beispielsweise in der Jugendfürsorge repressive Erziehungskonzepte prolongiert, die in der NS-Diktatur radikalisiert worden waren. Diese Einsicht verweist zweitens nicht nur auf die Wirksamkeit von Utopien und Maßnahmen zur Beseitigung abweichenden Verhaltens und der Einpassung von Individuen in die jeweilige politische und gesellschaftliche Ordnung über Systembrüche hinweg. Vielmehr heben Befunde der Geschichtsschreibung seit den 1990er-Jahren auch auf die Virulenz von Vorstellungen des Neuen Menschen in Demokratien ab. Besonders Studien zu Formen des Social Engineering haben belegt, dass Sozialtechnologien zur Verbesserung des Menschen und seiner Lebensbedingungen auch in Demokratien vor allem im 20. Jahrhundert wiederholt die Programmatik von Parteien und die Regierungspolitik beeinflusst haben. Von der Eugenik in Schweden, der ebenfalls von der NS-Rassenideologie beeinflussten Vererbungsforschung in der Schweiz über Konzepte zur rationalen Gestaltung von Arbeitsabläufen in US-amerikanischen Küchen und der Stadtplanung bis hin zur Diskussion über Piktogramme und andere Medien, mit denen Menschen Sprachbarrieren überwinden konnten – die Spannbreite der Maßnahmen war erheblich. Dabei griffen Konzepte des Social Engineering jeweils tief in das Alltagsleben von Menschen ein.[72] Die kurz-, mittel- und langfristigen Wirkungen dieser Gestaltungs- und Konstruktionspolitik sind in der Historiografie aber unterbelichtet geblieben. Sie sind intensiver zu erforschen und zu bestimmen, auch mit Hilfe von Plausibilitätsannahmen.

Allerdings sind drittens die dafür notwendigen historisch-komparativen und beziehungs- oder verflechtungsgeschichtlichen Studien selten geblieben. Publikationen haben sich vor allem auf den Vergleich zwischen den Konzeptionen des Neuen Menschen und der darauf gründenden Politik in der stalinistischen Sowjetunion und im „Dritten Reich” konzentriert. Daneben sind auch einzelne kommunistische Regimes wie die Diktatur der SED in der DDR untersucht worden.[73] Demgegenüber fehlen komparative Analysen zu Erziehungsprojekten und Sozialtechnologien, die in Demokratien auf die Formung und Konditionierung von Menschen gezielt haben. Darüber hinaus ist die Geschichte des grenzüberschreitenden Ideentransfers zum Neuen Menschen, des Austausches von Erziehungspraktiken und der (selektiven) Übernahme von Leitbildern aus anderen Staaten oder sogar politischen Systemen ein Desiderat der Forschung.

Zugleich ist viertens deutlich geworden, dass die Erneuerungsvisionen keineswegs ausschließlich auf Repression, Zwang und Indoktrination basierten, sondern auch von der – zum Teil sogar enthusiastischen – Mitwirkung großer Bevölkerungsgruppen getragen wurden. So bildeten die Initiativen und Maßnahmen, die mit dem Ziel der Befreiung aus Unmündigkeit begründet wurden, in kommunistischen Regimes die Grundlage einer „partizipatorischen Diktatur”, in der Persönlichkeiten in „Massen” und in einer umfassenden sozialen Integration aufgehen sollten.[74] Als politisches Projekt basierte der Neue Mensch auf von den Machthabern definierten Identitätszuschreibungen, welche aber in den Gesellschaften nur teilweise verwurzelt werden konnten. Das Verhältnis von Partizipation, Propaganda, Konditionierung und Repression ist in der künftigen Geschichtsschreibung aber schärfer zu konturieren. Dazu sind vergleichende Studien zu unterschiedlichen politischen Systemen und gesellschaftlichen Ordnungen unabdingbar.

Damit verbunden, muss fünftens in methodologischer und theoretischer Hinsicht betont werden, dass sich historische Forschungen zu Utopien lange auf eine geistesgeschichtliche Rekonstruktion und die Untersuchung programmatischer Stellungnahmen beschränkt haben. Erst mit der kulturgeschichtlichen und praxeologischen „Wende” in den Kulturwissenschaften sind auch konkrete politische und gesellschaftliche Handlungspraktiken in der Historiografie analysiert worden. Die Utopie des Neuen Menschen war ein Angebot der Sinnstiftung, das unterschiedliche Aneignungen zuließ. So konnten Akteure durchaus eigene Ziele verfolgen, die nicht durchweg den Absichten der Machthaber entsprachen. Rituale, die den Neuen Mensch repräsentierten und propagierten, sind daher auch „transformative Akte”, die nicht einfach den Status quo abbilden. Historische Studien zu Utopien des Neuen Menschen sollten diese Formen der – oft medial vermittelten – Performanz deshalb ernst nehmen und einbeziehen.[75]

Insgesamt haben neuere Studien gezeigt, dass die Vision des Neuen Menschen im 20. Jahrhundert ambivalent und oft unscharf blieb. Auch wegen der politischen Polyvalenz war die Utopie vielfach anschluss- und anpassungsfähig. In Demokratien und Diktaturen konnte sie von unterschiedlichen Akteuren für jeweils spezifische Ziele in Anspruch genommen und genutzt werden. In den modernen Mobilisierungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts nahm das Leitbild des Neuen Menschen totalitäre Züge an, indem es auf eine weitgehende Steuerung und Konditionierung der Bürger/innen zielte. Wie auch die vergleichende Darstellung in diesem Beitrag gezeigt hat, waren die Erneuerungs- und Erziehungskonzepte, die das Leitbild hervorbringen sollten, aber ebenso unterschiedlich ausgeprägt wie die daraus resultierenden politischen Eingriffe. Während im nationalsozialistischen Deutschland der völkische Antisemitismus und Rassismus den „nordisch-germanischen” Menschen kultivierte, zielten die Propaganda und Politik in der Diktatur Mussolinis deutlicher auf zivilisatorische Überlegenheit, ohne dass rassistische Komponenten in dem faschistischen Regime fehlten. Damit war die anthropologische Revolution freilich auch im faschistischen Italien ein „permanentes Experiment”, mit dem eine „grundlegende und radikale Transformation der Überzeugungen, der Mentalitäten und des Verhaltens der Italiener” erreicht werden sollte. Das Leitbild der „sozialistischen Persönlichkeit” war inhaltlich zwar anders ausgerichtet, da es auf die Formierung von „Kollektiven” auf dem Weg in die kommunistische Zukunftsgesellschaft zielte. Es sollte aber gleichfalls umfassende Herrschafts-, Steuerungs- und Kontrollansprüche gegenüber den einzelnen Menschen begründen.[76]

Das Ideal des Neuen Menschen blieb keine Chimäre, sondern begründete Handlungen und politische Maßnahmen, die oft tief in Gesellschaften und das Alltagsleben der einzelnen Menschen eingriffen. Das Leitbild beeinflusste auch in Demokratien die Bevölkerungs-, Erziehungs- und Sozialpolitik. Zudem brachte es Konzeptionen rationaler Lebensgestaltung hervor, besonders im Rahmen eines umfassenderen Social Engineering. Hier traf es aber durchweg auch auf Kritik. In den Mobilisierungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts nutzten Machthaber eine Kombination aus Belohnung und Zwang, um die von ihnen betriebene Zurichtung der Menschen auf die Regime durchzusetzen. Dabei trafen sie aber auch auf Grenzen. So griffen einzelne Bevölkerungsgruppen das offiziell propagierte Menschenbild vielfach auf, um damit eigennützig ihre Vorstellungen vom „guten” Zusammenleben zu definieren und danach zu handeln. [77]



Empfohlene Literatur zum Thema

Zitation

Arnd Bauerkämper, Der Neue Mensch, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 4.7.2017, URL: http://docupedia.de/zg/Bauerkaemper_neue_mensch_v1_de_2017?oldid=125522

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  1. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, Frankfurt a.M. 22011, S. 62.
  2. Emma Widdis, Alexander Medvedkin, London 2004.
  3. Bei der Bezeichnung gemischter Personengruppen wird zugunsten eines besseren Leseflusses das generische Maskulinum verwendet. Für ihre editorische Hilfe bei der Vorbereitung dieses Beitrags danke ich Franziska Bolz.
  4. Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Eine Untersuchung zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, München ²1994, online unter http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00043393_00001.html; ders., Der alte Traum vom Neuen Menschen. Ideengeschichtliche Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 37-38/2016, S. 4-9, hier S. 4-6, online unter http://www.bpb.de/apuz/233460/der-alte-traum-vom-neuen-menschen-ideengeschichtliche-perspektiven?p=all.
  5. Vgl. Lutz Raphael, Ordnungsmuster der „Hochmoderne“? Die Theorie der Moderne und die Geschichte der europäischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert, in: Ute Schneider/Lutz Raphael (Hrsg.), Dimensionen der Moderne. Festschrift für Christof Dipper, Frankfurt a.M. 2008, S. 73-91, bes. S. 82, 86; Ulrich Herbert, Europe in High Modernity. Reflections on a Theory of the 20th Century, in: Journal of Modern European History 5 (2007), H. 1, S. 5-21; Detlev J.K. Peukert, Das Janusgesicht der Moderne, in: ders., Max Webers Diagnose der Moderne, Göttingen 1989, S. 55-69, 132f., bes. S. 57, 64, 66, 68f., online unter http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051614_00001.html?leftTab=vector.
  6. Jörg Fisch, Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850-1914, Stuttgart 2002, S. 318f.
  7. Michael Makropoulos, Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne, in: Archives Européennes de Sociologie 45 (2004), Nr. 3, S. 369-399. Vgl. auch Cornel Zwierlein/Rüdiger Graf, The Production of Human Security in Premodern and Contemporary History, in: Historical Social Research 35 (2010), H. 4, S. 7-21, hier S. 16, online unter http://www.anthro.uni-goettingen.de/gk/download/HSR_35_4_komplett.pdf. Zur konzeptionellen Grundlage: Reinhart Koselleck, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont – zwei historische Kategorien, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1979, S. 349-375, bes. S. 358f., 364, 366f., 369, 372. Vgl. auch Reinhart Koselleck, Art. „Geschichte, Historie“, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart 31992, S. 593-717, hier. S. 657, 678, 686; ders., Stetigkeit und Wandel aller Zeitgeschichten. Begriffsgeschichtliche Anmerkungen, in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a.M. 2000, S. 246-264, hier S. 255-257.
  8. Insofern ist das Social Engineering als komplexer und ambivalenter Prozess, der Planung auf der Grundlage von Expertenwissen ebenso einbezog wie Gestaltungsutopien, „ein Versuch, die Folgen der Moderne zu bewältigen, der spezifische Versuch, die sozialen Beziehungen zu restabilisieren, um die vermeintliche Desintegration der Gesellschaft abzuwenden“. So Thomas Etzemüller, Auf den Spuren einer gesellschaftspolitisch problematischen Formation: social enginering 1920-1960, in: Martin Sabrow (Hrsg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2008, S. 39-47, hier S. 40 (kursiv im Original). Vgl. auch Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), H. 2, S. 165-193.
  9. Arnd Bauerkämper, Die Utopie des neuen Menschen und die Herrschaftspraxis in modernen Diktaturen. Persönlichkeitsformung im NS- und SED-Regime, in: Klaus Geus (Hrsg.), Utopien, Zukunftsvorstellungen, Gedankenexperimente. Literarische Konzepte von einer „anderen“ Welt im abendländischen Denken von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt a.M. 2011, S. 203-227. Das Konzept der „modernen Diktatur“ rekurriert besonders auf Sigmund Neumanns 1942 publiziertes Werk „Permanent Revolution“. Vgl. Sigmund Neumann, Permanent Revolution. The Total State in a World At War, New York 1942. Dazu: Jürgen Kocka, Die DDR – eine moderne Diktatur? Überlegungen zur Begriffswahl, in: Michael Grüttner/Rüdiger Hachtmann/Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürup, Frankfurt a.M. 1999, S. 540-550, hier S. 541. Das Konzept der „modernen Diktatur“ weist deutliche Überschneidungen mit Totalitarismustheorien auf, ist aber in analytischer Hinsicht a priori offener für Ähnlichkeiten und Unterschiede. Dazu: Detlef Schmiechen-Ackermann, Diktaturen im Vergleich, Darmstadt 32010, S. 56-62 sowie Detlef Schmiechen-Ackermann, Diktaturenvergleich, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 09.05.2014, http://docupedia.de/zg/schmiechen_ackermann_diktaturenvergleich_v1_de_2014; Sigrid Meuschel, Totalitarismustheorie und moderne Diktaturen. Versuch einer Annäherung, in: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Totalitarismus. Sechs Vorträge über Gehalt und Reichweite eines klassischen Konzepts der Diktaturforschung, Dresden 1999, S. 61-77.
  10. Zum Ziel der Kontingenzreduktion die Überlegung in: Fernando Esposito, Faschismus und Moderne, in: Thomas Schlemmer/Hans Woller (Hrsg.), Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, München 2014, S. 45-57, hier S. 54-56. Zum Ansatz: Arnd Bauerkämper, The Twisted Road to Democracy as a Quest for Security: Germany in the Twentieth Century, in: German History 32 (2014), S. 431-455. Zur „Volksgemeinschaft“ im Einzelnen die Beiträge in: Frank Bajohr/MichaelWildt (Hrsg.), Volksgemeinschaft: Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2009.
  11. Jörg Fisch, Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850-1914, Stuttgart 2002, S. 318f. Vgl. auch Christof Dipper, Moderne, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.08.2010, http://docupedia.de/zg/dipper_moderne_v1_de_2010; Uwe Puschner, Krisenbewusstsein und Umbruchserfahrung im Augenblick der Jahrhundertwende, in: Michel Grunewald/Uwe Puschner (Hrsg.), Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich, Bern 2010, S. 525-536.
  12. Paul Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 395.
  13. Sabine A. Haring, Der neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 37-38/2016, S. 10-15, hier S. 10, online unter http://www.bpb.de/apuz/233462/der-neue-mensch-im-nationalsozialismus-und-sowjetkommunismus?p=all.
  14. Grundlegend: Francis Galton, Essays in Eugenics, London 1909. Überblick in: Hans-Walter Schmuhl, Sozialdarwinismus, Rassismus, Eugenik/Rassenhygiene, in: Philipp Sarasin/Marianne Sommer (Hrsg.), Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 366-375. Vgl. auch: R.J. Halliday, Social Darwinism: A Definition, in: Victorian Studies 14 (1970/71), S. 389-405.
  15. Zusammenfassend: Thomas Etzemüller, Social Engineering, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, http://docupedia.de/zg/etzemueller_social_engineering_v1_de_2010; ders., Die Romantik der Rationalität. Alva & Gunnar Myrdal. Social Engineering in Schweden, Bielefeld 2010, bes. S. 98; ders., Social engineering als Verhaltenslehre des kühlen Kopfes. Eine einleitende Skizze, in: ders. (Hrsg.), Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 11-39. Vgl. auch Timo Luks, Der Betrieb als Ort der Moderne. Zur Geschichte von Industriearbeit, Ordnungsdenken und Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2010; David Kuchenbuch, Geordnete Gemeinschaft. Architekten als Sozialingenieure – Deutschland und Schweden im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2010.
  16. Gunnar Broberg/Nils Roll-Hansen (Hrsg.), Eugenics and the Welfare State. Sterilization Policy in Denmark, Sweden, Norway, and Finland, Michigan 1996; Maria Sophia Quine, Population Politics in Twentieth-Century Europe. Fascist Dictatorships and Liberal Democracies, London 1996, bes. S. 129-150.
  17. Friedrich Balke, Politische Paranoia, Zäsur des Stillstands und die Soziologie der „totalen Mobilmachung“, in: Niels Werber/Stefan Kaufmann/Lars Koch (Hrsg.), Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart 2014, S. 143-163, bes. S. 151-156; Eva-Maria Stolberg, „For the Soul of Mankind“. Das Konzept des „Neuen Menschen“ in der Sowjetunion und den USA, in: Zeitschrift für Weltgeschichte 13 (2012), S. 161-185, hier S. 168, 173, 184.
  18. Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914-1945, München 2011, S. 186-230; Arnd Bauerkämper, Der „Große Krieg“ als Beginn: das Verhältnis zwischen traditionalen Ordnungskonzepten, Faschismus und Autoritarismus, in: Totalitarismus und Demokratie 12 (2015), S. 73-96.
  19. Daniela L. Caglioti, Why and How Italy Invented an Enemy Aliens Problem in the First World War, in: War in History 21 (2014), H. 2, S. 142-169, hier S. 156. Vgl. auch Gian Enrico Rusconi, Das Hasardspiel des Jahres 1915. Warum sich Italien für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg entschied, in: Johannes Hürter/Gian Enrico Rusconi (Hrsg.), Der Kriegseintritt Italiens im Mai 1915, München 2007, S. 13-52; William Brustein, The „Red Menace“ and the Rise of Italian Fascism, in: American Sociological Review 56 (1991), S. 652-664.
  20. Francesco Cassata, Building the New Man. Eugenics, Racial Science and Genetics in Twentieth-Century Italy, Budapest 2011, S. 20, 43; Emilio Gentile, Der „neue Mensch” des Faschismus. Reflexionen über ein totalitäres Experiment, in: Schlemmer/Woller (Hrsg.), Faschismus, S. 89-116, hier S. 93; Roger Griffin, Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler, Basingstoke 2007, S. 215f.
  21. Tracy H. Koon, Believe, Obey, Fight. Political Socialization of Youth in Fascist Italy, 1922-1943, Chapel Hill 1985, bes. S. 217-252; David D. Roberts, Myth, Style, Substance and the Totalitarian Dynamic in Fascist Italy, in: Contemporary European History 16 (2009), S. 1-36, hier S. 12.
  22. Dazu im Einzelnen: Claudio Fogu, The Fascist Stylisation of Time, in: Journal of Modern European History 13 (2015), Nr. 1, S. 98-114. Vgl. auch Jorge Dagnino, The Myth of the New Man in Italian Fascist Ideology, in: Fascism. Journal of Comparative Fascist Studies 5 (2016), S. 130-148, hier S. 130, 140-145; René Moehrle, Die Institutionalisierung der faschistischen „Rassen-“ und Bevölkerungspolitik und der Beitrag italienischer Akademiker, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 29-49, hier S. 34-37; Victoria de Grazia, Die Radikalisierung der Bevölkerungspolitik im faschistischen Italien: Mussolinis „Rassenstaat“, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 219-254, hier S. 220, 234-241; Alessandra Tarquini, The Anti-Gentilians during the Fascist Regime, in: Journal of Contemporary History 40 (2005), S. 637-662, hier S. 638; Bruno Wanrooij, Italian Society under Fascism, in: Adrian Lyttelton (Hrsg.), Liberal and Fascist Italy 1900-1945, Oxford 2002, S. 175-195, hier S. 177; Salvatore Garau, Fascism and Ideology. Italy, Britain, and Norway, New York 2015, S, 120; Cassata, New Man, S. 78-86.
  23. Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biographie, München 2016, S. 77-79; Richard J.B. Bosworth, Mussolini, London 2002, S. 271-173; René Möhrle, Die Institutionalisierung der faschistischen „Rassen-“ und Bevölkerungspolitik und der Beitrag italienischer Akademiker, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 29-49, hier: S. 35 f., 38; Gentile, Der „neue Mensch“, S. 97; Cassata, New Man, S. 118, 383-384.
  24. Martin Hanni, Asmara, Afrikas heimliche Stadt der klassischen Moderne, in: Geschichte und Region / Storia e regione 17 (2008), H. 1, S. 195-199, online unter https://storiaeregione.eu/attachment/get/up_204_14688416388466.pdf; MacGregor Knox, Fascism: Ideology, Foreign Policy, and War, in: Lyttelton (Hrsg.), Liberal and Fascist Italy, S. 105-138, hier S. 119. Zum transnationalen Kontext: Arnd Bauerkämper/Grzegorz Rossoliński-Liebe, Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe, 1918-1945, in: dies. (Hrsg.), Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, New York 2017, S. 1-38.
  25. Zit. nach: Wolfgang Schieder, Faschismus als Vergangenheit. Streit der Historiker in Italien und Deutschland, in: Walter H. Pehle (Hrsg.), Der historische Ort des Nationalsozialismus. Annäherungen, Frankfurt a.M. 1990, S. 135-154, 174-176, hier S. 152f.; Gabriele Schneider, Mussolini in Afrika. Die faschistische Rassenpolitik in den italienischen Kolonien 1936-1941, Köln 2000, S. 270. Vgl. auch Möhrle, Institutionalisierung, S. 40-47. Zum Antislawismus: Brunello Mantelli, Die Italiener auf dem Balkan 1941-1943, in: Christof Dipper/Lutz Klinkhammer/Alexander Nützenadel (Hrsg.), Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder, Berlin 2000, S. 57-74, hier S. 72; Davide Rodogno, Fascism’s European Empire. Italian Occupation during the Second World War, Cambridge 2006, S. 194, 201, 258-267, 413; Glenda Sluga, Italian National Memory, National Identity and Fascism, in: Richard J. Bosworth/Patrizia Dogliani (Hrsg.), Italian Fascism. History, Memory and Representation, London 1999, S. 178-194, hier S. 178, 185, 189.
  26. Thomas Schlemmer/Hans Woller, Der italienische Faschismus und die Juden 1922 bis 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 165-201, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf. Demgegenüber: Paul Baxa, Capturing the Fascist Moment: Hitler’s Visit to Italy in 1938 and the Radicalization of Fascist Italy, in: Journal of Contemporary History 42 (2007), S. 227-242, hier S. 228, 240. Vgl. auch Arnd Bauerkämper, Die Inszenierung transnationaler faschistischer Politik. Der Staatsbesuch Hitlers in Italien im Mai 1938, in: Stefan Vogt u.a. (Hrsg.), Ideengeschichte als politische Aufklärung. Festschrift für Wolfgang Wippermann zum 65. Geburtstag, Berlin 2010, S. 129-153.
  27. Valeria Galimi, The „New Racist Man”. Italian Society and the Fascist Anti-Jewish Laws, in: Giulia Albanese/Roberta Pergher (Hrsg.), In the Society of Fascists. Acclamation, Acquiescence, and Agency in Mussolini’s Italy, New York 2012, S. 149-168; Davide Rodogno, Fascism and War, in: Richard J.B. Bosworth (Hrsg.), The Oxford Handbook of Fascism, New York 2009, S. 239-258, hier S. 240, 244f.; Alexander De Grand, Mussolini’s Follies: Fascism in Its Imperial and Racist Phase, 1935-1940, in: Contemporary European History 13 (2004), S. 127-147, hier S. 143, 147; de Grazia, Die Radikalisierung, S. 245-248. Zit. nach: Brunello Mantelli, Im Reich der Unsicherheit? Italienische Archive und die Erforschung des Faschismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 601-614, hier S. 609, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_4_4_mantelli.pdf.
  28. Alessio Ponzio, Shaping the New Man. Youth Training Regimes in Fascist Italy and Nazi Germany, Madison 2015, S. 118-137, 198; Anna Lena Kocks, Organizing Leisure: Extension of Propaganda into New Realms by the Italian and British Fascist Movements, in: Bauerkämper/Rossoliński-Liebe (Hrsg.), Fascism without Borders, S. 94-118.
  29. Mabel Berezin, Making the Fascist Self. The Political Culture of Interwar Italy, Ithaca 1997, S. 196-244; dies., The Festival State: Celebration and Commemoration in Fascist Italy, in: Journal of Modern European History 4 (2006), S. 60-74, hier S. 63; Gerald Parsons, Fascism and Catholicism: A Case Study of the Sacrario dei Curati Fascist in the Crypt of San Domenico, Siena, in: Journal of Contemporary History 42 (2007), S. 469-484; Lutz Klinkhammer, Mussolinis Italien zwischen Staat, Kirche und Religion, in: Klaus Hildebrand (Hrsg.), Zwischen Politik und Religion. Studien zur Entstehung, Existenz und Wirkung des Totalitarismus, München 2003, S. 73-90; Maria Sophia Quine, Italy’s Social Revolution: Charity and Welfare from Liberalism to Fascism, Houndmills 2002, S. 297-302; de Grazia, Radikalisierung, S. 240f. Zu den quasi-religiösen Elementen: Emilio Gentile, The Sacralization of Politics in Fascist Italy, Cambridge/Mass. 1996, S. 153-159; ders., Fascism as Political Religion, in: Journal of Contemporary History 25 (1990), S. 229-251, hier S. 230, 244, 248, online unter http://scafe.oucreate.com/VATS/wp-content/uploads/2016/06/Gentile-Fascism.pdf; Victoria De Grazia, How Fascism Ruled Women. Italy, 1922-1945, Berkeley 1992, S. 2, 6; Perry Wilson, Italy, in: Kevin Passmore (Hrsg.), Women, Gender and Fascism in Europe, 1919-45, Manchester 2003, S. 11-32.
  30. Koon, Believe, S. 251.
  31. Marla Stone, Staging Fascism: The Exhibition of the Fascist Revolution, in: Journal of Contemporary History 28 (1993), S. 215-243; Jeffrey T. Schnapp, Epic Demonstrations. Fascist Modernity and the 1932 Exhibition of the Fascist Revolution, in: Richard J. Golsan (Hrsg.), Fascism, Aesthetics, and Culture, Hannover/N.H. 1992, S. 1-37; Friedemann Scriba, Augustus im Schwarzhemd? Die Mostra Augustea della Romanitá in Rom 1937/38, Frankfurt a.M. 1995, bes. S. 383-397; Wolfgang Schieder, Rom – die Repräsentation der Antike im Faschismus, in: ders., Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland, Göttingen 2008, S. 125-146, 492f. Vgl. auch Konrad H. Jarausch, Out of Ashes. A New History of Europe in the Twentieth Century, Princeton 2015, S. 180; Fogu, Stylisation, S. 109.
  32. Ian Kershaw, To Hell and Back. Europe, 1914-1949, London 2015, S. 229.
  33. Simonetta Falasca-Zamponi, Fascist Spectacle. The Aesthetics of Power in Mussolini’s Italy, Berkeley 1997, bes. S. 90, 115, 118, 184, 188-191; Roberta Suzzi Valli, The Myth of Squadrismo in the Fascist Regime, in: Journal of Contemporary History 35 (2000), S. 131-150, hier S. 144; Sven Reichardt, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln 2002; Alexander Nützenadel, Faschismus als Revolution? Politische Sprache und revolutionärer Stil im Italien Mussolinis, in: Dipper/Klinkhammer/Nützenadel (Hrsg.), Sozialgeschichte, S. 21-40.
  34. Vgl. Hans-Walter Schmuhl, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890-1945, Göttingen 21992; Detlev Peukert, Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde: Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982. Zur NS-Ideologie immer noch einschlägig: Eberhard Jäckel, Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, Stuttgart 1981 (Neuausgabe). Zu Chamberlain: Geoffrey G. Field, Evangelist of Race. The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain, New York 1981, bes. S. 447-467, 514-518. Überblick in: Peter Fritzsche/Jochen Hellbeck, The New Man in Stalinist Russia and Nazi Germany, in: Michael Geyer/Sheila Fitzpatrick (Hrsg.), Beyond Totalitarianism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009, S. 302-341, hier S. 326f.
  35. Hans-Ulrich Thamer, Der Nationalsozialismus, Stuttgart 2002, S. 26-36, 44-57; Fritzsche/Hellbeck, New Man, S. 332-335. Kompakter Überblick in: Magnus Brechtken, Die nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939, Darmstadt 2004, S. 9-65.
  36. Zit. nach: Haring, Der neue Mensch, S. 12.
  37. Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, Stuttgart 1980. Vgl. auch Fritzsche/Hellbeck, New Man, S. 328f.
  38. Angaben nach: Michael H. Kater, Hitler-Jugend, Darmstadt 2005, S. 22.Zit. nach: Thamer, Nationalsozialismus, S. 266.
  39. Thamer, Nationalsozialismus, S. 274. Vgl. auch Haring, Der neue Mensch, S. 13.
  40. Arnd Bauerkämper, „Generation” als Selbstdeutung, Die Erinnerung an den Nationalsozialismus, in: Almut Hille/Huang Liaoyu/Benjamin Langer (Hrsg.), Generationenverhältnisse in Deutschland und China. Soziale Praxis – Kultur – Medien, Berlin 2016, S. 91-113, hier S. 92f.; Fritzsche/Hellbeck, New Man, S. 338f.; Kater, Hitler-Jugend, S. 183-210.
  41. Frithjof Benjamin Schenk, Russlands Aufbruch in die Moderne? Konzeptionelle Überlegungen zur Beschreibung historischen Wandels im Zarenreich im 19. Jahrhundert, in: Christof Dejung/Martin Lengwiler (Hrsg.), Ränder der Moderne. Neue Perspektiven auf die Europäische Geschichte (1800-1930), Köln 2016, S. 183-203.
  42. Dietmar Neutatz, Die Kulturrevolution. Erlösung vom Kapitalismus, in: Helmut Altrichter u.a. (Hrsg.), Revolutionäres Russland, Darmstadt 2016, S. 87-100, hier S. 87. Zusammenfassend: Fritzsche/Hellbeck, New Man, S. 305, 318, 322, 339.
  43. Hermann Weber (Hrsg.), Lenin. Aus den Schriften 1895-1923, München 21980, S. 123.
  44. Dietmar Neutatz, Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, München 2013, S. 175f.; ders., Kulturrevolution, S. 90f.; Lynne Attwood/Catriona Kelly, Programmes for Identity: the „New Man” and the „New Woman”, in: Catriona Kelly/David Shepherd (Hrsg.), Constructing Russian Culture in the Age of Revolution, 1881-1940, Oxford 1998, S. 256-290.
  45. Leo Trotzki, Denkzettel. Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution, hrsg. v. Isaak Deutscher, Frankfurt a.M. 1981, S. 371-373, zit. nach: Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S. 94f. Vgl. auch Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998, S. 125-134.
  46. Klaus Gestwa, Social und soul engineering unter Stalin und Chruschtschow, 1928-1964, in: Etzemüller (Hrsg.), Ordnung, S. 241-277, hier S. 242; Mark Grosset/Nicolas Werth, Die Ära Stalin. Leben in einer totalitären Gesellschaft, Stuttgart 2008, S. 86.
  47. Stefan Plaggenborg, Revolutionskultur. Menschenbilder und kulturelle Praxis in Sowjetrussland zwischen Oktoberrevolution und Stalinismus, Köln 1998; Arnd Bauerkämper, Stalinismus und Modernisierung, in: Historicum. Zeitschrift für Geschichte (Winter 2003/2004), S. 13-17; Neutatz, Kulturrevolution, S. 92-95; Haring, Der neue Mensch, S. 13.
  48. Jochen Hellbeck, Tagebuch aus Moskau 1931-1939, München 1996, S. 131. Daneben: Jochen Hellbeck, Fashioning the Stalinist Soul. The Diary of Stepan Podlubnyi, 1931-1939, in: Sheila Fitzpatrick (Hrsg.), Stalinism. New Directions, London 2000, S. 77-116; Tim Sparenberg, „Die Macht kommt von unten“. Der Grenzgang der „Neuen Menschen“ Stepan Podlubnyj und Sally Perel zwischen Opfer und Täter, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 57 (2009), S. 986-999. Zum Heldenkult in der Roten Armee und Leitbilder der sowjetischen Soldaten: Catherine Merridale, Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945, Frankfurt a.M. 2006, S. 52-57; Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Frankfurt a.M. 2014, bes. S. 61-75.
  49. Hellbeck, Tagebuch, S. 27.
  50. Oleg Chlewnjuk, Stalin. Eine Biographie, München 2015, S. 498.
  51. Zit. nach: Matthias Judt (Hrsg.), DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, Berlin 1998, S. 54f. Vgl. auch Maria Elisabeth Müller, Zwischen Ritual und Alltag. Der Traum von einer sozialistischen Persönlichkeit, Frankfurt a.M. 1997; Angela Brock, Producing the „Socialist Personality“? Socialisation, Education, and the Emergence of New Patterns of Behaviour, in: Mary Fulbrook (Hrsg.), Power and Society in the GDR, 1961-1979. The „Normalisation of Rule“?, New York 2009, S. 220-252, hier S. 223.
  52. Judt (Hrsg.), DDR-Geschichte, S. 188. Vgl. auch Brock, „Socialist Personality“, S. 223f.; Emmanuel Droit, Vorwärts zum neuen Menschen?. Die sozialistische Erziehung in der DDR 1949-1989, Köln 2014.
  53. Brock, „Socialist Personality“, S. 223f., 231-247.
  54. Hans-Andreas Schönfeldt, Vom Schiedsmann zur Schiedskommission. Normdurchsetzung durch territoriale gesellschaftliche Gerichte in der DDR, Frankfurt a.M. 2002, S. 1-9, 41-65; Paul Betts, Property, Peace and Honour: Neighbourhood Justice in Communist Berlin, in: Past and Present 201 (2008), S. 215-254.
  55. Vgl. Daniel Leese, Mao Cult. Rhetoric and Ritual in China’s Cultural Revolution, Cambridge 2011; ders., Die chinesische Kulturrevolution 1966-1976, München 2016, S. 24f.; Jung Chang/Jon Halliday, Mao. The Unknown Story, London 2006, S. 595. Dazu auch: Helwig Schmidt-Glintzer, Das neue China. Von den Opiumkriegen bis heute, München 32004, S. 228f.; ders., Kleine Geschichte Chinas, München 2008, S. 89f.
  56. Lewis L. Gould, America in the Progressive Era, 1890-1914, Harlow 2001.
  57. Michael Hochgeschwender, The Noblest Philosophy and Its Most Efficient Use: Zur Geschichte des social engineering in den USA, 1910-1965, in: Etzemüller (Hrsg.), Die Ordnung der Moderne, S. 171-197. Immer noch grundlegend: Charles S. Maier, Between Taylorism and Technocracy: European Ideologies and the Vision of Industrial Productivity in the 1920s, in: Journal of Contemporary History 5 (1970), H. 2, S. 27-61.
  58. Stephen Jay Gould, The Structure of Evolutionary Theory, Cambridge/Mass. 2002.
  59. Michael Schwartz, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890-1933, Bonn 1995.
  60. Grundlegend immer noch: Geoffrey R. Searle, The Quest for National Efficiency. A Study in British Politics and Political Thought. 1899-1914, Berkeley 1971. Übersicht in: Geoffrey R. Searle, The Politics of National Efficiency and of War, 1900-1918, in: Chris Wrigley (Hrsg.), A Companion to early Twentieth-Century Britain, New York 2003, S. 56-71; Arnd Bauerkämper, Sozialdarwinismus in Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg, in: Manfred Hettling/Claudia Huerkamp/Paul Nolte/Hans-Walter Schmuhl (Hrsg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen, München 1991, S. 198-206.
  61. Richard Soloway, Counting the Degenerates: The Statistics of Race Deterioration in Edwardian England, in: Journal of Contemporary History 17 (1982), S. 142-145; Geoffrey R. Searle, Eugenics and Politics in Britain 1900-1914, Leyden 1976; Wolfgang Mock, The Function of „Race” in Imperialist Ideologies: The Example of Joseph Chamberlain, in: Paul Kennedy/Anthony Nicholls (Hrsg.), Nationalist and Racialist Movements in Britain and Germany before 1914, London 1981, S. 190-195, 198-200; Artikel „National Deterioration”, in: John Ramsden (Hrsg.), The Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, Oxford 2002, S. 456; Michael Banton, A Racial Theory, Cambridge 1987, S. 54-60; Daniel J. Kevles, In the Name of Eugenics. Genetics and the Uses of Human Heredity, Harmondsworth 1986, S. 70-84; Greta Jones, Social Darwinism and English Thought. The Interaction between Biological and Social Theory, Brighton 1980, S. 54-60, 78-98, 140-159, 177; Karl H. Metz, „The Survival of the Unfittest”: Die sozialdarwinistische Interpretation der britischen Sozialpolitik vor 1914, in: Historische Zeitschrift 239 (1984), S. 566-570. Zur Spannbreite der politischen Implikationen: D.P. Crook, Darwinism – the Political Implications, in: History of European Ideas 2 (1981), S. 19-34.
  62. Michael Freeden, Eugenics and Progressive Thought: A Study in Ideological Affinity, in: Historical Journal 21 (1979), S. 645-671; ders., Eugenics and Ideology, in: Historical Journal 26 (1983), S. 959-962. Vgl. auch James D. Startt, Northcliffe the Imperialist: The Lesser-Known Years, 1902-1914, in: The Historian 51 (1988/1989), S. 19-41; Edward J.T. Brennan (Hrsg.), Education for National Efficiency: The Contribution of Sidney and Beatrice Webb, London 1975. Zum „Rainbow Circle”: Stephen Koss, The Rise and Fall of the Political Press in Britain, Bd. 1: The Nineteenth Century, London 1981, S. 374f.
  63. Jarausch, Out of Ashes, S. 632.
  64. Thomas Etzemüller, „Swedish Modern“. Alva und Gunnar Myrdal entwerfen eine Normalisierungsgesellschaft, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 18 (2009), S. 49-63, hier S. 54, online unter http://www.his-online.de/fileadmin/verlag/leseproben/978-3-93609-647-7_01.pdf; Etzemüller, Romantik, bes. S. 17-21, 83-86, 90, 93, 98-102; Kershaw, Hell, S. 20, 176f., 206.
  65. Ian Dowbiggin, „A Prey on Normal People”: C. Killick Millard and the Euthanasia Movement in Great Britain, 1930-55, in: Journal of Contemporary History 36 (2001), S. 59-85, bes. S. 61, 71; Paul Weindling, Julian Huxley and the Continuity of Eugenics in Twentieth-century Britain, in: Journal of Modern European History 10 (2012), S. 480-499, bes. S. 480f., 487, 490. Vgl. auch Norbert Götz/Kiran Klaus Patel, Facing the Fascist Model: Discourse and the Construction of Labour Services in the USA and Sweden in the 1930s and 1940s, in: Journal of Contemporary History 41 (2006), S. 53-73; Etzemüller, Romantik, bes. S. 17-21, 83-86, 90, 93, 98-102; Kershaw, Hell, S. 20, 176f., 206.
  66. Anna Maria Lemcke, „Proving the superiority of democracy”. Die „National Fitness Campaign“ der britischen Regierung (1937-1939) im transnationalen Zusammenhang, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), S. 543-570; Kiran Klaus Patel, „Soldaten der Arbeit“. Arbeitsdienste in Deutschland und den USA, 1933-1945, Göttingen 2003; ders., „All of This Helps Us in Planning”. Der New Deal und die NS-Sozialpolitik, in: Martin Aust/Daniel Schönpflug (Hrsg,), Vom Gegner lernen. Feindschaften und Kulturtransfers im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 2007, S. 234-252; Norbert Götz/Kiran Klaus Patel, Facing the Fascist Model: Discourse and the Construction of Labour Services in the USA and Sweden in the 1930s and 1940s, in: Journal of Contemporary History 41 (2006), S. 53-73. Zum Hintergrund. Verena Gutsche, „Niedergang“. Variationen und Funktionen eines kulturkritischen Diskurselements zwischen 1900 und 1930. Großbritannien und Deutschland im Vergleich, Würzburg 2015.
  67. Christina von Hodenberg/Detlef Siegfried, Reform und Revolte. 1968 und die langen sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: dies. (Hrsg.), Wo „1968“ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2006, S. 7-14, hier S. 12.
  68. Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft, Berlin 2014; Christina von Hodenberg, Politische Generationen und massenmediale Öffentlichkeit. Die „45er“ in der Bundesrepublik, in: Ulrike Jureit/Michael Wildt (Hrsg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 266-294; dies., Der Kampf der Redaktionen. „1968“ und der Wandel der westdeutschen Massenmedien, in: dies./Detlef Siegfried (Hrsg.), Wo „1968“ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2006, S. 139-163; Dirk A. Moses, The Forty-Fivers. A Generation between Fascism and Democracy, in: German Politics and Society 17 (1999), S. 94-126; Bauerkämper, „Generation”, S. 99.
  69. Sascha Dickel, Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 37-38/2016, S. 16-21, online unter http://www.bpb.de/apuz/233464/der-neue-mensch-ein-technikutopisches-upgrade-der-traum-vom-human-enhancement?p=all; Jan-Christoph Heilinger, Grenzen des Menschen. Zu einer Ethik des Enhancement, in: ebd., S. 22-26, online unter http://www.bpb.de/apuz/233466/grenzen-des-menschen-zu-einer-ethik-des-enhancement.
  70. George Orwell, Nineteen Eighty-Four, London 2008 (aktuelle Originalausgabe); Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a.M. 2007; Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bde., Frankfurt a.M. 2004. Überblick über die Diskussion: Stefanie Duttweiler, Nicht neu, aber bestmöglich. Alltägliche (Selbst)Optimierung in neoliberalen Gesellschaften, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 37-38/2016, S. 27-32, online unter http://www.bpb.de/apuz/233468/nicht-neu-aber-bestmoeglich-alltaegliche-selbstoptimierung-in-neoliberalen-gesellschaften?p=all.
  71. Patrick Wagner, Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminalpolizei und der Nationalsozialismus zwischen 1920 und 1960, München 2002; ders., Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburg 1996.
  72. Madeleine Herren, Internationale Organisationen seit 1865. Eine Globalgeschichte der internationalen Ordnung, Darmstadt 2009, S. 82-84; Pascal Germann, Laboratorien der Vererbung. Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz 1900-1970, Göttingen 2016; Etzemüller (Hrsg.), Ordnung; Kuchenbuch, Gemeinschaft; Luks, Betrieb.
  73. Fritzsche/Hellbeck, New Man; Bauerkämper, Utopie.
  74. „Partizipatorische Diktatur“ nach: Mary Fulbrook, Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008, S. 309.
  75. Achim Landwehr, Kulturgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 14.05.2013, http://docupedia.de/zg/Kulturgeschichte; Erika Fischer-Lichte, Performance, Inszenierung, Ritual. Zur Klärung kulturwissenschaftlicher Schlüsselbegriffe, in: Jürgen Martschukat/Steffen Patzold (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und „performative turn“. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln 2003, S. 33-54, hier S. 49. Zur methodologisch-theoretischen Grundlage auch: dies., Geschichtswissenschaft und „performative turn“. Eine Einführung in Fragestellungen, Konzepte und Literatur, in: ebd., S. 1-31.
  76. Gentile, Der „neue Mensch“, S. 98.
  77. Betts, Property, S. 239-254.