Reitmayer eliten v2 de 2022

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Neu in einer aktualisierten Version 2.0: Dem Begriff der „Elite“ wohnt eine begriffliche Unschärfe inne, der Morten Reitmayer in seinem Artikel auf den Grund geht. Beginnend bei frühen Elite-Theorien, die die Unterscheidung von Elite und Nicht-Elite als wichtigste gesellschaftliche Trennlinie betrachteten, wendet er sich zentralen Termini zu und grenzt Funktions- und Machteliten voneinander ab. Zentral für Reitmayer sind auch die fruchtbaren kritischen Ansätze von Bourdieu, die für ihn eine potenzielle Bereicherung der Erträge der Eliten-Forschung bereithalten.
Eliten

von Morten Reitmayer


Der Begriff Elite bezeichnet gemeinhin eine Gruppe von Menschen, die durch den Besitz bestimmter Eigenschaften, das Ausüben bestimmter Funktionen, durch die Verfügungsmacht über die Allokation knapper Ressourcen oder durch die Entscheidungsgewalt über die Ausübung von Herrschaft gegenüber der Mehrheit einer sozialen Entität herausgehoben ist und deren Handeln eine überproportionale Wirksamkeit zugeschrieben wird. Bei den Eigenschaften kann es sich um bloß behauptete Qualitäten wie Leistungsfähigkeit oder moralische Tadellosigkeit, aber auch um das anerkannte Ergebnis derartiger Behauptungen durch das erfolgreiche Durchlaufen eines Ausleseprozesses handeln. Für die empirische Untersuchung gesellschaftlicher Machtgruppen bzw. zu deren Identifizierung bietet sich deshalb pragmatisch und in Anlehnung an den „Feld“-Ansatz Pierre Bourdieus eine Arbeitsdefinition an, die in einem gegebenen Handlungsfeld nach denjenigen Akteuren[1] sucht, die nicht nur sehr viel Macht in diesem Feld ausüben und sich deshalb einen überproportional großen Anteil an den hier arbeitsteilig erwirtschafteten Profiten anzueignen vermögen, sondern die auch wesentlich über die Regeln entscheiden, die in diesem Feld herrschen.

Im Gegensatz zu anderen politisch-sozialen Ordnungsbegriffen wie „Masse“ oder „Klasse“, die in der Bundesrepublik nach 1945 relativ schnell aus dem sozialwissenschaftlichen Vokabular wie aus der legitimen politischen Sprache und dem Alltagsgebrauch verschwanden, erfreut sich der Elite-Begriff nach wie vor einer großen und sogar zunehmenden Beliebtheit bei Wissenschaftler*innen, Publizist*innen und Politiker*innen. In der politisch-publizistischen Sprache der Bundesrepublik changiert die Bedeutung des Begriffs zwischen Ansprüchen auf den Vorbildcharakter der Eliten-Mitglieder einerseits und der individuellen Leistungsauslese andererseits, während im anglo-amerikanischen Raum die Akkumulation gesellschaftlicher Macht im Vordergrund steht. In jedem dieser Fälle drückt die Verwendung des Elite-Begriffs unterschiedliche historische Erfahrungen und damit ein spezifisches Meinungswissen über die Gesellschaft aus.[2] Daher bedarf er in seinen unterschiedlichen Ausprägungen einer präzisen Historisierung: Eine Geschichte der Elite-Theorien wird diese stets in den Kontext ihrer Entstehung einbetten; die Verwendung dieser Theorien wird den impliziten und expliziten Vorannahmen, die aus diesem Kontext in die Theoriebildung eingeflossen sind, nicht entgehen können.


Im Gegensatz zu anderen politisch-sozialen Ordnungsbegriffen erfreut sich der Elite-Begriff nach wie vor einer großen und sogar zunehmenden Beliebtheit im Alltagsgebrauch.<br />Werbeschild einer Schnellreinigung in den USA. Foto: [https://www.flickr.com/photos/roadsidepictures/ Roadsidepictures], Meridian, Idaho, 14. Juli 2010. Quelle: [https://www.flickr.com/photos/roadsidepictures/4794906435/ Flickr], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/ CC BY-NC 2.0]
Im Gegensatz zu anderen politisch-sozialen Ordnungsbegriffen erfreut sich der Elite-Begriff nach wie vor einer großen und sogar zunehmenden Beliebtheit im Alltagsgebrauch.
Werbeschild einer Schnellreinigung in den USA. Foto: Roadsidepictures, Meridian, Idaho, 14. Juli 2010. Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC 2.0


Genese und Entwicklung der modernen Elite-Theorien

Sieht man von Versuchen ab, frühe Theorien über Eliten auf Saint-Simon, Thomas Carlyle, Machiavelli oder sogar Plato zurückzuführen – diese Autoren verwendeten den Terminus „Elite“ noch nicht –, so beginnt die Entwicklung des modernen, sozialwissenschaftlich untermauerten Elite-Begriffs mit den Arbeiten von Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto. Was beide Sozialtheoretiker bei allen Unterschieden miteinander verband, war der Ehrgeiz, realistische und vorurteilsfreie Begriffe zur Beschreibung der sozialen Welt zu konzipieren und auf diese Weise die Krise der liberalen Demokratie zu überwinden, in der sich die europäischen Gesellschaften ihrer Meinung nach befanden.

Demzufolge war ihr jeweiliger Elite-Begriff eingebettet in eine ganze Theorie der Bedingungen sozialer Stabilität beziehungsweise (vor allem bei Pareto) des sozialen Wandels – von schrittweisen Veränderungen bis hin zur Revolution. Allerdings verwendeten beide den fraglichen Terminus nicht in strenger Form, das heißt abgegrenzt von seinen Nachbarbegriffen. Vielmehr gebrauchte Pareto „Elite“, „Aristokratie“ und „Herrschende Klasse“ durchaus synonym, und Mosca, der dem Wort „Elite“ eher unwillig gegenüberstand, schrieb lieber von der „Politischen Klasse“ („classe politica“), woraus in der Rezeption die „Regierende“, später die „Herrschende Klasse“ und schließlich die „Elite“ wurde.[3]

Die begriffliche Unschärfe ist den Elite-Modellen also von Anfang an eingebaut. Sie ist die logische Folge des Anspruchs ihrer Urheber, mit dem Elite-Begriff eine überhistorische Kategorie mit universaler Analyse- und Erklärungskraft gefunden zu haben. Das empirische Material, auf das sich Mosca und Pareto bezogen, war die gesamte Menschheitsgeschichte beziehungsweise angenommene anthropologische Konstanten. Die dabei im Gestus der Entlarvung aufgestellte Behauptung, alle menschlichen Gesellschaften würden von Eliten regiert, zielte politisch auf die Entlegitimierung aller demokratischen und partizipatorischen Parteien, Bewegungen und Ideologien einschließlich des Marxismus, auf dessen „Widerlegung“ beide einen erheblichen Aufwand verwendeten.

Der gedankliche Ausgangspunkt von Moscas wie Paretos Bemühungen war die Behauptung, die Unterscheidung zwischen Elite und Nicht-Elite stelle die wichtigste gesellschaftliche Teilungslinie dar. In diesem Zusammenhang verdanken die Ideengeschichte und die Sozialwissenschaften Pareto einen der konsequentesten Versuche, einen wirklich präzisen Elite-Begriff zu modellieren, nämlich mittels eines Index menschlicher Leistungen: Die Individuen mit der höchsten Messzahl stellen die Elite dar.[4] Langfristig wirksamer als diese in der empirischen Arbeit schwer umzusetzende Idee einer „Leistungselite“ wurde Paretos Modell sozialen Wandels, das auf der permanenten Konkurrenz zweier Fraktionen der Elite basiert: der aktuell regierenden und der nicht-regierenden (ähnliche Vorstellungen finden sich auch bei Mosca).

Damit wurde die Frage des Erfolgs oder Misserfolgs, mit dem Eliten in ihrem ewigen Kampf die Oberherrschaft verteidigen bzw. zu erlangen vermögen, und nach den Erfolgsbedingungen und -strategien – etwa Repression, Korrumpierung der Gegner oder die Verbreitung bestimmter Ideologien – zu einer zentralen Perspektive der Elite-Theorien Moscas und Paretos. Die späteren Modelle von „Machteliten“ und „Funktionseliten“ haben hier ihren theoretischen Ursprung. Aus der Dynamik dieser Eliten-Konkurrenz versuchten die frühen Elite-Theorien, allen gesellschaftlichen Wandel zu erklären, und reduzierten damit letztlich das relevante soziale Geschehen auf das Handeln der Elite. Dieser Glaube an die gesellschaftlich allein ausschlaggebende Bedeutung der Elite, der sich unter anderem in der Vorannahme nicht weniger späterer Elite-Studien manifestiert, die Analyse der Elite eines Landes enthielte bereits alles Wissenswerte über dessen Gesellschaft, stellt deshalb ebenso wie die elementare gesellschaftliche Einteilung in Elite und Nicht-Elite ein Erbe Moscas und Paretos dar.



„Funktionseliten“

Weder Mosca noch Pareto hinterließen wissenschaftliche Schulen, die ihre Ideen hätten weiterentwickeln können. So erhielt die Theoriebildung erst in den 1940er- und frühen 50er-Jahren neue Impulse. Nun stellte allerdings nicht mehr die Krise des Liberalismus, sondern die totalitäre Bedrohung der Massendemokratie beziehungsweise der Ost-West-Konflikt den politisch-ideellen Stimulus dar: In seinem englischen Exil verfasste der deutsche Soziologe Karl Mannheim nicht nur den ersten brauchbaren Überblick über die bisher erschienene Literatur zum Elite-Thema; er konzipierte vor allem die Vision einer Planungselite im Massenzeitalter, die durch die effiziente Steuerung der gesellschaftlich notwendigen Funktionen die Demokratie am Leben hält. In diesem Modell wurde die Demokratie erstmals zum schützenswerten Gut einer funktional gedachten Elite (allerdings noch nicht einer „Funktionselite“ im strengen Sinn).[5]

Einen ganz eigenen und durchaus originellen Begriff der Funktionselite konzipierte zu Beginn der 1950er-Jahre in Deutschland Otto Stammer.[6] In demokratischen Systemen bestand für ihn die Rolle der politischen Funktionselite, die sich in seinem Modell aus Parlamentariern, Journalisten, hohen Beamten, aber auch aus Interessenvertretern zusammensetzte, in der Vermittlung von Interessen, Meinungen und Herrschaftswillen zwischen der Führungsspitze und der Wählerschaft, kurz: in der politischen Willensbildung und deren Durchsetzung. Die Eigenart und Originalität dieses Elite-Begriffs besteht darin, dass gerade nicht die Entscheidungsspitze zur Elite gezählt wird, sondern diejenigen Gruppen direkt unter ihnen. Anders gesagt, die (politischen) Funktionseliten stellen gerade keine Entscheidungseliten im oben genannten Sinne dar. Vielmehr handelte es sich in diesem Begriffskontext um Akteure, die mit begrenzter Entscheidungsautonomie unverzichtbare Leistungen für ein soziales System erbringen, aber an den zentralen Entscheidungen nicht beteiligt sind.

In seiner reinsten Form wurde das Konzept der Funktionselite dann zu Beginn der 1960er-Jahre von Hans Peter Dreitzel entwickelt. In diesem Modell gewährleisten die Elite-Mitglieder, die nach den Maßstäben individueller Leistung und des Erfolgs bei der Erledigung ihrer Aufgaben in die Entscheidungsspitzen aufgenommen werden, die wesentlichen Funktionen einer Gesellschaft. Gleichzeitig wirken sie als gesellschaftliches Vorbild, indem sie die zentralen Systemanforderungen als persönliche Werthaltungen über ihren engeren Personenkreis hinaus verbreiten. Dreitzel definierte diese Funktionselite wie folgt:

„Eine Elite bilden diejenigen Inhaber der Spitzenpositionen in einer Gruppe, Organisation oder Institution, die auf Grund einer sich wesentlich an dem persönlichen Leistungswissen orientierenden Auslese in diese Positionen gelangt sind, und die kraft ihrer Positions-Rolle die Macht oder den Einfluss haben, über ihre Gruppenbelange hinaus zur Erhaltung oder Veränderung der Sozialstruktur und der sie tragenden Normen unmittelbar beizutragen oder die auf Grund ihres Prestiges eine Vorbildrolle spielen können, die über ihre Gruppe hinaus das Verhalten anderer normativ mitbestimmt. […] Die elitäre Sozialstruktur [der industriellen Gesellschaft, M.R.] verlangt prinzipielle Offenheit ihrer Spitzenpositionen für jeden und stellt damit das Problem der Auslese in neuartiger Schärfe. […] Für die industrielle Gesellschaft ist die prinzipielle Offenheit der Berufsstruktur […] eine funktionale Notwendigkeit, weil sie die Voraussetzung ihrer Leistungsfähigkeit ist.“[7]

In mehrfacher Hinsicht ist Dreitzels Elite-Modell dabei exemplarisch geworden: Erstens schätzte sein Urheber selbst es als weitgehend ungeeignet für die empirische Forschung ein, und tatsächlich liegen kaum empirische Untersuchungen zu Funktionseliten in diesem strengen Sinne vor. Zweitens verknüpfte Dreitzel wie kein anderer das Moment der individuellen Leistungsauslese der Elite mit den systemischen Anforderungen moderner Gesellschaften, zu denen er auch die kommunistisch beherrschten rechnete. Drittens insistierte Dreitzel wiederholt darauf, dass nur die entwickelten Industriegesellschaften über die „elitäre Sozialstruktur“ verfügten, die Eliten erst notwendig mache und hervorbringe. Diese elitäre Sozialstruktur beruhe auf der grundsätzlichen sozialen Offenheit des Zugangs zu den funktionalen Spitzenpositionen. Dreitzels Elite-Begriff ist also eine historische, keine universale Kategorie. Damit steht sein Modell paradigmatisch für die spätestens seit Mitte der 1960er-Jahre in der Bundesrepublik vorherrschende Aufladung des Elite-Begriffs mit dem Moment der individuellen Leistungsauslese. Viertens schließlich stellten Funktionseliten immer nur Teileliten dar; im Horizont dieses Elite-Begriffs existiert also keine einheitliche und beherrschende Gesamtelite.

Eine andere, ganz ausdrücklich kaum weniger empirieferne Elite-Theorie entwarf fast zur gleichen Zeit Suzanne Keller mit ihrem Konzept der „Strategischen Eliten“. Unter ausdrücklicher Berufung auf Talcott Parsons’ berühmtes AGIL-Schema[8] und im Vertrauen auf die vermeintliche Objektivität funktionalistischer Ansätze[9] entwarf Keller ein historisches Phasenmodell der Entwicklung von Eliten, das durch fortwährende funktionale Differenzierungen von den herrschenden Kasten früher Gesellschaften über die Aristokratien des europäischen Mittelalters und die herrschenden Klassen des 19. Jahrhunderts (daher der Titel ihrer Monografie: „Beyond the Ruling Class“) in die Entwicklung der „Strategischen Eliten“ der Gegenwart mündete. „Eliten“ gab es demnach zu allen Zeiten, „Strategische Eliten“ erst im 20. Jahrhundert.

Während sich alle Eliten durch ihre besonderen Funktionen, nämlich die Verantwortung für die Realisierung der wesentlichen Ziele der Gruppe und die Kontinuität der sozialen Ordnung auszeichnen (auch Keller übernahm hier die Grundannahme Moscas und Paretos von der elementaren Relevanz der Elite für jede Gesellschaft), könnten diese Aufgaben in modernen Gesellschaften wegen deren Differenziertheit nicht mehr von einer einheitlichen, sondern nur noch von funktionalen Teileliten wahrgenommen werden. Diese strategischen Teileliten seien von geringem zahlenmäßigem Umfang und von flüchtiger sozialer Konsistenz und in ihrer Rekrutierung auch nicht derart geschlossen wie die oberen Klassen des 19. Jahrhunderts. Aus diesem Grund insistierte Keller – wie Dreitzel – auf der sozialen Offenheit dieser Teileliten als sozialem Faktum. Keller schloss ihr Buch mit einem optimistischen Fazit: Der Traum von einer Gesellschaft, die Freiheit und Pluralismus für alle ihre Mitglieder ermögliche und die statt durch Despotie durch Leistung regiert werde, sei schon beinahe Wirklichkeit geworden.

Dieser Fortschrittsoptimismus ließ sich in den 1960er-Jahren, als Kellers Studien entstanden, durchaus als „liberal“ verstehen. Doch hat die These der sozialen Offenheit von Elite-Positionen der empirischen Überprüfung nicht standgehalten. Sie verwandelte sich mit der Zeit in eine sozialkonservative Abwehrideologie, während gleichzeitig die Vorstellung, Freiheit und Pluralismus sollten allein vom Verhalten der Funktionseliten abhängen, auf die Kritik von Partizipationsforderungen stieß.

Dennoch bleiben zentrale Überlegungen Kellers zum Elite-Begriff immer noch bedenkenswert. Das Handeln von Eliten erschöpft sich ja keineswegs in der Exekution von Herrschaft oder der Allokation von Produktionsfaktoren. Auch moderne Entscheidungseliten – Regierungen, Unternehmensspitzen – sind zu ihrem eigenen Vorteil gehalten, Veränderungen ihrer sozialen Umwelt zu erkennen, Ziele zu setzen, diese Ziele zu kommunizieren und ihre jeweilige „Gesellschaft“ auf diese Ziele hin zu integrieren. Nur obliegt die Organisation dieser Aufgaben in der Praxis nicht unterschiedlichen, holistisch konstruierten Funktionseliten – auch wenn viele Teilaufgaben tatsächlich an Funktionseliten delegiert werden können –, sondern den Entscheidungsspitzen selbst.

Eine solche Weiterentwicklung des Elite-Begriffs im Sinne von Parsons und Keller bietet entscheidende Vorteile für die vergleichende empirische Forschung: Erstens löst sie den Elite-Begriff von einer a-priori-Rechtfertigung politisch-sozialer Ungleichheit, wenn diese als funktional notwendig und ohnehin nur jeweils vorübergehend, weil fluide, angesehen wird. Zweitens öffnet sie den Blick für strukturelle Spannungsverhältnisse zwischen einzelnen Teileliten. Und drittens eröffnet sie die Möglichkeit, entlang der systemischen Anforderungen, die das AGIL-Schema ausdrückt, die Frage zu stellen, mit welchem Erfolg und durch welche Erfolgsbedingungen Eliten die jeweiligen historischen Herausforderungen angenommen haben. Die Frage nach dem Erfolg oder Misserfolg von Eliten, die Mosca und Pareto angetrieben hatte, wäre damit ihrer antidemokratischen Spitze entkleidet.


„Machteliten“

Wirkungsmächtig wurde dieser Begriff zunächst in den Vereinigten Staaten, wo im Verlauf der 1950er-Jahre eine Reihe von Studien erschien, die in methodischer und empirischer Hinsicht für lange Zeit maßgeblich wurden, und zwar in dreifacher Hinsicht: Erstens legten sie die Grundlagen für den systematischen Vergleich zwischen nationalen Eliten; zweitens begannen sie über narrative Quellen hinaus sozialstrukturelle Daten als empirische Belege ihrer Untersuchungen zu verwenden und teilweise selbst zu erheben. Und drittens zielten sie darauf, aus der Formation nationaler Eliten allgemeine Rückschlüsse auf die Politik von Ländern ziehen zu können, die von besonderem Interesse für die USA waren, weshalb zu dieser Zeit Westdeutschland, aber auch das „Dritte Reich“ und das faschistische Italien sowie die Volksrepublik China und die Sowjetunion den Untersuchungsgegenstand darstellten.[10]

Noch aus zwei weiteren Gründen waren die US-amerikanischen Sozialwissenschaften zu dieser Zeit führend in der Weiterentwicklung der Eliten-Forschung in Theorie und Praxis. Zum einen schuf die community power-Forschung mit dem Reputations- und dem Entscheidungsansatz neue Verfahren der Identifizierung zunächst lokaler, dann aber auch überlokaler Eliten.[11] Zum anderen wies Charles Wright Mills’ gleich näher zu erörterndes Konzept der „Machtelite“ in eine ganz neue Richtung der Eliten-Forschung. Erst als dieses konzeptionelle Niveau der Analyse von Eliten in Theorie und Praxis erreicht war, konnte ein Problem aufgerollt werden, das die Elite-Theorien und -Theoretiker*innen bis heute beschäftigt: der modelltheoretisch nach wie vor nicht endgültig bestimmte Status des sozialen Aggregats „Elite“ als eine Art (Herrschender) Klasse, als Schicht („Führungsschicht“, „Oberschicht“) oder als rein abstrakte Summe von Individuen.

Bemerkenswerterweise waren und sind es gerade mehr oder weniger unorthodox marxistisch inspirierte Sozialwissenschaftler, die auch gelegentlich als „kritische“ Eliten-Theoretiker bezeichnet werden, die die avanciertesten Lösungen für dieses Problem konzipiert haben. Zu nennen sind neben C. Wright Mills vor allem Michael Hartmann und Pierre Bourdieu.

Mills sah die amerikanische Gesellschaft der Eisenhower-Ära beherrscht von einer sehr kleinen und hochintegrierten, ja oligarchischen „Machtelite“ (ein Begriff, dem er mit seinem Buch Berühmtheit verschaffte), die längst zu einer schweren Bedrohung der Demokratie geworden sei. Damit übernahm Mills aber auch zwei wichtige Grundannahmen der klassischen Elite-Theorie Moscas und Paretos, nämlich zum einen, dass die Zweiteilung zwischen Elite und Nicht-Elite die wichtigste soziale Unterscheidung darstelle, und zum anderen den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Elite und Demokratie; eine solche Bedrohung wollte Mills allerdings ausdrücklich nur für die Gegenwart und nicht etwa für die gesamte US-amerikanische Geschichte anerkennen.[12]


Elite und Demokratie: ein unversöhnlicher Gegensatz?<br />Foto: [https://www.flickr.com/photos/anjan58/ anjan58], London, 12. November 2011. Quelle: [https://www.flickr.com/photos/anjan58/6348036045/ Flickr], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/ CC BY-NC-ND 2.0]
Elite und Demokratie: ein unversöhnlicher Gegensatz?
Foto: anjan58, London, 12. November 2011. Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0


Andererseits war Mills’ Konzept der Machtelite ganz deutlich, wenn auch indirekt, ein Produkt des Kalten Kriegs, also einer einmaligen historischen Konstellation, denn ein wesentlicher Faktor für ihre politisch-soziale Genese war laut Mills die „permanente Kriegswirtschaft“, welche die enge und dauerhafte Verzahnung politischer, wirtschaftlicher und militärischer Interessen erst ermöglicht habe. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Mills’ Konzept der „Machtelite“, entwickelt zur Analyse der realen Machtverteilung einer aus seiner Sicht bloß noch formal demokratischen, kapitalistischen, atomaren Supermacht im Zustand hoher außenpolitischer Spannungen, nur schwer auf andere Gesellschaften übertragbar.

Diese wenige tausend Köpfe zählende Machtelite bezeichnete Mills ausdrücklich nicht als „Herrschende Klasse“, um nicht eine Dominanz der Unternehmerschaft zu suggerieren. Eine „Oberschicht“ müsste zahlenmäßig viel umfangreicher sein; eine bloße Summe von Individuen wiederum wäre untereinander nicht stark vernetzt. Seit Mills bleibt der Terminus „Machtelite“ daher für eine kleine Oligarchie mit hochkonzentrierten und weitreichenden Entscheidungsmöglichkeiten reserviert. Diese Machtelite definierte er als diejenigen „Männer“, denen ihre Positionen „die Möglichkeit [geben], Entscheidungen von größter Tragweite zu treffen“.[13] Damit meinte er die Inhaber der Schlüsselpositionen der „großen institutionellen Hierarchien“ – Politik, Wirtschaft und Militär:

Sie „beherrschen […] die mächtigsten Hierarchien und Organisationen der modernen Gesellschaft. Sie leiten die großen Wirtschaftsunternehmen. Sie sitzen an den Schalthebeln des Staatsapparates und beanspruchen für sich alle Vorrechte, die sich daraus ergeben. Sie befehligen die Streitkräfte. Sie nehmen in unserer Gesellschaftsstruktur die strategisch wichtigen Kommandostellen ein und verfügen damit auch über alle Mittel, von der Macht, dem Reichtum und der Berühmtheit, deren sie sich erfreuen, wirksam Gebrauch zu machen.“ Im Weiteren gab Mills eine sehr ausdifferenzierte positionale Bestimmung der amerikanischen Machtelite, weil er nicht allein die einfache Position an der Spitze der Hierarchie zum Qualifikationskriterium erklärte, sondern die Verknüpfung verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme. Der „innere Kern“ der amerikanischen Machtelite bestand demnach zum einen „aus den Männern, die die Führungsrollen in den drei Institutionen untereinander austauschen: dem Admiral, der gleichzeitig Bankier und Anwalt ist und jetzt einer wichtigen Bundesbehörde vorsteht; dem Generaldirektor, dessen Gesellschaft zu den drei größten Kriegsmaterial-Produzenten gehörte und der jetzt Verteidigungsminister ist“.[14]

Zum anderen rechnete Mills zu diesem „inneren Kern“ die Leiter einiger großer Anwaltsfirmen sowie eine Reihe von Bankiers, die die Rolle eines „professionellen Mittelsmann[es] zwischen Wirtschaft, Politik und Militär“ spielten. Diese Personen stünden in einem ständigen beruflichen wie privaten Austausch miteinander und prägten so eine gemeinsame Wert- und Wahrnehmungsstruktur aus. Die „Männer an der Peripherie der Macht-Elite“ bekleideten dagegen eine Spitzenposition in nur einem der drei Bereiche, und in ihren und „den darunter gelegenen Rängen geht die Macht-Elite allmählich in die mittleren Machtebenen über“.[15] In der Differenziertheit seiner Studie fand Mills nur wenige Nachfolger. Allerdings erntete er auch heftige Kritik, weil sein skeptischer Blick offensichtlich gegen das zeitgenössische Meinungswissen verstieß, das lieber vom Pluralismus konkurrierender Teileliten sprach und in diesen „Vetogruppen“ keine Bedrohung für die Demokratie sehen mochte.[16]


„Kritische“ Elite-Theorien

Michael Hartmann, derzeit sicherlich Deutschlands führender „Elitesoziologe“, hat den Ansatz von Mills – unter ausdrücklicher Adaption von dessen gesellschaftskritischer Perspektive, wenn auch nicht seiner umfassenden Zeitdiagnose – übernommen und weiterentwickelt. Das Erkenntnisinteresse seiner Arbeiten ist deutlich darauf gerichtet, die in Deutschland zweifellos vorherrschende Auffassung, Eliten, vor allem wirtschaftliche, würden durch individuelle Leistung auserlesen, als Mythos zu entlarven.[17] Das ist ihm empirisch zweifellos gelungen, wobei er in weitaus höherem Maße als Mills quantifizierend argumentiert. Allerdings hat Hartmann dabei partiell den Elite-Begriff zu Gunsten desjenigen der „Herrschenden Klasse“ beziehungsweise des damit synonym gebrauchten „Großbürgertums“ aufgegeben.[18]

Dies ist die logische Konsequenz der Anlage von Hartmanns Untersuchungen, in denen er im Wesentlichen der Reproduktion einer „Positionselite“, in diesem Fall der Vorstandsmitglieder von Großunternehmen, durch soziale Herkunft, Bildungstitel und habituelle Prägungen nachgeht und demzufolge ein wesentlich breiteres soziales Stratum als Herkunftsmilieu der Topmanager erschließen muss, als es etwa Mills konzentrierte „Machtelite“ darstellt. Die Elite besteht hier also nicht allein aus der kleinen Gruppe der Positionsinhaber, sondern aus dem gesamten, rund vier Prozent der Bevölkerung umfassenden Sozialmilieu, aus dem die Inhaber der Spitzenpositionen bevorzugt rekrutiert werden. Hartmanns Annäherung des Elite-Begriffs an Klassen-Konzepte erscheint damit ebenso sehr als politisch-ideell („kritisch“) motivierte Revitalisierung der Klassenanalyse wie als notwendige Folge seines Erkenntnisinteresses.


Die einflussreichsten Persönlichkeiten im Aufsichtsrat der 1926 gegründeten IG Farben AG, von den Mitarbeitern „Der Rat der Götter“ genannt. Stehend v.l.n.r.: Arthur von Weinberg (Farbwerke Leopold Cassella & Co.), Carl Müller (Badische Anilin und Soda Fabrik Aktiengesellschaft), Edmund ter Meer (Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer AG), Adolf Haeuser (Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG), Franz Oppenheim (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication); sitzend v.l.n.r.: Theodor Plieninger (Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG), Ernst von Simson (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication), Carl Bosch, Vorstandsvorsitzender (Badische Anilin und Soda Fabrik Aktiengesellschaft), Walther vom Rath (Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG), Wilhelm Ferdinand Kalle (Chemische Fabrik Kalle & Co.), Carl von Weinberg (Farbwerke Leopold Cassella & Co.), Carl Duisberg, Aufsichtsratsvorsitzender (Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. AG.<br />Gemälde von Hermann Gröber (1865-1935) aus dem Jahr 1926. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IGFarbenGoetterrat.jpg?uselang=de Wikimedia Commons] gemeinfrei
Die einflussreichsten Persönlichkeiten im Aufsichtsrat der 1926 gegründeten IG Farben AG, von den Mitarbeitern „Der Rat der Götter“ genannt. Stehend v.l.n.r.: Arthur von Weinberg (Farbwerke Leopold Cassella & Co.), Carl Müller (Badische Anilin und Soda Fabrik Aktiengesellschaft), Edmund ter Meer (Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer AG), Adolf Haeuser (Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG), Franz Oppenheim (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication); sitzend v.l.n.r.: Theodor Plieninger (Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG), Ernst von Simson (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication), Carl Bosch, Vorstandsvorsitzender (Badische Anilin und Soda Fabrik Aktiengesellschaft), Walther vom Rath (Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG), Wilhelm Ferdinand Kalle (Chemische Fabrik Kalle & Co.), Carl von Weinberg (Farbwerke Leopold Cassella & Co.), Carl Duisberg, Aufsichtsratsvorsitzender (Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. AG.
Gemälde von Hermann Gröber (1865-1935) aus dem Jahr 1926. Quelle: Wikimedia Commons gemeinfrei


Damit eröffnen sich allerdings neue (aus Sicht der Klassenanalyse durchaus bekannte) konzeptionelle Probleme, von denen hier nur drei genannt werden sollen: Erstens müsste eingehender als bisher geklärt werden, worin die „Klassenherrschaft der Elite“ denn besteht, wie sie sich zu demokratischen Institutionen, bürgerschaftlicher Partizipation, betrieblicher Mitbestimmung usw. verhält, wie sich das „Klassenbewusstsein“ dieser Elite reproduziert und weshalb ihr keine andere selbstbewusste Klasse gegenübersteht, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die Klassenherrschaft ausgeübt und gesichert wird, in welchen Institutionen und Ereignissen sie manifest und sichtbar wird – kurz, wie es um den Klassencharakter der bundesdeutschen Gesellschaft jenseits der unbestreitbaren Segregation im Bildungssystem und der auseinanderdriftenden Einkommensverteilung bestellt ist.

Zweitens sind die Beziehungen zwischen den Klassen und damit die typische Art und Weise des Elite-Handelns so gut wie unerforscht, jedenfalls im konzeptionellen Horizont der neueren Elite-Theorien. Reduzieren sich die (Klassen-)Beziehungen zwischen der Unternehmerschaft und den Beschäftigten auf das Lohnverhältnis, oder eröffnet der Elite-Begriff hier die Möglichkeit zu einer größeren Differenzierung? Wie lässt sich darüber hinaus historischer Wandel des Elite-Handelns konzipieren? Und drittens stellt sich die Frage nach den anderen Fraktionen dieser Elite oder „Herrschenden Klasse“, vor allem denjenigen in Politik, Bildungswesen, Medien und Kultur, die zur Aufrechterhaltung dieser Klassenherrschaft notwendig sein müssten, zu denen die ökonomische (Teil-)Elite jedoch nicht nur Komplementär-, sondern auch Konkurrenz- und Konfliktbeziehungen unterhält – ganz abgesehen von „Gegeneliten“, vor allem in Gewerkschaften und oppositionellen politischen Parteien. Anders gesagt, das zentrale Problem des Verhältnisses zwischen ökonomischem Kapital einerseits und politischem, kulturellem, sozialem und symbolischem Kapital andererseits scheint an dieser Stelle modelltheoretisch noch nicht gelöst.

Den weitesten Schritt zu einer solchen Lösung hin hat sicherlich der französische Soziologe Pierre Bourdieu getan, der sich im Verlauf der 1980er- und 90er-Jahre in seinen Untersuchungen mehr und mehr vom bisher verwendeten Begriff der „Herrschenden Klasse“ (den Terminus „Elite“ verwendete er nur polemisch) verabschiedet und diesen durch das Konzept des „Feldes der Macht“ ersetzt hat. Dieses Feld unterscheidet sich seinem Ansatz nach von anderen sozialen Feldern zum einen dadurch, dass innerhalb seines Ausdehnungsbereichs nicht um die Akkumulation einer bestimmten einzelnen Kapitalform – im ökonomischen Feld beispielsweise um wirtschaftliche Profite –, sondern um den relationalen Wert der oben genannten Kapitalsorten gekämpft wird. Hier geht es also um die Suprematie einer bestimmten Kapitalform über die anderen (was sich grob als „Primat der Politik“ oder „Primat der Wirtschaft“ ausdrücken ließe). Zum anderen finden in diesem Feld neben den Auseinandersetzungen um das „herrschende Herrschaftsprinzip“ auch diejenigen um das „herrschende Legitimationsprinzip“ statt.

Damit löste Bourdieu nicht nur einige der oben skizzierten konzeptionellen Probleme, vor allem diejenigen der Herstellung von Legitimation für Herrschaft und Ungleichheit sowie der Beziehungen zwischen den Teileliten; er vollzog vor allem einen entscheidenden Bruch mit allen bisherigen Elite-Theorien.[19] Denn er richtete sein Augenmerk nicht mehr auf das Profil einer Personengruppe (der „Elite“ oder „Herrschenden Klasse“), sondern auf „Strukturen der Macht“ und auf die spezifische Logik einer Arena von Positionen und Kämpfen, auf die hier vorherrschenden Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen, die legitimen Reproduktionsmechanismen, auf den nomos des Feldes.[20]

In seinen empirischen Arbeiten hat Bourdieu dann immer wieder Teilbereiche des Feldes der Macht mit seinen Institutionen untersucht: das höhere Bildungssystem (besonders die grandes écoles), das französische Episkopat, die großen nationalen Planungsstäbe, aber auch das Feld der Intellektuellen und Aspekte des ökonomischen Feldes, ohne jedoch jemals eine geschlossene Darstellung des Feldes der Macht als solchem vorzulegen.[21] So blieben die allgemeine wie die jeweils besondere historische Logik dieses besonderen Feldes letztlich nur vage skizziert. An diesem „Versäumnis“ krankt sicherlich die Rezeption des Konzepts in Deutschland. Zweifellos hat die knappe Darstellung in „La Noblesse d’état“ mit ihrer sehr schematischen Gegenüberstellung von nur zwei Kapitalsorten – dem ökonomischen und dem kulturellen Kapital –, die sich bei weitem nicht mit der Differenziertheit messen kann, die die Darstellung des sozialen Raums in „Die feinen Unterschiede“ oder in „Homo academicus“ erreicht, eher zu Missverständnissen herausgefordert. Dazu kam noch die gelegentliche Bemerkung, der Staat stelle eine Art „Zentralbank für symbolischen Kredit“, für die einmal erkämpften „Wechselkurse“ dar;[22] was von deutscher Seite einmal mehr als typisch französischer und nicht verallgemeinerbarer Etatismus wahrgenommen werden konnte.

Andererseits sind gerade Bourdieus Überlegungen zum „Feld der Macht“ von der neueren empirischen Eliten-Forschung aufgenommen worden, um sich aus den oben erläuterten konzeptionellen Sackgassen zu befreien.[23] Dazu wurden u.a. die zentralen Prozesse und Konflikte um das herrschende Herrschafts- und das dominierende Legitimationsprinzip identifiziert, in denen das Feld der Macht in seinen Kräfteverhältnissen und seiner Binnenlogik sichtbar wird. An diesem Punkt dürfte es perspektivisch notwendig sein, dem politischen Kapital einen weitaus größeren Stellenwert einzuräumen, als Bourdieu es getan hat, und zwischen den unterschiedlichen Formen des kulturellen Kapitals stärker zu differenzieren.

Und schließlich gibt eine solche konzeptionelle Neuausrichtung den Anlass und die Möglichkeit, Eliten daraufhin zu untersuchen, weswegen man ihnen gesellschaftliche Bedeutsamkeit unterstellt: nämlich ihr spezifisches Handeln, also die aktive Ausübung von Eliten-Macht. Auf diese Leerstelle ist bereits aufmerksam gemacht worden.[24] Hier ist zu überlegen, inwieweit unter dem Stichwort der „Gouvernementalität“ Anschlüsse an die Überlegungen des in der deutschen Eliten-Forschung eigentlich fast vollständig abwesenden Michel Foucault möglich und notwendig sind. Unabhängig davon, ob das Handeln der Eliten als das Erbringen systemnotwendiger Funktionen gedacht wird oder als Durchsetzung von Akkumulations- und Reproduktionsinteressen: Die spezifische Art und Weise, in der Herrschafts- und Funktionsträger, also die jeweiligen „Eliten“, in Beziehung zu anderen Sozialgruppen treten, einen Konsens über die Gruppenziele herstellen und die Allokationsentscheidungen zum Erreichen dieser Ziele durchsetzen, ist von der Eliten-Forschung bislang vernachlässigt worden. Das gesamte Feld der Semantiken und Praktiken, das sich im Begriff der „Führung“ verdichtet, von der gewaltsamen Unterwerfung und dem Befehlsprinzip über paternalistische Strategien bis hin zu quasi-partizipatorischen Verfahren, bildet hier nicht nur einen lohnenden Untersuchungsgegenstand, sondern geradezu den modelltheoretischen Fluchtpunkt aller Elite-Theorien.[25]


„Herrschende Klasse“ und Elite

Die oben erwähnte, in der Literatur immer wieder vorgenommene Unterscheidung zwischen „Eliten“ und „Herrschenden Klassen“ geht letztlich auf die englische und die deutsche Übersetzung von Gaetano Moscas Grundlagenwerk zurück, dessen italienischer Titel „Elementi di scienza politica“ auf diesem Weg als „The Ruling Class“ bzw. „Die herrschende Klasse“ wiedergegeben wurde; ebenso wurde aus Moscas Zentralbegriff „classe politica“, also Politische Klasse, auf diesem Weg die Herrschende Klasse.

Die einflussreichste Abgrenzung geht wohl auf Suzanne Keller zurück, die die Klassenherrschaft der kapitalbesitzenden Bourgeoisie im 19. Jahrhundert verortete und diese von den „Strategischen Eliten“ ihrer Gegenwart historisch abgelöst sah. In dieser und zahlreichen weiteren Erörterungen stand stets der Klassencharakter politischer Herrschaft zur Diskussion. Das bevorzugte Studienobjekt war die britische bzw. die englische Gesellschaft, weil hier spätestens nach 1945 die Preisgabe von Herrschaftspositionen durch die upper class nach einer begrifflichen Bestimmung der Beziehung zwischen sozialer Differenzierung und politischer Hierarchie verlangte. Dafür schien der Elite-Begriff eine größere Präzisierung gegenüber konkurrierenden Ordnungsbegriffen zu leisten.

Der später berühmt gewordene Soziologe Anthony Giddens entwickelte 1974 zu diesem Zweck in einem immer noch maßgeblichen Sammelband ein äußerst elaboriertes Modell zur Unterscheidung von Herrschenden Klassen, Regierenden Klassen, Machteliten und Einflussgruppen, für die er den Oberbegriff Elite verwendete.[26] Elite stellt hier – anders als etwa bei Keller – einen inhaltlich offenen und damit historisch nicht festgelegten Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Macht- und Einflussgruppen dar. Eine dritte Umgangsweise mit den fraglichen Begriffen findet sich u.a. bei dem britischen Soziologen John Scott, der 1991 feststellte, dass Großbritannien von einer kapitalistischen Klasse beherrscht werde, deren Mitglieder in der Machtelite des Landes, die den Staatsapparat kontrolliere, überrepräsentiert seien. Deshalb sei es zutreffend, von einer „Herrschenden Klasse“ Großbritanniens zu sprechen.[27] Hier dient der Elite-Begriff als formales Werkzeug zum Nachweis einer Klassenherrschaft.

Demgegenüber stehen schließlich Forschungen, die zwischen „Eliten“ und „Herrschenden Klassen“ nicht grundsätzlich unterscheiden bzw. diese Begriffe weitgehend synonym verwenden.[28] Der Begriff der „Politischen Klasse“ wiederum, der bei Mosca eine organisierte, politisch herrschende Minderheit bezeichnet – das Moment der Organisiertheit war ihm offensichtlich weitaus wichtiger als das einer „Besitzklasse“ (erst recht der Besitz von Produktionsmitteln) –, verengte sich nach 1945 zusehends zur etwas abwertenden Benennung der Gruppe der Berufspolitiker*innen, um deren Abgehobenheit oder Entfremdung von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung auszudrücken.[29] Letztlich unterschlägt diese Begriffsverwendung jedoch die Tatsache, dass neben den Parteipolitiker*innen zahlreiche andere Akteursgruppen das politische Feld bevölkern, bis hin zu den Expert*innen aus Journalismus und – häufig Parteien und Politiker*innen beratenden – Politikwissenschaft, die diesen Terminus gern im Munde führen.



Trends der internationalen sozialwissenschaftlichen Eliten-Forschung

Die internationale sozialwissenschaftliche Eliten-Forschung hat sich in den letzten Jahren neben der Untersuchung der Binnenstruktur nationaler politisch-administrativer und wirtschaftlicher Machteliten[30] vor allem binnengesellschaftlicher und transnationaler Machtasymmetrien zugewandt.[31] So haben vor allem Globalisierungsprozesse zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für die Eliten des Globalen Südens geführt, ohne zugleich deren Kapazität zur Einleitung von Modernisierungsprozessen in den Vordergrund zu stellen.[32] Dabei kam vor allem anderen die Beobachtung der enorm ansteigenden Einkommen und Vermögen von Schlüsselakteuren der globalisierten Finanzmärkte und der Informationswirtschaft seit den 1990er-Jahren hinzu sowie die Verstetigung der daraus entstehenden neuen Ungleichheiten bis hin zur These einer „Refeudalisierung“ der sozialen Stratifizierung.[33]

Die Ursachen dieser in allen westlichen Gesellschaften zu beobachtenden Entwicklung werden von der neueren Literatur in einer doppelten Veränderung von Machtbalancen zwischen verschiedenen Elite-Gruppen, aber auch zwischen Eliten und Nichteliten verortet: Zum einen verschoben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Wirtschaftselite weg von den Managern der Großkonzerne hin zu den stärksten Aktionärsgruppen. Und zum anderen veränderten sowohl die Globalisierungsprozesse als auch Veränderungen in der Unternehmensorganisation die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit, in dem sich die Verhandlungsmacht der Beschäftigten zugunsten derjenigen der Wirtschaftseliten abschwächte, mit weitreichenden Folgen für die Verschärfung der sozialen Ungleichheit in vielen Gesellschaften.[34]

Folgt man der Argumentation von Olav Korsnes oder Mike Savage, so waren diese Aneignungsstrategien auch deshalb so erfolgreich, weil eine sich kritisch gebende Sozialwissenschaft das Interesse an den Eliten verloren hatte.[35] Vor dem Hintergrund der explosionsartig gestiegenen Revenuen der Wirtschaftseliten erschloss die sozialwissenschaftliche Eliten-Forschung später jedoch neue Themenfelder: Zu nennen sind hier zum einen Studien, welche die Produktion von Exklusivität untersuchen, zum anderen Arbeiten, die den Reproduktionsstrategien dieser Eliten nachgehen; zwei Felder, die sich naturgemäß überschneiden. Dabei untersuchen Forscherinnen und Forscher die Ausbildungswege der Mitglieder der Elite (häufig an Privatschulen), die „plutokratischen“ Freizeitaktivitäten und Lebensstile bis hin zur Rolle der (Ehe-)Frauen für die Soziabilität der männlichen Elite und deren biologische und soziale Reproduktion.[36] Schließlich hat auch der zunehmende Einfluss ökonomischer Machteliten auf staatliches Fiskal- und Regulierungshandeln ein neues Forschungsinteresse an diesen Gruppen geweckt.[37]

Zu den etablierten Themen der sozialwissenschaftlichen Eliten-Forschung, wie der Untersuchung der sozialen Herkunft und der Ausbildungswege und beruflichen Laufbahnen der Inhaberinnen und Inhaber von Spitzenpositionen sowie deren sozialer Kohäsion als handlungsfähiger Gruppe, sind damit neue Fragen hinzugetreten, etwa nach der Existenz und Zusammensetzung einer globalen Wirtschaftselite oder der Rolle von Eliten für die Verschärfung und Verfestigung sozialer Ungleichheiten durch Praktiken sozialer Schließung.[38] Allerdings ist der empirische Nachweis für die Existenz einer sozial kohärenten und hinreichend handlungsfähigen globalen Wirtschaftselite noch nicht erbracht, und zahlreiche Indizien sprechen dagegen; im deutschen Fall etwa die Zusammensetzung der Vorstände großer Unternehmen und die Tradition der Haus- bzw. Konzernkarrieren.[39] Hier bestehen Gemeinsamkeiten mit neueren Forschungen der vergleichenden Politischen Ökonomie, in denen das Handeln von Entscheidungseliten in den Vordergrund des Interesses gerückt ist.[40] Den Bildungs- und Karrierewegen der politischen wie der Wirtschaftseliten wird dabei eine große Bedeutung für ökonomische und soziale Trends zugeschrieben.[41] Neuere Arbeiten sprechen darüber hinaus neoliberalen Ordnungsideen eine große Wirksamkeit bei der Durchsetzung der Interessen transnational agierender Wirtschaftseliten zu.[42]



Elitenwechsel

Das Interesse am Austausch von Eliten ist der Eliten-Forschung inhärent: Von Anfang an stand im Zentrum der Elite-Theorien die Frage nach der Beziehung zwischen Eliten-Zirkulation und Regimewechseln. Allerdings hat sich schon seit dem Zweiten Weltkrieg dabei die Perspektive gewissermaßen umgekehrt: Nicht mehr von der Geschwindigkeit der Eliten-Rotation wird auf die Stabilität des politischen Systems geschlossen, sondern die Auswirkungen von Regimewechseln auf die Kohäsion von Eliten, aber auch die Bedeutung alter und neuer Eliten für einen gedeihlichen (demokratischen) Neuanfang werden untersucht. Deshalb konzentrierte sich bereits die frühe empirische Eliten-Forschung auf die neuen Eliten in Westdeutschland, aber auch im kommunistischen Russland und in China.[43] In den 1970er-Jahren dehnte sich das Untersuchungsgebiet auch deutscher Forscher*innen dann auf postkoloniale Gesellschaften und Schwellenländer aus, um den Zusammenhang zwischen (eventuell fehlenden) Eliten und den Entwicklungsmöglichkeiten und Schwierigkeiten dieser Gesellschaften zu untersuchen.[44]

Besonderes Interesse verdient in diesem Zusammenhang die Untersuchung der Herrschafts- und Funktionsträger in den staatssozialistischen Gesellschaften, vor allem der DDR. Abgesehen von den politisch-publizistisch motivierten Aussagen, die im Namen eines politisch-moralisch überhöhten Elite-Begriffs die Existenz von Eliten in der DDR grundsätzlich verneinten,[45] steht auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Zeichen der lange vorherrschenden Annahme einer grundsätzlichen Andersartigkeit von Eliten in demokratischen Gesellschaften und in Diktaturen. Nur auf den ersten Blick sind die Befunde auf der semantischen Ebene eindeutig: Die DDR wurde in der Propaganda als egalitäre Gesellschaft präsentiert, in der die „Leiter, Funktionäre, Nachwuchskräfte sowie Spezialisten“[46] als „Kader“ bezeichnet wurden. Diese Gruppen werden längst mit den etablierten Verfahren der Eliten-Forschung untersucht. Zur Diskussion stehen dabei im Wesentlichen erstens die Beziehungen zwischen der „Machtelite“ im engeren Sinne, also den Inhabern höherer Positionen im Herrschaftsapparat, und den funktional, hierarchisch, regional usw. differenzierten „Teileliten“; zweitens die Mechanismen, Milieus und Institutionen der Rekrutierung all dieser Teilgruppen im Wandel; drittens die Ursachen für die spätestens in den 1980er-Jahren offensichtlich nachlassende Integrationskraft der DDR-Führungsgruppen sowie viertens die Suche nach „Gegeneliten“ in staatssozialistischen Systemen.[47]



Erträge der deutschen Eliten-Forschung

Die empirische Untersuchung bundesdeutscher Eliten ging Ende der 1960er-Jahre für rund zwei Jahrzehnte fast unangefochten in die Hände der Politikwissenschaft über. In erster Linie ist hier auf die zwischen 1968 und 1995 erschienenen und nach den Orten ihres Entstehens benannten „Mannheimer“, „Bonner“ und „Potsdamer Elitestudien“ zu verweisen.[48] Sie zeichnen sich durch eine beeindruckende empirische Dichte aus (für die „Potsdamer Elitestudie“ wurden über 2300 Interviews mit Inhabern der – vorab auf 4000 geschätzten – „Führungspositionen der Bundesrepublik“ realisiert), die aus einem Totalerhebungsanspruch resultiert. Allerdings stellt sich bei derart groß konzipierten Unternehmungen das Problem von Aufwand und Nutzen, zumal die Leitfrage („Wer gehört zur Machtelite der Bundesrepublik“) eher schlicht und mit der Festlegung des Positionssamples eigentlich schon beantwortet war. Umstritten bleibt jedenfalls nach wie vor die soziale Offenheit des Zugangs zu wirtschaftlichen Spitzenpositionen, wie sie das Konzept der „Leistungselite“ ja unterstellt.

Die historische Eliten-Forschung hat sich in Deutschland im Wesentlichen auf die Untersuchung bürgerlicher Gruppen zwischen 1850 und 1950 konzentriert, und hier liegen auch ihre wesentlichen Erträge. Sieht man von den Sammelbänden der Ranke-Gesellschaft ab, die ebenfalls großenteils in diesen Zusammenhang fallen,[49] so standen im Wesentlichen drei Leitfragen im Vordergrund: erstens die Bedeutung bürgerlicher Funktionseliten für den „deutschen Sonderweg“, zweitens der Aufstieg und das Schicksal der jüdischen Wirtschaftselite zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus, drittens die Zusammensetzung, die Binnendifferenzierung sowie das Sozial- und Bildungsprofil der Unternehmerschaft zwischen Hochindustrialisierung und früher Bundesrepublik und viertens die Verantwortung der deutschen Eliten für den Zusammenbruch der Weimarer Republik.[50]

Auf allen drei Untersuchungsfeldern hat die Eliten-Forschung bedeutende Erträge hervorgebracht. Den Auftakt machten Mitte der 1960er-Jahre Ralf Dahrendorf und Wolfgang Zapf.[51] Dahrendorf leitete aus der Binnenstruktur und den typischen Einstellungen der deutschen Eliten nicht nur die Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte – den „Sonderweg“ – ab, der in den Nationalsozialismus mündete, sondern er sah hier auch die Ursache für die vielerorts beklagte mangelnde Liberalität der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Wolfgang Zapf lieferte mit seinen, für die empirische Eliten-Forschung wegweisenden Arbeiten die Daten zur Unterfütterung für Dahrendorfs Thesen, indem er u.a. mittels einer quantifizierenden Distanzanalyse die vergleichsweise geringe Binnenverflechtung der deutschen Eliten nachwies und daraus auf eine geringere Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Handeln, aber auch zum gesellschaftlichen Konflikt schloss, was Dahrendorf wiederum von dem berühmten „Kartell der Angst“ der westdeutschen Eliten vor Liberalisierungen reden ließ.[52]

Doch hat die historische Bürgertums-Forschung später viele dieser Thesen falsifiziert. So näherte sich – erstens – das Bürgertum des Kaiserreichs keineswegs dem Adel politisch und soziokulturell derart an, wie die frühe Sonderwegsthese unterstellt hatte (ein Befund, den die These nicht unbeschadet überstand). Die relative politische „Schwäche“ des deutschen Bürgertums ging auf die unvermeidliche Machtteilung mit dem Adel sowie auf Spezifika des Wahlrechts im Reich, in den Bundesstaaten und Kommunen zurück, aber nicht auf ein „Defizit an Bürgerlichkeit“.[53] Die Ursachen für die Bereitschaft weiter Teile des deutschen Bürgertums, obrigkeitsstaatlich-autoritäre Reglementierungen hinzunehmen sowie sich später planmäßig an der Zerstörung der Weimarer Republik und der Etablierung des nationalsozialistischen Regimes zu beteiligen, ließen sich aus der sozialen Morphologie dieser Elite-Gruppen nicht überzeugend ableiten. Im internationalen Vergleich zeigte sich überdies, wie ausgeprägt die Bereitschaft der europäischen oberen Mittelklassen war, die politische Macht mit dem Adel zu teilen und diesem auch symbolische Vorrechte zu gewähren. Hatte die Sonderwegsdebatte zunächst eine modernisierungstheroretische Perspektivierung der Bürgertumsforschung bewirkt, in der bürgerliche Eliten nach ihrer Bedeutung für die politisch-gesellschaftliche Modernisierung Deutschlands beurteilt wurden, wandte sich die Forschung später mehr den soziokulturellen Ausdrucksformen unterschiedlicher bürgerlicher Teilgruppen zu und stellte keine Eliten-Forschung im engeren Sinne mehr dar.[54].

Zweitens ist die Bedeutung der jüdischen Unternehmer für die deutsche Wirtschaft zwischen 1820 und 1935 kaum zu überschätzen (auch wenn es übertrieben sein mag, von einem „jüdischen Sektor“ innerhalb der deutschen Wirtschaft zu sprechen).[55] Sie nahm im Verlauf der Weimarer Republik und durch die Weltwirtschaftskrise zwar graduell ab, wurde jedoch erst vom Nationalsozialismus ausgelöscht. Vieles spricht für die Annahme, dass die jüdischen Unternehmer besser mit dem jüdischen Teil des Bildungsbürgertums vernetzt waren als mit ihren nichtjüdischen Berufskollegen.[56]

Drittens schließlich zeigt sich gerade bei längerfristiger Betrachtung der Unternehmerschaft deren außerordentliche soziale Stabilität, vor allem hinsichtlich ihrer exklusiven Rekrutierung und ihrer Fähigkeit, Regimewechsel zu überstehen. Bereits im Kaiserreich schritt nicht nur ihre Akademisierung zügig voran, sondern auch die korporative Vernetzung ihrer Spitzengruppe in einem dichten Geflecht von Aufsichtsratsmandaten, das später als ein zentraler Bestandteil des „rheinischen Kapitalismus“ identifiziert wurde.[57] Viertens hatte in den späten 1970er- und 1980er-Jahren eine intensive Debatte über die Verantwortung der deutschen Eliten für die Zerstörung der Weimarer Republik und die Machtübernahme Hitlers stattgefunden. Diese Kontroverse förderte zahlreiche neue Befunde über das Agieren vor allem wirtschaftlicher, aber auch politisch-administrativer Eliten während der Spätphase der Weimarer Republik zutage.[58]

Mit aller Vorsicht lässt sich aus der Rückschau festhalten, dass marxistische Historiker die jeweilige Einheit der Teileliten betonten, während nichtmarxistische Historiker wie Ian Kershaw „die These der fragmentierten Eliten bestätigt“ sahen: „Nicht Geschlossenheit, sondern Fragmentierung, nicht Stärke, sondern Schwäche kennzeichnete die deutschen Eliten während der Staatskrise. Die Fragmentierung steht im Kontrast zu den relativ geschlossenen Eliten Großbritanniens und Frankreichs, wo Regierungsinstabilität – chronisch in Frankreich – zu keiner eigentlichen Staatskrise führte und wo die Eliten schließlich hinter einer konservativen Lösung standen. Die Unfähigkeit der deutschen Elite, eine lebensfähige autoritäre Lösung zu schaffen, stellte die Bedingung dar, in der Hitler als Verlegenheitslösung an die Macht gebracht werden konnte.“[59]


Teilnehmer der „Konferenz der nationalen Opposition“ der „Harzburger Front“ am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg: Rüdiger von der Goltz (1865-1946, in Zivil, Graf, General im Ersten Weltkrieg), Franz Seldte (1882-1947, 1. Bundesführer des Stahlhelms, später Reichsarbeitsminister), Theodor Duesterberg (1875-1950, 2. Bundesführer des Stahlhelms), Siegfried Wagner (1881-1944, Bundeskanzler des Stahlhelms), Alfred Hugenberg (1865-1951, in Zivil, Medienunternehmer, Führer der DNVP), Prinz Eitel Friedrich von Preußen (1883-1942, zweiter Sohn von Kaiser Wilhelm II.), Otto Schmidt-Hannover (1888-1971, Reichstagsabgeordneter und letzter Fraktionsvorsitzender der DNVP). Fotograf: unbekannt. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gr%C3%BCndung_der_Harzburger_Front._Bad_Harzburg_1931-10-11_R._von_der_Goltz,_F._Seldte,_Th._Duesterberg,_S._Wagner,_A._Hugenberg,_Prince_Eitel_Friedrich,_O._Schmidt-Hannover_Narodowe_Archiwum_Cyfrowe_3_1_0_17_12230_2_1_33586_Public_domain.jpg?uselang=de Wikimedia Commons], Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en CC BY-SA 4.0]
Teilnehmer der „Konferenz der nationalen Opposition“ der „Harzburger Front“ am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg: Rüdiger von der Goltz (1865-1946, in Zivil, Graf, General im Ersten Weltkrieg), Franz Seldte (1882-1947, 1. Bundesführer des Stahlhelms, später Reichsarbeitsminister), Theodor Duesterberg (1875-1950, 2. Bundesführer des Stahlhelms), Siegfried Wagner (1881-1944, Bundeskanzler des Stahlhelms), Alfred Hugenberg (1865-1951, in Zivil, Medienunternehmer, Führer der DNVP), Prinz Eitel Friedrich von Preußen (1883-1942, zweiter Sohn von Kaiser Wilhelm II.), Otto Schmidt-Hannover (1888-1971, Reichstagsabgeordneter und letzter Fraktionsvorsitzender der DNVP). Fotograf: unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0


Dieses sicher nicht ganz falsche Bild der deutschen Eliten, die aus Uneinigkeit und Schwäche nicht einmal zu einem bonapartistischen Klassenkompromiss in der Lage waren, hat sich dann in der Forschung durchgesetzt.[60] Allerdings ist es nicht unproblematisch, hier von „Eliten“ zu sprechen, die am Werk gewesen sein sollen, gerade weil am Ende der Weimarer Republik ein extrem kleiner Machtzirkel über deren Geschicke bestimmte: Weitaus plausibler erscheint deshalb der heuristische Wert des Elite-Begriffs für die Geschichte der Unterminierung und Delegitimierung der ersten deutschen Demokratie während der 1920er-Jahre.

Hier bestehen Berührungen mit der zeithistorischen Adelsforschung, die vor allem die vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und auch soziokulturellen Strategien des Statuserhalts untersucht. Deutlicher als die Bürgertumsforschung versteht sich die Adelsforschung als Eliten-Forschung, was auch im Titel der maßgeblichen Buchreihe zum Ausdruck kommt: „Elitenwandel in der Moderne“.[61] Den Schlüssel zum erfolgreichen Statuserhalt hat die neuere Forschung unter anderem im rigorosen Bemühen adeliger Familien beziehungsweise Familienverbände ausgemacht, „oben“ zu bleiben. „Oben-bleiben“-Wollen wurde so als Kernbestandteil von „Adeligkeit“ in der Moderne ausgemacht. Derartige Strategien des Statuserhalts waren auch in anderen westeuropäischen Gesellschaften erfolgreich.[62] Zu Recht hat die neuere Adelsforschung dabei gerade den Zusammenhang zwischen Elitevorstellungen und einer gewünschten autoritären Transformation der politisch-sozialen Ordnung hervorgehoben.[63] Studien zu verschiedenen europäischen Gesellschaften haben diesen Zusammenhang bestätigt.[64] Das aktuelle politische und juristische Interesse an einem besonderen Ausschnitt der Adelsgeschichte, genauer, einem der einstmals regierenden Häuser, verdankt sich dessen Beitrag zum Aufstieg des Nationalsozialismus.[65]

Nahezu alle hier diskutierten Studien bezeichneten die in Frage stehenden Gruppen mehr oder weniger explizit als Funktionseliten, erforschten dann aus untersuchungspragmatischen Gründen jedoch Positionseliten, wobei die Positionen vorab festgelegt worden waren,[66] obwohl bekanntlich eine derartige Gleichsetzung nicht unproblematisch ist.[67] Diese Vorgehensweise ist durchaus typisch für die historische Eliten-Forschung und ebenso den Schwierigkeiten der Quellenüberlieferung wie dem geringen Interesse der Historiker*innen an methodologischen Erörterungen geschuldet. Andererseits wurde in diesen Untersuchungen ein weitaus schärferer Blick auf die konkreten Handlungsspielräume der Akteure (gegenüber dem Adel; in einem judenfeindlichen Umfeld; in verschachtelten Konzernen und Aufsichtsratsnetzwerken) geworfen, als es bislang in den sozialwissenschaftlichen Studien der Fall war.

Die Aufgabe der Zukunft dürfte darin liegen, diese Perspektive mit den Ansätzen der „kritischen“ Eliten-Forschung zu kombinieren und auf diese Weise die Reproduktion und Ausübung sozialer Macht und die Beziehungen zwischen sozialer Differenzierung und politischer Hierarchie differenzierter und synthesefähiger zugleich zu analysieren.


Empfohlene Literatur zum Thema

Pierre Bourdieu, Der Staatsadel, Konstanz 2004

Mattei Dogan (Hrsg.), Elite Configurations at the Apex of Power, Leiden 2003

Olav Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies, London 2018

Harold Perkin, The Third Revolution: Professional Elites in the Modern World, London 1996

Morten Reitmayer, Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik, München 2009

Mike Savage/Karel Williams (Hrsg.), Remembering Elites, New York 2008

John Scott, Who Rules Britain?, Cambridge (MA) 1991

Philip Stanworth/Anthony Giddens (Hrsg.), Elites and Power in British Society, London 1974

Zitation
Morten Reitmayer, Eliten, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.2.2022, URL: http://docupedia.de/zg/Reitmayer_eliten_v2_de_2022

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  1. Der Begriff „Akteure“ wird hier und im Folgenden in seiner männlichen Form belassen, da er sich, wenn nicht anders bezeichnet, auf Institutionen und Gruppen bezieht.
  2. Morten Reitmayer, Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik, München 2009.
  3. Gaetano Mosca, Elementi di scienza politica, Turin 1923; ders., The Ruling Class. Elementi di scienza politica, New York 1939; ders., Die herrschende Klasse. Grundlagen der politischen Wissenschaft, Bern 1950; James H. Meisel, Der Mythus der herrschenden Klasse. Gaetano Mosca und die „Elite“, Düsseldorf 1962; Vilfredo Pareto, Allgemeine Soziologie. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Carl Brinkmann, Tübingen 1955.
  4. Pareto, Allgemeine Soziologie, § 2027, § 2031.
  5. Karl Mannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus, Leiden 1935; erweiterte Ausgabe Darmstadt ²1958.
  6. Otto Stammer, Das Elitenproblem in der Demokratie, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 71 (1951), S. 513-540.
  7. Hans Peter Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962, S. 93, 71.
  8. AGIL steht für „Adaption, Goal Attainment, Integration, Latent Pattern Maintenance“ als den vier Grundfunktionen, die ein jedes System zu seiner Selbsterhaltung benötigt.
  9. Suzanne Keller, Beyond the Ruling Class. Strategic Elites in Modern Society, New York 1963, S. 3-28.
  10. Harold Lasswell/Daniel Lerner (Hrsg.), World Revolutionary Elites. Studies in Coercive Ideological Movements, Cambridge 1966; Karl Deutsch/Lewis Edinger, Germany Rejoins the Powers. Mass Opinion, Interest Groups and Elites in Contemporary German Foreign Policy, Stanford 1959; Hans Speier/W. Phillips Davison (Hrsg.), West German Leadership and Foreign Policy, Evanston 1957.
  11. Als deutschsprachiger Überblick: Hans-Jörg Siewert, Lokale Elitesysteme. Ein Beitrag zur Theoriediskussion in der Community-Power-Forschung und ein Versuch zur empirischen Überprüfung, Meisenheim 1979; Paul Drewe, Techniken zur Identifizierung lokaler Eliten, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 19 (1967), S. 721-735.
  12. C. Wright Mills, Die amerikanische Elite. Gesellschaft und Macht in den Vereinigten Staaten, Hamburg 1962, S. 294-298.
  13. Mills, Elite, S. 16, auch für das Folgende.
  14. Mills, Elite, S. 322.
  15. Mills, Elite, S. 325.
  16. Vgl. Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965, S. 294; Klaus vom Beyme, Die politische Elite in der Bundesrepublik Deutschland, München 1971, S. 194-215.
  17. Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt a.M. 2002.
  18. Hartmann, Mythos, S. 394.
  19. Gerade aus der „Elite-Forschung“ ist Bourdieu dafür kritisiert worden, etwa von Michael Hartmann, Elitesoziologie. Eine Einführung, Frankfurt a.M. 2004, S. 105-107; aus der Perspektive der Kritischen Theorie apodiktisch und weitgehend verständnislos: Christian Oswald, Rezension zu: Bourdieu, Pierre: Der Staatsadel. Konstanz 2004, in: H-Soz-u-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-038 [15.02.2022].
  20. Pierre Bourdieu, Das Feld der Macht und die bürokratische Herrschaft, in: ders., Die Intellektuellen und die Macht, Hamburg 1991, S. 67-100.
  21. Pierre Bourdieu, Der Staatsadel, Konstanz 2004; ders., Das religiöse Feld. Texte zur Ökonomie des Heilsgeschehens, Konstanz 2000; ders., Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt a.M. 1999; ders., Homo academicus, Frankfurt a.M. 1988; ders., Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur, Konstanz 2007; ders. u.a., Titel und Stelle. Über die Reproduktion sozialer Macht, Frankfurt a.M. 1981.
  22. Bourdieu, Das Feld der Macht und die bürokratische Herrschaft, S. 99.
  23. Vgl. etwa die Beiträge in Olav Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies, London 2018.
  24. Vgl. Johan Heilbron u.a., Introduction, in: Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies, S. 4-5.
  25. Tagungsbericht: Menschenführung im 20. Jahrhundert. Konzepte, Semantiken und Praktiken, 13.10.2017-14.10.2017 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 24.03.2018, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7629 [15.02.2022].
  26. Anthony Giddens, Elites in the British Class Structure, in: Philip Stanworth/Anthony Giddens (Hrsg.), Elites and Power in British Society, Cambridge 1974, S. 1-22.
  27. John Scott, Who Rules Britain?, Cambridge 1991.
  28. Vgl. Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt a.M. 2007.
  29. Vgl. Klaus von Beyme, Die politische Klasse im Parteienstaat, Frankfurt a. M. 1993; Hilke Rebenstorf, Die politische Klasse. Zur Entwicklung und Reproduktion einer Funktionselite, Frankfurt a.M. 1995.
  30. Vgl. Mattei Dogan (Hrsg.), Elite Configurations at the Apex of Power, Leiden 2003.
  31. Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies. Vgl. allgemein Morten Reitmayer, „It Is Possible to Get Away with an Awful Lot If You Can Convince the People That You Don’t Actually Exist“. Zum gegenwärtigen Stand der Eliten-Forschung, in: Archiv für Sozialgeschichte 61 (2021), S. 51-76.
  32. Vgl. Chris Shore/Stephen Nugent (Hrsg.), Elite Cultures. Anthropological Perspectives, London 2002.
  33. Vgl. Julie Froud/Mike Savage/Gindo Tampubolon u.a., Rethinking Elite Research, CRESC Working Paper Series, Working Paper No. 12 (2006), https://foundationaleconomycom.files.wordpress.com/2017/01/wp12.pdf [15.02.2022]; Sighard Neckel, „Refeudalisierung“ – Systematik und Aktualität eines Begriffs der Habermas’schen Gesellschaftsanalyse, in: Leviathan 41 (2013), S. 39 -56.
  34. Vgl. Vivien A. Schmidt, The Futures of European Capitalism, Oxford/New York 2002.
  35. Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies; Mike Savage/Karel Williams (Hrsg.), Remembering Elites, Oxford 2008.
  36. Siehe Lauren A. Rivera, Pedigree. How Elite Students get Elite Jobs, Princeton/Oxford 2016; David Rothkopf, Superclass. The Global Power Elite and the World they Are Making, New York 2009; Andrew Adonis/Stephen Pollard, A Class Act. The Myth of Britain’s Classless Society, London 1997; Ashley Mears, Girls as Elite Distinction. The Appropriation of Bodily Capital, in: Poetics 53 (2015), S.  22 -37; Luna Glucksberg, Gendering the Elites. An Ethnographic Approach to Elite Women’s Lives and the Reproduction of Inequality, in: Korsnes u.a. (Hrsg.), New Directions in Elite Studies, S. 227 -243; Maren Toft/Magne Flemmen, The Gendered Reproduction of the Upper Class, in: ebd., S. 113-132.
  37. Vgl. Savage/Williams (Hrsg.), Remembering Elites.
  38. Siehe Leslie Sklair, The Transnational Capitalist Class, Oxford 2001; Friederike Sattler/Christoph Boyer (Hrsg.), European Economic Elites, Berlin 2009.
  39. Vgl. Michael Hartmann, Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende, Frankfurt a.M. 2016; Saskia Freye, Führungswechsel. Die Wirtschaftselite und das Ende der Deutschland AG, Frankfurt a.M. 2009; Michael Faust, Karrieremuster von Führungskräften der Wirtschaft im Wandel – Der Fall Deutschland in vergleichender Perspektive, in: SOFI-Mitteilungen, 2002, Nr. 30, S. 69- 90, https://sofi.uni-goettingen.de/fileadmin/SOFI-Mitteilungen/Nr._30/faust.pdf [15.02.2022].
  40. Paul Windolf, Corporate Networks in Europe and the United States, Oxford 2002; Vivien A. Schmidt, From State to Market? The Transformation of French business and government, Cambridge 1996; klassisch: Douglas E. Ashford, Policy and Politics in Britain. The Limits of Consensus, Oxford 1981; ders., Policy and Politics in France. Living with Uncertainty, Philadelphia 1982; Peter J. Katzenstein, Policy and Politics in West Germany. The Growth of a Semisovereign State, Philadelphia 1987.
  41. Vgl. Christel Lane, Industry and Society in Europe. Stability and Change in Britain, Germany and France, Aldershot 1995.
  42. Siehe Schmidt, The Futures of European Capitalism.
  43. Hans Speier/W. Phillips Davison (Hrsg.), West German Leadership and Foreign Policy, Evanston 1957; Karl W. Deutsch/Lewis J. Edinger, Germany Rejoins the Powers. Mass Opinion, Interest Groups and Elites in Contemporary German Foreign Policy, Stanford 1959; Harold D. Lasswell/Daniel Lerner, World Revolutionary Elites. Studies in Coercive Ideological Movements, Cambridge 1965.
  44. Exemplarisch: Günter Endruweit, Elite und Entwicklung. Theorie und Empirie zum Einfluss von Eliten auf Entwicklungsprozesse, Frankfurt a.M. 1986.
  45. Vgl. Reitmayer, Elite, bes. S. 170-182.
  46. Zit. nach: Jens Gieseke, „Genossen erster Kategorie“. Die hauptamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit als Elite, in: Peter Hübner (Hrsg.), Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 201-240, hier S. 207, online unter https://www.zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/925/file/gieseke_mitarbeiter_staatssicherheit_elite_1999_de.pdf [15.02.2022].
  47. Vgl. Arnd Bauerkämper/Jürgen Danyel/Peter Hübner , „Funktionäre des schaffenden Volkes“? Die Führungsgruppen der DDR als Forschungsproblem, in: Arnd Bauerkämper/Jürgen Danyel/Peter Hübner/Sabine Roß (Hrsg.), Gesellschaft ohne Eliten? Führungsgruppen in der DDR, Berlin 1997, S. 11-86.
  48. Vgl. u.a. folgende Veröffentlichungen: Edo Enke, Oberschicht und politisches System der Bundesrepublik Deutschland, Bern 1974; Ursula Hoffmann-Lange, Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen 1992; Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf (Hrsg.), Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997.
  49. Beispielsweise: Hanns Hubert Hofmann/Günther Franz (Hrsg.), Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit. Eine Zwischenbilanz, Boppard 1980.
  50. Siehe Jürgen Kocka (Hrsg.), Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Göttingen 1987; ders. (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, 3 Bde., München 1988; Hartmut Kaelble, Wie feudal waren die deutschen Unternehmer im Kaiserreich? Ein Zwischenbericht, in: Richard H. Tilly (Hrsg.), Beiträge zur quantitativen vergleichenden Unternehmensgeschichte, Stuttgart 1985, S. 148-174, online unter https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/34074 [15.02.2022]; Dolores L. Augustine, Patricians and Parvenus. Wealth and High Society in Wilhelmine Germany, Oxford 1994; Morten Reitmayer, Bankiers im Kaiserreich. Sozialprofil und Habitus der deutschen Hochfinanz, Göttingen 2000; Werner E. Mosse, Jews in the German Economy. The German-Jewish Economic Elite 1820-1935, Oxford 1987; ders., The German-Jewish Economic Elite 1820-1935. A Socio-Cultural Profile, Oxford 1989; Martin Münzel, Die jüdischen Mitglieder der deutschen Wirtschaftselite 1927-1955. Verdrängung – Emigration – Rückkehr, Paderborn 2006; Hartmut Kaelble/Hasso Spode, Sozialstruktur und Lebensweisen deutscher Unternehmer 1907-1927, in: Scripta Mercaturae 24 (1990), S. 132-179; Volker R. Berghahn u.a. (Hrsg.), Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Kontinuität und Mentalität, Essen 2003; Paul Erker, Industrieeliten in der NS-Zeit. Anpassungsbereitschaft und Eigeninteresse von Unternehmern in der Rüstungs- und Kriegswirtschaft 1936-1945, Passau 1993.
  51. Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie; Wolfgang Zapf, Wandlungen der deutschen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungsgruppen 1919-1961, München 1965.
  52. Ralf Dahrendorf, Das Kartell der Angst, in: Merkur 19 (1965), S. 803-815.
  53. Jürgen Kocka, Bürgertum und Bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Europäische Entwicklungen und deutsche Eigenarten, in: ders. (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert, Bd. 1, S. 11-76, hier S. 58.
  54. Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hrsg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005; Gunilla Budde, Blütezeit des Bürgertums. Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Darmstadt 2009; Gunilla Budde/Eckart Conze/Cornelia Rauh (Hrsg.), Bürgertum nach dem bürgerlichen Zeitalter. Leitbilder und Praxis seit 1945, Göttingen 2010; Manfred Hettling/Richard Pohle (Hrsg.), Bürgertum. Bilanzen – Perspektiven – Begriffe, Göttingen 2019.
  55. Vgl. Mosse, Jews in the German Economy, S. 403.
  56. Mosse, Jews in the German Economy; ders., The German-Jewish Economic Elite; Münzel, Die jüdischen Mitglieder der deutschen Wirtschaftselite.
  57. Ralf Ahrens/Boris Gehlen/Alfred Reckendrees (Hrsg.), Die „Deutschland AG“. Historische Annäherungen an den bundesdeutschen Kapitalismus, Essen 2013; Christian Marx/Morten Reitmayer (Hrsg.), Rhenish Capitalism. New Insights from a Business History Perspective, London 2022.
  58. Siehe Dirk Stegmann, Kapitalismus und Faschismus in Deutschland 1929 -1934, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, 1976, Nr. 6, S. 19- 75; ders., Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930 - 1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sogenannten Machtergreifung, in: Archiv für Sozialgeschichte 13 (1973), S.  399 -482, online unter http://library.fes.de/jportal/receive/jportal_jparticle_00011608 [15.02.2022]; Henry A. Turner, Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Berlin 1985; Heinrich August Winkler (Hrsg.), Die deutsche Staatskrise 1930 -1933. Handlungsspielräume und Alternativen, München 1992 (dort auch die zeitgenössische DDR-Literatur), online unter https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110446609/html? [15.02.2022]; Reinhard Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP 1930 -1933, Göttingen 1981; Dieter Gessner, Agrardepression und Präsidialregierungen in Deutschland 1930- 1933. Probleme des Agrarprotektionismus am Ende der Weimarer Republik, Düsseldorf 1977.
  59. Ian Kershaw, (Diskussionsbeitrag), in: Winkler, Die deutsche Staatskrise 1930 -1933, S.  261.
  60. Vgl. etwa Dieter Gessner, Die Weimarer Republik, Darmstadt 2005 (zuerst 2002); Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014.
  61. In der Reihe sind mittlerweile 24 Bände erschienen (Stand: Februar 2022); die Herausgeber sind Gabriele Clemens, Dietlind Hüchtker, Martin Kohlrausch, Stephan Malinowski und Malte Rolf, https://www.degruyter.com/serial/ew-b/html [15.02.2022].
  62. Vgl. David Cannadine, The Decline and Fall of the British Aristocracy, New Haven 1990.
  63. Vgl. Eckart Conze/Monika Wienfort (Hrsg.), Adel und Moderne. Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln/Weimar 2004; Heinz Reif (Hrsg.), Adel und Bürgertum in Deutschland, Bd. 2: Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert, Berlin 2001.
  64. Vgl. Yme Kuiper/Nikolaj Bijleveld/Jaap Dronkers (Hrsg.), Nobilities in Europe in the Twentieth Century. Reconversion Strategies, Memory Culture and Elite Formation, Leuven 2015.
  65. Vgl. Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus, Berlin 2003, sowie die Beiträge in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ mit dem Titel „Die Hohenzollern – Von der Gegenwart einer monarchischen Vergangenheit“, hg. v. Marcus Funck, ZfG 68 (2020), H. 4.
  66. Vgl. einschlägig: Dieter Ziegler, Kontinuität und Diskontinuität der deutschen Wirtschaftselite 1900 bis 1938, in: ders. (Hrsg.), Großbürger und Unternehmer. Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 31-53, hier S. 35-39.
  67. Vgl. Günter Endruweit, Elitebegriffe in den Sozialwissenschaften, in: Zeitschrift für Politik, NF 26 (1979), S. 30-46, hier S. 41-45; Drewe, Techniken zur Identifizierung lokaler Eliten.