Geschichte der Zukunft
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 10.03.2023
https://docupedia.de/zg/seefried_zukunft_v1_de_2023
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2464
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 10.03.2023
https://docupedia.de/zg/seefried_zukunft_v1_de_2023
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2464
Die Zukunft hat sich zu einem wichtigen Gegenstandsbereich der Geschichtswissenschaft entwickelt.[1] Auf den ersten Blick mag diese Aussage paradox klingen: Befassen sich Historiker:innen nicht mit der Vergangenheit? Ihr Forschungsgegenstand ist indes im weiteren Sinne die vergangene Zeit, und eine ihrer Kernaufgaben ist die Periodisierung des Vergangenen. Insofern erkundet die Geschichtswissenschaft eben auch Zeitlichkeiten und Kopplungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.[2] In einem systematischen Sinne sind Zeit und Zukunft allerdings lange nicht in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt. Zeit galt vielfach als gegebener Rahmen für Strukturen und Ereignisse, und die vergangene Zukunft wurde nur von wenigen Historiker:innen zum Gegenstand erklärt.[3] Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Zahlreiche Konferenzen, Projekte und Bücher signalisieren eine boomende Geschichtsschreibung zur Zukunft. Diese befasst sich mit „Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung“,[4] sie betrachtet vergangene Zukunftsentwürfe in Gesellschaft und Popkultur ebenso wie Prognosen und die Praktiken der politischen Planung.
Dieser aktuelle Boom hat auch außerwissenschaftliche Gründe. Großprozesse wie die Digitalisierung und der Klimawandel wurden in den europäischen Gesellschaften zu zentralen langfristigen Herausforderungen, aus denen sich übergreifende, globale Zukunftskonzepte wie die „Nachhaltigkeit“ ableiten.[5] Gerade Schüler:innen und junge Erwachsene artikulieren vehemente Forderungen, in der Aushandlung politischer Entscheidungen die Interessen kommender Generationen verstärkt zu berücksichtigen, mittel- und langfristige Entwicklungen zu antizipieren und Zukunft anders und aktiv zu gestalten.[6] Die kulturelle Aktualität der Zukunft manifestiert sich zudem an neuen Institutionen wie dem im Jahr 2020 eröffneten „Futurium“ als Museum der Zukünfte in Berlin.[7]
Vor allem aber sind es methodische Wandlungsprozesse und neue Perspektiven in der Historiografie, die diesen Boom der Zukunft hervorriefen. Wie ändert sich unser Blick auf das 20. und 21. Jahrhundert, wenn wir sie durch die „Brille“ der Zukunft betrachten, und welchen Mehrwert an Erkenntnis liefert eine Geschichte der Zukunft? Dieser Beitrag skizziert die Forschungsgeschichte und Analysekategorien, methodischen Ansätze und Erkenntnispotenziale einer Erschließung des vergangenen Künftigen. Der Fokus liegt auf der deutschen, europäischen und amerikanischen Zeitgeschichte im globalen Rahmen.
Die Geschichtsschreibung zur Zukunft firmiert zum Teil auch als „historische Zukunftsforschung“.[8] Genauer besehen definiert der letztere Begriff allerdings eher die vergangene (interdisziplinäre) Zukunftsforschung, nicht die geschichtswissenschaftliche Erforschung von Zukünften. Deshalb wird hier der offenere Terminus Geschichte der Zukunft (oder der Zukünfte) benutzt.
Die Wurzeln der geschichtswissenschaftlichen Forschung zur Zukunft liegen in der Reflexion über historische Zeitlichkeit. Erste Studien zu einer Geschichte der Zeit lieferte etwa die französische Annales-Schule der 1930er- und 1940er-Jahre: Fernand Braudel unterschied zwischen Entwicklungen langer Dauer (longue durée), die er auch aus geografischen Prozessen ableitete, einer zyklischen Zeit, wie sie sich in Wirtschaftskonjunkturen spiegelte, und kurzfristigen Ereignissen.[9]
In den 1970er- und 1980er-Jahren entwarf der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck eine Theorie historischer Zeit, die enormen Einfluss bis in die Gegenwart entfaltet. Von einer historischen Semantik ausgehend, argumentierte Koselleck, dass Begriffe in ihrer chronologischen „Mehrschichtigkeit“ immer unterschiedliche Erfahrungsgehalte und damit Zeitschichten in sich aufgenommen hätten.[10] Eine Zäsur machte er vor allem in der europäischen „Sattelzeit“[11] um 1800 aus: Eschatologische Vorstellungen, die sich in der christlichen Erwartung des Jüngsten Gerichts manifestierten, seien mit der Aufklärung, dem Bedeutungsverlust des Religiösen und den politischen Revolutionen geschwunden. Deutungen des Kommenden folgten nicht mehr dem Bild eines quasi unveränderbaren Schicksals, sondern verzeitlichten sich – so auch Lucian Hölscher in einer Fortentwicklung von Kosellecks Thesen – in einer linear gedachten Anordnung. Neue Zeit-Begriffe wie „die Geschichte“ und „der Fortschritt“ entstanden, die Vorstellungen von menschlicher Entwicklung transportierten.[12] Zugleich hätten sich „Erfahrungsräume“ – definiert als „gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden können“ – und „Erwartungshorizonte“ – als vergegenwärtigte Zukunft – voneinander entfernt. So habe sich ein Raum für Vorstellungen einer offenen und gestaltbaren Zukunft geöffnet, welche wiederum menschliche Handlungen prägten.[13] Über die Kategorien Erfahrung und Erwartung erschloss Koselleck die Verknüpfung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Ungeachtet dieser Wurzeln verhalf erstens der cultural turn der 2000er-Jahre einer Konzeptionalisierung von Zeit und Zukunft zum Durchbruch. Dass die Zeit eine deutbare Kategorie in der Geschichte bildete, machten die memory studies zum Thema, welche die geschichtswissenschaftliche Kernkategorie der Erinnerung erhellten. Demnach schöpfen erinnerungskulturelle Formen der Aneignung und Deutung der Vergangenheit immer aus dem sozialen und kulturellen Bezugsrahmen des- bzw. derjenigen, der bzw. die erinnert. Erinnerung ist also vergegenwärtigte Vergangenheit.[14] Impulse lieferte auch die zeitphilosophische und soziologische Forschung, die unterstrich, dass Zeit als soziales Konstrukt bzw. als je verschiedene soziale Zeit von Individuen, Gruppen und Institutionen gelesen werden müsse.[15]
In kulturwissenschaftlichen Arbeiten wurde betont, dass sich Zeit nicht einfach vollziehe. Der französische Philosoph François Hartog entwarf die Kategorie der „Régimes d’historicité“, idealtypisch verstanden als je dominante Ordnungen der Zeit, in denen Zeiterfahrungen ausgedrückt, organisiert und mit Sinn versehen würden.[16] In neueren Studien hingegen, die einen temporal turn in der Geschichtswissenschaft signalisieren,[17] ist von der „Pluritemporalität“ der Geschichte die Rede: Es gebe parallel existierende Zeitwahrnehmungen und -deutungen, die sich schwerlich in bestimmte Phasen pressen ließen.[18] In der neueren Forschung gilt Zeit jedenfalls als historisch wandelbare, kulturell geformte und gedeutete Kategorie.[19]
Dies geht bis zur radikalkonstruktivistischen Lesart von Achim Landwehr, der Zeit gänzlich als soziales Konstrukt begreift: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien demnach nicht mehr zeitlich geordnet, sondern reine Projektionen von verschiedenen Gegenwarten, die von sozialen Gruppen imaginiert und mobilisiert werden.[20] Eine solche Deutung löst allerdings die temporale Staffelung auf, die Voraussetzung einer Erforschung von Zeitlichkeit ist. Unabhängig davon erscheint es zentral, die Verschränkungen vergangener Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte mitzudenken und Zukunft von der damaligen Gegenwart aus zu rekonstruieren: Jede vergangene Voraussage war in der damaligen Gegenwart angelegt, also in der damaligen gegenwärtigen Zukunft und nicht in der zukünftigen Gegenwart.[21]
Die zweite Triebkraft einer Historisierung der Zukunft liegt im Interesse für die vergangene Zukunftsforschung. In den 2010er-Jahren entstanden zu diesem Gegenstand mehrere größere Studien.[22] Zu dieser historiografischen Schwerpunktsetzung trug bei, dass die (interdisziplinäre) Zukunftsforschung im Zeichen der Debatten über Digitalisierung und Klimawandel in den letzten Jahren eine Renaissance erlebte, die sich in neuen Studiengängen manifestierte.[23] Die Geschichtswissenschaft erschloss die Zukunftsforschung (oder „Futurologie“) als ein transnationales Feld „des Reflektierens, der Vorausschau und der Gestaltung der Zukunft“, das einen wissenschaftlichen Kern besaß, aber weit darüber hinausreichte und die Akteure und Praxis sozialer Imagination einschloss.[24]
Der Begriff „Zukünfte“ entstammt der Zukunftsforschung: Er verweist dort seit den 1960er-Jahren darauf, dass die Zukunft offen sei und es alternative Wege von der Gegenwart ins Kommende und viele Möglichkeiten gebe, die Zukunft zu gestalten.[25] Erst mit der Historisierung des Wissensfeldes diffundierte der Plural der Zukunft als Begriff in die Geschichtswissenschaft: Er trifft kongenial das Bild der zurückliegenden Möglichkeitsräume von historischen Akteur:innen und die generelle Offenheit der Geschichte.
Die Geschichte der Zukunft ist mehr als jene der Zukunftsforschung. Doch lassen sich an einem Beispiel aus diesem Feld Erkenntnispotenziale der Zukunfts-Geschichte zeigen. Die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (im Original: „The Limits to Growth“), als erster Bericht im Auftrag des Club of Rome 1972 veröffentlicht, vermittelte mit einem einprägsamen Schaubild aus einem Computer-Simulationsmodell, dass die „limits to growth“ bis zum Jahr 2100 erreicht würden. Das apokalyptisch anmutende Szenario und der eindringliche Text indizierten, ein „collapse“ der Erde sei unausweichlich, falls keine grundlegenden Verhaltensänderungen erfolgten.[26]
Die Studie verdeutlicht die epistemische Dominanz eines positivistischen Zugangs und die Fixierung auf computergestützte Modelle, die in den 1960er-Jahren die Zukunftsforschung – und große Teile der Sozialwissenschaften – charakterisierte: Die Autor:innen betonten, das Weltsystem könne „be traced without error by a computer“.[27] Zugleich steht die Studie paradigmatisch für eine (recht abrupte) „Ökologisierung“ der Zukunftsforschung ab 1970/71.[28] Das Buch wurde gerade deshalb so stark rezipiert, weil ihm das Computermodell hohe wissenschaftliche Validität verlieh und es zugleich eine aufkommende ökologische Wachstumskritik verwissenschaftlichte. In der Folge beförderte die Studie in elementarer Weise die Umweltpolitik und -bewegung in Deutschland und Europa. Ebenso gab sie einer Kritik am Leitbild des Wirtschaftswachstums und an einem technisch-industriell orientierten Fortschrittsverständnis in den westlichen Gesellschaften einen entscheidenden Schub.[29]
Mit Blick auf die Wirkungen der Studie ist es für Historiker:innen nicht möglich zu prüfen, ob die Prognose „eingetroffen“ ist. Nicht nur berechnete das Modell im Sinne von Szenarien mehrere Durchläufe. Vor allem reagierten Politik und Umweltbewegungen auf die Veröffentlichung und veränderten mit ihren Handlungen die folgende Zukunft.[30] In der Tat verschiebt jede kommunizierte Prognose die Zukunft. Dies gilt nicht nur für eine self-fulfilling prophecy, die eine plausible und wünschbare Zukunft entwirft, sondern auch für eine Warnungsprognose wie die Studie „Die Grenzen des Wachstums“, die darauf abzielte, mit einer apokalyptischen Deutung Gegenkräfte auf den Plan zu rufen, damit diese Zukunft eben nicht eintreten sollte.[31]
Aus diesem Beispiel lassen sich zwei übergreifende Erkenntnispotenziale einer Geschichte der Zukunft ableiten. Zum einen können wir aus vergangenen Begriffen (wie z.B. Kollaps) und Vermittlungsformen des Zukünftigen (wie z.B. einer Visualisierung mit einprägsamen herabschwingenden Kurven in der Computersimulation) spezifische Deutungsmuster und Kulturen herauslesen, die Politik, Gesellschaft oder Wissenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt prägten. Jede Prognose geht ja aus der Deutung der Gegenwart und der Verarbeitung des Vergangenen hervor: Die Zeitebenen sind verkoppelt. Insofern lassen sich, untersucht man vergangene einflussreiche oder populäre Prognosen, wie in einem Brennglas damalige gesellschaftliche und politische Diskurse und Deutungsmuster herauspräparieren.[32] In Prognosen zeigen sich nicht nur damalige erdachte oder diskutierte Möglichkeitshorizonte, sondern auch der jeweilige Umgang mit Kontingenz und das Zukunftshandeln.
Zum anderen verspricht eine Geschichte der Zukunft, genauer die Interaktionen zwischen Zukunftsentwürfen und Handeln zu verfolgen: Kommunizierte Zukünfte lösten wissenschaftliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Handlungen aus, und diese veränderten wiederum die folgende Zukunft. Diese Trias von Zukunftsentwurf – Zukunftskommunikation – Zukunftshandeln ist im folgenden Kapitel abzustecken.
Als Analysekategorien einer Geschichte der Zukünfte unterscheidet dieser Beitrag Zukunftsentwürfe, Modi der Produktion von Zukünften bzw. ihre Kommunikation und Formen des Zukunftshandelns.
Erstens lässt sich die Kategorie der individuellen oder kollektiven Zukunftsentwürfe erschließen. Im Verständnis der genannten Pluralität von Zukünften und der Differenzierung ihrer jeweiligen Träger:innen ist es schwer möglich, die Zukunft von etwas oder zu einem bestimmten Zeitpunkt zu untersuchen, sondern es sind verschiedene Akteure oder Denkkollektive auszumachen,[33] also Individuen, soziale Gruppen, wissenschaftliche bzw. epistemische Kollektive,[34] Organisationen oder Gesellschaften. Deren individuelle oder kollektive Erfahrungsräume, damalige Gegenwarten und Zukunftsentwürfe sind in Beziehung zu einem bestimmten Gegenstand oder einer Entwicklungsperspektive (etwa: des Computers, der Atomenergie usw.) auszuleuchten.
Zu wenig hat die geschichtswissenschaftliche Forschung bislang zwischen normativen, möglichen und wahrscheinlichen Zukunftsentwürfen unterschieden. Normative Zukunftsentwürfe sind positiv besetzte, wünschbare Zukünfte, also Hoffnungen und (verzeitlichte) Utopien, oder Befürchtungen als Entwürfe einer negativ besetzten Zukunft bzw. gar Dystopien, die radikal anders als die Gegenwart konturiert sind. Zu normativen Erwartungen gehören auch politische oder gesellschaftliche Programme, etwa von politischen Parteien, wie z.B. die zwischen Revolutionshoffnung und Pragmatik changierenden Programme der SPD.[35] Normative Zukünfte vermitteln andere Intentionen als jene explorativer Zukünfte, also mögliche oder wahrscheinliche Zukünfte. Zu letzteren gehören Prognosen als konkrete, exakte Aussage über eine erwartbare Zukunft, während Szenarien, offener angelegt, mögliche und alternative Zukünfte als Pfade auf dem Weg in die Zukunft beschreiben.[36]
Die Erwartung lässt sich hierbei als spezifischer Zukunftsentwurf – als Zukunftsvorstellung – verorten, der eine bestimmte Entwicklung zum Gegenstand hatte, also eine wünschbare, befürchtete, mögliche oder wahrscheinliche Zukunft benannte. Dies gilt etwa für die Erwartung der Autor:innen der Studie „Die Grenzen des Wachstums“, dass es zum Kollaps von Bevölkerung, Industrieproduktion und Ressourcen bis zum Jahr 2100 komme. Ebenso ist die zeitliche Tiefe und räumliche Dimension zu prüfen: Für welche Zeithorizonte wurde eine Zukunft entworfen und eine Erwartung formuliert – kurz-, mittel- oder langfristig oder gar ewig wie die Zukunftsentwürfe des Nationalsozialismus?[37] Auf welchen räumlichen Geltungsbereich richtete sie sich: auf die lokale, nationale oder globale Zukunft und ihre Interdependenz in Konzepten der Nachhaltigkeit?[38] Und inwiefern waren weitreichende Raum- und Zeitvorstellungen miteinander verkoppelt wie z.B. in Raumfahrtvisionen der 1950er- und 1960er-Jahre?[39]
Eine zweite Frageebene umfasst Modi und Techniken der Produktion von Zukunftsentwürfen und die Ebene der Kommunikation: Wie, auf welchen Wegen und mit welchen Methoden wurden bestimmte Zukunftsentwürfe entwickelt und kommuniziert? Handelte es sich um fiktionale, literarische Entwürfe oder um anonymisierte Umfragen, wie sie etwa im Jahr 1990 erstellt wurden, um die Erwartungen der Ostdeutschen zu ermitteln?[40] Dagegen beruhten wissenschaftliche Szenarien und Prognosen auf einem bestimmten epistemologischen und methodischen Instrumentarium; auch sie hingen indes von sozialen und kulturellen Bedingungen ab und werden in diesen Kontexten erschlossen. Beispiele dafür sind eine Prognose über die konjunkturelle Entwicklung, die ein Sachverständigenrat für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellte,[41] ein computerbasiertes Simulationsmodell wie bei der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ oder ein Delphi-Expertenpanel, das auch historische Analogiebildungen mit einbezieht.[42] Die Erstellung einer wissenschaftlichen Prognose differiert naturgemäß von der Imaginationstechnik einer sozialen Gruppe in einer „Zukunftswerkstatt“ – einem Instrumentarium an der Schnittstelle von Zukunftsforschung und Basisdemokratie, in dem die Betroffenen zu Planern ihrer eigenen Zukunft werden,[43] – oder der Erstellung von Parteiprogrammen. Letztere dienen dazu, bestimmte Probleme aus dem „Kontingenzraum ungewisser Zukünfte in Skalierungen konkreter Handlungsrelevanzen“ zu überführen, um Agenda-Setting zu betreiben; und zugleich versuchen Parteien, mit Programmen Gestaltungskraft zu kommunizieren.[44]
In der Tat ist es wichtig, die Wege und Weisen einzubeziehen, wie Zukunft dargestellt, kommuniziert und visualisiert wurde, und zu prüfen, welche Medien und Formen sprachlicher Aneignung eingesetzt wurden. Welche Begriffe, sprachliche Zuspitzungen wie der „Kollaps“ oder Bilder oder Grafiken wurden eingesetzt, um die Plausibilität einer Prognose zu verdeutlichen? Wichtig erscheint es zudem zu fragen, ob ein Zukunftsentwurf öffentlich oder arkan kommuniziert wurde und werden konnte. Prognosen, die über das Private hinausgingen, ließen sich in Diktaturen – wie im real existierenden Sozialismus – indes nur ganz bedingt öffentlich formulieren.[45] Schreibt man eine Geschichte der Zukunft, so ist immer zu vermessen, wie Erwartungen mit politischer Macht reguliert wurden, wie die Zirkulation von Erwartungen unterbunden oder forciert wurde, ebenso wie jede:r historische Akteur:in eigene oder gruppenbezogene Erwartungen dämpfen konnte, um Enttäuschungen zu verhindern.[46]
Eine dritte Ebene bildet das Zukunftshandeln. Vier Typen sollen hier differenziert werden. Erstens ist dies die Planung der Zukunft, verstanden als „verfahrensgestützter Vorgriff auf die Zukunft, der die räumliche, infrastrukturelle und daseinssichernde Ausgestaltung von Gesellschaften betreibt“.[47] Gemeint ist vor allem die politische, administrative und öffentliche Planung, die auch wissenschaftliche oder sachverständige Expertise hinzuzieht. Sie wurde mit Blick auf eine politische Planungswelle, ja Planungsbegeisterung der 1960er-Jahre vielfach Gegenstand der Zukunfts-Geschichte.[48]
Davon zu unterscheiden ist zweitens die soziale Imagination, also das Entwerfen und Gestalten des Künftigen von unten, durch soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche und soziale Gruppen, um sozialen Wandel zu erreichen. Beispiele sind etwa das Agieren der 1968er-Bewegung und der Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er-Jahre, die die Zukunft bewusst ins Jetzt verlegen wollten.[49] Nicht zufällig entstanden um 1970 neue Praktiken wie Zukunftswerkstätten, in denen Laien und „Beplante“ wie Bürger:innen auf Stadtteilebene in freier Imagination die wünschbaren Zukünfte entwarfen und dann Überlegungen zu ihrer Umsetzung und Ausgestaltung anstellten.
Drittens lässt sich die Vorsorge benennen als eine Form von Zukunftshandeln, die dazu angelegt ist, Sorge zu tragen, dass perzipierte gefährliche Zukünfte nicht eintreten, etwa durch Präventionsmaßnahmen, Risikokalkulationen und Prozesse der Versicherheitlichung.[50] Vorsorge „vergegenwärtigt zukünftige Bedrohungen“: Sie verwandelt wahrgenommene Gefahren in Risiken, indem sie das Eintreten des Möglichen zu bestimmen versucht, und sie „fordert Interventionen, Sicherheitskonzepte, Schutzmaßnahmen“ in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.[51] Vorsorge lässt sich bis in Antike und Mittelalter zurückverfolgen, aber gewann mit dem Ausbau von Staatlichkeit, einer „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ und der wachsenden Bedeutung von Expertise aus Staatswissenschaften, Medizin oder Psychiatrie für Politik, Verwaltung oder Versicherungsunternehmen seit den 1880er-Jahren gesteigerte Bedeutung.[52]
Ein vierter Ansatz ist die reine Erhaltung und Bewahrung des Bestehenden und die Sicherung des schon Erreichten. Diese wird etwa in der Naturschutzbewegung oder in den Weltkulturerbe-Initiativen der UNESCO fassbar.[53] Indes sind mit der „ökologischen Revolution“ der 1970er-Jahre und den Debatten über Klimapolitik und „Nachhaltigkeit“[54] in der jüngsten Zeitgeschichte die Grenzen zwischen Planung, sozialer Imagination, Vorsorge und Bewahrung fluide geworden.
Reinhart Koselleck legte in den 1970er-Jahren die Fundamente für eine begriffsgeschichtlich angelegte Konzeptionalisierung von Zukunft; diese konzentrierte sich allerdings auf die Frühneuzeit und die „Sattelzeit“, nicht auf die Zeitgeschichte. Kosellecks These von der Zäsur der „Sattelzeit“ um 1800 ist durchaus nicht unumstritten.[55] Arbeiten zu politischen Versicherheitlichungsprozessen zeigten, dass schon die dynastische Bedrohungs- und Sicherheitskommunikation des 16. Jahrhunderts mit der Prävention künftiger Gefahren operierte.[56] Zudem geht das Duisburg-Essener Graduiertenkolleg „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ gerade von dem Befund aus, dass der Begriff des Risikos nicht in der Neuzeit aufkam, sondern der Zurechnung kontingenter Schadensereignisse im mediterranen Seehandel des Hochmittelalters entstammte.[57]
Kosellecks Schüler Lucian Hölscher entwickelte die Begriffsgeschichte der Zukunft weiter, vor allem mit einer Monografie zur Entdeckung der Zukunft im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hölscher fokussierte die utopischen Versprechen des mach- und planbaren Geschichtsverlaufs, wie sie Sozialist:innen im Deutschen Kaiserreich entwarfen, und untersuchte diese in der Konkurrenz zu protestantischen Vorstellungen des „Weltgerichts“.[58] Darüber hinaus erarbeitete Hölscher eine Theorie „annalistischer“ Geschichtsschreibung, in der er die Möglichkeitshorizonte in der Geschichte betonte: Statt das historische Scheitern bestimmter Zukunftsvorstellungen (etwa der Sozialisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts) schon mitzudenken, sollten diese aus ihrer Gegenwart heraus erforscht werden. Der faktische Geschichtsverlauf sei so nur eine Möglichkeit unter vielen.[59] Erkennbar wird, dass dieser annalistische Zugang dem klassischen Historismus nahe steht, der jede Epoche aus ihrer Zeit heraus, also vor dem Hintergrund des damaligen Zukunftshorizonts verstehen wollte.[60]
Die ideen- und begriffsgeschichtliche Erschließung der Zukunft des 20. Jahrhunderts richtete sich in der Folge erstens auf Semantiken von Zukunft in politischen Diskursen der ersten Jahrhunderthälfte. Ältere Forschungen erschlossen die Geschichte von Utopien, die in ihrer verzeitlichten Version radikal neue Gesellschaften fiktionalisierten.[61] Totalitarismustheoretisch inspirierte Studien zu „Politischen Religionen“ lasen die Zukunftsbilder auf der ganz Rechten und Linken als radikalisierte säkularisierte Erlösungsversprechen.[62] Die Kommunisten folgten einem „Kult des Willens und der Aktion“[63] und lebten eine revolutionäre Zukunfts-„Praxis“, die der marxistisch-leninistischen Überzeugung von festen Bewegungsgesetzen der Geschichte entstammte.[64] Umgekehrt zeigten Arbeiten von Rüdiger Graf, Roger Griffin, Fernando Esposito oder Frank Bajohr, dass italienischer Faschismus und Nationalsozialismus durch Revolutionssemantiken und Ewigkeitstopoi eine eigene Zeitlichkeit propagierten.[65] So kommunizierten die Nationalsozialisten einen Bruch in der Zeit, unterschieden scharf zwischen der lichtvollen eigenen Zukunft und dem ansonsten drohenden Untergang. Die Zukunft sollte im tausendjährigen Reich „darin bestehen, Geschichte faktisch abzuschaffen und in einen Ewigkeitszustand zu überführen“.[66] Auch der italienische Faschismus, auf den sich die NS-Bewegung bezog, beschwor die „Neue Zeit“ und einen Aufbruch in eine radikal andere Zukunft. Auch hier verwarf man evolutionäre und historistische Zeitpolitiken und arbeitete mit dem Topos der Ewigkeit, doch wurde dieser stärker als im Nationalsozialismus an die eigene imperiale Geschichte (nämlich das „ewige Rom“) gekoppelt.[67]
Zweitens erschloss die geschichtswissenschaftliche Forschung die Semantiken und politischen Sprachen der Zukunft in demokratischen Parteien. Die Beiträge im Band „Politische Zukünfte im 20. Jahrhundert“ verdeutlichen, dass in der Weimarer Republik die Gegner der Demokratie mit ihren großen Verheißungen „ewiger“ Politik die demokratischen Parteien unter Druck setzten.[68] Dies gilt besonders für die Sozialdemokratie, die in der Weimarer Republik – nun an der Regierung – ihre Zukunftskommunikation, ehedem revolutionär ausgerichtet, neu justieren musste.[69] Auch in den politischen und sozioökonomischen Transformationsprozessen seit den 1970er-Jahren mäanderte die SPD, die ihr Selbstverständnis als Partei der Zukunft herausgefordert sah, zwischen der ökologischen Krisenkommunikation des Flügels um Erhard Eppler, einer pragmatischen Zukunftskommunikation zur Sicherung von Arbeitsplätzen und einer offensiven Aneignung der Sprache des zirkulierenden marktliberalen und technologieaffinen Modernisierungsdiskurses in den 1990er-Jahren.[70]
Dagegen schrieben sich Konservative in der Bundesrepublik und Großbritannien die richtige Balance zwischen Tradition und Modernität, zwischen dem Gestern, Heute und Morgen auf die Fahnen. Zugleich zielte die Zukunftskommunikation der westdeutschen Unionsparteien über das Irdische hinaus auf das christliche Jenseits, und damit schöpfte man aus einer konservativen Ordnung von Zeitlichkeit, die dezidiert „anti-utopisch kodiert“ war.[71]
Drittens rückten die Chronotopoi der „Posthistoire“ und der „Postmoderne“ in den Fokus, die in den 1970er- und 1980er-Jahren als intellektuelle Räsonnements zirkulierten. In diesen Begriffen habe sich, so Fernando Esposito, nicht nur eine zweite Krise des Historismus abgezeichnet, sondern auch eine Wahrnehmung vom Ende der Geschichte, die – etwa in der jugendkulturellen Rede von „no future“ – Indikator und Faktor für Stimmungen breiterer Bevölkerungskreise gewesen sei. Seit der Sattelzeit formierte Vorstellungen der Gestaltbarkeit von Zukunft seien erodiert, und jene „einst ‚offene Zukunft‘“ habe sich geschlossen. Auch wenn der Glaube an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt erhalten geblieben sei, so sei er doch zu einem „sektoral beschränkten Begriff“ mutiert.[72] Andere Interpretationen verweisen indes darauf, dass der Fortschrittsbegriff in den Debatten über die „Grenzen des Wachstums“ und eine „ökologische Modernisierung“ in den 1970er- bis 1990er-Jahren nicht verschwand, sondern sich neu konfigurierte.[73] Christian Geulen diagnostizierte in Umkehrung von Kosellecks Modell sogar für das Ende des 20. Jahrhunderts „entgrenzte Erwartungen“, die die „Einspruchskraft historischer Erfahrung unwirksam“ machten.[74]
Die Wissenschafts- und Technikgeschichte folgte lange tendenziell einem eigenen Fortschrittsnarrativ. Implizit hatte die Annahme dominiert, dass der Bestand wissenschaftlichen und technologischen Wissens beständig wachse – durch Forscher:innen, die der wissenschaftlichen Rationalität und der Suche nach Wahrheit verpflichtet seien. Kulturgeschichtliche Lesarten machten indes immer deutlicher, dass die Wissensproduktion von den Wahrnehmungen und Deutungen des/r Wissenschaftlers/in, von sozialen Kontexten und kulturellen Zusammenhängen abhängig sei.[75] Zudem leuchtet eine neue Technikkulturgeschichte verstärkt vergangene Deutungen und Sinngebungen des Technischen – und damit auch inhärente Zukunftsvorstellungen – aus.[76]
Vor allem die Wissensgeschichte, die sich in den letzten Jahren zwischen Wissenschaftsgeschichte und Geschichtswissenschaft positionierte, fokussiert Generierungsformen von Wissen, die außerhalb der Wissenschaft – etwa an der Schnittstelle zu Neuen Sozialen Bewegungen – liegen, und fragt nach Verwendungen von Wissen in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik.[77] Hieraus gingen Studien zu vergangenen Technikzukünften, politischen Planungen und der Produktion von Zukunftswissen hervor, die sich meist implizit oder explizit auf die technokratische „Hochmoderne“ beziehen.
Die These der verwissenschaftlichten „high modernism“ wurde zunächst in der amerikanischen Politikwissenschaft entworfen[78] und diffundierte dann in die deutsche und europäische Geschichtswissenschaft. Sie geht davon aus, dass in den 1880er-Jahren in Westeuropa und den USA nicht nur die moderne Industriegesellschaft entstanden sei, sondern auch ein spezifischer Zugang, die Zukunft zu planen.[79] Die rasanten technisch-wissenschaftlichen Veränderungen, die sich im Ausbau industrieller Massenfertigung, in neuen Mobilitäts- und technischen Kommunikationsformen (wie Automobil und Telefon) sowie der Ausdifferenzierung der Technik- und Sozialwissenschaften manifestierten, veränderten demnach die Lebenswelten der Menschen tiefgreifend: Sie beschleunigten sie und generierten neue, kühne Aspirationen wissenschaftlich-technischen und sozialen Fortschritts und seiner Steuerung.
So avancierte die Elektrifizierung zur „soziale[n] Vision“ im Kaiserreich,[80] und so formierte sich das ambivalente Social Engineering in der Sozial-, Verkehrs- und Stadtplanung.[81] Humanwissenschaftliche Expert:innen, so Lutz Raphael in einem vielfach rezipierten Aufsatz, erhielten seit den 1880er-Jahren eine in dieser Form neue Präsenz und Anwendung ihrer Argumente und Forschungsergebnisse in Verwaltung, Politik, Unternehmen und Gesellschaft.[82] Wissenschaftler:innen seien davon ausgegangen, so die amerikanische Historikerin Lynn Hunt, dass „[the] study of the natural (and social) world will enable them to ‚make progress‘, ‚get ahead‘, ‚become more advanced‘, ,make up for lost time‘, in other words, gain some kind of control over the passing of time“.[83] Ein immer dichteres Netz statistischer Datenerhebung und demografischer Analyse schien eine Berechnung von Zukunft und verwissenschaftlichter Planung zu ermöglichen.[84]
Zum Schlüsselbegriff einer Wissens(chafts-) und Technikgeschichte der Zukunft wurde die Planung: Dirk van Laak sah seit den 1890er-Jahren zwei Strömungen von Planung entstehen, die er als verfahrensgestützten Vorgriff auf die Ausgestaltung von Gesellschaften verstand. Zum einen habe die Spezialisierung von Aufgaben- und Wissensfeldern in Industrie, Verwaltung, Politik und Militär zugenommen, und angesichts wachsender Komplexität und eines steigenden Stellenwerts, welcher der Wissenschaft in Gesellschaft und Politik zugeschrieben wurde, sei die Sozialfigur des Experten entstanden; dieser spielte für wissenschaftlich unterfütterte, politische Planungsprozesse eine zunehmend wichtige Rolle. Der moderne, bürokratisierte Staat organisierte vorausschauende Verkehrs-, Infrastruktur- und Sozialpolitik. Zum anderen seien ganzheitliche Entwürfe gesellschaftlicher Zukunft erwachsen, die Planung in einem radikalen Sinne als Neu-Ordnung der Gesellschaft verstanden.[85]
Im „radikalen Ordnungsdenken“[86], so Lutz Raphael, hätten Sozialexpert:innen und Weltanschauungseliten die „rational geplante Gesellschaft“ zum Ziel erklärt. Dies galt für die sowjetische Plan- und Zwangswirtschaft, die im utopischen Sinne einen neuen Menschen erschaffen wollte, und ebenso für die sozialdarwinistisch unterlegte nationalsozialistische „Rassen“- und Vernichtungspolitik.[87] In der Forschung wurde in den letzten beiden Jahrzehnten präzise herausgearbeitet, wie im entstehenden Kalten Krieg die Erforschung der Zukunft und (politische) Planung eine neue Hochphase erlebten. Vor allem amerikanische Historiker:innen leuchteten die Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Politik in der „Cold War Science“ der 1950er- und 1960er-Jahre aus. Sie zeigten, dass es gerade die Systemkonkurrenz zwischen West und Ost war, die dazu beitrug, dass Wissenschaftler in Think Tanks wie der RAND Corporation neue Techniken der militärisch-strategischen und technologischen Vorausschau – wie das „War Gaming“ und „Delphi“ – entwickelten.[88]
Auf ökonomischer Ebene war es der Keynesianismus, ein Konzept der antizyklischen Steuerung der Konjunktur, das sich als Form der expertenbasierten wirtschaftlichen Planung im Westen verstehen lässt. Bereits der amerikanische New Deal der 1930er-Jahre nutzte Elemente jener Theorie des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen westeuropäischen Ländern als Modell zur kurz- bis mittelfristigen Steuerung des wirtschaftlichen Wachstums in der Marktwirtschaft durchsetzte. Weiter noch ging Frankreich, das 1945 den Weg in die „Planification“ einschlug, die eine staatliche Rahmenplanung für die Unternehmen vorsah.[89]
Auch wenn wir über die staatssozialistische Prognostik und verwissenschaftlichte Planung weniger wissen, so ist in der Forschung zuletzt aufgezeigt worden, dass die Planungswelle der 1960er-Jahre West und Ost in gewisser Weise ähnlich prägte. Ausschlaggebend waren das Ende des Stalinismus, das den Planern in der Sowjetunion neue Handlungsspielräume bot, das dynamische wirtschaftliche Wachstum auf beiden Seiten der Kalten Kriegs-Parteien und ein übergroßes politisches Vertrauen in Wissenschaft und Technik, das zumindest in jener Dekade partei-, ja systemübergreifend galt. So entstand die Vorstellung, Politik könne mittel- und langfristig in die Zukunft planen, wenn sie den Rat von Experten und neue wissenschaftliche Methoden nutzte – wie die in West und Ost gefeierte Kybernetik als Steuerungswissenschaft, die Nachrichtenübermittlungsprozesse in Maschine und Mensch untersuchen sollte und in der beides mehr oder weniger gleichgesetzt wurde.[90]
Damit kam auch die bereits genannte neue Meta-Wissenschaft der Zukunftsforschung ins Spiel, die sich in den 1950er- und 1960er-Jahren im westlich-transatlantischen Raum und ähnlich in den sozialistischen Staaten (als „Prognostik“) formierte. Sie wird in der geschichtswissenschaftlichen Forschung als kongenialer Ausdruck für hochmoderne Vorstellungen und Praktiken einer Steuerbarkeit und Gestaltbarkeit von Zukunft gelesen.[91] In ihr fanden sich drei verschiedene Denkstile und Denkkollektive zusammen:
Erstens waren dies normativ orientierte Philosophen und Naturwissenschaftler, die nach Ordnung und Frieden im atomaren „technischen Zeitalter“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) suchten. Zweitens gingen Ingenieur- und Sozialwissenschaftler wie der amerikanische Futurologe Herman Kahn und der westdeutsche Kybernetiker Karl Steinbuch in einem empirisch-positivistischen Denkstil davon aus, Zukunft mit modernen Methoden wie dem Computer vermessen und in der Interaktion von Mensch und Technik steuern zu können. Drittens wurde die Zukunftsforschung in Westeuropa von Intellektuellen wie Robert Jungk forciert, die in einem kritisch-emanzipatorischen, links codierten Modus Machtstrukturen in demokratischen und kapitalistischen Gesellschaften kritisch hinterfragen wollten, weil das Wissen um die Zukunft auch Herrschaftswissen sei. Geleitet von Ideen der Neuen Linken und Theorien der Konvergenz, die eine Annäherung von West und Ost in der industriell-technisierten Welt erwarteten, standen Jungk, Ossip K. Flechtheim und andere mit reformorientierten Zukunftsforschern aus den sozialistischen Staaten – vor allem in der Tschechoslowakei – in Kontakt.[92]
Diskutiert wurde zuletzt, wie stark die politische Planungswelle und das politische Interesse für die Zukunftsforschung in West und Ost in den 1970er-Jahren an Grenzen gestoßen seien. In einer deutsch-deutschen wissensgeschichtlichen Perspektive wurde argumentiert, dass die Planungsgeschichte der 1970er- und 1980er-Jahre nicht nur als Krisen- und Verlustgeschichte geschrieben werden könne. Allerdings hätten verengte wirtschaftliche Handlungsspielräume und Grenzen der Planungsexpertise die Erwartungen an die Steuerung der Zukunft gedämpft. Prognostik und expertenbasierte Planung hätten im Staatssozialismus Widerstände ausgelöst, weil eine Diskussion um Zukunft mit der marxistisch-leninistischen Ideologie und dem eigenen Machtanspruch kollidierte.[93]
Im Westen trugen die Wirtschaftskrisen der 1970er-Jahre, die finanzielle Planungsspielräume beschnitten, die Krise des Keynesianismus, der angebotsorientierten Wirtschaftskonzepten wich, und nicht zuletzt die massive Kritik der Bürger-, Umwelt- und Friedensbewegungen an technokratischer Planung dazu bei, dass Grenzen wissensbasierter Steuerung erkennbar wurden.[94] Zugleich durchliefen die Zukunftsforscher und Planer:innen Lernprozesse. In einem reflektierteren Umgang mit den Möglichkeiten und Grenzen von Prognostik setzte sich zum einen die Überlegung durch, dass es kein objektives Wissen über Zukünfte gebe und computerbasierte Modellierungen mit qualitativen Methoden wie Szenarien und dialogischen Ansätzen wie Workshops und Zukunftswerkstätten kombiniert werden sollten. Daraus ging das Foresight hervor, als ein strategischer Prozess zur längerfristigen Vorausschau, der vor allem auf den Dialog mit den Betroffenen setzt; hier rechnet man sich nur noch bedingt zur Zukunftsforschung.[95] Auch das seit den 1970er-Jahren aus Risiko- und Stressforschung hervorgehende Konzept der „Resilienz“, das heute in aller Munde ist, hat hier seine Wurzeln.[96]
Zum anderen wurde deutlich, dass gesellschaftliche Entwicklungen auch aus (demokratie-)politischen Gründen nur begrenzt gesteuert werden könnten. Auch deshalb verlor der Begriff des Plans in der politischen Sprache seit den 1980er-Jahren an Bedeutung – zugunsten des offeneren Begriffs der Strategie.[97] Indes deutet sich durch neuere Forschungen an, dass aus dem Angebot verhaltenswissenschaftlicher Expertise und dem Ruf nach mehr Markt und Deregulierung seit den 1980er-Jahren neue Konzepte eines anreizbasierten „Nudging“ hervorgingen; sie eröffneten – etwa in der Verkehrs- und Umweltpolitik – eine andere, flexiblere Form zukunftsorientierter politischer Steuerung.[98]
In den letzten Jahren erwuchsen neue Ansätze, soziales und politisches Zukunftshandeln in der Geschichte einzufangen, die nicht über die Ideenhistorie und eine Wissens- und Planungsgeschichte zu erschließen sind. Damit etablierten sich kulturgeschichtlich gespeiste, diskursanalytische und praxeologische Zugänge zur Zukunftsgeschichte. Untersucht werden die diskursive Ebene der Kommunikation und Repräsentation von Zukunft sowie ihre Funktion in Gesellschaft und Politik, nicht zuletzt weil der Verweis auf die Einbeziehung der Zukunft immer ein wichtiges politisches und soziales Legitimationsinstrument bildete.[99] Zugleich ermitteln sie Kalkulations-, Erfahrungs- und Verarbeitungsprozesse im Umgang mit Zeit und Kontingenz, indem sie emotionsgeschichtliche und praxeologische Ansätze verfolgen.
In diese Richtung bündelt das interepochal angelegte, bereits genannte Duisburg-Essener Graduiertenkolleg „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ die Überlegungen: Es betrachtet weniger vergangene Zukunftsvorstellungen und mehr das konkrete Handeln im Umgang mit Ungewissheit in Politik und Gesellschaft.[100] Einen neuen Zulauf erfahren im Augenblick die Utopian Studies, die sich mit Praktiken des Utopischen und sozialen Experimenten befassen und hier etwa die 1968er-Bewegung auf utopische Elemente neu beleuchten.[101] Entsprechende Studien etwa zu Gemeinschafts- und Wohnexperimenten bezogen sich bislang indes stärker auf das 19. Jahrhundert.[102]
Dagegen sind Prozesse der Versicherheitlichung gerade für das 20. Jahrhundert zuletzt intensiv ausgeleuchtet worden. Anknüpfend an politikwissenschaftliche Arbeiten hat die historische Forschung aufgezeigt, dass politische Kommunikation über Sicherheit seit der frühen Neuzeit eine Legitimationsbasis für das staatliche Gewaltmonopol bildet. Mit der Definition und Verhandlung von Sicherheit wurde über die Priorität von politischen Zielen entschieden. Was ein Sicherheitsproblem bildete, war (und ist) Gegenstand politischer Diskurse und Praktiken. In Studien zur Securitization wurde luzide herausgearbeitet, dass mit einer charakteristischen Verbindung von Aufbruchs- und Gefährdungskommunikation staatliches Zukunftshandeln gerechtfertigt worden sei und sich das Verständnis von Sicherheit im 20. Jahrhundert – von der militärischen Bedrohung bis zu Umweltgefahren und Menschenrechtsdiskursen – schrittweise erweitert habe.[103]
Umgekehrt, denkt man an Prozesse der politischen Delegitimation, wurde die Forschung zur Weimarer Republik von der These bereichert, dass das Reden über und das Beschwören der damaligen „Krise“ nicht nur objektiven Problemlagen geschuldet gewesen sei. Die „Krise“ sei auch von den Gegnern der Republik – wie den Nationalsozialisten – konstruiert worden, um die Legitimation der Demokratie zu brechen und radikalen Zukunftsmodellen zum Durchbruch zu verhelfen.[104] Insofern sollte die politische Kommunikation von Zukunft und Krise differenziert gelesen werden. In diese Richtung deuten auch Studien zu apokalyptischen Szenarien und Zukunftshandeln der Neuen Sozialen Bewegungen und der Grünen in den 1970er- und 1980er-Jahren, die im Kern ebenfalls gestaltungsoptimistische Züge getragen hätten.[105] Die Geschichte der Zukunft ist damit auch Konkurrenz- und Konfliktgeschichte, weil sie das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Programme und Utopien sowie die Aufbruchs- und Krisenkommunikation zur Generierung von Aufmerksamkeit und Legitimation bzw. Delegitimation alternativer bzw. gegenwärtiger Ordnungskonzepte ausleuchtet.
Emotionsgeschichtliche und praxeologische Zugänge zur Zukunft des 20. Jahrhunderts bündelten sich in einer Geschichte der Enttäuschung, die ein Projekt am Institut für Zeitgeschichte konzeptionalisierte. Enttäuschung wurde hier als kommunikativer Code begriffen, der eine gemeinschaftsstiftende Funktion hatte oder eine Neuverhandlung von Entscheidungen evozieren sollte. So beleuchtete Bernhard Gotto anhand von Fallstudien Entstehungsbedingungen und Folgen von Enttäuschung in der bundesdeutschen Demokratie. Enttäuschung, so sein Ergebnis, führte meist nicht zu einer Radikalisierung oder Resignation, sondern zu Lernprozessen, um kommunizierte Erwartungen an politische Reformen zu dämpfen oder auf eine längere Zukunftsperspektive hin zu verschieben.[106]
Darüber hinaus beschäftigte sich die Forschung mit der Geschichte der Angst als Emotionalisierung einer negativ perzipierten Zukunft. Frank Biess betrachtete zuletzt die „German Angst“. Mit der Deutung von wiederkehrenden Angstkrisen in der alten Bundesrepublik hinterfragte er fortschrittsorientierte Narrative von Modernisierung und Liberalisierung in der Geschichtsschreibung zur Bundesrepublik.[107] Andere Arbeiten thematisierten die Verbindung von Emotionalisierung und Rationalisierung des (drohenden Atom-)Kriegs in der Friedensbewegung und in den internationalen Beziehungen während des Kalten Kriegs.[108] Damit öffnet sich der Blick für die Emotionalisierung des Gefährlichen in der Deutung und Kommunikation über neue Technologien. Dieses Feld ist bislang nur bedingt systematisch ausgeleuchtet worden. Zwar liegen zahlreiche Arbeiten über die in den 1970er- und 1980er-Jahren kommunizierte und vor allem von der Gegenseite konstatierte „Angst“ vor der Atomkraft vor. Indes dürften Studien zum Umgang mit Chancen und Risiken anderer Technologien – etwa der Gentechnologie – ebenso erhellend sein, die zugleich den Bogen zur Wissensgeschichte schlagen.[109]
Schließlich bezogen sich diskursanalytische und praxeologische Ansätze zuletzt auf die Geschichte der Arbeit in Westeuropa. Nur wenige Studien haben bislang zukunftsbezogene Emotionalisierungen von Technik in der Arbeitswelt beleuchtet. So verweist ein Sammelband, der sich den Zukünften der Arbeit im 20. Jahrhundert widmet, auf die „Anpassungsimperative“ an den Einzelnen, welche durch neue Technologien, Automation und Rationalisierungsprozesse ausgelöst wurden.[110]
Das Nachdenken über die Geschichte der Zukunft richtete sich in den 2010er-Jahren verstärkt auf postkoloniale und globalgeschichtliche Perspektiven. Noch die Bielefelder Schule hatte Modernität stark als Deutungs- und Bewertungskategorie für die Erklärung des deutschen „Sonderweges“ gelesen und Modernisierung zur Richtschnur erhoben.[111] Postkolonial angelegte Studien hingegen historisieren die Modernität in ihrem kolonialen Kontext: Der Begriff, so Prathama Banerjee, „indicates a purely temporal position, that what comes later is […] generally an improvement on what came earlier: [...] Time itself becomes the universal parameter of judgement – that is of judging if a society, a people or an act is modern or ‚primitive‛, advanced or backward, historical or timeless, distant from or contemporary to the subject author of knowledge.“[112]
Einige Autor:innen betonten den „nexus between development and nineteenth-century European imperialism“ und arbeiteten damit heraus, dass der Begriff der Entwicklung im späten 19. und 20. Jahrhundert eine spezifische, auf das Nord-Süd-Verhältnis ausgerichtete Fortschrittssemantik implizierte. Entwicklung war im Sinne der imperialen Ambitionen europäischer Gesellschaften um 1900 in erster Linie ein Herrschaftsinstrument, das dazu diente, Rohstoffe und Arbeitskräfte zu gewinnen und Infrastrukturen aufzubauen. Kolonialpolitik diente dabei einer industriell-technologischen Erschließungsmentalität, die mehr war als nur der Bau von Eisenbahnen: Sie sollte in neuen Räumen technologische Innovationen erproben und damit auch Herrschaft legitimieren.[113] Nach dem Ersten Weltkrieg waren es gerade Frankreich und Großbritannien, die unter dem Signum der Entwicklung in ihre Kolonien investierten, um Gesundheits- und Erziehungsprogramme zu etablieren.[114]
Ebenso dekonstruierten globalgeschichtliche und postkolonial unterlegte neuere Studien die westliche Modernisierungstheorie und Entwicklungspolitik der 1950er- und 1960er-Jahre. Ausgangspunkt für die Geschichte der Entwicklungsexpertise und -politik nach 1945 war zum einen der Prozess der Dekolonisation, der dazu geführt hatte, dass neue, unabhängige Staaten auf der Südhalbkugel entstanden waren. Zum anderen versuchten im Zeichen des Kalten Kriegs Ost und West, die Länder des globalen Südens mit Entwicklungshilfe in den eigenen Block zu integrieren. Seit den späten 1940er-Jahren leitete die westlich geprägte Modernisierungstheorie Expert:innen und Politiker:innen dazu, die Welt in „entwickelte“ und „unterentwickelte“ Länder einzuteilen. Dabei wirkte ein zeittypisches Vertrauen in Planung und Expertise.
Zur Leitdisziplin der Kategorisierung von Entwicklung und Fortschritt wurde die Ökonomie: Die westliche Theorie nachholender Entwicklung, die das Prinzip des Wirtschaftswachstums mit Fortschritt gleichsetzte und paradigmatisch von dem Ökonomen und Wirtschaftshistoriker Walt Rostow vertreten wurde, ging im Sinne eines linearen Modernisierungsverständnisses davon aus, dass sich die Länder des Südens am Industrialisierungs- und Wachstumspfad der Industrieländer orientierten. Zahlreiche Studien erläuterten relativ einhellig, wie sehr diese Vorstellungen der Modernisierung von einer Zivilisierung der Bevölkerung des globalen Südens ausgingen. Ziel sei es vor allem gewesen, die „Unterentwickelten“ zu modernisieren.[115] Umgekehrt ist im letzten Jahrzehnt aufgezeigt worden, dass Regierungen und Gesellschaften des globalen Südens in den späten 1960er- und 1970er-Jahren, im Windschatten der Entspannung zwischen West und Ost, auf eine Reform, ja Revolution der Weltwirtschaftsordnung drängten. Geleitet wurden sie von dependenztheoretischen Ansätzen, die in der Tradition älterer Imperialismustheorien standen und Entwicklung innerhalb internationaler Herrschaftsbeziehungen und ökonomischer Ausbeutungsstrukturen deuteten.[116]
Ebenso stellten zivilgesellschaftliche Initiativen in Westeuropa und den USA in den späten 1960er- und 1970er-Jahren den westlichen Entwicklungs- und Modernisierungsbegriff massiv in Frage. Nicht nur die Dritte-Welt-Bewegung verbreitete Vorstellungen globaler Gemeinschaft und – in Verbindung mit ökologischen Zukünften – das Bild der „einen Welt“.[117] Dem zugrunde lagen postmoderne Theorieangebote und Konzepte globaler Interdependenz, welche die Neue Linke in den westlichen Gesellschaften aus der genannten Dependenztheorie, aus kybernetisch-systemtheoretischen und ökologischen Bezügen übernommen hatte. Die modernisierungstheoretische Lesart von Entwicklung wich so zunehmend der differenzierteren Vorstellung verschiedener Wachstums- und Fortschrittsverständnisse in Nord und Süd, die je eigenen Traditionen und Logiken folgten.[118]
Über geschichtswissenschaftliche Zugänge hinaus ist die Erforschung von Zukunft ein interdisziplinäres Feld, das in besonderem Maße Überlegungen verschiedener Disziplinen aufnimmt. Methodische und epistemologische Anregungen aus den Literatur- und Sozialwissenschaften, der Philosophie und Zukunftsforschung bereichern die Geschichtswissenschaft. Zum einen hat die Literaturwissenschaft mit ihrer Analyse von utopischen, dystopischen und prophetischen Verarbeitungen von Zukunft in der Literatur eigene methodische Akzente gesetzt.[119] Dies gilt vor allem im Hinblick auf die Science Fiction, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als „Spekulation über noch nicht technisch-wissenschaftlich Realisiertes“ entstand und dabei gegenwärtige gesellschaftliche und politische Entwicklungen kritisch begleitete.[120] Darüber hinaus haben kultur- und literaturwissenschaftliche Arbeiten apokalyptische Narrationen des 20. und 21. Jahrhunderts erschlossen. Nicht mehr im theologischen, sondern im anthropologischen Modus erschien hier der Mensch als Verantwortlicher des drohenden Untergangs. Dies galt vor allem für die in Erzählform verarbeitete Angst vor dem Atomkrieg.[121]
Zum anderen bereicherten Zukunftsforschung, Soziologie und Wissenschaftsphilosophie eine Geschichte der Zukunft. Wie oben ausgeführt, geht die These von den nebeneinander existierenden „Zukünften“ auf die Zukunftsforschung zurück. Ebenso liefert sie das Wissen über Typen der Generierung und Erforschung von Zukunft, also zur Unterscheidung in normative, mögliche und wahrscheinliche Zukunftsentwürfe, zur Differenzierung von konkreten Voraussagen (als Prognosen) und möglichen Pfaden in die Zukunft (als Szenarien) sowie zu Techniken der Vorausschau.[122] Insofern kann die Geschichtswissenschaft von der Zukunftsforschung lernen, was die Differenzierung von Zukunftsentwürfen, die Modi ihrer Produktion und die Theoretisierung von Zeitlichkeiten angeht.
Der Wissenschaftssoziologe Robert Merton hat aufgezeigt, dass kommunizierte Zukünfte immer eine soziale und politische Wirkung entfalteten und somit folgende Entwicklungen, Ideen, Handlungen prägten. So könnten öffentlich gemachte Prognosen ein bestimmtes Verhalten hervorrufen, das eben verhindert werden sollte (self fulfilling prophecy), etwa bei der Prognose eines drohenden Mangels, die dann zu Panikkäufen führe. Umgekehrt könne eine Warnprognose Gegenkräfte auf den Plan rufen, die verhinderten, dass diese prognostizierte Zukunft eintrete.[123] Dieser Vorgang wurde am Beispiel der Studie „The Limits to Growth“ beschrieben, die 1972 Umweltbewegungen und Umweltpolitik dynamisierte. Insofern können Historiker:innen vergangene Prognosen nicht evaluieren, also prüfen, ob sie „eingetroffen“ sind, weil die geäußerten und medial verbreiteten Zukunftsentwürfe die damalige Gegenwart und Zukunft veränderten.
Verweist Merton auf die Wirkungskraft von Prognosen, so können wissenschaftsphilosophische Arbeiten die Grenzen der Prognostik herauspräparieren. Die Geschichte der Klimaprognostik, so etwa Gabriele Gramelsberger, sei mit ihrer Konzentration auf Computermodellierungen einer engen „kausale(n) Mechanistik der Prognosen aus dem Computer“ gefolgt. Gerade weil sich die Logik dieser Prognosen nicht immer mit den öffentlichen Forderungen nach konkreten handlungsleitenden Empfehlungen vereinbaren ließ, sei die These vom anthropogenen Klimawandel lange umstritten gewesen.[124]
Auch die These von der Pluritemporalität kommt aus der Soziologie: Helga Nowotny hatte in den späten 1980er-Jahren zwischen einer normierten kollektiven Zeit und einer subjektiv gefärbten Zeitform der „Eigenzeit“ unterschieden.[125] Zuletzt rezipierte die Geschichtswissenschaft vor allem soziologische Arbeiten, die ein neoliberales Verständnis von Zukunft seit den 1990er-Jahren attackierten. So differenzierte Arjun Appadurai zwischen der kühlen Kalkulation möglicher und wahrscheinlicher Zukünfte und der ergebnisoffenen, durch eigenes Handeln zu gestaltenden Zukunft,[126] Jens Beckert problematisierte die zunehmend allgegenwärtige „imaginierte Zukunft“ des Wettbewerbsprinzips in den Dynamiken des Kapitalismus,[127] und Ulrich Bröckling verwies auf den Imperativ des „unternehmerischen Selbst“, das im Wettbewerb der dauernden Selbstoptimierung unterliege.[128]
In den letzten Jahren hat die Geschichtswissenschaft diskutiert, inwiefern sie sozialwissenschaftliche Theorien der jüngsten Zeitgeschichte überhaupt zu eigenen Deutungskategorien erklären kann. So stammt die Hinterfragung der Modernisierungstheorie aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung der 1980er-und 1990er-Jahre, in der über die Entstehung einer „zweiten Moderne“ oder „Postmoderne“ sinniert wurde. Unter anderem diffundierte die These vom „Wertewandel“ der 1960er-Jahre, die in den Sozialwissenschaften und der Zukunftsforschung in den 1970er- und 1980er-Jahren zirkulierte und auf die Dekade vorher rückprojiziert wurde,[129] auch in die Geschichtswissenschaft.[130] Hier erscheint es wichtig, den historischen Kontext der sozialwissenschaftlichen Theorien zu reflektieren und diese als Quellen einzuordnen.[131] Mithin synthetisiert eine Geschichte der Zukunft auch bisherige Forschungen, und sie kann über interdisziplinäre Impulse neue Erkenntnisse zutage fördern.
Die geschichtswissenschaftliche Forschung hat verschiedene Interpretationsmuster für eine Geschichte der Zukunft im 20. (und 21.) Jahrhundert entwickelt, die mit Blick auf Periodisierungen abschließend resümiert werden sollen. Gegenüber jenen Arbeiten, die sich mit Niedergangs-Erwartungen und Schicksals-Semantiken im Fin de Siècle befassen,[132] dominiert inzwischen die These, dass in den 1880er- und 1890er-Jahren in Deutschland und Europa die verwissenschaftlichte und technisierte Industriegesellschaft entstand, in der Zukunft neu gedacht, prognostiziert und geplant wurde.[133] Auch wenn es über den Charakter und die Reichweite der Hochmoderne unterschiedliche Auffassungen gibt,[134] so indizieren neue Formen literarischer, gesellschaftlicher und planender Verarbeitung von Zukunft – in Zukunftsromanen und Science Fiction, in Lebensreform und Gartenstadtbewegung, in Demografie und Sozialhygiene – die „neue Qualität der Zukunft“[135] um 1900.
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde als eine Zeit der Konkurrenz großer politischer Ordnungs- und Zukunftsentwürfe gedeutet, die das „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) charakterisierte. Dabei ging es um die faschistischen, nationalsozialistischen und kommunistischen Utopien ebenso wie die katalytische Wirkung, die die beiden Weltkriege auf die Geschichte politischer Planung entfalteten. Gezielte staatliche Technologie- und Forschungsförderung bündelte sich in nationalsozialistischer Großforschung wie auch in angloamerikanischem „Operations Research“ und „Big Science“. Nationale Mobilisierung und „totale“ Kriegswirtschaft gipfelten in Konzepten zentraler ökonomischer Planung, die nicht nur in der Sowjetunion als Allheilmittel galten.[136] Ebenso hat die Forschung die kulturelle Ambivalenz von „dreamworld and catastrophe“ in der europäischen Zwischenkriegszeit beschrieben, gespiegelt in Literatur, Kunst und Malerei – etwa in Neuer Sachlichkeit und Expressionismus –, in Film und Kino oder in Architektur und futuristischer Stadtplanung.[137]
Welche Bedeutung hatte die politische Zäsur des Jahres 1945 für eine Geschichte der Zukunft? Dies ist vor allem wissensgeschichtlich für Planung und Zukunftsforschung vermessen worden, um Kontinuitäten zwischen Zweitem Weltkrieg und der Nachkriegszeit aufzuzeigen.[138] Darüber hinaus konstatierte Joachim Radkau das „vorläufige Ende des Fortschrittsglaubens“ in Deutschland. Hunger und Entbehrungen, die Erfahrungen des verlorenen Kriegs und die „Perspektivlosigkeit eines neuen deutschen Nationalismus“ hätten einen spezifisch deutschen „Verlust der Utopie“ und ein „Schwinden der Zukunft“ generiert. Diesen Verlust hätten intellektuelle Zeitdiagnosen von Friedrich Sieburg bis Karl Jaspers signalisiert. Erst das Versprechen des Marshallplans und die Sehnsucht nach Europa hätten neue Hoffnungen geweckt.[139] Hier wäre eine stärkere Differenzierung in Akteursgruppen und Modi der Produktion von Zukunft nötig, um Zukunftsentwürfe und Zukunftshandeln am Ende des Zweiten Weltkriegs systematisch greifen zu können.[140]
Nur punktuell wurde herausgearbeitet, dass die sozialistische Neuordnung Ostmitteleuropas nach 1945 vor allem auf einen „Zukunftskult“[141] der kommunistischen Parteien zurückging, die den politischen Aufbruch in das „Experiment Moderne“[142] inszenierten. Dies habe sich paradigmatisch in der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ manifestiert.[143] Eine blockübergreifende Perspektive, mit der analysiert werden kann, welche Zukunftsentwürfe, Zukunftskommunikation – etwa im Hinblick auf den obwaltenden politischen Sicherheitsbegriff – und welches Zukunftshandeln west- und osteuropäische Gesellschaften in den langen 1950er-Jahren kennzeichneten, ist ein weitgehendes Desiderat. Es bleibt zu prüfen, ob sich bundesdeutsche Politik und Gesellschaft in den 1950er-Jahren tatsächlich an „Tagespolitik“ im „Wiederaufbau“ orientierten, wohingegen die SED in der DDR den (Neu-)Aufbau der Planwirtschaft im Zeichen des marxistisch-leninistischen Glaubens an den gesetzmäßigen Fortschritt ausrief.[144] Die vielfältigen gesellschaftlichen Erwartungen, Hoffnungen und Ängste in beiden deutschen Gesellschaften, die zwischen Sicherheitskultur, Ängsten und neuen Aufbrüchen mäanderten, sind noch genauer zu bestimmen, aber stellen jedenfalls die These von einer technokratischen „Hochmoderne“ in Frage, die von den 1880er- bis in die 1970er-Jahre reichte.[145]
Hingegen sind die 1960er-Jahre in den westlichen Gesellschaften als Zeit der sozialen und kulturellen Emanzipations- und Selbstentfaltungsbestrebungen der 1968er-Bewegung, der politischen Planungswelle und der wissenschaftlichen Erforschung von Zukunft luzide beleuchtet worden.[146] Deutungskämpfe durchziehen indes die Debatte über den Zäsurcharakter der 1970er-Jahre. Nicht nur die Tiefe des sozioökonomischen Strukturwandels, ja eines „Strukturbruchs“ ist umstritten, sondern auch die Frage, wie sehr Fortschrittsverständnisse und Planungskonzepte infolge ökonomischer und mentalitärer Brüche tangiert wurden.[147] Dabei geht es vor allem um kursierende Krisenszenarien der 1970er-Jahre: Dies betraf nicht nur die genannte Studie „Die Grenzen des Wachstums“, sondern etwa auch die kommunizierten Ängste in der Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung bzw. bei den entstehenden Grünen,[148] die Ernüchterung ökonomischer Expert:innen, deren Wachstumsprognosen nicht mehr zutrafen,[149] und ein wachsendes Abrücken von politischer Planung, das in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik in der „Unregierbarkeitsdebatte“ sichtbar wurde und sich im Staatssozialismus in der Abwicklung technischer Reform- und Planungsinitiativen manifestierte, die ohnehin dem fixen Telos in der sozialistischen Diktatur entgegenstanden.[150]
Zweifellos waren die 1970er-Jahre das Jahrzehnt der Krisenkonstruktionen – was nicht gleichbedeutend mit der These von der generellen „Krise“ der 1970er Jahre ist.[151] In der Tat wurde zum Teil darauf verwiesen, dass das obwaltende Bild von einer „Krise“ der 1970er-Jahre auch eine Konstruktion von Zeitzeug:innen war.[152] Zu schematisch muten jedenfalls Überlegungen des Philosophen François Hartog und der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann an, die eine tiefe zukunftsbezogene Zäsur der 1970er- und 1980er-Jahre zu erkennen glaubten: Hartog sprach idealtypisch von einer je dominanten Ordnung der Zeit, in der Zeiterfahrungen ausgedrückt, organisiert und mit Sinn versehen würden. Ein seit der Französischen Revolution obwaltendes Zeitregime der Zukunftsorientierung sei dann vom „Präsentismus“ oder der „Spätmoderne“ abgelöst worden; die großen Zukunftsprojekte seien einer Präsenz der Erinnerungskultur gewichen, die Geschichte aus der Gegenwart heraus bearbeite.[153]
Wissenshistorische und praxeologische Studien verdeutlichen hingegen, dass in den 1970er-und 1980er-Jahren das Nachdenken über und das Handeln für die Zukunft stärker selbstreflexiv wurden. So waren die Alternativkultur und Bewegungen wie das New Age auf Verinnerlichung und Bewusstseinswerdung ausgerichtet, die auf ambivalente Weise das bewusste Leben im Jetzt und apokalyptische Rhetoriken verbanden. Die Hinterfragung der den Einzelnen „verplanenden“ Industriemoderne trug zur neuen Suche nach dem Selbst und dem Erkunden eigener und kollektiver Bedürfnisse im Jetzt und in der Zukunft bei. In Praktiken alternativer Religiosität und mit „Selbsttechniken“ wie der Meditation spürten die Anhänger:innen anderer Lebensweisen der Verbindung von Körper, Seele und Geist, einer individuellen und doch gemeinsam erfahrenen Selbstverwirklichung im Diesseits und Jenseits nach.[154]
Zudem verweisen Arbeiten zu Neuen Sozialen Bewegungen darauf, dass sich die apokalyptisch kommunizierte Sorge vor dem drohenden Atomkrieg und dem Ökozid rasch mit Aufbruchsrhetoriken verknüpfte, die sich gerade aus der partizipativen Dynamik und den erprobten alternativen Gesellschaftsentwürfen speisten.[155] Der Raum individueller Freiheit vergrößerte sich jedenfalls in Westeuropa seit den 1960er-Jahren angesichts einer wachsenden Liberalisierung und Pluralisierung von Lebensstilen. Damit blühten individuelle und milieuspezifische Gestaltungsphantasien, die fast notwendigerweise enttäuscht wurden.[156]
Indes verbanden sich Rufe nach Freiheit und Selbstbestimmung in den 1970er- und 1980er-Jahren mit „neoliberal“ unterlegten Forderungen nach mehr Markt und weniger (staatlicher) Planung.[157] Dies lenkt den Blick auf die Frage, inwiefern in den 1970er- bis 1990er-Jahren eine spezifische Ökonomisierung des Zukünftigen einsetzte. Aus der Krise des Keynesianismus in den 1970er-Jahren und dem folgenden Aufstieg angebotsorientierter, wettbewerbsfixierter Wirtschaftskonzepte erwuchsen „neoliberale“ Verständnisse von Flexibilisierung, Marktgängigkeit und Innovationsorientierung, die – so deutet sich an – Entwürfe und Praktiken der Zukunft nicht nur in der Ökonomie, sondern auch gesamtgesellschaftlich infiltrierten.
Die Durchsetzung „neoliberaler“ Prinzipien wurzelte jedenfalls auch in der Krise politischer Planung: Die Debatte über die „Unregierbarkeit“ von Staaten in den 1970er-Jahren nährte sich nicht nur aus der Kritik an einer Ausweitung der Sozialpolitik, sondern bezog sich ebenso auf die technokratische Planungs- und Steuerungsbegeisterung, die Teile der Zukunfts-Expertise und der politischen Exekutive in der Bundesrepublik oder Großbritannien in den 1960er-Jahren erfasst hatte.[158] Aktuelle Forschungen zeigen, dass vor allem die OECD auf die Arbeitslosigkeit der 1970er- und 1980er-Jahre mit „alternative educational futures“-Modellen reagierte, die ein wiederholtes Ausbildungsmodell propagierten, mehr Flexibilität der Arbeitnehmer:innen einforderten und die Grundlage für das Konzept des „lebenslangen Lernens“ lieferten.[159] In der Europäischen Union der 1990er-Jahre führten Beschwörungen der existenten und kommenden „Wissensgesellschaft“ und des lebenslangen Lernens in Zeiten der Globalisierung dazu, die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts zu rechtfertigen.[160]
Schließlich siedelten sich auch in multinationalen Unternehmen wie bei Daimler oder Volkswagen eigene Einheiten der Zukunftsforschung an, die als Abteilungen für strategische Vorausschau oder strategische Früherkennung firmierten und neben öffentlich-rechtlich oder vereinsrechtlich organisierte Zukunftsforschungsinstitute traten. Auch in Frankreich hing die staatliche Kürzung von Ausgaben für die wirtschaftliche Planification mit einer Ausweitung der unternehmerischen Zukunftsforschung zusammen.[161] Ob damit eine Ökonomisierung und Vermarktlichung von Zukunfts-Wissenschaft einherging, wird im Moment erforscht.[162] Einer Individualisierung von Zukunft in den 1970er- und 1980er-Jahren standen somit neue Zwänge gegenüber, die gerade im Hinblick auf die Rolle von Wirtschaftsexpert:innen und Akteur:innen in multinationalen Unternehmen genauer auszuleuchten sind.[163]
Zugleich entwickelte sich Mitte der 1980er-Jahre aus dem westeuropäischen Wirtschaftsaufschwung und neuen kulturellen Aneignungen der Technik – wie dem Home Computer und dann dem Internet – ein technologischer Optimismus, dessen Konturen noch zu vermessen sind. Er amalgamierte sich in den 1990er-Jahren mit den hohen Erwartungen an die kommende digitalisierte Informations- und Wissensgesellschaft und nahm so auch die genannten neoliberalen Bezüge der technologisch wie ökonomisch verwendbaren Innovationsorientierung in sich auf.[164]
Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde der Sieg der liberal-kapitalistischen „New World Order“ euphorisch gefeiert und gar als „Ende der Geschichte“ verstanden.[165] Hingegen reichte in den ostmitteleuropäischen postsozialistischen Staaten eine „Radiant Future“ des Sozialismus wohl noch weit in die 1990er-Jahre hinein.[166] Die „immense(n) Erwartungen“, die die ostdeutsche Bevölkerung 1990 aufgebaut hatte, wurden in den folgenden Jahren mit der Erfahrung von lebensweltlichen Brüchen, Abwicklungen und Arbeitslosigkeit offenkundig enttäuscht. Sie trugen dazu bei, so ist in neueren Forschungsarbeiten zur sozioökonomischen Transformation der 1990er-Jahre zu lesen, das „Image“ der Demokratie in Ostdeutschland anzukratzen.[167]
Mit Blick auf das gesamte 20. Jahrhundert ist gefragt worden, ob sich Erfahrungen und Erwartungen im Koselleck’schen Verständnis wieder annäherten, die damaligen „Erwartungen – erfüllt oder bitter enttäuscht – nun selbst zur historischen Erfahrung“ geworden seien[168] oder sich das Begriffspaar als zu wenig komplex für die Deutung erwiesen habe.[169] Es deutet sich an, dass zumindest in der politischen Kommunikation gegen Ende des 20. Jahrhunderts Erwartungen nicht schrumpften, sondern räumlich (hin zum Globalen) und zeitlich (hin zur Langfristigkeit) wuchsen: Die nachhaltige Entwicklung bzw. Nachhaltigkeit avancierte zu einem moralischen Imperativ und langfristigen Ziel lokaler, nationaler und globaler Politik,[170] die Bewältigung des Klimawandels zur drängenden, globalen und wissenschaftsbasierten Zukunftsaufgabe, die nicht zuletzt aufgrund ihrer globalen Komplexität im Heute zu lösen ist, um langfristig wirken zu können. Anfang des 21. Jahrhunderts bestimmen so eher neue Überzeugungen von einer planbaren Zukunft die internationale Politik. Die These von einem Ende des Fortschrittsdenkens in den 1970er-Jahren ist dahingehend zu modifizieren.[171] Ein im engeren Sinne technokratischer politischer Steuerungsansatz, der die europäische „Hochmoderne“ kennzeichnete, scheint sich hingegen in China wiederzufinden.
Eine empirisch tiefe und systematische Überprüfung dieser Überlegungen steht noch aus, die angesichts pluritemporaler Verhältnisse gerade im europäischen Vergleich differenziert werden müssen. Dennoch deutet sich an, dass in einer sozioökonomischen und kulturellen Transformationsphase der 1970er- bis 1990er-Jahre – die West- und Osteuropa umfasste – Entwürfe und Kommunikation des Zukünftigen tiefgreifenden Änderungen unterlagen. Verständnisse von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit sowie Leitbegriffe aus dem Beginn der technisch-industriellen „Hochmoderne“ um 1900 wie Fortschritt und Modernisierung wurden auf den Prüfstand gestellt – dies wirkt fort bis in unsere Gegenwart.
Fernando Esposito (Hrsg.), Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom, Göttingen 2017
Rüdiger Graf, Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918-1933, München 2008
Lucian Hölscher (Hrsg.), Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, Frankfurt a.M. 2017
Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1979
Elke Seefried (Hrsg.), Politische Zukünfte im 20. Jahrhundert. Parteien – Bewegungen – Umbrüche, Frankfurt 2022
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